-
Fossil
Colovianisches Hochland
Ein weiteres Mal ließ der Kaiserliche sie hinter seine Fassade schauen, und wieder erfuhr Erynn weit mehr, als sie eigentlich wissen wollte. Ja, natürlich erinnerte sie sich an die Großfahndung. Das Kaiserreich hatte alles aufgeboten, was ihm zur Verfügung stand, um genau den Kerl zu schnappen, der ihr jetzt gegenübersaß. Auch die Gilde war dafür eingespannt worden. Sie selbst war neben der Stadtwache durch Skingrad patroulliert und hatte in jedem unbekannten Gesicht geforscht, ob es zu dem Bild auf dem Steckbrief paßte. Sie rief sich die Zeichnung in Erinnerung. Schwer zu sagen, ob ich ihn erkannt hätte. Wirklich gut getroffen war er nicht...
Hochverrat, so lautete damals die Anklage. ...und ich hab mit diesem Kerl gemeinsame Sache gemacht... Eigentlich hätte sie sofort aufspringen, zur nächsten Stadt reiten und die Wache alarmieren müssen, aber sie steckte schon längst viel zu tief mit drin. Es würde fast unmöglich sein, dem Hohen Gericht plausibel zu erklären, warum sie ihn zuerst für ihre Goblinjagd angeheuert und ihm danach auch noch ins Hochland gefolgt war, genau zu eben jenem Kloster, um das es damals unter anderem ging. Nein, wenn sie jetzt losrannte um die Sache publik zu machen, würde ihr das das Genick brechen. Buchstäblich. Es gab viel zu viele Ungereimtheiten. Sie würde neben Arranges am Galgen baumeln.
Korrumpiert... dachte sie. Ihr Leben würde nie wieder in geregelten Bahnen verlaufen. Von diesem Tage an müßte sie ständig in der Furcht leben, daß jemand die Verbindung zwischen ihr und dem Kaiserlichen zog.
Der Rest seiner Rede schwappte einfach über sie hinweg. Irgendwann wechselte er das Thema, sprach über Magie im allgemeinen und das Amulett im besonderen. Sie hörte die Worte zwar, aber ihr Kopf war völlig hohl.
Nachdem Arranges geendet hatte, blieb sie stumm. Sie sprach für mehrere Stunden nicht, während sie darüber nachgrübelte, was sie jetzt tun sollte. Fortlaufen konnte sie nicht. In diesem Fall würde der Nekromant seine Drohung wahrmachen und ihr Unaussprechliches antun, dessen war sie sich im Lichte seines ...Geständnisses sicher. Oder aber, sollte man ihn doch vorher schnappen, würde er sie mit in den Abgrund reißen. Ich hätte ihn doch sterben lassen sollen...
Irgendwann faßte sie einen Entschluß. Ihr ganzes Leben lang hatte sie die Umstände so angenommen, wie sie sich darstellten, und es würde ihre Situation nicht verbessern, wenn sie jetzt damit aufhörte. Wenn sie sich dieser Sache nicht entziehen konnte, mußte sie eben versuchen, sie zu ihren Gunsten zu beeinflussen.
Wieder betrachtete sie das Amethystamulett, drehte es zwischen den Fingern und lauschte auf das leise Pochen, das es von sich gab. Arranges’ Vergleich mit dem Licht hinter der Leinwand half ihr nicht weiter; es gelang ihr einfach nicht, das Bild zu abstrahieren. Seine Vermutung von einer zerrissenen Seele erschien ihr hingegen plausibel. Wo willst du denn hin? fragte sie das Kleinod in Gedanken. Sie verlegte sich darauf zu überlegen, was sie über den Klunker wußte, und fing ganz vorne an: Gold, ein geschliffener Halbedelstein, das Ganze an einer Kette...
Aus einer Eingebung heraus legte sie es sich um den Hals. „Erynn, du bist doch so dumm wie fünf Meter Feldweg.“ murmelte sie halblaut. Wie sollte man ein magisches Amulett auch sonst benutzen? Sie wandte sich zu Arranges um; ihre Stimme klang rauh nach dem langen Schweigen. „Süden. Wir müssen nach Süden.“
Geändert von Glannaragh (30.01.2011 um 18:36 Uhr)
Berechtigungen
- Neue Themen erstellen: Nein
- Themen beantworten: Nein
- Anhänge hochladen: Nein
- Beiträge bearbeiten: Nein
-
Foren-Regeln