Ich flaniere durch die Räumlichkeiten des Hauses, immer noch in die Stichworte, die ich in mein Notizbuch gekritzelt habe, vertieft, und lande schließlich mit einigen anderen Gästen, die sich auch dahin verirrt hatten, im Weinkeller. Weinkeller … ob Forsythe wohl genug Geschmack besessen hat, um einen guten weißen Bordeaux auf Lager zu haben? So einen habe ich seit meiner Abreise aus Frankreich nicht mehr getrunken. Es ist so schwer, im Ausland an guten Wein zu kommen.

“Mesdames, Messieurs”, rufe ich schließlich in die Runde. “Ich denke, wir sind hier lange genug herumgelaufen, ohne wirkliche Ergebnisse zu erzielen. Jeder von uns hat sicherlich schon den ein oder anderen Hinweis irgendwo entdeckt und fragt sich, was er damit anfangen soll. Jeder von uns zieht hier niemanden ins Vertrauen, weil jeder verdächtig ist. Ist es nicht so?”

Ich sehe in die Runde und warte auf eine Antwort. Als niemand etwas sagt, fahre ich fort.

“Nun gut, dann beginne ich. Mein Name ist Guillaume Le Shark, ich bin Arzt und komme aus Paris. Studiert habe ich an der Sorbonne und an der staatlichen Hochschule in Tokio, Japan, wo ich einige Jahre gelebt habe. Aber genug von mir, ich will Sie ja nicht langweilen …”

Ich feuchte meinen rechten Zeigefinger an und blättere in meinem ledergebundenen Notizbuch herum, das ich in der anderen Hand halte.

“Ich habe die Leiche untersucht und es erscheint mir ziemlich eindeutig, daß Monsieur Forsythe vergiftet wurde. Da der Körper auch einige Zeit nach dem Ableben keine Zeichen von Blutgerinnung zeigte, gehe ich davon aus, daß ein leberschädigendes Gift verwendet wurde, wie zum Beispiel ein Cumarin — Rattengift. Oder etwas vergleichbares.”

Während ich in meinem Buch herumblättere und nebenbei neue Einträge mache, die mir in den Kopf kommen, während ich die Ausführungen dem Publikum mitteile, ziehe ich mir eine Zigarette aus der Tasche meines Mantels und stecke sie in den Mund ohne sie anzuzünden.

“Hinzu kommt, daß der Teller, von dem der Alte gegessen hat, im Gegensatz zu allen anderen Tellern, schon längst abgespült war, als ich in die Küche kam. Warum sollte jemand den Teller spülen? Ausgerechnet den einen? Außer natürlich, da sind Dinge drauf, die man uns nicht finden lassen wollte. Gift zum Beispiel. Wohingegen mich ein werter Kollege auch auf die Idee gebracht hat, daß das Gift zum Beispiel im Mundwasser von Monsieur Forsythe hätte gewesen sein können. Immerhin ist mir, als ich mich zu den Örtlichkeiten begab, im Medizinschrank unseres Gastgebers eine klaffende Lücke aufgefallen. Und welches Interesse sollte jemand haben, etwas daraus zu stehlen, wenn nicht das, es aus heimtückischer List zu entsorgen?”

Ich stecke den Bleistift zu der Zigarette in den Mund und ziehe mit meiner freien Hand eine Packung Zündhölzer aus der Tasche. Um das Notizbuch nicht weglegen zu müssen, klemme ich die Packung zwischen Daumen und Notizbuch, hole ein Holz hervor und mache es etwas unbeholfen an, um mir die Zigarette anzuzünden. Dann nehme ich den Bleistift wieder aus dem Mund und mache weitere Anmerkungen.

“Und Mesdames, Messieurs, es drängt sich mir quasi auf, den ebenfalls ermordeten Koch irgendwie mit diesen Zusammenhängen in Verbindung bringen zu wollen. Nicht zuletzt könnte er mit diesem Mord beauftragt worden sein. Er steckte bis zum Hals in Spielschulden und die hätte er niemals bezahlen können. Sicher hätte ihm der Tod Monsieur Forsythes nichts gebracht, aber jemand anderem mit Sicherheit, und der hätte ihm dafür ein großzügiges, aber unmoralisches Angebot machen können. Und jetzt stellt sich natürlich die Frage, wer hier am meisten davon profitiert, daß der Alte von uns gegangen ist?”

Ich klappe das Notizbuch zu, lasse es wieder in meiner Manteltasche verschwinden und schweife meinen Blick einmal in die Runde.

“Ich denke, ich lasse Sie jetzt ihre Schlüsse ziehen. Um jemanden zu beschuldigen, ist es wahrlich noch zu früh. Nicht, bevor wir nicht mehr wissen. Nicht, bevor wir nicht sicher wissen, wer es wahr.”

Ich lasse die Zigarette auf den Boden fallen und trete einmal darauf. Dann wende ich meinen Blick wieder den Weinregalen zu, um zu sehen, wie viele gute französische Weine der Alte wohl wirklich gehabt haben mag.