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Fossil
Bravil: Schloß; Kriegergilde => Skingrad
Es wäre Erynn am Liebsten gewesen, den Ort des Geschehens schnellstmöglich zu verlassen -zumal sie nicht wußte, wo sich der letzte Angreifer befand-, jedoch ließ der strömende Regen kein flottes Reisetempo zu. Vorsichtig suchte sich Falchion seinen Weg über die glitschige Straße, den Hals lang gestreckt um das Gleichgewicht zu wahren. Sie passierten die Schenke „Zum schlechten Omen“ noch vor dem Mittag. Unter normalen Umständen hätte Erynn hier jetzt wohl eine Rast eingelegt, um besseres Wetter abzuwarten – aber es waren keine normalen Umstände. Schon seit sie sich wieder dazu aufraffen konnte, ihre Reise fortzusetzen, überlegte sie fieberhaft, ob sie nur nur zufällig von den Wegelagerern als Opfer auserkoren wurde, oder ob mehr dahinter steckte. Wieder einmal wanderte ihre Hand zu der Stelle, wo sie die Nachrichten aus Burg Skingrad unter der Rüstung verstaut hatte: Noch immer waren diese sicher an Ort und Stelle.
Nach einer Weile besserte sich das Wetter, so daß sie Falchion zu einem schnelleren Tempo treiben konnte und Bravil noch am Nachmittag erreichte. Die Stadt machte nicht viel her; im Gegenteil. Alles an ihr schien sich im Zustand fortgeschrittenen Zerfalls zu befinden. Erynn gab das Pferd an den Ställen ab und wandte sich der eigentlichen Stadt zu. Eine Holzbrücke, die schon bessere Tage gesehen hatte, führte von den Stallungen zum Stadttor. Dort wurde sie von einem Wächter aufgehalten, allerdings nur kurz. Das Emblem der Kriegergilde auf ihren Papieren gewährte ihr wie so oft problemlos Einlaß. Rasch fragte sie noch nach dem Weg zur Burg, und der Torwächter gab ihr bereitwillig Auskunft, scheinbar froh darüber, daß seine langweilige Routine für einen Moment unterbrochen wurde.
Erynn betrat die Straßen von Bravil. So abgerissen und schlammbedeckt, wie sie aussah, wirkte es fast, als gehöre sie hierher. Als sie auf ihrem Weg die Kriegergilde passierte, überlegte sie kurz sich umzuziehen, bevor sie zum Schloß ging, entschied sich aber dagegen. Sie wollte ihren Auftrag so schnell wie möglich erfüllen und diese verdammten Depeschen loswerden, von denen sie vermutete, daß sie der Grund des Überfalls am frühen Morgen gewesen waren. Ist das wirklich erst einen halben Tag her? Es kommt mir schon jetzt fast unwirklich vor...
Sie überquerte eine weitere Brücke und den Burghof und betrat schließlich die Audienzhalle von Schloß Bravil. Ein paar Wachen standen herum; am fernen Ende des Raumes lümmelte sich ein Kaiserlicher in blauer Samtkleidung auf einem Thron - offensichtlich der Graf der Stadt. Zögernd trat sie ein paar Schritte auf ihn zu, während sie sich suchend nach einem Kämmerer oder Schreiber umsah – es kam ihr nicht ganz richtig vor, den Grafen direkt zu belästigen. Zu ihrem Verdruß konnte sie jedoch niemanden dergleichen erblicken. Innerlich seufzend straffte sie sich und trat vor den Thron. Sie verneigte sich, bevor sie ihr Anliegen vortrug: „Graf Terentius, Herr, mein Name ist Erynn Releth. Ich komme auf Geheiß der Kämmerin von Schloß Skingrad, um Euch einige Botschaften zu überbringen.“ Sie holte die Briefe hervor und reichte sie dem Grafen. Dieser nahm sie mit einem abschätzenden Blick auf ihr Äußeres, brach die Siegel und begann, mit gelangweiltem Blick zu lesen. Erynn trat zwei Schritte zurück und wartete, während sie die Augen gesenkt hielt. Zeit verstrich.
„Nun?“ fragte Terentius schließlich mit schneidender Stimme. „Herr“, antwortete die Dunkelelfin, die ob der unfreundlichen Behandlung immer genervter wurde, „es ist weiterhin Teil meines Auftrages, ein Schreiben zurück nach Skingrad zu bringen. Kämmerin Hal-Liurz hat sich in dieser Hinsicht sehr deutlich ausgedrückt; Graf Hassildor erwartet Eure Antwort ungeduldig.“
Na schön, das war geflunkert. Aber wenn sich dieser Clown einigermaßen wichtig fühlt, bewegt sich hier vielleicht endlich mal jemand.
Der Graf von Bravil ließ sich nicht zu einer Antwort herab, schnippte aber lässig mit den Fingern, woraufhin sich ein in der Nähe stehender Wächter aufmachte, Papier, Tinte und Siegelwachs zu besorgen. Eine weitere gefühlte Ewigkeit später hielt Erynn den Brief endlich in der Hand. Sie verneigte sich knapp, machte auf dem Absatz kehrt und verließ die Empfangshalle.
Mittlerweile dämmerte der Abend, doch die Luft in der Stadt war noch immer drückend und stickig. Die Elfin ging direkt zum Gildenhaus. Sie wollte nur noch raus aus ihren dreckigen Klamotten, außerdem mußte sie dringend mit irgend jemandem reden. Seit dem Vorfall mit den Wegelagerern lief sie wie betäubt durch die Gegend, so als würden Körper und Verstand nicht mehr zusammengehören. Als sie das Gebäude betrat, wandten sich ihr mehrere Gesichter zu. Eine andere Dunkelelfin erhob sich von einem großen Tisch zu Erynns rechten und kam auf sie zu.
„Mein Name ist Tadrose Helas“, begrüßte diese die jüngere Frau. „Ihr seht aus, als hättet Ihr einiges hinter Euch. Wie kann ich Euch helfen?“
„Erynn Releth, vom Skingrader Gildenhaus. Kann ich hier ein Bett für die Nacht und etwas zu essen bekommen?“ fragte Erynn. Sie war plötzlich sehr müde.
Tadrose führte sie zu einem Zimmer im ersten Stock und ließ sie dann allein. Erynn schälte sich aus ihrer Rüstung und zog sich eine relativ saubere Hose und eine einfache Bluse an, die sie in den Satteltaschen bei sich trug. Dann ging sie wieder nach unten in die Halle.
Die andere Dunkelelfin schien so etwas wie die Mutter der Kompanie der Braviler Gilde zu sein. Sie stellte einen Teller mit Brot und Fleisch vor Erynn ab, als diese sich auf einen Stuhl an dem großen Tisch plumpsen ließ. Sie wartete, bis die andere gegessen hatte, dann zog sie sich ebenfalls einen Stuhl heran und fragte: „Nun erzählt mal. Ihr seht aus, als hättet Ihr Euch mir einer Horde Minotauren gekloppt. Was ist geschehen?“
Erynn seufzte und überlegte einen Augenblick, wo sie anfangen sollte. Sie mußte es erzählen. Mußte sich alles von der Seele reden, oder sie würde noch verrückt. „Ich habe von Skingrad aus eine Botschaft für den Grafen von Bravil überbracht. Auf dem Weg hierher wurde ich überfallen und fast umgebracht. Es waren drei Angreifer; zwei habe ich getötet, einer ist geflohen. Es war...“, sie stockte. „Ich habe noch nie zuvor einen Menschen töten müssen. Ich dachte immer, daß ich darauf vorbereitet wäre. Aber dann ging alles so schnell...“ ihre Stimme versagte.
Tadrose zog eine Augenbraue hoch. „Niemand ist darauf vorbereitet. Der erste Tote durch die eigene Hand ist immer ein Schock. So war es bisher bei jedem Frischling, den ich gesehen habe. Eure Reaktion ist nicht nur normal, sondern sogar ermutigend. Ich wäre eher besorgt, wenn es Euch nichts ausmachen würde.
Ich will nicht sagen, daß Ihr Euch daran gewöhnen werdet – mit Glück werdet ihr das nämlich niemals. Zweifelt nicht an Euch. Dies ist nunmal der häßlichste Teil unserer Arbeit, aber auch dafür ist die Gilde da. Es ging um Leben und Tod, was hättet Ihr schon anderes tun sollen?“
„Ich weiß das alles. Seit heute morgen sage ich mir das Gleiche immer wieder. Aber trotzdem... vielleicht ist die Gilde nicht der richtige Ort für mich“, antwortete Erynn kleinlaut.
Die ältere Elfin lächelte leicht. „Und vielleicht solltet Ihr erstmal eine Nacht darüber schlafen. Ihr wirkt, als hättet Ihr selbst noch gar nicht richtig begriffen, was überhaupt geschehen ist. Euer Kopf weiß all diese Dinge, ja, aber sie sind noch nicht bis in Euer Herz gesunken. Erst wenn das geschehen ist, könnt Ihr eine vernünftige Entscheidung treffen. Unser Geschäft beinhaltet den Tod, sicher, aber die Kriegergilde ist keine Mörderbande – und niemand will Euch zu einem Mörder machen. Ihr wißt das. Wenn es Tote gibt, dann nur, weil das die einzige Lösung ist, nicht aus schierer Lust am Abschlachten anderer Leute. Auch das wißt Ihr“, beendete Tadrose ihre Ansprache mit fester Stimme.
Erynn stützte den Kopf in beide Hände. „Aber das ist doch das Problem“, flüsterte sie verzweifelt. „Als ich... einem der Angreifer wäre es fast gelungen, mich zu töten. Ich konnte ihn mit viel Glück zu Fall bringen, und dann... Ich habe ihn abgestochen wie ein Schwein!“ brach es aus ihr heraus. „Ich wollte ihn töten, versteht Ihr? Ich wollte, daß er verreckt! ... Und ich wollte, daß er leidet!“ Sie holt einmal tief und zitternd Atem: „Ich weiß nicht, ob ich mir selbst noch trauen kann. Was ist, wenn so etwas wieder passiert? Was ist, wenn ich unsere eigenen Leute in Gefahr bringe, weil ich wieder durchdrehe? Was ist, wenn...“
Tadrose nahm Erynns linke Hand in ihre und wartete, bis die jüngere Frau den Kopf hob und sie anschaute. „Was wäre, wenn ich Euch sagte, daß Ihr heute eine wichtige Lektion gelernt habt? Bisher wußtet Ihr nicht, wie Ihr auf eine lebensgefährliche Situation reagieren würdet. Jetzt wißt Ihr es. Und Ihr werdet es niemals wieder vergessen. Beim nächsten mal seid Ihr darauf vorbereitet, und werdet Euch nicht wieder vom Zorn mitreißen lassen. Ich kann und werde Euch keine Absolution erteilen, dafür sind die Neun zuständig. Aber ich kann Euch sagen, daß es kaum einen fähigen Kämpfer gibt, der nicht ebenfalls erlebt hätte, was Ihr erlebt habt. Wenn Ihr Euch in Selbstmitleid ergehen wollt, ist die Gilde wirklich nicht der richtige Ort für Euch. Wenn Ihr daraus lernen wollt, wo Eure Schwächen und Grenzen sind und wie Ihr sie überwindet, seid Ihr auf einem guten Weg. Ruht Euch jetzt aus. Denkt darüber nach. Und zieht erst Eure Schlüsse aus dem Erlebten, wenn Euer Gehirn wieder so funktioniert, wie es sollte.“ Sie schloß kurz die blutroten Augen, und ihr ernstes Gesicht wurde weicher. Dann erhob sie sich und drückte noch einmal kurz Erynns Hand. „Wenn Ihr wollt, werde ich mich um Eure Rüstung kümmern.“ Erynn nickte wortlos, und die Andere ließ sie allein.
Nach einer Weile stand Erynn schwerfällig auf und schleppte sich auf ihr Zimmer. Sie ließ sich aufs Bett fallen und schlief bald darauf ein. In der Nacht träumte sie. Träumte, wie ihr Schwert durch den Hals des einen Wegelagerers schnitt. Träumte, wie sie wie eine Harpyie auf dem Rücken des anderen saß, mit wildem, wutverzerrtem Gesicht, den blutigen Dolch erhoben. Dann veränderte sich der Traum: Sie hob den Dolch, stach aber nicht zu. Ihr Gegner warf sie ab, und sie landete mit dem Rücken im Dreck. Eine schnelle Bewegung, und ungläubig starrte sie auf den Zweihänder, den der Halunke in ihrer Brust versenkt hatte.
Erynn erwachte mit einem Schrei.
Jetzt war ihr, als beginne sie langsam zu verstehen, was die andere Kriegerin ihr hatte sagen wollen. Sie nickte bedächtig und ließ sich auf das Kissen zurücksinken. Die restliche Nacht schlief sie tief und traumlos.
Am Morgen fand sie ihre Rüstung sauber und repariert vor der Zimmertür. Sie legte sie an, verstaute das Antwortschreiben für Hal-Liurz unter dem Harnisch und packte ihre Sachen zusammen. In der Halle traf sie noch niemanden an, also ließ sie eine kurze Nachricht und einen Beutel mit zwanzig Septimen für Tadrose zurück. Daraufhin ging sie zu den Ställen, sattelte Falchion und trat den Rückweg an. Heute würde sie nirgendwo anhalten, und wenn sie Tag und Nacht durchreiten müßte. Als Erynn den Wald erreichte, trieb sie das Pferd zum Galopp, ließ ihm die Zügel und jagte den Weg entlang Richtung Skingrad. Sie wurde auch nicht langsamer, als sie den Ort des Kampfes mit den Wegelagerern passierte. Die Leichen lagen noch dort.
Kurz überlegte sie querfeldein zu reiten, verwarf den Gedanken aber wieder, als ihr die Obliviontore wieder einfielen. Sie wollte wirklich nicht riskieren, an so einem Ding vorbei zu müssen.
Als Erynn Skingrad erreichte, standen beide Monde schon hoch am Himmel. Sie saß ab und führte ihr verschwitztes Pferd einige Runden durch den Paddock neben den Paßställen, bis es wieder ruhig atmete. Danach rieb sie es mit Stroh trocken und begab sich zum Gildenhaus. Den Brief von Graf Terentius würde sie gleich morgen als erstes im Schloß abgeben. Danach würde sie mit Ah-Malz über die Goblins sprechen. Morgen...
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