Wer keine Gruppenreferate mag, muss ich ehrlich zugeben, hat wenig Führungspotenzial. Das jetzt mal ganz ohne Wertung, das ist weder übermäßig schlecht noch ist es übermäßig gut, es ist einfach eine Charakteristik, zu deren Formulierung solche Gruppenarbeiten da sind.

Ein Beispiel.
Für mein "Deutsch als Zweit- und Fremdsprache"-Seminar sind wir in Gruppen von bis zu 5 Leuten aufgeteilt worden (ein Seminar mit über 70 Teilnehmern), die je ein Thema von 3-8 Seiten aus einem Reader bearbeiten sollten. Für die Ausarbeitung bestand eine Deadline von knapp 2 Wochen, dann mussten Handout-Mappen eingereicht werden (die Referate werden jetzt natürlich über die Seminartermine verteilt gehalten, aber praktisch mussten sie innerhalb der Zeit ausgearbeitet sein).
Aufbau sollte so sein, dass jeder sich seperat zu einem Themenaspekt informiert und die Sachen ausarbeitet, damit klar ersichtlich ist, wer welchen Teil der Arbeit gemacht hat. Natürlich wurde der Teamaspekt ebenfalls bewertet.

Meine Gruppe sah wie folgt aus:
Ein Mädel, das die Aufgabe partout nicht verstanden und sich auch in den Text nicht eingelesen hat, auch sonst relativ hilflos mit der Aufgabe war.
Ein Erasmusstudent aus der Türkei, der sehr sehr wenig Deutsch und nur gebrochen Englisch spricht.
Eine Deutsch-Lehramtsstudentin aus Polen.
Ein Typ, der das Studium noch in dieser Zeit abgebrochen hat und folglich dann auch aus der Ausarbeitung ausschied.
Und ich, einziger Erstmalsstudent in der Gruppe.

Wir haben uns einmal getroffen und eigentlich nur geklärt, dass jeder den Text im Reader mal liest, und dann nicht mehr viel organisatorisch geklärt, bis es dann 4 Tage vor Abgabetermin war.
Muss dazu sagen, dass ich mir den Reader bis dahin noch nich besorgt hatte und mir unseren Textteil nur von einem Kommilitonen geborgt und daheim einmal durchgelesen habe. Mit Blick auf die Restzeit hab ich dann einfach Aufgaben verteilt und dazugeschrieben, wo die Leute was finden, was wir an Handout-Material brauchen und dann auch das Deckblatt gestaltet und die Mappe nachher einheitlich formatiert, etc.pp. Von da an war ich dann die Konsultationsstelle Nummer 1, stand 24/7 in Rücksprache mit unserem Türken ("Me, Samet and our mediocre English skills"), hab die halbe Arbeit für die eine planlose Kommilitonin gemacht und dann noch Quellen nachgearbeitet, weil genannte Planlose beispielsweise statt Literatur nur Hyperlinks angegeben hatte, und selbst das erst auf Nachfrage nach Quellenangaben (und überhaupt hat sie eigentlich nich das gemacht, was sie machen sollte, aber das ist okay, sie ist nämlich sehr nett und witzig). Im Endeffekt haben wir uns von einem "Das wird nix, wir sollten bei der Dozentin Rat einholen und vielleicht um Fristverlängerung bitten" zu einem "Ihre Ausarbeitung ist sehr gut strukturiert, ich freue mich auf sehr auf Ihr Referat" gesteigert.

Ich muss nun dazu sagen, ich hab so viel Führungspotenzial wie eine geruchsblinde Arbeiterbiene und dementsprechend chaotisch war das auch alles; aber das Problem an Gruppenarbeiten ist eben nicht, dass es eine Gruppenarbeit ist, sondern dass man meint, die Verantwortung wäre genauso geteilt wie die Aufgaben. Das stimmt aber nicht, prinzipiell hat entweder jeder die Verantwortung für die gesamte Ausarbeitung, nämlich auch genauso für die Anteile der anderen wie für die eigenen, oder aber einer macht den Chef und sagt wo's lang geht. In beiden Fällen gehört kontinuierliche Kontrolle der anderen dazu.

Ich weiß übrigens nicht, wie hier die allgemeinen Berufspläne so sind, ich persönlich werde wohl in keinem sonderlich teamorientierten Milieu unterkommen, aber wer später mal eine beliebige Anstellung mit mehreren Kollegen auf demselben Karriereniveau anstrebt oder in Aussicht hat, der sollte sowas draufhaben. Letztendlich nämlich hängt die Note bzw. das Arbeitsergebnis nicht davon ab, was man selber alleine alles richtig gemacht hat, sondern davon, wie gut die Gruppe organisiert ist. Und wenn ich alleine für mich ne brillante Leistung bringe, der andere aber totalen Mist baut, dann ist das immer noch genauso meine Schuld, weil die gesamte Gruppe dieselbe Verantwortung trägt.


Wer im Übrigen in Gruppenarbeiten nichts lernt, der ist selber dran Schuld. Das liegt dann in den seltensten Fällen am Konzept (eher am Lehrer, der das Konzept falsch bearbeitet), sondern eher an einem selbst. Oder es handelt sich um einen subjektiv falschen Eindruck, denn nichts schult soziale Karrierekompetenzen so gut wie Gruppenarbeiten. Vor allem schulen solche Sachen das selbstständige Lernen, weil der Lehrer in den Hintergrund tritt und nur noch als Rückspracheinstanz oder Moderator fungiert.

Das gilt auch für vollständig auf Referaten aufbauende Lehrveranstaltungen. Dieses "Referat fertig, Fragen? Keine? Gut dann wars das für heute..." ist eine direkte Aufforderung an den Studenten, selbstständig und aktiv mitzuarbeiten. "Fragen?" ist hier das Stichwort, denn wenn es keine gibt, dann scheint wohl für alle alles klar zu sein, warum also noch groß drüber schnakken.


Ist schon klar, dass die wenigsten die freie Vermittlungsmethode bevorzugen, weil das ja heißt, dass man selber für seinen Wissenserwerb verantwortlich ist, und das ist lästig. Allerdings wird einen davon nichts mehr befreien, die Lehrerrolle steuert immer mehr auf die Rolle des Moderators in einer von Lernenden gestalteten Stunde zu und die Unterrichtsform verschiebt sich von Frontalunterricht zu selbstständigem Lernen. Gibt sicher genug, was dagegen spricht, aber die Vorteile sind einzigartig und so oder so wird man den Wandel nicht mehr abwenden können.

So embrace the change.