Arranges war wach geworden, während sie so dasaß, völlig in sich selbst verkrochen. Ihre Seele fühlte sich an wie ein Klumpen rohen Fleisches, über dem eigentlich Haut sein sollte – so wund und empfindlich, daß es fast unerträglich war. Sie könnte eine Mauer darum bauen, aber dann käme niemand mehr daran, um sie zu heilen. Wo war sie bloß hineingeraten? Sie war doch so stark gewesen bis gerade eben, stark für sie beide. Jetzt gab es nichts mehr, was sie tun konnte, nichts mehr, um die Erinnerungen zu vertreiben, die sie überwältigten.

Sie spürte, wie ihr etwas um die Schultern gelegt wurde. Der Mantel der Kaiserlichen, und kurz darauf legte er seinen Arm um sie, tröstete sie wortlos. Das war das Beste, was er tun konnte. Es hätte ohnehin keine Sprache gegeben, in der sie hätte beschreiben können, was in ihr vorging. Ihr wurde warm, so wunderbar einschläfernd warm, und sie legte ihren Kopf an seine Schulter. Sehr vorsichtig, denn sie konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, ob es sich um die Seite handelte, die verletzt worden war. Gestattete sich diesen Moment der Schwäche.
„Es wird nicht besser werden, oder? Wenn wir unsere Suche fortsetzen, werden wir Schlimmeres erleben als die Dinge im Kloster, nicht wahr?“ Mit einem Mal waren die Seiten vertauscht, und jetzt war sie es, die vor Furcht zitterte. Sie räusperte sich, aber noch immer klang ihre Stimme brüchig, als sie fortfuhr: „Ich verstehe das alles nicht. Was war dieser Schatten, der uns jagte? Und dann... ist da ein Loch in meiner Erinnerung. Auf dem Hof... ich erinnere mich an einen Wolf, und dann dann verbrannte der Wolf, aber dazwischen... fehlt etwas. Was ist in dieser Zeit geschehen?“ Eine kurze Pause. „Ich muß das alles begreifen, oder ich werde daran wahnsinnig“, sagte sie mit plötzlicher Heftigkeit.

Sie rückte von dem Kaiserlichen ab bis sie ihm gegenübersaß und sah ihm in die intensiven, dunkelblauen Augen. Sie selbst mußte schrecklich verheult aussehen, aber es kümmerte sie jetzt nicht. Dann senkte sie den Blick und holte das Amulett hervor. Sie legte es auf ihre ausgestreckte Handfläche. Endlich hatte sie etwas, worüber sie nachdenken konnte. „Um es zu finden, habe ich... irgendwie auf etwas jenseits der fünf normalen Sinne gelauscht, aber ich weiß nicht mehr, wie ich das gemacht habe. Wenn ich es so halte, scheint es zu klopfen. Einmal laut, einmal leiser, dann wieder laut. Wie das schlagende Herz eines lebendigen Wesens. Das ist Magie, oder? Doch ich verstehe nichts von Magie. Ich weiß nicht, wie ich... hören kann, was es sagt. Was muß ich tun?“ fragte sie, fast ein bißchen schüchtern. „Lehrt mich, wie ich die Worte verstehen kann. Denn es spricht irgendwie, aber das alles ergibt keinen Sinn.“