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Thema: [Werwölfe IV] Tag 5

Hybrid-Darstellung

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  1. #1
    Die Hand Godfreys zuckte mit eisiger und erbarmungsloser Entschlossenheit nach vorne, bereit, ihr das Amulett zu entreißen, doch in der Bewegung erstarrte seine Hand und es war ihm anzusehen, wie Erinnerungen und längt totgeglaubte Satzfetzen oder Bilder aus der Vergangenheit vor seinem geistigen Auge spukten.
    Dann legte er seine große Hand langsam und sanft um die Hand der Bäckerin herum.

    "Es war ein Geschenk aus schöneren Tagen, Lilith. Während sich Menschen ändern, streiten, sich verlieben, sich vergessen oder Hass zu gären beginnt, verliert ein Geschenk niemals seinen Charakter und steht für das, was am Tag des Anvertrauens des Geschenkes zwischen den beiden Menschen war.
    Wenn dir dieses Stück Holz auch nur in irgendeiner Art und Weise Kraft oder Trost spendet oder es nur einen Funken Seele in dir gibt, der dieses Amulett behalten möchte, dann bitte ich dich - behalte es bitte."


    Die raue Oberfläche seines Handschuhs lag noch immer auf der Hand der Bäckerin, sie spürte trotzdem die Wärme, die von seiner Handfläche ausging, als er seine Hand vorsichtig zurückzog.

    "Es mag dich wundern..." seufzte er leise "...aber ich wünsche Niemandem dem Tod, niemandem Schmerz, niemandem die Folter. Alles, was ich selbst meinem schlimmsten Feind wünsche und wofür ich bete, ist die Erlösung aus der Sünde.
    Wir sind alles Menschen, Gott, der HERR hat uns mit schwachen Herzen versehen, damit wir uns Seiner würdig erweisen können und alles Gute und alles Böse hat seinen Ursprung in unseren menschlichen Herzen."


    Er blickte sich in der kleinen Kapelle um, genoss die Kühle des Gebäudes, die sich auf seine Haut legte, die er als in Flammen stehend empfand.

    "Ich bin nur ein Soldat, Lilith. Ein Krieger Gottes. Wenn ich von 'Feind' spreche, dann nur, weil mir manche Feinde durch den Lauf der Jahrzehnte mehr ans Herz gewachsen sind als angebliche Verbündete. Wenn ich 'Feind' sage, dann als Soldat - mit allem was für mich dazugehört. Respekt, Gnade, Milde, aber auch Konsequenz und Entschlossenheit.

    Oft wäre es von Vorteil, jemand anders zu sein, ohne Bürde und Last..."


    Den letzten Satz hatte er nur geflüstert, doch dann straffte er sich und er blickte sie aus seinem hellblauen, verbliebenen Auge an.

    "Bete nun, Lilith."

  2. #2
    Die Bäckerin umschloss das Kreuz fest mit ihrer Hand und drückte diese an ihre Brust. Dabei fühlte sie, wie ihr Herzschlag sich allmählich beruhigte, der verrückt gespielt hatte bei der Gefahr, das Amulett zu verlieren.
    Natürlich hatte sie es absichtlich getan, wahrscheinlich hatte sie sogar gehofft, er würde es ihr wegnehmen, damit sie fühlte, wie sehr er sie verabscheute, und zu hoffen aufhörte, es würde sich noch etwas daran ändern.

    Diese Reaktion hatte sie allerdings nicht erwartet, und sie wusste nicht wohin mit den neuen Gedanken, die sie durchströmten. "Ich hatte angenommen, es wäre Euch leicht gefallen, mein Todesurteil herbeizuführen." ,sagte sie deshalb laut und sah den Hexenjäger beinahe entschuldigend an, während sie das Amulett wieder umlegte. Dann kniete sie sich vor den kleinen Altar - den Speer hatte sie schon am Eingang abgelegt - und schloss die Augen.

    Nach einem stillen Gebet, in dem sie versuchte, Gram und Enttäuschung hinter sich zu lassen, und das ihre Seele beruhigte, blieb sie in dieser Position, als sie sagte: "Ich werde mich nicht länger fragen, warum Ihr nicht einmal leise Zweifel hegt, ob Ihr richtig liegt. Eure Gründe kenne ich, und nun weiß ich auch, dass Ihr sie bestimmt sorgfältig durchdacht habt."
    Sie wusste gar nicht, ob Godfrey sie etwas weiter hinten überhaupt hörte, da nicht einmal ein Murren von ihm kam.
    "Die Gedanken einer einfach Bäckerin mögen mit Euren nicht vergleichbar sein, und doch..." Nun wurde ihre Stimme immer leiser, bis nur mehr ein leises Flüstern blieb, "Die Wölfe haben nur die Stummen geholt. Vielleicht, weil die Gefahr, erwischt zu werden, geringer war. Nun haben sie allerdings damit aufgehört, die Unauffälligen zu fressen, und Ewald, der uns eine große Hilfe war, wurde ihr Opfer. Ich frage mich..." Völlig unbewusst hatte sie aufgehört, mit Godfrey zu sprechen und richtete die Worte nun vielmehr an sich selbst. Der Hexenjäger, der wohl nicht viel verstehen konnte, dachte vielleicht, sie wäre immer noch in dem Gebet versunken.

    Ohne die Gedanken weiter zu spinnen, bekreuzigte sie sich und erhob sich langsam. Ohne den Speer, den sie nun gewohnt war, in der Rechten zu tragen, fühlte sie sich ein wenig, als würde sie haltlos über den Boden schweben. So holte sie sich ihre Waffe, und als sie mit dem Hexenjäger wieder vor der Kapelle stand, sah sie etwas wehmütig zum Dörfchen hinab, das durch Bäume und deren dichte Blätterdächer abgeschirmt war.
    "Sollte ich heute zum Sterben verurteilt werden..." ,richtete sie sich mit leiser Stimme an Godfrey, "...werdet Ihr dann derjenige sein, der mir den Todesstoß versetzt?"

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