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Fossil
Erynn war Arranges im Stillen dankbar, als er das Thema endlich fallen ließ. Das Gespräch hatte sie fast noch mehr erschöpft als der lange Fußmarsch die Küste entlang. Der Kaiserliche sprach so selbstsicher und voller Überzeugung, daß es sie verunsicherte. War sie wirklich so weltfremd? Sie, die bodenständige, praktisch veranlagte Erynn... ein verträumtes Kind, das die Welt in zu weichen Linien zeichnete und die Augen vor den bitteren Realitäten verschloß? Das wäre ihr zuvor nie in den Sinn gekommen. Muß ich mir jetzt die Welt von einem durchgeistigten Bücherwurm erklären lassen, der lieber irgendwelche Gerippe in den Kampf vorschickt, anstatt ehrlich Mann gegen Mann zu kämpfen, fragte sie sich mit einem Anflug von Rebellion. Zugegeben, ein verflucht zäher Bücherwurm, aber trotzdem...
Dennoch: Die Art des Beschwörers, der nun schon wieder für so lange Zeit ihr einziger Begleiter war, zermürbte langsam aber sicher ihr freundliches, fröhliches Wesen. Wäre es doch so viel leichter, all die Ideale, an die sie sich klammerte, einfach fahren zu lassen und sich seinen Ansichten zu beugen. Vielleicht würden dann auch die ständigen Demütigungen ein Ende haben, diese Blicke von oben herab, die gemeinen Kommentare, wenn sie wieder etwas sagte oder tat, das in der Lebenswelt des Kaiserlichen keinen Platz hatte. Warum einen Krieg führen, den sie nicht gewinnen konnte, jetzt, da ihr Weg auf eine Weise vorgezeichnet schien, die alles woran sie glaubte zerschmettern würde. Allein durch ihre Gutgläubigkeit hatte sie sich in die Fänge einer Organisation begeben, deren ganze Macht und Ausmaße sie nicht einmal erahnen konnte. In dieser Hinsicht hatte Arranges mit seiner Einstellung sogar Recht behalten. Vielleicht konnte er sie auch tatsächlich einige Zeit vor dem Rest der Gathering abschirmen, aber für wie lange? Dreißig Jahre? Vierzig vielleicht? Sie würde noch immer eine junge Frau sein, wenn Alter, Krankheit oder der Dolch eines Rivalen sein Leben fordern würde.
Vielleicht sollte ich wirklich all das nehmen, von dem ich glaube, daß es mich ausmacht, und irgendwo wegsperren. Es tief vergraben... Sie hielt in ihren Gedanken inne. Und damit den gleichen Fehler begehen wie der Nekromant? Langsam davon zerrissen werden und jedesmal die Kontrolle verlieren, wenn jemand daran kratzt? Das konnte nicht die Lösung sein. Sie würde einen anderen Weg finden müssen. Irgendwie.
Erynn schaute zu ihrem Pferd herüber. Der Wallach schonte noch immer das rechte Hinterbein. Dort, wo ihn der Zauber kurz über dem Sprunggelenk getroffen hatte, war die Haut aufgeplatzt und hatte unterwegs immer wieder angefangen zu bluten. Das Gewebe in dem Bereich sah irgendwie ungesund aus, als wäre es erfroren. Vielleicht würde sie es morgen wegschneiden müssen, und sie hatte keine Ahnung, wie tief die Wirkung des frostigen Geschosses gehen mochte. Morgen... möglicherweise hat der Beschwörer auch noch eine Idee dazu. Sie stand noch einmal auf und legte Falchion eine Decke über, dann verzog sie sich wieder unter den Findling. Schlafen konnte sie lange Zeit nicht. Zu viele unwillkommene Gedanken tobten durch ihren Kopf.
Geändert von Glannaragh (06.03.2011 um 01:29 Uhr)
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