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Ritter
So, es ist jetzt Samstag und ich finde endlich Zeit, meine Geschichte zu "Veröffentlichen".
Nach einem Vote für "Maskenball" und einer Enthaltung ist das Ergebnis klar, deshalb hier das erste Kapitel der neuen und hoffentlich beständigen Geschichte:
Diese Welt ist schmutzig. Wo einst Pflastersteine waren quillt nun der Schlamm ungehemmt aus dem feuchten Boden in der Nähe des Kanals, Berge aus Müll erheben sich in den ständig düsteren Himmel. Ab und zu finden Obdachlose brauchbare Dinge in ihnen. Oder Dinge finden die Obdachlosen. Die Welt ist düster, verschlossen, nun, nach einer einst mehr oder minder glorreichen Vergangenheit.
Ihre Trostlosigkeit spiegelt sich auch in den Häusern und ihren Bewohnern wieder. Direkt am Kanal, die Bauten, aus dem Nötigsten hergestellt, dicht beieinander, sich gegenseitig stützend um nicht gänzlich in den Morast abzusacken.
Und doch- obwohl sie so nah sind, haben die Menschen, die in ihnen leben nicht viel Kontakt untereinander. Meist sind sie Einzelgänger, teils dem Wahn, teils der Depression verfallen, doch es gibt auch jene Häuser, deren Bewohner schon längst verstorben oder gegangen sind, was in dieser Stadt, die so kalt und abgeschieden ist, meist das Selbe bedeutet.
Dennoch hat die Stadt kein Armenviertel. Sie ist ein Armenviertel, das größte Armenviertel des ganzen Kontinents, auf dem sie steht.
Die Häuser am Kanal sind einige von den Schlimmsten, sie gehören den wirklich sehr armen Leuten, wobei eines von ihnen jedoch die Ausnahme macht- sogar die Penner sehen es als Schandfleck an und würden es noch nicht einmal betreten, wenn es der einzig trockene, halbwegs warme Ort der Stadt wäre. Der untere Teil der Baracke ist bereits im Matsch versunken, der Keller voll gelaufen mit dem Brackwasser des kleinen Flusses in seiner Nähe, der Abfall, Krankheiten und manchmal noch Schlimmeres mit sich führt.
Von außen, mit den überraschend sauberen Wänden und den relativ kompletten Fenstern wirkt es noch recht angenehm, doch im Inneren herrscht der Verfall vor. In seinem Zentrum vegetiert eine einzelne Person vor sich hin, schmutzig, vom Rest der Welt abgewandt aber mit Erinnerungen an eine bessere Vergangenheit erfüllt. Das perfekte Abbild der Stadt. Der Welt.
Beanies Kopf hob sich aus dem Müll, der den Boden seiner Wohnung dominierte, sein Leib schälte sich müde und träge aus dem versifften, ehemals weißen Betttuch und rollte dann von der Matratze, aus der schon seit Jahren die Füllung quoll. Verschwitzt und nackt, wie eine klebrige, frisch geschlüpfte Made, lag er auf dem Boden, auf dem zerfetzten Teppich, und streckte seine Gliedmaßen, soweit es die überall herumliegenden Abfälle zuließen, von sich.
Mit verklärten Augen starrte er auf die gegenüberliegende Wand, die einst mit Akt-Fotos und Postern „tapeziert“ gewesen war. Nun wiesen die allerhöchstens spärlich bekleideten Damen bereits Wasser- und Schimmelschäden auf, wirkten wie verwesende Leichen, deren einst so einladende Posen nun grotesk und irgendwie erschöpft. Es schien so, als wäre ihnen das erzwungene Lächeln von den Lippen gewichen, von dem Zeitpunkt an, da ihre papierenen Leiber eine transparente, aber dauerhafte Bindung mit dem bröckelnden Putz eingegangen waren.
Auf allen Vieren, mehr Tier, denn Mensch, kroch Beanie, mit seiner schmächtigen Brust eine Art Bugwelle aus Unrat vor sich herschiebend, durch den kurzen Gang, der sein Wohn- und Schlafzimmer mit der kleinen Küche verband, die vom Verfall noch deutlicher gekennzeichnet war als der Rest der Vier-Zimmer-Wohnung.
In der Spüle war Geschirr so rücksichtslos gestapelt worden, dass der Stapel einst kippte und nun nicht mehr viel außer Scherben von ihm übrig war. Mit einer Hand stützte sich Beanie hoch, sein ausgezehrtes Gesicht wurde von der flackernden Küchenschrankleuchte erhellt, deren Licht genauso kalt und fahl war, wie seine Haut.
Spröde, verfilzte Haare die seit mehreren Wochen nicht mehr gewaschen worden waren, was man beim Zustand der Dusche allerdings verstehen konnte, fielen ihm vor die Augen, als er fast auf dem schmierigen Boden ausrutschte.
Er war schwach. Seit fast einer Woche hatte er nichts außer Wasser zu sich genommen. Wasser und…
Überraschend bedächtig füllte er ein dreckiges Glas mit Leitungswasser. Dann stapfte er zurück in seiner Wohnzimmer, zog die kleine Kommode neben seinem improvisierten Bett auf und griff in die Schublade. Sie beherbergte das wertvollste, das wichtigste in seinem Leben: SOG.
Beanie presste zwei Tabletten aus dem Blister, steckte sie sich in den Mund und eilte erneut in die Küche, wobei er fast über einen Nahrungsmittelkarton gefallen wäre, griff nach dem Glas und schluckte das bereits übel riechende Wasser mitsamt den Tabletten hinunter. Die Flüssigkeit stammte direkt aus dem Kanal.
SOG war eine Droge, sie machte schnell süchtig und ihr Konsum konnte binnen weniger Tage tödlich enden, zumindest bei einem geschwächten Individuum.
Einst, so hieß es in alten Büchern, wurde die Welt von einem Material namens „Grotesciin“ erhellt, dessen Leuchtkraft aber anscheinend nachgelassen haben musste, denn seit mehr als hundert Jahren war der Himmel finster, wenn auch nicht gänzlich dunkel, selbst Tags über. Es war auch kälter geworden, siebzehn Grad waren das höchste der sommerlichen Gefühle.
Daher glaubten Viele das Gerücht, dass SOG für „Son Of Grotesciin“ stand, da sie auch an seine erleuchtende Wirkung glaubten, doch die Wahrheit war, wie immer, etwas anderes.
SOG stand für „Sexual Organ’s Grave“, eine Abkürzung, die anscheinend von jemand sehr realitätsnahen und sarkastischen geschaffen worden war, denn SOG machte auf längere Sicht impotent.
Beanie war das egal. Früher, vor zwei Jahren um genau zu sein, hatte er eine Freundin gehabt, aber da arbeitete er auch noch bei der Polizei und lebte in einem schönen Haus in einem gepflegtem Viertel der Stadt. Aber sie war abgehauen, als er seinen Job verlor, woran bereits damals Drogen nicht ganz unschuldig gewesen waren und so war er allein geblieben. Anfangs hatte er noch ein paar Bekanntschaften gehabt, später nur noch seine Bilder, jetzt hatte er niemanden mehr in seiner Nähe. Doch die Droge hatte sowieso den Platz des „Einen“ eingenommen. Nichts anderes war wirklich wichtig.
Erschöpft ließ sich Beanie nach unten sinken, mit dem Rücken an die unteren Küchenschränke gelehnt.
Schon seit er SOG regelmäßig einnahm befand er sich in einem emotionsarmen Zustand und das einzige, was er in den seltenen Phasen, in denen er die Droge nicht einnahm, verspürte, waren ungebändigte Angstzustände, Stress und permanentes Unwohlsein.
Gerade, als die entspannende Wirkung des Rauschmittels begann, seine Gedanken zu lähmen, war ein Krawall auf den Straßen zu hören.
In einer ungewöhnlich starken Regung von Neugier, normalerweise ignorierte Beanie praktisch alles in seiner Umgebung, kroch, beziehungsweise rollte, er sich zum Küchenfenster, stemmte sich auf dem Fensterbord hoch und blickte hinaus in die Finsternis der Straßen. Sie war durchdrungen mit hellen, punktförmigen Lichtern, Stimmen und Gesang. Über eine der schmalen Brücken, die über den Kanal verliefen kam das Gewirr auf ihn zu.
Trotz oder gerade weil der plötzlichen Änderung schaffte Beanies Gehirn es tatsächlich, einen Gedanken zu bilden: „Maskenball. Mal wieder.“
Dann wurde ihm schlecht. SOG mochte es nicht, wenn man von seiner Wirkung abgelenkt wurde.
Beanie hing über dem Toilettenrand. Sein Magen hatte sich beruhigt und sein Kopf war klar wie seit langem nicht mehr. Trotzdem fühlte er sich mies. „Zwei Tabletten verschwendet. Zwei, “ fluchte er. Dann fing er an zu kichern. Stimmungsschwankungen waren nach dem Konsum von SOG normal, aber das würde sich in weniger als einer halben Stunde ändern, denn dann würden die Entzugserscheinungen auftreten. Das Erstaunliche an SOG war, dass seine Wirkung bei einer frühzeitigen Entfernung der Tablette aus dem Magen des Abhängigen sofort verschwand.
„Na ja. Noch ein Grund raus zu gehen.“
Aus dem Schrank im Wohnzimmer zerrte Beanie ein paar zerschlissene, aber wenigstens saubere Jeans sowie ein dreckiges graues T-Shirt. Er zog Beides direkt über seinen Leib, um frische Unterwäsche zu suchen war er zu faul und außerdem musste er sich bereits beeilen.
Er stolperte aus der Haustür und konnte am Ende des Kanals die Lichter des Umzuges erkennen. Sie hatten Halt gemacht und grölten Lieder, der Inbegriff der noch übrig gebliebenen Dekadenz der Stadt.
Mit schnellen Schritten eilte er auf sie zu, als sie sich auch schon wieder in Bewegung setzten. Dennoch hatte Beanie sie recht bald eingeholt und gesellte sich zu ihnen. Die illustre Gesellschaft bemerkte ihn recht bald und man warf ihm, wie es zur Zeit des Maskenballs übrig war, ein paar kleine Münzen zu, denn der Maskenball war für die oberen Gesellschaftsklassen bestimmt.
Im Zentrum der Menge ritt eine etwas kräftigere Frau auf einem Pferd, sie trug ein ärmelloses, schwarzes Kleid und Maske, die die Form eines vierhörnigen Widders hatte. Sie musste die „Abenddame“ sein, die Lady, die den Höhepunkt des Abends einleitete. In zwei Stunden, wenn es fünfundzwanzig Uhr war, würde sie den Beginn der Maskenzeit ankündigen.
Beanie konnte sich noch genau daran erinnern, wie seine Freundin diesen Posten besessen hatte, als er selbst noch den Pennern auf der Straße Münzen hinwarf.
Die Frau blickte zu ihm hinab, vom Rücken des trabenden, braunen Pferdes, lächelte und reichte ihm mit einer eleganten Handbewegung ein kleines Säckchen. Es war schwer und als Beanie es öffnete fiel sein Blick auf fünf große Münzen, ein kleines Vermögen aus seiner Sicht. „Verschwende es nicht“, riet sie ihm. Sie musste noch jung sein, denn ihre Stimme war klar und kräftig.
In Gedanken sagte Beanie zu sich selbst: „Das werde ich wohl kaum. Schließlich ist dein kleiner Straßenzug daran schuld, dass ich mir neuen SOG kaufen muss. Das hier entschädigt.“
Von der anderen Seite seines Kopfes registrierte er eine Bewegung, eine Hand mit einer Münze zwischen den Fingern. Doch als er seinen Kopf wandte zog sie sich zurück. Er blickte in ein Gesicht. Ein Gesicht, verzerrt von Entsetzen und Wut zugleich. Obgleich ihr Gesicht ebenfalls hinter einer, wenn auch schlichten, Maske verborgen war, erkannte er die Person dahinter durch die kurzen roten Locken. „Alice…“
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