Nachdem sich die Bergleute mit ihrem Streik gegen die Bergwerksgesellschaft geschlagen geben,
sprengt der russische anarchist Suwarin die Grube und reißt dutzende von Bergleuten in den Tod.
Seine ruhige und unbeteiligte lassen ihn anfangs sehr einsam und desinteressiert erscheinen.
Er selbst ist zwar nur ein Nebendarsteller mit einer kleinen Rolle in diesem Roman,
aber die Auswirkungen und seine Motivation die Grube ohne irgendwelche Gewissensbisse zu sprengen,
machen ihn für mich zu einem der denkwürdigsten literarischen Charaktere.
Suwarin, der am Tische saß, rauchte still für sich hin, und seine Miene bewahrte ihre gewohnte Sanftmut. Etienne ging eine Weile wortlos hin und her, dann erleichterte er sein Herz. War es seine Schuld, daß man diesen dicken Taugenichts gegen ihn losließ? Er wehrte sich gegen den Vorwurf, die Volkstümlichkeit gesucht zu haben; er wußte nicht einmal, wie alldas gekommen war, die Freundschaft der Bevölkerung des Arbeiterdorfes, das Zutrauen der Bergleute, die Macht, die er zur Stunde über sie hatte. Er war entrüstet über die Anschuldigung, aus Ehrgeiz zum Aufruhr gedrängt zu haben; er schlug sich an die Brust und beteuerte seine brüderlichen Gefühle.
Plötzlich blieb er vor Suwarin stehen und rief:
»Hör' einmal: wenn ich wüßte, daß die Sache einem unserer Freunde auch nur einen Tropfen Blut kosten könnte, würde ich lieber sogleich nach Amerika gehen!«
Der Maschinist zuckte mit den Achseln, und ein Lächeln kräuselte wieder seine Lippen.
»Blut,« murmelte er, »was hat das zu bedeuten? Die Erde braucht Blut...«
Etienne beruhigte sich allmählich, nahm einen Sessel und ließ sich am andern Ende des Tisches nieder, den Ellbogen aufstemmend. Dieses blonde Gesicht, dessen träumerische Augen zuweilen eine helle Röte annahmen, die ihnen einen Ausdruck der Wildheit gab, beunruhigte ihn und übte eine seltsame Wirkung auf seinen Willen. Ohne daß der Kamerad sprach, durch das Stillschweigen selbst gewonnen, fühlte er sich allmählich in Gedanken verloren.
»Was würdest du an meiner Stelle tun?« fragte er endlich. »Habe ich nicht recht, daß ich zur Tat dränge? . . . Es ist doch das Beste, daß wir uns an diesen Bund anlehnen, nicht?«
Suwarin blies ein Rauchwölkchen in die Luft, dann antwortete er mit seinem Lieblingsworte:
»Das sind Dummheiten; aber vorläufig ist es gut so... Übrigens wird deine Internationale sich bald rühren. Er beschäftigt sich damit.«
»Wer?«
»Er!«
Er hatte dieses Wort halblaut ausgesprochen, mit der Miene inbrünstigen Eifers, und dabei seinen Blick nach dem Osten gerichtet. Er sprach vom Meister, von Bakunin, dem Vertilger.
>>Er allein vermag den Keulenschlag zu führen,« setzte er hinzu, »während deine Gelehrten mit ihrer Evolution nichts als Feiglinge sind... Ehe drei Jahre vergehen, wird die Internationale unter seinen Befehlen die alte Welt zertrümmern.«
Etienne spitzte aufmerksam die Ohren. Er brannte vor Wißbegierde, diesen Kultus des Umsturzes zu verstehen, über den der Maschinist nur wenige, unklare Worte fallen ließ, als wolle er seine Geheimnisse für sich behalten.
»Aber erkläre mir doch endlich, was ist euer Ziel?«
»Alles zerstören... Keine Nationen, keine Regierungen, kein Eigentum, keinen Gott und keinen Kultus.«
»Ich verstehe. Aber wohin führt euch das?«
»Zur anfänglichen formlosen Gemeinschaft, zu einer neuen Welt, zu einem neuen Beginn von allem.«
»Und die Mittel der Durchführung? Wie wollt ihr die Sache anfassen?«
»Mit dem Feuer, mit dem Gift, mit dem Dolch. Der Räuber ist der wahre Held, der Volksrächer, der Revolutionär der Tat, ohne aus den Büchern geholte Redensarten. Eine Reihe von furchtbaren Attentaten muß die Mächtigen erschrecken und die Völker erwecken.«
Suwarin wurde furchtbar, wenn er so sprach. Die Begeisterung erhob ihn auf seinem Sessel, eine geheime Flamme sprühte aus seinen fahlen Augen, und seine feinen Hände preßten den Tischrand, daß er ihn fast zerbrach. Von Furcht ergriffen, betrachtete ihn der andere und dachte an die Geschichten, die ihm halb und halb anvertraut worden, an die Minen unter dem Palaste des Zaren, an die Polizeichefs, die niedergestochen wurden gleich Wildschweinen; an die Geliebte Suwarins, das einzige Weib, dem er zugetan gewesen, und das an einem regnerischen Morgen in Moskau gehängt wurde, während er, unter die Menge verloren, sie ein letztes Mal mit den Augen küßte.
»Nein, nein,« murmelte Etienne mit einer Handbewegung, welche diese abscheulichen Bilder verscheuchte; »wir hierzulande sind noch nicht so weit. Mord und Brand, niemals! Das ist ungeheuerlich, das ist ungerecht; alle Kameraden würden sich erheben, um den Verbrecher zu erwürgen.«
Übrigens begriff er noch immer nicht; seine Rache lehnte sich auf gegen diesen düsteren Traum von der Ausrottung der Welt, die hingemäht werden sollte wie ein Roggenfeld. Was werde man nachher anfangen, wie würden die Völker dann neu erstehen? Er forderte eine Antwort.
»Sage mir dein Programm. Wir wollen wissen, wohin wir gehen.«