„Sie sind doch hoffentlich nicht äußerst religiös, oder?“ Die Frage musste ich mir zunächst selbst beantworten, bevor ich sie beantworten konnte. Nein, eigentlich war ich nicht religiös. Zumindest glaubte ich an keine Gottheit.
„Nein, bin ich nicht. Warum?“
Claire war vor einer Zellentür stehen geblieben. „Nun ja. Der da drinnen…er hält sich für Judas“.
Das Christentum, wie es sich nannte, war vor zwei Jahren nach Troktura gekommen, mit einem Irren, der behauptete, Informationen über eine andere Welt zu besitzen, in der das Christentum sehr viel Macht habe. Es war ein sehr überzeugender Irrer, denn beinahe hätte es die Grundreligion der Endlosen Mutter überrannt.
Auf Grund dessen wusste ich ungefähr, wer Judas war.
„Ein Fanatiker?“ Es lag nahe. „Ich weiß es nicht. Die ganze Religion kommt mir komisch vor.“ Damit schloss Claire die Tür auf.
Die Zelle war sehr gemütlich eingerichtet. Sie war fast so groß wie mein Zimmer, besaß ein gemütliches, blau-bezogenes Bett und war über und über mit Blättern gefüllt. Sie lagen auf den Boden, waren an die Wände gepinnt und lagen auf den eichenen Schreibtisch. Claire hatte die Tür geschlossen.
„Sie haben sich aber schnell eingerichtet“ bemerkte ich, ohne mir die Gestalt am Schreibtisch näher anzusehen. Erst, als er antwortete, hob ich den Kopf. Er war groß. Nein, er war riesig. Ein menschlicher Mann von der Größe eines Saltseekers. Er sah mich schräg von oben an.
„Sie interessieren sich für die Schriften?“ Sein Gesicht war sehr ausgezehrt, wirkte fast wie ein Schädel, doch der Rest wirkte gepflegt, er trug saubere Kleider, die Haare waren zurückgebunden. Dafür waren sie äußerst lang, zumindest die in der Mitte des Kopfes, denn außer einem breiten Streifen aus Haaren, der dort verlief und als Zopf nach hinten fiel, war der Kopf kahl geschoren. Wenn man ihn länger betrachtete, ohne zu wissen, das er ein Wahnsinniger war, konnte man ihn für einen der etwas seltsamen Männer halten, die sehr viel schwarz trugen und ab und zu am Bahnhof meiner Heimstadt gestanden hatten. „Ja. Um was geht es?“ antwortete ich. Sich für den Patienten zu interessieren, war das allerwichtigste. Etwas, was ich bei Charlie fast komplett versäumt hatte.
„Ich schreibe sie um. Ich schreibe alle heiligen Schriften um. Es sind zweihundertundsechzig. Aber alle erzählen sie das falsche.“
Ich war erstaunt. Zweihundertsechzig. Ich hatte noch nicht mal gewusst, dass es drei gab.
Bevor ich mir weiter Gedanken um Religionen und deren niedergeschriebenen Blödsinn Sorgen machen musste, öffnete sich die Tür der Zelle und Claire reichte mir eine Akte. „Bevor du dich zu nett mit ihm unterhältst. Er hat Kirchen angezündet. Nur so.“
Damit schlug sie die Tür überraschend schnell zu und ich hatte das Gefühl in einer schlechten Komödie festzusitzen. „Meine Güte. Sie ist eine sehr resolute Frau, nicht wahr? Ich weiß nicht, was sie gegen mich hat. Es muss etwas persönliches sein.“ Der Mann sah sehr nachdenklich aus.
„Ich glaube, sie mag es nicht, wenn man Gebäude anzündet“ bemerkte ich kärglich. „Komischerweise kann ich mich gar nicht daran erinnern, so etwas getan zu haben.“ Damit drehte er sich weg und setzte sich an einen kleinen, dunkelholzigen Schreibtisch. Dort begann er ein neues, vergilbtes Blatt Papier zu beschriften. In der Bewegung schwang der Zopf hin und her und ich musste feststellen, dass er bis über die Hüfte reichte, sodass ich mich fragte, wie lange er bereits unter seinem Wahn litt. Oder ob er das einfach nur attraktiv fand.
Die Akte beantwortete mir die erste Frage, obwohl ich etwas entsetzt über sein Alter war. Fünfundzwanzig. Er sah fast doppelt so alt aus. Bereits vor zehn Jahren war er auffällig geworden, man hatte ihn in der Nähe einer abgebrannten Kapelle gefunden, Unsinn redend und verwirrt.
Ich schritt auf den Tisch zu, aber bevor ich mir irgendetwas ansehen konnte, hörte ich Geschrei auf dem Gang.
Ich konnte durch das kleine Fenster in der Tür hinaussehen und erkannte Charlie, der von mehreren Pflegern in mintgrüner Arbeitskleidung den Flur entlang geschleppt wurde. Als ich durch die Tür einen der Pfleger fragte, was denn los sei, antwortete jener:“ Er hat Claire ins Bein gebissen.“