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Fossil
Colovianisches Hochland
Minuten verstrichen, und Erynn bezweifelte mittlerweile, daß der Beschwörer aus dem Kloster herausgekommen war. Sie stellte fest, daß ein leises Bedauern sie beschlich. Woher das? Ich wollte ihn doch unbedingt loswerden. Aber jetzt? Nachdem wir gemeinsam durch diese Ruine gegangen sind... nachdem wir uns gegenseitig das Leben gerettet haben... Sie griff in die Armstulpe ihres linken Handschuhs und holte das Amulett hervor, um es nachdenklich zu betrachten. Das ganze Theater nur wegen diesem verdammten Ding. Gerade wollte sie es angewidert von sich werfen, als ihr Wallach den Kopf hob, die Ohren aufstellte und ein helles, lautes Wiehern ausstieß. Er ruft jemanden. Ein anderes Pferd... der Fuchs!
Erynn reckte den Hals und schaute in die selbe Richtung wie Falchion. Aus der Dunkelheit schälte sich die Silhouette des anderen Tieres. Es trabte ihr entgegen. Arranges hing auf seinem Rücken wie ein nasser Sack und rührte sich nicht. Verdammt!
Sie sprang aus dem Sattel, fing den Fuchs ein und zog Arranges von dem Tier herunter. Er lebte noch, wie sie erleichtert feststellte, denn sein ganzer Körper wurde von einem heftigen Zittern geschüttelt. Bei Sinnen war er jedoch nicht, und das, so vermutete Erynn, war eine Gnade der Neun. Selbst in der Dunkelheit war die wächserne Blässe seines Gesichts auszumachen, und er hatte Blut gespuckt. Nicht gut. Wer hätte gedacht, daß ich gerade dann einen Feldscher dringend brauchen würde, wenn ich zum einzigen Mal in meinem Leben eine vermutlich illegale Aktion durchziehe?
Ihr Gejammer würde zu nichts führen, und so begann sie, so viel Krüppelholz aus der Umgebung zsammenzusuchen, wie sie finden konnte. Die Monde hatten ihren Kreis noch nicht viel weiter gezogen, als sie ein brauchbares Feuer in Gang hatte.
Im nun etwas besseren Licht besah sie sich die Bescherung. Schon beim ersten Blick auf die Stichverletzung in der Brust des Kaiserlichen sank ihr der Mut. Dennoch machte sie sich daran, dem Bewußtlosen den Mantel abzunehmen und ihm die zerfetzte Mithrilkette über den Kopf zu ziehen, wobei sie auch die Austrittswunde am Rücken bemerkte. Scheiße. Eine Lungenverletzung kann nur ein Magier heilen. Und ich bin ausgerechnet dabei, weil ich eben keiner bin. Tränke... ich wußte, ich hätte noch Heiltränke besorgen sollten. Sei verflucht, Schicksalsweberin! Frustriert schleuderte sie das Kettenhemd von sich. Als sie mit ihrem Vater früher auf die Jagd gegangen war, hatte sie an den erlegten Tieren manchmal sehen können, wie so etwas aussah. Es gab nichts mehr was sie tun konnte, außer Arranges beim Sterben zuzusehen. Erynn legte ein Ohr auf seine Brust, nur um sich zu vergewissern, ob sein Herz überhaupt noch schlug. Das tat es, und da war noch etwas, das sie hörte... oder besser: nicht hörte. Der Atem war flach, aber ruhig, kein Rasseln oder Gurgeln. Verwirrt richtete sie sich auf. Wie kann das sein? Eigentlich müßte er an seinem eigenen Blut ersticken. Sie entledigte sich ihrer Handschuhe und nahm einen brennenden Ast aus dem Feuer. Dann zog sie die Wundränder auseinander und schaute genauer hin. Sie konnte kaum fassen, was sie sah. „Verrückter Magier“, murmelte die Elfin halblaut. „Hast dir selbst wohl mehr geholfen, als ich es je gekonnt hätte.“
Mit ihrem Messer schnitt sie lange Streifen von ihrer Wolldecke ab, dazu zwei große Stücke aus dem Leinenhemd des Kaiserlichen. Das Leinen zerknüllte sie, legte es auf die Wunden und band es so fest, wie sie konnte. Die Beinwunde stellte sie vor einige Probleme, denn so langsam ging ihr das Tuch aus. Also mußte ihr eigenes Leibhemd dran glauben, und sie wiederholte die Prozedur. Was sie mit seiner Schulter tun sollte, wußte sie nicht. Auf den ersten Blick sah es nur wie ein recht großer Bluterguß aus, also ließ sie die Finger davon.
Arranges entschied sich derweil, wieder in die Realität zurückzukehren, und brabbelte etwas Unverständliches. „Halt die Klappe und schlaf“, grummelte sie, während sie die Decke über sie beide ausbreitete. „Verrückter Magier.“ Der Rücken des Beschwörers wurde vom Feuer gewärmt, auf der anderen Seite würde sie das mit ihrem Körper tun. Bleibt nur zu hoffen, daß er den Blutverlust übersteht, grübelte Erynn. Sie starrte in die Nacht hinaus, mit leerem Kopf und hundemüde.
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