Die lauten Geräusche vom Dorfplatz hatte sie hinter sich gelassen, und vor ihr erhob sich nun ein kleines, hübsches Häuschen, das ungewöhnlich sauber aussah, fast als hätte hier noch nie jemand gewohnt. Die Spuren auf dem Boden sah sie nicht. Sie war bisher nie in dieser Gegend gewesen, aber im Laufe ihrer Arbeit als Bäckerin hatte sie von den meisten Kunden gewusst, wo sie wohnten.
Für einen kurzen Augenblick fühlte sie sich in die Zeit zurück versetzt, wo das Backen noch ihr ein und alles gewesen war. Winfried war manchmal völlig verhungert in ihre Stube gekommen, da er über dem Schreiben vergessen hatte, zu essen. An solchen Tagen hatte sie ihm bereitwillig mehr eingepackt, als er verlangt hatte, und sich einfach nur gefreut, dass jemand in seiner Arbeit genau so versinken konnte wie sie. Davon abgesehen hatte sie sich aber nie großartig für ihn interessiert, und von ihm hörte sie auch selten mehr als seinen knurrenden Magen.

Seufzend klopfte Lilith an die Tür. Sie vermisste diese Zeit schon ein wenig, aber wenn sie daran dachte, wie lange sie so blind für jegliche Kontakte gewesen war, wünschte sie sich nicht zurück.
Dass ihr nie aufgefallen war, wie gut Winfried eigentlich aussah, dachte sie, als sie ein zweites Mal klopfte. Und wie freundlich er sein konnte, wenn es nicht gerade um Lester ging. Ein drittes Klopfen.
Lilith schlug sich auf die Stirn, als ihr in den Sinn kam, dass Winfried vielleicht ebenfalls längst auf dem Dorfplatz war. Doch als sie sich umdrehte, fiel ihr Blick zufällig durch das Fenster, das neben dem Eingang war. Es schien, als würde Winfried an einem Tisch lehnen, wahrscheinlich war er beim Schreiben eingeschlafen. Ein sanftes Lächeln huschte Lilith übers Gesicht, und sie öffnete leise die Tür.

Seine Haut war weiß wie Schnee, seine Lippen waren bläulich verfärbt, und die Augen, die weit geöffnet waren, blutunterlaufen. Die Bäckerin sah ihn an, der Speer rutschte ihr aus den Händen und knallte mit einem lauten Schlag zu Boden. Doch statt vollständig die Fassung zu verlieren und zusammen zu brechen, griff sie nach einem der Schriftstücke, die auf dem ganzen Tisch verstreut waren, und die eindeutig frisch geschrieben waren. Lesen konnte sie nicht, doch neben Buchstaben hatte Winfried auch die ein oder andere Zeichnung eingebracht, von denen sie eine nun verwirrt anstarrte.
Es war ein Wolf, mit furchterregend gefletschten Zähnen und scharfen Krallen... und einer Schreibfeder in der Hand. Langsam ließ die Bäckerin das Schriftstück sinken und richtete ihren Blick nun wieder auf Winfried.

War er ein Werwolf gewesen? War all das, für das sie ihn schätzen gelernt hatte, eine Lüge gewesen?
Als Lilith sich dazu überwand, dem leblosen Körper die Augen zuzudrücken, entdeckte sie eine weitere Zeichnung, die sie unter seinem Arm hervorzerren musste, da Winfried offenbar nicht mehr damit fertig geworden war und während des Malens der Tod ereilt hatte. Zarte Schultern hatte er mit feinen Linien gezeichnet, und den Ansatz eines Halses. Er hatte darauf verzichtet, sich zuerst auf den Kopf zu konzentrieren, statt dessen hatte er ein Amulett gemalt, ein schlichtes Kreuz.
Die Bäckerin erkannte sich selbst in dem Bild wieder, und auch wenn es womöglich bloß ein Gedanke aus einem verzweifelten Wunsch heraus war, war sie der Überzeugung, Winfried hätte sie, als letzte Tat in seinem Leben, auf Papier verewigen wollen.

Nun war sie überzeugt, dass er zumindest sie nicht nur belogen hatte, und auch wenn er ein Wolf gewesen war, hatte er einen Funken seiner menschlichen Seite behalten.
Diese Erkenntnis brachte Lilith erneut zum Weinen, und unter leisem Schluchzen löste sie die Schleife aus ihrem Haar. Vorsichtig band sie diese um Winfrieds kaltes Handgelenk und flüsterte in die Stille: "Wie ich es versprochen habe, trauere ich um deinen Tod. Auch wenn du für schlimme Taten verantwortlich bist... ich werde den Menschen vermissen, nicht den Wolf."