„Das ist nicht wahr, Arranges. Ich habe genau gehört, was gesagt wurde“, entgegnete sie mit ruhiger Stimme und schüttelte hilflos den Kopf. „Trotzdem... danke. Aber das wird nicht ewig funktionieren, das wißt Ihr auch.“

Erynn ließ sich wieder zurücksinken. Eigentlich war sie froh darüber, daß der Kaiserliche sich bemühte, ihre Unterschrift herauszuzögern. Auf der anderen Seite konnte sie das beide nur allzu schnell in Teufels Küche bringen. Gerade jetzt, wo sich die Gathering in einer Situation befand, für die es keinen Präzedenzfall gab und alle ohnehin schon reichlich nervös waren. Aus den Worten des Botschafters war zu entnehmen gewesen, daß die Großmeister die Zügel anzogen und die ganze Versammlung ziemlich nachdrücklich auf Linie brachten. Oder zumindest den größten Teil davon. Warum bleibt die Meisterin Marie trotz der Konsequenzen neutral? Sie traute dieser Frau nicht, selbst wenn sie, wie Erynn nur zufällig erfahren hatte, Dreveni gar nicht zu ihnen geschickt hatte. Immer wieder tauchte dieser Name auf, und meistens war er verbunden mit Ärger. Mal als Lehrerin Torrahs, dann wieder in vereinzelten, hingeworfenen Bemerkungen von Arranges, der sie als selbst für seine Maßstäbe abartig beschrieb. ... und jetzt diese Sache. Woher nimmt sie die Kaltblütigkeit, sich gegen die Räson zu stellen? Wenn ein Herrschender solche Verhaltensregeln ausgibt, ist das ein ziemlich sicheres Indiz dafür, daß er Angst hat... und sie stellt sich erhobenen Hauptes hin und verkündet ihre Neutralität? Irgendwas stimmt da doch ganz und gar nicht.
Tatsächlich wunderte sich Erynn ein wenig über die Heftigkeit, mit der dieser ganze Verein reagierte. Es stimmte wohl, daß man die drei Meister nicht ohne weiteres aus dem Weg räumen konnte, sonst hätte garantiert niemand so ein Theater veranstaltet, wie es jetzt gerade der Fall war. Allerdings konnten dann auch die Abtrünnigen nicht einfach die Führungsriege der Gathering beseitigen. Alles in allem sah es eher nach einem Patt aus. Es ist ein Kampf um die Deutungshoheit, vermutete sie. Wer weiß schon, was diese drei Meister vorhaben. Vielleicht vertreten sie nur Thesen, die man bei den Linientreuen nicht akzeptieren will – weil nicht sein kann, was nicht sein darf: Sie fürchten sich weniger vor den Meistern selber, als vor dem Verlust ihrer Autorität... es gibt einen verwundbaren Punkt in diesem Geflecht. Und das führt mich wieder zu Meisterin Marie. Vielleicht kennt sie diese Thesen. Was ist, wenn sie gar mit den Abtrünnigen sympathisiert? Sie zog die Augenbrauen zusammen. Aber wäre sie wirklich so dumm, sich dann öffentlich gegen die Vorgaben zu stellen?

Die Elfin richtete sich wieder auf. An Schlaf war nicht mehr zu denken. „Wißt Ihr, warum sich diese drei Meister gegen die Gathering gewandt haben? Ich meine, wenn das zuvor noch nie in dem Ausmaß geschehen und zudem bekannt ist, wie man dort mit Abweichlern verfährt... dann muß es einen verdammt guten Grund dafür geben.“ Sie teilte Arranges ihre Überlegungen mit, einschließlich derer, die Marie betrafen.
„Angesichts der Macht, die alle Beteiligten besitzen, konnte sich die ganze Sache schnell zu einem Krieg ausweiten, der ganz Tamriel erschüttern mag, wenn es nicht gelingt, die Abtrünnigen zu vernichten. Der unheimlich Kerl vorhin sagte, daß man sich auch noch gar nicht einig sei, wie diese drei überhaupt aus dem Weg geschafft werden können...“ Sie stützte das Kinn in ihre Hände. „Wenn die Sache aus dem Ruder läuft, sind die Folgen unabsehbar“, schloß sie und sah zu dem Beschwörer auf. „Und jetzt bitte: Sagt mir, daß ich mir gerade nur einen gewaltigen Haufen Mist zusammenspinne.“