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Ritter
„So und dass ist das Heim Ihres kleinen Lieblings.“ Ich wusste weder, warum der Polizei Beamte den kleinen Kannibalen „ meinen Liebling“ nannte, noch, wie er die Bruchbude, in die er mich geführt hatte, Heim nennen konnte. Alles war verdreckt, der Boden der Ein-Zimmer-Wohnung war kaum noch zu erkennen, so voll war er mit Müll und Unrat. Angeekelt bahnte ich mir den Weg durch umgekippte Flaschen und schmutzige Kartons.
Es sah nicht unbedingt danach aus, als ob er den Kannibalismus aus Hunger betrieben hätte.
„Eine Nachbarin hat uns auf den Gestank aufmerksam gemacht. Dann sind wir hier her gekommen und da waren fast ein dutzend Leichen. Kein Wunder dass die Frau die bis ins zweite Stockwerk runter gerochen hat“ berichtete der Beamte.
Gestern Abend war nicht mehr viel los gewesen, ich hatte Rücksprache mit Mister Eastworl gehalten und mich danach in dem mir zugewiesenen Zimmer zur Ruhe gelegt. Wie versprochen war ich am nächsten Morgen abgeholt und zu einer Wohnbaracke in Trokturas Slums gefahren worden.
„Er hat die Leichen also hier…gelagert?“ der Gedanke erfüllte mich mit einem sehr unguten Gefühl. „Ja. Anscheinend größtenteils Prostituierte. Er hat sie einfach angerufen. Nehmen wir an.“
Mir kam sofort „Essen auf Rädern“ in den Sinn, aber ich verkniff mir den Kommentar. Stattdessen stellte ich die, eher rhetorisch gemeinte, Frage, wie denn jemand in einem solchen Dreckloch wohnen könne.
„Der wohnte hier schon als kleines Kind. Und da sah es bestimmt genauso aus. Aber fragen Sie ihn selber.“
Je weiter ich die Wohnung untersuchte, desto mehr bekam ich das Gefühl auch immer weiter in die Vergangenheit des Mannes vorzustoßen. Bilder in zersprengten Rahmen schmückten eine Wand, Bilder seiner Familie. Obgleich ich die Gesichter nicht mehr genau erkennen konnte, wirkte keiner darauf wirklich glücklich.
Nur ein Bild, das über einer Kommode hing, strahlte ein wenig Wärme aus. Charlie, wohl als Jungendlicher, hielt eine dürre, junge Frau im Arm, mit hellen weißen Haaren und überdimensionalen, grauen Augen.
„Ach ja, richtig. Seine Ex-Freundin“ meinte der Mann freundlich. „Von der haben wir auch ein paar Stücke gefunden.“ Er deutete auf eine Stelle unterhalb des Bilderrahmens.
Dort hing, mit Klebestreifen befestigt, ein Büschel fast weißer Haare mit blutig verklebter Wurzel.
„muss ja die ganz große Liebe gewesen sein“ bemerkte ich sarkastisch. „War sie, war sie. Ihr Körper war der einzige, von dem nur noch die Knochen übrig waren.“ Ich seufzte.
Zurück in meinem Zimmer der Anstalt blätterte ich in dem Fragebogen, den man mir auf den kleinen Eichentisch gelegt hatte. Damit würde wohl geregelt werden, wie gefährlich Charlie eingestuft wurde. Obwohl ich schon in meiner früheren Arbeitsstädte, dem alten Troktura- Stadtkrankenhaus (Leser von PMtoPM erinnern sich vielleicht), als psychologische Betreuerin solche Entscheidungen treffen musste, fühlte ich mich dennoch unwohl.
Schließlich würde ich hiermit die nächsten Jahre im Leben dieses Mannes entscheiden. Nicht dass er mir sympathisch wäre. Schließlich machte ich dennoch brav meine Kreuzchen und Häkchen und war auch bald auf dem Weg zum Büro des Anstaltleiters.
Dabei kam ich am Verhörzimmer vorbei. Charlie saß schon wieder dort. Als er mich durch das Glas erkannte, winkte er mir zu und blickte mich hoffnungsvoll an. Sofort tat er mir wieder leid. Irgendwie wirkte er nicht bösartig auf mich, auch nicht wirklich gleichgültig. Er schien ein Mann zu sein, der mit sich selbst nichts mehr anzufangen wusste, nachdem er bemerkt hatte, was für Dinge er tat. Er spielte den Harten, den eiskalten, psychopathischen Mörder, das war klar, aber er war es nicht. Diese gedankenlosen Kreise, die er immer wieder mit seinen Fingern zog, die traurigen Augen und sein ganzer Körper, zusammengesackt und schlaff, sprachen eine andere Sprache.
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