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Puppet Vampire
Es ist schon eine äußerst interessante Sache, eine Gruppe von Menschen zu beobachten, die sich freiwillig in einem stickigen, stinkenden und schummrigen Raum versammelt hat, um sich mit Hilfe verschiedenster Alkoholika um den – meist eh nur in geringen Mengen vorhandenen – Verstand zu trinken. Dass dabei mit steigender Zahl der Getränke eben jenes häufiger auf Kleidung, Tisch oder Boden landet, stört die Anwesenden weniger. Ebenso wie die Tatsache, dass die verschütteten Getränke zum allgemeinen Eigengeruch der Einrichtung ihren Beitrag leisteten, so wie es Schweiß, Rauch und allerlei andere Körperausdünstungen taten.
Wenn nicht schon vorher geschehen, so wäre Marxzes spätestens beim Betreten des Gasthauses unweigerlich der Vergleich zu den Schweinen in den Sinn gekommen. Auch wenn dieser Vergleich den Tieren spottete, da diese an sich doch eher reinliche Geschöpfe waren. Eine Erfahrung, die er noch während seiner Zeit bei seinen Eltern gemacht hatte und die ihm für immer im Gedächtnis bleiben sollte; eine der wenigen Erinnerungen, die ihm aus jener Zeit geblieben waren und die nicht den bitteren Geschmack von Trauer, Schmerz, ohnmächtiger Wut und unerfüllbarer Rache trugen.
Ob es an ihm, seiner Erscheinung oder einer höheren Macht lag, wusste der Einsiedler nicht; jedoch wurde fast augenblicklich, als er den muffigen Gastraum betrat, dessen hölzerner Boden sporadisch mit Stroh bedeckt war, ein kleiner Tisch unweit des Tresens frei, an den er sich unverzüglich niederließ. Eine einsame Kerze stand in der Mitte der Holzscheibe, die nicht sehr geschickt auf ein leeres Fass gehämmert worden war. Warum überhaupt jemand diesen Aufwand betrieben hatte, war Marxzes unbegreiflich; die Holzscheibe war in ihrem Durchmesser nur geringfügig größer als das Fass selbst und brachte somit kaum irgendeinen deutlichen Vorteil. Zumal die mangelhaft ausgeführte Arbeit nicht einmal optisch ansprechend wirkte. Gleiches galt für die Sitzgelegenheit, die sich als ein lieblos zusammen gezimmerten Hocker darstellte, an dessen Stelle man auch ruhigen Gewissens einen einfachen Holzklotz hätte nehmen können. So jedoch blieb ihm nichts anderes übrig, als sich auf die zweifelhafte Sicherheit der Konstruktion aus vier Beinen und einer Holzscheibe nieder und zu verlassen. Entgegen seiner Befürchtung, das Konstrukt würde bei der ersten Berührung seines Hinterteils mit ihm einbrechen, erwies sich – welch ein Glück! – als nicht zutreffend. Überhaupt war der Hocker weitaus stabiler, als sein kümmerliches Äußeres vermuten ließ. Beinahe wie er selbst. Ein weiterer interessanter Vergleich, den Marxzes am heutigen Tage anstellte; sich selbst mit einem äußerlich minderwertigen Hocker zu vergleichen, der an einem einsamen Tisch eines verwahrlosten Gasthauses stand. Offensichtlich hatte er heute seine große, denkerische Ader getroffen und schien sie in vollen Zügen auszuleben.
Nachdem er die Kapuze seines Mantels zurück geschlagen hatte, ließ der Einsiedler seinen Blick interessiert durch den Raum schweifen. Das typische Bild einer solchen Einrichtung bot sich ihm: Grüppchen von Männern saßen zusammen vor einer ansehnlichen Menge leerer Krüge und versuchten mit schwerer Zunge tiefgreifende Gespräche zu führen, was ihnen aber nicht sonderlich gelingen wollte. Und der massiv konsumierte Alkohol schien dabei nur einer der Umstände zu sein, weshalb sich dieses Unterfangen als schwierig gestaltete.
Beim Schankwirt, dessen Aufmerksamkeit er eigentlich für eine Bestellung gewinnen wollte, sah er eine junge, recht hübsche Frau, die sich lautstark über die Preise ereiferte. Anscheinend, so mutmaßte Marxzes aus dem, was er von der Unterhaltung verstehen konnte, schien sich die junge Frau ungerecht behandelt zu fühlen und machte dies mit lauter Stimme auch deutlich. Ein, von der Natur recht kurz gehaltener, Bauer verschluckte sich an seinem Getränk und brach in ein röchelndes Husten aus. Gut konnte sich der Einsiedler vorstellen, wie man sich fühlen musste, wenn man sich an einem scharfen, alkoholischen Getränk verschluckte – ihm selbst war dies bei seinem ersten Schluck selbstgebrannten Mets passiert, den ihn ein leicht verwirrter Bauer und Säufer angeboten hatte. Ein prägendes Erlebnis, das ihn jedoch nicht davon abgebracht hatte, weiterhin den Alkoholika zuzusprechen, wenn ihm der Sinn danach stand.
Die junge Maid schien sich weiter in Rage gebracht zu haben, denn sie stellte einen jener unvollständigen Sätze in den Raum, auf die in der Regel blanker Stahl und rollende Köpfe folgten. Oder auch nette, kleine Löcher in der Gegend wichtiger Organe, die kaum ein sanftes Entschlafen zulassen würden, sondern eher für stundenlange Qualen, innere Blutungen und allerlei weitere angenehme Nebeneffekte sorgten. Eine sicherlich unschöne Situation, die sich Marxzes dennoch nicht entgehen lassen wollte und deren Ausgang ihn sehr interessierte…
Geändert von Simon (29.10.2008 um 08:28 Uhr)
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