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Fossil
Nach wenigen Augenblicken hatte sie sich orientiert. Die beiden Skelette beschäftigten den zweiten Wegelagerer, Arranges hatte den Zauberweber offenbar unter Kontrolle. In keinen der Kämpfe mußte sie eingreifen, vermutlich hätte sie mehr im Weg gestanden, als daß sie nützlich gewesen wäre. Ihr Blick wanderte wieder zu dem Kämpfer, der sich noch immer stöhnend am Boden wälzte. Es ersparte ihr mit ansehen zu müssen, auf welch grauenvolle Weise der Magier starb.
Was jetzt? Er ist besiegt, soll ich ihn jetzt etwa einfach abstechen? Sie zögerte, erinnerte sich wieder an die Szene im Goblinbau. Sterben wird er so oder so. Aber wenn ich das dem Kaiserlichen überlasse, gibt es das reinste Schlachtfest... verdammt!
Erynn sah wieder zu den Untoten auf, die den anderen Banditen jetzt heftiger bedrängten, ihn Schritt um Schritt zurückdrängten und schließlich in die Zange nahmen. Es dauerte nicht mehr lange. Nach vielleicht zwanzig Herzschlägen brach der Krieger leblos zusammen. Die Skelette wurden daraufhin praktisch reglos, standen schweigend über der Leiche, die leeren Augenhöhlen starrten ins Nichts. Sie erschauerte, zwang sich aber, den Blick nicht abzuwenden. Es war nicht so sehr das Fehlen von Haut und Fleisch, das sie erschreckte, sondern vielmehr die augenscheinliche Ergebenheit, mit der sich die Toten in ihr Schicksal als Dienerkreaturen fügten. Sklaven ihres Meisters über den Tod hinaus. Hofften sie auf Erlösung? Auf ewige, ungestörte Ruhe? Hofften sie darauf, endlich frei zu sein, oder waren sie längst jenseits all dessen? Hatten sie überhaupt Empfindungen, oder waren die Knochen einfach nur unbeseeltes Gebein, nur durch die Magie des Beschwörers dazu befähigt, sich wieder zu regen? Wie sie es auch betrachtete, es fühlte sich... falsch an. Doch einmal auf diesen Pfad gesetzt, wanderten ihre Gedanken weiter, gegen ihren Willen, zupften Fäden aus dem Gewebe der Weltanschauung, die ihr seit einem halben Jahrhundert eingetrichtert worden war. Was, wenn sie wirklich keine Seele haben? Wenn sie einfach nur Werkzeuge sind, so wie ich die Knochen eines Tieres zu einem Messergriff oder einem Angelhaken schnitze... Sie schüttelte sich. Nein. Es ist und bleibt falsch! Letzte Zweifel aber blieben.
Um sich abzulenken, bewegte sie vorsichtig prüfend ihre linke Schulter. Es tat weh, war aber nicht unmöglich. Mehr als eine Prellung schien sie nicht davongetragen zu haben.
Arranges kam von der Ruine aus auf sie zu. Es war also so weit. Sie mußte ihre Entscheidung treffen, und zwar unverzüglich. Steif ging sie die paar Schritte zu dem letzten noch lebenden Gegner herüber, der mittlerweile damit begonnen hatte, sich kriechend in Sicherheit zu bringen. Mit einem Tritt beförderte sie ihn auf den Rücken, legte die Schwertspitze an sein Kinn und zwang ihn dazu, sie anzusehen. Wenn sie das schon tun mußte, würde sie es richtig machen. Sie würde ihm dabei in die Augen sehen.
Das, was unter dem Stahlhelm von seinem Gesicht zu erkennen war, war eine verzerrte Fratze aus Schmerz, Wut und Furcht. Erynn verschloß die Ohren vor seinem leisen Flehen um Gnade und stützte sich mit ihrem ganzen Gewicht auf den Griff ihres Schwertes.
Sie spürte kaum einen Widerstand. Es ging ganz leicht.
Langsam zog sie die Klinge zurück, wischte sie an ihrem Stiefel leidlich sauber und steckte sie weg. Dann wandte sie sich ab und ging zum Ufer herunter, um die Pferde einzufangen. Falchion tänzelte nervös schnaubend an der Wasserlinie entlang. Er lahmte auf dem Fuß, wo ihn der Frostzauber getroffen hatte. Der Rotfuchs hingegen stand reglos und schaute sie mit hoch erhobenem Kopf und aufgestellten Ohren wachsam an. „Ich bin mir sicher, für dich ist das alles nichts Neues“, murmelte sie, als sie dem Roten den Hals tätschelte und dann nach seinen Zügeln griff. Sie führte ihn zu ihrem Wallach hinüber, der sich durch die Nähe des anderen Pferdes langsam aber sicher beruhigte, dann kehrte sie mit beiden Tieren am Zügel zu Arranges zurück.
„Weiter nach Norden also“, sagte sie, als sie ihm den Fuchs übergab. „Ich werde Falchion führen müssen. Er lahmt.“
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