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Square
09.01.2004, 00:45
Das ist mein erster Versuch, eine eigene Geschichte zu schreiben. Obwohl die Geschichte so wirkt, als könnten in ihr autobiogaphische Elemente enthalten sein, ist "alles" frei erfunden. Dementsprechend wohne ich nicht in Hamburg, kenne ich keinen Samuel und auch sonstige Gegebenheiten sind ausgedacht. Ich hoffe, ihr findet ein wenig Gefallen daran - wie gesagt, ein Erstlingswerk. ;)


Dein Gleis

Mein Name ist Karl, ich bin 26 Jahre alt und von Beruf Kfz-Mechaniker. Ich erzähle Euch heute die Geschichte von Samuel. Wer ist Samuel, fragt Ihr Euch mit Sicherheit - nun, Samuel ist mein bester Freund gewesen.

Mit 7 Jahren lernte ich ihn kennen. Wir besuchten die Grundschule in einem Vorort nahe Hamburg. Eigentlich brauchte ich keine neuen Freunde, ich hatte doch schon so viele. Doch ich hatte das Gefühl, dass Samuel etwas besonderes ist. Im Gegensatz zu mir und den anderen Kindern war seine Hautfarbe ein wenig dunkler und sein Name - ja sein Namen, der war auch irgendwie anders. Kein Wunder, schließlich kam er auch aus Israel. Doch bemerkenswerter, als seine Herkunft war seine Freundlichkeit und sein Wissen. Er war intelligenter und konnte sich sogar in der deutschen Sprache gewählter ausdrücken.

Der Grund für unsere Freundschaft war ein anderer. Genau wie ich spielte er gerne Fussball, er spielte sogar noch viel besser als ich. Mit 9 Jahren wollte ich dann unbedingt im Fussballverein spielen, weil meine Freunde mir sehr viel positives darüber berichtet haben. Ja, Samuel wollte auch unbedingt, allerdings brauchte er dazu noch die Einverständnis seiner Eltern. Ich bekam sie, obwohl ich gerade so das Schuljahr gepackt habe. Samuel hingegen hatte das beste Zeugnis im Jahrgang - er durfte jedoch nicht. Samuel hatte heimlich eine Trainingsstunde mitgemacht und unser Trainer war beeindruckt von seinen Fähigkeiten, doch ohne Einverständnis von seinen Eltern durfte er Samuel nicht ins Team integrieren. An der Gebühr kann es nicht gelegen haben, denn Samuels Eltern waren damals schon erfolgreiche Geschäftsleute. Jedoch wollten sie nicht, dass Samuel sich verletzen könnte und sie befürchteten, dass die schulischen Leistungen dadurch in Mitleidenschaft gezogen werden könnten.

Ich war 13 Jahre alt, wir beide besuchten das Gymnasium in Hamburg. Ich war immer noch kein besonders guter Schüler, jedoch hatte sich schon einiges verbessert. Samuel gehörte wieder zu den Klassenbesten. In der 10ten Klassen lief es für mich gar nicht mehr gut. Ich hatte eine 6 in Mathematik und auch in Latein wurde es eine 5. Ich musste das Schuljahr wiederholen und dabei hab ich nach den ersten Misserfolgen sogar viel Hilfe von Samuel in Anspruch genommen. Bei Samuel war jedoch alles anders. Er hatte einen so guten Notendurchschnitt, dass er die 11te Klasse überspringen durfte. Eigentlich hätte er ein Austauschjahr in Amerika gerne mitgemacht, aber seine Eltern konnten ihn davon abbringen. Dafür erlaubten sie ihm, dass er mit mir im Fussballverein spielen durfte.

Ich wiederholte das Jahr, was sich für mich als gut entpuppt hatte, doch ich habe unabsichtlich für Samuel eine Menge verbaut. Denn auf einer Konferenz zum Neujahr wurden zwei Klassen zusammengefügt und die Schülerliste wurde vorgelesen. Zu unserem Pech waren die Eltern geladen. Nein, nicht meine Eltern waren das Problem. Als mein Name auf der Liste fehlte, schaute sein Vater verduzt zu Samuel und fragte, was denn mit Karl los sein würde. Natürlich war es nicht zu verheimlichen, dass ich nicht aufgestuft wurde, werde wurde das auch schon, sowas gilt nur als Ausnahmereglung. Besonders dumm war, dass ich auf die Frage des Vaters geantwortet habe, dass ich das 10te Schuljahr wiederholen würde.

Ich und Samuel durften uns zwar weiterhin treffen, aber nur noch von 15. 00 bis 17. 00 Uhr und die Sache mit dem Fussball - die konnte sich Samuel nun schenken. Dabei lag es doch an meiner Faulheit oder macht der Fussball eben dumm? Nein, ganz sicher nicht.
Auch an sämtlichen Aktivitäten durfte Samuel mit mir nicht mehr teilhaben. Da wir von dem Buch Der Herr der Ringe so begeistert waren, wollten wir auch eine geheime Sprache erfinden, die nur wir verstehen können. Eigentlich veränderten wir nur bei ein paar Buchstaben die Reihenfolge und veränderten die Zeichen, doch niemand konnte es lesen. Doch viel davon gehabt haben wir nicht, denn wir haben uns kaum noch getroffen. Ich verbrachte nun mehr Zeit mit meinen anderen Freunden. Auf dem Pausenhof spielten wir nun auch Fussball. Es zog sich alles wie ein roter Faden hindurch. Wie der Zufall es wollte, ein Klassenkamerad wollte eigentlich nur das selbstkonstruierte Tor treffen doch verfehlte und traf Samuel ins Gesicht. Beruhig waren alle, als Samuel die Hände vom Kopf wegnahm und versicherte, dass alles gar nicht so schlimm wäre. Gezeichnet war er jedoch von einer kleinen Beule.

Am nächsten Tag verkündete unsere Lehrerin, dass wir nun nicht mehr Fussball auf dem Pausenhof spielen dürften, da sich die Eltern von Samuel wohl sehr beschwert haben sollen. Dabei versuchte Samuel laut seinen Aussagen, das alles geheim zu halten, doch wieder erlag er seinen Eltern. Es fiel mir immer auf, dass Samuel alles mit sich hat machen lassen, wenn ich bei ihm zuhause war. Seine Eltern schien sogar durchaus kooperations- und diskussionsbereit zu sein, aber sobald keine sichere Zusage kam, wies er ab.

Obwohl Samuel ein Freund von mir war, habe ich ihn von nun an relativ selten gesehen und ehrlich gesagt habe ich mich auch nicht nach Kontakt gesehnt. In den folgenden Jahren schien er immer ruhiger zu werden. Er verließ die Schule mit erfolgreichem Abschluss des Abiturs und machte auf Wunsch seines Vaters ein Betriebswirtschafsstudium. Dabei sagte er mir, dass er Wirtschaft doch langweilig findet und gerne im Bereich Chemie und Physik geblieben wäre.

In den folgenden Jahren war Samuel ein sehr einsamer Mensch, er lebte immer alleine. Dabei war er weder häßlich noch dumm. Er konnte nur selber keine Entscheidungen treffen und war auf seine Eltern angewiesen. Er machte all das, was man von ihm wollte. Seine Eltern fragten ihn nie, was er wollte. Besonders schlimm musste es gewesen sein, als ich ihn darauf hinwies. Ich sagte ihm, wie erfolgreich er ist, was er alles kann. Doch ich sagte ihm, er seie auf dem falschen Gleis, er müsste sein Gleis finden und bei der nächsten Abzweigung das Gleis wechseln. Doch er wirkte nur noch besorgter.

Sein Vater wusste, dass sein Sohn sich nun doch nicht wohlfühlte. Er machte sich vorwürfe, dass er zu streng war und seinen Sohn zu viele Entscheidungen abgenommen hatte, doch er wollte eben nur das Beste für ihn. Der Vater hielt Samuel zur Rede, er versuchte ihm deutlich zu machen, dass er noch jederzeit alles andere machen kann, was er wolle. Er erzählte ihm aber auch, was er falsch gemacht hatte.

Ein Messerstich, ja wie ein Messerstich, so muss es sich angefühlt haben. Kein tödlicher Messerstich, aber dafür einer, der mehr weh tat, als alles andere. Samuel war völlig verwirrt. Es wusste nicht mehr weiter, denn zu wissen, dass man abhängig ist, ist schlimm genug, aber es noch gesagt zu bekommen, noch viel schlimmer.

Am nächsten Tag ertönte bei mir das Telefon. Samuel ist verschwunden und seit 3 Stunden wird er gesucht, aber nirgends wurde er bisher gefunden. Verdammt, wo könnte er nur sein. Ich besuchte das Elternhaus von Samuel und fand auf seinem Schreibtisch einen Brief. Seine Eltern hielten den Brief für ein alten Ausatz in Latein. Doch es war genau die Schrift, die wir uns damals ausgedacht haben - er hat sie also nicht vergessen. Doch als ich den Brief gelesen habe, wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte:

"Lieber Karl,
ich erinnere mich, was Du vor wenigen Tagen gesagt hast. Ich denke Du hast Recht und ich bin Dir sehr dankbar dafür. Ich habe mein Gleis gefunden. Wenn Du diesen Brief ließt, dann bin ich bestimmt schon auf dem richtigem Gleis unterwegs. Ich hoffe, dass Du weiterhin auf dem richtigen Gleis bist - denn du hast Recht, das eigene Gleis ist das Richtige, nicht das Erfolgreichste."

Das war das Letzte, was ich von Samuel gehört hab. Ich weiß nicht, was das genau im Klartext zu bedeuten hat, doch ich bin mir sicher, dass ich ihn nie mehr wiedersehen werde. Das ist die Geschichte von Samuel, ein Freund, der mir in Erinnerung bleiben wird.

NeoInferno
09.01.2004, 02:26
Sehr packende und interessante Geschichte, man kann sich alles wirklich gut vorstellen da es sich alles so zugetragen haben könnte.

Sephe
09.01.2004, 02:34
Ich finde du hast einen guten Erzähstil und die Geschichte finde ich auch gut aufgebaut. Am Anfang fragt man sich wozu du das alles erzählst. Das Samuel so gut in der Schule war und so. Aber später wirds interressant. Ich mag solche Kurzgeschichten. Muss ja nicht immer ein langer Roman sein oder?;) Aber vieleicht hättest du am Anfand Karl ein wenig genauer beschreiben. Was aus ihm geworden ist und vieleicht etwas über seine JETZTIGEN Freunde. War aber gut. Har mir gefallen. Hast du eigentlich vor so was wie einen zweiten Teil zu machen? Das würde auch gut passen. Eventuel sogar mehrere Teile.