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Thema: [Werwölfe IV] Tag 8

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  1. #1
    Godfrey spürte, wie der Speer seine Lederrüstung durchschnitt, die scharfe Spitze in seine Brust eindrang und den Weg durch seine Rippenbögen fand, er spürte das heiße Blut auf seiner Haut herabrinnen und das letzte, das er hörte, bevor das Rauschen überhand nahm und er kraftlos mit dem Kopf in die feuchte Erde sank, war der gellende Schrei Isabellas…

    Er hatte die Jagd fast vollendet, er hatte den Dieb gestellt, wegen dem er ausgepeitscht wurde. Es roch betörend nach Harz und modriger Waldluft, die Sonne ließ unschuldig ihre Strahlen auf dem Boden tanzen und die Lichtflecken schienen ihm den Weg zu weisen. Er zog seinen Dolch aus der Scheide und näherte sich dem Busch in welchen er seinen Speer geschleudert hatte, wohl wissend, dass der Dieb sich dahinter verbarg.
    Und dann sah er ihn. Feuerrote Mähne, blutbespritzt umkränzten ein bleiches Gesicht, in welchem der Schmerz stand. Der Speer hatte sich in die Schulter Yolandas gebohrt und schwer atmend saß sie an einen Baum gelehnt und voll Mitleid blickte sie ihn an, da augenscheinlich tiefste Verwirrung auf der verletzten Miene zu sehen war. „Yolanda…“ entfuhr es dem jungen Godfrey tonlos und er schluckte schwer, atemlos den Namen seiner Geliebten auf der Zunge führend, unfähig sich zu rühren. „Ja, Godfrey, mein Geliebter, ich bin es.“, flüsterte sie mit matter Stimme. „Hast…du…?“ Er blinzelte sie verwirrt an, seine Augen schimmerten feucht.
    „Ich musste es tun…“, flüsterte sie leise, während ein Faden von Blut aus ihrem Mundwinkel lief. „Dein Herr hätte sonst zuviele der Meinen getötet.“ Sie schluchzte leise, während die Schweißperlen über seinen Rücken liefen und seine Wunden dort scharf brennen und bluten ließen, Wunden, die bei der Jagd wieder aufgebrochen waren.
    „Und wir…?“ keuchte Godfrey verzweifelt, während die rothaarige wunderschöne Frau noch bleicher wurde und ihre Hand kraftlos herabfiel von dem Speerschaft, den sie umklammert gehalten hatte. „Du warst einfach zu erobern, junger Mönch und du warst mein Tor in das Kloster. Ich wollte dich benutzen, Godfrey…“, wisperte sie leise, dann füllten sich ihre Augen mit Tränen. „..bis ich mich in dich verliebte.“, fügte sie zitternd vor Schmerz hinzu, während Godfreys Herz sich mit Wut füllte. Heiß wie kochendes Öl fühlten sich seine Tränen an und mörderisch kalte Wut ließ seine Seele taub werden und erfrieren. Er umklammerte den Dolch fester und schritt auf sie zu. Er hörte das knallende Peitschen der Folter, die Enttäuschung im Blick des Inquisitors und des Abts, sein Nacken kribbelte, sein Bauch schmerzte von der Wunde des Verrats, die in seine Eingeweide getrieben wurde.
    „Geliebter…ich…“, keuchte sie ängstlich, während er mit Hass im Blick auf sie zutrat und sich dann vor ihr auf die Knie niederließ, ein letztes Mal ihr schönes Gesicht mit seinem Handrücken streichelte.
    „Sag mir, warum ich dich hätte leben lassen sollen, schlangengleiche Verräterin.“, zischte er hasserfüllt und rammte ihr den Dolch in die Brust.
    „Weil ich dein Kind… unter dem…Herzen trage…“, flüsterte Yolanda mit ersterbender Stimme, während Godfrey wie versteinert neben ihr sitzen blieb, unbewegt eine Stunde lang, den blutgetränkten Dolch in ihrem Leib umklammernd, in die Ferne blickend, während ihre Worte in seinem Kopf nachhallten und er zu spüren schien, das dieser Alptraum ihn noch sein Leben lang begleiten würde…


    …und er behielt Recht.

    Erschrocken und die Luft scharf einsaugend schlug Godfrey die Augen auf. Es war dunkel und er erkannte eine Zeltbahn. Es roch nach Isabella und Nicolos Suppe. Er erinnerte sich an den Speerstoß Wilhelms und er hörte die Spaniern draußen schluchzen und Nicolo, der beruhigend auf sie einredete und er war froh, das der unerschrockene und stille Franzose sich um sie kümmerte.
    „Er wird die Nacht nicht überleben.“, stieß sie gerade heiser hervor, abermals geschüttelt von ihrem Schluchzen. Und Godfrey schluckte schwer, als er sich aufsetzte. Er hatte kaum Schmerzen und er befühlte vorsichtig die Wunde, konnte jedoch nur frische Haut erspüren. Er war genesen… der Fluch war vollendet, er war zum Wolf geworden, er hatte immer gewusst, dass es passieren würde.
    Schnell zog er sich an, seine geliebte Hexenjägerrüstung, die ihn schon so viele Jahre begleitet hatte und in welcher er nun zu sterben gedachte. Geschickt schnitt er die Zeltbahn am hinteren Teil des Zeltes auf und er stahl sich in die Nacht davon. Er spürte, dass er sich wieder verwandeln würde, die Nacht stand noch jung am Himmel, der Mond schien verborgen hinter den Wolken, doch er spürte schon die Wolfswut in sich aufsteigen, die kochende Hitze, welche die Adern durchzog und ihn in eine Bestie verwandeln würde. Und er wusste, dass er nur wenig Zeit für sein Vorhaben übrig hatte. Und dann war er endlich war er am See angekommen. Er strahlte eine beruhigende Kühle ab, linderte seinen Seelenschmerz und ließ ihn innehalten, ihn gar auf die Knie fallen und ein letztes Mal beten, inbrünstig und voller Leidenschaft. Dann lud er seine Pistole mit tausendfach geübter Hand und hielt sie sich an den Kopf, wollte abdrücken…


    „Selbstmörder kommen in die 'ölle.“, erklang eine Stimme aus Richtung des Dorfes und er sah Nicolo und Isabella zwischen den Bäumen stehen. Der Franzose hatte gesprochen und kam auf ihn zu, keine Waffe tragend und augenscheinlich vollkommen ohne Furcht. „Du hast dein Buch nicht vollendet, mon Ami.“, sprach sein Weggefährte und Godfrey lächelte still. „Dies wird nun deine Aufgabe werden, mein Freund. Ich kann es nicht vollenden, doch wenn es einst geschrieben ist, lass den Titel „Geteilte Loyalitäten“ sein.“ „Also ist es wahr. Du bist ein Wolf.“, seufzte er traurig und fügte hinzu: „Seit wann?“ Godfrey räusperte sich leise, es war ein seltsames Gefühl, noch immer zu leben, wusste er seine Seele doch bereits schon bei den Toten. „Ich habe diesen Wolf fast 2 Jahre lang verfolgt. Über Darmietta, Marrakesch, Leon und dann schließlich bis nach Frankreich. Schließlich konnte ich ihn in seiner Höhle stellen.“ Er blickte die beiden nacheinander aus seinem verbliebenen Auge an. „Wir kämpften auf Leben und Tod und trotzdem überlebten wir beide. Doch hatte die Beste mich gebissen und damit meinen Tod besiegelt.“
    Er deutete auf seine linke Schulter und blickte nachdenklich auf den See hinaus.
    „Solange ich den Mensch in mir spürte kämpfte ich mit aller Kraft gegen den wölfischen Feind und ich bin sehr glücklich, dass ich noch einige von ihnen zur Strecke bringen konnte. Mir wurde einst prophezeit, dass schöne Frauen Wendepunkte meines Lebens sein würden, deswegen habe ich die letzten drei Jahrzehnte keusch gelebt.“ Er lächelte traurig und blickte Isabella voll Wärme und Zuneigung an. „Doch war es die Liebe zu dir, Isabella, und unsere unvergleichliche und unvergessliche Nacht, die das Biest erweckt hat, der einzige Moment fehlender Selbstkontrolle, ein Moment voll rasender Leidenschaft und glutvoller Liebe. Und obschon er mich gestern zum Biest hat werden lassen, bereue ich keinen Augenblick davon, mehr noch… ich sterbe nun als glücklicher Mann. Entscheidend aber ist: Ich sterbe als Mensch und nicht als Wolf.“
    Er lächelte friedlich in sich hinein und blickte weiter auf den See hinaus. „Der wölfische Fluch hat keinen Menschen dieses Dorfes getötet und darob bin ich mehr als stolz. Ich kann nun gehen und darf mich endlich meiner Sünden verantworten. Nach so langer Zeit auf dieser Scheibe, nach so vielen Jagden werde ich nun endlich ruhen dürfen, schlafen, bis man mich gewogen hat. Und ich will nicht hadern oder zaudern, sondern büßen oder lächeln, je nachdem was Gott und HERR für mich bereithält.“
    Er schwieg nun und blickte auf den See hinaus, still waren seine Gefährten hinter ihn getreten und hatten sich an seine Seite gesetzt, alle Drei ließen in Gedanken Revue passieren, wie sie sich getroffen hatten und was sie einander gelehrt und geschenkt hatten. Er sah Nicolo und sich wie sie beide Male eine offensichtlich Unschuldige beschützten, sah, wie beide sich trafen und Freunde wurden in Respekt und Ergänzung ihre Fähigkeiten. Er sah den wundervollen Moment vor sich als er Isabella traf und den nicht unkomplizierten Reigen, ehe sie sich einander die Gefühle gestanden und während sie die Verbundenheit spürten, die Gegenwart des Kameraden wahrnahmen, war es, als wäre auch Konrad unter ihnen.
    Und als der Mond sich schließlich hinter den Wolken hervortat und sein silbriges Licht glitzernd auf dem See zu sehen war, hatten sie stumm und in Eintracht voneinander Abschied genommen. Sie waren alle Drei Jäger und sie wussten, was zu tun war. Godfrey hätte sich keinen besseren vorstellen können als Nicolo, als dieser endlich abdrückte…
    Es war wie ein Traum aus glücklicheren Tagen, er schien zu schwimmen und Wärme durchflutete ihn. Vom See aus sah er seine beiden Gefährten, die auf seinen Leichnam blickten und dahinter einen Schemen, geisterhaft und gütig, seine weißen Schwingen schienen wie ein Schutzmantel für Isabella und Nicolo. Und während seine Seele geborgen wurde, spürte er, das Niemand von den vier Hexenjägern je wieder alleine sein würde.
    Und so starb der Mann wie er gelebt hatte. Ohne Tränen.

  2. #2
    Sie sah das Aufblitzen in dem Gesicht des Alten – Mordlust, anders konnte man es nicht beschreiben. „Schotte oder Spanierin? … Zwei Schatten … einen von euch werde ich mitnehmen...“ Der Körper der Spanierin straffte sich bei diesen Worten, jeder Muskel war durchpeitscht von Adrenalin. Sie war sich sicher das sie es sein würde... der Hauptmann der zu lange gelebt hatte.

    Aber sie sollte weiterleben – aber für welchen Preis!

    „Nein! Oh Gott, bitte! NEIN!“ Ihre Starre löste sich und sie schnellte an Nicolo vorbei hin zu dem Mann dem sie ihr Leben versprochen hatte. Ihre langen, feingliedrigen Finger pressten verzweifelt auf die Wunde in seiner Brust, während immer mehr Blut seinen Körper verließ. „Zieh den Speer heraus!“, bellte sie Nicolo an, während sie mit blutigen Fingern durch das Haar des Kriegers strich. Der Franzose stand unbewegt neben der Szene und blickte Godfrey ins Gesicht.

    Isabella umklammerte verzweifelt den Speerschaft, aber sie hatte nicht die Kraft ihn, durch das Leder hindurch, herauszuziehen, ihr Körper war durch die andauernden Strapazen so geschwächt das sie sich kaum aufrecht halten konnte. Und dann fiel ihr Blick, tränenverschleiert und verzweifelt ebenfalls auf das Gesicht ihres Liebsten. „Und siehe die Wahrheit offenbart sich denen die willens sind sie zu sehen.“

    Seine ruhigen, vernarbten Züge veränderten sich unter ihren Blicken. Sein Körper schien sich unter dem Blutverlust noch seiner letzten Reserven zu bedienen und bäumte sich auf, schien zu wachsen und obwohl es immer noch er war, war er es nicht mehr. An seiner Stelle lag ein mit Narben übersähtes Tier mit einer Wunde auf der silbernen Brust aus der stetig Blut das Fell benetzte. In seinem verblieben Auge schimmerte der Mond in der goldenen Iris wieder.

    Isabellas Hände fielen herab vom Speer, den sie umklammert gehalten hatte und sie fiel mit offenem Mund und starrenden Augen auf die Knie, während die Tränen von ihrem Gesicht zu Boden fielen.

    Es fing an zu regnen und unter ihre Knie versanken im Schlamm als sie reglos an seiner Seite hockte, unfähig irgendetwas zu tun. Dann drängten die Siegesrufe der übrigen Dorfbewohner an sie heran. Rufe, unter denen sie nur eines heraushörte „Noch eine Bestie ist tot!“ Aber er lebte noch... wand sich unter Schmerzen...

    Ihre verhangenen Augen suchten Halt in dem Mob der sich um sie gebildet hatte. Fratzen, von denen sie nichts menschliches ablesen konnte. Blutlust. Mordlust. Siegestrunkenheit.

    Ihr Blick fiel auf den einen der unbeweglich dastand, mit einem reglosen Gesicht das Godfrey alle Ehre gemacht hätte und auf den Jungen dessen bewundernde Leidenschaft zu der Bäckerin sie bisher nicht nachvollziehen konnte. Doch nun war er eine verwandte Seele, ebenso wie Nadeschka es gewesen wäre... die Geliebte eines Biests.

    Avery und Nicolo halfen ihr auf und dann brachten sie den Verwundeten in sein Zelt.

    ~*~

    Godfrey hatte sich zurückverwandelt, während sie bei ihm gesessen hatte. Er lag ruhig da, leichenblass unter den Narben die sein Gesicht zerschnitten. Im Licht des Mondes sah er schon aus wie ein Toter. Die Verletzung an seiner Schulter, die ihr am Morgen nicht weiter aufgefallen war, wies inzwischen rötliche Verfärbungen auf. Die verfärbten Venen pochten heiß unter ihrer Hand. Sie wendete jegliche Kunst auf die sie konnte, aber sie würde den Fluch nicht brechen können. Und sie wusste das der stolze Krieger so nicht weiterleben würde.

    Sie verließ das Zelt um seinen Träumen zu entkommen. Draussen hörten sie am Feuer sitzend immer noch seine unterdrückten, dumpfen aber verzweifelten Schreie, die er unter Schmerzen und Alpträumen herausknurrte. Wortfetzen und immer wieder ein Name – Yolanda.

    Er war so weit fort von ihnen wie er es noch nie gewesen war. Obwohl er noch lebte, obwohl er nur schwerverletzt auf seiner Lagerstatt lag, wünschte sich die Hexenjägerin nichts mehr als seine Schmerzen zu beenden. Er war niemals verzweifelt gewesen, er war niemals schwach gewesen. Ihn jetzt so zu sehen... seine Wunden berührt zu haben...

    Er wird die Nacht nicht überleben.“, murmelte sie dem Franzosen zu. Nicht die Wunden würden ihn richten, die hatten sich bereits geschlossen. Aber sein Stolz würde ihn umbringen.

    Nur ein Käuzchen schrie in der Ferne, ansonsten lag die Nacht still da. Sie wollte grade anheben etwas zu sagen als ihr Kamerad die Finger an die Lippen legte und ihr gebot still zu sein. Er erhob sich und lief pfeilschnell in die Nacht davon. Sie fluchte leise und schnappte sich ihre Waffe, dann huschte sie hinter ihm her. Er musste etwas gehört haben...

    An einem spiegelglatten See angekommen sah sie zwei Schemen an dessen Ufer. Es waren ihre beiden Kameraden... ansonsten war niemand hier.

    Barfuss lief sie auf die beiden Männer zu, eben als sie beinahe so nahe bei ihm stand, das sein Duft sich mit ihrem vermischte richtete er das Wort an sie und lächelte sie an mit einem Blick der jeglichen Rest ihrer bisherigen Frostigkeit zerschmelzen ließ. Sie wusste warum sie diesen Mann liebte, doch zuletzt war sie ihm zum Verhängnis geworden, wie sie aus seinen Worten heraushören konnte.

    Eine Prophezeihung... daher seine Zurückhaltung. Und sie hatte schon Angst gehabt das seine Leidenschaft bloß durch die Anwesenheit des Biests in ihm ausgelöst worden war. Aber er bereute nichts... Gott sei Dank. Denn sie bereute es ebenfalls nicht.

    Sie saßen eine Weile eng beieinander, sie zu Godfreys Linken, Nicolo an seiner Rechten Seite. Sie berührte ihn nicht, dennoch fühlte es sich an als ob ihre Gedanken miteinander verwoben waren.

    Sie erinnerte sich an seine Worte „entscheidend ist das wir gewonnen haben und dass es uns noch gibt. Als letzte Bastion zwischen Licht und Dunkelheit. Dies soll deine Aufgabe werden, du jagst den Bürgern weniger Angst ein.“ und sie war froh das er diesen Weg beging ohne das sie Schuld traf. Denn wie leicht hätte Wilhelm den Speer gegen sie richten können, wie leicht hätte sie an seinem Platz stehen können...

    Sie erinnerte sich an ihre Worte, die ersten Worte der Zuneigung, der Beginn von etwas wahrem und wundervollem: „Ihr wisst das ihr für Nicolo immer schon mehr wart als bloss ein gelehrtes Vorbild; für mich wart ihr ebenfalls mehr – euch zu sehen bedeutet Hoffnung zu haben in der dunkelsten Stunde.

    Und sie erinnerte sich an den Kuss in der Nacht in der es zum ersten Mal Frieden in ihrer Seele gegeben hatte, weil es kein falsch oder richtig gab. Weil sie erkannt hatte das sich hinter einem Mörder auch eine reine Seele verbergen konnte. Und sie erinnerte sich... an ihn, seine Lippen, seine Hände, seinen liebevollen Blick.

    Als der Mond hinter den Wolken hervorkam schien es als wäre ein unsichtbares Zeichen auf die Drei gefallen. Nicolo erhob sich, Godfrey kniete sich aufrecht hin. In Isabellas Kopf schwirrten Worte, nun ohne Sinn und ohne Hoffnung zu geben... „Unvergleichlich... unvergesslich...“ dennoch rutschte sie auf dem schlammigen Untergrund neben ihn und ihre kalten, blassen Hände umfingen seine Hände. Sie betete für ihn, damit er den Frieden finden konnte. Damit er vorausging und auf sie wartete. Denn ihren Augen war er immernoch Mensch, nicht Monster. Und niemals etwas anderes gewesen.

    Dann durchschlug der Pistolenschuss die Nacht und teilte das weiße vom schwarzen. Der Mann, den sie geliebt hatte, der einzige dem sie ihr Herz wirklich anvertraut hatte, war tot.

    ~*~

    Sie bauten ein kleines Floß, das gerade groß genug war um seinen Körper zu tragen. Dann schichteten sie trockenes Holz das sie aus den Resten von Ewalds Hütte holten um seinen Leib und legten seinen Körper in ein weißes Tuch, auf seine Lider zwei goldene Münzen. Um seine Rechte war immer noch das Tuch geschlungen, die Worte die sie gemalt hatte waren inzwischen schon leicht von seinem Schweiß verwischt. Er hatte es nie abgenommen... ~Unter dem Schatten deiner Flügel habe ich Zuflucht, bis das Unglück vorübergehe.~

    Sie griff in ihr Mieder und zog den Brief von ihm heraus, zusammen mit der weißen Rose die er ihr geschenkt hatte. Sie hatte an Konrads Grab auch noch eine der wilden Rosen gepflückt, die so süß dufteten und sie hoffte das dieser Duft ihm ein Trost wäre, wenn er fern von ihr war. Die Rosen bargen mehr als nur den Duft.. sie waren ein Zeichen für ihr ewiges Versprechen und die immerwährende Erinnerung an das Schöne, das sie so kurz genossen hatten. Sie steckte die kleinen, süßduftenden Knospen unter das Tuch, dann küsste sie ihn... ein letztes Mal.

    Seinen Mantel hatten sie vorher ausgeleert, das war eine der Lektionen die er ihnen eingeprägt hatte. Nichts wegzuwerfen, was noch nützlich war. Und das letzte Hemd hat keine Taschen...

    Sie tränkten das Floß, das Holz und das Tuch mit Schnaps, der schon in ihrer Kehle ordentlich brannte, dann setzten sie es in Brand und schoben es aufs Wasser hinaus.

    Von dem Licht angelockt näherten sich die Dorfbewohner. Die wenigen, die noch übrig waren. Isabella erhob die Stimme und sagte Worte die in ihren Augen nichtssagend waren. Aber die Stille konnte sie nicht ertragen.

    Godfrey McCorrought, der von Gott beschützte, der am meisten vom HEERN Geliebte in unseren Reihen. Du warst schwer zu beeindrucken, Hexenjäger, Krieger, geliebter Gefährte. Du warst für uns alle ein Lehrer und ein Vorbild, ein strahlendes Licht in der Düsternis die diesen Ort umwob. Dein Wort wiegte schwerer als das eines einfachen Mannes, da du mehr gesehen hattest als jeder von uns. Dein Wissen wird uns fehlen. Deine Liebe und dein Glaube an das Gute in jedem wird uns fehlen. Deine Zuversicht und deine Hoffnung wird uns fehlen.
    Mögest du Frieden finden, fern dieser Gefilde, getrennt von dem Leib der einem Fluch zum Opfer fiel. Mögest du Frieden finden bei unserem HERRN, denn wahrlich, wenn nicht du dich als sein Kind bezeichnen darfst, soll es niemand mehr tun.


    Das rote Samt, das ihren schlanken Körper verhüllte, leuchtete im Schein des allverzehrenden Feuers. Der See vor ihren Augen schien in Flammen zu stehen. Genauso wie ihr Inneres. Sie spürte immer noch seine Hände, die ihren Leib in einer festen Umarmung fest an seinen pressten, bis ihnen beiden keine Luft mehr blieb. Sie spürte immer noch seine Lippen auf ihren, den Geschmack seiner Zunge, die Hitze der Worte, die zärtlich ihr Ohr gestriffen hatten.

    Sie spürte seinen Blick auf ihr. Den Moment als er sie zum ersten Mal so ansah wie sie es sich immer von einem Mann, den sie bewundern konnte, gewünscht hatte. Er war der einzige gewesen dessen Blick sie nicht nur ertragen hatte – sie hatte sich förmlich danach gesehnt bei der Jagd von ihm beobachtet zu werden. Sein Lob zu hören. Einen zufriedenen Blick. Seine schwere, warme Hand auf ihrer Schulter.

    Sie legte ihre Hand auf das Mieder, unter ihre linke Brust wo sein Brief verborgen war und ein Wort schoss ihr durch den Sinn, „Gemeinsam.“ Lasst uns diesen Kampf gemeinsam bestreiten, Godfrey. Zusammen jagen heißt zusammen leben.

    Er war jetzt fort. Und jetzt war sie wieder einsam. Und sie konnte niemandem hier vertrauen, niemandem. Die alte Maske der Kälte und der Arroganz legte sich wieder um ihr Herz und verschloss es. Ihre Hände krallten sich so fest in ihren schäbigen Hut, dass ihre Nägel das Leder durchstießen.

    Eine weiße Feder viel vom Himmel herab auf ihre Schulter. „Was...“ es war eine Schwanenfeder, lang, weich und unversehrt. Sie steckte sie vorsichtig vorne in das Band, das Godfreys Hut zierte.

    Dann glitten ihre Finger über das silberne Messerchen, das er ihr gegeben hatte. Nadeschkas Messer. Mit geschlossenen Augen klappte sie es auf und mit einem glatten Schnitt trennte sie ihre Haare entschlossen auf kinnhöhe ab und ließ die goldenen Strähnen ins rotleuchtende Wasser fallen. Sie brauchte sie nicht mehr um irgendjemanden zu betören oder um jemandem zu gefallen. Und im Kampf, der ihr bevorstand würden sie sie eh nur stören und ablenken.

    Nicolo, ich denke heute Nacht trennen sich unsere Wege. Ich hoffe das wir mit der Morgensonne dieses verfluchte Dorf verlassen können, weil wir unsere Aufgabe als Jäger erfüllt haben. Wenn das alles hier vorbei ist, werden wir nicht mehr durch die Liebe zu unserem Lehrmeister verbunden sein...

    Sie las die Habseligkeiten ihres Gefährten auf und machte sich bereit um diesen Ort des Schreckens zu verlassen. Zuvor nahm sie jedoch mit einem Lächeln auf die Schusslöcher, die ihr Werk waren, den Hut ihres Lehrmeisters, ihres Weggefährten, ihres Geliebten und setzte ihn auf.

    Sie uns Godfrey waren gewesen wie zwei Schatten... der Alte hatte Recht gehabt. „Wenn das alles hier vorbei ist werde ich kein Hexenjäger mehr sein.“ Dann schwieg die Schöne und kein Wort kam an diesem Abend mehr über ihre Lippen. Sie verschwand in Richtung des Lagers der Hexenjäger – und hinter ihr stand der See immer noch in Flammen.

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