Die wichtigen zwei Punkte für mich waren
- Interpretation speziell der letzten Szene von Maelles Ende (mit akustischem und visuellen "Jumpscare")
- Einordnung von Versos Ende, der unmittelbaren Vernichtung seines Bilds mitsamt all seiner Charaktere, und der Zukunft der Dessendres
Beim zweiten Punkt stimme ich mit deiner Analyse überein: Der endgültige, klare Abschluss mit der "Phantasiewelt" in Versos Ende ist recht deutlich das, was wir gemeinhin als gesunden, positiven Prozess ansehen. Das scheint es einfach zu machen, es als "gutes" Ende zu interpretieren; insbesondere, wenn man die ungesunde Familiendynamik der Dessendres und die Zukunftsaussichten Alicias ignoriert, die in deinem Review aber beide klar herausgearbeitet wurden. Ich teile deine Meinung, von daher ist dieses Ende meiner Meinung nach bestenfalls neutral, selbst wenn man die sofortige Vernichtung Versos Bild mitsamt aller Charaktere wie Esquie, Lune, Sciel und Monoko nicht als Genozid ansieht, sondern als akzeptablen Kollateralschaden.
Der erste Punkt ist daher der interessantere. Um Missverständnissen vorzubeugen: Wenn ich die letzte Szene in Maelles Ende so aufgefasst hätte, dass sie effektiv in Alines Fußstapfen tritt, um als manipulative gottgleiche Entität über Versos Bild zu herrschen, wäre ich ebenso enttäuscht gewesen. Meine Interpretation war jedoch eine andere, aus folgenden Gründen:
- Maelles Frage unmittelbar vor dem Übergang zu ihrem Ende:
Zitat von Maelle
"If you could grow old, would you... find a reason to smile?"
...
Es ist klar, dass sie Verso diesen Wunsch erfüllt hat: In der finalen Szene als Pianist ist er gut 20 Jahre gealtert, verglichen mit seinem Charakter während des Spiels. Die interessantere Frage ist aber -- gilt dieses Altern auch für den verbleibenden wahren Teil seines Ichs, der das Bild erhält, i.e. den "kleinen Jungen"?
Darauf gibt es keine Antwort im Spiel, aber ich tendiere zu "Ja": Maelle betont sowohl gegenüber Renoir ("Just a little longer?") als auch gegenüber Verso ("I just... I just want to live this lifetime together, this lifetime that was stolen from us."), dass sie die Existenz in seinem Bild zwar als längerfristige, aber letztendlich temporäre Lösung sieht, mit dem Vorsatz, es eines Tages zu verlassen. Unter dieser Annahme wird Versos Bild nach Ende seiner Lebenszeit mit ihm enden, und Maelle wird es spätestens dann verlassen (müssen). Das macht Versos Alterung zu einem Kompromiss Maelles und einer freiwilligen Abgabe von Kontrolle, zu der Aline nicht fähig war, als sie ihm Unsterblichkeit "gab".
Eine solche Entscheidung passt so gar nicht zu dem Image Maelles einer "manipulativen, gottgleichen Entität, die ein Faksimile ihres toten Bruders zwingt, als Pianist aufzutreten, weil ihr gerade danach ist", wie es manche in ihrer Kritik auf Basis ihrer Auffassung so treffend formulieren,
- Versos Zitat von Renoirs Mantra, unmittelbar vor der finalen Entscheidung
Zitat von Verso (quoting Renoir)
"See things as they are, not as we want them to be."
...
Diese Philosophie Versos wird wichtig, wenn man bedenkt, dass Szenen in Schwarzweiß verwendet werden, um Perspektivwechsel oder Rückblenden hervorzuheben. Es ist schlüssig anzunehmen, dass das auch für die finale Szene in Maelles Ende gilt -- wir sehen darin die Auswirkungen von Maelles Entscheidung (und Kompromiss) aus Versos Sicht.
Er weiß um die Langzeitfolgen für Alicia, während sie als Maelle die begrenzte verbleibende Zeit mit ihm in seinem Bild verbringt. Es ist auch klar, dass er mit ihrer Entscheidung nicht einverstanden war und ist ("You're Maelle, no matter where you are. You don't need this canvas.") -- trotz des Kompromisses mit seiner Alterung, und der seines Bilds. Obwohl er mit dem Auftritt als Pianist vor Lune, Maelle und den anderen Mitgliedern von Expedition 33 einen seiner Träume auslebt, sehen wir, wie er Maelle im finalen Blickkontakt wahrnimmt, bevor er Alicias Theme spielt: Eine dissonante Komposition aus Maelle, und den Gesichtszeichnungen Alicias durch ihren schon länger andauernden Aufenthalt in seinem Bild.
Ich denke, der finale "Jumpscare" repräsentiert diese Dissonanz, mit der Verso Maelle in ihrem Ende sieht; eine Sicht, die es ihm verständlicherweise nicht möglich macht, seinen Auftritt unbeschwert zu genießen. Zusätzlich kann der "Jumpscare" für den Konflikt stehen zwischen dem, was Verso sich für Alicia wünscht, und der Realität, dass sie die begrenzte Zeit trotzdem auf eigene Kosten in seinem Bild verbringt, ohne ihrem Vorsatz erkennbar nähergekommen zu sein. Der "Jumpscare" stellt sicher, dass diese nicht abgeschlossenen Konflikte gegenüber all den positiven Effekten wie der Wiedervereinigung von Gustave mit Sophie nicht vergessen werden -- und das überaus effektiv.
- Zuletzt noch ein narrativer Grund, der auch in deinem Review angesprochen wurde: Es erscheint schlicht unpassend, dass eine ansonsten differenzierte und behutsame Erzählung mit einer unmotivierten Charakterassassination Maelles als "manipulative, gottgleiche Entität" endet. Insbesondere, da sie nur kurz vor dem Ende im Sidequest "The Reacher" eine klar gegenteilige Entwicklung durchmacht, und aus ihrem Fehler lernt.
Vielleicht ist es unangebrachter Optimismus meinerseits, aber kann mir nicht vorstellen, dass all dieses Potential tatsächlich für ein plumpes "Gotcha!" verschwendet wurde. Das ungeachtet der Aussage der Entwickler dazu, denn ein Werk soll nach der eigenen Wirkung bewertet werden, nicht danach, wie es angeblich wirken soll.
Unter dieser Sicht bevorzuge ich Maelles Ende gegenüber Versos Ende, und halte es eher für neutral als negativ; insbesondere, nachdem ihr Kompromiss die Dynamik zwischen ihr und Verso deutlich entschärft. Es muss aber auch gesagt werden, dass insbesondere das Altern des Bilds Interpretation/Spekulation meinerseits sind, und mir klar ist, dass andere das anders wahrnehmen. Unabhängig davon: Auch mit dem Kompromiss halte ich Maelles Entscheidung, Versos Bild und ihn selbst gegen seinen Willen (wenn auch nur temporär) weiter existieren zu lassen, für grausam, wenn auch nachvollziehbar.
Allerdings bleibt in dieser Interpretation zumindest noch die Möglichkeit für Maelle, ihren Vorsatz in die Tat umzusetzen, eines Tages Versos Bild aus eigenem Antrieb zu verlassen, und vielleicht sogar Frieden mit Verso zu schließen ob ihrer Entscheidung -- auch wenn das (nach dem, was ihr Ende zeigt) noch nicht geschehen ist. Sie erlaubt eine Sicht auf Maelles Ende als halb-offener Abschluss der Geschichte mit vielen dunklen Tönen, aber der Möglichkeit für Optimismus -- eine Sicht, die meiner Meinung nach eher ins Gesamtbild passt, als die Alternative, und bei mir zu einem deutlich positiveren Gesamteindruck führt.