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Fossil
Sie tritt auf den Platz hinaus. Spürt die Kälte der Abendluft, die zärtlich ihr Gesicht streichelt. Spürt die reinigende Klarheit des Regens, der ihre flammende Mähne benetzt. Sie schließt die Augen und genießt die Vollkommenheit des Augenblicks.
Ich bin stark. Was sollte ich fürchten? Ihre Lider öffnen sich, und mit raubtierhafter Geschmeidigkeit dreht sie sich langsam um sich selbst, während ihre Blicke die heraufziehende Dunkelheit durchbohren. Niemand kann mich verletzen. Niemand kann mich töten.
Noch niemals hat sie sich so mächtig gefühlt, noch nie wußte sie so genau, was zu tun ist. Die Gedanken, die normalerweise in ihrem Geist wild durcheinanderschreien und um Aufmerksamkeit buhlen, fokussieren sich zu einem dünnen, zielgerichteten Bündel. Ihr Kopf ruckt so heftig herum, daß die Nackenwirbel knirschen.
Ein sanftes Lächeln umspielt ihre Mundwinkel, als sie sich vom Eingang der Taverne aus nach rechts wendet. Fest und sicher sind ihre Schritte, die Schultern gerade. Wie die Herrin eines Fürstenhauses schreitet sie einher, in ihrer Seele eine Stärke, von der sie bisher nicht einmal etwas ahnte. Ihr Geist steht in Flammen. Das Gefühl der Macht läßt sie trunken werden.
Wie kann ich nur so offen über diesen Platz laufen, fragt eine andere, leisere Stimme in ihrem Kopf. Teleri begreift, daß es ihre eigene ist. Ich sollte wenigstens die Schatten der Gebäude ausnutzen. Wer weiß, was hier draußen lauert?
Teleri hört die Worte, die ein Teil ihres Ichs äußert, aber sie scheinen keinerlei Relevanz zu haben.
Mit festen Schritten geht sie unter einem Bogen hindurch. Eine Gestalt tritt aus den Schatten. Sie ist in schwarzen Stoff gehüllt und bewegt sich mit einer Sicherheit und Autorität, welche Teleri wohlig erschaudern läßt.
Langsam hebt die große, schlanke Silouette beide Hände und schlägt ihre dunkle Kapuze zurück.
Langes Haar fließt unter der Kapuze hervor, so weiß wie das gefrorene Wasser von Solstheim. Blaugraue Haut spannt sich über feine, scharfgeschnittene Züge mit einem eckigen Kinn und hohen Wangenknochen.
So schön, denkt sie. Du bist so schön. Das Blut brennt in ihren Adern, und sie hört ihr Herz wild schlagen. Viel zu schnell. Es schlägt viel zu schnell. Mühsam bahnt sich diese Beobachtung einen Weg in ihr fiebriges Hirn, nur um ihr fast unmittelbar darauf wieder zu entgleiten.
Ich sollte zurückgehen... Taverne. Skarin. Irwaen...
Wenn die Herren der Schatten, schwarz und verlockend, in ihren Bann dich ziehen - dann wende dich ab und versuche zu fliehen, rezitiert sie im Stillen einen alten Merkvers. Etwas in ihr wischt den Gedanken beiseite. Das Geschwätz alter Weiber...
Sie macht noch einen Schritt. Und noch einen.
Ihr Blick findet den des Fremden. Graue Augen. Grau. Sie kennt diese Augen. Die Augen aus der Vision. Ihre Knie werden weich, und sie strauchelt. Der Blick aus diesen Augen bohrt sich in ihren Leib wie ein mit Wucht geworfener Speer.
Die schmalen und doch verführerischen Lippen des Fremden teilen sich zu einem breiten Lächeln - dem Lächeln eines Raubtiers.
So schön...
Ein Teil von ihr nimmt zur Kenntnis, daß sie am ganzen Leib zittert. Ein schaurig-schönes Gefühl.
Vampir! schreit ein anderer Teil von ihr und bäumt sich verzweifelt gegen die Trance auf, unter der die Besitzerin dieses Körpers steht. Vampir! Molag Bals Fluch! Fliehen. FLIEH!
Teleris Schritt stockt, jedoch nur einen Moment lang. Hab keine Furcht, sagt eine tiefe, starke Stimme. Ihre eigene? Irrelevant.
Die andere Stimme kreischt jetzt panisch am Rande ihres Bewußtseins, aber sie wird leiser und vergeht schließlich, so wie die grausame, gleißende Helligkeit schließlich dem Frieden der Nacht weichen muß.
Noch ein Schritt. Du bist sicher bei mir, sagt die tiefe Stimme.
Ein weiterer Schritt. Sie ist am Ziel. Sie ist zu Hause. Der Regen benetzt ihr Haar, der Nachtwind streichelt zärtlich ihre Haut.
Der Geruch von Ewigkeit.
Es ist so leicht, so selbstverständlich, sich in die Arme des Fremden sinken zu lassen. Die seltsamen Augen halten sie fest, halten sie aufrecht.
Dann geben ihre Beine unter ihr nach. Sie spürt, wie ihr Kopf in den Nacken fällt. Der Fremde hält sie fest.
Der Geruch von... Ewigkeit. Schwärze.
Stille.
Geändert von Glannaragh (18.12.2009 um 22:04 Uhr)
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