"Ich weiß zwar nicht, was ich jetzt wieder angestellt haben soll, aber bevor ihr mich mit irgendwelchen Vorwürfen überhäuft, solltet ihr mich vielleicht ersteinmal fragen, weshalb ich in diesem Zustand bin, Lif. Eure Abscheu mir gegenüber ist mir mittlerweile ja durchaus bekannt, sie ist in diesem Fall allerdings völlig unangebracht."

Thomas Gesicht wurde plötzlich bleich. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihn. Er konnte nicht mehr länger an sich halten und schrie laut auf. Nachdem er geendet hatte, fuhr er langsam fort:

"Es wird vielleicht langsam Zeit, dass ich euch in eines meiner kleinen Geheimnisse einweihe. Da Carmen eh darüber Bescheid weiß, macht es eh keinen Sinn mehr es zu verheimlichen. Sollte ich etwas falsches erzählen, kannst du mich ja immer noch korrigieren, nicht wahr Carmen?"

Thomas setzte sich auf einen nahe gelegenen Stein und begann dieselbe Geschichte zu erzählen, die er auch Carmen schon früher am Tag erzählt hatte:

"Tja, was könnte wohl mein kleines Geheimnis sein? Habe ich nicht mehrmals angedeutet, dass womöglich eine schützende Macht ihre Hände über euch gehalten hat? Habt ihr euch nie gewundert, dass in all den Nächten nichts passiert ist und es immer für Zufall gehalten, obwohl ich entschieden dagegen protestiert habe?"

Der Richter lächelte müde.

"Zufall, von wegen. All die Nächte habe ich meinen Gott darum angebetet, dass er uns schützen möge, und Bannkreise um die wichtigsten Stätten unseres Lagers gezogen. Seht ihr die Runen, die rund um die Werkzeugmacherei und das Lager gezogen worden sind? Schaut euch einmal genauer um die anderen Plätze um, so werdet ihr auch dort Bannkreise finden. Einen Ort pro Nacht konnte ich so schützen. Nicht viel, aber immerhin.

Bis heute Nacht hat es jedenfalls immer reibungslos funktioniert und dass obwohl ihr mir immer mit Ablehnung begegnet seid und mich als Blutschlächter bezeichnet habt."

Bei diesen Worten sahr er Lif unvermittelt an. Er hoffte, dass der Blick seine nötige Wirkung tun würde. Dann fuhr er fort:

"Aber heute Nacht war irgendetwas anders: Es war, als ob eine fremde Macht von mir Besitz ergriffen hätte. Unmittelbar bevor ich soweit war, den Bannkreis zu vollenden, war ich jedenfalls plötzlich wie gelähmt und konnte mich nicht mehr bewegen. Ich habe in meiner Zeit als Inquisitor schon viele böse Mächte erlebt, aber diese war anders als alles, was ich zuvor erlebt habe. So sehr ich mich auch konzentrierte, ich konnte mich dieser Macht nicht widersetzen. Zwar habe ich es irgendwie geschafft, dass sie nicht Besitz von meinem Geist ergreifen konnte, dennoch warf sie mich aber zu Boden und fügte mir unbeschreibliche Schmerzen zu, die meinem Körper sogar jetzt, nach dem Abfallen dieses Fluches schaden.

Was immer diese Kraft gesteuert hat, es war sehr mächtig. So mächtig, dass ich fürchte, dass keiner von uns allein ihr widerstehen kann. Bei der nächsten Gelegenheit sollte ich vielleicht Meister Daeron darauf ansprechen. Wenn ein Gott allein es nicht schafft, müssen wir wohl zu härteren Maßnahmen greifen. Ich bin sicher, dass er Techniken kennt, die ich in jungen Jahren noch nicht kenne."

Thomas blickte sich um und schwieg kurz, bevor er fortfuhr:

"Da ist allerdings nicht alles, was mir Sorgen bereitet: Die Macht wurde ausgerechnet in der Nacht so stark, als Raa den Stab an sich nahm. Ich bin mir nicht sicher, ob es zwischen diesen Ereignissen einen direkten Zusammenhang gibt und bete darum, dass ich mit meiner Vermutung falsch liege, aber momentan würde ich Raa lieber im Auge behalten, da wir nichts über die Wirkung des Stabes wissen. Im schlimmsten Fall ..."

Der Richter musste ungewohnt hart schlucken.

"Im schlimmsten Fall ist Raa jetzt eine von ihnen oder sogar noch schlimmeres. Und ich Narr habe sie noch überredet, auf diese Expedition mitzukommen. Ich einfältiger Trottel."

Bei diesen Worten brachen erneut Tränen des Zorns und der Verzweiflung über dem Haupt des Richters aus. Dann fuhr er fort:

"Seid mir nicht böse Raa, aber selbst ihr müsst es als merkwürdig empfinden, dass ihr so schnell zu neuen Kräften gelangt seid. Wir alle wussten um die mögliche Gefahr des Stabes und wie gesagt, es muss ja nicht stimmen."

Der Richter fuhr sich mit der Hand an die Brust.

"Und jetzt wäre ich euch dankbar, wenn ihr mir einen Heiler und Meister Daeron schicken würdet. Ich brauche dringend seinen Rat."