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Alexiel
28.06.2003, 09:11
Ich les ab und zu, wenn ich in der richtigen Stimmung bin, ganz gerne Gedichte. Zwar gibts im Sumpf einen ähnlichen Thread, aber der hier soll sich mit euren Lieblingsdichtern beschäftigen, warum mögt ihr sie, welches Gedicht mögt ihr besonders gern, etc...

Rainer Maria Rilke dürfte jedem ein Begriff sein, oder?
Er ist eigentlich meine derzeitige Nummer 1 unter den Dichtern :)
Meine Lieblingsgedichte:

Der Panther

Sein Blick ist vom Vorübergehen der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

oder das hier:

Der Tod der Geliebten

Er wusste nur vom Tod was alle wissen,
dass er uns nimmt und ins Stumme stößt.
Als er aber sie, nicht von ihm fortgerissen,
nein, leis aus seinen Augen ausgelöst,

hinüberglitt zu unbekannten Schatten,
und als er fühlte, dass sie drüben nun
wie einen Mond ihn Mädchenlächeln hatten
und ihre Weise wohlzutun:

da wurden ihm die Toten so bekannt,
als wäre er durch sie mit einem jeden
ganz nah verwandt; er ließ die andern reden

und glaubte nicht und nannte jenes Land
das gutgelegene, das immersüße.
Und tastete es ab für ihre Füße.

Ich mag einfach seine Art, mit den Worten zu spielen und dadurch starke Gefühle auszudrücken. Er baut mit jedem seiner Gedichte eine andere Stimmung auf - und keine gleicht der anderen.

Und dann fällt mir zusätzlich noch J.R.R. Tolkin ein - gut, der war Autor und kein richtiger Dichter, aber er hat einige tolle Werke in den Herrn der Ringe geschrieben, die ich auch sehr gern mag:

O! Wanderers in the shadowed land
despair not! For though dark they stand,
all woods there be must end at last,
and see the open sun go past:
the setting sun, the rising sun,
the day's end, or the day begun.
For east or west all woods must fail...


Ich würd einfach gern noch mehr Dichter kennenlernen, aber so viele kenn ich leider auch noch nicht.
Also postet mal fleißig, ich freu mich :)

Galadriel
28.06.2003, 16:30
rilke mag ich auch sehr. eines meiner lieblingsgedichte (eigentlich eine ballade) ist von ihm:

Orpheus. Eurydike. Hermes

Das war der Seelen wunderliches Bergwerk.
Wie stille Silbererze gingen sie
als Adern durch sein Dunkel. Zwischen Wurzeln
entsprang das Blut, das fortgeht zu den Menschen,
und schwer wie Porphyr sah es aus im Dunkel.
Sonst war nichts Rotes.

Felsen war da
und wesenlose Wälder, Brücken über Leeres
und jener große, graue, blinde Teich,
der über seinem fernen Grunde hing
wie Regenhimmel über einer Landschaft.
Und zwischen Wiesen, sanft und voller Langmut,
erschien des einen Weges blasser Streifen
wie eine lange Bleiche hingelegt.

Und dieses einen Weges kamen sie.

Voran der schlanke Mann im blauen Mantel,
der stumm und ungeduldig vor sich aussah.
Ohne zu kauen fraß sein Schritt den Weg
in großen Bissen; seine Hände hingen
schwer und verschlossen aus dem Fall der Falten
und wußten nicht mehr von der leichten Leier,
die in die Linke eingewachsen war
wie Rosenranken in den Ast des Ölbaums.
Und seine Sinne waren wie entzweit:
indes der Blick ihm wie ein Hund vorauslief,
umkehrte, kam und immer wieder weit
und wartend an der nächsten Wendung stand,
blieb sein Gehör wie ein Geruch zurück.
Manchmal erschien es ihm, als reichte es
bis an das Gehen jener beiden andern,
die folgen sollten diesen ganzen Aufstieg.
Dann wieder wars nur seines Steigens Nachklang
und seines Mantels Wind, was hinter ihm war.

Er aber sagte sich, sie kämen doch;
sagte es laut und hörte sich verhallen.
Sie kämen doch, nur wärens zwei,
die furchtbar leise gingen. Dürfte er
sich einmal wenden (wäre das Zurückschaun
nicht die Zersetzung dieses ganzen Werkes,
das erst vollbracht wird), müßte er sie sehen,
die beiden Leisen, die ihm schweigend nachgehn:

den Gott des Ganges und der weiten Botschaft,
die Reisehaube über hellen Augen,
den schlanken Stab hertragend vor dem Leibe
und flügelschlagend an den Fußgelenken;
und seiner linken Hand gegeben: sie.

Die So-geliebte, daß aus einer Leier
mehr Klage kam als je aus Klagefrauen;
daß eine Welt aus Klage ward, in der
alles noch einmal da war: Wald und Tal
und Weg und Ortschaft, Feld und Fluß und Tier;
und daß um diese Klage-Welt ganz so
wie um die andre Erde eine Sonne
und ein gestirnter stiller Himmel ging,
ein Klage-Himmel mit entstellten Sternen –
diese So-geliebte.

Sie aber ging an jenes Gottes Hand,
den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,
unsicher, sanft und ohne Ungeduld.
Sie war in sich wie Eine hoher Hoffnung
und dachte nicht des Mannes, der voranging,
und nicht des Weges, der ins Leben aufstieg.
Sie war in sich. Und ihr Gestorbensein
erfüllte sie wie Fülle.

Wie eine Frucht von Süßigkeit und Dunkel
so war sie voll von ihrem großen Tode,
der also neu war, daß sie nichts begriff.
Sie war in einem neuen Mädchentum
und unberührbar; ihr Geschlecht war zu
wie eine junge Blume gegen Abend,
und ihre Hände waren der Vermählung
so sehr entwöhnt, daß selbst des leichten Gottes
unendlich leise leitende Berührung
sie kränkte wie zu sehr Vertraulichkeit.

Sie war schon nicht mehr diese blonde Frau,
die in des Dichters Liedern manchmal anklang,
nicht mehr des breiten Bettes Duft und Eiland
und jenes Mannes Eigentum nicht mehr.

Sie war schon aufgelöst wie langes Haar
und hingegeben wir gefallner Regen
und ausgeteilt wie hundertfacher Vorrat.

Sie war schon Wurzel.
Und als plötzlich jäh
der Gott sie anhielt und mit Schmerz im Ausruf
die Worte sprach: Er hat sich umgewendet –
begriff sie nichts und sagte leise: Wer?

Fern aber, dunkel vor dem klaren Ausgang,
stand irgend jemand, dessen Angesicht
nicht zu erkennen war. Er stand und sah,
wie auf dem Streifen eines Wiesenpfades
mit trauervollem Blick der Gott der Botschaft
sich schweigend wandte, der Gestalt zu folgen,
die schon zurückging dieses selben Weges,
den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,
unsicher, sanft und ohne Ungeduld.

Galadriel
28.06.2003, 17:25
sorry, für den doppelpost, aber nach einer ballade sollte man imho mal einen größeren absatz schaffen :rolleyes:

einer ziemlich guter -und ziemlich bekannter- dichter ist der ire william butler yeats. seine gedichte klingen vor allem in der originalsprache wunderbar:

William Butler Yeats

To his heart, bidding it have no fear

Be you still, be you still, trembling heart,
remember the wisdom out of the old days:
Him who trembles before the flame and the flood,
and the wind that blows through the starry ways,
let the starry winds, the flame and the flood
cover over and hide, for you have no part
with the lonely, majestical multitude.

["provisorische" übersetzung:

Sei still, sei still, mein zitterndes Herz, / erinnere dich an die Weisheit aus alter Zeit: / Wer zittert vor der Flamme und der Flutwelle, / und den Windenböen durch bestirnte Wege, / soll die bestirnten Winde, die Flamme und die Flut / sich zurückziehen lassen, denn er hat keinen Anteil / an der einsamen, majestätischen Vielheit.]

auf der suche nach gedichten von yeats im internet bin ich auf einen anderen dichter gestoßen: Matthew Arnold

Dover beach

The sea of love
was once, too, at the full,
and round earth´s shore
lay like the folds of a bright girdle furl´d.
But now I only hear
Its melancholy,
long, withdrawing roar
of the night-wind,
down the vast edges drear
and naked shingles of the world.
Oh love, let us be true to one another,
for this world which seems
to lie before us like a land of dreams,
so various, so beautiful and new,
hath really neither joy, nor love, nor light,
nor certitude, nor peace, nor help for pain;
and we are here as on a darkening plain
swept with confused alarms of struggle and flight,
where ignorant armies clash by night.

["provisorische" übersetzung:

Der See des Glaubens / war früher einmal hoch angefüllt, / und die Küste der Erde / lag da wie ein in Falten gelegter heller Gürtel. / Jetzt aber höre ich nur / die Schwermut, / das langgezogene, verebbende Grollen / des Nachtwindes, / und dort unten klafft die Leere / und die nackten Bruchstücke / der Welt. / Oh Geliebte, lass uns ehrlich zueinander sein, / denn diese Welt, die scheinbar / vor uns liegt wie ein traumhaftes Land, / so bunt, so schön und neuerschaffen, / hat in Wahrheit weder Freude, noch Liebe, noch Licht, / noch Sicherheit, noch Frieden oder Hilfe in der Not, / und wir sind hier wie in einer dämmernden Ebene / überschwemmt mit verwirrten Kampf- und Fluchtrufen, / wo unwissende Armeen sich in der Nacht bekriegen.]

Alexiel
28.06.2003, 19:26
@ Gala
Schön!

Ich hab auch noch eines von Joseph von Eichendorff, aber von dem kenn ich eben nur dieses eine (und nähere Infos über den Dichter hab ich auch nicht):

MONDNACHT

Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Shi
29.06.2003, 00:53
Charles Baudelaire, diesen Mann finde ich einfach göttlich. Sein Schreibstil, die verschiedenen Themen die er behandelt, einfach umwerfend. Den meisten wird er wohl aus dieser "blasphemischen" ( ;) )Sheba Werbung bekannt sein, wo sein berühmtes Gedicht "Le Chat" bzw. "Die Katze" verwendet wird. Ich hab mal mein Lieblingsgedicht von ihm rausgepickt. ^^

Der Mensch und das Meer

Freier Mensch, immer wird das Meer dir lieb sein! Das Meer ist dein Spielgel; du schaust deine Seele in der unendlichen Entrollung seiner Wogen, und dein Geist ist kein minder bitterer Abgrund.

Dich vergnügt es, in den Schoß deines Bildes zu tauchen; du umarmst es mit Augen und Armen, und bisweilen vergißt dein Herz seinen eigenen Aufruhr über dem Brausen dieser unbezähmbar wilden Klage.

Alle beide seid ihr finster und verschwiegen: Mensch, niemand hat je die Tiefe deiner Abgründe erlotet; o Meer, niemand kennt deinen heimlichen Reichtum, so eifersüchtig seid ihr, eure Geheimnisse zu hüten!

Und doch unzählbare Zeiten schon bekämpft ihr unbarmherzig euch und ohne reue, so heftig liebt ihr das Gemetzel und den Tod, o ewiger Streiter, o Brüder immer unversöhnt!

Galadriel
29.06.2003, 02:22
@shi
gefällt mir

ich habe hier noch ein politisches gedicht, eines meiner persönlichen lieblingsgedichte: (von Paul Celan)

Todesfuge.

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne und er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor lässt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr anderen singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süsser den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith


außerdem noch was kleines von bertold brecht:


Der, den ich liebe
Hat mir gesagt
Daß er mich braucht.

Darum
Gebe ich auf mich acht
Sehe auf meinen Weg und
Fürchte von jedem Regentropfen
Daß er mich erschlagen könnte.

Galadriel
29.06.2003, 19:25
so, wenn niemand was schönes hinzuzufügen hat, werde ich hier wieder mal doppelposten :rolleyes: sollte jemand ABSOLUT dagegen sein, wendet er sich bitte an mich ;)

"Du hast mir den Osten genommen,
du hast mir den Westen genommen,
du hast genommen, was vor mir und was hinter mir ist;
du hast mir den Mond, du hast mir die Sonne genommen,
und meine Furcht ist groß, daß du mir Gott genommen hast."
(W. B. Yeats, "Klage des irischen Mädchens")


Bewaffneter Friede von Wilhelm Busch

Ganz unverhofft, an einem Hügel,
Sind sich begegnet Fuchs und Igel.

Halt, rief der Fuchs, du Bösewicht!
Kennst du des Königs Ordre nicht?
Ist nicht der Friede längst verkündigt,
und weißt du nicht, daß jeder sündigt,
Der immer noch gerüstet geht?
Im Namen seiner Majestät
Geh her und übergib dein Fell.

Der Igel sprach: Nur nicht so schnell.
Laß dir erst deine Zähne brechen,
Dann wollen wir uns weiter sprechen!

Und allsogleich macht er sich rund,
Schließt seinen dichten Stachelbund
und trotzt getrost der ganzen Welt,
Bewaffnet, doch als Friedensheld.

Skar
01.07.2003, 00:32
@Gala
Das Brecht-Gedicht ist wunderschön :)

Das von Yeats mit dem "trembling heart" kannte ich schon von irgendwoher... aber wie immer kann ich mich nicht dran erinnern, wo ich das schon gelesen hatte :rolleyes:

Jut, dann schmeiss ich hier auch noch meinen Dylan Thomas rein, der passt für alle Lebenslagen :)

Dylan Thomas’ “Do Not Go Gentle into That Good Night”

Do not go gentle into that good night,
Old age should burn and rave at close of day;
Rage, rage against the dying of the light.

Though wise men at their end know dark is right,
Because their words had forked no lightning they
Do not go gentle into that good night.

Good men, the last wave by, crying how bright
Their frail deeds might have danced in a green bay,
Rage, rage against the dying of the light.

Wild men who caught and sang the sun in flight,
And learn, too late, they grieved it on its way,
Do not go gentle into that good night.

Grave men, near death, who see with blinding sight
Blind eyes could blaze like meteors and be gay,
Rage, rage against the dying of the light.

And you, my father, there on the sad height,
Curse, bless, me now with your fierce tears, I pray.
Do not go gentle into that good night.
Rage, rage against the dying of the light.

3,141592654
01.07.2003, 02:19
...nun, dann werde ich die gelegenheit mal nutzen, um meine lieblingsballade zu posten. kleine fehler vorbehalten, hab's aus der erinnerung aufgeschrieben...

Die Bürgschaft

Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich,
Damon, den Dolch im Gewande
Ihn schlugen die Häscher in Bande
"Was wolltest du mit dem Dolche? Sprich!"
Entgegnet ihm finster der Wüterich
"Die Stadt vom Tyrannen befrein!"
"Das sollst du am Kreuze bereun!"

"Ich bin" , spricht jener, "zu sterben bereit
Und bitte nicht um mein Leben.
Doch willst du Gnade mir geben,
Ich flehe dich um drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit.
Ich lasse den Freund dir als Bürgen.
Ihn magst du, entrinn ich, erwürgen."

Da lächelt der König mit arger List
Und spricht nach kurzem Bedenken:
"Drei Tage will ich dir schenken.
Doch wisse, wenn sie verrinnet, die Frist,
Eh du zurück mir gegeben bist,
So muss er statt deiner erblassen,
Doch dir ist die Strafe erlassen."

Und sie kommen zum Freunde
"Der König gebeut, dass ich am Kreuz mit dem Leben
Bezahle das frevelnde Streben.
Doch will er mir geben drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit.
So bleib du dem König zu Pfande,
Bis ich komme, zu lösen die Bande."

Und schweigend umarmt ihn der treue Freund
Und liefert sich aus dem Tyrannen.
Der andere ziehet von dannen.
Und noch ehe das dritte Morgenrot scheint,
Hat er schnell mit dem Gatten die Schwester vereint,
Eilt Heim mit sorgender Seele,
Dass er die Frist nicht verfehle.

Da gießt unendlicher Regen herab,
Von den Bergen stürzen die Quellen,
Und die Bäche, die Ströme schwellen.
Und er kommt ans Ufer mit wanderndem Stab,
Da reißet die Brücke der Strudel hinab
Und donnernd sprengen die Wogen
Des Gewölbes krachenden Bogen.

Und trostlos irrt er an Ufers Rand.
Wie weit er auch spähet und blicket
Und die Stimme, die rufende schicket,
Da stößt kein Nachen vom sicheren Strand,
Der ihn setze an das gewünschte Land,
Kein Schiffer lenket die Fähre
Und der wilde Strom wird zum Meere

Und er sinkt ans Ufer und weint und fleht,
Die Hände zum Zeus erhoben:
"Oh hemme des Stromes Toben!
Es eilen die Stunden, im Mittag steht
Die Sonne und wenn sie niedergeht
Und ich kann die Stadt nicht erreichen,
So muss der Freund mir erbleichen."

Doch wachsend erneut sich des Stromes Wut
Und Welle auf Welle zerrinnet
Und Stunde an Stunde entrinnet.
Da packt ihn die Angst, da fasst er sich Mut
Und wirft sich hinein in die brausende Flut
Und teilt mit gewaltigen Armen
Den Strom und ein Gott hat Erbarmen

Und erreicht das Ufer und eilet fort
Und danket dem rettenden Gotte.
Da stürzet die raubende Rotte
Hervor aus des Waldes nächtlichem Ort.
Den Weg ihm sperret und schnaubet "Mord"
Und hemmet des Wanderers Eile
Mit drohend geschwungener Keule

"Was wollt ihr?", ruft er, vor Schrecken bleich,
"Ich habe nichts als meine Leben.
Das muss ich dem Könige geben!"
Und entreißet die Keule dem nächsten gleich.
"Um des Freundes willen, erbarmet euch!"
Und drei mit gewaltigen Streichen
Erlegt er, die andern entweichen.

Und die Sonne versendet glühenden Brand
Und von der unendlichen Mühe
Ermattet sinken die Knie.
"Oh hast du mich gnädig aus Räubershand,
Aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land
Und soll hier verschmachtend verderben?
Und der Freund mir, der liebende, sterben?"

Doch horch, da sprudelt es silberhell
Ganz nah, wie rieselndes Rauschen.
Und stille hält er zu Lauschen.
Und sieh, aus dem Felsen geschwätzig schnell
Springt murmelnd hervor ein lebendig Quell
Und freudig bückt er sich nieder
Und erfrischet die brennenden Glieder.

Und die Sonne blickt durch der Zweige grün
Und malt auf den glänzenden Matten
Der Bäume gigantische Schatten.
Und zwei Wanderer sieht er der Straße ziehn,
Will eilenden Laufes vorüberfliehn,
Da hört er die Worte sie sagen:
"Jetzt wird er ans Kreuz geschlagen."

Und die Angst beflügelt den eilenden Fuß,
Ihn jagen der Sorgen Qualen.
Da schimmern in Abendrots Strahlen
Von Ferne die Zinnen von Syrakus
Und entgegen kommt ihm Philostratus
Des Hauses redlicher Hüter
Der erkennt entsetzt den Gebieter

"Zurück, du rettest den Freund nicht mehr!
So rette das eigene Leben!
Den Tod erleidet er eben!
Von Stunde zu Stunde gewartet er
Mit hoffender Seele der Wiederkehr.
Ihm konnt’ den mutigen Glauben
Der Hohn des Tyrannen nicht rauben."

"Und ist es zu spät
und kann ich ihm nicht als Retter willkommen erscheinen,
So soll mich der Tod ihm vereinen.
Des rühme der blut'ge Tyrann sich nicht,
Dass der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht!
Er schlachte der Opfer zweie
Und glaube an Liebe und Treue."

Und die Sonne geht unter, da steht er am Tor
Und sieht das Kreuz schon erhöhet,
Das die Menge gaffend umstehet.
An einem Seile schon zieht man den Freund empor,
Da zertrennt er gewaltig den dichten Chor:
"Mich, Henker", ruft er, "erwürget!
Da bin ich, für den er gebürget!"

Und ein Raunen ergreift das Volk umher.
In den Armen liegen sich beide
Und weinen vor Schmerzen und Freude.
Da sieht man kein Auge tränenleer
Und zum König bringt man die Wundermär.
Der fühlt ein menschliches Rühren,
Lässt schnell vor den Thron sie führen.

Und blicket sie lange verwundert an.
Dann spricht er: "Es ist euch gelungen.
Ihr habt das Herz mir bezwungen.
Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn.
So nehmet auch mich zum Genossen an.
Ich sei, gewährt mir die Bitte,
In euerm Bunde der dritte."


(Friedrich von Schiller)

Shi
01.07.2003, 03:24
@Pi Gah das musste ich früher in Deutsch auswendig lernen das Gedicht. Oo Hach ja, dass waren noch Zeiten wo man mit einem gut gelernten Gedicht die SoMi-Note retten konnte. :rolleyes:

Soo, ich hab jetzt mal ein längeres Gedicht von T.S. Eliot rausgesucht, neben Baudelaire, gehört er zu meinen Lieblingsdichtern. Mal wieder schön düster und mystisch angehaucht ... ich hab halt ne Schwäche für solche Texte. ^^''


The Hollow Men by T.S. Eliot

I
We are the hollow men
We are the stuffed men
Leaning together
Headpiece filled with straw. Alas!
Our dried voices, when
We whisper together
Are quiet and meaningless
As wind in dry grass
Or rats' feet over broken glass
In our dry cellar

Shape without form, shade without colour,
Paralysed force, gesture without motion;

Those who have crossed
With direct eyes, to death's other Kingdom
Remember us -- if at all -- not as lost
Violent souls, but only
As the hollow men
The stuffed men.


II
Eyes I dare not meet in dreams
In death's dream kingdom
These do not appear:
There, the eyes are
Sunlight on a broken column
There, is a tree swinging
And voices are
In the wind's singing
More distant and more solemn
Than a fading star.

Let me be no nearer
In death's dream kingdom
Let me also wear
Such deliberate disguises
Rat's coat, crowskin, crossed staves
In a field
Behaving as the wind behaves
No nearer --

Not that final meeting
In the twilight kingdom


III
This is the dead land
This is cactus land
Here the stone images
Are raised, here they receive
The supplication of a dead man's hand
Under the twinkle of a fading star.

Is it like this
In death's other kingdom
Waking alone
At the hour when we are
Trembling with tenderness
Lips that would kiss
Form prayers to broken stone.


IV
The eyes are not here
There are no eyes here
In this valley of dying stars
In this hollow valley
This broken jaw of our lost kingdoms

In this last of meeting places
We grope together
And avoid speech
Gathered on this beach of the tumid river

Sightless, unless
The eyes reappear
As the perpetual star
Multifoliate rose
Of death's twilight kingdom
The hope only
Of empty men.


V
Here we go round the prickly pear
Prickly pear prickly pear
Here we go round the prickly pear
At five o'clock in the morning.

Between the idea
And the reality
Between the motion
And the act
Falls the Shadow
For Thine is the Kingdom

Between the conception
And the creation
Between the emotion
And the response
Falls the Shadow
Life is very long

Between the desire
And the spasm
Between the potency
And the existence
Between the essence
And the descent
Falls the Shadow
For Thine is the Kingdom

For Thine is
Life is
For Thine is the

This is the way the world ends
This is the way the world ends
This is the way the world ends
Not with a bang but a whimper.

Galadriel
01.07.2003, 04:35
okay, hier eine seeeehr lange ballade von rilke. wer mal wirklich viel zeit hat, soll sie sich durchlesen. ist wirklich gut. :)

Das Buch von der Pilgerschaft

Dich wundert nicht des Sturmes Wucht, -
du hast ihn wachsen sehn; -
die Bäume flüchten. Ihre Flucht
schafft schreitende Alleen.
Da weißt du, der vor dem sie fliehn
ist der, zu dem du gehst,
und deine Sinne singen ihn,
wenn du am Fenster stehst.

Des Sommers Wochen standen still,
es stieg der Bäume Blut;
jetzt fühlst du, daß es fallen will
in den der Alles tut.
Du glaubtest schon erkannt die Kraft,
als du die Frucht erfaßt,
jetzt wird sie wieder rätselhaft,
und du bist wieder Gast.

Der Sommer war so wie dein Haus,
drin weißt du alles stehn -
jetzt mußt du in dein Herz hinaus
wie in die Ebene gehn.
Die große Einsamkeit beginnt,
die Tage werden taub,
aus deinen Sinnen nimmt der Wind
die Welt wie welkes Laub.

Durch ihre leeren Zweige sieht
der Himmel, den du hast;
sei Erde jetzt und Abendlied
und Land, darauf er paßt.
Demütig sei jetzt wie ein Ding,
zu Wirklichkeit gereift, -
daß Der, von dem die Kunde ging,
dich fühlt, wenn er dich greift.


Ich bete wieder, du Erlauchter,
du hörst mich wieder durch den Wind,
weil meine Tiefen niegebrauchter
rauschender Worte mächtig sind.

Ich war zerstreut; an Widersacher
in Stücken war verteilt mein Ich.
O Gott, mich lachten alle Lacher
und alle Trinker tranken mich.

In Höfen hab ich mich gesammelt
aus Abfall und aus altem Glas,
mit halbem Mund dich angestammelt,
dich, Ewiger aus Ebenmaß.
Wie hob ich meine halben Hände
zu dir in namenlosem Flehn,
daß ich die Augen wiederfände,
mit denen ich dich angesehn.

Ich war ein Haus nach einem Brand,
darin nur Mörder manchmal schlafen,
eh ihre hungerigen Strafen
sie weiterjagen in das Land;
ich war wie eine Stadt am Meer,
wenn eine Seuche sie bedrängte,
die sich wie eine Leiche schwer
den Kindern an die Hände hängte.

Ich war mir fremd wie irgendwer,
und wußte nur von ihm, daß er
einst meine junge Mutter kränkte
als sie mich trug,
und daß ihr Herz, das eingeengte,
sehr schmerzhaft an mein Keimen schlug.

Jetzt bin ich wieder aufgebaut
aus allen Stücken meiner Schande,
und sehne mich nach einem Bande,
nach einem einigen Verstande,
der mich wie ein Ding überschaut, -
nach deines Herzens großen Händen -
(o kämen sie doch auf mich zu).
Ich zähle mich, mein Gott, und du,
du hast das Recht, mich zu verschwenden.


Ich bin derselbe noch, der kniete
vor dir in mönchischem Gewand:
der tiefe, dienende Levite,
den du erfüllt, der dich erfand.
Die Stimme einer stillen Zelle,
an der die Welt vorüberweht, -
und du bist immer noch die Welle
die über alle Dinge geht.

Es ist nichts andres. Nur ein Meer,
aus dem die Länder manchmal steigen.
Es ist nichts andres denn ein Schweigen
von schönen Engeln und von Geigen,
und der Verschwiegene ist der,
zu dem sich alle Dinge neigen,
von seiner Stärke Strahlen schwer.

Bist du denn Alles, - ich der Eine,
der sich ergiebt und sich empört?
Bin ich denn nicht das Allgemeine,
bin ich nicht Alles, wenn ich weine,
und du der Eine, der es hört?

Hörst du denn etwas neben mir?
Sind da noch Stimmen außer meiner?
Ist da ein Sturm? Auch ich bin einer,
und meine Wälder winken dir.

Ist da ein Lied, ein krankes, kleines,
das dich am Micherhören stört, -
auch ich bin eines, höre meines,
das einsam ist und unerhört.

Ich bin derselbe noch, der bange
dich manchmal fragte, wer du seist.
Nach jedem Sonnenuntergange
bin ich verwundet und verwaist,
ein blasser Allem Abgelöster
und ein Verschmähter jeder Schar,
und alle Dinge stehn wie Klöster,
in denen ich gefangen war.
Dann brauch ich dich, du Eingeweihter,
du sanfter Nachbar jeder Not,
du meines Leidens leiser Zweiter,
du Gott, dann brauch ich dich wie Brot.
Du weißt vielleicht nicht, wie die Nächte
für Menschen, die nicht schlafen, sind:
da sind sie alle Ungerechte,
der Greis, die Jungfrau und das Kind.
Sie fahren auf wie totgesagt,
von schwarzen Dingen nah umgeben,
und ihre weißen Hände beben,
verwoben in ein wildes Leben
wie Hunde in ein Bild der Jagd.
Vergangenes steht noch bevor,
und in der Zukunft liegen Leichen,
ein Mann im Mantel pocht am Tor,
und mit dem Auge und dem Ohr
ist noch kein erstes Morgenzeichen,
kein Hahnruf ist noch zu erreichen.
Die Nacht ist wie ein großes Haus.
Und mit der Angst der wunden Hände
reißen sie Türen in die Wände, -
dann kommen Gänge ohne Ende,
und nirgends ist ein Tor hinaus.

Und so, mein Gott, ist jede Nacht;
immer sind welche aufgewacht,
die gehn und gehn und dich nicht finden.
Hörst du sie mit dem Schritt von Blinden
das Dunkel treten?
Auf Treppen, die sich niederwinden,
hörst du sie beten?
Hörst du sie fallen auf den schwarzen Steinen?
Du mußt sie weinen hören; denn sie weinen.

Ich suche dich, weil sie vorübergehn
an meiner Tür. Ich kann sie beinah sehn.
Wen soll ich rufen, wenn nicht den,
der dunkel ist und nächtiger als Nacht.
Den Einzigen, der ohne Lampe wacht
und doch nicht bangt; den Tiefen, den das Licht
noch nicht verwöhnt hat und von dem ich weiß,
weil er mit Bäumen aus der Erde bricht
und weil er leis
als Duft in mein gesenktes Angesicht
aus Erde steigt.


Du Ewiger, du hast dich mir gezeigt.
Ich liebe dich wie einen lieben Sohn,
der mich einmal verlassen hat als Kind,
weil ihn das Schicksal rief auf einen Thron,
vor dem die Länder alle Täler sind.
Ich bin zurückgeblieben wie ein Greis,
der seinen großen Sohn nichtmehr versteht
und wenig von den neuen Dingen weiß,
zu welchen seines Samens Wille geht.
Ich bebe manchmal für dein tiefes Glück,
das auf so vielen fremden Schiffen fährt,
ich wünsche manchmal dich in mich zurück,
in dieses Dunkel, das dich großgenährt.
Ich bange manchmal, daß du nichtmehr bist,
wenn ich mich sehr verliere an die Zeit.
Dann les ich von dir: der Euangelist
schreibt überall von deiner Ewigkeit.

Ich bin der Vater; doch der Sohn ist mehr,
ist alles, was der Vater war, und der,
der er nicht wurde, wird in jenem groß;
er ist die Zukunft und die Wiederkehr,
er ist der Schooß, er ist das Meer...


Dir ist mein Beten keine Blasphemie:
als schlüge ich in alten Büchern nach,
daß ich dir sehr verwandt bin - tausendfach.

Ich will dir Liebe geben. Die und die....

Liebt man denn einen Vater? Geht man nicht,
wie du von mir gingst, Härte im Gesicht,
von seinen hülflos leeren Händen fort?
Legt man nicht leise sein verwelktes Wort
in alte Bücher, die man selten liest?
Fließt man nicht wie von einer Wasserscheide
von seinem Herzen ab zu Lust und Leide?
Ist uns der Vater denn nicht das, was war;
vergangne Jahre, welche fremd gedacht,
veraltete Gebärde, tote Tracht,
verblühte Hände und verblichnes Haar?
Und war er selbst für seine Zeit ein Held,
er ist das Blatt, das, wenn wir wachsen, fällt.


Und seine Sorgfalt ist uns wie ein Alb,
und seine Stimme ist uns wie ein Stein, -
wir möchten seiner Rede hörig sein,
aber wir hören seine Worte halb.
Das große Drama zwischen ihm und uns
lärmt viel zu laut, einander zu verstehn,
wir sehen nur die Formen seines Munds,
aus denen Silben fallen, die vergehn.
So sind wir noch viel ferner ihm als fern,
wenn auch die Liebe uns noch weit verwebt,
erst wenn er sterben muß auf diesem Stern,
sehn wir, daß er auf diesem Stern gelebt.

Das ist der Vater uns. Und ich - ich soll
dich Vater nennen?
Das hieße tausendmal mich von dir trennen.
Du bist mein Sohn. Ich werde dich erkennen,
wie man sein einzigliebes Kind erkennt, auch dann,
wenn es ein Mann geworden ist, ein alter Mann.


Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn,
wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören,
und ohne Füße kann ich zu dir gehn,
und ohne Mund noch kann ich dich beschwören.
Brich mir die Arme ab, ich fasse dich
mit meinem Herzen wie mit einer Hand,
halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,
und wirfst du in mein Hirn den Brand,
so werd ich dich auf meinem Blute tragen.


Und meine Seele ist ein Weib vor dir.
Und ist wie der Naëmi Schnur, wie Ruth.
Sie geht bei Tag um deiner Garben Hauf
wie eine Magd, die tiefe Dienste tut.
Aber am Abend steigt sie in die Flut
und badet sich und kleidet sich sehr gut
und kommt zu dir, wenn alles um dich ruht,
und kommt und deckt zu deinen Füßen auf.

Und fragst du sie um Mitternacht, sie sagt
mit tiefer Einfalt: Ich bin Ruth, die Magd.
Spann deine Flügel über deine Magd.
Du bist der Erbe...

Und meine Seele schläft dann bis es tagt
bei deinen Füßen, warm von deinem Blut.
Und ist ein Weib vor dir. Und ist wie Ruth.


Du bist der Erbe.
Söhne sind die Erben,
denn Väter sterben.
Söhne stehn und blühn.
Du bist der Erbe:


Und du erbst das Grün
vergangner Gärten und das stille Blau
zerfallner Himmel.
Tau aus tausend Tagen,
die vielen Sommer, die die Sonnen sagen,
und lauter Frühlinge mit Glanz und Klagen
wie viele Briefe einer jungen Frau.
Du erbst die Herbste, die wie Prunkgewänder
in der Erinnerung von Dichtern liegen,
und alle Winter, wie verwaiste Länder,
scheinen sich leise an dich anzuschmiegen.
Du erbst Venedig und Kasan und Rom,
Florenz wird dein sein, der Pisaner Dom,
die Troïtzka Lawra und das Monastir,
das unter Kiews Gärten ein Gewirr
von Gängen bildet, dunkel und verschlungen, -
Moskau mit Glocken wie Erinnerungen, -
und Klang wird dein sein Geigen, Hörner, Zungen,
und jedes Lied, das tief genug erklungen,
wird an dir glänzen wie ein Edelstein.

Für dich nur schließen sich die Dichter ein
und sammeln Bilder, rauschende und reiche,
und gehn hinaus und reifen durch Vergleiche
und sind ihr ganzes Leben so allein...
Und Maler malen ihre Bilder nur,
damit du unvergänglich die Natur,
die du vergänglich schufst, zurückempfängst:
alles wird ewig. Sieh, das Weib ist längst
in der Madonna Lisa reif wie Wein;
es müßte nie ein Weib mehr sein,
denn Neues bringt kein neues Weib hinzu.
Die, welche bilden, sind wie du.
Sie wollen Ewigkeit. Sie sagen: Stein,
sei ewig. Und das heißt: sei dein!

Und auch, die lieben, sammeln für dich ein:
Sie sind die Dichter einer kurzen Stunde,
sie küssen einem ausdruckslosen Munde
ein Lächeln auf, als formten sie ihn schöner,
und bringen Lust und sind die Angewöhner
zu Schmerzen, welche erst erwachsen machen.
Sie bringen Leiden mit in ihrem Lachen,
Sehnsüchte, welche schlafen, und erwachen,
um aufzuweinen in der fremden Brust.
Sie häufen Rätselhaftes an und sterben,
wie Tiere sterben, ohne zu begreifen, -
aber sie werden vielleicht Enkel haben,
in denen ihre grünen Leben reifen;
durch diese wirst du jene Liebe erben,
die sie sich blind und wie im Schlafe gaben.

So fließt der Dinge Überfluß dir zu.
Und wie die obern Becken von Fontänen
beständig überströmen, wie von Strähnen
gelösten Haares, in die tiefste Schale, -
so fällt die Fülle dir in deine Tale,
wenn Dinge und Gedanken übergehn.


Ich bin nur einer deiner Ganzgeringen,
der in das Leben aus der Zelle sieht
und der, den Menschen ferner als den Dingen,
nicht wagt zu wägen, was geschieht.
Doch willst du mich vor deinem Angesicht,
aus dem sich dunkel deine Augen heben,
dann halte es für meine Hoffahrt nicht,
wenn ich dir sage: Keiner lebt sein Leben.
Zufälle sind die Menschen, Stimmen, Stücke,
Alltage, Ängste, viele kleine Glücke,
verkleidet schon als Kinder, eingemummt,
als Masken mündig, als Gesicht - verstummt.

Ich denke oft: Schatzhäuser müssen sein,
wo alle diese vielen Leben liegen
wie Panzer oder Sänften oder Wiegen,
in welche nie ein Wirklicher gestiegen,
und wie Gewänder, welche ganz allein
nicht stehen können und sich sinkend schmiegen
an starke Wände aus gewölbtem Stein.

Und wenn ich abends immer weiterginge
aus meinem Garten, drin ich müde bin, -
ich weiß: dann führen alle Wege hin
zum Arsenal der ungelebten Dinge.
Dort ist kein Baum, als legte sich das Land,
und wie um ein Gefängnis hängt die Wand
ganz fensterlos in siebenfachem Ringe.
Und ihre Tore mit den Eisenspangen,
die denen wehren, welche hinverlangen,
und ihre Gitter sind von Menschenhand.


Und doch, obwohl ein jeder von sich strebt
wie aus dem Kerker, der ihn haßt und hält, -
es ist ein großes Wunder in der Welt:
ich fühle: alles Leben wird gelebt.

Wer lebt es denn? Sind das die Dinge, die
wie eine ungespielte Melodie
im Abend wie in einer Harfe stehn?
Sind das die Winde, die von Wassern wehn,
sind das die Zweige, die sich Zeichen geben,
sind das die Blumen, die die Düfte weben,
sind das die langen alternden Alleen?
Sind das die warmen Tiere, welche gehn,
sind das die Vögel, die sich fremd erheben?

Wer lebt es denn? Lebst du es, Gott, - das Leben?


Du bist der Alte, dem die Haare
von Ruß versengt sind und verbrannt,
du bist der große Unscheinbare,
mit deinem Hammer in der Hand.
Du bist der Schmied, das Lied der Jahre,
der immer an dem Amboß stand.

Du bist, der niemals Sonntag hat,
der in die Arbeit Eingekehrte,
der sterben könnte überm Schwerte,
das noch nicht glänzend wird und glatt.
Wenn bei uns Mühle steht und Säge
und alle trunken sind und träge,
dann hört man deine Hammerschläge
an allen Glocken in der Stadt.

Du bist der Mündige, der Meister,
und keiner hat dich lernen sehn;
ein Unbekannter, Hergereister,
von dem bald flüsternder, bald dreister
die Reden und Gerüchte gehn.


Gerüchte gehn, die dich vermuten,
und Zweifel gehn, die dich verwischen.
Die Trägen und die Träumerischen
mißtrauen ihren eignen Gluten
und wollen, daß die Berge bluten,
denn eher glauben sie dich nicht.

Du aber senkst dein Angesicht.

Du könntest den Bergen die Adern aufschneiden
als Zeichen eines großen Gerichts;
aber dir liegt nichts
an den Heiden.

Du willst nicht streiten mit allen Listen
und nicht suchen die Liebe des Lichts;
denn dir liegt nichts
an den Christen.

Dir liegt an den Fragenden nichts.
Sanften Gesichts
siehst du den Tragenden zu.


Alle, welche dich suchen, versuchen dich.
Und die, so dich finden, binden dich
an Bild und Gebärde.

Ich aber will dich begreifen
wie dich die Erde begreift;
mit meinem Reifen
reift
dein Reich.

Ich will von dir keine Eitelkeit,
die dich beweist.

Ich weiß, daß die Zeit
anders heißt
als du.

Tu mir kein Wunder zulieb.
Gieb deinen Gesetzen recht,
die von Geschlecht zu Geschlecht
sichtbarer sind.


Wenn etwas mir vom Fenster fällt
(und wenn es auch das Kleinste wäre)
wie stürzt sich das Gesetz der Schwere
gewaltig wie ein Wind vom Meere
auf jeden Ball und jede Beere
und trägt sie in den Kern der Welt.

Ein jedes Ding ist überwacht
von einer flugbereiten Güte
wie jeder Stein und jede Blüte
und jedes kleine Kind bei Nacht.
Nur wir, in unsrer Hoffahrt, drängen
aus einigen Zusammenhängen
in einer Freiheit leeren Raum,
statt, klugen Kräften hingegeben,
uns aufzuheben wie ein Baum.
Statt in die weitesten Geleise
sich still und willig einzureihn,
verknüpft man sich auf manche Weise, -
und wer sich ausschließt jedem Kreise,
ist jetzt so namenlos allein.

Da muß er lernen von den Dingen,
anfangen wieder wie ein Kind,
weil sie, die Gott am Herzen hingen,
nicht von ihm fortgegangen sind.
Eins muß er wieder können: fallen,
geduldig in der Schwere ruhn,
der sich vermaß, den Vögeln allen
im Fliegen es zuvorzutun.

(Denn auch die Engel fliegen nicht mehr.
Schweren Vögeln gleichen die Seraphim,
welche um ihn sitzen und sinnen;
Trümmern von Vögeln, Pinguinen
gleichen sie, wie sie verkümmern...)


Du meinst die Demut. Angesichter
gesenkt in stillem Dichverstehn.
So gehen abends junge Dichter
in den entlegenen Alleen.
So stehn die Bauern um die Leiche,
wenn sich ein Kind im Tod verlor, -
und was geschieht, ist doch das Gleiche:
es geht ein Übergroßes vor.

Wer dich zum ersten Mal gewahrt,
den stört der Nachbar und die Uhr,
der geht, gebeugt zu deiner Spur,
und wie beladen und bejahrt.
Erst später naht er der Natur
und fühlt die Winde und die Fernen,
hört dich, geflüstert von der Flur,
sieht dich, gesungen von den Sternen,
und kann dich nirgends mehr verlernen,
und alles ist dein Mantel nur.

Ihm bist du neu und nah und gut
und wunderschön wie eine Reise,
die er in stillen Schiffen leise
auf einem großen Flusse tut.
Das Land ist weit, in Winden, eben,
sehr großen Himmeln preisgegeben
und alten Wäldern untertan.
Die kleinen Dörfer, die sich nahn,
vergehen wieder wie Geläute
und wie ein Gestern und ein Heute
und so wie alles, was wir sahn.
Aber an dieses Stromes Lauf
stehn immer wieder Städte auf
und kommen wie auf Flügelschlägen
der feierlichen Fahrt entgegen.

Und manchmal lenkt das Schiff zu Stellen,
die einsam, sonder Dorf und Stadt,
auf etwas warten an den Wellen, -
auf den, der keine Heimat hat...
Für solche stehn dort kleine Wagen
(ein jeder mit drei Pferden vor),
die atemlos nach Abend jagen
auf einem Weg, der sich verlor.


In diesem Dorfe steht das letzte Haus
so einsam wie das letzte Haus der Welt.

Die Straße, die das kleine Dorf nicht hält,
geht langsam weiter in die Nacht hinaus.

Das kleine Dorf ist nur ein Übergang
zwischen zwei Weiten, ahnungsvoll und bang,
ein Weg an Häusern hin statt eines Stegs.

Und die das Dorf verlassen, wandern lang,
und viele sterben vielleicht unterwegs.


Manchmal steht einer auf beim Abendbrot
und geht hinaus und geht und geht und geht, -
weil eine Kirche wo im Osten steht.

Und seine Kinder segnen ihn wie tot.

Und einer, welcher stirbt in seinem Haus,
bleibt drinnen wohnen, bleibt in Tisch und Glas,
so daß die Kinder in die Welt hinaus
zu jener Kirche ziehn, die er vergaß.


Nachtwächter ist der Wahnsinn,
weil er wacht.
Bei jeder Stunde bleibt er lachend stehn,
und einen Namen sucht er für die Nacht
und nennt sie: sieben, achtundzwanzig, zehn...

Und ein Triangel tragt er in der Hand,
und weil er zittert, schlägt es an den Rand
des Horns, das er nicht blasen kann, und singt
das Lied, das er zu allen Häusern bringt.

Die Kinder haben eine gute Nacht
und hören träumend, daß der Wahnsinn wacht.
Die Hunde aber reißen sich vom Ring
und gehen in den Häusern groß umher
und zittern, wenn er schon vorüberging,
und fürchten sich vor seiner Wiederkehr.


Weißt du von jenen Heiligen, mein Herr?

Sie fühlten auch verschloßne Klosterstuben
zu nahe an Gelächter und Geplärr,
so daß sie tief sich in die Erde gruben.

Ein jeder atmete mit seinem Licht
die kleine Luft in seiner Grube aus,
vergaß sein Alter und sein Angesicht
und lebte wie ein fensterloses Haus
und starb nichtmehr, als wär er lange tot.

Sie lasen selten; alles war verdorrt,
als wäre Frost in jedes Buch gekrochen,
und wie die Kutte hing von ihren Knochen,
so hing der Sinn herab von jedem Wort.
Sie redeten einander nichtmehr an,
wenn sie sich fühlten in den schwarzen Gängen,
sie ließen ihre langen Haare hängen,
und keiner wußte, ob sein Nachbarmann
nicht stehend starb.
In einem runden Raum,

wo Silberlampen sich von Balsam nährten,
versammelten sich manchmal die Gefährten
vor goldnen Türen wie vor goldnen Gärten
und schauten voller Mißtraun in den Traum
und rauschten leise mit den langen Bärten.

Ihr Leben war wie tausend Jahre groß,
seit es sich nichtmehr schied in Nacht und Helle;
sie waren, wie gewälzt von einer Welle,
zurückgekehrt in ihrer Mutter Schooß.
Sie saßen rundgekrümmt wie Embryos
mit großen Köpfen und mit kleinen Händen
und aßen nicht, als ob sie Nahrung fänden
aus jener Erde, die sie schwarz umschloß.

Jetzt zeigt man sie den tausend Pilgern, die
aus Stadt und Steppe zu dem Kloster wallen.
Seit dreimal hundert Jahren liegen sie,
und ihre Leiber können nicht zerfallen.
Das Dunkel häuft sich wie ein Licht das rußt
auf ihren langen lagernden Gestalten,
die unter Tüchern heimlich sich erhalten, -
und ihrer Hände ungelöstes Falten
liegt ihnen wie Gebirge auf der Brust.

Du großer alter Herzog des Erhabnen:
hast du vergessen, diesen Eingegrabnen
den Tod zu schicken, der sie ganz verbraucht,
weil sie sich tief in Erde eingetaucht?
Sind die, die sich Verstorbenen vergleichen,
am ähnlichsten der Unvergänglichkeit?
Ist das das große Leben deiner Leichen,
das überdauern soll den Tod der Zeit?

Sind sie dir noch zu deinen Plänen gut?
Erhältst du unvergängliche Gefäße,
die du, der allen Maßen Ungemäße,
einmal erfüllen willst mit deinem Blut?


Du bist die Zukunft, großes Morgenrot
über den Ebenen der Ewigkeit.
Du bist der Hahnschrei nach der Nacht der Zeit,
der Tau, die Morgenmette und die Maid,
der fremde Mann, die Mutter und der Tod.

Du bist die sich verwandelnde Gestalt,
die immer einsam aus dem Schicksal ragt,
die unbejubelt bleibt und unbeklagt
und unbeschrieben wie ein wilder Wald.

Du bist der Dinge tiefer Inbegriff,
der seines Wesens letztes Wort verschweigt
und sich den Andern immer anders zeigt:
dem Schiff als Küste und dem Land als Schiff.


Du bist das Kloster zu den Wundenmalen.
Mit zweiunddreißig alten Kathedralen
und fünfzig Kirchen, welche aus Opalen
und Stücken Bernstein aufgemauert sind.
Auf jedem Ding im Klosterhofe
liegt deines Klanges eine Strophe,
und das gewaltige Tor beginnt.

In langen Häusern wohnen Nonnen,
Schwarzschwestern, siebenhundertzehn.
Manchmal kommt eine an den Bronnen,
und eine steht wie eingesponnen,
und eine, wie in Abendsonnen,
geht schlank in schweigsamen Alleen.

Aber die Meisten sieht man nie;
sie bleiben in der Häuser Schweigen
wie in der kranken Brust der Geigen
die Melodie, die keiner kann...

Und um die Kirchen rings im Kreise,
von schmachtendem Jasmin umstellt,
sind Gräberstätten, welche leise
wie Steine reden von der Welt.
Von jener Welt, die nichtmehr ist,
obwohl sie an das Kloster brandet,
in eitel Tag und Tand gewandet
und gleichbereit zu Lust und List.

Sie ist vergangen: denn du bist.
Sie fließt noch wie ein Spiel von Lichtern
über das teilnahmslose Jahr;
doch dir, dem Abend und den Dichtern
sind, unter rinnenden Gesichtern,
die dunkeln Dinge offenbar.


Die Könige der Welt sind alt
und werden keine Erben haben.
Die Söhne sterben schon als Knaben,
und ihre bleichen Töchter gaben
die kranken Kronen der Gewalt.

Der Pöbel bricht sie klein zu Geld,
der zeitgemäße Herr der Welt
dehnt sie im Feuer zu Maschinen,
die seinem Wollen grollend dienen;
aber das Glück ist nicht mit ihnen.

Das Erz hat Heimweh. Und verlassen
will es die Münzen und die Räder,
die es ein kleines Leben lehren.
Und aus Fabriken und aus Kassen
wird es zurück in das Geäder
der aufgetanen Berge kehren,
die sich verschließen hinter ihm.


Alles wird wieder groß sein und gewaltig.
Die Lande einfach und die Wasser faltig,
die Bäume riesig und sehr klein die Mauern;
und in den Tälern, stark und vielgestaltig,
ein Volk von Hirten und von Ackerbauern.

Und keine Kirchen, welche Gott umklammern
wie einen Flüchtling und ihn dann bejammern
wie ein gefangenes und wundes Tier, -
die Häuser gastlich allen Einlaßklopfern
und ein Gefühl von unbegrenztem Opfern
in allem Handeln und in dir und mir.

Kein Jenseitswarten und kein Schaun nach drüben,
nur Sehnsucht, auch den Tod nicht zu entweihn
und dienend sich am Irdischen zu üben,
um seinen Händen nicht mehr neu zu sein.


Auch du wirst groß sein. Größer noch als einer,
der jetzt schon leben muß, dich sagen kann.
Viel ungewöhnlicher und ungemeiner
und noch viel älter als ein alter Mann.

Man wird dich fühlen: daß ein Duften ginge
aus eines Gartens naher Gegenwart;
und wie ein Kranker seine liebsten Dinge
wird man dich lieben ahnungsvoll und zart.

Es wird kein Beten geben, das die Leute
zusammenschart. Du bist nicht im Verein;
und wer dich fühlte und sich an dir freute,
wird wie der Einzige auf Erden sein:
Ein Ausgestoßener und ein Vereinter,
gesammelt und vergeudet doch zugleich;
ein Lächelnder und doch ein Halbverweinter,
klein wie ein Haus und mächtig wie ein Reich.


Es wird nicht Ruhe in den Häusern, sei's
daß einer stirbt und sie ihn weitertragen,
sei es daß wer auf heimliches Geheiß
den Pilgerstock nimmt und den Pilgerkragen,
um in der Fremde nach dem Weg zu fragen,
auf welchem er dich warten weiß.

Die Straßen werden derer niemals leer,
die zu dir wollen wie zu jener Rose,
die alle tausend Jahre einmal blüht.
Viel dunkles Volk und beinah Namenlose,
und wenn sie dich erreichen, sind sie müd.

Aber ich habe ihren Zug gesehn;
und glaube seither, daß die Winde wehn
aus ihren Mänteln, welche sich bewegen,
und stille sind wenn sie sich niederlegen -:
so groß war in den Ebenen ihr Gehn.


So möcht ich zu dir gehn: von fremden Schwellen
Almosen sammelnd, die mich ungern nähren.
Und wenn der Wege wirrend viele wären,
so würd ich mich den Ältesten gesellen.
Ich würde mich zu kleinen Greisen stellen,
und wenn sie gingen, schaut ich wie im Traum,
daß ihre Kniee aus der Bärte Wellen
wie Inseln tauchen, ohne Strauch und Baum.

Wir überholten Männer, welche blind
mit ihren Knaben wie mit Augen schauen,
und Trinkende am Fluß und müde Frauen
und viele Frauen, welche schwanger sind.
Und alle waren mir so seltsam nah, -
als ob die Männer einen Blutsverwandten,
die Frauen einen Freund in mir erkannten,
und auch die Hunde kamen, die ich sah.


Du Gott, ich möchte viele Pilger sein,
um so, ein langer Zug, zu dir zu gehn,
und um ein großes Stück von dir zu sein:
du Garten mit den lebenden Alleen.
Wenn ich so gehe wie ich bin, allein, -
wer merkt es denn? Wer sieht mich zu dir gehn?
Wen reißt es hin? Wen regt es auf, und wen
bekehrt es dir?
Als wäre nichts geschehn,

- lachen sie weiter. Und da bin ich froh,
daß ich so gehe wie ich bin; denn so
kann keiner von den Lachenden mich sehn.


Bei Tag bist du das Hörensagen,
das flüsternd um die Vielen fließt;
die Stille nach dem Stundenschlagen,
welche sich langsam wieder schließt.

Jemehr der Tag mit immer schwächern
Gebärden sich nach Abend neigt,
jemehr bist du, mein Gott. Es steigt
dein Reich wie Rauch aus allen Dächern.


Ein Pilgermorgen. Von den harten Lagern,
auf das ein jeder wie vergiftet fiel,
erhebt sich bei dem ersten Glockenspiel
ein Volk von hagern Morgensegen-Sagern,
auf das die frühe Sonne niederbrennt:

Bärtige Männer, welche sich verneigen,
Kinder, die ernsthaft aus den Pelzen steigen,
und in den Mänteln, schwer von ihrem Schweigen,
die braunen Fraun von Tiflis und Taschkent.
Christen mit den Gebärden des Islam
sind um die Brunnen, halten ihre Hände
wie flache Schalen hin, wie Gegenstände,
in die die Flut wie eine Seele kam.

Sie neigen das Gesicht hinein und trinken,
reißen die Kleider auf mit ihrer Linken
und halten sich das Wasser an die Brust
als wärs ein kühles weinendes Gesicht,
das von den Schmerzen auf der Erde spricht.

Und diese Schmerzen stehen rings umher
mit welken Augen; und du weißt nicht wer
sie sind und waren. Knechte oder Bauern,
vielleicht Kaufleute, welche Wohlstand sahn,
vielleicht auch laue Mönche, die nicht dauern,
und Diebe, die auf die Versuchung lauern,
offene Mädchen, die verkümmert kauern,
und Irrende in einem Wald von Wahn - :
alle wie Fürsten, die in tiefem Trauern
die Überflüsse von sich abgetan.
Wie Weise alle, welche viel erfahren,
Erwählte, welche in der Wüste waren,
wo Gott sie nährte durch ein fremdes Tier;
Einsame, die durch Ebenen gegangen
mit vielen Winden an den dunklen Wangen,
von einer Sehnsucht fürchtig und befangen
und doch so wundersam erhöht von ihr.
Gelöste aus dem Alltag, eingeschaltet
in große Orgeln und in Chorgesang,
und Knieende, wie Steigende gestaltet;
Fahnen mit Bildern, welche lang
verborgen waren und zusammgefaltet:

Jetzt hängen sie sich langsam wieder aus.

Und manche stehn und schaun nach einem Haus,
darin die Pilger, welche krank sind, wohnen;
denn eben wand sich dort ein Mönch heraus,
die Haare schlaff und die Sutane kraus,
das schattige Gesicht voll kranker Blaus
und ganz verdunkelt von Dämonen.

Er neigte sich, als bräch er sich entzwei,
und warf sich in zwei Stücken auf die Erde,
die jetzt an seinem Munde wie ein Schrei
zu hängen schien und so als sei
sie seiner Arme wachsende Gebärde.

Und langsam ging sein Fall an ihm vorbei.
Er flog empor, als ob er Flügel spürte,
und sein erleichtertes Gefühl verführte
ihn zu dem Glauben seiner Vogelwerdung.
Er hing in seinen magern Armen schmal,
wie eine schiefgeschobne Marionette,
und glaubte, daß er große Schwingen hätte
und daß die Welt schon lange wie ein Tal
sich ferne unter seinen Füßen glätte.
Ungläubig sah er sich mit einem Mal
herabgelassen auf die fremde Stätte
und auf den grünen Meergrund seiner Qual.
Und war ein Fisch und wand sich schlank und schwamm
durch tiefes Wasser, still und silbergrau,
sah Quallen hangen am Korallenstamm
und sah die Haare einer Meerjungfrau,
durch die das Wasser rauschte wie ein Kamm.
Und kam zu Land und war ein Bräutigam
bei einer Toten, wie man ihn erwählt
damit kein Mädchen fremd und unvermählt
des Paradieses Wiesenland beschritte.

Er folgte ihr und ordnete die Tritte
und tanzte rund, sie immer in der Mitte,
und seine Arme tanzten rund um ihn.
Dann horchte er, als wäre eine dritte
Gestalt ganz sachte in das Spiel getreten,
die diesem Tanzen nicht zu glauben schien.
Und da erkannte er: jetzt mußt du beten;
denn dieser ist es, welcher den Propheten
wie eine große Krone sich verliehn.
Wir halten ihn, um den wir täglich flehten,
wir ernten ihn, den einstens Ausgesäeten,
und kehren heim mit ruhenden Geräten
in langen Reihen wie in Melodien.
Und er verneigte sich ergriffen, tief.

Aber der Alte war, als ob er schliefe,
und sah es nicht, obwohl sein Aug nicht schlief.

Und er verneigte sich in solche Tiefe,
daß ihm ein Zittern durch die Glieder lief.
Aber der Alte ward es nicht gewahr.

Da faßte sich der kranke Mönch am Haar
und schlug sich wie ein Kleid an einen Baum.
Aber der Alte stand und sah es kaum.

Da nahm der kranke Mönch sich in die Hände
wie man ein Richtschwert in die Hände nimmt,
und hieb und hieb, verwundete die Wände
und stieß sich endlich in den Grund ergrimmt.
Aber der Alte blickte unbestimmt.

Da riß der Mönch sein Kleid sich ab wie Rinde
und knieend hielt er es dem Alten hin.

Und sieh: er kam. Kam wie zu einem Kinde
und sagte sanft: Weißt du auch wer ich bin?
Das wußte er. Und legte sich gelinde
dem Greis wie eine Geige unters Kinn.


Jetzt reifen schon die roten Berberitzen,
alternde Astern atmen schwach im Beet.
Wer jetzt nicht reich ist, da der Sommer geht,
wird immer warten und sich nie besitzen.

Wer jetzt nicht seine Augen schließen kann,
gewiß, daß eine Fülle von Gesichten
in ihm nur wartet bis die Nacht begann,
um sich in seinem Dunkel aufzurichten: -
der ist vergangen wie ein alter Mann.

Dem kommt nichts mehr, dem stößt kein Tag mehr zu,
und alles lügt ihn an, was ihm geschieht;
auch du, mein Gott. Und wie ein Stein bist du,
welcher ihn täglich in die Tiefe zieht.


Du mußt nicht bangen, Gott. Sie sagen: mein
zu allen Dingen, die geduldig sind.
Sie sind wie Wind, der an die Zweige streift
und sagt: mein Baum.

Sie merken kaum,
wie alles glüht, was ihre Hand ergreift, -
so daß sie's auch an seinem letzten Saum
nicht halten könnten ohne zu verbrennen.

Sie sagen mein, wie manchmal einer gern
den Fürsten Freund nennt im Gespräch mit Bauern,
wenn dieser Fürst sehr groß ist und - sehr fern.
Sie sagen mein von ihren fremden Mauern
und kennen gar nicht ihres Hauses Herrn.
Sie sagen mein und nennen das Besitz,
wenn jedes Ding sich schließt, dem sie sich nahn,
so wie ein abgeschmackter Charlatan
vielleicht die Sonne sein nennt und den Blitz.
So sagen sie: mein Leben, meine Frau,
mein Hund, mein Kind, und wissen doch genau,
daß alles: Leben, Frau und Hund und Kind
fremde Gebilde sind, daran sie blind
mit ihren ausgestreckten Händen stoßen.
Gewißheit freilich ist das nur den Großen,
die sich nach Augen sehnen. Denn die Andern
wollens nicht hören, daß ihr armes Wandern
mit keinem Dinge rings zusammenhängt,
daß sie, von ihrer Habe fortgedrängt,
nicht anerkannt von ihrem Eigentume
das Weib so wenig haben wie die Blume,
die eines fremden Lebens ist für alle.

Falle nicht, Gott, aus deinem Gleichgewicht.
Auch der dich liebt und der dein Angesicht
erkennt im Dunkel, wenn er wie ein Licht
in deinem Atem schwankt, - besitzt dich nicht.
Und wenn dich einer in der Nacht erfaßt,
so daß du kommen mußt in sein Gebet:
Du bist der Gast,

der wieder weiter geht.


Wer kann dich halten, Gott? Denn du bist dein,
von keines Eigentümers Hand gestört,
so wie der noch nicht ausgereifte Wein,
der immer süßer wird, sich selbst gehört.


In tiefen Nächten grab ich dich, du Schatz.
Denn alle Überflüsse, die ich sah,
sind Armut und armsäliger Ersatz
für deine Schönheit, die noch nie geschah.

Aber der Weg zu dir ist furchtbar weit
und, weil ihn lange keiner ging, verweht.
O du bist einsam. Du bist Einsamkeit,
du Herz, das zu entfernten Talen geht.

Und meine Hände, welche blutig sind
vom Graben, heb ich offen in den Wind,
so daß sie sich verzweigen wie ein Baum.
Ich sauge dich mit ihnen aus dem Raum

als hättest du dich einmal dort zerschellt
in einer ungeduldigen Gebärde,
und fielest jetzt, eine zerstäubte Welt,
aus fernen Sternen wieder auf die Erde
sanft wie ein Frühlingsregen fällt.

Todestribunal
01.07.2003, 05:15
Ich mag kurze Gedichte. Deshalb poste ich mal drei zur Liebe. Heine und Goethe mag ich auch sonst sehr gern. Rilke ist ebenfalls nicht schlecht.

von Heinrich Heine
Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Knospen sprangen,
Da ist in meinem Herzen
Die Liebe aufgegangen.

Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Vögel sangen,
Da hab ich ihr gestanden
Mein Sehnen und Verlangen.


von Johann Wolfgang von Goethe
Freudvoll und leidvoll,
Gedankenvoll sein;
Langen und bangen
In schwebender Pein;
Himmelhoch jauchzend,
Zum tode betrübt:
"Glücklich allein
Ist die Seele, die liebt!"


von Günther Kunert
Als unnötigen Luxus
Herzustellen verbot was die Leute
Lampen nennen
König Tharsos von Xantos der
Von Geburt
Blinde

Alexiel
01.07.2003, 05:48
Brigit vom Mantel, umgib uns.
Herrin der Lampe, beschütz uns.
Hüterin des Herdes, entzünde uns.
Unter dem Mantel vereine uns
und gib uns dem Gedächtnis wieder.
Mütter unserer Mütter, Vormütter stark,
führt mit eurer Hand die unsrige,
erinnert uns, das Herdfeuer zu entfachen,
es leuchtend hell zu halten, die Flamme zu hüten.
Eure Hände sind unsere, Tag und Nacht.
Birgids Mantel um uns,
Birgids Gedächtnis in uns,
Birgids Schutz, uns vor Schaden zu bewahren,
vor Unwissenheit, vor Herzlosigkeit,
diesen Tag und diese Nacht,
vom Morgengrau bis zum Dunkel,
vom Dunkel bis zum Morgengrau.

Ist zwar kein Gedicht, aber ein Gebet, das der keltischen Göttin Birgid gewidmet ist.
Geschrieben wurde es von Caitlin Matthews, leider hab ich keinerlei Infos über den Dichter. Vielleicht gefällt es euch ja :)

Ianus
03.07.2003, 22:08
@Shi:
Baudelaire ist großartig, ich habe seinen 'Blumen de Bösen' ebenfalls gelesen, aber mir gefallen die Englischen Übersetzungen besser als die Deutschen.

Ich liebe leicht depressive, bildreiche Gedichte, wie die 36 Dichterinnen, eine Gruppe japanischer Frauen, die eine ganze Menge Haikus über Liebeskummer verfasst haben. Leider besitze ich sie nur in Deutscher ÜBersetzung.

Wann lösen wir uns
füreinander, so schwer
zu binden und so
leicht gelockert, wann
der Gürtel, der noch
mein Nachtgewand hält?

Hätt' ich nicht ge-
wusst, dass dieser Welt
des Leidens nicht zu
entfliehen ist, hätte
ich mir einen Ort
fern in den Bergen
gesucht.

Nur wer allein
schläft, weiß wie end-
los die Herbstnacht.
Sag, wer hat es dir er-
zählt? Denn du weißt
doch, wie endlos eine
Herbstnacht ist.

Bedeckt den Mond
mit Wolkendunst,
denn sein ANblick
macht mich traurig.
Aus seinem Glanze
lächelt das Antlitz des
Geliebten.

Ob ich trostlos bin,
ob ich weine, der Kla-
gen sind niemals ge-
nug. Bin halt so kalt
und hart nicht wie der
Mond in jener Nacht.


Zur Abwechslung eine originelle Liebessonette von Friedrich Rückert:

Amaryllis I

Amara, bittre, was du tust, ist bitter,
Wie du deine Füße rührst, die Anrme lenkest,
Wie du die Augen hebst, wie du sie senkest,
Die Lippen auftust oder zu, ist's bitter.

Ein jeder Gruß, den du schenkest, ist bitter,
Bitter ein jeder Kuss den du nicht schenkest,
Bitter sit, was du sprichst und was du denkest,
Und was du hast und was du bist, ist bitter.

Voraus kommt eine Bitterkeit gegangen,
Zwo Bitterkeiten gehn dir zu den Seiten,
Und eine folgt den Spuren deiner Füße.

O du, mit Bitterkeiten rings umfangen,
Wer dächte, dass mit all den Bitterkeiten
Du doch mir bist im inneren Kern so süße.

Ianus
03.07.2003, 23:07
Im Sinne der Übersichtlichkeit lasse ich mich zu einem Doppelpost hinreißen, jetzt folgt nämlich meine Lieblingsballade, wieder eine japanische Übersetzung und so lang, dass ich sie in zwei Hälften liefern werde:

Mensch auf der Brücke

I
Den Blick auf das andere Ufer gerichtet
Stehst du am klaren Himmel, Mensch auf der Brücke.
Über Gräben von Schmutz und Öl
Ragt die schmutzige Gesiterstadt empor.
Von schwerer Angst, Erschöpfung und
Stein verhärtete Dächerzüge und
Tief darunter ein träge kriechender Kanal.
Schau! Wohin der Bootsbug durch die stagnietre 'Zeit',
Ruder im Leeren schlagend
Abwärts, abwärts fährt - die Richtung.

Mensch auf der Brücke, du hast
Dein geheimniserfülltes Zimmer,
die Blicke vertrauter Menschen und
Bücher und FEnster und Schreibzeug verlassen;
über viele Wege,
an vielen Städten vorbei,
bist du irgendwann, weit weg, auf die Brücke gelangt.
Nun bezwingst du den Ekle
Du träumst, im Himmel der Welt zerbersten
Kristalle, Blumen, Muscheln als Feuerwerk am hellichten Tag

II
Oh Zeit, warum strömst du?
Warum stehst du nicht still?
Sang ein betrunkener Matrose
In einem schäbigen Cafe.
Oh, was soll ich nun...
Wein und Mädchen ade-
Auf geht's zum Hafen-
Zukunft und Hoffung, die bleiben mir noch.

Ach Zeit, warum strömst du?
Warum stehst du nicht still?
sang eine Verrückte
im lärmigen Elendsviertel.
Ach, was soll ich nun...
Fort mit dir, du leerer Beutel
Auf geht's zum Hafen-
Zukunft und Liebe, die gibt's nicht mehr.

Ach Zeit, warum strömst du?
Warum stehst du nicht still?
sang ein bleicher Angestellter
In seiner stickigen Wohnung.
Oh, was soll ich nun...
Auf geht's zum Hafen-
Zukunft und Glauben sind zweierlei.

III
Mensch auf der Brücke,
wie der Nachhall von Schritten um die Straßenecke
wandtest du dich nicht um,
vom Wind zerfetzte flüchtige Traumgedanken
waren dein ganzer, im Herzen schwebender Weg.
Mensch auf der Brücke,
du warst ein Wanderer, auf Abenteuer aus,
vom Herbst 1940 bis zum Herbst 1950
gelangten deine Schritte und Spuren
überall hin und gingen überall vorbei.
Mensch auf der Brücke,
warum bist du zurückgekehrt?
Ärmer noch, als beim Aufbruch,
vom Winde getrieben, von Wellen geschlagen,
warum bist du von deiner Irrfahrt wiedergekehrt?
ganz wie ein zufälliger Passant
bist du zrückgekehrt in die graue Stadt,
in eine "Wirklichkeit", wo das frische Blut der Hoffnung
deinen Fuß festhält und dir zu warten befielt.
Mensch auf der Brücke!

IV
Neimand sieht,
wie eine Prozession Ertrunkener vorbeizieht, an den Händen
und Füßen mit Tang gefesselt,
den Blick dumpf zum Wasserspiegel gewandt-
Du hast es gesehen.
Wie aus Gestank und Schmach
Unzählige Schaumbläßchen aufsprudeln...
"Du bist ein leeres Ding
du bist ein dukles, porpöses Universum
du bist ein Wesen von eins plus eins
und minus zwei dazu
wenn ein plus ein Leben sit
und minus zwei Tod bedeutet
dein porpöser Leib
ist vollgestopft mit Leben
dein leerer Kopf
ist vollgestopft mit Tod."

Niemand hört,
wie der schwarze Kanal stöhnt,
der das Rückgrat dieser tosenden Großstadt durchfließt-
du hast es gehört.
Wie die Ertrunkenen in Höllenqualen von Eis und Frost
und Dampf und Sud
wulstig gedunsene, zahnlose Münder öffnen
die lautlos zum Himmel schreien...
"Auch heute scheint die Sonne
die Straßenbahnen fahren
die Schornsteine rauchen
die Hunde schlafen bei den Hunden
und bald beginnen die Sterne zu funkeln
doch niemand hat gesagt: Lebe!"

Niemand weiß,
daß der Weg der Zukunft in dei Vergangenheit führt,
und das die Vergangenheit unbeendet in der Zukunft
enthalten ist-
Du hast es gewusst.
Wieviel Schuld in deinem Herzen eingeschlossen ist,
um deines Daseins Willen.
"Ist aus allen möglichen Weisen des Tuns
eine zu wählen
und wird schließlich die verwerflichste gewählt
so gibt es dafür immer persönliche Gründe
darum belastet es uns weniger
Reinheit zu beflecken
als ein sauberes Hemd schmutzig zu machen
was für den Gelehrten tief gründet
sieht die Hure nicht einmal als Pfütze
für das einzelne Streichholz in der Tasche
für das einzelne Loch eines abgerissenen Knopfes
gibt es immer persönliche Gründe."

V
Aus der Höhle eines Herzens
Aus dem Spiel der Welle
Klingt gleitendes weiches Wispern
"Einst gab es eine Quell
das Wasser kaum aus dem Schlaf geboren
verströmte Kraft und Köstlichkeit
grub einen Teich im Felde, überschwemmte das Land
zog einen Ufersum, durchtränkte das Nichts
Verdorrtes, hart erstarrtes löste sich auf"
"Einst gab es eine Quell
nege dich nieder, küsse
gespiegelt im klaren Wasser die ideale Gefährtin
die Eltern, die Schwester und deinen besten Freund"
"Ich bin das Licht der trüben WElt
meine Tränen flossen Tag und Nacht, den Seelen zur Speise
labten Narzissen und Schlangen und alles Lebendige"
Bezweifgelst du etwa
daß es vor dem gewaltigen Chaos dort unten
einst eine Frische Quell
und also auch Reinwaschung gab?

VI
Blasser Mensch auf der Brücke,
in deine eherne Stirn hängt nasses Haar aus Tang,
heftig flutet Nebel aus den Tiefen der Kanäle.
Wie letzter Abendschein
Schwimmt ein Schwimmer Blutrot auf den Wangen deiner
verblichenen Erinnerungen.
Glestalten gehen durch die Stadt im Sonnenuntergang,
nähern sich langsam, gleiten wortlos vorbei,
setzen den Fuß auf die gleiche Nebeltreppe
und entschwinden in weißen Strudeln des gleichen Labyrinths.
Einsamer Mensch auf dern Brücke,
warum ahst du vergessen, das du selbst ein verlassener Stern am Himmel bist
und das vom Hier zum Dort nur sehr wenig Abstand ist?...
Du hattest die Liebe nicht,
du hattest die Wahrheit nicht,
du wolltest alles, was du nicht hattest
und verlorst alles, was du besaßest.
Mnsch auf der Brücke,
der Nebel dicht, die Formen undeutlich,
die Wirrsal unendlich tief,
doch wessen Stern bestimmt ist, der blickt nie zurück.
Auf den nassen Tang und die eherne Stirn
Legt sich kalt der Ring der Nacht,
um seinetwillen, dessen Stern bestimmt ist,
um seines am Himmel funkelnden Lichtes willen.

VII
Vater,
trauriger Vater,
seit du nicht mehr da bist,
wartet im Zimmer des verödeten Herzens
ein leerer Stuhl auf den, der nie mehr zurückkehrt.
Von Kälte geschüttelt
Stehe ich, der ich dich bekämpfte,
vor einem Ofen ohne Glut.
Vater,
einsamer Vater,
ich bin allein.
Ohne Frau, ohne Kind, in einem Winkel dieser weiten Stadt
Nage ich am harten Brot.
Ich bin arm,
ich bin krank,
ist das dein ganzes Geschenk?
Vater,
mächtiger Vater,
weil ich unheimlich dumm bin,
kann ich deine tiefe Güte und Weisheit nicht begreifen.
Ich irre ziellos durch die Straßen,
nahe am Zusammenbrechen,
und blicke zum Himmel empor.
Wo du weilst,
ist es immer vom schlechten Atem der Engel bewölkt.
Vater,
mächtiger Vater,
ohne Mantel bleibe ich im Novemberfrost auf der Brücke
und starre in den dunklen Kanal.
Vater,
mächtiger Vater,
ganügt denn meine Schuld noch nicht?
Ist mein Elend dein Glanz?

VIII
Mensch auf der Brücke,
am Ende der Schönheit
ging die Richtung verloren,
gab es kein Feuerwerk und keinen Traum,
keine "Zeit" und keine "Erinnerung",
weder Quell noch ziehende Wolke,
weder Elend noch Glanz.
Mensch auf der Brücke,
in dir und um dich
brach die Nacht an.
Die Schatten von Leben und Tod schieben sich übereinander,
die Nacht brach an, in der lebendige Tote im Leeren wandern.
In dir und um dich
flammen Lichter auf.
Wie Seelen im Vorgefühl von Leben und Tod erschauern,
flackern sie, ein jedes, ein jedes,
und wehren dem Einfall der Toten.
Mensch auf der Brücke,
Lichter entbrennen am anderen Ufer,
Lichter entbrennen in der Geisterstadt,
Lichter entbrennen über den Kanälen.
Unzählige Lichtfenster flitzen auf Hochbahnen dahin,
unzählige Lichtfenster steigen hoch im Nachthimmel auf.
Sie flackern, ein jedes,
in dir und um dich flammen Lichter auf,
wie Seelen im Vorgefühl auf Leben und Tod erschauern,
falckern sie, ein jedes, ein jedes,
und erlöschen sie, ein jedes ein jedes,
Mensch auf der Brücke.

*Genickstarremassieren*

Blade_ss
27.07.2003, 20:20
Wieso hab ich das Forum erst jetzt entdeckt??? Da muss ich einiges nachholen.

und gleich mit einem meiner Lieblingsgedichte(aber seit kurzem erst)

dieses Gedicht beinhaltet meiner Meinung nach alles, was im Leben so abläuft...<3 ich liebe es einfach!



Herman Hesse- Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln und uns engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!


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aurelius
15.08.2003, 08:27
Es gibt wirklich schöne Gedichte und Balladen. Ja und die Bürgschaft von Friedrich Schiller ist meine Lieblingsballade. Erst hab ich sie gehasst wie die Pest, weil sie in der Schule besprochen haben. (Sammelt mal alle sprachlichen Mittel heraus und erklärt sie, *ächz*.) Und dann mussten die Ballade auswendig lernen. Erst haben alle gestöhnt, aber im Endeffekt war es schön. Ich liebe diese Ballade jetzt wirklich - und ich kann sie immer noch so einigermaßen. (Zu Dionys dem Tyrannen schlich... usw.) Ist ja schon gepostet, also mein Appell an alle, die sie noch nicht gelesen haben. Okay, dann poste ich jetzt halt mal ein anderes Gedicht, über dass ich vor kurzem noch eine Interpretation schreiben musste. *deutscharbeitsheftrauskram*
Et voilà:

Soldat Soldat in grauer Norm
Soldat Soldat in Uniform
Soldat Soldat, ihr seid so viel
Soldat Soldat, das ist kein Spiel
Soldat Soldat, ich finde nicht
Soldat Soldat, dein Angesicht
Soldaten sehn sich alle gleich
Lebendig und als Leich

Soldat Soldat, wo geht das hin
Soldat Soldat, wo ist der Sinn
Soldat Soldat, im nächsten Krieg
Soldat Soldat, gibt es kein Sieg
Soldat Soldat, die Welt ist jung
Soldat Soldat, so jung wie du
Die Welt hat einen tiefen Sprung
Soldat, am Rand stehst du

Soldat Soldat in grauer Norm
Soldat Soldat in Uniform
Soldat Soldat, ihr seid so viel
Soldat Soldat, das ist kein Spiel
Soldat Soldat, ich finde nicht
Soldat Soldat, dein Angesicht
Soldaten sehn sich alle gleich
Lebendig und als Leich

Soldaten sehn sich alle gleich
- lebendig und als Leich

das Gedicht entstand in den 70ern und ich finde das spürt man auch. Die Welt stand vor einem alles vernichtendem Atomkrieg und die Menschheit hatte Angst. Der Autor heißt übrigens Wolf Biermann und lebt auch noch.