Unterhaltungsmedium ja, aber ein Entwickler darf auch Spiele entwickeln, die keinen Spaß machen, sondern auf eine Erfahrung aus sind (wobei die natürlich Spaß machen kann).
...
Ich würde so weit gehen und sagen jeder Gamedesigner sollte beim entwickeln eines Spiels ganz bewusst Erfahrungen entwickeln, denn alles was wir erleben ist eine Erfahrung. Und ja, es ist momentan so das die meisten Erfahrungen darauf ausgelegt sind in die Kategorie "gut" bzw. "angenehm" zu fallen, ergo Spaß machen sollen. Aber ich denke auch, ähnlich wie Owly, das da noch viel viel mehr möglich ist als man momentan sieht, grade durch die interaktive Ebene. Das Spiel "Passage" erzählt zum Beispiel eine Geschichte die mich gerührt hat, ohne großartige Grafik oder auch nur eine Zeile Dialog. Ich denke sowas zeigt, dass da noch viel mehr möglich ist und auch auf viele Bereiche ausgeweitet werden kann.
Als Beispiel: Filme wie Schindlers Liste sind keine angenehme Erfahrung, trotzdem ist es wichtig das es sie gibt, da sie ein Gefühl für die damaligen Schreckenstaten geben - vielmehr als es eine pure Wiedergabe der Fakten könnte. Wieso geht man mit Spielen nicht auch mal in diese Richtung? Dank der Emathie ist es für uns grausam die Geschichte eines KZ-Aufsehers zu erfahren, aber was wäre wenn man selbst dieser Aufseher wäre? Wenn man selber entscheiden müsste was man in dieser Situation tut (interaktiv eben)? Oder einen Familienvater spielen würde, dessen jüdischer Nachbar deportiert werden soll? Ich denke das würde mir überhaupt keinen Spaß machen, aber der Erfahrung wegen würde ich auf jeden Fall so ein Spiel spielen wollen.
Ich bin mir auch ziemlich sicher das es irgendwann "Pflichtspiele" wie "Pflichtlektüre" im Unterricht geben wird.
@mhm
Ich kann mir vorstellen, dass einige Zuschauer durch Schindlers Liste trotz der Thematik gut unterhalten wurden. Menschen werden ja auch durch Tragödien gut unterhalten und finden sie schön.
So ein KZ-Spiel hätte sicherlich eine ganz andere Wirkung als eine nüchterne Dokumentation, das denke ich auch, allerdings bin ich nicht sicher ob die Wirkung so ist wie du sie dir vorstellst. Zunächst mal handelt es sich ja um ein Spiel, was den meisten Spielern bewusst sein wird. Man wird es vermutlich auch nicht wirklich realitätsnah darstellen können, weil sonst gegen den Jugendschutz verstoßen wird. Das Hauptproblem ist aber, dass es einer nicht unerheblichen Menge der Spieler Spaß machen wird Juden in den Ofen zu werfen. So ist der Mensch nun mal. Bei einem Spiel muss er ja nicht mal mit Konsequenzen rechnen. Was meinst du wieso so was wie Torture Porn so erfolgreich ist und warum die Leute bei diesen wissenschaftlichen Foltertests immer so gerne Stromschläge verteilen? Und einige Filmregisseure haben die Erfahrung gemacht, dass die Gewalt in ihren Filmen, die eigentlich die Zuschauer schockieren sollte, genau das Gegenteil erreicht hat. Die Filme wurden von den Gewaltfans gefeiert. Deswegen halte ich solche Spiele für fragwürdig.
Ah, mhm, du machst meine Gedanken zielgerichteter .
Brenda Brathwaite hat letztens ein Brettspiel entwickelt, bei dem man so viele Spielfiguren wie möglich in einen Zug pfercht. Was man da genau spielt, dass die Spielfiguren Juden sind und diese deportiert werden sollen, haben die Spieler erst hinterher erfahren. Die Reaktionen wären wohl die erwarteten gewesen: Von Bestürzung und moralischen Bedenken, bis hin zu Schulterzucken. Jedenfalls hat das Spiel bei einer Gruppe Menschen was bewirkt und mehr wie eine bestimmte Zielgruppe kann man ja nicht ansprechen.
Ich stelle mir auch eine Versoftung von Die letzten Glühwürmchen sehr eindrucksvoll vor. Das Spiel selbst wäre eine Simulation wie Stranded Kids oder Lost in Blue, nur kann man kein Happy End erreichen, weil es unvermeidlich ist, dass die Schwester und man selbst stirbt. Das sollte dem Spaß an der Spielmechanik nicht im Weg stehen.
Wie Mordechaj sagt, Spiele wollen kommunizieren. Dass das letztlich Spaß sein muss, halte ich allerdings für falsch. Vielleicht reden wir auch ein bisschen aneinander vorbei und das was ich nicht als Spaß bezichne ist für dich doch Spaß.
Und übrigens, wer zum gefeierten Avantgardisten aufsteigen will, muss ja doch wieder folgsam sein. Ich sehe mich als alten Kauz (hoho :3) mit Specht im Bart, der im Schaukelstuhl auf der Veranda Karo- Kaffee trinkt und ein Holzscheit zurechtschnitzt. Für Selbstliebe ist immer Platz, aber Messias kann ich nur für mich selbst sein.
Edit:
Zitat von Kelven
Deswegen halte ich solche Spiele für fragwürdig.
...
In solchen Fällen halte ich ja die Intention des Autors für absolut. Ich verstehe aber dein Problem und man kann auch gerne zweifeln, wenn der Autor versagt sie rüberzubringen.
Ist das Beispiel von "Train" nicht so ähnlich wie das Beispiel mit dem Schach? Solange die Figuren nicht eindeutig als Juden erkennbar sind, ist es ziemlich willkürlich.
Zitat
Ich stelle mir auch eine Versoftung von Die letzten Glühwürmchen sehr eindrucksvoll vor.
...
Aber man wird den Kern vom Anime vermutlich nicht treffen, wenn man sich nicht doch wieder auf das Erzählerische konzentriert. Ich mach mal Spoiler:
Zitat
In solchen Fällen halte ich ja die Intention des Autors für absolut. Ich verstehe aber dein Problem und man kann auch gerne zweifeln, wenn der Autor versagt sie rüberzubringen.
...
Selbst wenn ihm das gelingt, sehe ich immer noch das Problem, dass die Spieler abstumpfen werden. Das Risiko ist bei einem Spiel, bei dem man selber Hand angelegt, größer als bei Büchern oder Filmen.