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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : [Sky] Rollenspielthread #1 (Signatur aus)



KingPaddy
15.04.2013, 01:10
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Dieser Thread ist für unsere Geschichten gedacht. Beachtet dabei bitte folgende fünf Regeln:

1. Dieser Rollenspielthread ist nur für die Skyrim-Version des RPGs gedacht
2. Signatur ausschalten
3. Ort in die Betreffzeile des Posts schreiben (wenn ich also in Windhelm bin, schreibe ich in den Betreff: "Himmelsrand, Windhelm")
4. Geschrieben wird in der Vergangenheitsform
5. Kein Power-Gaming!

Frohes Posten. :)

Bahaar
19.04.2013, 19:23
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Wie eine dicke Schicht Mehl unter ihren Stiefelsohlen, so fühlte sich die Asche auf dem Boden beim Laufen an. Mit jedem Schritt rutschte Vesana ein wenig und wirbelte kleine Wölkchen auf. Wirklichen Halt fand sie keinen auf dem Grund, der trotz seiner optischen Wirkung so gar nichts mit einer geschlossenen Schneedecke gemein hatte. Eher noch mit den Sanddünen an einem Strand. Es war ungewohnt und unangenehm, sorgte die mangelnde Trittfestigkeit doch auch für Unsicherheit. Lyrgleid kam mit ihrem Wagen auch nur unter Anstrengung voran und musste sich weit nach vorn beugen, um überhaupt genug Druck auf den Boden bringen zu können. Glücklicherweise schien der Weg zur Mine nicht sehr weit zu sein, Rabenfels war nur ein kleines Städtchen, fast schon ein Dorf. Nur über den Marktplatz und noch einen quälenden Hügel hinauf, und sie standen vor dem Eingang in der Felswand aus Basalt.
„Habt Dank“, wandte sich die Kaiserliche an den kräftigen Nord an ihrer Seite. Er schwitzte am ganzen Leib, feuchte Flecken am Hals und unter den Achseln zeichneten seine einfache Kleidung. Die Atmung ging schwer und die Haut im Gesicht glitzerte, zahllose Tropfen rannen über seine Schläfen.
„Gern“, entgegnete er schließlich seinen Atem zurückgewinnend. „Darf ich Euch noch einen Rat geben, bevor ich zum Schiff zurückkehre?“
„Sicher.“
„Gebt gut Acht auf Eure Wasservorräte. Nehmt mehr mit, als Ihr glaubt zu brauchen, bis ihr die verschneiten Gebiete des Nordens erreicht.“
„Das hatte ich ohnehin vor, aber habt Dank.“
„Gut, denn das Wasser im Süden ist von der Asche des Roten Berges vergiftet. Wenn es Euch nicht gerade in den Wahnsinn treibt oder zum Krüppel macht, so tötet es Euch.“ Vesana nickte nur zur Bestätigung, dass sie verstand, was sie eigentlich schon wusste. Gjalund hatte es ihr bereits unterwegs erzählt. „Oh, und hütet Euch vor den umherstreifenden Nord in der Wildnis, solltet Ihr welche von Ihnen sehen – diese Plünderer hatten teilweise schon zu viel des Wassers und sind im Wahnsinn noch gefährlicher.“
„Habt Dank, ich passe auf“, beruhigte sie ihn. Als sich Lyrgleid zum Gehen abwandte, ließ die Kaiserliche einen leisen Seufzer heraus und schüttelte mit dem Kopf. Wie rührend die Sorge doch eigentlich sein mochte, sie empfand sie schlicht als unnötig, ja nervend. Zumindest ab einem bestimmten Maß. Es hatte ohne Zweifel auch seine Nachteile, nicht nach dem auszusehen, das man war. Dazu kamen die ewigen Stiche im Vorderkopf. Die ätzende Luft ließ sie wieder häufiger durch ihr Haupt zucken und verstärkte das Hämmern in den Schläfen. Die Augen geschlossen stand sie einen Moment lang da und rieb sich die Schädelseiten. Erst danach – einen kurzen Blick zur rot verdunkelten Sonne werfend, es musste wohl um die Mittagszeit oder frühen Nachmittag sein – wandte sie sich dem Eingang der Mine zu und trat ein.
Die feuchte, kühle Luft im Innern bot direkt eine willkommene Abwechslung. Die Dunkelheit störte sie nicht, den Geruch von nassem Holz, Moos und Pilzen fand sie verkraftbar und allemal besser, als die beißende Asche und den Rauch draußen. Nach einem kurzen, steil abfallenden Tunnel und vorbei an einem uralten Emblem der ostkaiserlichen Handelsgesellschaft sah sie sich bald in einer größeren, mit Brettern ausgelegten Kaverne und blieb stehen. Einige Tische und Regale, ein aufgeschnittenes, halbes Haus am anderen Ende und Fackeln zur Beleuchtung schmiegten sich an die Steinwände an. Genug Freiraum für Kisten und möglicherweise auch ihren Karren ergab sich hier allemal. Im oberen Stockwerk in dem kümmerlichen Bretterverschlag Vesana gegenüber saß ein Mann an einem Schreibtisch. Er hatte sie nicht bemerkt. Hinter einigen Seiltrommeln darunter trat eine Dunmerin hervor.
„Kann ich Euch helfen?“, wollte sie wissen.
„Ich würde gerne mit dem Besitzer dieser Mine sprechen. Mir wurde gesagt, er könne mir vielleicht helfen“, entgegnete Vesana.
„Und wie kann ein alter Schürfer einer jungen Dame wie Euch behilflich sein?“, hallte die rauchige, von vielen Lebensjahren gezeichnete Stimme des Minenleiters herüber. Der Kaiserliche stand jetzt am oberen Ende der Treppe in das obere Geschoss und kam kurz darauf langsam die knarzenden Stufen hinab.
„Ich habe einen kleinen Karren draußen am Eingang der Mine mit einigen Habseligkeiten stehen, den ich für die Dauer meiner Reise in den Norden von Solstheim gern in Rabenfels unterstellen möchte“, erklärte Vesana. „Natürlich auch für Gold.“
„Ah, ich verstehe, hmm.“ Der Alte war inzwischen heran, während die Dunmerin sich wieder in den Hintergrund zurückzog und die Beiden sich selbst überließ. „Wer hat Euch geraten, zu mir zu kommen?“
„Gjalund Salz-Weiser. Wir sind heute im Hafen eingelaufen.“
„Ach ja, Gjalund. Der Bootstreiber. Aufrichtiger, guter Mann“, dachte er laut nach. „Nun, ganz Unrecht hat er ja nicht. Crescius Caerellius, das bin ich.“ Crescius reichte Vesana die Hand.
„Nevara Cassidian.“ Sie schlug ein.
„Was wollt Ihr denn auf Solstheim und wie lange werdet Ihr bleiben?“ Er wies sie mit einer Geste dazu an, ihm zu folgen und die beiden Kaiserlichen setzten sich an einen Tisch.
„Ich will weiter in den Norden. Mir wurde gesagt die Wälder hier wären ausgezeichnet, um sich als Jäger zu schärfen.“
„Jäger, sagt Ihr?“ Crescius schaute sie ungläubig an. Seine ohnehin schon faltige Stirn runzelte sich noch weiter, als er die Augenbrauen hochzog. Vesana ignorierte es.
„Ich denke, dass ich wohl zwei, eher drei Wochen auf der Insel sein werde. Gjalund setzt ohnehin nur alle paar Tage nach Windhelm über.“
„Was wollt Ihr denn hier jagen, dass Ihr dazu extra die Mühen auf Euch nehmt und zum entlegenen Solstheim kommt?“, wollte der Alte nach kurzer Pause wissen.
„Es heißt, es leben im Norden einige Kreaturen, die es sonst nirgends gibt.“
„An welche dachtet Ihr?“
„Wisst Ihr etwas über Werbären?“
„Werbären? Ich kenne nur Geschichten, nichts Sicheres. Humbuck, wenn Ihr mich fragt. Da müsst Ihr wohl mit den Skaal in ihrem Dorf im Nordosten der Insel sprechen, wenn Ihr mehr wissen wollt. Außenseitern gegenüber sind sie aber sehr argwöhnisch. Ich weiß nicht, ob sie Euch helfen werden. Es gefällt Ihnen nicht, wenn Fremde einfach in ihrem Gebiet herumschleichen.“
„Das werde ich dann wohl herausfinden müssen.“ Vesana wusste schon, worauf seine eher negativ beladenen Beschreibungen hinausliefen. Sie trieb das Gespräch deshalb aktiver in die von ihr gewünschte Richtung. „Was würde es mich kosten, meinen Wagen bei Euch unterzustellen?“
„Hm“, Cresius überlegte kurz. „Wie Ihr seht, ist hier viel Platz und wenig los. Sagen wir zehn Septime am Tag, fünfzig jetzt, der Rest, wenn Ihr wiederkehrt.“
„Abgemacht.“ Vesa nahm ihr Münzsäckel vom Gürtel.
„Doch Kind, gestattet einem alten Mann und Bewohner Solstheims einem jungen, hübschen Ding wie Euch einen Rat zu geben: Lasst das mit Eurer Reise in den Norden. Diese Insel hat schon manch erfahrenem Abenteurer schreckliche Dinge angetan.“
„Hier“, sie reichte ihm das Gold. „Ich lege Euch eine Liste mit Dingen, die ich auf dem Wagen lasse, hier auf den Tisch, sobald ich meine Reisesachen gepackt habe und aufbreche. Habt vielen Dank.“
„Wer wäre ich, wenn ich Euch nicht die Sorge um Eure Dinge abnehmen würde, während Ihr durch die Lande streift?“ Sein schmales, gezeichnetes Gesicht hellte sich ein wenig auf, aber die Falten um den Mund und die trüben Augen verrieten, dass er mit ihrer Entscheidung nicht gerade glücklich war. „Immerhin braucht Ihr in den Wäldern hier einen wachen Verstand und scharfen Geist!“ Crescius nahm das Geld vom Tisch, ohne weiter nachzuzählen, und stand auf. Vesa tat es ihm gleich und die Kaiserlichen reichten sich die Hände. „Seid auf der Hut. Der Süden mag ungemütlich sein, doch der Norden ist gnadenlos.“
Vesana holte ihren Karren in die Mine und stellte ihn in einer Nische an der Seite der Kaverne ab. Bislang lief es gut. Wenn sie denn einmal von den vielen Sorgen, die an sie herangetragen wurden, absah. Sie wickelte die Plane, die ihre Sachen auf der kleinen Ladefläche bedeckte, auf und sortierte die durch den Sturm und holprigen Fahrten durcheinander geworfenen Habseligkeiten neu. Im Schutze der Nische zog sie sich noch einmal um, streifte sich ihre robuste, gefütterte Hose über die schlanken Beine, warf sich eine schlichte Tunika über, die ihr bis knapp oberhalb der Knie reichte und die Arme bis zu den Handgelenken bedeckte und schnürte die hohen Wildlederstiefel mit Fellfutter neu. Je einen stählernen Dolch schob sie in die ins Schuhwerk eingearbeiteten Scheiden auf Höhe des Schienbeins. Es folgte eine dicke, lange Jacke und der mit Eorlund Grau-Mähnes Hilfe angefertigte Harnisch aus gehärteten, stahlbeschlagenen Lederstreifen, die sich überlappend vorn nur den Brustkorb und auf dem Rücken die Wirbelsäule bis zum Steiß bedeckten. Mit Lederriemen zurrte sie ihn fest, bis er richtig saß und sie die ähnlich gearbeiteten Schulterstücke und Unterarmschützer anlegen konnte. Zum Schluss machte sie noch eine Kapuze am Harnisch fest und zog die fingerlosen Lederhandschuhe mit umklappbaren Fingerstücken über die Hände. Das einhändige Stahlschwert aus der Himmelsschmiede band sie auf dem Rücken fest, einen weiteren Stahldolch befestigte sie am Ledergürtel.
Dann kam die schwierigste Entscheidung. Sollte Vesana den Jagdbogen oder doch lieber die Armbrust nehmen? Schnelle Schussfrequenz oder doch lieber Durchschlagskraft? Ihre Finger griffen instinktiv zuerst zum Bogen. Schnelligkeit war ihre Stärke. Andererseits, sie zuckte zurück, mochte die Haut eines Werbären wohl ausgesprochen robust und dick sein. Ein natürlicher Panzer, ganz zu schweigen vom dichten Fell. Nach kurzem Überlegen entschied sie sich dann doch für die Armbrust. Lieber zwei gut gesetzte Schüsse, als ein halbes Dutzend Nadelstiche. Den Köcher mit den Stahlbolzen machte sie ebenfalls am Gürtel fest.
Schon jetzt schwitzend wie ein Tier packte die Kaiserliche nun noch ihren Tornister. Ein paar kleine Tränke, ihr Geld, ein handlicher Schleifstein, noch zwei weitere Jagdmesser, Verbandszeug, Salben, eine Landkarte von Solstheim, zahlreiche Beutel für Wasser und Proviant, die sie erst noch in der Taverne füllen musste, und noch ein paar zusätzliche Bolzen. Abgerundet wurde das Ganze mit einer nässeabweisenden Schlafunterlage aus Leder und Fell, sowie einer Decke, die sie zusammenrollte und oben auf dem Felleisen festzurrte. Die Armbrust ließ sie frisch gespannt an der Seite ihres Gepäcks baumeln. Ihr Speer mit der langen Stahlspitze würde ihr als Gehhilfe auf der Wanderung dienen.
Mit der Linken prüfte sie noch den Sitz der zwei schmalen Zöpfe, die links und rechts an den Seiten vom Vorderkopf zum hoch angesetzten Pferdeschwanz führten, und strich sich letztlich die Strähnen, die das Gesicht auf beiden Seiten lose hängend einrahmten, hinter die Ohren. Für Crescius schrieb sie auf, was sie alles auf der Ladefläche zurückließ, bedeckte diese wieder mit der Plane und legte das Pergament mit der Auflistung auf den Tisch, wie vereinbart.
So beladen und für den Anfang unter der Last keuchend, verließ sie die Mine. Gjalunds Tuch wickelte sich die Jägerin um Mund und Nase, so dass wenigstens die dicken Ascheflocken kein Problem mehr darstellten. Die permanente Rauchnote blieb aber dennoch und reizte die Atemwege. Höchste Zeit, dieses Mistwetter hinter sich zu lassen. Trotz des zusätzlichen Gewichts auf den Schultern lief es sich entgegen ihrer Erwartung noch unangenehmer auf der mehligen Asche. Mit langsamen, quälenden Schritten stapfte sie den Hügel zum Marktplatz hinab und fragte den ersten Händler, den sie sah, nach der örtlichen Taverne, um ihre Vorräte aufzustocken. Er verwies sie auf den Spuckenden Netch unweit seines Standes. Am Tresen im Untergeschoss wurde sie mit einem „Darf es ein Zimmer sein?“ begrüßt.
„Nein, ich möchte nur Vorräte kaufen.“ Vesana setzte den Tornister ab und legte ihre Beutel auf die Theke. „Die fünf Trinkbeutel voll mit Wasser und an Nahrung, was haltbar und gerade verfügbar ist.“
„Längere Reise, eh?“, fragte der Dunmer, während er ihre Bestellung zusammentrug.
„Das wird sich zeigen.“
„Zusammen dreiunddreißig Septime.“ Vesana reichte ihm das Geld und begann ihren Proviant zu verstauen. Einen der Wasserbehälter hängte sie sich zu einigen weiteren Taschen, den Bolzen und dem Dolch an den Gürtel. „Wo soll’s hingehen?“, fragte der Wirt, während er der Kaiserlichen beim Packen zuschaute und ihr ihre Lebensmittel eins nach dem anderen reichte.
„Nach Norden.“
„Ins ewige Eis? Was wollt Ihr denn dort?“ Er klang überrascht, ungläubig.
„Ihr wisst nicht zufällig etwas, über Sichtungen von Werbären?“
„Werbären? Nie gehört. Wenn es sie überhaupt gibt, dann wissen die Skaal etwas über sie. Fragt dort nach, wenn Ihr ohnehin nach Norden geht.“
„Crescius riet mir dasselbe.“ Sie schulterte das Felleisen und wandte sich zum Gehen. „Auf Wiedersehen.“
„Haltet Euch von Tel Mithryn fern und biegt vorher schon nach Norden ab. Man weiß nie, was einem in der Gegenwart von diesen verrückten Telvanni passieren mag“, warf ihr der Dunkelelf hinterher.
Es wurde Zeit, dass Vesana das Dorf hinter sich ließ. So nett die Leute sein mochten, sie brauchte Ruhe und Zeit abseits von den kuriosesten Ratschlägen. Sie durchschritt die hohe Mauer aus Basaltblöcken, stapfte mit schweren, mühsamen Schritten den provisorisch gegrabenen und befestigten Tunnel durch die hoch aufgetürmte Asche entlang und ließ Rabenfalls damit endgültig hinter sich. Nicht ohne Erleichterung, wie sie schnell feststellte. Abstand war gut. Von Rabenfels, von Himmelsrand. Mit den Gedanken auf ein neues Ziel gerichtet, fielen ihr die Schritte zusehends leichter. Wenn sie auch bald noch die wärmeren südlichen Gebiete hinter sich ließ, unter ihrer dicken Kleidung also nicht mehr allzu sehr kochen musste, und nicht ständig in knöcheltiefem Aschemehl versank, würde es vielleicht sogar auch wieder Spaß machen.


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Bahaar
25.04.2013, 21:00
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Wenn sie bis zur Abenddämmerung, die im südlichen Teil der Insel wohl recht früh eintreten würde, noch fünf bis zehn Meilen zurücklegen konnte, wäre Vesana schon zufrieden damit. Da sie auf dem Grund allerdings nur langsam vorankam, hegte sie so ihre Zweifel daran, es auch tatsächlich noch so weit zu bringen, bevor die ohnehin schon dunkle Sonne schließlich hinter dem Horizont verschwand. Ungeachtet dessen lief sie ihre Geschwindigkeit, wie sie es als angenehm empfand. Das musste reichen, immerhin lag noch eine straffe Wanderung in den Norden vor ihr und sie wollte sich am ersten Tag nicht gleich überanstrengen. Während des Marschs hielt sich die Kaiserliche nahe an den Basaltklippen, die parallel zum flachen Küstenstreifen verliefen. Zwar ragten sie nicht unbedingt hoch in den Himmel, aber waren dafür so glatt und dicht geschlossen, dass es zunächst keine Möglichkeit zu geben schien, sie durch eine Kletterpartie zu überwinden. Notgedrungen musste Vesana also den Umweg weiter nach Süden in Kauf nehmen und darauf hoffen, irgendwann doch noch eine Lücke zu finden, bevor die Landmasse letztlich auch so einen Bogen beschrieb und weiter nach Osten führte. Sie würde es wohl früher oder später herausfinden.
Ihr Weg führte die Jägerin vorbei an schroffen Felsformationen und erloschenen Lavabrocken, die teils mit Asche bedeckt waren. Hin und wieder durchbrach aschfahles Gras die geschlossene graue Decke. Auch die Überreste alter Farmhäuser, die von Auswürfen aus dem Roten Berg oder Abbrüchen von den Basaltklippen zerstört worden waren oder einfach unter der Last der Asche nachgegeben hatten, zierten ihren Weg. Es bot sich ein bizarres, fast schon surreales Bild der Landschaft, die schlichtweg tot wirkte. Die zunächst interessante, da fremdartige, Umgebung verlor schon nach den ersten ein, zwei Meilen jeden Rest an ohnehin spärlichem Abwechslungsreichtum und Vesana beschränkte sich einfach darauf, stur geradeaus zu laufen und die Augen oft genug über die Klippen zu ihrer Linken schweifen zu lassen.
Die Gedanken beschränkte sie vor allem auf die nächsten Tage. Die Frage der Übernachtungsmöglichkeiten unterwegs hing noch in der Luft, würde sich wohl aber hoffentlich zu gegebener Zeit mehr oder minder von selbst beantworten. Nachts in den südlichen Gebieten umherzustreifen oder gar unter freiem Himmel zu übernachten hielt sie für unangebracht und schlichtweg gefährlich. Üble Kreaturen – Aschenbrut wurden sie wohl genannt, wenn sie sich recht entsann – streiften dann umher. Nach den Geschichten über sie wollte Vesana lieber keine Begegnung mit ihnen riskieren. Sie drehte sich alsbald gedanklich im Kreis, aber vermied immerhin effektiv großartig über andere Dinge nachzugrübeln.
Im Verlauf des Nachmittags kam Vesa an einem weiteren Haus vorbei. Der weiten Umzäunung einiger rechteckiger Areale in der unmittelbaren Umgebung nach zu urteilen wohl wieder ein Farmhaus. Im Gegensatz zu den bisherigen schien dieses aber noch zu schwelen. Rauch stieg auf und es knacke hin und wieder leise, als ob Holz verbrannte. Da sich im Hintergrund auch noch ein Bruch in der Basaltwand abzuzeichnen schien, beschloss sie eine kurze Rast einzulegen und sich noch ein bisschen umzuschauen – möglicherweise ließ sich noch das eine oder andere an Nützlichem bergen, bevor es endgültig verglühte.
Die Jägerin lehnte ihren Tornister gegen einen Zaunpfahl der Veranda und schob die knarrende Tür ins Innere auf. Es roch nach Rauch und Schwefel, Qualm schlug ihr entgegen. Die Augen begannen sofort zu brennen und zu tränen, sie musste husten und drehte sich kurz weg, bis der Anfall nachgelassen hatte. Nach dem ersten Schrecken wandte sie sich wieder dem Innenraum zu. Es glühte zwischen den Resten des strohbedeckten, eingestürzten Dachstuhls. Der tiefrote Schimmer durchdrang unheilvoll den Qualm. Bei näherem Hinsehen erkannte Vesana, dass er zu einem deformierten, geschmolzenen Steinhaufen gehörte. Wie erstarrte Lava bedeckte er Trümmer und Gegenstände des Hauses. Nur das Glühen wollte nicht so recht dazu passen, denn wenngleich der glimmende Fels große Wärme abstrahlte, für gewöhnlich war Lava flüssig.
Interessiert näherte sich Vesa weiter. Das Material war in der Tat völlig fest, das Knacken ging von ihm, und nicht vom Holz des Hauses, aus. Ebenso der Rauch und Schwefelgeruch. Vorsichtig hob sie ein daumengroßes Fragment auf. Die eine Spitze glomm rot, der Rest hielt sich in dunklem Grau bis Schwarz, wie Basalt. Etwas mehr als handwarm lag ihr das Stück schwer in der hohlen Hand. Nach kurzem Spielen mit dem Splitter warf sie ihn achtlos zurück zum Rest, während sie sich bereits zum Gehen wandte. Nur aus dem Augenwinkel sah sie den starken Funkenschlag, den das Fragment verursachte, als es aufkam. Jetzt wieder mit voller Aufmerksamkeit bei dem Gestein, nahm sie sich zwei ähnlich große Splitter und schlug sie gegeneinander. Jedes Mal stoben Funken, als sie sich mit einem Geräusch von Hammer und Schmiedeeisen trafen. Von der Nützlichkeit als Feueranzünder schnell überzeugt, steckte Vesana die Stücke in zwei separate Beutel an ihrem Gürtel.
Zurück am Zaunpfahl mit ihrem Gepäck schulterte sie dieses. Während sie sich dem Bruch in der senkrechten Basaltwand näherte, nahm sie noch etwas Wasser aus ihrem Trinkbeutel und machte sich im Anschluss an den Aufstieg. Möglichst sicher tretend und greifend kam die Jägerin zwar nur langsam voran, aber immerhin schien es an dieser Stelle tatsächlich bis ganz hinauf zu gehen. Über große und kleine Bruchstücke der markant geformten, schwarzen Felssäulen kletternd und sich durch schmale Spalten zwängend, stand sie letztlich trotz aller Fehltritte und Engpässe oben auf den Klippen einige hundert Schritte von der eigentlichen Abbruchkante entfernt. Umgeben von verkohlten Baumstammresten, die sie bei Weitem überragten, und den abgebrochenen Resten, die sich über den Boden zwischen den Stümpfen verteilten, kam sich Vesana wie auf einem Friedhof vor. Leben gab es hier, wenn überhaupt, auf den ersten Blick in keiner erkennbaren Weise. Nur ein Aschehüpfer sprang aus einem hohlen Stamm am Boden hervor und hüpfte anschließend davon, als sie ihm und seiner Behausung zu nahe kam. Sonst herrschte Stille, selbst ihre Schritte hörte sie kaum auf dem weichen Boden und wenn sie nicht schwer geatmet, geschwitzt und das leise Knirschen und Klappern ihres Gepäcks vernommen hätte, es wäre nicht mehr als ein Traum für sie gewesen. Ein schlechter noch dazu.
Vesa richtete sich neu nach der Sonne aus und lief nun auf möglichst direkter Linie nach Nordosten, wo das Skaal-Dorf lag. Mit ihrer jetzigen Geschwindigkeit, sofern sie sie auch im steileren Terrain halten konnte, würde die Kaiserliche wohl etwa fünf, oder sechs Tage bis zu dem Nord-Stamm brauchen. Eine akzeptable Reisedauer. Mittlerweile musste sie wohl auch die Fünf-Meilen-Marke überschritten haben, sicher war sie sich allerdings nicht dabei. Aber es bestand auch noch genug Zeit, um ein Stück weiterzugehen.
Pünktlich zum späten Nachmittag und frühen Abend machte sie unweit vor sich eine weitere, verlassene Hütte aus. Die Frage nach ihrer ersten Bleibe hatte sich damit an dieser Stelle erledigt. Eigentlich lief es fast schon zu reibungslos ab, so wenige Komplikationen gab es bis zu diesem Moment. Andererseits war sich Vesa sicher, ihren Herrn auf ihrer Seite zu haben. Sie nahm es deshalb als gutes Zeichen.
Als Folge ihrer Zuversicht und der ewigen Stille der Umgebung wurde sie nachlässiger und bemerkte erst zu spät, dass sie keinesfalls allein hier war. Aus dem Eingang der Hütte kam ein hochgewachsener, kräftiger Mann. Zunächst registrierte er Vesa nicht. Er zog sich gemütlich die Hose ein Stück nach unten und erleichterte sich erst einmal von der Veranda seiner heruntergekommenen Bleibe. Erst als es schon plätscherte blickte er auf – genau in dem Moment, in dem sich die Jägerin hinter einen Baumstamm hechtete.
„Ehjo, Boss, ich glaub‘ hier draußen is‘ jemand!“, rief der Nord. Seine tiefe Stimme klang verzerrt.
„Erzähl‘ kein‘ Qutasch, hier kommt keine Sau vorbei! War bestimmt wieder nur ein Aschehüpfer!“, hallte eine andere Stimme gedämpft aus dem Haus heraus.
„Ne‘, ich schwör’s! Es war ‘was Großes!“
Stühle wurden verschoben und schwere Schritten trampelten über Holzplanken. „Wo?“
„Da hinten hinter dem dicken Baumstamm und dem abgebrochenen Stück.“
„Wenn Du wieder nur Halluzinationen hast, schneid‘ ich Dir eigenhändig die Eier ab!“ Vesana versuchte, sich einen Überblick zu verschaffen, mit wie vielen sie es nun tatsächlich zu tun hatte. Mindestens zwei, aber sie vermutete anhand der Trittgeräusche zuvor eher, dass es drei waren. Vermutlich Plünderer, noch dazu welche, die hier schon zu lange lebten und nicht am vergifteten Wasser gestorben waren. Hektisch suchten ihre Augen nach einem Ausweg, nach Deckung, in der sie sich möglichst unbemerkt von den Nord entfernen konnte. Sie fand nichts, die verkohlten Baumreste standen und lagen zu weit auseinander und boten zu wenig Schutz. Schweiß rann ihr nun noch schneller aus den Poren die Schläfen hinab in Gjalunds Tuch, das Blut rauschte in ihren Ohren und die Brust schmerzte, so raste ihr Herz. Sie wischte sich einige salzige Perlen aus den Augenbrauen und atmete tief durch. Die zuvor niedergerungenen Stiche durch den Vorderkopf verstärkten sich wieder etwas und es fiel der Kaiserlichen schwer sich zu konzentrieren. Unruhig glitt ihr Blick weiter über die Umgebung.
Vesa schaute über die Schulter an dem Stamm vorbei, gegen den sie lehnte. Ein Nord in schwerer, stählern glänzender Rüstung kam direkt auf sie zu. Zwei weitere deckten seine Flanken in einigem Abstand. Sie durchforsteten das Gebiet vor der Hütte Schutzmöglichkeit für Schutzmöglichkeit. „Piep, piep, kleines Mäuschen! Spielen wir heute Verstecken?“ Tönte der scheinbare Anführer von ihnen, der sich durch seine bärenkopfartig geformten Schulterpanzer und den dicken Harnisch von seinen zwei leicht geschützten Kumpanen abhob. „Piep, piep.“ Sie zog sich wieder in die Deckung zurück.
„Komm‘ schon, kleines Mäuschen!“, forderte der letzte der Nord, der zuvor noch nicht gesprochen hatte. „Sei kein Spielverderber.“ Diese Männer schienen in der Tat schon viel zu lange hier zu leben. Vesana überlegte fieberhaft, Gedanken überschlugen sich. Wegrennen? Sinnlos. Mit Gepäck nicht, und ohne wäre es genauso ihr Todesurteil hier draußen in der öden Wildnis. Kämpfen? Eine gegen drei? Das würde sie nicht überleben. Nicht, wenn die Drei gemeinsam mit ihr kämpften. Den Anführer erschießen und die anderen beiden im Nahkampf erledigen? Das mochte vielleicht funktionieren. Doch dann war es schon zu spät.
„Da bist Du, Mäuschen!“ In der Stimme des Anführers schwang eine nicht zu überhörenden Note an Spott mit. „Hab‘ – Ich – Dich!“ Genau in dem Moment streifte sich die Jägerin die Riemen des Felleisens von den Schultern, ließ den Speer los und sprang auf die Füße. In einer Bewegung drehte sie sich gleichzeitig um die eigene Achse und zog ihr Schwert, das sie am ausgestreckten Arm in Richtung des Plünderers hielt, um ihn auf Abstand zu halten. Allerdings musste sie direkt danach feststellen, dass er an einem Stamm einige Schritte entfernt stand und einen Aschehüpfer mit ihr verwechselt hatte, als dieser am Stamm sitzend gewackelt hatte. Der große, bärtige Nord ließ ihn fallen und griente sie an. „Hab‘ – Ich – Dich!“, wiederholte er. Vesana gefror das Blut in den Adern und sie merkte, wie sich ihre Pupillen vor Schreck und Wut über sich selbst weiteten. Wie ein Kind, das beim Stehlen eines Apfels erwischt worden war, so fühlte sie sich. Die zwei anderen Räuber blieben stehen und gaben ein einstimmiges „Piep, piep, kleines Mäuschen!“ von sich. Mit hintereinander in größerem Abstand gesetzten Füßen und dem erhobenen Schwert blieb die Jägerin wie angewurzelt stehen. Ihre Augen behielten die drei Männer genau im Blick, während ihr ein mögliches Kampfszenario nach dem anderen durch den Kopf schoss. Und was bei allen Göttern war nur los mit ihr, dass sie überhaupt in so eine Situation geraten konnte? Wie war es möglich, dass sie als geschulte Jägerin in so eine simple Falle getappt war?
Mit einem leisen, scharfen Schleifgeräusch zog der Anführer sein Schwert aus der Scheide. Eine gebogene Klinge mit schwerer, breiter Spitze. „Überlasst mir den Spaß“, forderte er von seinen zwei Kumpanen, die sich kurz darauf auf einen umgestürzten Baumstamm setzten und gespannt zuschauten. „Sieh‘ mal einer an, was uns der Wind zugetrieben hat: Ein kleines Kätzchen.“ Die anderen zwei begannen aufgeregt zu gackern und zu kichern. „Kätzchen“, äfften sie ihn nach.
Inzwischen würde sie den Anführer nach zwei großen Ausfallschritten erreichen können, so nah war er bereits heran. Er fischte sich eine dicke Strähne, seines langen, fettigen Haares aus dem Gesicht und warf sie nach hinten über die Schulter. Ob es braun war, oder es der Dreck so färbte, ließ sich nicht unterscheiden. Der wilde Bart umrahmte die spröden, wulstigen Lippen und den dunklen Augen haftete etwas Wahnsinniges an. „Erst werde ich Dich abstechen“, begann er zu beschreiben als sie dazu übergingen sich gegenseitig zu umkreisen. „Dann werde ich Dich benutzen“, setzte er fort und leckte sich die Lippen. Das leicht gekrümmte Schwert hob er nun ebenfalls vor die Brust auf sie zeigend. „Und dann werd‘ ich Dich als Trophäe bei uns aufhängen.“ Mit diesen Worten und einem folgenden, wilden Kampfschrei ging er auf sie los.
Gerade rechtzeitig duckte sich die Jägerin zur Seite weg, rollte durch die Asche ab und kam wieder auf die Füße, das Schwert nun hoch hinter den Kopf erhoben, als wolle sie es wie einen Stein werfen und in der linken den Dolch vom Gürtel am Arm entlang geführt, abwehrend vor sich gehoben. „Flinkes Kätzchen“, amüsierten sich die zwei anderen Plünderer.
„Schnauze!“, brüllte ihr Anführer und sie verstummten. Kaum hatte er das gesagt, schlug er schon wieder nach ihr. Vesa lenkte den Hieb mit dem Schwert an sich vorbei, während sie einen Schritt zu Seite setzte. Gleich darauf nahm sie die Pose von zuvor ein. Jede Faser ihres Körpers ächzte vor Anspannung, die Atmung schnitt in der Luftröhre und das Herz krampfte. Nach außen behielt sie Ruhe, doch nach innen tobte sie. Sie war auf diesen Kampf nicht vorbereitet gewesen. Nichts hatte darauf hingedeutet, dass er kommen würde. Sie war zu leichtsinnig gewesen, fühlte sich zu schnell sicher. Das durfte ihr nicht noch einmal passieren – nicht in dieser lebensfeindlichen Umgebung. Sofern sie denn lebend aus der Sache herauskam.
Es folgte eine ganze Reihe von erstaunlich schnellen Hieben hintereinander, die jeder einzelne dennoch von außerordentlicher Kraft gekennzeichnet waren. Vesana lenkte sie ab, oder blockte direkt, wobei letzteres stärker an ihren Kräften zehrte und den Arm schmerzen ließ. Kurz andauernde Taubheits- und Lähmungserscheinungen traten dann auf und sie brauchte einen Moment, bis sie ihren Arm wieder richtig heben konnte. Unter dem letzten Schlag duckte sich die Kaiserliche abermals weg, rollte ab und hieb nach dem linken Bein des Nords mit ihrem Dolch. Die Spitze kratzte über das schützende Metall und schnitt daran vorbei nur durch das Hosenbein.
Wieder standen sich die Kontrahenten gegenüber und schauten einander an. Der Plünderer spie vor ihr auf den Boden aus. „Flinkes Kätzchen, in der Tat“, wiederholte er die Worte seiner Kumpane. „Nützt Dir nur nichts!“ Erneut holte er nach ihr aus, klirrend prallten die Klingen aufeinander. Sie verkeilten sich an den Parierstangen. Während Vesa blind mit dem Dolch nach seiner Brust stach und hoffte, eine Lücke in der Panzerung zu treffen, holte der Nord mit dem Kopf aus und schlug ihn über die gekreuzten Schwerter hinweg gegen den ihren. Die Kämpfer taumelten auseinander. Der Jägerin tropfte augenblicklich Blut aus der linken Augenbraue auf die Wange, den PLünderer überkam ein böses Grinsen.
Jetzt erst, schien sie ihre Kampfkraft zurückzugewinnen. Adrenalin pumpte ihr durch die Adern, gab ihr Kraft, vertrieb den Anflug von Benommenheit als Folge des Schlages gegen ihr Haupt und schärfte die Reflexe. Nur durch diesen direkten Treffer überwand sie in diesem Moment die Schockstarre und gewann ihre Kampfeskraft zurück. Aus dem Fluchtreflex wurde ein Kampfreflex. Das Rauschen in den Ohren drängte sie in den Hintergrund zurück und die Taubheit in ihrem Arm kämpfte sie nieder. Die körperliche Berührung vertrieb die Lähmung ihrer Sinne. Wach und bereit fixierten ihre Augen das Ziel. Sein schweres Atmen, der Schweiß auf seiner Stirn, das Nachgreifen der Schwerthand um den Griff der Waffe, das Zucken der Muskeln in der linken Wange und im Augenwinkel und das Mahlen seiner Kiefer – einfach alles an ihm schien Vesana nun in großer Detailtiefe wahrzunehmen. Sie konnte seine Anspannen und seinen Ärger fast schon riechen. Die neuen, intensiven Eindrücke aufsaugend, gewann sie dadurch neue Zuversicht. Diesmal ließ sie sich jedoch nicht davon in ein übermäßiges Sicherheitsgefühl wiegen, noch blieb das Ergebnis der Konfrontation offen.
Mit einem wölfischen, spitzen Lächeln auf den schmalen Lippen hob die Kaiserliche ihr Schwert und hielt den Dolch locker vor sich. Die Blutung über dem linken Auge kümmerte sie nicht, es würde schnell verheilen. Als der Nord auf sie zukam, setzte sie mit einer schnellen Sprungrolle direkt neben ihm auf, rollte sich ab und drehte sich noch im Aufstehen um die eigene Achse. Ihren Hieb zog sie ihm von hinten durch beide Kniekehlen, woraufhin der Räuber schreiend und kreischend in einer großen Aschewolke zu Boden stürzte. Seine Waffe entglitt ihm. Ihre eigene nun schräg nach unten hinter sich haltend, beobachtete die Kaiserliche wie sich der Nord am Boden wälzte und in Asche hüllte. Die Wunden in den Knien bluteten stark, färbten die grauen Flocken tief schwarz und ließen sie an den Wundrändern zu dicken Wülsten verklumpen. Der Plünderer versuchte wegzukriechen, konnte sich aber nur ziehen, weil ihr Schlag Sehnen durchtrennt hatte und tief in die Gelenke eingedrungen war. Die Arme fanden auf dem lockeren Untergrund keinen Halt. Zufrieden konnte nun Vesa grinsen.
Mit diesem Gesichtsausdruck wandte sie sich den geschockten Kameraden des am Boden liegenden Nords zu. „Der Nächste?“, fragte sie und entblößte die hellen, sauberen Zähne. Die Zunge bleckte kurz über die Eckzähne. Die zwei Männer schauten einander an, sprangen anschließend auf und rannten so schnell sie ihre Füße trugen vor der Kaiserlichen davon. Kurz überlegte Vesana, ob sie jedem von ihnen einen Bolzen in den Rücken jagen sollte, doch entschied sie sich schließlich dagegen. Diese Irren würden nicht noch einmal wiederkommen.
Das Schwert, von dessen Spitze inzwischen die letzten Blutstropfen abgeperlt waren, schob sie zurück in die Scheide auf dem Rücken, den Dolch verstaute sie am Gürtel. Vom Gepäck nahm sie trotz ihrer Entscheidung zuvor die Armbrust und legte einen Bolzen auf, ohne die Waffe jedoch zu spannen. Sie folgte dem einige Schritte weit gekrochenen Anführer der Gruppe. Eine dunkle Spur zog sich hinter ihm her. Das Schreien und Stöhnen war zu einem Wimmern verstummt. Neben ihm angekommen, trat ihm Vesa gegen die Schulter und drehte ihn so auf den Rücken. Haare, Bart und Gesicht hüllten sich in Grau, seine Rüstung ebenso. Völlig verstaubt hustete er. Nach Abklingen des Anfalls richteten sich seine angsterfüllten, panischen und doch hassenden Augen auf sie. Sie glommen rot von der Überreizung durch die Asche. Ihre Armbrust zeigte auf ihn.
„Ich werde es Euch nicht gönnen, schnell zu sterben“, begann sie langsam zu sprechen. Sie spannte die Armbrust. „Doch habe ich nicht den ganzen Tag Zeit darauf zu warten, dass Ihr verblutet.“ Mit einem Klicken löste sie den Mechanismus aus. Für den Bruchteil der Dauer eines Lidschlags surrte das Geschoss durch die Luft, dann durchschlug es schräg an der Wirbelsäule vorbei oberhalb des Brustbeines Luft- und Speiseröhre. Sofort quoll dem Mann dunkles Blut aus Mund und Nase. Die linke Hand des Nords, die gerade nach dem Dolch an seinem Gürtel greifen wollte, und die rechte langten nach dem Holzschaft in seinem Hals. Die Augen lösen sich von der Jägerin und wanderten zum Himmel. Zuckungen durchfuhren den massigen Leib, während er gurgelnd unaufhörlich Blut spuckte.
Vesana überlies den sterbenden Räuber sich selbst, brachte die Armbrust zurück zum Tornister und begann damit, sich die Asche vom Leib zu klopfen, so gut es ging. Das geronnene Blut in ihrer linken Gesichtshälfte kratzte sie weg, neues quoll nicht mehr aus der kleinen Wunde hervor. Schließlich schulterte sie ihr Gepäck und ging noch einmal auf den Sterbenden zu.
Das Gurgeln und Glucksen ließ sich kaum noch wahrnehmen, die Zuckungen des Körpers klangen ab. Der Brustkorb hob und senkte sich nur noch minimal. Es würde nicht mehr lange dauern und der Nord hätte sein Leben vollends ausgehaucht. Zu kraftlos, sich noch in irgendeiner Weise zu wehren, sah sich Vesana nun auch in der Lage, ihn kurz zu durchsuchen. Mehr als ein kaum gefülltes Münzsäckel und den Dolch am Gürtel trug er nicht am Leib. Die Waffe ließ sie, wo sie war, steckte sich das Gold ein, holte von einem leisen Schmatzen begleitet ihren Bolzen zurück, nahm ihm nur noch die Halterung für sein Schwert ab und überlies den Mann sich selbst. Zuletzt fischte sie noch sein höchst interessantes Schwert aus der Asche und begab sich im Anschluss in der hereinbrechenden Nacht zur Hütte.
Das Dach lag halb eingefallen im hinteren Teil auf dem Boden, aber wenigstens konnte sie sich im vorderen Teil an einem Tisch und einigen Bettenlagern aus Stroh niederlassen. Die Tür ließ sich von innen mit einem Balken verriegeln, was die Jägerin dann auch direkt tat. Den Tornister lehnte sie gegen einen der Stühle und setzte sich mit einem erleichtert-erschöpften Seufzen auf einen anderen. Die Überraschung des ersten Tages forderte nun ihren Tribut, aber immerhin war sie ohne Schäden davongekommen. Glück gehabt. Kurz legte sie den Kopf in den Nacken, schloss die Augen und atmete tief durch. Dann widmete sie sich den Schlusshandlungen des ersten Tages.
Vesa reinigte die geschwungene, mit Gravuren verzierte Klinge des Nords und drehte sie in den Händen. Die Schneide setzte schmal am leicht gekrümmten, lederummantelten Heft an, verlief am Rücken relativ gerade und ging auf der Seite der Schneide mit einem Widerhaken in die breite, zum Waffenrücken hin gekrümmte Spitze über. Der relativ schwere Vorderteil verlieh der Waffe in gewisser Weise Eigenschaften einer Axt, nahm der Klinge aber keinesfalls ihre Dynamik als Schwert.
Die Kaiserliche stand auf und vollführte einige Schläge ins Leere. Surrend schnitt die Klinge durch die Luft. Ja, diese Waffe gefiel ihr. Es würde zwar noch etwas Übung brauchen, bis sie mit ihr richtig umgehen konnte, doch sie zeigte sich zuversichtlich, dass es nicht allzu lange dauern würde. Zum Schluss drehte sie das Schwert noch so, dass es andersherum an ihrem Arm entlangführte und sich beinahe um sie herum bog. Dann mit einer schnellen Drehung schnappte sie die eher offen gehaltene Scheide vom Tisch und drehte die Klinge wieder so, dass sie von Vesana weg wies. Ein kurzer Handgriff und sie steckte in ihrer Halterung.
Zufrieden ließ sich die Jägerin zur Ruhe sinken, putzte und stärkte sich noch, und legte sich alsbald auf eine der Nachtstätten, ohne sich noch groß einiger Kleidung zu entledigen. Die nächsten Tage würden nicht weniger anstrengend werden, als der nun allmählich vergehende. Sie brauchte Ruhe und Kraft, um ihren straffen Zeitplan einhalten zu können. Die schlanken Finger der linken Hand schlossen sich um das filigrane Hirschkopfamulet aus Silber um ihren Hals, das sie unter ihrer Jacke versteckt trug. Auf der Seite liegend und zusammengerollt wie ein Kind im Mutterleib zog sie sich noch die Decke bis über die Schulter und schlief bald darauf ein.


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Bahaar
03.05.2013, 18:00
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Am nächsten Tag machte Vesana im sprichwörtlichen Sinne Meter. Sie kam gut voran. Nachdem sie noch einigen Proviant der Plünderer eingepackt und sich ihr Gold in den eigenen Geldbeutel gesteckt hatte, war sie am frühen Morgen aufgebrochen und legte Meile um Meile zurück. Inzwischen durchbrauch auch öfter einmal Leben die graue Aschedecke. Fichten und Tannen ragten zwischen verkohlten und abgebrochenen Artgenossen in den Himmel, hüllten sich aber dennoch in ein farbloses Trauergewand. Tiere sah die Jägerin mit Ausnahme der immer wieder aus ihren Verstecken davonspringenden Aschehüpfern keine. Zeichen von ehemaliger Besiedlung schienen in diesen Gebieten, wenn sie jemals existiert hatten, völlig verschwunden zu sein.
Sie begnügte sich damit, ein wachsames Auge auf ihre Umgebung zu haben, damit etwas wie am Abend zuvor nicht noch einmal passierte. Mittlerweile glaubte sie aber auch geistig vollends auf der Insel angekommen zu sein, so dass sie sich in jedem Fall auf alles kommende vorbereitet fühlte. Ihre starken Zweifel über den Erfolg ihrer Expedition, die sie zu Beginn in Himmelsrand und auf der Überfahrt nach Rabenfels noch geplagt hatten, verschwanden allmählich. Zwar drifteten ihre Gedanken nach wie vor phasenweise unkontrolliert zu allen, die sie zurücklassen musste, aber der Abstand ließ es sie leichter ertragen. Auch das ihr entgegengebrachte Verständnis für die Notwendigkeit ihres Ausflugs seitens ihrer Freunde im Zirkel der Gefährten half. Und obwohl es sie nicht vergessen machte, so nahm es ihr doch eine Last von den Schultern, die viel schwerer wog, als das Gepäck. Das Versprechen der Wiederkehr würde sie ohnehin halten.
Sich straffend und die Gedanken mit einem Schütteln des Kopfes verwerfend, richtete sie den Blick wieder gerade aus. Dabei entdeckte sie etwas, das ihr Interesse weckte. Die Kaiserliche änderte ihre Laufrichtung und stapfte auf einen umgestürzten Baum zu. Über ihm lagen die in Leder gehüllten Beine eines Mannes, der Oberkörper fand sich rücklings direkt dahinter. Übel zugerichtet von Kopf bis Fuß erkannte ihn Vesa schnell als einen der beiden verbliebenen Plünderer vom vergangenen Abend. Der zweite lehnte unweit entfernt ähnlich malträtiert an einem Baum. Tiefe, unregelmäßig ausgefranste und an den Rändern verkohlte Schnittwunden zierten ihre Leiber. Die zahlreichen Bissspuren und herausgerissenen Fleischbrocken zeugten von ihren Schändern nach dem Tod, dessen süßsaurer Duft allgegenwärtig zu sein schien. Ein selbstgefälliges, zufriedenes Schmunzeln umspielte ihre Lippen, während sie gleichzeitig die Nase rümpfte – glücklicherweise war ihr Geruchssinn vom beißenden Rauch in der Luft bereits abgestumpft, so dass es sich leichter ertragen ließ. Sie wusste doch, dass die beiden nicht zurückkommen und nur noch für kurze Zeit in der Wildnis überleben würden. Gleichzeitig fühlte sich Vesana aber auch darin bestärkt zu keinem Zeitpunkt unter freiem Himmel übernachten zu wollen.
Sie hockte sich neben den am Baum lehnenden Nord. Seine linke Gesichtshälfte war aufgerissen und an der Braue bis auf den Schädel abgenagt. „Geschieht euch beiden schon ganz recht“, flüsterte sie. „Kein anderes Ende wäre euch würdig gewesen.“ Mit den freien Fingerkuppen strich sie einige der tiefen, breiten Schnitte an seinem Oberkörper entlang. Sie kannte keine Waffen, die derartiges Werk vollbrachten und tierische Krallenspuren sahen in der Regel anders aus, andererseits kannte sie sich auch nicht in der Aschewüste aus und hatte seit ihrer Ankunft auf der Insel schon so manche Kuriosität entdeckt. Einige Krümel des verkohlten Fleisches zwischen den Fingern zerreibend, kam sie aus der Hocke hoch. Fakt war jedenfalls, dass sie den Tätern nur ungern begegnen wollte.
Als sich die Jägerin abwandte, trat sie dem elendig gestorbenen Nord mit der Stiefelspitze gegen die Schulter und ließ ihn Gesicht voran in die Asche fallen. „Mögen eure Götter euch beide auf ewig verdammen.“ Mit diesen Worten setzte sie ihre Reise fort. Die Plünderer verdienten weder die Gnade der Götter, noch die ihre. Sollten sie verrotten und dem nächsten Aasfresser als Futter dienen.
Sie nutzte die Zeit unterwegs hin und wieder für einige Schwungübungen mit dem neuerworbenen Schwert. Nichts weiter anstrengendes, aber sie wollte ein besseres Gefühl für die Klinge bekommen. Noch immer fand sie dessen Eigenschaften interessant. Die schwere Spitze ermöglichte es, mit weniger eigener Kraft heftige Schläge auszuteilen. Gleichzeitig kostete es ungleich mehr Energie, die Waffe erst einmal hoch über den Kopf zu bekommen, so wie sie es bislang gewohnt war, weil der vordere Teil stärker nach unten zog und die Balance der Klinge vom Heft weiter nach vorn verschob. Dennoch wog das Schwert insgesamt in etwa genauso viel, wie ihr bisheriges. Ihr gefiel es. Durch das Übergewicht zur Spitze hin musste sie längere Schwünge führen. Wenn sie schnelle Schläge hintereinander folgen lassen wollte, musste sie gleichzeitig selbst dynamischer sein und stärker mit der Waffe gehen. Da sie das jedoch bereits tat, würde sie diesbezüglich keinerlei Schwierigkeiten haben. Das einzige, an das sie sich wohl erst noch gewöhnen musste, war die Tatsache, dass sie für minimalen Kraftaufwand ihre Schläge mit dieser Waffe möglichst von unten, oder zumindest immer auf Körperhöhe, beginnen musste und nicht mehr von oben über dem Kopf, wie bisher.
Nachdem sie den Gleichgewichtspunkt des gekrümmten Schwertes mit dem Widerhaken etwas über eine Handlänge vor der Parierstange an der Klinge gefunden hatte, verstaute sie diese schließlich wieder an der Seite ihres Felleisens. Bald darauf brauchte sie auch wieder beide Hände. Ein steiler Abhang, überzogen von Baumstämmen, Geröll und – wenig überraschend – Asche. Ein schmaler Pfad wand sich diese Bergflanke entlang hinauf zu einer höher gelegenen Ebene, wie es schien. Mit den Händen zusätzlichen Halt suchend, arbeitete sich Vesana schrittweise hinauf. Einige schief stehende Fichten bogen sich über die Kante am oberen Ende. Eine Windböe rüttelte an ihren Ästen und Zweigen, die darauf liegende Asche löste sich und trieb der Kaiserlichen entgegen, als sie sich gerade auf halber Höhe befand. Im letzten Moment wandte sie den Kopf ab und hielt sich die Hand vor die Augen.
„Verfluchte Asche!“ Entnervt stöhnte sie, als der Strom der grauen Flocken nachließ und sie wieder vorankam. „Zum Kotzen.“ Oben auf einer nur seicht ansteigenden Ebene angekommen, fand sie sich nun im ersten richtigen Wald wieder. Die Zahl der lebenden Pflanzen überstieg die der toten. Ein erfrischender Anblick, der verriet, dass die Jägerin ihrem Ziel näher kam. Zwar würde es trotz aller Fortschritte am heutigen Tag noch drei bis vier weitere brauchen, aber wenigstens ließ sie bald die Wüste hinter sich. Ein Gedanke, der ihr Kraft gab.
Dennoch würde Vesana ihre Wanderung in Kürze beenden müssen. Die Sonne hatte ihren Zenit längst überschritten und neigte sich dem Horizont zu. Wollte sie noch ausreichend Zeit haben, um eine Bleibe für die Nacht zu finden oder herzurichten, musste sie bald mit der Suche beginnen. In einem besonders felsigen Gebiet tat die Jägerin dann auch eben das. Ihren Tornister an einen markanten Stein lehnend, nutzte sie die gewonnene Leichtfüßigkeit und kletterte über einen umgestürzten Baum auf einen besonders hohen Felsbrocken. Von dort aus verschaffte sie sich einen kurzen Überblick. Mit geübten Augen suchte sie nach Vorsprüngen oder Hohlräumen unter Steinen oder gefallenen Bäumen. Auf eine weitere Hütte zu hoffen, das hatte ihr der letzte Abend ausgetrieben.
Eine vielversprechende Kombination aus totem Holz und einigen Brocken entdeckte sie unweit von sich entfernt. Mit schnellen, präzise gesetzten Schritten kehrte Vesa zu ihrem Gepäck zurück und begab sich zu der erspähten Stelle. Zwischen den Stämmen und Felsen formte sich eine kleine Kammer, die nur bei näherem Hinsehen wirklich zu bemerken war. Ideal, wie sie fand. Bis zur beginnenden Dunkelheit verbrachte sie ihre Zeit damit das Lager herzurichten. Asche musste herausgeschaufelt werden, die größten Lücken zwischen den Stämmen dichtete Vesana noch mit einigen Zweigen anderer Bäume ab und bedeckte sie mit dem aus dem Innenraum gewonnenen grauen Mehl. Zum Schluss rollte sie ihre Schlafunterlege aus, kroch hinein und versperrte mit dem Tornister den Eingang. Es gab gerade genug Platz, dass sich die Jägerin drehen und etwas hochbeugen konnte.
Die vorherige Nacht war bereits recht kühl gewesen, nun noch weiter oben und wesentlich schlechter geschützt, würde es wohl recht kalt werden. Sie stellte sich darauf ein und deckte sich zu. Mit dem Verschwinden des letzten Lichts stieg dann auch ein wenig Nervosität in ihr auf. Es sollte sich bald zeigen, ob ihre Wahl der Unterkunft gut und ihre Anpassungen an dieser ausreichend waren.
Als die ersten tierischen Geräusche und furchtgebietendes Schnaufen von draußen erklangen, legte die Jägerin eine Hand um den Griff ihres Dolches. Gleichzeitig zog sie die Decke gegen die hereinziehende Kälte weiter hoch, bedeckte teilweise den Kopf und das Gesicht. Letzteres rieb sie tiefer in das weiche Fell ihrer Unterlage und schützte es zusätzlich mit der freien Hand. Durch die angezogenen Beine machte sie sich möglichst klein. So zusammengerollt schloss die Kaiserliche schließlich die Augen und versuchte über die Geräusche von außerhalb hinweg trotzdem etwas Schlaf zu finden. Unruhig, angespannt und die Sinne auf Alarmbereitschaft geschaltet, wollte es ihr jedoch nicht gleich gelingen.
Dennoch machte sie sich bald keine größeren Sorgen mehr. Die Geräusche von zuvor verstummten allmählich oder drangen jetzt von weiter entfernt zu ihr. Mittlerweile schien es auch relativ eindeutig zu sein, dass es sich bei den Verursachern um keine ihr bekannten Tiere handelte. Eher glaubte sie, es mit Aschenbrut zu tun zu haben, wenngleich es sich dabei mehr nur um ein Bauchgefühl handelte. Letztlich trieb die Müdigkeit Vesana in die Arme des traumlosen, kaum erfrischenden Schlafes.


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Bahaar
10.05.2013, 19:59
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Vesana wanderte schon seit den frühen Morgenstunden. Über Nacht hatte der Wind gedreht und trug eiskalte, klare Luft aus dem hohen Norden herab, die es schwieriger machten, Schlaf zu finden. Die dicke Kapuze über den Kopf geworfen, hatte sie auch die Jacke weiter zugezogen und schaute gerade noch so mit Nasenrücken und Augen unter dem Leder, Stoff und Fell hervor. Die Kälte ließ sie in der Nacht nicht mehr schlafen und so war die Entscheidung zum Aufbruch nicht allzu schwer gefallen. Abgesehen davon konnte sie ohnehin nicht gut schlafen, Traumlosigkeit und Unruhe plagten sie – nicht, dass das etwas Neues war, aber es blieb wie immer wenig erholend.
Andererseits kam es der Jägerin gar nicht ungelegen, früher ihre Wanderung fortzusetzen. So konnte sie insgesamt eine größere Strecke zurücklegen und vielleicht sogar einen kleinen Vorsprung gegenüber ihrem Zeitplan herauslaufen. Es würde sich zeigen. Bislang schien jedoch das Wetter nur bedingt ihrem Willen zu folgen. Starke Böen bliesen von den Hängen der Berge in die zentral gelegenen Wälder und trugen Schnee und Asche gleichermaßen mit sich. Vesa musste sich gegen diesen immer wieder auffrischenden Wind lehnen und kam nur mühsam voran.
Abgesehen davon verlief ihre Wanderung jedoch ereignislos. Die Wälder wurden dichter, die Aschedecke dünner, das Laufen zumindest von unten her angenehmer. Größere Tiere sah sie noch immer keine und auch die Zahl der Aschehüpfer schien sich zu reduzieren. Dafür durchbrachen nun immer öfter Gras und Büche ihr graues Leichentuch. Gleichzeitig sank die Temperatur weiter. Die Fingerstücke, die ihre Handschuhe zu Fäustlingen werden ließen, hatte die Kaiserliche längst umgeklappt.
Bis zum Nachmittag besserte sich das Wetter kaum. Dennoch kam Vesana besser voran, als sie zu Beginn ihres Marsches vermutet hatte. Immerhin befand sie sich zu diesem Zeitpunkt bereits an der Schneegrenze in der Inselmitte. Das Grau wandelte sich zusehends zum Weiß, das Mehl wich knirschendem, festem Schnee. Bis über die Knöchel lagen die Flocken. Ein erfrischender Anblick und eine Erleichterung noch dazu. Ohne das lästige Rutschen ging es trotz Wind zügiger voran. Gegen Abend sah sie dann auch den ersten Hirsch, ein Zeichen von Leben, auf das sie zuvor noch vergebens gehofft hatte. Allerdings trübte die Suche nach einer möglichen Bleibe die kurze Freude über den Anblick des Tieres. Sie fand nämlich keine.
Der an Intensität gewinnende Schneesturm verbesserte die Stimmung nicht gerade. Nach einer vergebens geführten Suche entschied sich Vesana dazu, die Wanderung fortzusetzen. Es konnte entweder ihr Todesurteil sein, oder aber sie davor bewahren. Den Pass, über den sie gehen musste, hatte sie zuvor noch ausgemacht, als es hell war, jetzt hielt sie einfach nur noch in diese Richtung. Bei derartigem Wetter konnte es klüger sein, in Bewegung zu bleiben. Dieser Schneesturm mochte wer wusste schon wie lange anhalten, grub sie sich eine Mulde oder Höhle, könnte es sie tagelang einschneien und wenn sie nicht erfror, verhungerte oder verdurstete sie während sie wartete. Das Risiko war zu groß.
Von oben glaubte die Kaiserliche einige Mannshöhen unter sich Ruinen und die Reste einer alten Festung zu erkennen, die sich an die Felswand schmiegte, oder gar in ihr verschwand. Da sie sich aber gerade auf einem Pfad in einer schmalen Felswand befand, auf dem es nur geradeaus weiter oder wieder zurück ging, entschied sie sich dagegen umzukehren, und setzte ihre Wanderung fort. Sie wusste anhand ihrer Karten, dass es auf der anderen Seite des Passes ein Hochplateau mit einem See gab. Von diesem aus würde es dann gerade so noch einen Tagesmarsch bis zum Skaal-Dorf etwas unterhalb des Plateaus in den zum Meer hin steil abfallenden Felswänden sein. Zwar glaubte sie nicht, dass sie diese Nacht noch bis zur Hochebene kommen würde, aber ihrem derzeitigen Pfad nach zu urteilen, befand sie sich auf einem guten Weg dorthin. Genauer sollte es sich wohl aber erst am nächsten Morgen oder nach Abklingen des Sturms offenbaren. Vesa hoffte einfach auf und bat auch regelmäßig um die Gunst des Herrn der Jagd.

Völlig ausgelaugt kam sie in den frühen Morgenstunden oben am Pass an. Der Sturm ließ allmählich etwas nach und sie sank erschöpft und schwer atmend mit trägen Gliedern im Windschatten eines Felsabbruchs nieder. Den Tornister lehnte sie neben sich an den Stein. Müde schaute Vesana nach Osten, wo sich die Morgenröte abzeichnete und die Sonne bald über die Horizontlinie klettern würde. Zwar sollte das Tagesgestirn durch die Wolken nicht zu sehen sein, aber immerhin einige seiner Strahlen brachen alsbald durch. Wären die Wolken nicht gewesen, es hätte wohl ein atemberaubender Anblick sein können.
Bevor ihr wieder richtig kalt wurde und nach einer kräftigen, morgendlichen Mahlzeit stemmte sich die Kaiserliche in die Höhe und begann mit ihrem kürzeren Abstieg auf der anderen Seite des Bergpasses. Es wurde ein beschwerlicher Weg nach unten. Der Wind blies ihr direkt ins Gesicht, sie fand wenig Halt – einen richtigen Pfad gab es nicht – und ihre erschöpften Gliedmaße versteiften sich nur allzu oft. Holprig schaffte sie es bis in die Wälder des Plateaus, zum Glück jedoch ohne zu stürzen. Im Schutze der hohen Fichten und Tannen schwächte sich allerdings auch der Sturm ab und Vesa konnte aufatmen. Der anstrengendste Teil der Reise zum Skaal-Dorf lag jetzt hinter ihr.
Sich neu orientierend brach sie nach Norden auf. Ein Bär in weiter Entfernung schaute kurz zu ihr herüber. Sie blickte ihn an, dann widmete er sich wieder einem erlegten Hirsch. Eine Bedrohung würde von ihm nicht ausgehen, solange sie auf Abstand blieb. Eine Gruppe Rehe sprang wenig später aus einigen dichten Büschen hervor und rannte vor der Jägerin davon. Das Leben schien sich nicht vom dichten Schneetreiben beirren zu lassen. Ein schöner Gedanke, wie sie fand. Es machte Mut und zeugte von der Kraft der Natur auf der Insel. Würdige Jagdgründe, befand sie. Wenn alles gut verlief, wäre Vesa zum frühen Nachmittag bereits am See und konnte sich ab dann Zeit lassen. Obwohl die durchzechte Nacht ihre Spuren an ihr hinterlassen hatte, so behielt sie dennoch einige positive Aspekte. Die Kaiserliche lag nun weit vor ihrem Zeitplan.
Allerdings endete ihre Glückssträhne auch in dem Moment, in dem ihr dieser Gedanke kam. Hinter sich hörte sie tierisches, aggressives Schnaufen, Grunzen und animalisches Kreischen. Dann folgte Trampeln und bevor sie sich überhaupt umzudrehen vermochte, schlug ihr etwas die Beine weg. Von der Wucht des Aufpralls wirbelte sie durch die Luft und schlug unweit entfernt hart auf dem kalten, gefrorenen Boden auf. Von ihrem linken Bein breiteten sich heiße Wogen des Schmerzes aus, es ließ sich nur in der Hüfte unter großer Pein bewegen.
Stöhnend streifte Vesana ihr Gepäck von den Schultern und nahm sich die Armbrust noch bevor sie überhaupt eine Ahnung davon hatte, was sie da gerade überhaupt erwischt hatte. Der Puls hoch, die Atmung schnell, Stress ergriff Besitz von ihr. Einen Bolzen auflegend drehte sie sich auf den Rücken und versuche einen Überblick zu gewinnen. Die Augen brauchten durch die Überraschung einen Moment, bevor sie richtig scharf stellten. Wenige Schritte von ihr weg wendete gerade eine kleine, blaue Gnomengestalt ihr übergroßes Wildschwein. Dampfwolken schossen aus dessen Nase an der Spitze der mit großen Hauern versehenen Schnauze. Hastig kroch Vesa vor der bedrohlichen Erscheinung zurück und gewann genug Gefühl in ihrem Bein zurück, um sich an einem Baum hochzuziehen. Die Waffe legte sie auf den Gnom – oder was auch immer es sein mochte – an. Nur mit Stiefeln, einer Fellweste und -mütze bekleidet und einem kurzen Speer bewaffnet, schaute er sie böse an. Das Wildschwein blickte nicht weniger finster drein. Viel Zeit zum Überlegen, was sie tun konnte, blieb der Kaiserlichen nicht, denn der Angreifer nahm bereits neuen Anlauf. Dann brach das Tier los und rannte in vollem Galopp mit seinem Reiter auf sie zu.
Vesana holte tief Luft, legte an und löste den Mechanismus aus. Surrend schoss der Bolzen davon und traf den Gnom mitten in die Brust. Die Wucht riss ihn vom Rücken seines pelzigen Schweins, doch ließ sich dieses nicht beirren und rannte weiter. Im letzten Moment wich sie mit einem Sprung über das unverletzte Bein zur Seite aus. Das Tier krachte quiekend und kreischend gegen den Baum, während die Jägerin versuchte möglichst schnell zurück auf die Füße zu kommen. Ihr steifes Bein behinderte sie allerdings erheblich dabei. Das Schwein taumelte rückwärts und schüttelte benommen den Kopf. Vesa legte einen neuen Bolzen nach, als es hinter ihr knirschte und raschelte.
Ruckartig wirbelte sie herum, die Armbrust hob sie in den Anschlag. Gerade rechtzeitig, drehte sie sich, um einen weiteren Gnom – diesmal einer zu Fuß – auf Distanz zu halten. Von hinten wollte er sie mit einem Speer bewaffnet anspringen, jetzt aber war er gezwungen auf Abstand zu bleiben, wollte er ihre Waffe und die sie möglicherweise auslösende Hand im Blick behalten. Dieses … Vieh starrte Vesana aus bösen Augen heraus an. Es zog die Mundwinkel nach unten und so die tiefblauen Lippen auseinander. Dabei entblößte es seine spitzen Zähne. Den Rücken der schmalen Nase legte es in Falten und kniff die Augen weiter zusammen. Den Speer hielt es drohend auf die Kaiserliche gerichtet, der es gerade so bis zum Bauchnabel reichte.
Vesa war angespannt. Die Muskeln im Gesicht arbeiteten, das Herz pumpte schwer, die Atmung ging schnell. Leichtes Zittern erfasste sie und sie spürte Unruhe in sich aufsteigen. Hinter ihr raffte sich allmählich das Wildschwein nach seinem Zusammenstoß mit dem Baum zusammen und die Jägerin musste schnell etwas unternehmen, wenn sie nicht ein weiteres Mal überrannt werden wollte. Ihre Augen suchten nach Möglichkeiten für ein Ausweichen, möglicherweise auch einer Flucht. Vorsichtig testete sie ihr verwundetes Bein. Es schien nicht gebrochen zu sein, lediglich traumatisiert von dem heftigen Schlag durch das Borstenvieh. Sie würde es zwar noch nicht voll belasten können, aber immerhin war es einsetzbar.
Die Kaiserliche setzte einen schnellen Schritt nach vorn, direkt auf den blauen Gnom zu. Mit dem Kolben der Armbrust schlug sie den Speer, der auf sie zeigte, zur Seite, trat ihrem Widersache mit dem anderen Bein vor die Brust und ließ ihn zwei kleine Schritte zurücktaumeln. In dieser Zeit spannte sie den Mechanismus der Schusswaffe und jagte ihm einen Bolzen in die Brust, als er sich wieder gefangen hatte. Gequält stöhnend und mit Blut aus dem Mund quellend, brach er zusammen. Vesana warf die Waffe zu ihrem Gepäck und zog das Stahlschwert aus der Scheide auf ihrem Rücken, als sie sich dem Wildschwein zuwandte. Gerade rechtzeitig, wie sie feststellte, denn inzwischen hatte es sich wieder auf sie ausgerichtet.
Es stampfte auf den Boden und sprintete los. Geistesgegenwärtig warf sich die Jägerin zur Seite und schlug noch im Liegen nach dem Tier. Sie merkte einen Widerstand, dann brach das Schwein rauschend, quiekend und schmerzerfüllt schreiend zusammen. Vesa kam auf die Füße zurück und hielt die blutverschmierte Klinge vor sich. Sie hatte eines der vorderen Beine erwischt und die Hufe ab dem Knöchel abgeschlagen. Das Wildschwein wälzte sich über den Boden, kreischte und schrie vor Schmerz. Es stellte in diesem Zustand keine Bedrohung mehr dar. Sie atmete erleichtert auf und versuchte bewusst die Atmung zu verlangsamen, um ruhiger zu werden.
Nachdem sie ihre Waffe an der Kleidung des näheren der toten Gnome gesäubert und verstaut hatte, humpelte Vesana zurück zu ihrem Felleisen. Das Hämmern im Bein legte sich gerade erst und so schmerzte jeder Schritt. Es half nichts, sie musste weiter. Mühevoll schulterte sie ihr Gepäck und machte sich daran, zu verschwinden. Sie dachte gar nicht erst darüber nach, die Gnome nach wertvollen Dingen zu durchsuchen, sie wollte einfach nur noch weg. Der Geruch des Blutes und die Schreie des im Todeskampf befindlichen Wildschweines würden alsbald Jäger und Aasfresser anlocken, wenn nicht sogar auch weitere der kleinen blauen Zeitgenossen.
Ächzend, aber Kraft im Bein zurückgewinnend, eilte die Kaiserliche davon. Das Toben des Schweins klang mit zunehmendem Abstand ab und verstummte schließlich ganz. Gleichzeitig trat mit der nachlassenden Aufregung, dem ruhigeren Puls und den sich entspannenden Nerven auch unendliche Müdigkeit ein. Vesa würde an diesem Tag nicht mehr sehr weit kommen und musste sich bald eine Bleibe für die Nacht suchen. Der Schlafmangel tat neben der körperlichen Entkräftung durch den Schock und Kampf sein Übriges.


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Bahaar
17.05.2013, 10:34
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Trotz der Erschöpfung hatte es Vesana geschafft noch bis zum frühen Abend unterwegs zu sein. Nachdem sich ihr Bein nach der ersten Meile allmählich beruhigte, verlief die restliche Reise etwas angenehmer. Jetzt schien sie nicht mehr weit von dem See entfernt zu sein, der auf ihrer Karte eingezeichnet war. Allerdings würde sie heute dann doch nicht mehr so weit laufen, sondern vorher nach einer geeigneten Nachtstatt suchen und am nächsten Tag dann ohnehin direkt nach Osten wandern, um einen Abstieg zum Skaal-Dorf zu suchen.
Leichte Freude machte sich bei dem Gedanken bald am Ziel zu sein in ihr breit. Zwar handelte es sich eigentlich nur um ein Etappenziel, aber immerhin hatte sie es bis hierhin geschafft. Mittlerweile konnte sie auch die Warnungen nachvollziehen, die ihr entgegen gebracht worden waren. Solstheim mochte in der Tat ausgesprochen tödlich sein. Aber wer etwas auf sein Handwerk verstand, vermochte dennoch gut zurecht zu kommen. Vesa beherrschte ihr Handwerk und würde zweifelsohne daher auch noch den letzten Reiseabschnitt überstehen.
Jetzt begann sie aber erst einmal damit, sich nach Felsen, Büschen und umgestürzten Bäumen oder anderweitig Nischen schaffenden Formationen umzusehen, bevor die Dunkelheit der Nacht vollends hereinbrach. Die Dämmerung würde nicht allzu lange dauern. Sie brauchte eine Schlafstatt, die halbwegs vor dem schneidenden Wind und den scharfkantigen, von ihm gepeitschten Flocken geschützt lag.
Doch noch bevor sich die Kaiserliche richtig auf die Suche machte, erregte ungewöhnliches Knacken in einigen Büschen zu ihrer rechten ihre Aufmerksamkeit. Die Anspannung schnelle in die Höhe, Adrenalin schoss ihr durch die Adern, die Atmung erhöhte die Frequenz. Blitzschnell holte Vesa die Armbrust von der Seite ihres Tornisters und legte einen Bolzen auf. Klackend spannte sie den Mechanismus und ging auf das rechte Knie hinab, die Waffe im Anschlag in die Richtung gehalten, aus der die Geräusche kamen.
Wenig später trat ein Nord in dicker Fell- und Lederkleidung mit einem erlegten Reh über den Schultern hervor. Schweiß troff ihm vom wettergegerbten Gesicht in den langen, blonden Bart. Er zeigte sich wenig überrascht, die Kaiserliche zu finden und wirkte abgesehen von seiner körperlichen Anstrengung relativ entspannt. Dennoch blieb er unvermittelt stehen, so dass sich die beiden einfach nur schweigend gegenüberstanden und anschauten. Die Jägerin wartete und lauschte auf die Umgebung. So, wie sich der Neuankömmling gab, war er ganz sicher nicht allein und Vesana würde sich ungern überraschen lassen. Das Rauschen des Blutes in den Ohren versuchte sie ebenso in den Hintergrund ihrer Wahrnehmung zu drängen, wie das Pfeifen des Windes.
Ohne einen Augenblick zu zögern drückte sie sich hoch und drehte sich um die eigene Achse. Die Linke griff nach dem Dolch am Gürtel und hielt ihn am ausgestreckten Arm in die Richtung des ersten Nords. Die Rechte richtete die Armbrust direkt auf einen zweiten Nord-Mann, der sein gezeichnetes Gesicht mit dem weißen Auge unter einer dicken Kapuze verbarg. Seine Hände hielten einen Bogen und einen aufgelegten Pfeil umschlungen. Die Augen der Kaiserlichen fixierten ihn und sogen jede Regung auf, während ihre Ohren auf Bewegungen hinter ihr lauschten.
Als sich dann aber noch eine geschliffene Metallspitze auf Brusthöhe gegen ihre Seite drückte, musste sich Vesa jedoch geschlagen gegeben. Mit schnellen, aber erkennbaren Bewegungen nahm sie die Front ihrer Armbrust von dem halbblinden Nord und schob den Dolch zurück in seine Scheide am Gürtel. Die zur Klinge in ihrer Flanke gehörende Nord-Frau trat vor sie in ihr Sichtfeld und nahm der Kaiserlichen die Schusswaffe ab. Erst jetzt senkte der Einäugige den Bogen und schien sich etwas zu entspannen. Immerhin schien es Vesana nicht mit gewöhnlichen Plünderern zu tun zu haben. Es handelte sich offenkundig eher um eine Jagdgesellschaft. Vielleicht eine der Skaal?
„Und nun?“, brach die Jägerin deshalb als erste das gegenseitige Schweigen.
„Sagt Ihr uns, wer Ihr seid und was Ihr hier wollt?“, entgegnete der dem Äußeren nach älteste von ihnen. Die Frau, zu großen Teilen unter ihrer Kapuze verborgen, entspannte inzwischen die Armbrust und brachte sich im Abstand von wenigen Schritten an einem Baum in Stellung.
„Mein Name ist Nevara Cassidian“, erklärte Vesa.
„Also, Nevara Cassidian, was macht eine Frau des Kaiservolks in den entlegenen Wäldern der Skaal?“ Die Stimme des auf dem rechten Auge blinden Nords klang bärenartig, nicht aggressiv, aber doch bedrohlich.
„Wer möchte das wissen?“, konterte die Gefragte und straffte sich ein wenig. Die Aufregung legte sich zwar keineswegs, dafür gewann sie nichtsdestoweniger an Zuversicht, die Situation zu ihren Gunsten lösen zu können. Da sie hier eine Jagdgemeinschaft der Skaal vor sich hatte, zweifelte sie stark daran, dass diese sie einfach erledigen würden, wie es wahrscheinlich die Plünderer getan hätten, denen sie begegnet war.
„Wulf Wild-Blut“, der bärtige Nord zog die Kapuze ein Stück zurück und ließ so sein zerfurchtes Gesicht in der aufkommenden Dunkelheit besser erkennen. „Oslaf“, er wies auf den Nord mit dem Reh über den Schultern, „und Finna. Jetzt Ihr, Kaiservolk.“ Wulf ließ sich auf ihr Spiel ein. Information für Information.
„Ich habe nach Eurem Stamm gesucht“, antwortete Vesana.
„So? Und warum sucht eine Provinzlerin wie Ihr nach dem kleinen Stamm der Skaal?“
„Die Jagd treibt mich hierher.“
„Ihr wollt jagen? Das könnt Ihr auch in Cyrodiil …“
„Möglicherweise.“
Er schnaufte resignierend, derartige Gespräche lagen ihm wohl nicht. „Wir Skaal sehen Außenseiter nicht gern in unseren Landen. Wir halten nichts davon, wenn Fremde durch unser Land streifen, die nichts von der Natur hier verstehen“, schwenkte er auf eine andere Gesprächsschiene um. „Aber wir honorieren Geschick, Stärke und Ehre dem Land gegenüber“, setzte Wulf fort. „Eure Sinne sind scharf, Eure Fähigkeiten als Jägerin offenkundig, sonst wärt Ihr nicht bis hier her vorgedrungen.“ Mit einem Nicken bedeutete er Finna der Kaiserlicheren ihre Waffe zurückzugeben. Die Nord reichte Vesana die Armbrust und den Bolzen. Leichten Widerwillen schluckte sie kommentarlos herunter. „Was auch immer ihr hier wollt, wir bringen Euch zu unserem Schamanen und unserer Anführerin, sie sollen entscheiden, was mit Euch zu tun ist. Bis dahin bleibt Ihr bei uns und macht Euch nützlich.“
Die Gruppe aus den drei Jägern des Nordvolkes und Vesa setzte sich in Bewegung. Nach kurzer Wanderung durch dichtes Gestrüpp erreichten sie eine kleine Senke, die windgeschützt von einigen Felsen und Baumstämmen eingerahmt wurde. Es lagen bereits ein gefrorener, ausgenommener Hirsch und ein weiteres Reh an der einen Seite, auf der anderen drängten sich drei Nachtlager dicht in den Schutz einer mit Ästen gespannten Plane. Sie hatten das Jagdlager der Gruppe erreicht. „Ihr könnt Euer Nachlager mit bei unseren aufschlagen“, wies sie Wulf an.
„Und dann könnt Ihr das Reh ausnehmen, bevor es gefriert“, mischte sich Oslaf ein und legte das Tier zu den anderen beiden. Vesana stellte ihren Tornister an den Rand und nahm sich nur noch zwei weitere Messer heraus. Der Nord mit der kahlen Schädeldecke und den langen Haaren rings um den Kopf reichte der Kaiserlichen außerdem einige Lederbeutel für die Innereien. Ohne zu murren, erfüllte sie die ihr auferlegte Aufgabe. Immerhin bot es zum einen eine willkommene Abwechslung zur eintönigen Wanderung, und außerdem war sie ja genau dafür auch hier. Abgesehen davon, wenn sie sich den Nord würdig erweisen konnte, würde es ihren eigenen Zielen förderlich sein. Sie vermutete, dass der besagte Schamane oder auch die Anführerin wohl am ehesten über Werbären Bescheid wusste und eine Art Empfehlung von einigen Jägern konnte nicht schaden.
Die Jägerin zog die Handschuhe aus und legte sie neben sich. Dann, mit geübten Fingern, schnitt sie den Bauch bis zur Brust des Tieres auf. Stück für Stück arbeitete sie sich durch die warmen, blutig-rohen Eingeweide. Eines nach dem anderen schnitt sie mit den scharfen Messern heraus und platzierte jedes Organ einzeln in einem Lederbeutel. Die drei Nord schenkten ihr währenddessen relativ wenig Beachtung. Zu Beginn hatte ihr noch Finna über die Schulter geschaut, schien aber bald darauf keine Bedenken über die Fähigkeiten Vesanas mehr zu haben und hatte sich abgewandt. Jetzt unterhielten sie sich leise, die Kaiserliche hörte gar nicht weiter hin und ging ihren eigenen Gedanken nach.
Es dauerte nicht allzu lange, bis die Jägerin ihre Arbeiten beendete. Die Messer säuberte sie mit einem Tuch. Die Hände trieften rot und trugen den schweren Eisengeruch von Blut an sich. Sie sog den Geruch mit langen Atemzügen in die Nase und nuckelte ein wenig an ihren Fingern. Der bittere Geschmack gab ihr Kraft und weckte die Lebensgeister, denn er bedeutete, dass sie noch lebte, während ein anderer an ihrer statt gestorben war. Der dunkle Lebenssaft trocknete jedoch schnell und so hatte sie alsbald die größten Tropfen mit der Zunge entfernt. Den Rest rieb sie im Schnee ab und streifte sich schließlich die Handschuhe über.
Das ausgenommene Reh legte sie direkt zu seinen zwei Artgenossen und die Organe zu den übrigen Beuteln mit ähnlichem Inhalt. Letzten Endes breitete sie neben den übrigen ihre Schlafunterlage und Decke aus. „Wir werden immer zu zweit Nachtwache halten“, erklärte Wulf. „Räuber streifen genug durch diese Gegend. Ihr und ich beginnen und morgen reisen wir zum Skaal-Dorf. Dann wird unser Schamane entscheiden, ob Ihr bleiben könnt.“ Vesana nickte nur. Es würde eine weitere lange Nacht werden.


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Bahaar
24.05.2013, 12:24
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Nach einer langen, bitterkalten Nacht brachen die Jäger am frühen Morgen auf. Der Sturm war inzwischen vollends abgeflaut und hatte noch während Vesanas Wache den Blick auf den klaren Sternenhimmel freigegeben. Müde, aber entschieden, schulterte die Kaiserliche ihr Gepäck und half Finna dabei, eines der zwei Rehe zu tragen. Wulf und Oslaf teilten sich den Hirsch und das zweite Reh. Die Organe hatten sie auf alle vier aufgeteilt. Die enorme zusätzliche Last machte Vesa zu schaffen und schwer atmend trieb sie eine permanente Wasserdampfwolke vor dem Gesicht an. Die Muskeln schmerzten bereits von den vorherigen vier Tagen der Wanderung, Kämpfe und durchzechten Nächte. Ein etwas wärmeres, komfortableres Bett käme ihr ganz gelegen.
Aber sie wollte nicht klagen. Es war weder die erste Wanderung dieser Art, noch war es bislang eine der längsten oder anspruchsvollsten. Zwar hielt sie bisher die eine oder andere Überraschung mehr auf Lager, als so manche Reise der Vergangenheit, aber deswegen wurde sie nicht beschwerlicher. Sie biss die Zähne zusammen und in ein, zwei Tagen würde sie sich an die Strapazen gewöhnt haben – da zeigte sie sich zuversichtlich.
„Was genau wollt Ihr hier eigentlich jagen, Nevara?“, wandte sich Finna an die Hinzugestoßene.
„Sollten sich die Gerüchte als wahr erweisen, so habe ich vor Werbären zu jagen“, entgegnete sie. Früher oder später würde sowieso der gesamte Stamm wissen, weshalb es eine Kaiserliche in ihr Dorf verschlug. Mit der Ehrlichkeit konnte sie wenigstens bereits jetzt herausfinden, ob die Skaal mehr wussten, als die Leute in Rabenfels.
„Werbären, sagt Ihr?“ Wulf wurde offenbar hellhörig und ließ sich mit Oslaf etwas zurückfallen, um den Abstand zwischen den beiden Männern und den Frauen zu verkürzen.
„Ganz recht.“
„Und warum?“ Finnas Skepsis klang deutlich heraus.
Vesana schaute zur Seite wo die Nord-Frau lief. „Warum nicht?“ Danach wandte sie den Blick zurück nach vorn. Die Nord stieß kurz Luft aus.
„Weil derartige Kreaturen selbst für erfahrene Jäger ausgesprochen tödlich sein können.“ Vesa schmunzelte ein wenig, kaum merklich und für die Nord ohnehin außerhalb ihres Sichtfeldes. Es bedurfte nicht nur eines erfahrenen Jägers, sondern eines wahren Jägers. Aber das brauchte die Skaal nicht zu interessieren.
„Schon möglich“, entgegnete sie schließlich, bevor die Schweigepause unangenehm zu werden drohte.

Erst am späten Abend, die Sonne versteckte sich längst hinter den Bergen westlich des Skaal-Dorfes, kamen die Vier an ihrem Ziel an. Der Wind hatte wieder aufgefrischt und fand jede noch so kleine Lücke in der Kleidung, so dass Vesana häufig Schauer über den Rücken liefen. Zwischen den vereinzelt stehenden Hütten der Siedlung hielten sich kaum noch Menschen auf. Die wenigen, die sich in die eisige Kälte hinaus wagten, blieben meist stehen und blickten den Jägern entgegen. Den Nord zollten sie mit einer zum Gruß erhobenen Hand Respekt, die Kaiserliche beäugten sie mit einer Mischung aus Verwunderung, Unsicherheit und Misstrauen.
Sie ließ sich davon nicht beirren, sondern half Finna einfach dabei, das Reh die letzten Schritte bis zu Wulfs Hütte zu tragen, wo er die Beute zu einem späteren Zeitpunkt zerlegen würde. Schnaufend legten die zwei Frauen das Tier ab. Die Männer keuchten nun ebenfalls, als sie das gefrorene Fleisch aus den Händen gaben. Erschöpft wandte sich Vesa ohne Umschweife von der Nord-Frau ab und blickte zu dem Einäugigen, der die Jägergruppe geleitet hatte. „Was jetzt?“
Wulf schnaufte und grummelte. „Richtig“, sprach er. „Folgt mir.“ Er setzte sich unverzüglich in Bewegung, ließ seine zwei Jagdgefährten mit einem knappen Nicken zurück, stapfte über den freien Platz in der Mitte des Dorfes und hielt auf ein durch seine Größe besonders herausstechendes Haus aus altem Holz zu. Vor der Doppeltür und unter einem durch dicke Pfeiler aus Baumstämmen abgestützten Dachvorsprung blieben die beiden stehen. „Wartet hier“, wies er die Kaiserliche an. Sie tat schlicht, wie ihr geheißen, während der Nord in der Dunkelheit und um die Ecke des großen Gebäudes verschwand. Vesana schaute ihm nach, bis sie ihn aus den Augen verlor.
Während sie wartete, beobachtete sie die Menschen bei ihren abendlichen Wegen und rieb währenddessen die Hände flach gegeneinander, um sie etwas aufzuwärmen. Entweder sie ignorierten die Jägerin einfach, oder schauten nur kurz in ihre Richtung, bevor sie in ihren Hütten verschwanden oder von der Dunkelheit verschluckt wurden. Ganz offensichtlich freuten sich die Skaal ganz und gar nicht über Besucher, die sie nicht erwarteten. Vesa interessierte das nicht. Sie wollte ohnehin nicht zu lange bleiben, wenn sie überhaupt blieb. Eine Erlaubnis der Skaal würde sie im Zweifel ohnehin nicht brauchen, auch wenn es mit einer zweifelsohne weniger beschwerlich sein mochte. Sie schüttelte leicht den Kopf, um die Überlegungen loszuwerden. Noch war nichts entschieden und Geduld war das Gebot der Stunde. Es sollte sich früh genug zeigen, wie ihr weiterer Weg aussah.
Wenig später kehrte Wulf mit einem ausgesprochen alten, grauhaarigen Mann an seiner Seite zurück. Auch er trug die dicke Leder- und Fellkleidung, die typisch für die Bewohner dieser Gegend zu sein schien. „Ah, die kaiserliche Jägerin. Storn Fels-Schreiter, der Schamane des Dorfes“, erklärte der Alte mit rauchiger Stimme.
„Nevara Cassidian“, stellte sie sich vor.
„Wie ich hörte, sucht Ihr nach etwas?“
„Ganz recht.“
„Was Ihr sucht, werdet Ihr nicht in unserem Dorf finden, Kind.“ Nichts anderes hatte Vesana erwartet, also schwieg sie und saß das provozierte Schweigen aus. „Aber vielleicht können wir uns helfen. Kommt.“ Der graue Nord legte seine Hand auf ihre Schulter und lenkte sie zum Eingang des Hauses, unter dessen Vordach sie sich befanden. „Wulf, wir sprechen uns später.“ Der Einäugige nickte und entfernte sich. Gleich darauf traten die Frau und der Alte in das wohlig warme, hölzerne Innere des Gebäudes. Ein Feuer brannte in der Mitte, stammdicke Rundhölzer stützten die hohe Decke. An der Seite saß ein ebenfalls älterer Nord mit kurzen Haaren, gepflegt-gestutztem Vollbart und gehüllt in noble Kleider. Storn hielt auf ihn zu, Vesa warf die Kapuze zurück und folgte. „Tharstan“, grüßte der Graue.
„Storn.“
„Sei so gut und hole Fanari.“ Tharstan schaute kurz zur Kaiserlichen, dann zurück zum Schamanen, stand mit einem Nicken auf und verschwand in die hinteren, abgetrennten Räumlichkeiten. Storn wandte sich Vesa zu. „Stellt Euer Gepäck schon ab. Es wird Euch schon niemand wegnehmen.“ Nur langsam leistete die Jägerin der Aufforderung Folge. Sie wollte deutlich machen, dass sie nicht auf derartiges Entgegenkommen angewiesen war. Der Schamane durchschaute es. „Ihr braucht mir keine Stärke mehr beweisen, Kindchen. Dass Ihr hier seid, zeugt genug davon. Es ist keine Kunst Eure Willenskraft zu spüren – dazu müsste ich nicht einmal ein Schamane sein, um das zu erkennen. Wir Skaal respektieren das.“ Storn klang tadelnd wie ein enttäuschter Vater. „Also nehmt Gesten der Freundlichkeit an, wenn sie Euch angeboten werden.“ Die dunklen Augen ruhten auf der Kaiserlichen und suchten Blickkontakt.
Vesana hielt ihm stand. „Wie Ihr meint.“ Sie lehnte das Felleisen mit der Armbrust und dem geschwungenen Schwert daran gegen ihre Beine. Den Speer hielt sie weiter locker in der Hand. „Was nun?“
„Fanari ist die Anführerin der Skaal. Ich bin der Dorfweise. Sie trifft Entscheidungen, ich berate sie dabei.“ Er legte eine kurze Pause ein und schaute hinüber zu den hinteren Räumen. Der Nord namens Tharstan trat gerade heraus und kam zu ihnen zurück. Wenig später folgte ihm eine hochgewachsene Frau mit braunem Haar und festem Blick. Langsam näherte auch sie sich. „Ihr tragt Euer Anliegen vor und wir werden sehen, was wir mit Euch tun werden.“ Der nobel gekleidete Nord setzte sich zurück auf seinen alten Platz und stopfte sich eine Pfeife. „Fanari.“ Der Schamane nickte ihr tief zu, Vesa beobachtete die Nord-Frau nur.
„Storn“, begann diese zu sprechen, „was gibt es zu so später Stunde und wer ist diese Frau?“ Sie klang bestimmend und schaute zwischen ihren zwei Besuchern hin und her, blieb dann aber am Schamanen hängen.
„Das ist Nevara-„
„-Cassidian“, unterbrach ihn Vesa. Die Nord wandte den Blick zu ihr. Die stechend grünen Augen musterten die Kaiserliche. „Und ich bin zum Jagen hier.“
„Sie ist gestern auf Wulf und seine Jagdgruppe in den Wäldern des Fjalding-Plateaus gestoßen. Sie hat ihnen geholfen, die Beute der Jagd zum Dorf zu bringen, im Gegenzug hat er ihr Anliegen an mich herangetragen“, präzisierte der Graue. Er schien das sich anbahnende, leichte Knistern zwischen den Frauen zu spüren.
„Hat sie das?“ Fanari schaute zwischen Vesana und Storn hin und her, verweilte dann aber mit den Augen auf der Kaiserlichen und adressierte sie diesmal direkt. „Jagen könnt Ihr auch in Cyrodiil, dafür braucht Ihr nicht extra nach Solstheim kommen und uns die ohnehin spärliche Nahrung wegfangen.“ Die Stammesführerin wollte sich zum Gehen wenden.
„Ich habe nicht vor, Euch Eure Lebensmittel aus den Händen zu reißen“, entgegnete Vesa unverzüglich und die größere Frau hielt inne.
„Was wollt Ihr dann jagen?“ Die grünen Augen stachen auf die Kaiserliche ein. „Drachen?“ Sie zog die Augenbrauen hoch und lachte kurz auf vor Zynismus. Dann schwieg sie wieder.
„Ich benötige Informationen für die Jagd auf Werbären.“ Storn stand während des kurzen Schlagabtausches zwischen den beiden, die sich ohne jeden Zweifel von Grund auf nicht gut verstanden, still und beobachtete.
„Ist dem so? Und Ihr glaubt, Ihr findet diese Informationen hier?“
Jetzt schaltete sich der Schamane wieder ein, bevor die Feindseligkeit Überhand gewann. „Vielleicht“, begann er und gestikulierte beschwichtigend, „gibt es eine Möglichkeit, von der alle profitieren können.“ Die Frauen wandten ihm nahezu gleichzeitig den Blick zu, auch wenn Vesa ihre Augen einen Moment länger an Fanari haften ließ.
„Was schlägst Du vor?“, fragte die Anführerin des Dorfes.
„Nun, wir brauchen neue Vorräte und das Wild treibt sich zurzeit weiter entfernt herum. Ein weiterer Jäger könnte also helfen, mehr Nahrung heranzuschaffen. Im Gegenzug dafür, dass Nevara hier ein, zwei Mal mit auf Jagd geht, erhält sie ein Dach über dem Kopf und am Ende die Informationen, die sie benötigt, um ihre eigene Jagd fortzusetzen“, erläuterte der Graue in fast väterlichem Ton. „Und wer weiß, vielleicht gibt es im Dorf den einen oder anderen, der die Anwesenheit und Ziele unseres Gastes als sehr … nützlich empfinden mag.“
„Ich sehe, Du hast Deinen Plan schon vollendet, Storn.“ Fanaris Tonlage verschob sich von einer gewissen Kampfeslust zu Resignation gegenüber dem Älteren, der mit Logik durchaus zu bestechen wusste. „Auf Deine Verantwortung. Sie soll mit Wulf und den anderen schnellstmöglich aufbrechen.“
Storn wandte sich Vesana zu. „Ihr könnt bei mir und meiner Tochter im Haus übernachten. Gute Nacht, Fanari.“ Die Kaiserliche schulterte ohne Einspruch ihren Tornister und folgte dem Schamanen, als er sich anschickte die Halle zu verlassen. Die Skaalanführerin verschwand zurück in die hinteren Räumlichkeiten.
Es dauerte nicht lange, da betraten der Graue und die Jägerin Storns Hütte. „Ihr könnt Euer Gepäck dort an die Seite stellen und Eure Schlafstatt ebenfalls dort aufschlagen. Wir können nicht mit einem Bett dienen, aber so Ihr es wünscht ein paar Fellen.“
„Mit wem sprichst Du da?“ Eine raue Frauenstimme drang aus dem hinteren Teil des Hauses zu ihnen und kurz darauf trat eine blonde Nord vor.
„Ah, Frea. Das ist Nevara, sie wird die Nacht bei uns verbringen und wohl morgen mit Wulf und den anderen auf Jagd gehen.“ Vesana schenkte der Frau nur ein knappes Nicken und schritt zu der ihr zugewiesenen Stelle an der Außenwand der Hütte. Das Feuer in der Mitte strahlte Wärme bis dorthin ab, ganz abgesehen davon, dass es insgesamt sowieso sehr warm war. Der Schamane zog seine Jacke aus und hängte sie an einen Haken an der Wand in der Nähe der Tür. „Benötigt Ihr noch Felle?“, fragte er seinen Gast.
„Nein, es geht. Danke.“ Die Kaiserliche rollte ihre Unterlage und die Decke aus. Ihr Stahlschwert lehnte sie gegen die Wand und zog im Anschluss zum ersten Mal seit Tagen ihre ledernen Rüstungsteile, die dicke Manteljacke und die hohen Stiefel aus. Das kleine Hirschkopfamulet versteckte sie unter ihrer Tunika auf Höhe des Brustansatzes. Von der Last befreit schloss sie kurz die Augen und atmete auf ihrer Nachtstatt sitzend tief durch. Dann fiel ihr Blick auf das kürzlich erworbene, gekrümmte Schwert. „Sagt“, begann sie zu sprechen und Storn wandte sich ihr von einer duftenden Suppe im Kessel über dem Feuer zu, „gibt es hier einen Schmied?“ Frea hatte sich ohne ein weiteres Wort zurückgezogen.
„Baldor Eisen-Former, ja. Direkt gegenüber meines Hauses.“
„Erfüllt er Arbeiten auch für Außenseiter gegen etwas Geld?“
„Durchaus. Fragt ihn, bevor Ihr morgen aufbrecht.“ Vesa nickte nur und lehnte sich gegen die Wand, der Kopf im Nacken und die Augen auf die Decke des Raumes gerichtet. „Ihr solltet noch etwas essen. Eure Stärke mag bemerkenswert sein, doch kann Stolz auch zur Schwäche werden.“ Sie senkte die Augen und hielt sie auf ihn. Er stand leicht verdreht und schaute über die Schulter zu ihr hinüber. Am halb ausgestreckten Arm hielt er eine dampfende Suppenschüssel. „Nehmt.“ Sein Blick verriet, dass er keine Widerrede zulassen würde.
Die Kaiserliche erhob sich mit trägen Gliedern und nahm ihm die Schüssel ab. Gemeinsam setzten sie sich an einen Tisch. Die Linke flach auf die Tischplatte gelegt, rührte sie mit dem Löffel in der Rechten den dicken Eintopf um. Langsam begann sie zu essen und pustete zunächst stets, bevor sie einen Happen nahm. Es schmeckte erstaunlich gut und schien sehr nahrhaft zu sein. Storn beobachtete sie schweigend, als ob er aus ihren Bewegungen, Augen und körperlichen Ausformungen lesen konnte, was genau für ein Mensch da gerade vor ihm saß. „Warum seid Ihr auf der Jagd nach Werbären?“, rang er sich schließlich zu der Frage durch, die ihn schon eine Weile zu beschäftigen schien, auf die er aber aus den bisherigen, oberflächlichen Beobachtungen keine Antwort abzuleiten vermochte.
Die Jägerin aß zunächst weiter und leerte mit wenigen Löffeln den Rest aus der Schüssel. Gesättigt lehnte sie sich zurück und schaute den Schamanen an, las in seinen dunklen, von Falten umrahmten Augen, den gezeichneten, alten Gesichtszügen, die im unteren Teil von einem grauen Vollbart versteckt wurden und den gefalteten Händen. „Es würde schon einer reichen.“ Sie schob den Stuhl zurück. „Habt Dank für den Eintopf. Die Jagdgruppe wird morgen sicher so früh wie möglich aufbrechen wollen, ich sollte daher wohl noch etwas Schlaf abfassen.“ Damit erhob sie sich. Der graue Nord nickte nur. Wenn er enttäuscht über ihre ausweichende Antwort war, so zeigte er es nicht, allerdings würde es Vesana auch nicht wundern, wenn er es so erwartet hatte. Sie verkroch sich unter ihre Decke am Rand des Raumes. Storn verschwand in den hinteren Teil zu seiner Tochter.


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Bahaar
31.05.2013, 09:38
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Das Gesicht eines Mannes schälte sich vor ihr aus der Dunkelheit. Es waren die Züge eines Kaiserlichen irgendwo zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahren. Geschmeidig geschnitten, männlich und doch nicht zu hart. Sie strahlten Entschlossenheit und Stärke aus, ließen aber dennoch nicht die angenehme Note von Freundlichkeit und Offenheit vermissen. Die klar definierten Konturen kamen ihr bekannt vor. Der kurze, schwarze und sauber getrimmte Bart schmiegte sich an die Kanten des Kiefers. Die schmalen Koteletten und die Haare, die den Mund fein definiert einrahmten, standen etwas länger als die Linien entlang des Kieferknochens. Auf den hellen, leicht rauen Lippen zeichnete sich ein freundliches Lächeln ab, das Vertrauen und Empathie signalisierte. Die gerade, schlanke Nase mit den ausgeformten Nasenflügen ging am oberen Ende fließend in die feste Augenpartie mit den kraftvollen, ein wenig wilden Augen in dunklem Braun über. Sie saßen in den nicht zu tief liegenden Augenhöhlen und wurden nach oben hin von ebenfalls schwarzen Augenbrauen abgeschlossen. Eine lange, dünne Narbe in zartem Rosa durchbrach die linke Braue und setzte sich bis auf Höhe der unteren Zahnreihen über die linke Wange fort – sie war noch jung, keine drei Monate alt.
Die saubere, helle Haut erschien durch lange Tage auf Wanderschaft und der Aussetzung von Wind und Wetter gröber, verlor jedoch nichts an ihrer Weichheit, wenn man sie berührte. Sie spannte sich über klar erkennbare, aber nicht zu weit hervorstehende Wangenknochen und drückte sich an den Schläfen in kleinen Mulden gegen den Schädel. Sie legte sich um die Augenwinkel in feine Falten, als sich das Lächeln zu einer Geste der Freude wandelte. Das Muttermahl unterhalb des rechten Nasenflügels lag durch den Bart verborgen vor oberflächlichen Blicken. Ebenso die Mulde unterhalb der Lippen am Kinn.
Schwarzes, in direktem Lichtschein stellenweise braun schimmerndes Haar legte sich fingerlang in einem klaren linksseitigen Scheitel über den Kopf. Es wirkte kräftig, dick und schien regelmäßige Pflege zu genießen. Die meisten kaiserlichen Frauen würden ihn wohl als einen schönen Mann beschreiben – starke Züge und doch gefühlvoll. Dazu gesellte sich die sanfte Duftnote von frischer Bergluft mit einer Prise herber Kräuterblüten. Ein Mann der Natur, ein Jäger wie sie selbst.
Plötzlich wandelten sich die Züge. Sie verloren ihre Freundlichkeit, spannten sich, verkrampften. Sie wirkten aggressiv, die Augen hart und wütend, die Stirn in Falten des Zorns gelegt. Der Mund stand zum Schrei offen, entblößte helle Zähne und überdurchschnittlich spitze Eckzähne. Sein Mund schob sich vor, als veränderten sich die Knochen des Schädels selbst. Die Nase flachte ab, nahm die Form eines Hundes mit feucht glitzernder Spitze ein. Die Zähne wurden scharf und pointiert, die Eckzähne lang und mörderisch. Die Augen glühten mit Feuer in dunklem Gelb. Die Haut verdunkelte sich, schien schwarz zu werden. Das Haar wuchs in die Länge, die Ohren liefen spitz zu. Das Gesicht ähnelte dem eines Wolfes und behielt nur noch wenige menschliche Aspekte. Sie sah den Kopf eines Werwolfs vor sich, der in Rage zu sein schien.
Dann mit einem Mal erschlafften die Züge, verloren ihre Aggression, ihre Wut. Die Augen trübten ein, wirkten fast schon traurig, die Muskeln entspannten sich. Das Maul stand offen und eine schlanke Silberklinge schob sich von hinten durch den Schädel vorne aus dem Mund. Blut tropfte von ihr auf die Zunge des Wandelwesens und aus der Schnauze, wie auch aus der Nase. Der Geruch von verbranntem Fleisch breitete sich aus, schwacher Rauch quoll aus dem Maul hervor.

Vesana schreckte mit einem tiefen Einatmen hoch, als ob sie gerade nach langem Anhalten der Luft aus tiefem Wasser auftauchte und saß senkrecht auf ihrer Schlafstatt. Die Decke ungeordnet halb über ihren Beinen, halb auf dem Boden ausgebreitet. Schweiß rann ihr über die Haut und troff vom Kinn. Sie zitterte am ganzen Leib. Nur mühevoll sogen ihre Lungen Luft ein, die Atmung ging schnappartig und brannte, als ob ihr jemand hunderte lange Nadeln durch den Brustkorb gerammt hatte. Das Herz krampfte und sie krallte sich mit der rechten Hand an sich selbst fest, als ob sie so der Schmerzen Herrin würde. Die Linke hielt das Amulett umschlossen und drückte es gegen ihr Brustbein. Der Kopf drehte sich, als ob sie eine ganze Flasche billigen Wein wenige Stunden zuvor allein getrunken hätte. „Darius“, hauchte sie. „Oh, Darius.“ Sie schloss die Augen und versuchte, ruhiger Luft zu holen. Es misslang.
Mühevoll erhob sie sich und taumelte zum erloschenen Feuer, dessen Glut aber noch immer Wärme abstrahlte. Die Kaiserliche legte drei Scheite nach, um es wieder in Gang zu setzen und nahm sich anschließend ihre Decke. Sie setzte sich auf den Boden neben die Feuerstelle, zog die Beine an und wickelte sich mit der Zudecke ein. Vesa bekam kaum Luft, obwohl ihre Nase nicht mit Rotz verstopfte. Die Mundwinkel wurden wie von Bleigewichten nach unten gezogen. Dicke Tränen flossen ihr eine nach der anderen aus den Augen und über die Wangen. Einige fanden ihren Weg zu den Lippen und überzogen die Zunge im Mund mit dem Geschmack von Salz. Stilles Schluchzen ließ ihren Körper unkontrolliert zucken.
An Schlaf war jetzt nicht mehr zu denken, obwohl es noch mitten in der Nacht sein musste. Leises Schnarchen drang aus dem hinteren Teil der Hütte zu ihr vor. Es ging ausschließlich um Schadensbegrenzung. Sie musste sich beruhigen, wenn sie am kommenden Morgen auf Jagd gehen wollte. Nur mit Mühe und unter Hilfe des beruhigenden Knisterns des neu entflammten Feuers schaffte es Vesana, die Schnappatmung in regelmäßige Züge zu zwingen. Die Tränen bekam sie lange nicht in den Griff, ebenso wenig das Schwindelgefühl. Die Übelkeit und Bauchschmerzen wollten einfach nicht nachlassen und das krampfende Herz pumpte in unregelmäßigen Sprüngen, das Blut in den Adern fühlte sich eiskalt an. Erst nach Auflegen dreier weiterer Scheite ins Feuer ließ das Zittern allmählich nach. Die Bilder des Alptraumes blitzten ihr immer wieder vor das geistige Auge.
Mit großem Schmerz musste sie in diesen quälend langen Augenblicken einsehen, dass es Dinge gab, vor denen sie nicht davonzulaufen vermochte. Es gab Dinge, die sie immer einholen würden, egal wo sie sich befand, egal wie schnell und weit sie rannte.
Bis zum Morgengrauen und nach endlos erscheinenden Stunden war das neu angefachte Feuer wieder runtergebrannt. Die emotionalen Wehen der Kaiserlichen hatten nachgelassen und sie ihre Fassung wiedergewonnen. Die gereizten Augen beruhigte Vesa durch sanftes Reiben, den sich anbahnenden Kopfschmerzen aus Müdigkeit versuchte sie mit massierenden Kreisbewegungen an den Schläfen vorzubeugen. Steif erhob sie sich und wankte unsicher auf den durch die lange Starre eingeschlafenen Füßen zurück zu ihrer Schlafunterlage. Die Decke, die sie, bis dahin noch um die Schultern gelegt, mit beiden Händen vor der Brust festhielt, warf die Jägerin auf den Boden und setzte sich. Da sie ohnehin nichts anderes zu tun hatte, zog sie sich bereits jetzt die hohen Stiefel über die Füße und zwang sich am Tisch immerhin ein paar Bissen ihres Proviants zum Frühstück herunter, wenngleich ihr Magen erheblich rebellierte und sie ohnehin keinen Hunger verspürte. Allerdings wusste die Kaiserliche auch, dass sie wenigstens einer kleinen Stärkung für den Tag und die Reise bedurfte.
Sie aß gerade eine Scheibe Brot, als Storn der Schamane aus dem hinteren Teil der Hütte kam und noch die letzten Knöpfe eines einfachen Hemdes schloss. „Guten Morgen“, grüßte er seinen Gast. Sie schaute nur für den Bruchteil eines Lidschlags auf.
„Morgen.“ Vesa hielt den Blick wieder auf die Tischplatte gerichtet. Ihre Stimme war noch kraftlos, rau und würde brechen, sprach sie mehr als ein paar wenige Worte am Stück. Der graue Nord nahm sich seinerseits etwas Brot und Wurst zum Frühstück. Seine Tochter Frea folgte wenig später. Während ihre beiden Gastgeber speisten, kümmerte sich Vesana schließlich darum, ihre Sachen zusammenzupacken und sich für die Reise zu kleiden. Die beiden Nord unterhielten sich völlig entspannt über bevorstehende Besorgungen, Arbeiten am Haus, die Jäger und allerlei andere Dinge. Die Kaiserliche schwieg währenddessen. Es kam ihr gelegen, dass sie niemand direkt ansprach und Frea und ihr Vater in ihr eigenes Gespräch vertieft waren.
Erst als all ihre Sachen gepackt waren und sie sich fertig gekleidet hatte, fühlte sich Vesa einigermaßen stark genug, zu sprechen. „Baldor Eisen-Former, so hieß Euer Schmied, richtig?“ Sie stand am Rand des Raumes über ihrem Tornister und schaute hinüber zu den Nord.
„Richtig. Wenn Ihr ihn aufsuchen möchtet, solltet Ihr dies jetzt bereits tun können. Er steht meist sehr früh auf und ist vor seiner Hütte bei der Schmiede anzutreffen. Ihr könnt es nicht verfehlen.“ Vesana nickte und bückte sich, um ihr Gepäck aufzuheben. „Wulf sollte ebenfalls bereits auf den Beinen sein. Ihr könnt ihn an seinem Unterstand am hinteren Ende des Dorfplatzes finden. Redet mit ihm wegen der Planung der Jagd.“
Die Kaiserliche schulterte ihr Felleisen, nickte erneut zum Dank und verließ anschließend das Haus des Schamanen. Frische, klare Luft schlug ihr entgegen und die Sonne schob sich gerade über die Horizontlinie des Geistermeers. In der Tat hörte sie, kaum stand sie vor der Tür, das helle Klirren eines Schmiedehammers, der regelmäßig auf Metall schlug. Sie musste nicht einmal wirklich dem Klang folgen, nach kurzem Umsehen entdeckte sie die Schmiede nicht weit von ihr entfernt am Rande des Dorfplatzes. Sie lief zu ihr hinüber.
Auch der Schmied trug die Skaal-typische Kluft aus Leder- und Fellkleidung, die zweifelsohne ausgesprochen warm sein musste. Die Kapuze lag ihm im Nacken, die rotbraunen Haare formten einen offenen Kranz um den Kopf mit kahler Schädeldecke. Ein dicker Schnauzbart rahmte den Mund unter der Nase und an den Mundwinkeln vorbei bis zum Kinn hinab ein. Er schaute vom Amboss zu ihr auf und hielt mit seinen Schlägen auf einen Rohling inne, als er die Kaiserliche bemerkte. „Guten Morgen“, grüßte er und richtete sich auf. Was aussah, als könne es irgendwann einmal ein Messer werden, legte der Nord zurück ins Feuer, damit es nicht auskühlte.
„Guten Morgen“, erwiderte Vesa. „Seid Ihr Baldor Eisen-Former?“
„Ja, der bin ich. Wie kann ich Euch helfen?“ Der große, selbst unter der dicken Kleidung kräftig wirkende Mann legte den Hammer auf den Amboss und kam ein paar Schritte auf sie zu. Die Jägerin nahm unterdessen ihr neues, gekrümmtes Schwert mit dem markanten Widerhaken und der schweren Spitze von der Seite ihres Tornisters. Anschließend zog sie es mit dem typischen Schleifen aus der Scheide.
„Ich begleite Wulf Wild-Blut und seine Jagdgruppe in den nächsten Tagen bei ihrer Jagd. In der Zwischenzeit würde ich gerne einige Verfeinerungen an dieser Klinge hier von Euch vornehmen lassen.“ Baldor nahm ihr nach kurzem Bitten das Schwert aus der Hand und wog es vorsichtig auf seine Balance und Schwungeigenschaften ab.
„Welche Art Verfeinerung schwebt Euch vor?“
„Die Gravuren an den Seiten würden idealen Raum bieten, um Einlagen mit Silber anzubringen und diese Klinge so wirksamer gegen Kreaturen zu machen, die nicht heimisch in Nirn sind.“
„Ich verstehe. Nun“, er fuhr mit den rauen Fingerkuppen über die Riefen und Kerben im Metall, „ich denke, dass das möglich sein dürfte. Da Ihr mit der Jagdgruppe mehrere Tage unterwegs sein solltet, kann ich die Verbesserungen auch mit entsprechender Sorgfalt und ohne Zeitdruck vornehmen. Es sollte also fertig sein, wenn Ihr zurückkehrt.“
„Gut. Wie viel verlangt Ihr dafür?“
„Hm.“ Der Nord zupfte sich mit der Rechten am Bart herum. „Es ist einiges an Silber, das hier verwendet werden kann. Für gewöhnlich wären es etwa dreihundert Septime. Aber da Ihr der Jagdgruppe helft, die Vorräte der Skaal aufzustocken, gebe ich Euch einen Rabatt. Sagen wir zweihundertvierzig.“
„Abgemacht.“
„Gebt es mir, wenn Ihr zurückkehrt.“ Seine Kundin nickte. „Habt Ihr sonst noch einen Wunsch?“
„Nein, erst einmal nicht, danke.“
„Gut, bis in ein paar Tagen dann. Wenn Ihr mich nun entschuldigen würdet, ich habe viel zu tun.“ Vesana überließ den Schmied sich selbst und orientierte sich neu auf dem Dorfplatz. In der Dunkelheit der vergangenen Nacht hatte sie nicht viel erkennen können. Die Holzhäuser der Skaal formten einen ovalen, freien Platz direkt vor der großen Halle, in der sie am Abend zuvor noch mit Fanari gesprochen hatte. Die Hütten standen relativ dicht und passten sich in die Landschaft ein. So sparten die Nord Platz, denn das flache Areal als großer Vorsprung in den hohen Bergflanken war doch recht begrenzt. Die Bewohner kamen nach und nach immer zahlreicher aus ihren Behausungen. Obwohl die Sonne noch endlos scheinende Schatten warf und sich zum Teil sogar noch hinter den Häusern versteckte, herrschte bald geschäftiges Treiben und kaum jemand kümmerte sich noch um die Fremde in ihren Reihen. Sie unterhielten sich, trugen Dinge umher, verschwanden zwischen den Häusern oder gingen einfach nur von einem Gebäude zum nächsten.
Gegenüber der großen Halle entdecke Vesa schließlich den besagten Unterstand Wulfs. Der Nord kümmerte sich, wie vermutet, bereits um seine eigenen Dinge dort. Sie lief zu ihm hinüber. „Wann wollen wir aufbrechen?“, fragte sie ihn, als sie ankam und ihr Felleisen gegen einen der Pfosten des kleinen Pavillons lehnte. Der einäugige Nord schaute kurz leicht überrascht, gewann dann aber seine Fassung zurück. Offenbar hatte er nicht damit gerechnet sie bereits jetzt anzutreffen.
„Da Ihr schon hier seid und ich ebenfalls alles Wichtige vorbereitet habe, brechen wir auf, sobald Oslaf und Finna zu uns stoßen.“ Der Jäger setzte seine vorherige Tätigkeit fort und schichtete weiter Fleischscheiben abwechselnd mit Eis und Schnee in ein Fass – hier oben im hohen Norden, wo es niemals taute, die beste Möglichkeit Nahrung haltbar zu machen. Einfach einfrieren. „Bis dahin könnt Ihr mir hiermit zur Hand gehen.“


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Bahaar
07.06.2013, 19:38
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Gerade als die Sonne hoch genug stand, um über den Dächern des Dorfes zu schweben, brach die Gemeinschaft der vier Jäger auf. Die Bedingungen konnten nicht besser sein. Nahezu Windstille, fester Schnee unter den Stiefelsohlen und ein aufgezogener Himmel. Sie kamen schnell voran, und das nicht nur wegen des hohen Tempos, das Wulf vorlegte. Das Dorf ließen sie auf ihrem Weg direkt nach Süden bald hinter sich.
Vesana prägte sich während der Reise die Landschaft ein und beobachtete das Verhalten des Wetters. Die hohen Wolken zogen schnell und über dem Meer brauten sich bereits wieder ausgesprochen dunkel aussehende Sturmformationen zusammen. Hoch standen die gewaltigen, schwarzen Türme und so weit, wie das Auge reichte. Bei der Zugrichtung und -geschwindigkeit würden sie wohl bestenfalls irgendwann zum frühen Morgen über der Insel ankommen. Die Nord schienen das Problem ebenfalls bemerkt zu haben und vor allem Wulf straffte seit der ersten Sichtung der Sturmwolken sein Marschtempo. Sie mussten Meter machen, wollten sie am nächsten Tag in ihrem angestrebten Jagdgebiet ankommen.
Inzwischen fühlten sich Vesanas müde Glieder weitestgehend abgestumpft und taub an, so dass sie die Strapazen und schlecht verbrachten Nächte zuvor einigermaßen wegsteckte. Zwar hätte sie nichts gegen ein komfortables Bett eingewendet, andererseits räumte die konstante Belastung auch den Kopf frei – ein Umstand, den sie vor allem nach der letzten Übernachtung sehr begrüßte.
Am Abend schlugen sie in dem zerklüfteten, über zahlreiche Vorsprünge steil zum Meer abfallenden Küstenstreifen zwischen Geistermeer und Fjalding-Plateau ihr Lager auf. Der dichte Wald bot ihnen genug Möglichleiten sich für die Nacht einzugraben und gegen die Kälte, sowie den aufziehenden Sturm zu rüsten. Erste Vorboten des letzteren erreichten sie bereits, der schneidende Wind fuhr durch jede noch so kleine Lücke in der Kleidung und machte unmissverständlich klar, dass es bald noch ungemütlicher werden sollte.
„Nevara, Ihr übernehmt mit Finna die zweite Nachtwache“, wies sie Wulf an. Kommentarlos nahm sie die Anweisung hin und ließ sich auf ihrer Schlafunterlage nieder. Die Decke ließ sie zunächst noch auf ihrem Tornister. Sie war recht glücklich über die Entscheidung des Einäugigen. Sobald der Sturm sie erreichte, wäre in der Nacht ohnehin kaum noch ein Auge zuzumachen. Wer schlafen wollte, musste es also vorher tun. Wenig später schichtete Vesa ihre Waffen neben sich auf die Unterlage und deckte sich mit ihnen zu. So verhinderte sie, dass das Schwert in der Scheide, die Bolzen im Köcher und die Mechanik der Armbrust einfroren. Die Dolche blieben, wo sie waren. Der Speer hielt die Plane, die ihnen als provisorisches Zelt zwischen einigen Bäumen und Felsen diente.

Irgendwann mitten in der Nacht riss sich ihre Abdeckung in einer Windböe los. Flocken peitschten der Kaiserlichen ins Gesicht, sie brannten auf der Haut. Erschrocken und aus dem tiefen Schlaf geholt zog sie sich schnellstmöglich die Kapuze und Gjalunds Tuch über den Kopf und vor das Gesicht. „Dreckswetter“, zischte sie leise, niemand außer ihr hörte es. Finna schien ebenso unvermittelt aufgeschreckt worden zu sein und hievte sich gerade erst auf die Knie, um nach der Plane zu fischen, die laut im Wind hin und her schlug. Vesa half ihr schließlich dabei und band sie an einem der Stämme fest.
„Wo sind Oslaf und Wulf?“, fragte die Nord-Frau schließlich, als sich die beiden wieder einigermaßen geschützt unter die Zeltplane ducken konnten.
„Keine Ahnung“, entgegnete die Kaiserliche und ließ den Blick aus dem Unterstand heraus über die Dunkelheit gleiten. Nichts. Da sie ohnehin kein Auge mehr zumachen können würde, erhob sie sich und band sich ihre Waffen um. Ihren Speer ersetzte sie, indem sie einen weiteren Strick zum Festbinden nutzte. „Ihr bleibt hier und passt auf das Lager auf. Ich gehe suchen.“
„Gut. Aber seid vorsichtig und wandert nicht zu weit.“ Vesana wandte sich ab und stapfte in den Sturm hinaus. Die Kapuze zog sie enger, das Tuch höher. Sie zitterte und fror am ganzen Leib. Es war erbärmlich kalt. Wenn den beiden Männern irgendetwas zugestoßen wäre, für sie käme wohl jede Hilfe zu spät. Ihren Speer hielt sie locker in der rechten Hand, während sie durch die umliegenden Büsche und Sträucher des Unterholzes pirschte.
Der Wind heulte und peitschte die Äste der Bäume und des Buschwerks. Das alte, dicke Holz knackte und ächzte unter der Last. Kleine Zweige rissen ab. Die Jägerin musste schwer kämpfen, um überhaupt voranzukommen und etwas von ihrer Umgebung wahrzunehmen. Das dichte Schneetreiben erschwerte es zusätzlich. Zu allem Überfluss verhinderte das Unwetter auch noch, dass sie Spuren auf dem Boden ausmachen konnte. Sie irrte also völlig ohne Anhaltspunkte durch das Umland des Lagers und hoffte durch Zufall auf die beiden Männer zu stoßen. Wenigstens vermochte sie einigermaßen gut im Auge zu behalten, wo sie sich eigentlich in Relation zu ihrem Unterstand befand und fühlte sich sicher, im Zweifel dorthin zurückzufinden. Die Monde – sie standen kurz vor Neumond – besaßen nicht einmal annähernd genug Kraft, um ihren Schein durch die dicke Wolkendecke und durch das Astwerk des Waldes zu senden. Als Folge hüllte ewige Dunkelheit die Landschaft wie ein Schleier ein. Nur der Schnee am Boden schimmerte erkennbar im Restlicht und verhinderte, dass Vesa gänzlich die Orientierung verlor.
Es knackte laut unweit von ihr entfernt. Ruckartig fuhr sie herum und hob den Speer mit beiden Händen über die rechte Schulter zum Stoß bereit. Locker in den Knien verharrte sie so einige Momente. Nichts tat sich. Vorsichtig schlich sie in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Die Nerven gespannt, die Muskeln in Bereitschaft, die Ohren auf die Umgebung fixiert, die Augen gerade aus. Ihre Atemzüge gingen schnell und kurz. Erst als sie einen frisch abgebrochenen Ast in der Größe ihres Armes fand, entspannte sich die Jägerin ein wenig.
Dafür vernahm sie von ihrer neuen Position so etwas, das entfernt an eine menschliche Stimme erinnerte. Oder zwei? Sie horchte auf. Es mochte ebenso gut ein Säuseln im Wind zwischen den Nadeln an den Ästen der Bäume sein. Nein, es wiederholte sich und klang tiefer, als ein einfaches Heulen der Böen. Es kam aus Richtung Osten, näher an einer Felskante, die sie zuvor auf ihrer Wanderung ausgekundschaftet hatten. Der Kaiserlichen dämmerte eine böse Ahnung. Ein Adrenalinschub trieb sie an und sie hastete los.
Mit der Linken Äste und Zweige der Bäume und des Unterholzes aus dem Weg schlagend eilte sie so schnell sie sich in der Lage sah, ohne dabei zu nachlässig zu werden, durch den Wald. Ihre schnell fliegenden Schritte fanden auf Steinen, Wurzeln und umgestürzten Bäumen instinktiv Halt. Das Geräusch, das sie zuvor nur schwach vernommen hatte, gewann an Stärke. Sie vermochte nun die zwei unterschiedlichen Stimmen Wulfs und Oslafs auseinanderzuhalten. Zwar verstand sie nicht, was sie riefen, aber immerhin befand sich Vesana ohne Zweifel auf der richtigen Fährte. Wenig später brach sie aus einigen Büschen heraus und kam gerade noch rechtzeitig zum Stehen, bevor das Gelände steil und schroff abfiel. Rechts. Von da vernahm sie die Stimmen.
Inzwischen identifizierte sie die Rufe der Männer als Hilfeschreie. Was auch immer passiert war, wenigstens lebten die zwei Jäger noch. Mit wild schlagendem Herzen und von der Kälte und den schnellen Atemzügen stechenden Lungen reduzierte Vesa jetzt ihre Geschwindigkeit. Sie musste die Nord orten und gleichzeitig auf der Hut sein. Ob sie von einem Tier angegriffen worden waren? Falls ja, wollte sie lieber nicht genauso enden, wie die Hilfebedürftigen.
Es dauerte dann auch nicht mehr lange, bis die Kaiserliche eine zum Waldesinneren weisende, schmale Spalte im Fels fand, die – kaum zwei Schritte breit – sehr tief reichte und von der eigentlichen Abbruchkante wegführte. Irgendwo entlang dieser Spalte im Wald mussten sich die Nord befinden. Bedacht setzte sie ihre Schritte und lauschte auf die Umgebung, das Rauschen des Windes so gut es eben ging ausblendend. „Hört uns denn keiner?!“, schrie Wulf. „Finna! Nevara! Beim All-Schöpfer, so kommt!“ Seine Stimme klang erschöpft, er musste schon eine ganze Weile um Hilfe rufen. Oslaf schwieg inzwischen.
Hinter einem besonders dicken Baum und einigen Felsen fand Vesana schließlich den Einäugigen. „Sind Tiere in der Nähe?“, fragte sie ihn unverzüglich.
„Nein! Dem Schöpfer sei Dank, Ihr habt uns gefunden!“ Er versuchte sich etwas zu drehen, doch der beindicke Ast, der quer über seinem Unterleib und den Beinen lag, verhinderte größere Bewegungen. Bauchlinks hob er so nur den Kopf. „Schnell, helft mir unter dem Ast hervor.“ Die Kaiserliche eilte zu ihm und legte ihren Speer ab.
„Seid Ihr verletzt?“ Sie klappte die Fingerstücken ihrer Handschuhe um und tastete am Körper des Nords entlang. Sie fand kein Blut.
„Nein, nur eingeklemmt.“ Vesana umschlang den Ast mit beiden Armen und stemmte ihn aus den Beinen heraus hoch. Wulf kroch unter dem Holz hervor, als er dessen Last schwinden spürte. „Ich stehe in Eurer Schuld.“
„Später.“ Sie ließ das schwere Stück Sturmbruch fallen und keuchte. Es schmerzte schon alleine vom Heben im Rücken und sie fand kaum Halt an der überfrorenen Rinde. Dumpf schlug es auf den Boden. „Wo ist Oslaf?“, wollte sie wissen. Der Einäugige hatte sich gerade erst gedreht und schob sich am Stamm des Baumes, von dem der Ast abgebrochen war, in eine sitzende Position hoch. Offenbar hatte ihn der Abbruch vorrübergehend paralysiert und seine Beine mussten durch die Kälte ohne jeden Zweifel auch taub geworden sein.
„Er ist in die Spalte gestürzt. Nicht tief, glaube ich. Er meinte, er hätte sich …“
„Verkeilt.“ Die Kaiserliche unterbrach ihn, als sie vorsichtig einen Blick hinab warf. Kniend schaute sie über die Kante. Kopfüber hing der zweite Nord an einem schmalen Vorsprung. Sein Bein hatte sich verklemmt und er Sturz musste ihn soweit geschwächt haben, dass er sich nicht mehr selbst zu befreien vermochte. Das zu Kopf steigende Blut hatte ihn wohl ohnmächtig werden lassen. „Könnt Ihr gehen?“ Sie wandte sich wieder Wulf zu.
„Ja, ich denke, das sollte ich.“
„Gut. Das Lager ist in etwa dort drüben.“ Sie zeigte eine Richtung mit der linken Hand. „Finna wartet dort. Weit oben in meinem Reisegepäck ist ein dünnes Seil. Schickt sie, oder bringt es mir selbst. Damit können wir Oslaf aus der Spalte holen.“ Der Nord nickte und setzte einige wackelige Schritte vorwärts. „Seid Ihr sicher, dass Ihr es bis zum Lager schaffen werdet?“, versicherte sich Vesa.
Das unsichere, vom Schmerz leicht verzerrte Gesicht des Jägers straffte sich und gewann einiges, wenn auch nicht alles, seiner gewöhnlichen Fassung zurück. Das blinde und das gesunde Auge richteten sich auf die Kaiserliche. „Ja.“
„Gut, dann lauft! Ich klettere zu Oslaf hinab und versuche ihn zu stützen, bevor ihm das Blut zu sehr zu Kopf steigt.“ Wulf verschwand augenblicklich im Dickicht. Vesana spießte ihren Speer als Markierung in den gefrorenen Boden. Dann entledigte sie sich ihrer übrigen größeren Waffen und der Handschuhe. Noch einmal tief durchatmend machte sie sich daran, die drei Mannshöhen hinab zu dem bewusstlosen Nord zu klettern. Es gestaltete sich mit den zugeschneiten und überfrorenen Steinwänden und kleinen Spalten als ein ausgesprochen gefährliches Unterfangen, aber die Kaiserliche schaffte es letztlich dennoch zu Oslaf vorzudringen und sich selbst mit den Beinen und dem Oberkörper in der Felsspalte zu verkeilen. Vorsichtshalber testete sie aber ihren Stand noch einmal mit kurzem Wippen, solange sie noch die Hände frei hatte um sich im Notfall festzuhalten. Es erschien ihr sicher genug.
Die Jägerin beugte sich vor und fühlte als erstes am Hals des Nords nach dessen Puls. Er lebte noch. Anschließend versuchte sie sich unter seinen Oberkörper zu schieben und ihn langsam, Stück für Stück, hochzustemmen während sie sich selbst in kleinen Stücken nach oben schob. So schaffte sie es unter enormem Kraft- und Konzentrationsaufwand, ihn in der Hüfte soweit zu falten, dass der Kopf in etwa auf Höhe der Gürtellinie hing. So verharrte sie und wartete.
Von der Kälte spürte sie – mit Ausnahme von der kalten Luft an den freien Stellen der Haut um die Augen herum und den fast völlig taubgefrorenen Händen – nichts mehr. Die Anstrengungen ließen sie im Gegenteil sogar stellenweise schwitzen. Müdigkeit kannte sie in diesen Momenten keine, allerdings würde auch sie nicht ewig so aushalten können. Glücklicherweise musste sie das auch nicht. Es dauerte nicht lange, bis Wulf und Finna gemeinsam eintrafen. „Hier!“, rief die Frau gegen den in der Spalte kanalisierten Wind ankämpfend zu Vesana hinab und warf ein Seilende in die Spalte.
Die Kaiserliche griff es sich mit der Linken und begann es teilweise über Kopf um Oslafs Brust zu wickeln. Nach Gefühl verknotete sie es. „Probiert, Ihn hochzuziehen!“, gab sie zurück. Die Last auf ihren Schultern nahm ab und der schwere Nord erklomm schubweise die Felswand hinauf in den Wald. Sie harrte aus. Alleine würde sie die Kletterpartie zurück nach oben nicht mehr bewältigen.
„Jetzt Ihr!“ Wieder folg das Seil hinab. Mit schnellen Handgriffen schlang es sich die Jägerin um die Hüfte und hielt sich mit einer Hand an dem Strick fest. „In Ordnung, ich bin soweit!“ Der Druck auf ihre Beine nahm ab, dafür spürte sie, wie sich das Tau um ihren Leib fester zog und unangenehm drückte. Ruck für Ruck wurde sie nach oben gezogen und zum Schluss packte Wulf ihren Arm, um sie das letzte Stück über die Kante zu ziehen. Gemeinsam fielen sie in den Schnee und schnauften völlig entkräftet. Finna kniete sich über Oslaf und versuchte, ihn mit sachten Klapsen gegen die Wangen aufzuwecken.
Im Liegen wickelte Vesa das Seil von sich ab und setzte sich auf. Der Einäugige lehnte inzwischen erneut an einem Baum. Die andere Frau hockte noch immer bei dem Vierten im Bunde. „Setzt ihn auf, dann kann das Blut sich wieder besser in seinem Körper verteilen“, wies sie Vesana an und kämpfte sich gleichzeitig auf die Füße. Finna tat, wie ihr geheißen und bekam kurz darauf auch von der Kaiserlichen Unterstützung. Wenig später öffnete Oslaf langsam die Augen und versuchte – merklich durcheinander – sich zu orientieren.
Erleichtert ließ sich die Jägerin zurückfallen und lehnte sich ihrerseits gegen einen Baum. Sie schloss die Lider, legte den Kopf in den Nacken und atmete tief durch. „Wir stehen in Eurer Schuld“, griff Wulf das Thema von vorher auf.
„Im Rudel hilft man sich.“ Für sie war es damit erledigt. Sie schaute auch gar nicht erst hinüber zu dem einäugigen Jäger. „Wir sollten zurück zum Lager und versuchen, unsere Kraft zurückzugewinnen.“
„Oslaf, kannst Du laufen?“ Wulf schaute auf das eingeklemmte Bein des Nords, dessen Hose an der Stelle entsprechend ramponiert aussah.
„Es sollte gehen.“ Finna half ihm auf, während der Einäugige und die Kaiserliche ihre Sachen einsammelten. Gemeinsam machten sie sich auf und zurück zu ihrem Unterschlupf. Der kahlköpfige Nord mit dem Kranz aus langen Haaren ließ sich von der Nord-Frau stützen, Wulf humpelte neben der zähneknirschenden Vesa. Es würde sich wohl am nächsten Morgen zeigen, ob die beiden Männer in der Verfassung waren, die Jagd fortzusetzen.


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Bahaar
14.06.2013, 12:57
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Am Morgen nach dem Zwischenfall entschlossen sich die Jäger ihr Unterfangen fortzusetzen. Wulf erholte sich von dem Schlag durch den Ast vergleichsweise schnell und Oslaf meinte, er würde die Zähne zusammenbeißen, wie es sich für einen anständigen Nord gehörte. Allerdings blieb seine Verletzung am Bein ein merkliches Hindernis für ihre Reise und schien sich auch kontinuierlich zu verschlechtern. Es ließ sich nicht ordentlich belasten, der stämmige Mann humpelte stark und er bremste die Gruppe zusätzlich zum weiterhin tobenden Sturm aus. Um ihn nicht zu überstrapazieren legten sie häufige Pausen ein und teilten einige seiner Sachen untereinander auf, damit er nicht so schwer zu tragen hatte – immerhin hatten Finna, Wulf und Vesa diese Regelung durchsetzen können, denn ursprünglich wollte der sture Nord gar keine größere Hilfe annehmen. Nord und ihr kaum zu bändigender Stolz … die Kaiserliche schüttelte darüber nur mit dem Kopf.
Wesentlich später als eigentlich angestrebt erreichten die Vier schließlich am späten Nachmittag dann das Gebiet östlich des südlichen Endes des Fjalding-Plateaus, in dem sie die ersten zwei Tage ihres Ausflugs zur Jagd innehalten wollten. Sichtlich entkräftet sank Oslaf gegen einen Baum, sein eigenes Felleisen ließ er einfach in den stumpfen Schnee plumpsen. Schweiß stand ihm auf der Stirn, er atmete schwer, Schmerz zeichnete seine rauen, kreidebleichen Züge und die Augen waren ins Leere gerichtet. Vesana ließ sich auf ihrem Tornister etwas Abseits bei einigen Büschen am Rand der Mulde nieder, die sie als Ort für ihr Jagdlager auserkoren hatten. Sie beobachtete den Nord mit der kahlen Schädelplatte genau, wusste sie doch, wofür die Zeichen auf dem Gesicht des Mannes standen.
Wulf zu sich winkend wandte sich die Kaiserliche nach einigen Momenten des Verschnaufens an den Führer ihrer Gemeinschaft. Der Einäugige kam zu ihr hinüber und wusste offenbar bereits, was die zweite Jägerin im Bunde von ihm wollte, hockte er sich doch gleich neben sie, ohne ein Wort zu sprechen. Gemeinsam schauten sie zum Sorgenkind der Gruppe. „Wie ist es um Eure medizinischen Mittel bestellt?“, wollte Vesana wissen.
„Wir haben Verbands- und Nähzeug für offene Verletzungen dabei. Auch ein paar Fettsalben gegen die Kälte“, entgegnete Wulf.
„Hm.“
„Was denkt Ihr?“
„Wenn wir nichts unternehmen, wird er uns in spätestens zwei Tagen wegsterben.“
„Wenn er sich helfen lassen würde, wäre es nicht das Problem.“ Finna reichte Oslaf inzwischen etwas Proviant und Wasser, während sich die beiden anderen unterhielten.
„Sein Wille ist mir egal. Eure medizinische Ausstattung für eine Reise wie diese ist, was mich beunruhigt.“ Sie erhob sich von ihrem Gepäck und kniete sich neben es, um anschließend darin herumkramen zu können.
Der Einäugige schaute zu ihr. „So?“
Vesa holte eine kleine metallene Box und eine Verbandsrolle aus ihrem Felleisen, die Frage ignorierte sie. Kurzerhand schritt sie hinüber zu Oslaf und Finna. Ersterer wandte ihr träge den Kopf zu, Finna blickte mit sorgenvollem Blick auf.
„Was wollt Ihr damit?“, der Nord wies auf die Sachen in ihren Händen.
„Euren sturen Schädel weichklopfen.“ Mit Blick auf die Frau setzte die Kaiserliche fort: „Haltet ihn fest.“ Die kräftige Jägerin nickte und griff nach den Armen des Verletzten. Der konnte seinem beharrlichen Willen aber schon gar nicht mehr Ausdruck verleihen. Mehr schlecht als recht sträubte er sich gegen die angeblich unnötige Hilfe. So hatte sie es vorausgesehen und bereits auf der Wanderung geplant. Es brachte nichts, wenn sie sich bei seiner Gegenwehr auch noch selbst verletzte.
Vesana setzte sich auf die Oberschenkel des Mannes und begann ihm seinen linken Stiefel auszuziehen. Anschließend krempelte sie noch das Hosenbein hoch. Der Unterschenkel schimmerte in kräftigem Rot, bekam aber bereits einen Schimmer von dunklem, fast schwarzem Blau vom Knöchel bis auf halbem Wege zum Knie hoch. „Dachte ich es mir.“ Die Kaiserliche öffnete die Box, in der sich eine Salbe befand. Es handelte sich dabei im Grunde nur um eine verdickte Variante eines Heiltranks mit krankheitshemmenden Wirkstoffen als Ergänzung. Ideal gegen Entzündungen, Blutergüsse, Quetschungen und anderen nicht offenen Verletzungen, die nur durch indirekte Behandlung geheilt werden konnten. Sie rieb die verletzte Stelle großzügig ein, was bei Oslaf für schmerzgequältes Stöhnen und Zucken sorgte.
„Runter von mir!“, knurrte er. Vesa ließ sich nicht beirren und verbrauchte ein Drittel der Creme. Anschließend verband sie die Stelle noch mit den in einem Heiltrank getränkten Bandagen. Diese doppelte Einwirkung sollte die Entzündung hemmen und dafür sorgen, dass sich der Körper des Nords selbst regenerieren konnte. Anschließend stand sie auf und überließ das Anziehen dem Sturkopf. „Ich will Eure-“
„Wenn Ihr in drei Tagen noch lebt, könnt Ihr mir danken. Sofern Ihr dann nicht immer noch den Wunsch haben solltet, zu sterben. Falls ja, tut es, wenn wir von der Jagd zurück sind.“ Sie wandte sich ab, ohne den Jäger anzuschauen und verstaute ihre Sachen wieder. Wulf war inzwischen aufgestanden und hatte das Geschehen beobachtet. Jetzt folgte sein Auge der Kaiserlichen, die sich mit schnellen Handgriffen ihr Schwert und die Armbrust auf den Rücken band und den Speer in die Hand nahm. Der Gruppenführer wusste genau, dass sie Recht hatte und die Nord medizinisch ausgesprochen optimistisch, folglich unterausgestattet, waren. Das sah ihm die Kaiserliche am Dank auf den rauen Zügen an. „Ich kundschafte die Gegend nach Spuren aus. Ich bin sicher, dass Ihr das Lager auch zu zweit aufbauen könnt. Wenn nicht: Ich bin nicht allzu lange unterwegs, es wird immerhin bald dunkel.“ Sie wartete keine Reaktion ab, sondern verschwand zähneknirschend direkt im Unterholz.
Nach einigen hundert Schritten im Dickicht hielt die Jägerin dann inne und atmete tief durch. Ihre Gedanken waren bis dahin alles andere als fokussiert auf das Kundschaften. Die Zähne mahlten kräftig aufeinander, im Bauch stach die Wut um sich wie ein Berserker und vor Zorn rauschte das Blut durch ihre Adern. Kräftig schlug sie mit den Fäusten mehrere Male gegen einen nahen Baum. Schnee rutschte dabei von den nahen Zweigen. Diese dreimal verfluchten Nord und ihre Sturheit! Lieber starben sie, als Hilfe von Fremden anzunehmen. Selbst von Freunden nahmen sie sie nur im letzten Moment an. „Zum Kotzen!“ Nochmals holte sie aus und hämmerte kräftig auf das überfrorene Holz ein, bis ihr die Knöchel schmerzten. Erst dann vermochte sie durchzuatmen und ihr Gemüt herunter zu kühlen.
Nun da sie sich abreagiert und ihrem Ärger wenigstens etwas Luft gemacht hatte, setzte Vesana ihre Erkundungsrunde konzentrierter fort. Eigentlich mochte es ihr ja gleichgültig sein können, was mit Oslaf geschah, aber wie sie zu Wulf bereits in der Nacht meinte: Im Rudel wurde sich geholfen. Sie jagten zusammen, folglich übernahmen sie Verantwortung füreinander. Genau diese Verantwortung übernahm Oslaf nicht und brachte sie alle in Gefahr. Das wiederum ließ die Kaiserliche wütend werden. Das Problem sollte sich aber in den nächsten Tagen von selbst lösen. Es war nicht das erste Mal, dass Vesana eine derartige Verletzung behandelte und sie hatte schon weitaus schlimmere Stadien gesehen, die dennoch verheilt waren. Der sture Nord würde also durchkommen.
Kurz vor Einbruch der Dunkelheit kehrte die Kaiserliche zum Lager zurück. Wulf kümmerte sich in der windgeschützten Senke um ein kleines Feuer, Finna richtete noch den Unterstand her. Oslaf lag auf der Seite und schien entweder zu schlafen oder einfach nur zu ruhen. Sein verletztes Bein hatten die anderen beiden in eine Decke eingewickelt, der ausgezogene Stiefel stand neben der Schlafunterlage. Der Einäugige schaute auf, als er die Rückkehrerin bemerkte und nickte ihr zum Dank und Gruß zu. Vesana grüßte zurück, entledigte sich ihrer Waffen und breitete die eigenen Schlafsachen am Rand des Unterstandes aus. Zum Abschluss setzte sie sich auf einen dicken Ast neben die kleine Feuerstelle und schaute gedankenverloren in die Flammen. In Verbindung mit der einkehrenden Ruhe trugen sie sie allmählich fort in andere Zeiten.
„Habt Ihr etwas entdeckt in der Umgebung?“, wollte Wulf wissen. Er saß ihr gegenüber und schaute über die lodernden, knisternden Lohen zu ihr hinüber. Die leuchtenden Zungen zwischen ihnen formten immer wieder Teile eines vertrauten Gesichtes.
„Nein. Wenn da draußen jemals Spuren gewesen sind, hat sie der Sturm längst verweht.“ Sie schloss die Augen und beugte sich näher an das Feuer heran, so dass dessen Wärme die ausgetrockneten, kalten Gesichtszüge wärmen konnte. Das Kinn ruhte auf den zusammengefalteten Händen, die es über die Arme auf den Knien abstützten. So verharrte sie.
„Dann müssen wir wohl auf gut Glück morgen losziehen“, mischte sich Finna ein, die sich dem Klang nach zu urteilen ebenfalls auf einen Ast setzte und die Hände zum Aufwärmen an die Flammen hielt. Sie wandte sich an Vesa: „Habt Dank für Eure Hilfe von vorhin.“
Die Kaiserliche schaute nicht auf, ihre Gedanken glitten durch die glühenden Flammen hindurch und an andere Orte. Sie registrierte die Worte, aber sie drangen kaum an ihren Geist heran, mehr nur ein leises Flüstern im Hintergrund. Sie musste an einen weiteren Sturkopf denken, der für eine Weile Teil ihres Lebens gewesen war. „Dankt mir nicht“, erwiderte Vesana nach einer lang gedehnten Pause. „Geht mit diesem Starrkopf ins Gericht.“ Erst dann öffnete sie die Augen und erhob sich. „Wir sollten die Nachtwache dreiteilen. Keine unnötigen Expeditionen“, wandte sie sich an Wulf. Dieser schaute auf und gab durch ein Wippen des Kopfes seine Zustimmung kund.
Danach verschwand die Kaiserliche in den Unterstand und bereitete sich für die Nacht vor. Immer wieder hielt sie in ihren Bewegungen inne und griff mit der Rechten an die Stelle des Hirschkopfamuletts, das unter der Kleidung verborgen lag. Kleine Tränen liefen ihr aus den Augenwinkeln. Zum Stechen in der Brust gesellte sich alsbald Wut auf sie selbst. Fast schon aggressiv wischte sich die Jägerin die Nässe von den Wangen. „Scheiße!“, zischte sie leise, so dass es niemand hörte, und deckte sich zu.


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Bahaar
21.06.2013, 09:31
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Nach einer unruhigen, stürmischen Nacht hatten sich die drei gesunden Jäger aufgemacht. In den diffusen Lichtverhältnissen zwischen den dichtstehenden, hohen Bäumen suchten sie nach Spuren im Schnee. Allerdings diente ihr Ausflug eher dazu, sich einen koordinierten Überblick über die Umgebung zu verschaffen, denn tatsächlich schon mit Beute zum Lager zurückzukehren. Der Sturm tobte unverändert mit brachialer Härte und verwehte ihre eigenen Spure vor ihren Augen. Sie hatten mehr damit zu kämpfen, überhaupt voranzukommen und die kleinsten Öffnungen in ihrer Kleidung abzudichten, als dass sie sich darauf konzentrieren konnten, Wild zu erspähen. Dieses würde sich aller Wahrscheinlichkeit nach ohnehin an geschützten Stellen versteckt halten und abwarten, bis der Wind nachließ. Vesana hielt sich die rechte Hand vor den unteren Teil ihres Gesichtes, hielt Gjalunds Tuch fest und drückte die Linke gegen die rechte Seite. Weit vorgebeugt trat sie in den Spuren Wulfs, der für den Moment die Führungsarbeit in dem tiefen Schnee übernahm.
An sich bot das Gelände in dieser Region der Insel ideale Jagdbedingungen. Dichtstehende Bäume, dichtes Unterholz, viele Felsen und zahllose Senken und Furchen im Relief. Tiere ließen sich hier gut lenken und in gewünschten Bahnen direkt in eine Falle treiben – Verstecke gab es jedenfalls genug. Wäre da nicht der Sturm. Es hatte noch nicht einmal Sinn irgendetwas vorzubereiten, weil die Gruppe überhaupt nicht wusste, wo und wie viele Beutetiere sich in der Region aufhielten. Ganz zu schweigen davon, dass eventuell errichtete Fallen vermutlich nach einigen Stunden sowieso zugeschneit, unbrauchbar und unauffindbar sein würden. Manchmal konnte eine Jagd sehr frustrierend sein, aber jeder von ihnen wusste aus Erfahrung, dass es eben mal so, mal so kommen konnte. Sie ließen sich davon also nicht beirren oder gar einschüchtern, sondern nutzten die Zeit so gut es ging.
Wenigstens etwas Feuerholz fanden sie. Durch die Temperaturen war das Holz trotz seines gefrorenen Zustandes einigermaßen brauchbar, wenn man im Besitz des nötigen Werkzeuges war. Glücklicherweise sah sich die Kaiserlicher in der Position genau das behaupten zu können – die glühenden Steinsplitter, die sie noch am ersten Tag ihrer Wanderung durch die Aschewüste im Süden gefunden hatte, entpuppten sich als herausragend für diese Aufgabe. Wulf meinte, es handelte sich bei ihnen um Splitter so genannter Herzsteine, die es seit dem Ausbruch des Roten Berges überall im Süden der Insel zu geben schien. Abgesehen davon trieb die Kälte ohnehin die Nässe aus den Fasern des Holzes, so dass es tatsächlich sehr trocken war und sich – genügend Geduld vorausgesetzt – auch mit normalen Werkzeugen entzünden ließ. Sie luden sich jeder so viel auf, wie sie zu tragen vermochten, und kehrten schließlich am Nachmittag zu ihrem Lager zurück.
Oslaf wartete bereits und hütete das kleine Lagerfeuer in der windgeschützten Senke. Sie hatten ihm Ruhe auferlegt und so musste er den Tag über im Unterstand verweilen und die häuslichen Pflichten der Lagerwacht übernehmen. Die Kaiserliche setzte sich direkt auf einen der mitgebrachten Äste ans Feuer, zog sich das gefrorene Tuch vom unteren Teil des Gesichtes und hielt die Hände gegen die Flammen. Die Wärme tat gut, fror doch trotz ausgezeichneter Ausrüstung so ziemlich jedes Körperteil, das sie einzeln benennen konnte. Kleine Wölkchen standen vor ihrem Gesicht und verpufften erst, als sie in direkten Kontakt mit den Lohen kamen. Das Zittern in den Gliedern und die Taubheit derselben ließen nur sehr langsam nach. „Irgendwas gefunden?“, wollte Oslaf wissen, der sichtlich Frust schob, weil sie ihm Hausarrest auferlegt hatten.
„Nichts“, entgegnete Finna.
„Der Sturm ist einfach zu stark. Da draußen bewegt sich nichts“, ergänzte Wulf. „Du hast also nichts verpasst.“ Der beruhigend gedachte Zusatz sorgte nur für ein verächtliches Schnaufen und anschließendes Schweigen. Vesana verspürte keinerlei Bedürfnis sich in diese Unterhaltungen einzuklinken. Es bestand auch keine Notwendigkeit dafür. Ihr Standpunkt blieb unverändert und alle kannten ihn seit dem vorigen Abend. Mit dem Einbruch der Dunkelheit versammelten sich dann alle Vier um das knisternde Feuer. Das leise Knacken der Glut und Fauchen der Flammen wurde überwiegend vom starken Wind verschluckt. Die Wärme ließ sich bald kaum mehr wahrnehmen, zu gewaltsam erstickte die Kälte alles Leben. Keiner von ihnen würde so noch lange ausharren, wenn er nicht gerade Wachdienst schob. Bevor sie sich jedoch zur Ruhe begab, kramte Vesa noch einmal ihre Heilsalbe aus ihrem Tornister.
„Hier“, sie warf die Schachtel Oslaf zu, der sie im letzten Moment vor der Brust fing, „ich bin sicher, Ihr wisst, wie Ihr Euch eincremen müsst. Seid großzügig. Den Verband könnt Ihr noch einmal verwenden.“ Er widersprach schon gar nicht mehr, weil drei Augenpaare eindringlich auf ihm ruhten. Murrend und knurrend tat er, wie ihm geheißen. Durch das Feuer vermochte die Kaiserliche zwar nicht zu erkennen, wie die Verletzung des Beines aussah, aber da der kräftige Nord insgesamt schon einen wesentlich besseren Eindruck erweckte – die Haut weniger blass, weniger Schweiß und Talg, reduziertes Zittern und Schütteln – ging sie davon aus, dass die Behandlung anschlug. Finna wollte dem sturen Jäger helfen, doch der scheuchte sie mit hastigen, wild fuchtelnden Bewegungen der Arme weg.
„Ich kann das selbst!“, blaffte er. „Hier.“ Nach Beenden der Handgriffe reichte er Vesana die Salbe zurück. Sie verstaute sie und verkroch sich nach Einteilung der Nachtwache im Unterstand. Die drei Nord unterhielten sich einige Zeit länger, aber sie hörte nicht hin. Es ging ohnehin nur um Belange des Dorfes, die die Kaiserliche nicht zu interessieren brauchten, also schloss sie die Augen und rollte sich unter ihrer Decke zusammen.

Über Nacht ließ der Sturm endlich nach und am Morgen schien sogar die Sonne. Die Temperaturen stiegen merklich in die Höhe, blieben aber weiterhin weit unter dem Gefrierpunkt. Dennoch empfanden es alle als Segen verglichen mit den letzten Tagen. Oslaf blieb erneut zurück, während die übrigen sich auf Wanderschaft in der Umgebung begaben. Überall ließ sich beobachten, wie sich die Natur nach dem schweren Unwetter allmählich wieder aufrichtete. Vom Schnee herabgedrückte Äste warfen einen Teil ihrer Last ab, Spuren von Kleintieren zeichneten sich zwischen den Pflanzen ab und führten von Gebüsch zu Gebüsch. Abgerissene Zweige und Äste wurden von Bodenbewohnern davon geschleift und für Reparaturen an ihren Behausungen genutzt. Der Anblick all der Zeichen des Lebens gab Kraft. Und dann verbuchten die Jäger auch endlich den ersten Erfolg seit Tagen.
Ein hochbeiniges Huftier hatte sich erst vor kurzem einen Weg durch den Wald gebahnt. Der schneefreien Schneise an den unteren Ästen der Nadelhölzer nach zu urteilen musste es sich um einen großen Hirschbullen handeln. Sie nahmen die Verfolgung auf und hielten sich in der Spur des Tieres, um einfacher voranzukommen. Schnell wollten die drei gar nicht so unbedingt sein, barg es doch immer die Gefahr, das Tier durch Laute zu verschrecken. Manchmal mochte der Unvorsichtige auch weitere Spuren verpassen und plötzlich einem Bären in die Fänge laufen, der das eigentliche Beutetier eher erreicht hatte. All das war Vesana – und sicher auch den anderen Jägern – bereits das eine oder andere Mal passiert. Besonders wer über noch wenig Erfahrung verfügte, steigerte sich schnell ekstatisch in das Jagdfieber hinein und beging Fehler. Allerdings sollte es ihrer Einschätzung nach bei ihr und den zwei Nord nicht mehr dazu kommen.
Immer wieder hielten die drei inne und lauschten auf die Umgebung. Leises Knirschen oder Rauschen im Schnee legte Nagetiere nahe, die sich unter der Schneedecke fortbewegten. Manches Mal gesellten sich auch unter der weißen Last brechende Äste dazu. Leichte Windböen flüsterten zwischen den Zweigen und bliesen den lockeren Schnee von den Nadeln herab. Wie Sternenstaub glitzernd rieselten die Flocken dann zu Boden. Die Spur selbst blieb kaum verändert gut erkennbar und führte im Zick-Zack durch den Wald. Hin und wieder wurde sie von aufgewühlten Arealen unterbrochen, in denen der Hirsch wohl nach Nahrung unter der geschlossenen Decke gesucht hatte. Erkennbare Zeichen von möglichen Räubern in der Nähe fanden die Jäger jedoch nicht. Sie setzten ihre Verfolgung aber dennoch stets mit gebotener Vorsicht fort.
Es dauerte dann noch einige Zeit, bis sie schließlich animalisches Schnaufen eines größeren Tieres unweit vor sich vernahmen. Die Quelle verbarg sich noch hinter einigem Geäst, aber dem Klang nach konnte es sich nur um den verfolgten Hirsch handeln. Die Windstille spielte den Jägern in die Hände, ihr Geruch wurde der anvisierten Beute nicht zugetragen und so blieben sie unbemerkt. Auch dann noch, als sie sich leise hinter einer Gruppe von Büschen verbargen und bedacht durch die Zweige spähten. Zur Anspannung gesellte sich nun auch eine größere Brise Aufregung. Das Ziel in Reichweite, die Bedingungen optimal – das ließ das Herz eines jeden Jägers höher schlagen. Die Atmung beschleunigte sich leicht, der Puls schwoll an und vertrieb die Kälte aus den Fingern. „Ihr sollt den Schuss erhalten, Nevara“, flüsterte Wulf. Vesa nickte nur und nahm die Armbrust von ihrem Rücken. „Finna und ich kreisen den Bullen ein und decken die möglichen Fluchtrichtungen.“ Mit diesen Anweisungen trennte sich die Gruppe auf, die andere Frau beschrieb linkerhand eine Kreisbahn, der Einäugige rechterhand. Die Kaiserliche legte inzwischen zwei Bolzen auf und spannte vorsichtig, um den Hirsch nicht durch laute Geräusche zu alarmieren, die Sehne. Zwar würde sie so weniger präzise sein, auf die kurze Entfernung machte das aber keinen Unterschied, und konnte dafür gleichzeitig mit einem Schuss zweifachen Schaden anrichten.
Den linken Fuß setzte sie auf den Boden, ging auf das rechte knie hinab und hielt die Armbrust schräg nach unten vor sich. Gedanklich ging Vesana in den Momenten des Wartens mögliche Ausgänge der folgenden Geschehnisse durch. Der Bulle – ein wahres Prachtexemplar mit imposantem Geweih, hohen Beinen und einem kräftigen Körper mit gepflegt wirkendem, dunklem Fell – konnte nur leicht verletzt werden und panisch durchgehen. Das wäre der gefährlichste Ausgang, vor allem für die beiden Nord, die dem Tier dann im Weg stehen würden. Die Jägerin mochte ihn aber auch direkt so schwer verletzten, dass er zusammenbrach und sie ihm nur noch einen Gnadenstoß versetzen mussten. Vielleicht verlor er aber auch in der Panik einfach die Orientierung unabhängig der möglichen Verletzungen und wäre weiterhin in Reichweite für nachfolgende Schüsse mit der Armbrust. Was wohl niemand von ihnen hoffte, aber dennoch denkbar schien, war das plötzliche Auftauchen eines Raubtieres, das ihnen die Jagdbeute streitig machen wollte. Allerdings gab es dafür zumindest bislang keine Hinweise.
Kurz darauf musste sie ihre Überlegungen und Abwägungen aber auch schon einstellen. Wulf tauchte kaum erkennbar in der Nähe eines Baumes auf der anderen Seite der kleinen Lichtung auf, die der Hirsch zum Weiden nutzte, und winkte. Das Zeichen, zu beginnen. Nur angedeutet sah sie, wie er seinen Speer abwehrbereit vor sich hielt. Vesana selbst erhob sich nun leicht und schaute über den Busch, der ihr Deckung geboten hatte. Sie stand im toten Winkel schräg hinter dem Bullen, so dass dieser sie nicht bemerkte und ihr einigermaßen genug Zeit zum Anvisieren blieb. Die Luft hielt sie an und ließ sie erst heraus, als sie abdrückte. Mit einem lauten, mechanischen Klicken löste sie den Mechanismus aus. Ein kräftiger Ruck fuhr durch die Waffe, als die bis aufs Äußerste gespannte Sehne nach vorne schnellte und die Spannung in den Vorwärtstrieb der Bolzen umwandelte. Surrend flogen die Geschosse durch die Luft.
Keinen Lidschlag später endete das scharfe Schneiden abrupt und mündete in einem gepeinigten Stöhnen des Hirschs. Einer der Bolzen traf ihn in die Schulter und schien das Gelenk direkt durchschlagen zu haben. Das Tier lahmte mit dem rechten Vorderlauf, als es sich panisch versuchte zu Drehen und die verletzte Seite von der Quelle des Angriffs abzuwenden. Der Zweite traf weniger effektiv etwas nach unten versetzt in die Brust. Es kam zum dritten, vorher in Erwägung gezogenen Ausgang. Der Bulle drehte sich orientierungslos im Kreis und zog das verletzte Bein nach. Gleichzeitig sprangen Finna und Wulf mit den Speeren drohend erhoben aus den umliegenden Büschen und vollführten Stiche in die Luft, um das Tier von einer Flucht abzuhalten. Es direkt anzugreifen wäre auch höchst töricht gewesen, denn es hätte schon ein einziger Treffer mit dem Geweih gereicht, um die Jäger schwer zu verletzen.
In der Zwischenzeit legte Vesana einen weiteren Bolzen auf und spannte die Armbrust neu. Als der Hirsch wieder in ihre Richtung schaute, hatte sie die Waffe bereits im Anschlag und schoss erneut. Der kurze Schaft verschwand vollkommen von vorn in der Brust des Tieres. Dieses wurde augenblicklich träge in seinen Bewegungen. Die Augen verloren an Glanz, glitten langsamer werdend über die Umgebung. Die lange Zunge baumelte schlaff wie ein Lappen aus dem Maul. Mit den Füßen fand es nur noch wenig Halt und konnte sie auch kaum noch heben. Sie schürten mehr nur noch durch die lockere Schneedecke, die sich zunehmend mit dem Blut der Jagdbeute rot einfärbte. Der Todeskampf des Bullen endete, als er kraftlos zusammenbrach und sein massiger Leib zu Boden fiel, wie ein voller Sack Kartoffeln aus einem Regal. Die drei Jäger hielten jedoch noch einige Momente respektvollen Abstand bis sich nicht einmal der Brustkorb hob und senkte, bis auch kein Blut mehr aus den Verletzungen quoll.
Vesa befestigte die Armbrust auf dem Rücken und kniete sich als erste neben ihren ersten Jagderfolg, während die beiden Nord noch einen prüfenden Blick über die Umgebung schweifen ließen und erst dann die Speere in den Boden rammten. Die Kaiserliche barg die zwei Bolzen in der Flanke des Hirsches, sie ließen sich noch wiederverwenden, den dritten würde sie erst nach Zerlegen der Beute bergen können. „Gut geschossen“, lobte Wulf und half dabei, den gut und gerne fünfhundert Pfund schweren Koloss transportfähig zu machen, damit sie ihn später im Lager ausschlachten konnten. Das Tier würden sie kaum im Ganzen über längere Strecken transportieren können. Sie mussten alles überflüssige Gewicht – vor allem die Knochen – zurücklassen, wenn sie noch etwas mehr Fleisch mit zum Dorf zurückbringen wollten.
„Kinderspiel“, entgegnete Vesana schließlich, als sie den Bullen soweit hatten, dass sie ihn zu Oslaf und dem Unterstand bringen konnten. Es dauerte sicher noch einmal doppelt so lange wie die eigentliche Jagd, bis sie letztlich am Nachmittag auch dort ankamen. Der sture Nord mit kahler Schädelplatte erwartete sie bereits und wirkte verglichen mit den drei schwer keuchenden Rückkehrern sogar ausgesprochen frisch und ausgeruht. Einen neidischen Blick vermochte er nicht zu unterdrücken, als sie mit dem toten Tier durch die Büsche kamen und es am Rand der Senke ablegten.
„Du weißt, wie Du Dich beschäftigen kannst, Oslaf.“ Wulf warf dem Langbärtigen ein Lederbündel zu, aus dessen einen Ende mehrere schlanke Messergriffe herausschauten. Der Angesprochene nickte nur und machte sich daran, den Hirsch zu zerlegen. Vesana überlegte kurz, ob sie ihn auf den noch in der Brust steckenden Bolzen hinweisen sollte, unterließ es dann allerdings. Er würde es schon selbst herausfinden. Stattdessen entledigte sie sich ihrer Waffen und legte sie auf ihren Tornister, der sich neben ihrer Schlafstatt im Unterstand befand. Anschließend ließ sie sich rücklings auf die Leder- und Fellunterlage mit der Decke darauf fallen und schloss die Augen. Die Hände platzierte sie flach auf dem Bauch und atmete tief ein und aus. Gedanklich rekapitulierte die Kaiserliche noch einmal das Jagdgeschehen ab dem Zeitpunkt, ab dem sie die Spur des Bullen aufgenommen hatten bis zu seinem letzten Atemzug. Auch nach ihrer Analyse blieb der Tag fehlerfrei, eine perfekt gelungene Jagd. Niemand hatte sich verletzt, das Tier musste nicht unnötig lange leiden und es brachte genug Fleisch für zwei kleinere Beutetiere, so dass sie sich alles in allem sehr zufrieden geben konnten.
Als sie sich wieder erhob, wühlte Oslaf bis zu den Ellenbogen im Rumpf des Hirsches herum und entnahm ihm die Eingeweide eines nach dem anderen. Der Schnee triefte rot, ebenso seine Hände und Unterarme. Beutel lagen neben dem knienden Nord auf dem Boden, sie beinhalteten die essbaren Organe wie Leber und Herz. Die anderen stapelten sich auf einer Lederunterlage. Sie würden am Ende irgendwo im Wald landen, um als Ablenkung für Räuber zu dienen bis der Rest mit samt dem Blut auf dem hellen Grund gefroren war und sie nicht mehr durch seinen Geruch anlocken konnte. Die knöchernen Rückstände würden sie auch irgendwo im Unterholz entsorgen – zumindest soweit sie nichts davon sofort verwerteten. Finna und Wulf saßen am wie gewohnt klein gehaltenen Feuer, wärmten sich die Hände und sprachen miteinander über die Jagd sowie die nächsten Tage. Vesana gesellte sich dazu.
„Ah, da seid Ihr ja“, meinte der Einäugige, als er sie bemerkte.
„Da bin ich“, erwiderte sie nur und setzte sich.
„Eine gute Jagd, die wir da heute geführt haben“, stellte Finna fest.
„Zu dem Ergebnis bin ich auch gekommen. Hoffen wir, dass unser Glück so anhält.“ Die Kaiserliche rieb sich mit etwas Schnee das vom Schweiß verklebte Gesicht ab und trocknete es in der wärmenden Aura der Flammen.
„Wir sind gerade dabei gewesen, die nächsten Tage zu planen. Mit dem frischen Fleisch wäre es wohl am sinnvollsten, wenn weiterhin einer im Lager bleibt und zumindest etwas auf Räuber achtet.“ Wulf legte eine kurze Pause ein, während der er einen neuen Ast ins Feuer legte. „Nicht, dass der sich mit einem ausgewachsenen Bären anlegen soll, aber es gibt auch kleinere Futterdiebe hier.“
„Sicher nicht Oslaf, er würde uns dafür bestimmt jedem einzelnen die Glieder umdrehen“, entgegnete Vesana. Die beiden Nord lachten.
„Ganz recht, das würde ich tun!“, brummte der Kahlköpfige aus dem Hintergrund. Die Kaiserliche schmunzelte leicht, die anderen beiden lachten abermals.
„Finna hat sich bereits freiwillig gemeldet, sofern Ihr nicht um jeden Preis hier bleiben möchtet, würde sie es übernehmen.“
„Nein, einverstanden“, stimmte Vesa zu. Für den Rest des Abends hielt sich die Jägerin dann wie gewohnt eher aus den Gesprächen zurück. Oslaf gab ihr noch die in zwei Teile zerbrochenen Reste ihres Bolzens zurück, nur die stählerner Spitze behielt sie, ansonsten sah die Kaiserliche kaum Anlass, sich in die Alltagsgespräche der Nord einzumischen. Sie begleitete die drei für die Jagd, nicht um Geschichten zu erzählen.


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Bahaar
28.06.2013, 10:19
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Der nächste Tag der Jagd verlief trotz der weiterhin optimalen Bedingungen recht erfolglos. Zwar nahmen Oslaf, Wulf und Vesana gelegentlich die Spur eines Huftieres auf, aber die verliefen stets im Leeren, weil sie entweder zu weit vom Lager wegführten, oder andere Fährten kreuzten und sich so kaum noch die eigentliche Laufrichtung des Tieres feststellen ließ. Besonders Oslaf frustrierte das. Zwei Tage hatte er aussetzen müssen und dann, als er endlich wieder teilnehmen durfte, blieben sie ohne Erfolg. Wulf und Vesana nahmen die Situation wesentlich gelassener. Vor allem die Kaiserliche rollte häufiger mit den Augen und schüttelte sacht den Kopf. Wie ein zu groß geratenes Kind, so verhielt sich der Nord. Zumindest manchmal und nach Vesas Einschätzung, der Einäugige ignorierte es einfach.
Am Nachmittag kehrten die drei ohne Beute zurück zum Lager. „Nichts?“, fragte Finna nach einer kurzen Begrüßung.
„Nein. Die meisten Spuren führen zu weit vom Lager weg oder sind nicht eindeutig genug“, erklärte Wulf. „Wir sollten daher wohl morgen den Aufstieg zum Fjalding-Plateau machen. Vielleicht sieht’s da oben besser aus. Einige Spuren führten auch in diese Richtung.“
„Klingt nach einem guten Plan. Dafür gibt es heute wenigstens frischen Fuchs!“ Die Nord barg ein weiß-graues Fellbündel aus dem Unterstand und hielt es am Schwanz hoch. „Der kleine Racker wollte sich an unserem Hirsch vergreifen. Da wir wohl alle mal ein bisschen Abwechslung zum Trockenfleisch und Brot gebrauchen könnten, ohne dass wir gleich die Vorräte für das Dorf antasten, kommt der sicher ganz gelegen.“
„Ha! Dieses Weib, ist sie nicht großartig?“ Oslaf freute sich. Wulf lächelte, Vesa entledigte sich nur ihrer Waffen. Am Abend saßen sie gemeinsam um das Feuer und genossen das frisch über den Flammen gegrillte Fleisch. Es war zwar nicht viel an dem kleinen Futterdieb, aber immerhin eine gute Ergänzung und Abwechslung, wie es Finna bereits so schön gesagt hatte.

Mit den ersten Strahlen der Sonne in den Wipfeln der Nadelbäume brachen die vier auf. Der Aufstieg zum Fjalding-Plateau gestaltete sich als langwieriger, anstrengender und nicht ganz ungefährlicher Prozess. Immer wieder trat einer von ihnen lockere Schneewehen auf dem steilen Pfad los, die unterwegs anschwollen und als kleine Lawinen die Hänge hinabdonnerten. Der Sturm und starke Schneefall hatten das Gebiet zu einer wahren Brutstätte für den weißen Tod werden lassen. Wenigstens blieb es sonnig und einigermaßen windstill, da sie in der offenen, steilen Wand wesentlich exponierter waren, als noch zwischen den Bäumen. Immerhin erreichten sie zum frühen Nachmittag schließlich flacheres Terrain, auf dem sich der Wald fortsetzte. Die Tatsache, dass sie schon nach wenigen hundert Schritten zwischen den Bäumen die ersten Spuren von Leben entdeckten, einige davon gehörten zweifelsohne wieder zu Wild, sorgte für Freude. Zwar schienen es keine so großen Exemplare, wie der Hirsch vor zwei Tagen zu sein, aber das mussten sie auch nicht.
Insgesamt verlief es für die Gruppe ausgesprochen ruhig. Sie suchten eine möglichst geschützte Stelle für ihr Lager und erkundeten nach dem Aufbau noch ein wenig separat die Umgebung, ohne bereits aktiv nach Beute zu suchen. Vielmehr verschafften sie sich einen Überblick, orientierten sich und zählten unterschiedliche Spuren, um eine Vorstellung davon zu erhalten, wie ergiebig das Gebiet sein mochte. Den Abend nutzten die vier vor allem dazu, sich möglichst gut von der anstrengenden Wanderung zu erholen, um für den nächsten Jagdtag ausgeruht zu sein.
„Wir sollten morgen vorsichtig sein“, befand Finna, als sie in der früh hereingebrochenen Dunkelheit noch um ihr Feuer saßen. „Ich habe vorhin eine Bärenfährte entdeckt. Zwar führte sie nach Norden, aber sie war noch recht frisch und wenig verschüttet.“
„Eine Wolfsspur habe ich auch gesehen“, ergänzte Vesana. „Richtung Westen. Aber das Pack war relativ schnell unterwegs. Ich glaube nicht, dass sie uns morgen in die Quere kommen werden.“
„Was glaubt Ihr, wie viele es waren?“, wollte Wulf wissen.
„Schwer zu sagen. Die Perlenschnur“, so bezeichnete sie den Pfad des Packs, wo ein Leittier die Vorarbeit leistete und der Rest in der gezogenen Spur folgte, „lässt vermuten, dass sie sich auf Wanderschaft befinden und den Pass im Westen im Visier haben. Einzelne Tiere ließen sich da nicht ausmachen. Ich schätze aber anhand der Tiefe und den hin und wieder nicht perfekt ineinander gesetzten Fußabdrücken, dass das Rudel vier bis fünf, vielleicht auch sechs Mitglieder umfasst.“
„Hm, stellt sich die Frage, warum sie dorthin ziehen, wenn es hier den Zeichen nach zu urteilen genug Beutetiere gibt“, überlegte Oslaf.
„Möglicherweise haben sie sich bereits eine Weile hier aufgehalten und patrouillieren nun weiter durch ihr Revier. Vielleicht wurden sie aber auch von einem anderen Räuber“, die Kaiserliche nickte in Richtung Finna, „zum Beispiel unserem Bär hier – aufgeschreckt und verscheucht. Ehe sie sich mit dem um die Beute hier streiten und ein Rudelmitglied im Revierkampf verlieren, gehen sie ihm lieber aus dem Weg. Nicht zuletzt sind Wölfe ausgesprochen intelligent und zu Risikoabwägungen durchaus in der Lage. Der Bär ist nicht für immer hier, auch er zieht weiter. Sie können also auch später zurückkehren.“
„Würde Sinn machen“, wandte Wulf ein. „In jedem Fall sollten wir morgen auf der Hut sein. Das Fleisch ist inzwischen gefroren, so dass es keine Tiere mehr anlocken kann. Ich würde ungern jemanden allein im Lager zu dessen Bewachung oder für längere Zeit weit abseits davon durch den Wald streifen lassen. Mit Bären- und Wolfsspuren in der Umgebung erscheint es mir zu riskant, länger einzeln unterwegs zu sein.“ Die übrigen Jäger der Runde nickten zustimmend.
„Auch sollten wir wieder zu zweit Nachtwache halten“, schlug Vesana vor und erntete ebenfalls Zustimmung.

Im Morgengrauen am darauffolgenden Tag begann das Spiel von vorn. Wulf bereitete als erster den Weg an der Spitze der Gruppe, die anderen folgten in seiner Spur. Sie brachten Unruhe in die Idylle des friedlich daliegenden Waldes, zerrissen das seidige Tuch des kalten Friedens der morgendlichen Stunden. Der Dampf stand ihnen vor den Gesichtern, die kalten Ohren lauschten auf jedes Geräusch, die Augen glitten über das funkelnde Weiß, die Füße versanken im Pulver auf dem Boden. Sie legten Wert auf leise Bewegungen und warfen lieber einen Blick zu viel auf einen Busch, als einen zu wenig. Mit dem Gedanken an die Spuren der Räuber im Hinterkopf wollten sie kein Risiko eingehen. Nicht zuletzt hatten sie sich auch genau deswegen schlussendlich dagegen entschieden, sich in zwei Gruppen à zwei Leuten aufzuteilen, und pirschten stattdessen alle gemeinsam durch das Unterholz.
Bereits sehr zeitig kündigte sich an, dass es wohl ein erfolgreicher Tag werden würde. Es dauerte nicht lange, bis die vier die Fährte einer Rotte von Rehen aufspürten. „Sieht nach fünf Tieren aus. Vielleicht auch sechs, wenn irgendwo hinter den Büschen noch ein Streuner unterwegs ist“, befand Vesana, die im Schnee neben einem Dunghaufen kniete, mit den freien Fingerspitzen erst eine der markten Paarhufspuren nachfuhr und anschließend einen Kotklumpen zwischen Daumen und Zeigefinger nahm. „Noch nicht gefroren“, meldete sie und schaute auf zu den drei Nord, die sich im direkten Umfeld positioniert hatten.
„Gut, wir teilen uns auf, bleiben aber in Rufreichweite. Oslaf, Finna, ihr nehmt das Unterholz links der Spuren. Nevara, Ihr übernehmt mit mir die rechte Seite.“ Der wesentlich größere und kräftigere Nord übernahm abermals die Führungsarbeit und bereitete die Schneise für die kleinere, zierlichere Kaiserliche. Zwar fühlte sie sich nicht darauf angewiesen, hinderte ihn aber auch nicht aktiv an seiner Arbeit. Solange er es machen wollte und konnte, sollte er es ruhig. Schon kurze Zeit später stießen die Jäger auf eine Lichtung und die auf ihr nach Nahrung wühlenden Rehe. Ihre Zahl bemaß sich in der Tat auf fünf, eine erkennbar ältere Kuh mit dunklerem Fell, die ansonsten aber noch einen kraftvollen Eindruck erweckte, führte die Gruppe an. Der Einäugige und seine Begleiterin knieten sich in die Deckung zweier dicht stehender Bäume und die sie umgebenden Büsche. „Zwei der jüngeren Tiere?“, fragte der Nord.
„Ja. Wenn wir die Leitkuh erwischen, zerstreut sich die Rotte möglicherweise und verendet orientierungslos.“ Wulf nickte zustimmend. Die Kaiserliche spähte aus der Deckung heraus und suchte das Geäst auf der gegenüberliegenden Seite der freien Fläche nach ihren beiden Kumpanen ab. Sie fand sie ebenfalls hinter einem Baum hervorschauend. Über Handzeichen und mittels Kopfnicken und -schütteln gab sie Finna zu verstehen, welche der Tiere der Gruppe sie als Ziele ins Visier nehmen würden. Wieder einmal kam ihnen dabei auch die Windstille zugute. Die vier Jäger verhielten sich ruhig und bewegten sich nur wenig, so dass die Rehe weder durch Geräusche noch durch Geruch alarmiert werden konnten. Erst als Wulf seinen Bogen und Vesana ihre Armbrust bereithielt, stieg die Anspannung. Beide visierten unterschiedliche Tiere an. Die Kaiserliche zielte auf die Hüfte eines weiter entfernt stehenden Rehs, Wulf übernahm ein näheres. Fast simultan ließ der eine die Sehne los und löste die andere den Mechanismus aus. Surrend fanden die Geschosse ihr jeweiliges Ziel. Der Bolzen ließ das seine lahmen, der Pfeil brachte mit einem Treffer in die Brust das unausweichliche Todesurteil. Während die Leitkuh und die zwei anderen Tiere geräuschvoll und panisch die Lichtung verließen, blieb das verwundete Reh zurück. Oslaf streckte es mit einem Speerstich in die Brust nieder.
Wulf und die Kaiserliche hielten sich ebenso wie Finna weiterhin in Deckung und lauschten auf die Umgebung. Erst als sie sich sicher fühlten, dass keine Raubtiere in der Umgebung von den Geräuschen des Todeskampfs der Rehe angelockt worden waren, entspannten sie sich und leistetem dem langbärtigen Nord auf der Lichtung Hilfe beim Verarbeiten der Beute. Sie entschieden sich dazu, diese an Ort und Stelle transportfähig zu machen. Auf diese Weise blieb ein lockender Rest für potenziell doch noch aufkreuzende Räuber zurück, der sich in sicherer Entfernung zum Lager befand. Da der einäugige Nord stets die Führungsarbeit übernahm, erklärte sich Vesana dazu bereit eines der ausgenommenen Rehe zu tragen. Sie legte es sich wie Oslaf quer über die Schultern und packte es an den Vorder- und Hinterläufen, damit es nicht herunterfiel.
„Wir sollten morgen die Reise zurück zum Dorf antreten. Wir haben genug Beute für einen Jagdausflug“, befand Wulf, als sie bei ihren restlichen Sachen eintrafen. Die Tiere legten sie zum Fleisch des Hirsches, dass sie mit Ausnahme der Schenkelstücken in großen Einzelteilen in lederne Beutel verpackt hatten. An Vesa gewandt, setzte er fort: „Außerdem bin ich sicher, dass Ihr inzwischen darauf brennt, Eure eigene Jagd fortzusetzen.“ Sie schenkte ihm ein schwaches, schiefes Lächeln, setzte sich an die Feuerstelle und beobachtete Oslaf dabei, wie er die Flammen mit den Herzsteinsplittern neu entfachte. „Zumindest habt Ihr Euch diese verdient.“ Der Einäugige setzte sich zu ihr.
„Es freut mich, dass Ihr das so seht“, erwiderte die Kaiserliche und verlor sich in den schnell emporzüngelnden Lohen.


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Bahaar
05.07.2013, 10:20
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Die Rückreise zum Dorf der Skaal gestaltete sich als anspruchsvolle und kräftezehrende Angelegenheit, die außerdem viel Zeit einnahm. Zwar verlief sie komplikationsfrei, das änderte aber nichts an der Tatsache, dass sich die vier Jäger in die gut und gerne über zweihundert Pfund schweren Reste des Hirsches und die zwei Rehe reinteilen mussten. Während die Frauen schon mit den beiden kleineren und leichteren Tieren als zusätzliche Last zum Reisegepäck zu kämpfen hatten, keuchten die beiden Männer unter dem Gewicht des Bullen. Zwar trugen auch Vesa und Finna noch kleinere Stücke, aber den Gutteil übernahmen dann doch Wulf und Oslaf. Wenigstens gab es keinen Zwischenfall mit Raubtieren, dafür verschlechtere sich das Wetter zusehends.
Insgesamt brauchten sie volle drei Tage für den Rückweg zum Skaal-Dorf und am Ende sahen sie im dichten Schneetreiben kaum noch die eigene Hand vor Augen. Es stürmte zwar nicht, stattdessen fielen aber Flocken so groß wie Fingerkuppen in rauen Mengen vom Himmel. Immerhin wurden sie im Dorf nach ihrer neuntägigen Expedition herzlich in Empfang genommen – zumindest von jenen, die sich zum Abend noch draußen im Wetter aufhielten. Das Ergebnis der Jagd konnte sich auch durchaus sehen lassen, so dass es Vesa nicht völlig ungerechtfertigt erschien. Der Trubel war ihr dennoch nicht geheuer, weshalb sie sich möglichst im Hintergrund hielt, wenn gerade einmal wieder jemand dahergelaufen kam, um den Jägern zu danken. „Wulf?“, wandte sich die Kaiserliche in einem ruhigen Moment an den Einäugigen. Er schaute zu ihr auf und hielt mit dem Auspacken des Fleisches inne.
„Ja?“
„Ihr meintet, ich könne nun fortsetzen, weshalb ich hier bin?“
„Das tue ich nach wie vor.“
„Wäret Ihr so frei Eure Empfehlung an Storn zu übermitteln?“
„Natürlich. Helft mir nur noch mit den restlichen Arbeiten hier, dann werde ich mit ihm sprechen.“ Sie nickte und hängte mit Finna die Rehe am Unterstand des Nords auf. Das restliche Fleisch verstauten sie in einer mit Holz verkleideten und abschließbaren Grube, wo es gefroren blieb und vor Räubern sicher war. Im Anschluss verabschiedete sie sich von Oslaf und Finna. Der Einäugige machte sich direkt auf zum Haus des Schamanen und Vesa folgte ihm. Er klopfte und trat auch als erster ein.
„Es ist schön, euch wohlbehalten wiederzusehen“, begrüßte sie der graue Nord im Innern.
„Das verdanken wir nicht zuletzt unserem Gast hier“, entgegnete Wulf und deutete auf die Kaiserliche an seiner Seite. „Lass‘ uns doch noch einmal über ihr Vorhaben sprechen, ja?“ Der Dorfschamane musterte die Frau und nickte dann.
„Bitte, setzt euch doch.“ Sie nahmen am Tisch Platz. „Ich vermute, dass Ihr möglichst schnell aufbrechen möchtet?“, fragte er an Vesana gewandt.
„Sofern sich das Wetter nicht noch weiter verschlechtert, ja.“ Wieder nickte der Nord.
„Habt Ihr schon einmal von den magischen Steinen auf Solstheim gehört?“
„Nein.“
„Es sind Steine an verschiedenen Positionen auf der Insel. Woher sie kommen, würde an dieser Stelle zu weit führen. Sie sind Teil unseres Glaubens, den Ihr nicht zu teilen braucht“, erklärte Storn. „Es gibt sechs an der Zahl. Jeweils einen für Sonne, Erde, Wasser und Wind, sowie einen für die pflanzliche Natur, den wir schlicht Baumstein nennen, und einen für die tierische Natur, den wir Bieststein nennen“, setzte er fort. Vesana hörte ihm aufmerksam zu. „Jeder dieser Steine verleiht jenen, die sich seiner Macht würdig erweisen, eine magische Fähigkeit.“
„Verstehe. In wieweit hilft mir das?“
„Geduld, Geduld!“ Die Kaiserliche beugte den Kopf kurz und knapp nach vorn, um sich zu entschuldigen. „Für Euch spielt der Bieststein eine Rolle, denn in seiner Umgebung wurden zuletzt vermehrt jene Kreaturen gesehen, nach denen Ihr sucht. Werbären. Er befindet sich etwas nördlich des Passes vom Fjalding-Plateau zur südlichen Inselmitte. Ich schätze, dass Ihr diesen Pass bereits auf Eurem Weg zu uns überquer habt.“
„Das habe ich.“
„Der Stein ist eher schwieriger zugänglich und steht auf einem sehr kleinen Absatz in der östlichen Bergflanke der Ausläufer des Moesring-Massivs. Im Grunde oberhalb des Fjalding-Sees.“
„Gut, damit werde ich ihn finden.“
„Daran habe ich keine Zweifel.“ Er schaute die Frau ihm gegenüber ernster und fester an. „Doch ich möchte Euch nochmals warnen: Weder besteht eine Garantie dafür, dass diese Kreaturen dort noch anzutreffen sind, noch dafür, dass Ihr sie einzeln abpassen könnt. Darüber hinaus müsst Ihr Euch im Klaren sein, dass sie ihren Fluch auf Euch übertragen und Euch in Menschengestalt leicht in eine Falle locken könnten, bevor sie sich in die Gestalt ihrer wahren Natur verwandeln.“ Vesana hätte beinahe mit den Augen gerollt, verkniff es sich aber im letzten Moment, um nicht zu unhöflich zu sein. Stattdessen seufzte sie nur und nickte, bevor sie sich auf ihrem Stuhl zurücklehnte und eine der langen Strähnen, die das Gesicht einrahmten, hinter das Ohr strich. Sie mochte es nicht, wenn man ihr auf die Nase band, was sie schon längst wusste.
„Ich danke Euch, Storn, für Eure gut gemeinten Worte. Seid versichert, dass ich vorsichtig sein werde.“ Das schien den Schamanen zumindest im Ansatz zufrieden zu stellen, wenngleich er sie weiterhin musterte und versuchte, aus der vor ihm sitzenden Kaiserlichen schlau zu werden. Außerdem musste er nicht wissen, dass sie sich nicht vor dem Fluch der Werbären fürchtete und auch nicht fürchten brauchte.
„Wulf?“, der Schamane wandte sich an den einäugigen Nord, der bislang schweigend mit am Tisch gesessen hatte. „Möchtet Ihr noch etwas sagen?“
Er atmete tief durch. Vesana schaute ihn an. „Es gibt da etwas, um das ich Euch bitten möchte.“ Er klang schwermütig, als ob ihn etwas belastete. Ein Hauch von Sorge mischte sich in sein noch klares Auge. „Mein … Bruder, Torkild. Wenn Ihr ein Auge nach im offen halten könntet, wäre ich Euch sehr dankbar.“
„Ihr glaubt, dass er sich in der Nähe des Bieststeins aufhält?“
„Ich erinnere mich, als ich ihn das letzte Mal vor einigen Jahren gesehen habe, ein unbändiges Feuer in seinen Augen gesehen zu haben, wie es für die Skaal sehr ungewöhnlich ist“, wich er der Frage aus.
„Ihr glaubt, er ist ein Werbär geworden?“
„Es wäre möglich.“
„Verstehe.“ Sie überlegte kurz. Es konnte nicht schaden, dem Nord einen Gefallen zu tun. „Sollte ich ihm begegnen, werde ich Euch berichten“, stimmte Vesana deshalb zu.
„Habt Dank.“ Der kräftige Nord neigte den Kopf einige Augenblicke lang und lehnte sich erst danach wieder zurück.
Dann erinnerte sich die Kaiserliche an die Worte des Grauen. „Storn“, wandte sie sich an den Schamanen. „Was für magische Fähigkeiten verleihen diese Steine und wie erweist man sich ihnen als würdig?“
„Darauf kann ich Euch keine Antwort geben. Was für den einen reichte, war für den anderen nicht genug. Wir Skaal streben auch nicht nach dieser Macht. Es blieb meist an Außenseitern wie Euch, dies herauszufinden. Die meisten überlebten nicht oder kehrten nicht zu uns zurück, um zu berichten. Seid jedoch versichert, dass wenn Ihr Euch würdig erweist, der Stein es Euch zu erkennen gibt.“ Die Erklärung half wahrhaftig wenig, aber Vesana hakte nicht weiter nach.
„Kann ich die Nacht wieder bei Euch hier verbringen?“, schnitt sie stattdessen ein anderes Thema an.
„Natürlich. Es ist genug Platz für Euch hier.“
„Danke.“ Sie rutschte mit dem Stuhl ein Stück zurück, um Platz zum Aufstehen zu haben. „Ich habe noch etwas bei Baldor, das ich holen muss. Wenn es sonst nichts Wichtiges gibt, würde ich das noch erledigen.“ Wulf und Storn nickten beide. Sie überließ die Männer sich selbst und verließ das Heim des Schamanen. Draußen begrüßte sie eisige Luft, die Flocken raubten ihr unverzüglich die Sicht und schmolzen auf der Haut in ihrem Gesicht. Schnell schlug sie die Kapuze über den Kopf und zog die unteren Enden enger zusammen, um das Weiß davon abzuhalten, an ihrem Hals entlang unter die Jacke zu fließen. So schnell es ging stapfte sie mit schweren Schritten durch die hereingebrochene Nacht hinüber zum Haus des Schmieds und klopfte. Es dauerte einen Moment, dann regte sich etwas im Innern und die Tür wurde einen Spalt breit geöffnet.
„Ja?“
„Baldor Eisen-Former?“, fragte Vesana zur Sicherheit, sie erkannte kaum etwas im Gegenlicht aus dem Wohnraum der Hütte.
„Der bin ich.“
„Ich habe vor neun Tagen ein geschwungenes Schwert abgegeben, um es mit silbernen Einlagen zu versehen“, erklärte sie sich.
„Ah ja, richtig. Ihr seid mit der Jagdgruppe zurückgekehrt. Kommt kurz herein, dann hole ich das Schwert.“ Der kräftige Nord mit dem markanten Schnauzpart und der kahlen Schädeldecke trat zur Seite und öffnete seine Eingangstür weit genug, damit die Kaiserliche hindurchschlüpfen konnte. Während sie wartete, schlug sie sich die Flocken von Kopf und Schultern, damit sie sich die Kapuze zurücklegen konnte. Die Wärme im Innern des Hauses tat gut. Die Kälte auf der Haut brannte und zwickte unangenehm – durch das Tauwasser noch wesentlich mehr, als sie es ohnehin schon tat. Wenig später kehrte der Nord aus dem hinteren Teil seines Heims mit der Klinge zurück. Er schlug das Leinentuch zur Seite, in das er sie eingewickelt hatte und zog sie aus der Scheide.
Das Silber in den Seiten der Waffe, das nun die Riefen der ehemaligen Gravuren ausfüllte, schimmerte in einer Mischung aus seiner typisch milchigen Färbung und schwarzem Kohlenstaub. „Ich habe sie nicht eben mit dem Stahl eingebettet und nur diesen poliert, so dass das Muster der Gravuren weiterhin zur Geltung kommt.“ Er reichte der Kaiserlichen die Waffe. Sie balancierte sie in der Hand. „Sie hat nichts an Stabilität verloren. Ich habe den Stahl gerade so erwärmt, dass sich die Einlagen mit ihm im Ansatz verbinden und nicht einfach wieder herausplatzen, aber nicht genug, um die Festigkeit der Klinge zu beeinträchtigen“, erklärte der Nord nicht ohne erkennbaren Stolz. „Ihr haltet hier eine ausgesprochen gut gelungene Waffe in den Händen. Wo auch immer Ihr sie her habt, schätzt Euch glücklich.“ Vesana konnte sich ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen und fuhr mit den Fingern der Linken die bearbeiteten Seiten entlang. Ihre Augen musterten sie eingehend. Der Mann, der ihr dieses Schwert eingebracht hatte, war dem Anschein nach in der Tat ausgesprochen ertragreich gewesen.
„Zweihundertvierzig Septime, sagtet Ihr?“, fragte sie schließlich und richtete ihre Augen wieder auf den Schmied.
„Das sagte ich, ja. Aber Erzählungen machen hier im Dorf schnell die Runde. Für Eure Hilfe bei der Jagd gebe ich Euch weitere zwanzig Rabatt.“ Die Kaiserliche schob die Waffe zurück in die Scheide und band sich diese auf den Rücken. Anschließend griff sie nach ihrem Geldbeutel und zählte den Betrag ab.
„Habt Dank.“
„Ich danke. Viel Erfolg auf Euren weiteren Wegen“, verabschiedete sich Baldor und schloss hinter Vesana die Tür. Diese würde sich alsbald zur Ruhe begeben und am nächsten Morgen so zeitig, wie es möglich war, aufbrechen. Das Ziel nun in greifbarer Nähe, breitete sich auch ein gewisses Gefühl der Aufregung in ihr aus. Ihr Herz schlug etwas höher, nervös spielten die Finger ihrer linken Hand miteinander und vor ihrem geistigen Auge visualisierte sie ihren möglichen Kampf mit einem Werbären. Es sollte bald so weit sein und sie wollte jetzt keine Zeit mehr verlieren.


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Bahaar
12.07.2013, 11:06
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Es schien Vesana beinahe so, als ob sich die Insel gegen sie verschworen hatte. Drei volle Tage und einen Teil des Morgens des vierten Tages benötigte sie, um zurück zum Pass zu kommen. Zwar kam es bis dahin nicht zu Zwischenfällen – weder stieß sie mit gefährlichen Tieren zusammen, noch traf sie ein weiteres Mal auf Rieklinge, diese kleinen, blauen Biester, vor denen sie auch noch einmal Storn gewarnt hatte – aber dafür musste sie sich durch teilweise knietiefen Schnee und dichtes Unterholz im zwielichtigen Treiben der Flocken kämpfen. Beinahe wünschte sie sich, lieber einmal mit einem Raubtier zusammenzustoßen, wenn sie dafür schönes Wetter und optimale Reisebedingungen erhielt. Aber es sollte wohl nicht sein. Die Füße taub, die Hände steif, das Gesicht vereist – einem Schneemann gleichend machte sich die Kaiserliche schließlich daran, den völlig zugeschneiten Pass hinaufzusteigen. Ein gefährliches Unterfangen, ohne Frage, und sie bereute in Momenten besonderer Entkräftung, dass sie vor über drei Tagen im schlechten Wetter aufgebrochen war, aber es half nun nichts mehr. Es gab nur noch Vorwärts, kein Zurück.
Ihre Reise brachte sie an völlig neue Grenzen ihrer körperlichen und geistigen Kräfte – das stellte sie nicht zum ersten Mal fest. Sie lief weiter, obwohl ihre Schenkel längst brannten, als stäche jemand mit nadelfeinen Eiszapfen in sie hinein; sie hielt sich an Felsvorsprüngen fest, obwohl ihre Finger seit Langem nur noch schmerzten und kraftlos waren. Ihre Gedanken fixierten mehr noch als zuvor das Ziel – den Bieststein und Werbären jagen – obwohl die Zweifel an ihrer Fähigkeit erfolgreich sein zu können kaum noch zu verdrängen und zu bändigen waren. Hoffnung wurde zu einem Luxus, den sie sich nicht mehr leisten konnte. Einzig und allein der nächste Schritt zählte, nicht, was sein mochte oder hätte sein können. Ein gleichermaßen beängstigendes, wie befreiendes Gefühl. Trotz der Kälte schlief sie etwas besser – wenngleich immer noch schlecht – und empfand auch weniger, wenn sie in den kurzen Momenten der Rast dann doch einmal dazu kam, zurück zu denken. An die Gefährten, was davor lag. So widersinnig es schien, aber sie ging aus diesen Momenten mit neuer Zuversicht gestärkt hervor.
Während das Fjalding-Plateau zusehends unter ihr im grauen Schleier des Wetters verschwand, näherte sich die Jägerin immer weiter dem Stein. Sie hielt sich dafür soweit möglich am nördlichen Rand des Passes und suchte nach einem Weg, den beschriebenen Vorsprung in der Felswand zu finden, auf dem er stehen sollte. Zum frühen Nachmittag fand Vesana dann einen schmalen Grad nach Norden, der gerade breit genug war, um darauf gehen zu können. Rechts viel der Fels so tief ab, dass sie das Ende im dichten Schneetreiben nicht mehr sah und links ragten die schroffen, vereisten Formationen der östlichen Moesring-Berge in den Himmel empor, wo sie sich im Grau verloren. In derart exponierter Lage zerrten nun auch die Windböen an ihrer Kleidung, so dass sie sich gezwungen sah ihre Schritte noch bedachter zu setzen, als sie es ohnehin schon stets getan hatte. Ein einziger Ausrutscher und es mochte aus mit ihr sein. Zum ersten Mal seit Langem schien sie jedoch auch einmal wieder Glück zu haben. Es handelte sich nur um eine kurze Passage und nach einer hervorstehenden Kante im Fels, um die sich ihr Pfad herumwand, erreichte sie ein etwas breiteres Plateau, das auch noch weitestgehend windgeschützt lag.
Tief durchatmend ließ sie sich für einige Augenblicke zwischen mehreren großen Felsen nieder, um Schnee und Eis aus dem Gesicht zu entfernen. Kleine Eiszapfen klimperten an den Enden der Haarsträhnen. Mühsam und ausgesprochen grobmotorisch fischte sie nach den Beuteln mit den Herzsteinsplittern. Das Gestein aus dem Roten Berg verlor einfach nie seine konstante Wärme. Das kam ihr gelegen, so konnte sie sich mit ihnen wenigstens etwas die Finger auftauen. Dennoch blieb ihr nur wenig Zeit zum Verschnaufen vergönnt. Noch befand sie sich nicht direkt am Ziel ihrer Reise. Erst musste sie den Stein finden. Deshalb raffte sich die Kaiserliche auf, bevor sie zu sehr ins Grübeln geraten konnte, und erkundete das Plateau.
In seinen Abmessungen eher klein, fiel es ihr nicht schwer sich zu orientieren. Die Abbruchkante im Osten wäre von den Felswänden im Westen an einem schönen Tag ohne Probleme zu erkennen. Nur einige hundert Schrittlängen langen zwischen ihnen, schätzte Vesana. Die Länge bemaß sich auf etwas mehr, aber blieb überschaubar. Den Bieststein fand sie im nördlichen Drittel. Eine schiefe Felsnadel, die weder so richtig natürlich, noch künstlich, aber doch irgendwie nach beidem aussah. Umgeben von einem kreisrunden Teich aus seltsamerweise nicht gefrorenem Wasser stach er leicht erkennbar mehrere Mannsgrößen in die Höhe. Es bot einen kuriosen Anblick, dieses Gebilde. Vorsichtig setzte die Kaiserliche den Tornister ab und kniete sich an den Rand der dampfenden Wasserscheibe. Sie war nicht tief, reichte höchstens bis zum Knöchel, und entpuppte sich nach zögerlicher Fingerprobe als ausgesprochen warmer Quell.
Kurzerhand zog sie die Handschuhe aus und tauchte die Hände flach in die klare Flüssigkeit. Es brannte auf der Haut, als ob ihr jemand geschmolzenes Eisen darüber kippte. Sie stöhnte und zog die Hände reflexartig zurück. Im zweiten Versuch tauchte sie behutsamer, langsamer ein. Sie spürte, wie das Wasser ihre Fasern, ihr Fleisch erwärmte und neue Kraft spendete. Noch immer brannte es höllisch, doch sie gewöhnte sich zusehends daran und am Ende lockerten sich ihre Finger, das Gefühl der Kontrolle über sie kehrte zurück und die Kälteschwellungen klangen ab. Erst dann nahm sie sie zurück, trocknete sie schnellstmöglich ab und schob sie zurück in die Handschuhe. Es wurde Zeit, sich auf die Lauer zu legen.
In Sichtweite des Bieststeins grub sich Vesana ein. Zwischen einigen größeren Felsen fand sie eine windgeschützte Stelle, an der sie eine kleine Mulde ausheben konnte, um die Lücke hinter sich mit dem ausgehobenen Material einigermaßen als Sichtschutz abzudichten und gleichzeitig von vorn schwerer zu erkennen zu sein. Sie kleidete die Senke mit ihrer Schlafunterlage aus, um sich nach unten gegen die Kälte zu isolieren, verzichtete jedoch auf die Decke, da diese sie sonst nur behindern würde. Den Speer verkeilte sie als zusätzliche Absicherung nach hinten so, dass ein Angereifer in ihn hineinlaufen oder -springen würde. Das Felleisen deponierte sie zwischen ihren Beinen, nahm die Armbrust in die Hände, die Schwerter trug sie überkreuzt auf dem Rücken und legte sich schließlich bäuchlings auf die Unterlage. Ab diesem Zeitpunkt hieß es warten und ausharren. Früher oder später würde sich zeigen, ob die Bemühungen und Strapazen der Jägerin belohnt werden sollten, oder sie umsonst gewesen waren.
Während sie so dalag und nichts weiter tun konnte, als die Umgebung im Auge zu behalten, ließ es sich nicht verhindern, dass ihre Gedanken zu einer ähnlichen Situation abdrifteten. Seither waren über vier Jahre vergangen und wenngleich sie damals am Ende nicht gänzlich allein dagestanden hatte, so musste sie auch dann allein warten.

Ein Überfall mit den Gefährten auf einen Konvoi der Silbernen Hand im Jahr 4Ä 197. Es sollte ihre richtige Bewährungsprobe sein, um den Status eines Frischlings der Gemeinschaft von Jorrvaskr abzulegen und zu einem vollwertigen Mitglied zu werden. Vesana zählte zu einer kleinen Gruppe um Aela, die auf der Straße südlich von Flusswald in den Büschen und Bäumen auf der Lauer lagen. Jeder in seinem eigenen Versteck und in ausreichendem Abstand zueinander. Der Fluss rauschte unweit von ihnen entfernt, der befestigte Weg ging noch nicht in die sich steil windenden Serpentinen nach Helgen über. Die Kaiserliche saß auf einem Ast in der Krone eines großen Laubbaumes und verkeilte sich mit den Beinen so, dass sie sich oberhalb der Hüfte problem- und bedenkenlos frei bewegen konnte, ohne fürchten zu müssen, herunter zu fallen. Ihren Jagdbogen hielt sie in der rechten Hand, der Köcher beherbergte wenige Dutzend Pfeile, das Stahlschwert lag ihr quer über dem Rücken.
Es war ein kühler, verschneiter Wintertag in den frühen Stunden des Abends. Nur leichte Windböen fuhren durch das kahle Geäst und ließen lockeren Schnee zu Boden rieseln. Die grauen Wolken am Himmel sorgten für schummriges Zwielicht, das den lauernden Jägern zusätzliche Deckung bot. Einer von ihnen hatte zuvor die Straße Richtung Helgen ausgekundschaftet und berichtet, dass der Konvoi in Kürze eintreffen würde. Es war ausgemacht, dass Aela den ersten Schuss abgab und die übrigen einstiegen, die Gefangenen, die die Gruppe der Silbernen Hand mit sich führte, sollten möglichst geschützt und anschließend in die Freiheit entlassen werden. Die kalte Luft knisterte förmlich mit Anspannung, Tiere wagten sich nicht in ihre Nähe.
Dann war es soweit. Hufklappern hallte durch den sich schnell verdunkelnden Abend. Eine Gruppe von fünf Reitern und sechs Bewaffneten zu Fuß, die ein weiteres halbes Dutzend Gefangene einrahmten, näherte sich aus dem Süden. Einige von ihnen trugen Fackeln. Vermutlich wollten sie es an diesem Tag noch bis zu dem kleinen Ort wenige Meilen weiter nördlich schaffen. Vesanas Atem beschleunigte sich, die Rechte griff fester um den Bogen, die Linke holte vorsichtig und darauf bedacht, möglichst keine Geräusche zu erzeugen, einen Pfeil aus dem Köcher. Die zuvor gelegentlich aufquellenden Dampfwolken vor ihrem Mund wurden zu einem konstanten Nebelschleier, der sich kühl auf ihre Haut niederschlug. Die Kälte wich aus den Fingern. Das alles geschah in nur wenigen Augenblicken, in denen sich die Kämpfer der Silbernen Hand weiter näherten und inzwischen unterhalb von Vesas Baum angelangt waren. Sie spannte den Bogen, leise knarrte die Sehne unter der Last, und visierte einen der Reiter an. Aela saß nur ein kurzes Stück weiter Richtung Flusswald auf der anderen Seite der Straße – es würde also bald beginnen.
Gerade dachte die Kaiserliche diesen Gedanken zu Ende, da erfüllte ein scharfes Surren die nächtliche Luft. Es folgte ein dumpfer Schlag, den ein schmerzerfülltes Stöhnen begleitete. Daraufhin rutschte der augenscheinliche Anführer der Gruppe vom Rücken seines Pferdes, ein dunkler, dicker Schaft ragte aus seinem Oberkörper. Seine Rüstung schepperte laut. Doch noch bevor er wirklich aufgeschlagen war, entließ Vesana ihren eigenen Pfeil in die Nacht und legte schon den nächsten auf. Auch dieser flog noch im selben Augenblick davon. Überhaupt brach in den folgenden Momenten ein wahrer Sturm über die ahnungslosen Männer auf der Straße herein. Das Surren und Pfeifen von schnell durch die Luft schneidenden Geschossen hielt einige Herzschläge lang ununterbrochen an. Es endete erst, als keiner der Bewaffneten mehr auf den Füßen stand und sich die Gefangenen völlig verstört schützend zusammenkauerten. Die Jägerin hatte in der kurzen Zeit sieben Pfeile davon gesandt und schwang sich nun, da sie zwei ihrer Gefährten aus den Büschen treten sah, von ihrem Ast herunter.
Die Knie federten den Sprung ab, beschwerten sich jedoch über die rüpelhafte Behandlung nachdem sie so lange starr stehen mussten. Vesana verstaute den Bogen im Köcher und zog stattdessen das Schwert aus der Scheide. Suchend schritt sie zwischen den am Boden liegenden Kämpfern der Silbernen Hand. Nur drei von ihnen hatten es überhaupt geschafft die eigenen Waffen zu ziehen und die Schilde zu heben. Dafür wurden sie aber auch gleich von mehreren der insgesamt fünf Gefährten mit Pfeilen bedacht und so verwunderte es nicht, dass ihnen drei oder vier der todbringenden Geschosse aus dem Rücken ragten. Wer sich jetzt noch bewegte, stöhnte, röchelte, oder anderweitig auf sein Überleben aufmerksam machte, wurde von der Kaiserlichen und Farkas kurzerhand abgestochen. Ein schneller Stich in die Brust oder den Bauch, und das Problem erledigte sich rasch von selbst. Lediglich der Anführer durfte länger leben, er sollte zurück nach Jorrvaskr gebracht und auf Informationen ausgefragt werden. Aela kümmerte sich darum, ihn zu fesseln und transportfähig zu machen. Die übrigen beiden Gefährten blieben noch in ihren Schützenstellungen, um ein wachsames Auge auf die weitere Umgebung zu behalten.
Während der große, schwer gerüstete Nord mit dem Zweihandschwert zur Leiterin ihres Unterfangens und dem Führer der überfallenen Gruppe schritt, wandte sich Vesana den Gefangenen zu. Das Schwert verstaute sie wieder auf dem Rücken und nahm stattdessen einen Dolch, mit dem sie die Fesseln der vier Männer und zwei Frauen durchtrennte. Mit großen Augen schauten die völlig verdreckten und verstörten Menschen sie an. Sie hatten wohl noch immer nicht begriffen, was genau überhaupt gerade vor sich gegangen war. „Geht“, sagte die Jägerin deshalb jedem einzelnen von ihnen. „Macht schon, verschwindet von hier! Ihr seid frei!“ Lediglich ein Kaiserlicher, wohl nur wenige Jahre älter als Vesa selbst, mit dunklem, vollem Haar und einem aufgrund der Gefangenschaft ungepflegten Bart blieb danach immer noch. Sie hatte ihm kaum Beachtung geschenkt, sich nur auf die Fesseln an Händen und Füßen konzentriert.
„Habt Dank“, sprach er. Seine Stimme ruhig, fast schon kühl. Ganz anders als sich die übrigen Befreiten verhalten hatten. Vesana schaute ihn an, musterte seine heruntergekommene, in nicht viel mehr als Lumpen gehüllte Gestalt. Er zitterte vor Kälte am ganzen, trotz des abgehungerten Zustandes die Ansätze von Muskeln erkennen lassenden Leib – und dennoch: Er wirkte gefasst.
„Es war nicht Euretwegen“, entgegnete die Kaiserliche. Seine dunkelbraunen Augen ließen nicht auf etwaige Enttäuschung nach ihrer Aussage schließen.
„Nein, sondern seinetwegen“, er nickte in die Richtung des gefesselten Anführers. „Dennoch: Habt Dank.“
„Gern.“ Sie wandte sich ab und wollte zu Farkas und Aela gehen.
„Bitte“, er hielt sie hastig am Arm fest, so dass sie gezwungen war, sich im wieder zuzuwenden, „ich weiß mit Waffen umzugehen und kann kämpfen. Wenn Ihr nur halb so viel gegen die Silberne Hand habt, wie ich, und Eure Aktionen lassen darauf schließen, möchte ich mich Euch anschließen. Ich weiß Dinge, habe sie belauschen und beobachten können. Lasst mich Euch helfen.“ Vesana riss sich mich einer kurzen Bewegung des Armes los.
„Das ist nichts, das wir hier entscheiden können. Kommt nach Jorrvaskr in Weißlauf. Kodlak wird darüber entscheiden“, mischte sich Aela in das Gespräch ein und kam näher. Farkas folgte hinter ihr und hielt den Anführer der überfallenen Gruppe an den Gefesselten Händen hinter seinem Rücken. Ein abgebrochener Pfeilschaft ragte aus seiner rechten Schulter. Schmerz zeichnete seine Züge und Blut tropfte vom Holz und aus seiner Nase.
„Darf ich Euch dorthin begleiten?“
„Wenn Ihr mithalten könnt“, stelle die hochgewachsene Nord-Frau fest. „Wer seid Ihr überhaupt?“
„Darius. Darius Gallean.“

Am Rand des Teiches um den Bieststein, an der ihr gegenüberliegenden Seite, bewegte sich etwas. Augenblicklich schnappte Vesana aus der Erinnerung zurück in die Gegenwart. In flickenartiger Fellkleidung stand dort ein schlanker Mann. Die Kaiserliche beobachtete ihn zunächst aus ihrer Deckung heraus. Offensichtlich fühlte er sich sicher und rechnete nicht damit, dass irgendwo eine potenzielle Gefahr auf ihn lauern könnte. Der Größe und den Gesichtszügen nach zu urteilen mochte es sich durchaus um einen Nord handeln, befand Vesa.
Nach kurzem Warten am Rand der Wasserfläche, begann der Neuankömmling damit, sich auszuziehen. Zunächst die Felllappen um den Oberkörper, dann die Stiefel und zuletzt die Hose. Nackt stand er im Wetter. Die Kälte der Umgebung schien ihn nicht zu kümmern. Völlig unbedarft setzte er den ersten Fuß ins dampfende Wasser und holte den zweiten gleich darauf nach. Er kniete sich in kurzem Abstand von der feinen Felsnadel nieder und setzte im Anschluss auch noch die Hände in den Teich, der Oberkörper vornüber gebeugt. Der Moment der Ruhe hielt jedoch nur einen Augenblick an. Schlagartig fuhren Krämpfe durch den Leib des Mannes, seine Muskeln spannten sich, verzogen seine Glieder in ungewöhnliche Winkel. Der Nord stöhnte zunächst, dann wandelte es sich zu tiefem, animalischem Grollen. Dichtes, dunkles Fell spross ihm aus der hellen Haut. Sein Gesicht verformte sich zu einer langgezogenen Fratze, die erst nach und nach die Züge eines Bären annahm. Lautes Knacken ging mit den massiven Veränderungen in der Form und Stellung der Knochen einher. Die Brust schwoll an, der Rücken krümmte sich. Seine Arme wuchsen in die Länge, Muskeln prägten sich aus. Es dauerte nur wenige Augenblicke bevor ein gut und gerne sechs Fuß großes Werwesen in seiner vollen Größe im Wasser um den Bieststein stand. Hatte Vesana die Veränderungen der Gestalt mit einer Mischung aus Faszination und Ekel verfolgt, so empfand sie jetzt, da der Prozess abgeschlossen schien, vor allem Bewunderung und Respekt für die Majestät und Perfektion dieses Geschöpfes. Erst nach und nach mischte sich Furcht mit darunter.
Es sollte nun also ernst werden. Die Jägerin biss die Zähne zusammen, unterdrückte die aufquellende Leichtigkeit in den Eingeweiden und schluckte den sich anbahnenden Kloß im Hals hinunter. Ihre Rechte griff fester um den Kolben der Armbrust, die Linke fischte zum wiederholten Male die Strähnen aus dem Gesicht, bevor auch sie sich an die Schusswaffe legte. Vesa kniff das linke Auge zusammen und schielte mit dem rechten über den Rücken der Waffe, entlang des Bolzens und in verlängerter Linie zu dem Werbären. Dieser stand noch immer ruhig vor dem magischen Stein, als ob er für ihn eine besondere Anziehungskraft ausübte.
Bevor sich dieses Geschöpf der Jagd entfernen konnte, oder durch seine feine Nase auf die in Deckung liegende Kaiserliche aufmerksam wurde, entschloss sich diese zu handeln. Die freien Fingerkuppen der rechten Hand legten sich auf den schmalen Metallbügel an der Unterseite der Armbrust und drückten dieses an das Holz. Klickend löste der Mechanismus aus, die stählernen Haken, die die straffe Sehne zurückhielten, gaben diese freie und das kurze, dicke Geschoss flog davon. Die Spannung übertrug sich mit einem kräftigen Ruck auf den Bolzen und surrend pfiff er zielfixiert durch die Luft.


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Bahaar
19.07.2013, 11:12
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Das Geschoss benötigte höchstens die Dauer eines Lidschlages, dann drang es tief in die linke Schulter des Werwesens ein. Tiefes Knurren und Grollen quoll aus der Kehle der Kreatur, die sich nun in ihrem Ritual gestört nach der Quelle des Schusses umschaute. Die feuchte Nase hob es in die Luft und schnüffelte, das kraftvolle Luftholen hörte Vesana bis zu ihrem Versteck. Sie ließ sich nicht beirren und legte einen weiteren Bolzen auf den Rücken der Armbrust. Als der Mechanismus einrastete, fixierten sie die bösartigen, aggressiven Augen der Bestie. Die Lefzen zurückgezogen und die langen Eckzähne entblößend knurrte sie und breitete die Arme herausfordernd aus. Der Schaft in ihrer Schulter schien sie in keiner Weise zu stören, und wenn doch, so vermochte sie es gut zu verbergen.
Vesana schoss ein weiteres Mal. Das Surren hielt kurz an, dann traf das Geschoss etwas weiter unten und mehr zur Körpermitte hin in die Brust des Werbären. Dessen Grollen gewann anschließend nur an Intensität. Anstatt sich von den Treffern eingeschüchtert zu geben, begann er damit sich der Kaiserlichen zu nähern. Mit der rechten, durch ihre fünf Finger noch halbwegs menschlich wirkenden Hand, zog er sich die kurzen Holzschäfte aus dem Fleisch und warf sie achtlos zur Seite. So langsam dämmerte Vesana, dass es ein Kampf werden würde, der ihre Fähigkeiten als Jägerin und Kämpferin mehr als nur auf die Probe stellte. Während der Bär näher kam und Geschwindigkeit aufnahm, warf die Kaiserliche die Armbrust zur Seite und sprang auf die Füße. Sie griff nach dem Speer und hielt ihn schützend vor sich, das hintere Ende im Schnee versenkend. Mehr vermochte sie auch nicht mehr zu tun, dann war das Werwesen heran. Es rannte aus vollem Lauf brüllend und knurrend in die stählerne Spitze, die sich ihm in den Bauch bohrte und gleich drauf abbrach.
Wegen seiner enormen Größe und vor allem Breite hielt nicht die lange Waffe die Kreatur davon ab, zu der Kaiserlichen vorzudringen, sondern die Felsen selbst, gegen die sie mit brachialer Gewalt krachte. Der Spalt war zu schmal, so dass sie nicht dazwischen passte. Vesana befand sich gerade so außer Reichweite der mächtigen Arme mit den scharfen Klauen an den Enden der Finger. Ihr Widersacher tobte, brüllte, Speichel flog ihm aus dem nach ihr schnappenden Maul. Immer wieder rammte es mit den Schultern die Felsen. Die Krallen zogen Furchen durch das spröde Gestein. Es half nichts, das Biest kam nicht an sie heran – zumindest nicht von vorn. Unvermittelt hielt es in seinen Bemühungen inne, zog sich die abgebrochene Speerspitze unter dem dichten, langen Fell hervor – Blut tropfte von ihr – und kletterte anschließend auf die großen Steine, um es von oben zu versuchen.
Erst in diesem Moment überwand die Kaiserliche ihre erste Schockstarre und duckte sich nach unten unter den ersten Schlägen weg, kroch ein Stück zurück und verließ anschließend den Spalt. Im Rennen zog sie ihre Schwerter aus den Scheiden – das Stahlschwert in der linken, die mit Silber verfeinerte Klinge in der rechten Hand. Hinter ihr vernahm sie einen dumpfen Aufschlag und anschließend die schweren Schritte der Bestie, die ihr schnellen Fußes folgte und wohl nicht lange brauchen würde, um sie einzuholen. Genau darauf setzte die Kaiserliche. Sie rannte genau auf einen weiteren großen Gesteinsbrocken zu und trat aus dem Lauf heraus direkt auf eine der zahlreichen hervorstehende Kante. Der andere Fuß setzte noch ein Stück höher an und brachte sie in starke, fast waagerechte Rückenlage. Das nachgeholte Bein sorgte für den nötigen Schwung, um den rückwärtigen Überschlag zu vollenden. Der Werbär rannte unter ihr gegen den Felsen und sie kam hinter ihm zurück auf die Füße. Gleichzeitig zog sie ihm beide Klingenwaffen über den Rücken und drehte sich noch mit derselben Bewegung in die entgegengesetzte Richtung. Das Spiel begann von neuem, als sie genau zurück zu dem Spalt rannte, der ihr zuvor Deckung geboten hatte. Die Bestie tobte, wütete und brüllte ihr hinterher, während es die Benommenheit des Aufpralls schnell abschüttelnd abermals die Verfolgung aufnahm.
Fieberhaft rasten ihre Gedanken, schlug das Herz bis zum Hals. Sie musste sich etwas einfallen lassen! Die bisherigen Verletzungen, die sie dem Werbären zugefügt hatte, schienen nichts weiter als einfaches Piesacken für diesen zu sein! Er störte sich schlicht nicht an den Schnitten und Stichen. Bevor sie die rettenden Felsen erreichte, wurden ihre Gedanken jedoch jäh unterbrochen. Ein heftiger Schlag in die linke Seite und sie flog mehrere Schrittlängen durch die Luft. Hart schlug die Kaiserliche auf dem gefrorenen Grund auf, verlor das silberveredelte Schwert aus den Fingern und rollte noch etwas weiter. Ihr blieb die Luft aus den Lungen, feurige Stiche und Wogen des Schmerzens, die sich in Ächzen und Stöhnen entluden, fuhren Vesana durch den Leib. Blut troff aus einer Wunde an der Schläfe. Hustend rang sie nach Atem und spuckte gleichzeitig blutigen Speichel. Die Bestie hatte sie mit dem Rücken der rechten Hand einfach zur Seite geschmettert und kam nun erneut schnell näher.
Sich aufrappelnd schaffte es die Jägerin gerade noch rechtzeitig das Stahlschwert aus der knienden Position schützend über den Kopf zu heben, um einen Schlag abzufangen, bevor er ihr sie zerfetzen konnte. Das Werwesen holte aus und hieb nach der sich im Vergleich winzig vorkommenden Frau. Warme Flüssigkeit spritzte dieser ins Gesicht, während der Angreifer schmerzerfüllt brüllte. Ring- und kleiner Finger der rechten Pranke hatte er sich mit der Wucht seines eigenen Schlages abgetrennt und lagen nun vor der Kaiserlichen noch zuckend im Schnee. Diese wandte sich unter Schmerzen in der zuvor kalt erwischten Körperhälfte und gleichzeitig aufstehend der Bärenkreatur zu, die etwas auf Abstand ging. Aus bitterbös funkelnden Augen schaute es sie an, während es sich die rechte, stark blutende Hand hielt. Eine solche Gelegenheit würde sich nicht noch einmal bieten, also handelte die Jägerin. Mit einem in tausenden Nadelstichen fast erstickenden Kampfschrei auf den Lippen mobilisierte Vesana letzte Kraftreserven, setzte einen schnellen Satz vorwärts und rammte dem Biest die Klinge bis über die Hälfte zwischen die Rippen. Brüllend drehte es sich und schlug die Kaiserliche abermals zur Seite, dieses Mal mit dem linken Unterarm. Es trieb ihr die Luft aus den Lungen und ließ den gesamten Brustkorb aufflammen. Gleichzeitig flog sie zurück und landete rücklings im Schnee neben ihrem zweiten Schwert, das sie schnellstmöglich versuchte in die zittrigen Finger zu bekommen. Sie schmeckte Eisen und den bitteren Geschmack ihres Lebenssaftes auf der Zunge. Sie hatte sich auf die Unterlippe gebissen. Das linke Hüftgelenk beschwerte sich und das Bein wurde steif in seiner Beweglichkeit. Schützend hielt sie die Klinge über sich und wartete einen Moment, um sich zu sammeln.
Doch der Werbär blieb ihr fern. Zwar behielt er sie im Auge, zeigte jedoch vorübergehend keinerlei Ambitionen sie anzugreifen. Stattdessen fischte er sich mit den Pranken vor der Brust und versuchte den für sie viel zu kleinen Schwertgriff zu fassen zu bekommen, da sie von der scharfen Schneide stets zurückwichen. Währenddessen rappelte sich Vesa abermals hoch. Es fühlte sich bei jeder Bewegung so an, als ob tausend glühende Nadeln in ihre Brust stachen und ihr den Atem rauben wollten. Wenn sie nicht alles täuschte, hatte sie sich durch die zwei heftigen Schläge die eine oder andere geprellte und angebrochene Rippe zugezogen. Wäre es nicht für ihren gehärteten Lederharnisch, könnte sie möglicherweise schon jetzt nicht einmal mehr atmen und sähe sich dem Tod geweiht.
Durch den Schmerz leicht vornübergebeugt und wegen des steifen Beins schief stehend, beobachtete die Kaiserliche den Werbären. Seine Hände bekamen in diesem Moment das Schwert zu fassen, verdrehten es allerdings so ungünstig, dass sich die Klinge zwischen zwei Rippenbögen verkeilte und an einer durch das Fell verborgenen Stelle klirrend abbrach. Es entlockte der Bestie ein grauenvolles, ohrenzerreißendes Heulen. Völlig in Rage gebracht tobte sie und bereitete sich darauf vor, ein weiteres Mal auf die Jägerin zuzustürmen. Diese bemerkte jedoch schnell, dass die schwere Verletzung durch das Schwert der Kreatur heftig zusetzte und jede Bewegung das steckengebliebene Fragment wohl weiter durch ihr Fleisch trieb. Ihre Schritte waren unsicherer, sie lahmte rechtsseitig und wirkte aus der Balance gebracht. Alles, das Vesana tun musste, war sich rechtzeitig zur Seite zu werfen, um dem ungezielten Angriff auszuweichen. Über das schwache Bein fiel das auch nicht allzu schwer. Noch in der Bewegung hieb sie nach dem näheren Fuß ihres Kontrahenten und traf ihn an der hohen Ferse. Grollend stolperte das Werwesen und überschlug sich mehrmals, während Vesa versuchte sich auf den Bauch zu rollen und anschließend auf die Knie zu stemmen. Die Kaiserliche hielt sich die Seite und keuchte schwer. Die Bewegungen raubten unglaubliche Mengen ihrer Kraft und sie verlor beinahe das Gleichgewicht, obwohl sie nicht einmal stand.
Mühsam kam sie auf die Füße und näherte sich anschließend dem Wesen, das es nicht mehr schaffte, zum Stehen zu kommen. Mit den zerschnittenen Sehnen im Fuß ließ sich dieser nicht mehr belasten, weshalb es immer wieder einknickte. Blut tränkte den weißen Grund um es herum, das Knurren und Stöhnen erhielt zunehmend eine verzweifelte Note und trug sich schwanger mit Schmerz. Vesana wischte sich einige Tropfen ihres roten Saftes vom Kinn und unter der ebenfalls blutenden Nase weg, dann war sie heran. Die trägen Schläge der kraftlos gewordenen Bestie verliefen ins Leere, zu ungezielt und langsam hieben sie nach der Kaiserlichen. Diese nahm die Klinge mit beiden Händen und stieß sie, nachdem Vesa einen weiteren Hieb abgewehrt hatte, von oben herab durch die Schulter in den Brustraum. Sämtliches Grollen der Kreatur erstarb zu einem feuchten Gurgeln, flüssiges Rot quoll aus dem Maul, die Zunge hing labbrig heraus und der Kopf sackte stumpf auf den Boden. Die Glieder erschlafften und blieben regungslos. Einzig der Brustkorb deutete darauf hin, dass noch nicht sämtliches Leben aus dem bewundernswert kräftigen Leib gewichen war.
Den Augen des respektgebietenden Geschöpfes entwich jedweder Zorn, vielmehr wirkten sie nun traurig, etwas angsterfüllt vielleicht, vor allem aber auch müde. Es ging keine Bedrohung mehr von ihm aus, egal wie nahe sie ihm kommen würde. Vesana ließ ihr Schwert los, ohne es herauszuziehen. Ein gewisses Maß an Trauer legte sich auf ihre Eingeweide, Leichtigkeit machte sich breit, dem Gefühl nach verknotete sich ihr Magen mit dem Darm. Ein Lächeln des Trübsinns und des Trostes stahl sich auf die blutbesudelten, teils schon verkrusteten Lippen, während sich die Jägerin neben den massigen Kopf des zotteligen Wesens kniete. Vorsichtig hob sie diesen an und legte ihn sich in den Schoß. Sie schaute direkt in das gelb schimmernde, teils ockerfarbene Auge der oberen Schädelhälfte, während sie mit den schlanken Fingern durch das Fell des Hauptes strich. „Hircine ruft Dich zu sich, mein Freund“, flüsterte sie dem Werbären vorgebeugt ins verhältnismäßig kleine Ohr. „Gute Jagd.“ Eine kleine Träne entrang sich ihrem Augenwinkel und auch sein Auge wurde glasig. Es trennte sie nicht allzu viel voneinander, sie waren von derselben Natur, und diese Nähe spürte Vesana. Der Abschied in Respekt von einem majestätischen Jäger war für sie eine Selbstverständlichkeit.
Der Todeskampf des Werbären dauerte letztlich nur wenige Minuten. Behutsam erhob sich die Kaiserliche und legte seinen Kopf zurück auf den Boden, nachdem sie ihm die Lider geschlossen hatte. Kurz blieb sie stehen, die Augen streiften unfokussiert über den massigen Leib. „Irgendwann sehen wir uns wieder und dann jagen wir zusammen“, sprach sie nun mehr zu sich selbst. Ein langes Seufzen entlassend wandte sie sich ab und humpelte hinüber zu ihren Sachen. Die Schlafunterlage rollte sie zusammen, verpackte sie auf dem Tornister und schnappte sich anschließend noch ihre Armbrust. Die Reste des Speeres ließ sie im Schnee zurück. Unter der Last des Gepäcks keuchend, Hustenanfälle niederkämpfend, kehrte die Jägerin zu dem Toten zurück und setzte es neben diesem auf den schneebedeckten Grund. Mit einem kräftigen Ruck zog sie das geschwungene Schwert aus dem Körper vor ihr heraus und verlor zunächst das Gleichgewicht. Auf die angeschlagene Seite der Hüpfte fallend, stöhnte sie und rang mit einigen Tränen des Schmerzes. Nachdem sie sich gesammelt hatte, reinigte Vesana die Klinge und schob sie zum Schluss zurück in die Scheide auf ihrem Rücken. Erst danach kniete sie sich wieder in den Schnee und nahm sich einen ihrer Dolche. Ihre geübten Hände wussten genau, wie sie die kurze, scharfe Schneide ansetzen mussten, um den Bauch zu öffnen und damit zu beginnen, die obersten Hautschichten mitsamt dem Fell vom Rest zu trennen. Durch die Schnitte und Öffnungen zum Innenraum drang die Wärme der Organe und des Fleisches nach draußen und schlug sich in Form von kleinen Dunstschwaden nieder. Bevor die Kaiserliche jedoch den massigen Leib drehte, um auch auf der anderen Seite noch die zweite Hälfte des Fells vom Körper zu lösen, hielt sie abermals inne und atmete tief durch.
Den Dolch legte sie in den Schnee und reinigte mit diesem zunächst ihr blutverschmiertes Gesicht. Das Tropfen der Nase hatte inzwischen aufgehört und auch der Riss in der Lippe war mit Grind verklumpt. Die Wunde an der Schläfe war ohnehin nur sehr oberflächlich gewesen. Es dauerte eine Weile bis sich das Wasser des geschmolzen Schnees nicht mehr rotbraun färbte, sondern schlicht farblos ihre Handflächen benetzte. Erst dann schob Vesana die Finger der linken Hand bis zu den Knöcheln in den blutigen Brustraum des Werbären. Den Daumen sparte sie aus. Tiefrot gefärbt holte sie sie wieder heraus und zog sie sich in einer langsamen Bewegung diagonal über das Gesicht. Sie führte diese Handlung mehrere Male durch, bis sie sich sicher fühlte, das Zeichen der erfolgreichen Jagd für einige Zeit haltbar aufgetragen zu haben. Das Blut trocknete schnell und hinterließ dunkle Streifen, die als Mahl in Ehren des erlegten Tieres für alle erkennbar in ihrem Antlitz prangten. Es war eine der letzten Würdigungen, die sie einem durch ihre Hand verstorbenen Geschöpf der Jagd erbrachte und so ihren ganz eigenen Tribut zollte.
Die Finger reinigte sie gar nicht erst, sondern langte direkt nach ihrem Felleisen, um anschließend darin herumzukramen. Es brauchte einige Zeit bis Vesa das Totem fand, nach dem sie suchte – ihr ganz persönliches Totem der Jagd. Ein selbstgeschnitzter Wolfskopf mit einem unterproportionierten Leib aus hartem Eichenholz. Es maß kaum mehr als die Handlänge eines erwachsenen Nord in der Größe. Um den zu kurz und dick geratenen Hals baumelte eine lederne Halskette, an der sich verschiedengroße Eckzähne unterschiedlicher Raubtiere aufreihten. Es waren die Zähne von vier Wölfen, drei Eiswölfen, zwei Schwarzbären und einem Höhlenbär. Als Ersatz für den zu großen Zahn eines Säbelzahntigers fügte sich noch eine Kralle dieser majestätischen Raubkatze an der Kette ein. Das Holz der Wolfsform selbst erschien schwarz und leicht gefleckt von unterschiedlichen Mengen Flüssigkeit, die es aufgesaugt hatte. In wenigen Momenten sollte es abermals das Blut des erlegten Jägers aufnehmen, zuvor löste die Kaiserliche jedoch die Lederkette und legte sie zur Seite. Anschließend öffnete sie erneut den Schnitt zum Brust- und Bauchraum und schob die Holzfigur hinein. Behutsam bewegte sie sie hin und her, dann ließ sie los.
Während sich das Holz vollsog, stand Vesana auf und mühte sich, den Körper des Werbären auf die andere Seite zu drehen. Unter hoher Kraftanstrengung und erneut aufgrund der flammenden Stiche in ihrer Brust aufstöhnend, gelang es ihr im fünften Versuch. Geduldig setzte sie die Arbeit des Häutens fort, kratzte im Anschluss Fleisch- und Blutreste von der Innenseite der abgelösten Haut und rollte das neugewonnene Fell schließlich zusammen. Nur noch an den Armen, Beinen und am Kopf blieben Teile der Behaarung übrig, sonst erschien die Gestalt nackt. Nach einigen weiteren geübten Handgriffen hielt die Jägerin auch noch das Herz des Werbärens in den Händen und verstaute es in einem freien Lederbeutel aus dem Felleisen. Es würde das einzige Körperteil sein, das sie als Proviant mit sich nahm, den kaum genießbaren, zähen Rest sollte sich die Natur zurücknehmen. Letztlich holte die Kaiserliche auch das Totem wieder heraus. Feucht schimmernd erhielt es die Halskette zurück und wurde neben dem Tornister zum Trocknen abgelegt. Erst dann begann Vesa damit, die Krallen von den Fingern und Zehen, sowie die Eckzähne aus dem Maul herauszubrechen. Wenn sie zurück in Rabenfels war, würde sie einen der letzteren mit einem kleinen Loch zum Auffädeln an der Kette versehen. Bis dahin mussten sie in einem Ledersäckel verweilen. Auch die Klauen an den abgeschlagenen Fingern vergaß die Jägerin nicht.
Ihre Sachen zusammengepackt wandte sie sich nach einem abschließenden Blick auf die kümmerlichen Reste der einst furchtgebietenden Kreatur ab. Sie wollte etwas Abstand zwischen sich und sie bringen, damit sie Aasfressern nicht als lebender Happen im Weg stand. Erst dann kam es, dass sie wieder auf den Bieststein schaute und kurz überrascht den Atem anhielt. Eine leichte Aura aus grün schimmerndem, ja flammendem Licht umgab ihn von der Wasseroberfläche bis hinauf zur Spitze. Vorsichtig und ohnehin noch etwas wackelig auf den Beinen näherte sie sich. Die Augen hielt sie fest auf die Felsnadel gerichtet. War dies das Zeichen, von dem Storn gesprochen hatte, als er sagte, die Steine würden einem erkenntlich machen, wenn man sich als würdig erwiesen hatte? Denkbar, andererseits wollte sich Vesana nicht unbedingt blind darauf verlassen. Mit Magie blieb es immer so eine Sache und ihr traute die Kaiserliche grundsätzlich nicht weiter, als sie spucken konnte. Dennoch mochte sie nicht leugnen, dass dieser kuriose Stein mit seinem warmen Teich eine gewisse Anziehungskraft ausübte und Faszination hervorrief.
Entgegen ihrer sonstigen Vorsicht entschied sich die Jägerin dem Schamanen etwas mehr Vertrauen zu schenken, als möglicherweise gut sein mochte. Am Rand der Wasserfläche legte sie den Tornister ab und zog ihre Stiefel aus. Langsam gewöhnte sie ihre Füße an die Wärme der Flüssigkeit und schritt anschließend auf den Stein zu, blieb jedoch vorerst mit einem letzten Sicherheitsabstand zu diesem stehen. Argwöhnisch begutachtete sie das dunkle Gestein, fand jedoch nichts Außergewöhnliches, abgesehen von verschlungenen Gravuren im Mittelteil, die ein unbekanntes Muster formten und natürlich auch von dem leicht pulsierenden Schimmer. Erst nach einer Weile des Beobachtens rang sich Vesa dazu durch – nein, gab sie dem tief in ihr aufquellendem Verlangen der Neugier nach – auch noch den letzten Abstand zu schließen und streckte schließlich die Finger aus. Kurz bevor sie in die Aura eintauchten, hielt sie ein weiteres Mal inne, atmete tief durch und schloss die Augen. Dann berührten ihre Finger die kühle Oberfläche des Bieststeines. Sie glitten über die Gravuren und folgten den Linien.
Erst bemerkte es die Kaiserliche nicht, doch dann spürte sie wie sich die Aura aufheizte und auch der Fels Wärme abzustrahlen begann. Noch bevor sie die Hand zurückziehen konnte, fühlte sie vier heiße Stiche in der Handfläche. Erschrocken riss sie die Augen auf und entfernte sich von dem Stein. Die glühende Hülle um diesen war verschwunden. Das Stechen in der Linken klang schnell ab und da der Bieststein, seiner außerordentlichen, in diesem Moment zunehmend unheimlich erscheinenden Anziehungskraft beraubt, keinerlei Anstalten mehr machte, sich magisch zu betätigen, richtete sie ihre Augen auf die Linke. Vesana erkannte vier rote Punkte, die ein wenig nach frischen Narben aussahen. Zwei Davon lagen dicht beieinander nahe an der Handkante und am -gelenk, die anderen beschrieben einen leichten Bogen in größeren Abständen entlang der Vertiefung, durch die auch die Lebenslinie verlief. Seltsamerweise erweckte es für die Kaiserliche etwas den Eindruck einer stilisierten Klaue. Ähnlich einem Sternzeichen, wo um wenige einzelne Lichtpunkte ein Bild konstruiert wurde. Unbewusst strich sie mit dem Zeigefinger der Rechten über die Punkte, die sich tatsächlich auch anfühlten wie Narbengewebe. Allerdings wirkten sie sich nicht behindernd auf die Beweglichkeit aus, weshalb Vesa vermutete, dass es sich eher nur um oberflächliche Mahle handelte. Inzwischen war von den eingangs empfundenen heißen Stichen nichts mehr zu spüren, stattdessen machte sich leichter Ärger über ihre eigene Neugier breit. Was auch immer der Stein mit ihr gemacht hatte, physisch spürte sie keinerlei Veränderungen.
Allein schon wegen dem zuletzt Erlebten erschien es der Kaiserlichen als notwendig, noch einmal zu den Skaal zurückzukehren und ein paar Worte mit Storn dem Schamanen zu wechseln. Dass sie wenig später unter den abgelegten Sachen des Werbären am anderen Ufer des Teiches einen verschlossenen Briefumschlag fand, auf dem in einfachen Lettern „Wulf“ als Adressat vermerkt war, führte schließlich zur unumstößlichen Entscheidung, noch einmal das Dorf im Norden zu besuchen. Zwar würde sie das nochmals eine ganze Woche mehr Zeit kosten, aber es bestand eine nicht zu leugnende Notwendigkeit. Sowohl das eigene Interesse, als auch das gegebene Versprechen gegenüber dem einäugigen Nord mussten befriedigt und erfüllt werden.


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Bahaar
26.07.2013, 10:35
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Den Weg zum Dorf legte Vesana, trotz ihrer nicht unerheblichen Verletzungen, in drei Tagen zurück. Das Wetter beruhigte sich schon zu Beginn der Rückreise, so dass sich die allgemeinen Bedingungen ihrer Wanderschaft verbesserten. Zwar löste sich erst auf halbem Wege die blockierende Schwellung in ihrem Hüftgelenk, die sie zuvor hatte humpeln lassen, und das Atmen fiel ihr auch zur Ankunft bei den Skaal noch immer schwer. Zu allem Überfluss kamen auch wieder ihre üblichen Kopfschmerzen auf, die dem Vollmond voraus eilten und folgten, seit die Anspannung vor dem Kampf mit dem Werbären verflogen war. Das ewige Stechen und Ziehen in den Schläfen verhinderte zunehmend, dass sie klare Gedanken fassen konnte. Vor allem nachts tobte das Gewitter in ihrem Kopf. Aber wenigstens beschleunigte der Marsch über das flache Fjalding-Plateau und die sonst überwiegend abschüssigen Passagen die Reise. Nicht, dass das in irgendeiner Weise ihr körperliches Wohlbefinden steigerte, aber es half zumindest psychisch dabei, sich voranzutreiben.
Erst lange nach dem Einbruch der Dunkelheit fand sich die Kaiserliche ein weiteres Mal auf dem Platz des Dorfes im Nordosten Solstheims wieder. In schiefer Körperhaltung stand sie vor der Hütte des einäugigen Nords. Den rechten Arm hatte sie unterhalb der Brust um den Oberkörper geschlungen und hielt sich die Rippenbögen linksseitig auf Höhe des Herzens. Schmerzen zuckten Vesana von ihnen ausgehend jedes Mal durch den Brustraum, wenn sie zu tief Luft holte und sich die Lungen zu stark aufblähten. Ein ungemütlicher Umstand. Letztlich fing sie sich aber, straffte sich ein wenig und klopfte kräftig gegen das alte Holz der Tür. Da noch Licht aus den schmalen Fenstern des Hauses schien, konnte sie sich wenigstens sicher sein, dass auch jemand öffnen würde. Es dauerte zwar einige Augenblicke, aber letztlich vernahm sie Schritte aus dem Inneren und das Rutschen eines Holzriegels auf der anderen Seite des Durchgangs. Leise quietschend schob jemand die Tür einen Spalt auf.
„Hallo?“, verlangte die raue Stimme des Einäugigen.
„Ich bringe Kunde von Eurem Bruder“, entgegnete die Kaiserliche.
„Beim All-Schöpfer!“ Augenblicklich öffnete sich der Durchgang vollständig und ein überraschter Wulf stand im Gegenlicht. „So kommt herein!“ Vesa ließ sich nicht lumpen und folgte der Aufforderung. Erst jetzt schien der vom Leben gezeichnete Nord zu bemerken, wie sein Gast eigentlich aussah. „Meine Güte, was ist Euch widerfahren? Ihr saht wahrhaftig schon lebendiger aus!“ Die Kaiserliche schenkte dem Mann nur ein schiefes, eher gezwungenes Lächeln und setzte sich schwerfällig an den einzigen Tisch im Haus. Den Tornister neben sich, begann sie darin zu wühlen und holte den Briefumschlag heraus.
„Das“, sie reichte das Papier weiter, „habe ich bei den Sachen eines Werbären beim Bieststein gefunden. Ich habe ihn nicht gelesen, aber es liegt nahe anzunehmen, dass er von Eurem Bruder ist.“ Wulf schaute zunächst die Frau an, dann auf den gefalteten, ziemlich zerknitterten Brief, und wieder zurück zu Vesa. Erst danach schlug er das Pergament auseinander und begann zu lesen. Sie ließ ihm Zeit und wartete schweigend. Das Sitzen, die Wärme, das Gefühl von häuslicher Sicherheit, all das tat ihr gut und es linderte ihre Leiden zumindest etwas. Der Einäugige verlor während er las für einige Momente die Fassung, Trauer zeichnete seine gegerbten Gesichtszüge und brach sein noch intaktes Auge. Als er seine Gegenüber aber erneut anschaute, schien er seine männliche Selbstbeherrschung wiedergefunden zu haben.
„Danke“, gab er leise kund. „Ihr habt mir einen großen Dienst erwiesen und Jahre dunkler Ungewissheit ins Licht gerückt. Danke.“ Der Nord faltete die Seite zusammen und legte sie zurück auf den Tisch. „Hat er Euch das angetan?“ Er deutete auf die verkrusteten Wunden an Schläfe und Lippe, sowie die Stelle an der Seite, die sich Vesana noch immer hielt, auch wenn sie saß. Einen Augenblick lang musste sie überlegen, was sie darauf erwidern sollte.
„Ich habe mich für diese Jagd entschieden. Wenn, dann habe ich es mir selbst zuzuschreiben“, erklärte sie letztlich und Wulf nickte verständnisvoll. Ein Jäger schob nie die Schuld auf seine Beute.
„Ich würde Euch zwar gerne einige Jagdtricks und Kniffe mit auf den Weg geben, als Dank für Euren Dienst“, begann der Nord nach einige Momente anhaltendem Schweigen zwischen den beiden, „aber ich fürchte, dass ich Euch kaum noch etwas mitteilen kann, das Ihr nicht schon längst wisst. Ihr mögt nicht danach aussehen, aber Ihr seid eine verdammt gute Jägerin.“ Er griff sich mit den großen, kraftvollen Händen in den Nacken und löste ein ledernes Band um seinen Hals. Er zog mit ihm vier lange, spitze Eckzähne unter seiner dicken Kleidung hervor. „Stattdessen möchte ich Euch als Erinnerung etwas mitgeben, das für uns Skaal-Jäger besonderen Wert genießt.“ Wulf breitete die Zähne auf der Tischplatte vor der Kaiserlichen aus, die sich von neuerlichen Stichen in der Seite begleitet leicht vorbeugte und mit beiden Händen nach der Kette griff. „Es sind die vier Eckzähne meines ersten eigenhändig erlegten Bären. Sie sollen uns Glück bringen und die Gunst des All-Schöpfers sichern.“
„Der All-Schöpfer?“, fragte Vesana und legte den Talisman in die flache Hand.
„Wir Skaal glauben nicht an die großen Acht des Kaiserreichs. Der All-Schöpfer ist der, der unserem Glauben nach das Land, die Pflanzen, die Tiere, ja auch uns Skaal selbst geschaffen hat und zu dem wir zurückkehren werden, wenn wir sterben.“ Erst jetzt schaute die Jägerin auf und direkt zu Wulf. Sie schenkte ihm ein Lächeln und nickte.
„Habt Dank, es ehrt mich sehr.“ Sie legte sich sein Geschenk demonstrativ um den Hals und stopfte es von oben unter ihre Kleidung. „Ich hoffe, dass Ihr damit nicht zu viel Eures Glücks und der Euch zustehenden Gunst vergebt?“, scherzte sie ein wenig. Wulf lachte kurz auf.
„Nein, macht Euch keine Sorgen. Ich bin sicher, der All-Schöpfer wird diese Gabe anerkennen. Und unter uns: Meine besten Tage als Jäger liegen schon lange hinter mir. Früher oder später wird mich zweifellos jemand ablösen müssen. Seid also versichert, Ihr habt es Euch redlich verdient.“ Abermals nickte die Kaiserliche.
„Ob ich wohl Storn noch in seiner Hütte antreffe, oder ihn schon bei der Nachtruhe störe?“, lenkte diese dann auf ein weiteres wichtiges Thema um.
„Ich bin sicher, dass er noch auf sein wird. Für Euch hat er aber sicher in jedem Fall noch etwas Zeit.“ Mühsam stand Vesana auf und schulterte ihr Gepäck. Gemeinsam gingen die beiden Jäger zur Tür und Wulf öffnete sie für seinen Gast. „Wohin wird Euch Eure Reise noch verschlagen?“, leitete letzterer die Verabschiedung ein.
„Zunächst zurück nach Rabenfels und von dort nach Windhelm in Himmelsrand. Von da an, wird das Schicksal entscheiden müssen“, erwiderte sie. Wulf nickte und ließ sich nun ebenfalls zu einem grimmigen Lächeln verleiten.
„Wann auch immer Ihr einmal wieder auf Solstheim sein solltet, vergesst nicht, dass Ihr hier stets willkommen seid.“
„Danke, das werde ich nicht. Gute Jagd.“
„Gute Jagd.“
Die Kaiserliche begann ihren Weg hinüber zur Hütte des Schamanen. Erst nach einigen Schritten in das leichte Schneetreiben und die windstille, absolut ruhige Nacht hinaus vernahm sie das Quietschen der Scharniere und Rumpeln der Tür, wie sie ins Schloss fiel. Es war zweifelhaft, dass sie jemals wieder so hoch in den Norden reiste, aber der Gedanke daran, willkommen zu sein, blieb angenehm. Nicht häufig empfand sie so, und auch jetzt blieb ein fader Beigeschmack, immerhin kannte noch nicht einmal jemand ihren richtigen Namen, aber sie versuchte ihn zu ignorieren. Kurz darauf erreichte sie dann die Behausung des grauen Nords. Auch hier drang Licht aus den Fenstern und so klopfte sie gegen das Holz des Eingangs. Die Tochter des Schamanen öffnete ihr. „Ja?“
„Ich würde gerne zu Storn und mit ihm über etwas sprechen.“
„Wisst Ihr, wie spät es ist?“
„Ja.“
„Frea, lass sie herein“, klang aus dem Hintergrund Storns Stimme hervor. Die hochgewachsene Nord-Frau trat zur Seite und öffnete die Tür vollständig. Vesana schlüpfte hinein. Hinter ihr schlug Frea die Tür zurück ins Schloss. „Ihr seht furchtbar aus, wenn ich das so sagen darf“, begrüßte sie der Schamane.
„Das höre ich nicht zum ersten Mal, wenngleich Wulf es etwas weniger direkt zu verstehen gegeben hat“, erwiderte die Kaiserliche und setzte sich nach Bitten des Grauen an den Tisch. Dessen Miene verdunkelte sich auf ihren Teilsatz hin etwas.
„Seid Ihr deswegen zurückgekehrt? Habt Ihr seinen Bruder gefunden?“
„Allem Anschein nach, ja.“
„Da Ihr hier seid und lebt, vermute ich, dass …
„… er tot ist? Ja.“ Storn nickte nur und schien etwas in Gedanken zu sein. „Aber deswegen bin ich nicht bei Euch“, setzte Vesa fort. Kurzerhand zog sie ihren linken Handschuh aus und hielt die Hand mit der narbenähnlichen Zeichnung über den Tisch. „Sondern deswegen.“
„Was … Oh.“ Der alte Mann beugte sich vor und nahm ihre Hand mit den seinen hoch. Vorsichtig strich er mit den rauen Fingerkuppen über die Mahle. „Wie habt Ihr dieses Zeichen erhalten?“
„Nach meinem Kampf mit dem Werbären habe ich mich um die verwertbaren Teile seines Körpers gekümmert. Als ich aufbrechen wollte, umgab den Bieststein eine Art grün schimmernde Aura. Ich berührte den Stein und erhielt dieses Mahl“, erläuterte sie. Einige Zeit schwieg der graue Nord und betrachtete sich die vernarbten Punkte. In der Zwischenzeit rang die Kaiserliche mit sich selbst, um den Frust über ihre elende Neugier und die Anziehungskraft des Steines niederzuringen.
„Nun“, begann er schließlich, „wie es scheint, hat Euch der Bieststein mit seiner Magie gesegnet, nachdem Ihr Euch im Kampf gegen der Werbären als würdig erwiesen habt.“
„Soweit vermutete ich bereits.“ Vesana zog ihre Hand zurück und legte sie mit der Rechten zusammen auf die Tischplatte. „Die Frage ist: Was kann ich damit machen und wie kann ich es?“ Abermals verfiel Storn in Schweigen. Die Stirn in Falten gelegt und sich am Bart zupfend dachte er nach.
„Kind, wenn ich das wüsste, ich würde es Euch sagen. Doch übersteigt die Macht der Steine, die Magie der Insel, bei weitem meine Kenntnisse und Fähigkeiten. Alles, das ich Euch mit auf den Weg geben kann, ist Folgendes: Zu Zeiten der Bedürftigkeit wird sich Euch ein Weg offenbaren, diese Macht zu Euch zu rufen“, sprach er und fixierte seinen Gast mit beiden Augen, „und zwar nur dann. Die Steine mögen großzügig sein, doch verleihen sie keine Allmacht. Welche Begabung Euch der Bieststein auf den Weg gegeben hat, ist einzig und allein an Euch herauszufinden.“ Vesa lehnte sich zurück und musste sich mühen, das Gesicht nicht zu verziehen. Die rechte Hand legte sie wieder an ihre Seite und strich sich mit der linken über das Gesicht. „Es ist nicht das, was Ihr Euch erhofft habt, und seid enttäuscht. Das kann ich nachvollziehen. Niemand der sich Antworten erhofft, gibt sich mit leeren Floskeln und mystischen Prophezeiungen zufrieden. Leider kann ich Euch mit nichts anderem dienen, als solchen.“
„So, ich bin also gezeichnet und verfüge über irgendeine ominöse Fähigkeit, deren genaue Nützlichkeit und Funktion ich nicht kenne, von der ich nicht weiß, wie ich sie einsetzen kann und von der ich hoffen muss, dass sie zur rechten Zeit von selbst zuschlägt. Richtig?“ Storn nickte. „Klasse“, flüsterte sie mehr zu sich selbst. Ein starkes Ziehen an den Schläfen ließ sie stöhnen, was sie jedoch nach außen versuchte als Schnaufen zu tarnen. Mit den Zeige- und Mittelfingern massierte sie die Stellen und rieb sich anschließend nochmals über das Gesicht. Offenbar merkte Storn nichts weiter von ihren Schmerzen und nahm es eher als – tatsächlich echte – Verärgerung wahr. Warum musste sie auch den Stein anfassen? Sie hätte einfach gehen können, aber nein, sie musste neugierig sein. Und nun? Nun verfügte sie über eine magische Fähigkeit, von der sie nicht einmal in Ansätzen eine Ahnung hatte.
„Schädlich sollte sie zweifelsohne nicht sein“, tröstete der Schamane. Vesana lachte auf, weniger aus Belustigung denn Verbitterung. Dass ihr diese unbekannte neue Macht nicht so recht schmecken wollte, ließ sich kaum verbergen. „Wenn Ihr es wünscht, könnt Ihr die Nacht wieder hier verbringen, bevor Ihr morgen wohl endgültig abreist.“
„Danke.“
„Ihr habt sicher unverändert alles Nötige. Wenn Ihr sonst keine weiteren Fragen an mich habt, würde ich mich gern zur Ruhe betten. Es ist bereits sehr spät.“
„Natürlich.“ Der Graue nickte nur, stand auf und verschwand in den hinteren Teil des Hauses. Nachdem sie noch kurz grübelnd am Tisch saß, begab sie sich zu ihrem zuvor bereits bemühten Schlafplatz und breitete die Fellunterlage aus. Darauf legte sie ihre Decke. Anstatt sich jedoch einfach hinzulegen, zog sie sich noch aus. Die Stiefel stellte sie an den Rand, die Rüstungsteile legte sie dazu. Jede noch so kleine Bewegung ließ sie das Gesicht verziehen und trieb ihr die Luft aus den Lungen, als würde ihr jemand einen Dolch zwischen die Rippen stoßen. Danach folgte die dicke Jacke. Sofort roch sie ihren eigenen Mief aus Schweiß, Talg, Fett und Dreck. Dass sie sich seit drei Wochen nicht einmal grob hatte waschen können machte sich inzwischen duftstark bemerkbar. Angewidert rümpfte die Jägerin die Nase. Schweißränder und Flecken zeichneten sich überdeutlich auf der eigentlich ohnehin relativ dunklen Tunika ab.
Keuchend ließ sie sich auf dem Fell nieder und verschnaufte einige Momente lang. Anschließend holte sie Verbandszeug und zwei Schatullen aus ihrem Tornister. Eine davon war bereits fast leer, nachdem sie sie Oslaf gegeben hatte. In der anderen stand die Heilsalbe noch bis zum Rand. Erst als die Schatullen direkt neben ihr lagen, zog sich die Kaiserliche weiter aus. Die Tunika über den Kopf abstreifend entblößte sie den schlanken, femininen Oberkörper. Dunkles Blau, fast schwarz, unterlegte die Haut um die Busen und umspannte den Brustkorb vom Zwerchfell bis unter die Achseln vor allem linksseitig. Nur durch das Fettgewebe der Brüste schimmerte es nicht. „Scheiße“, hauchte sie. Wenigstens standen keine ungewöhnlichen Spitzen hervor, die auf verschobene Rippenbrüche schließen lassen würden. Bevor die Kaiserliche damit begann, sich mit der Salbe einzureiben, streifte sie noch die Halsketten ab. Die von Wulf stopfte sie in ihr Felleisen, sie würde sich diese später nicht mehr umlegen, das Hirschkopfamulett legte sie auf die Decke. Im Anschluss leerte sie beide Metallschatullen als sie sich ausnahmslos alles oberhalb des Bauchraumes bis zum Hals einrieb. Mehr als einmal musste sie innehalten und tief durchatmen, um die Fassung zu bewahren. Besonders Bewegungen mit dem linken Arm schmerzten und zogen lange, feurig brennende Stiche durch die Herzseite.
Mit dem letzten Rest heilender Salbe verstrichen wartete sie einige Momente lang und ließ sie zumindest etwas einziehen. Danach wickelte sich Vesana ihr Verbandszeug vollständig und so straff, wie es sich aushalten ließ, um Busen und Brustkorb. Einige Schlaufen legte sie für besseren Halt um den Hals. Abschließend hängte sie sich ihr silbernes Amulett um und schlüpfte zurück in die Tunika. So versorgt legte auch sie sich schlafen und hoffte, dass die Arznei möglichst bald damit begann, ihre Arbeit zu verrichten. Aber selbst wenn, die Pein im Kopf würde sie vermutlich ohnehin länger wachhalten.


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Bahaar
02.08.2013, 10:48
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Während die Kaiserliche es zuvor durch das Wetter weniger stark wahrgenommen hatte, machte sich das konstante Brennen der Augen im Zuge hoher Lichtempfindlichkeit am Tag nach ihrem Aufbruch im Skaal-Dorf durch den auflockernden Wolkenhimmel schlagartig und ungewohnt heftig bemerkbar. Sie zog die Kapuze weit hinab ins Gesicht, um sich zumindest so etwas von oben abzuschirmen. Die Reflexion des grell glitzernden Schnees ließ sich dadurch jedoch nicht abwehren. Es war ihr Glück, dass Vesana noch vor den ersten Sonnenstrahlen aufgebrochen war und sich dadurch einen kleinen Vorsprung hatte erlaufen können. In ihrem jetzigen Zustand kam sie jedenfalls nur noch langsam voran und musste sich das Ganze auch noch selbst zuschreiben. Über der ganzen Jagd-Sache und dem ewig schlechten Wetter blieb ihre Beobachtung des nächtlichen Himmels auf der Strecke, so dass sie ihr Zeitgefühl in Relation zum nächsten Vollmond völlig verloren hatte. Er mochte genauso gut morgen kommen, oder erst in drei Tagen. Mit etwas Pech, hätte er auch gestern sein können. Jedenfalls spürte sie jetzt überdeutlich, dass es nicht mehr lange hin sein würde. Das Augenbrennen und die Lichtempfindlichkeit sprachen eine deutliche Sprache. Von der Migräne ganz zu schweigen und auch ihr Gehör gab sich zunehmend empfindlicher. Jedes noch so kleine Knacken ließ sie zusammenzucken, sich instinktiv umschauen und schmerzte darüber hinaus im Gehör. Hin und wieder ertappte sie sich dabei, wie sie die Nase in die Luft hob und die Gerüche der Umgebung einsog, wie ein Raubtier auf Beutesuche.
Die Nacht des ersten Tags verbrachte sie rastlos. Mit dem Hereinbrechen der Dunkelheit verschwanden zwar die Lichtempfindlichkeit und das Brennen der Augen, dafür verstärkten sich die Kopfschmerzen bis ins Unerträgliche. Ein konstantes Hämmern im vorderen Schädel und hinter den Augen. Es fiel ihr zunehmend schwerer sich unter Kontrolle zu halten – besonders dann, wenn das silbrige und rote Licht der fast vollen Monde durch die Wolkendecke brachen. Sie verspürte Heißhunger auf Fleisch, sowie die Lust zu töten und die Muskeln im ganzen Körper zuckten willkürlich unter der Haut, wie nervöse Finger, die trippelten. In Verbindung mit dem stark angeschlagenen Brustkorb keine besonders günstige Kombination. Es machte sie aggressiv, das gequälte Stöhnen klang fast schon wie ein Knurren und dennoch wollte sie sich nicht einfach aufgeben. Es mochte in dieser Gegend noch zu viele unabsehbare Folgen haben, wenn sie das tat. Dieser letzte Rest menschlichen Verstandes, irgendwo tief in ihrem Unterbewusstsein, war es auch, der wohl Schlimmeres in dieser Nacht verhinderte.

Am nächsten Tag blieb ihr Befinden konstant schlecht. Das Gewitter hinter der Stirn flaute zwar mit dem Aufstieg der Sonne wie gewohnt etwas ab, aber der Rest blieb übermäßig empfindlich. Wie sie es dennoch schaffte, bis zum Fuße des Passes zur südlichen Inselmitte vorzudringen, blieb auch ihr selbst ein gewisses Rätsel. Möglicherweise war ihr jemand wohlgesonnen genug, ihr die Kraft zu geben auch ohne einen einzigen klaren Gedanken den Weg zurück zu finden – zurück in die Heimat. Heimat? Wollte sie das wirklich? Das Wort hallte in ihrem Kopf wider, doch war es nicht mehr als ein hohles Echo, das in diesen Stunden kaum noch eine Bedeutung für sie besaß. Das Bild von Fesseln schoss ihr als erstes durch den Kopf bei dem Gedanken. Regeln, die sie banden wie Fesseln, die ihr Vorschriften machten und sie einschränkten – das wollte sie nicht. Sie wollte frei sein, ausbrechen, wild und ungezügelt. Tollen und toben, tagelang nur jagen, ohne Rücksicht, ohne Kontrolle.
In den immer selteneren Momenten der Klarheit schalte sich Vesana selbst dieser Gedanken, die aus den Untiefen ihrer tierischen Triebhaftigkeit emporstiegen. Nicht, dass sie nicht verlockend waren, oder sie sich nicht damit anfreunden konnte, aber bei klarem Verstand lagen ihre Prioritäten etwas anders. Doch so schnell und unverhofft diese Augenblicke auch kamen, so verschwanden sie auch wieder und nach dem Verschwinden des Tagesgestirns hinter den Bergen im Westen verschlechterte sich ihr Zustand noch weiter. An sich kannte sie diese regelmäßig wiederkehrende Phase nur zu gut, aber es blieb jedes Mal aufs Neue eine unglaubliche Qual. Als schließlich die Wolkendecke ein weiteres Mal aufriss, gab es kein Halten mehr.
Ihr schmerzerfülltes Stöhnen wandelte sich zu tiefem Grollen, die Hände krallten sich erst in den losen Untergrund als heftige Spasmen durch ihren Körper fuhren, dann zogen sie ihr die Kleidung vom Leib. Der Verband um ihren Brustkorb riss auf und fiel von ihr ab. Die Kette landete im Schnee. Was zuvor für Schmerzen gesorgt hatte, empfand sie alsbald als berauschend. Jeden noch so kleinen Laut nahm sie wahr, ob das Scharren einer Wühlmaus unter dem Schnee oder das Schnaufen eines Hirsches in weiter Ferne. Die Geräusche der Umgebung sog sie gierig auf, während die Augen mit scharfem Blick und im silbrigen Zwielicht jede Kleinigkeit in Sichtweite musterten. Die Schmerzen im Kopf waren verschwunden, die in der Brust schienen verdrängt. Alles um sie herum wurde auf einmal zur Spielwiese und sie fühlte sich wie ein Kind im Wunderland – überall Spielzeug und Süßigkeiten, die es einzusammeln galt. Hinter jedem Busch, jedem Baum oder Stein mochte eine Überraschung lauern, alles weckte ihr Interesse und wollte eingehend gemustert werden. Völlig aufgeregt und mit wild schlagendem Herzen rollte sie sich im Schnee hin und her, wühlte das kalte Weiß auf einem Haufen zusammen, nur um anschließend hineinzuspringen und es wieder zu verteilen. Dabei kamen ihr einige der eisigen Flocken in die Nase. Schnaufend hielt sie inne, kratzte und rieb an ihrer herum, um sie von den unangenehmen Spielverderbern zu befreien.
Als sich das Brennen etwas gelegt hatte hob sie den Kopf in die Luft und schnüffelte laut. Schnell nahm sie die Duftspur eines nahen Tieres auf. Ruckartig und mit einem Gefühl von Euphorie wandte sie sich in die Richtung um, in der sie es vermutete. Rasend schnell rannte die Jägerin durch den Wald und ignorierte peitschende Zweige des Unterholzes, als wären es kitzelnde Federn. Der Rausch beschleunigte ihren Puls, versetzte das Herz in aufgebrachte Sprünge. Die Anstrengung ließ sie alsbald hecheln, ohne dass sie jedoch müde wurde. Im Gegenteil: Je näher sie ihrer Beute kam, je mehr Indizien sie in Form von Geruch und Geräuschen auf dessen Position aufnahm, desto freudiger wurde sie. Die Füße der Kaiserlichen fanden trotz der Geschwindigkeit stets halt. Steine nutzte sie, um sich zu weiten Sätzen abzudrücken und nahm sogar die Arme und Hände intensiv mit zur Fortbewegung zu Hilfe. Die Lust auf Fleisch, die Süßigkeit ihres Wunderlandes, trieb sie immer weiter. So interessant die passiven Objekte auf der Spielwiese des Waldes auch sein mochten, einzig echtes Spielzeug reizte sie wirklich.
Ihre scharfen Augen erspähten weit vor ihr zwischen den lichter stehenden Bäumen und über einiges Gebüsch hinweg ein Reh, das dort gerade noch graste, allerdings im nächsten Moment durch das Knacken im Unterholz aufgeschreckt wurde. Wach standen die Ohren ab und es schaute sich aufmerksam um. Dann entdeckte es die herannahende Jägerin und ergriff die Flucht. Allerdings half es nichts, Vesana war zu schnell. Auf Sprungweite heran nutzte sie den nächsten Baum, indem sie ihn ansprang, sich mit einer Hand an einem Ast festhielt und sich tief knurrend mit den Füßen kraftvoll am Stamm abdrückte. Das junge Wild besaß nicht den Hauch einer Chance, als sie auf seinem Rücken landete, die Finger und Zehen Knöcheltief in sein Fleisch schlug und sich in seinem Nacken festbiss.

Erbärmlich frierend, zitternd und vor allem splitterfasernackt wachte die Kaiserliche inmitten ihrer wild durcheinander liegenden Kleidung auf. Blut besudelte sie von Kopf bis Fuß, verdeckte sogar stellenweise die dunkel unterlaufene Haut des Brustkorbs, und verklumpte ihr Haar. Obwohl die vergangene Jagd ganz offensichtlich ein Erfolg gewesen war, fühlte sie sich nicht gestärkt, eher wie nach einer durchzechten Nacht mit viel zu viel Alkohol und anderen Rauschmitteln. Die Vollmondnächte besaßen diese unangenehme Eigenart, dass sie entgegen ihrer üblichen Disziplin und langjährigen Gewöhnung nur ganz bestimmte, ja ursprüngliche Beute fangen musste, um sich überhaupt zu regenerieren und zu erholen. Sonst half sie zwar in gesteigertem Maße, aber auch andere – kräftige und gesunde – Beutetiere konnten dienlich sein. Alsbald kehrten auch die Plagen der letzten Tage zurück und quälten und lähmten sie von neuem. Das Hämmern in den Schläfen, das Zwicken in den Ohren bei jedem noch so leisen Geräusch und die brennenden Augen, die schmerzhafte Blitze durchzuckten, wenn sie zu lange auf das grelle Weiß des Schnees schaute. Stöhnend stemmte sich Vesa auch, die Schmerzen in der Brust trieben ihr die Luft aus den Lungen. „Scheiße“, fluchte sie leise und versuchte sich so weit unter Kontrolle zu bringen, dass sie ihre Sachen einsammeln und sich anziehen konnte.
Mühsam und steifbeinig gelang es ihr und kurz nach Sonnenaufgang setzte sie ihre Reise fort. Es dauerte lange, bis die Kälte auch nur ansatzweise aus ihren Gliedern verschwand und die nach dem Rausch, ja dem beinahe-Traum, der letzten Nacht umso härter auf sie einprügelnden Beschwerden machten ihr das Leben nicht viel leichter. Wenn sie in den nächsten zwei Tagen tatsächlich einigermaßen gut vorankommen und ihren Zeitplan halbwegs einhalten wollte, musste sie sich trotz ihrer Klagen zusammennehmen und tagsüber zügig wandern, denn mindestens die nächsten zwei Nächte – zu Vollmond und die Nacht danach – würden ähnlich wild werden, wie die vergangene, egal, ob Vesana es wollte, oder nicht.


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Skyter 21
10.08.2013, 01:17
Das aufgetriebene Floß war zu dieser Tageszeit noch leer, wenn man von dem Wirt, dem Rausschmeißer und ein paar Dauergästen absah, die immer im Schankraum anzutreffen waren. Natürlich könnte immer ein Spitzel darunter sein und selbst wenn nicht, die Aussicht darauf die nächsten Tage ohne Probleme seine Sucht zu finanzieren ließ diese teilweise erbärmlich aussehenden Gestalten sich an Gespräche und alles mögliche erinnern, je nach dem was benötigt wurde. Allerdings war es für sie ein schmaler Grad: Sagten sie zu viel, lebten sie nicht mehr sehr lange und wurden entweder tot in einer Gasse gefunden oder verschwanden im Hafenbecken. Sagten sie zu wenig, blieben sie zwar am Leben, bekamen aber kein Geld und wurden vom Rest gemieden, da ihr loses Mundwerk irgendwann bekannt wurde.
Diejenigen, die viel sagten und Glück hatten lange genug zu überleben, wurden von den Thalmor rekrutiert und genossen einen gewissen Grad an Schutz, der je nach Nützlichkeit der bisherigen Informationen größer oder kleiner war. Eines war sicher: Die Thalmor konnten ihrer Informanten jederzeit fallen lassen, was zu einer gewissen Konkurrenz unter ihnen führte. Manche sehr fleißige Zeitgenossen, gingen sogar dazu über, aktiv Diebe und Mörder zu jagen, welche den Thalmor schaden zugefügt hatten. Im Gegenzug verbündeten sich viele Unabhängige oder suchten Schutz in der Diebesgilde, gründeten kleinere Banden oder heuerten Attentäter der Dunklen Bruderschaft an. Das Resultat war ein regelrechter Krieg in der Unterwelt der Kaiserstadt. Zeitweise fand man täglich mehr Opfer von Attentaten und Überfällen wie auf natürliche Weise Gestorbene. Nicht zu vergessen diejenigen die einfach verschwanden. In dieser Zeit war es eine Kunst neutral zu bleiben. Den wenigen Individuen, die dieses Kunststück schafften, genossen hohes Ansehen, wurden verehrt und gefürchtet. Diese Verehrung und Furcht galt sowohl für die Unterwelt, die Thalmor, den Penitus Oculatus und die kaiserliche Wache, die in diesem Krieg hoffnungslos unterlegen war. Das einzige, was das totale Chaos scheinbar verhinderte, war die Tatsache das immer noch recht einträgliche Geschäfte gemacht wurden. Ein offener Krieg würde diese ruinieren und so wurden die Kriegstreiber meist schnell zum Schweigen gebracht. Ein Frieden wurde hauptsächlich durch die Thalmor verhindert und so entstand eine sehr angespannte Situation, die irgendwann gelöst werden würde, so viel stand fest. Die einzige Frage war nur: Wie wird sie gelöst?

Für Revan war dieser Konflikt ein alter Hut. Zwar waren er und sein Mentor keiner Seite verpflichtet, allerdings gehörten sie auch nicht dem fast schon elitären Kreis der Neutralen an, die als graue Eminenzen dafür sorgten das weiterhin viele Waren im Hafen der Kaiserstadt umgesetzt wurden, legale wie illegale. Dies sicherte nach außen hin den Frieden. Wenn das trotzdem nicht genug war, wurden an die betroffenen Personen eindeutige Nachrichten versandt. Bei Missachtung waren die Konsequenzen schwerwiegend, mitunter auch tödlich. Da die Methoden aber nur dem Kreis selbst und wenigen Eingeweihten bekannt war, munkelte man vor allem beim plötzlichen Verschwinden von Personen oder deren plötzlichem Tod, dass der Kreis seine Finger im Spiel hatte. Und niemand war wirklich versessen darauf zu viele Fragen zu stellen. Wer konnte noch zwischen Wahrheit und Gerücht unterscheiden?
Bisher konnten sie es vermeiden, von einer Partei bedrängt zu werden. Dies war nur möglich, indem sie möglichst unauffällig blieben und nur ganz wenige Einbrüche durchführten. Die wenigen waren dann auch meist nicht sehr lukrativ, aber ohne Geld konnten sie ihren bescheidenen Wohlstand nicht halten. Daher waren Taschendiebstähle oder das plündern von Waren aus einem der unzähligen Lager an der Tagesordnung. Das war fast schon zu leicht, allerdings hielt die Routine die Sinne beisammen und die Finger kamen nicht aus der Übung. Jetzt stand aber wohl wieder ein größerer Einbruch an. Mit etwas Glück war er danach zumindest so weit unabhängig, dass er eigene Raubzüge planen konnte. Die Tatsache dass sein Mentor von den Einnahmen einen Teil bekommen würde, hatte Revan damals akzeptiert. Jedoch würde es nicht immer so weitergehen. Sein Mentor war alt geworden, die Anzahl der Jahre die er noch zu leben hatte, war recht überschaubar geworden. Danach konnte er uneingeschränkt auf die Verbindungen seines Mentors zurückgreifen. Alles in allem schien es endlich bergauf zu gehen, trotz der heiklen Situation in der Kaiserstadt. Das diese Postion immer mehr Neider anzog, war nichts neues. Genauso wenig die Verfahrensweise mit solchen Schmarotzern: An dem oder denen, die einem am gefährlichsten werden konnten, wurde ein Exempel statuiert, danach verschwanden die Mitläufer schneller wie Ratten die von einer Katze gejagt wurden. Das war der beständige Lauf der Dinge in dieser Welt. Sobald man die wichtigste Regel verstanden hatte, nämlich dass nichts bestand hat, außer der Tod, konnte man mit ein wenig Geschick und den richtigen Leuten besser leben als viele Andere. Auch wenn dieser Umstand manchmal nur von kurzer Dauer war, so galt diese Zeit vielen als die Beste die man in seiner erbärmlichen Existenz erreichen kann. Diese Denkweise bestimmte das Leben des Dunkelelfs seit seiner Geburt. Erst während der Ausbildung durch seinen Mentor änderte sich seine Sichtweise langsam und er fing an Vorbereitungen zu treffen, um eines Tages dem Netz aus Intrigen, Verrat und Bestechung zu entkommen. Auch wenn die Chancen groß waren, das Risiko war es auch. Es gab andere Orte an denen man als Dieb leben konnte, ohne ständig ein Messer im Rücken zu erwarten. Aber bis dahin war es noch ein weiter Weg.

Der Dunkelf wählte einen Tisch am Rande, damit er den ganzen Schankraum beobachten konnte. Kaum saß er auf dem Stuhl, da erschien auch schon der Wirt, ein älterer Altmer namens Ormil. Hin und wieder unterhielt er die Gäste mit Geschichten aus der Zeit der Oblivion-Krise. Auch wenn sie glaubhaft erzählt wurden, so konnte sich Revan nur schwer vorstellen, das ausgerechnet der Held von Kvatch in dieser Kaschemme genächtigt haben soll. „Ein Dunkelbier“ - „Kommt sofort“ Wortkarg wie immer bestellte der Dunmer, damit er möglichst schnell wieder in Ruhe gelassen wurde. Warum ausgerechnet hier? Das der Besitzer ein Altmer war beunruhigte jeden Besucher, aber wenn sein Mentor ihn hier treffen wollte, dann hatte das sein Gründe. Dadurch das sie Elfen waren, wurden sie nicht ganz so herablassend von den Thalmor behandelt, wie die kurzlebigen Rassen. Dennoch war jedem klar, wer sich für die beste Rasse auf Tamriel hielt. Und zur Zeit waren sie auf dem besten Weg, diesen Anspruch mit allen Mitteln durchzusetzen.
Kurz darauf stand das Bier vor ihm, ein paar Münzen wechseln den Besitzer und schon hatte der Dunmer wieder seine Ruhe. Bis zum Treffen waren es noch ein paar Stunden, daher war wieder Zeit für ein Karten- oder Würfelspiel. Dabei konnte man schön den anderen Parteien das Geld aus der Tasche ziehen ohne das sie etwas merkten. Dazu war aber auch immer ein wenig Alkohol nötig. Ohne Alkohol waren nur kleine Beträge möglich, wenn die gleichen Leute auf in Zukunft mit einem spielen wollten. Es musste immer so aussehen, als habe man besonders viel Glück oder die Anderen besonders viel Pech. Interessant wurde es, wenn ein zweiter Falschspieler am Tisch saß und gegen einen spielte. Diese Partien waren immer fordernd und man lernte manch neuen Kniff. Auch heute fanden sich schnell wieder ein paar spielfreudige Gesellen zusammen, die Karten wurden ausgepackt, die Einsätze bestimmt und schon ging es munter los.

Ein paar Stunden später, das Floß war fast schon überfüllt, hatte Revan einen mäßigen Gewinn erzielt und war, nachdem die Runde den Tisch verlassen hatte, wieder alleine. Plötzlich entdeckte Revan eine Gestalt, die sich zwischen 3 eingetroffenen Soldaten der kaiserlichen Armee in den Schankraum zwängte. Er ist spät dran. Die Gestalt ging kurz zum Tresen und bahnte sich danach mit zwei Flaschen Wein und 3 Gläsern ihren Weg durch den Schankraum. Wortlos setzte sie sich an den gleichen Tisch, entkorkte die erste Flasche und füllte 2 Gläser mit Wein.
„Du bist heute spät dran, Cale“, sagte Revan und nahm das Glas entgegen.
„Ich musste noch ein paar Sachen regeln, Golion“, erwiderte Faldil
„Das Übliche?“
„Das Übliche.....Seit wann sitzt du hier?“
Der Dunkelf schüttelte den Kopf. „Die geben wohl niemals auf, oder? Seit heute Nachmittag.“
Der Waldelf lachte kurz und trocken. „Nein, du kennst doch die Regeln. Diese Regeln sind fast so alt wie Götter selbst.
„Nur das die Regeln von sterblichen gemacht wurden, und alle mischen mit. Egal ob Bettler, Soldat oder König. Den Göttern muss das ziemlich egal sein, sonst hätten sie es längst unterbunden.“
„Wer weiß, vielleicht ist es auch eine Prüfung um die Würdigen von den Unwürdigen zu trennen.“
„Hör auf, die klingst wie diese selbstgerechten Priester. Schon vergessen: Angeblich sehen die Götter alles, wozu dann dieses Gerede von Prüfungen?“
Faldil schüttelte den Kopf. „Lassen wir das. Es ist draußen schon dunkel und der Kontakt sollte jeden Moment auftauchen. Er hat eine Aufgabe für uns, angeblich ein sehr heikler Auftrag. Hast du irgendwas besonderes bemerkt?“
„Einmal abgesehen von der Tatsache, dass wir uns in einer Kaschemme am Hafen treffen, die von einem Altmer geführt wird, den Dauergästen die bei genügend Gold alles gehört haben, ein paar Soldaten der Armee und dem selben Spion der Thalmor, der am anderen Ende des Raumes sitzt und heute ein zweiter Spion samt Schlägern eingetroffen ist,..... abgesehen davon nichts auffälliges.“
„Also nur das Übliche. Halte trotzdem Augen und Ohren offen. Wenn der Kontakt eintrifft, verständigen wir uns auf die übliche Art und Weise.“
„In Ordnung, aber mir bereiten die Spione immer ein wenig Kopfzerbrechen. Man weiß nie ob man einen Übersehen hat. Diese Halunken sind wie die Ratten. Wo du einen siehst, ist der Rest nicht weit entfernt. Und ich habe dieses mal kein gutes Gefühl“, entgegnete Revan.
„Leidest du unter Verfolgungswahn? Es ist das gleiche Spiel wie in den letzten Jahren auch. Entspann dich ein wenig und........er ist da“, erwiderte Faldil.
Ein ziemlich blasser, aber gefasst wirkender Kaiserlicher betrat den Schankraum und ließ den Blick kurz schweifen. Ein kurzer Blick auf die Tür hinter ihm, dann bewegte er sich langsam durch den Schankraum. Fast konnte man meinen, er würde im Gedränge ertrinken, doch er kämpfte sich bis zu dem Tisch, an dem Revan und Faldil saßen. Ein kurzes Nicken seitens des Bosmers, genügte dem Kaiserlichen um sich auf den freien Stuhl zu setzen. Mit einem gemurmelten „Danke“ nahm er das Weinglas entgegen und trank einen tiefen Schluck, ehe er die beiden Elfen eingehend musterte. Ehe er ansetzen konnte nahm Revan die Karten aus seiner Manteltasche und begann zu mischen. Der fragende Blick seitens des Kaiserlichen wurde von einem bestimmten Nicken Faldils beantwortet. Seufzend akzeptierte der Kaiserliche, dass der Abend wohl ein wenig länger werden würde.

Nach der dritten Runde stellte Faldil die erste Frage an den Kaiserlichen, der sich selbst Tiro nannte. „Ich hörte du hättest Neuigkeiten für uns?“
Tiro nahm einen weiteren Schluck Wein, ehe er mit zittriger Stimme antwortete: „D-du-durchaus, ihr kennt doch den...den reichen Altmer, der sich aufführt als wäre er der Herrscher über diese Stadt? Wie war der Name noch gleich......Eraami, Eraami heißt er.“
„Ist ja auch schwer diesen dekadenten Mer nicht zu kennen“, grummelte Revan Während er missmutig nach der Bedienung Ausschau hielt, da die letzte Flasche Wein gerade geleert worden war. Mit gespieltem Erstaunen warf Faldil seinem Schüler einen tadelnden Blick zu, was dieser nicht sehen konnte.
„Ja, wir kennen Eraami. Was ist mit ihm?“
„Nun, man munkelt das er beabsichtigt auf Reisen zu gehen und eine nicht geringe Anzahl seiner Wächter mitzunehmen.....“
Derweil hatte Revan die Aufmerksamkeit einer Schankmaid erlangt und gab ihr mit wenigen Handbewegungen zu verstehen, das noch eine Flasche Wein benötigt wurde. Derweil ließ er immer wieder den Blick schweifen. Selbst die beiden Spione waren nicht auffälliger als sonst, auch zeigten sie kaum Interesse an dem Gespräch zwischen dem Kaiserlichen und seinem Mentor. Sie tun so, als wäre ihnen alles egal. Oder haben sie wirklich keine Ahnung? Einer der Spione stand auf und verließ das Floß. Der Andere konnte sich nicht zwischen 2 Sorten Wein entscheiden. Vermutlich leide ich langsam wirklich unter Verfolgungswahn.
„Und, was sagt ihr?“
„Durchaus ein wertvoller Tipp. Was willst du für dein Wissen und was haben wir davon?“
„Ein goldenes Amulett, es ist ein Familienerbstück.....er ist reich, nehmt euch so viel ihr tragen könnt. Ich kann euch kein Geld anbieten.“
„Gut, wir werden das prüfen. Wenn sich wirklich eine Gelegenheit ergibt, werden wir sie nutzen. Ich gebe dir in spätestens 7 Tagen auf dem bekannten Weg eine Antwort“
„In Ordnung. Der Wein geht auf uns. Wenn du dich hier so unwohl fühlst, kannst du gehen sobald die Runde zu Ende gespielt wurde.“
Der Kaiserliche war während des Gesprächs noch blasser geworden, als er es bereits war. Mit sichtlicher Erleichterung verließ er ein paar Minuten später das Floß.
Schweigend saßen die beiden Elfen am Tisch und tranken den Rest des Weins. Per Handzeichen hatte Revan seinen Mentor auf dem Laufenden gehalten, ob sie beobachtet wurden.
„Und, irgendetwas verdächtiges bemerkt?“
„Nein und gerade das bereitet mir ein wenig Sorgen. Die Spione hatten für alles Augen, nur nicht für uns.“
„Ich sagte doch, du leidest langsam aber sicher unter Verfolgungswahn. Mit etwas Glück können wir diese Arbeit genau so unerkannt vollenden wir damals bei dem Schiff.“
„Wäre schön mal zur Abwechslung nicht verfolgt zu werden.....Ja das Schiff war ein wahres Kunstwerk.“ Revan trank den Rest seines Glases und stellte fest, das ihm der Wein langsam zu Kopf stieg. „Kam dir der Kaiserliche seltsam vor? Ich meine....“
„Jetzt hör schon auf die Geister da zu suchen wo keine sind! Geh nach Hause und ruhe dich aus, wir haben in den nächsten Tag viel Arbeit vor uns.“
Seufzend erhob sich der Dunmer. „In Ordnung, du weißt ja wo du mich findest.“ Revan schwankte die ersten paar Schritte, da das lange Sitzen und der Alkohol nicht förderlich für seine Beine und sein Gleichgewicht waren. Grübelnd verließ er das Floß und atmete zuerst die kalte, stinkende Nachtluft ein, ehe er ein paar Schritte der Kaimauer folgte. Vielleicht haben wir ja wirklich Glück und ich sehe nur wieder Verrat wo keiner ist. Trotzdem, der Vorfall vor 3 Jahren......ich bin zu müde und die letzte Flasche Wein entfaltet ihre Wirkung. Es wird Zeit. Die Zweifel verdrängend wandte er sich von der Kaimauer ab und verließ so schnell wie möglich das Hafenviertel, in dem es seit geraumer Zeit schlimmer stank als in der Kanalisation. Der Dunmer wollte nur noch eins: Schlafen.


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Bahaar
16.08.2013, 12:26
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Vier Tage später durchschritt Vesana etwa um die Mittagszeit das Bollwerk, das die kleine Stadt Rabenfels von der Aschewüste trennte. Beim Anblick der schwarzen Mauer aus Basalt empfand sie ein gewisses Maß an Erleichterung. Ihre nicht ganz ungefährliche Reise über die frostige Insel kam damit zu einem Ende und irgendwie fühlte sie sich befreiter. Zwar würde sie noch einige Zeit mit den körperlichen Nachwehen zu kämpfen haben, aber insgesamt war dieser Ausflug doch positiv – und vor allem erfolgreich – verlaufen. Sie hatte gefunden, weshalb sie gekommen war und konnte sich um einige Erfahrungen reicher fühlen. Wenngleich das Unterfangen erheblich auf ihren Geldbeutel schlug, so fand sie es die Kosten wert. In der letzten Nacht hatte sie auch endlich wieder ein Auge zu machen können und seither ließ auch ihre Licht- und Geräuschempfindlichkeit nach. Wenngleich die Kopfschmerzen vorerst blieben, so wusste sie wenigstens, dass sich auch diese in ein paar Tagen für einige Zeit verflüchtigen würden. Solange musste sie noch aushalten, aber mit den Erfahrungen der letzten Tage noch frisch im Hinterkopf blieben sie das geringste Übel. Auf ihre Stimmung schlugen sie trotzdem.
Ihrem Gesicht schienen die Leute in der Küstensiedlung wohl anzusehen, dass die Kaiserliche, die immerhin nun schon vier Wochen unterwegs gewesen war, einiges durchgemacht hatte. Die Zeichnung mit dem Blut des Werbären ließ sich zweifelsfrei auf keinen Fall mehr als solche erkennen, aber inwieweit das Blut anderer Opfer der letzten Zeit noch auf ihren Zügen auszumachen war, vermochte Vesana nicht einzuschätzen, immerhin besaß sie keinen Spiegel, in dem sie sich hätte selbst betrachten können. In jedem Fall blieben noch genug Dreck, die Asche der letzten Tage, und die noch verheilenden Reste der zahlreichen Platzwunden als Mahle der Strapazen zurück. Nicht zu vergessen zeichneten sie auch noch die von Kälte, Wind und Wetter spröde Haut auf den Wangen, Lippen und an der Nase. Dass sie sich nach wie vor leicht schief stellen musste, um die Stiche in ihrer linken Flanke einigermaßen einzudämmen, sah man ihr mit Sicherheit ebenfalls mehr als deutlich an, da die Nächte im Rausch in Ermangelung der richtigen Beute kaum zum Heilungsprozess begetragen hatten. Die Jägerin störte sich jedoch nicht an den flüchtigen Blicken der Verwunderung und des Schreckens. Stattdessen lief sie zielstrebig zurück zur Ebenerzmine, um mit Crescius zu sprechen und nach ihrem Karren zu sehen.
Die kühle, feuchte Luft im Innern des Felsens bot wie damals zu ihrer Ankunft auf der Insel auch jetzt eine mehr als willkommene Abwechslung zur in Augen und Lunge brennenden Luft draußen. Erleichtert zog sich Vesa das Tuch von Mund und Nase und nahm einige tiefe Atemzüge. Erst danach setzte sie ihren Weg den Eingangstunnel hinab fort, vorbei an dem Emblem der ostkaiserlichen Handelsgemeinschaft und in die zentrale Kaverne mit den Verwaltungsunterlagen des alten Kaiserlichen. Dieser saß wie damals im ersten Stock der hölzernen Räumlichkeiten am anderen Ende der Höhle. Kurz schaute sie sich um und fand ihren Wagen genau an der Stelle, an der sie ihn abgestellt hatte. Ein zufriedenes, kaum merkliches Lächeln umspielte ihre geschundenen Lippen. „Guten Tag“, grüßte Vesana, die Stimme laut erhoben, damit sie auch ganz sicher nicht überhört würde. Der alte Mann erhob sich von seinem Tisch und kam zum oberen Ende der Treppe, die ihn nach unten führen würde.
„Du meine Güte! Ihr seid zurück!“ Ehrliche Überraschung und ein Grundtenor von Freude zeichneten seine alte, rauchige Stimme. Eilig kam er die knarzenden Holzstufen hinab und auf seinen unerwarteten Gast zu.
„Das bin ich“, entgegnete Vesa und schlug in seine Hand ein, als er sie ihr reichte. „Ich wollte nach dem Rechten sehen und fragen, ob Ihr wisst, wann Gjalund das nächste Mal nach Windhelm übersetzt“, kam sie möglichst schnell zum Geschäftlichen. Trotz der langen Einsamkeit auf ihren Wegen über die Insel verspürte sie nach wie vor wenig Verlangen, sich länger als unbedingt nötig mit anderen zu unterhalten. Das anhaltende Stechen in den Schläfen trug ebenfalls seinen Teil dazu bei. Außerdem lag ihr der alltägliche Plausch ohne ein Ziel, ohne eine konkrete Notwendigkeit nicht. Wenn sie so recht darüber nachdachte, hatte es ihr noch nie wirklich gelegen, seit ihre Familie auseinandergefallen war. Und das lag inzwischen schon lange Jahre genug zurück, um die Erinnerungen an die Zeit davor fast bis zur Unkenntlichkeit verblassen zu lassen. Es gab seither niemanden mehr, der sie zu einem ungezwungenen Gespräche hätte motivieren können. Nun ja, fast niemanden, aber daran wollte sie in diesem Moment lieber nicht ausführlicher denken und Crescius Caerellius half ihr dabei, ob er es nun beabsichtigte, oder nicht.
„Gjalund wird in drei Tagen nach Windhelm übersetzen“, erwiderte er. „Und Euer Wagen steht unverändert und unangetastet dort drüben.“
„Danke. Ihr bekommt damit dann noch zweihundertfünfzig Septime für die Zeit seit meinem Aufbruch und die zwei noch folgenden Tage. Richtig?“
„Richtig. Kommt.“ Der alte Kaiserliche bat sie hinüber zu dem Tisch, an dem sie schon vor vier Wochen gesessen hatten, um dort die Finanzen zu erledigen.
„Kann man sich hier irgendwo für etwas Geld baden?“, fragte Vesana, während sie in ihrem Tornister nach dem Goldsäckel kramte.
„In der Taverne dürftet Ihr das können, wenn Ihr Euch dort ein Zimmer mietet. Wo die ist, wisst Ihr ja bereits.“
Sie schob ihm das abgezählte Geld zu. „Ja, weiß ich.“ Während er grob und dem Anschein nach eher nur unaufmerksam zählte, erhob sich die Jägerin wieder und schritt hinüber zu ihrem abgedeckten Wagen. Sie warf die Plane zurück und suchte sich einige Sachen zusammen, die sie nun in der Siedlung benötigen würde. Die Schlafunterlage, die Decke und das Werbärenfell verstaute sie auf der Ladefläche. Ebenso die Armbrust und übrigen Bolzen. Allgemein legte sie zunächst sämtliche Waffen ab und entledigte sich anschließend sowohl ihrer Rüstung, als auch ihrer dicken Leder- und Felljacke. Während sie auch noch den Inhalt des Felleisens neben ihren übrigen Sachen einsortierte, erhob sich Crescius und näherte sich bis auf ein paar Schritte. In gebührendem Abstand blieb er auf der anderen Seite des Wagens stehen.
„Es stimmt soweit alles. Ich hoffe, Eure Reise hat sich für Euch gelohnt. Es freut mich jedenfalls, Euch mehr oder weniger wohlbehalten wieder hier zu sehen.“
Vesana schaute kurz auf und in das faltige Gesicht des alten Mannes. „Das hat sie. Danke.“ Ein kurzes, etwas verunglücktes Lächeln und Nicken des Kaiserlichen später wandte sich dieser von ihr ab und widmete sich seiner Arbeit. Sie selbst war froh darüber, endlich ihre Ruhe zu haben, seufzte kurz und kramte weiter auf ihrem Karren herum. Während sie sich etwas unbeobachtet fühlte, wechselte sie noch die völlig verdreckte und unangenehm riechende Tunika mit einer frischeren aus. Zum Schluss band sie sich ihr verbliebenes Schwert erneut auf den Rücken und einen der Dolche an den Gürtel. Mit einem kaum gefüllten Tornister machte sie sich auf den Weg zur Taverne. Das reduzierte Gewicht auf den Schultern und der mangelnde Druck auf den Brustkorb erleichterten ihr diesen. Leichten Fußes trat die Kaiserliche zurück ins Freie, zog das Tuch vor Mund und Nase und begann damit zu planen, was sie in nächster Zeit tun würde. Vermutlich sollte erst einmal eine Rückkehr zu Jorrvaskr und den Gefährten folgen. Der eine oder andere Auftrag käme sicher ganz gelegen, nicht zuletzt weil sie ihre Goldreserven im Heim der Gilde eigentlich nur ungern antasten wollte, sich ihr Geldsäckel jedoch erheblich verkleinert hatte in den letzten Wochen. Natürlich wäre es wohl auch an der Zeit überhaupt mal wieder ihr Gesicht dort zu zeigen, da sie mittlerweile doch schon lange abwesend war und nicht gänzlich in Vergessenheit geraten wollte. Die einzige Gemeinschaft, in der sie sich einigermaßen sicher und wohl fühlte zu vergraulen, lag keinesfalls in ihrem Interesse. Es wäre wohl das Beste, wenn sie nach ihrer Ankunft in Windhelm möglichst schnell zurück nach Weißlauf kam, und sich erst dann so richtig Gedanken über alle weiteren Schritte machte.
Zunächst musste sie ohnehin ein Bett und ein Bad organisieren. Im unteren Teil der Taverne grüßte auch gleich der Wirt. „Ihr seid zurück. Was kann ich für Euch tun?“
„Ich bräuchte ein Bett für die nächsten drei Nächte und ein Bad.“
„Selbstverständlich. Das Zimmer kostet zehn Septime die Nacht. Das Bad zwanzig“, erwiderte der Dunmer und zupfte sich am Kinn herum, wie ein bedachter Geschäftsmann.
„Zwanzig?“, fragte die Kaiserliche nach. Eine stattliche Summe für einen Zuber voll mit warmem Wasser.
„Sauberes Wasser ist hier kostbar. Ihr wisst schon, wegen der vergiftenden Asche des Roten Berges. Dafür bekommt Ihr aber auch noch Seife und ein Tuch zum Trocknen“, erläuterte ihr Gegenüber und stützte sich mit den Händen auf seinem Tresen ab. Wenigstens etwas.
„Von mir aus.“ Vesa reichte ihm das Geld. Sie verspürte keine Lust, noch großartig zu verhandeln. Sie wollte einfach nur noch ein Bett und ein Bad, um die Anspannung der letzte Wochen abzuwerfen. Mehr nicht.
„Vielen Dank! Lasst mich Euch zu Eurem Zimmer führen. Bitte“, er wies sie an ihm zu folgen. Gemeinsam schritten sie in den hinteren Teil der Taverne und der Wirt schloss einen kleinen Raum auf, der über das Nötigste an Einrichtung verfügte. Anschließend reichte er ihr den Schlüssel. „Soll ich Drovas anweisen, Euch eine Wanne mit warmem Wasser einzulassen?“
„Ja, bitte.“
„Gut, er wird klopfen, sobald das Bad bereit ist.“ Er überließ sie sich selbst. Die Tür hinter sich schließend, legte die Kaiserliche zuerst Gepäck und Waffen ab, dann entledigte sie sich ihrer Stiefel und Hose. Nur noch mit der Tunika bekleidet ließ sie sich auf dem Strohbett nieder und verschränkte die Hände auf dem Bauch. Mit geschlossenen Augen versuchte sie an nichts zu denken, sondern einfach die Seele baumeln zu lassen. Ruhige Atemzüge sorgten für Entspannung, das weiche Fell und die Decke zwischen ihr und dem Stroh sorgten für den nötigen Komfort. Obwohl sie sich vornahm, nicht einmal das zu tun, ließ sie die Tage auf Solstheim Revue passieren und ging gedanklich zurück zu ihrem Kampf mit dem Werbären, dachte an die Tage der Jagd mit Oslaf, Wulf und Finna, ja sogar bis zu ihrem ersten Tag auf der Insel und der Auseinandersetzung mit dem Plünderer in der Aschewüste. Zu ihrem Bedauern kehrten damit aber auch die unbequemeren Erinnerungen zurück. Darius‘ Gesicht schälte sich ein weiteres Mal aus der Dunkelheit vor ihren Augen. Unwillkürlich griff ihre Hand nach dem Amulett um ihren Hals.
Bevor sie sich jedoch in ihren Erinnerungen gänzlich verlieren konnte, klopfte es an der Tür und die Jägerin riss die Augen auf. Sich mit den Händen über das Gesicht fahrend stand sie auf und öffnete. Ein alter Dunmer mit magerem Gesicht und wulstigen Augenbrauen stand dort vor ihr. „Ja?“
„Euer Bad ist eingelassen. Wenn Ihr mir folgen würdet?“, entgegnete er und sie nickte. Das Zimmer schloss sie ab und lief barfuß hinter dem schon etwas in die Jahre gekommen wirkenden Elfen her. Er führte sie zu einem größeren Raum, in dem am Rand und hinter einer verschiebbaren Abtrennung ein Holzzuber stand. Auf einem einfachen Ständer hing ein großes Wolltuch und etwas Seife lag auf einer Ablage. „Sagt Bescheid, wenn Ihr fertig seid.“ Abermals nickte die Kaiserliche und wurde sich selbst überlassen.
Ihre Tunika zog sie über den Kopf und legte die Halskette ab. Den Verband hatte sie nach der ersten rastlosen Nacht nicht wieder anlegen können, zu zerschlissen waren die Wickel gewesen. Ohne Salbe und in dem teils zerrissenen Zustand hätte er ohnehin keinerlei Wirkung mehr gehabt. Ihr Brustkorb schimmerte mittlerweile in kräftigem Gelb und Grün. Immerhin ein Zeichen dafür, dass die inneren Verletzungen verheilten. Letztlich rutschte sie nach kurzer Gewöhnung an das wirklich sehr warme, leicht dampfende Wasser in die ovale Holzform. Zwar vermochte sie nicht, sich darin lang zu machen, aber immerhin passte sie mit angewinkelten Beinen problemlos hinein. Vesana löste nun auch noch das Lederband, das ihren Pferdeschwanz und die dorthin laufenden Zöpfe zusammenhielt, und schüttelte die langen Haare aus. Erst dann schloss sie die Augen und tauchte völlig ab.


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Bahaar
23.08.2013, 14:19
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Die Zeit bis zur Abreise verbrachte Vesana überwiegend damit, sich zu erholen. Sie blieb lange im Bett liegen, frühstückte spät und spazierte etwas durch das Städtchen. Wenn sie nicht gerade oben auf dem basaltenen Bollwerk zwischen und auf einigen Kisten am hintersten Ende saß und in einem ihrer Bücher las oder einfach die Augen über den grauverhangenen Himmel schweifen ließ, weil ein laues Lüftchen aus dem Norden vorrübergehend die Asche in der Luft vertrieb, so blieb sie meist im Schankraum sitzen oder auf ihrem Zimmer. Einzig zum Abziehen des Fells des Werbären blieb sie schlechteren Luftbedingungen zum Trotz länger draußen. Die Kaiserliche mied soweit möglich die Gesellschaft anderer und hielt sich zurückgezogen. Die Entspannung und Ruhe taten ihrem Körper gut. Die Kopfschmerzen verflogen zusehends, die Schmerzen in der Brust reduzierten sich auf ein Minimum und die Kraft kehrte nach und nach in die müden Glieder zurück. Von den Dunmer der Siedlung erhielt sie kaum noch außerordentliche Beachtung. Die Gegenwart eines länger bleibenden Besuchers verlor schnell an Ungewöhnlichkeit. Nicht, dass es sie großartig kümmerte. Im Gegenteil, dass man sie in Frieden ließ und ihr nicht ständig nachsah, kam Vesa ganz gelegen.
Am späten Nachmittag des zweiten Wartetages saß die Jägerin gerade wieder auf ihrem angestammten Platz oben auf dem Bollwerk und blickte hinab in die kleine Stadt. Wären da nicht die patrouillierenden Wachen des Hauses Redoran gewesen, sie hätte den Ort für verlassen und der Asche überlassen halten können. Die wenigen Händler auf dem Marktplatz boten ihre Waren den üblichen Verdächtigen feil, die vermutlich schon längst kein Bedürfnis mehr an noch einem neuen Schwert, einer Schaufel oder noch einem leeren Leinensack hatten. Die einzige wirklich potenzielle Kundin saß hoch oben und schaute aus weiter Ferne auf sie hinab, alle anderen hielten nur einen Schwatz mit dem Verkäufer und entfernten sich im Anschluss wieder. Eigentlich eine traurige Situation für die Händler, aber jeder von ihnen hätte genauso gut wieder auf das Festland Morrowinds zurückkehren können, insofern bestand keine Notwendigkeit für Mitgefühl. Vermutlich waren sie ohnehin weitestgehend zufrieden mit ihrem Leben in Frieden und Ruhe, abseits großer Politik und den Problemen des Festlandes.
Zwei Wachen kamen gerade wieder in Vesanas Richtung. Die Platten ihrer schweren Knochenrüstungen schlugen weithin vernehmbar aufeinander und die harten Stiefelsohlen hämmerten mit markantem Klacken auf den Steinboden ein. Es waren zwei ihr bereits bekannte Gesichter. Einer von ihnen mit weitflächigen Tätowierungen in der linken Gesichtshälfte und feuerrotem Haar bis auf die Schultern, der andere mit fies geschnittenen Zügen und pechschwarzer Mähne. Ein Ziegenbart zierte sein Kinn. Als sie das erste Mal hier vorbei gekommen waren am Tag zuvor, hatten sie noch mit der Kaiserlichen diskutiert, dass sie doch hier oben eigentlich nichts zu suchen hatte und sich doch ein anderes Fleckchen in der Stadt aussuchen sollte. Nach einer kurzen Debatte in der sich die Jägerin uneinsichtig und stur zeigte, ließen sie sich jedoch davon überzeugen, dass von einer einfachen, zierlichen Frau mit einem Buch kaum eine Gefahr für die Festungsanlagen oder die Bewohner der Siedlung ausging und es am Ende nicht schaden konnte, den Gast die Aussicht genießen zu lassen bis er in Kürze ohnehin wieder abreiste. Inzwischen grüßten sie sogar.
Der Wind hielt glücklicherweise noch etwas an und ließ die sonst trockene, brennende Luft der Gegend etwas milder werden. Die Füße hochgelegt zwischen zwei Zinnen, auf einer Kiste sitzend und gegen eine weitere lehnend, schloss Vesana die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Einige Momente lang verharrte sie so und atmete tief ein und aus. Nur langsam öffnete sie die Lider und griff sich im Anschluss ihr Buch. Ein einfacher Bericht über die Geschichte Himmelsrands mit einem kleinen Exkurs zu den Falmer, diese widerspenstigen, garstigen und blinden Kreaturen in den alten Dwemer-Ruinen, von denen sie schon so einiges gehört hatte, aber zum Glück noch nie selbst einem über den Weg gelaufen war. Derartige sachliche Literatur gab ihr irgendwie mehr, als simple Unterhaltungskunst, die von Barden und jedem Schnösel zusammengekritzelt werden konnte, der wusste, wie er einen Federkiel zu halten hatte. Mancher verkaufte seine grandios zusammengebastelte Geschichte sogar als Wahrheit. Zum Glück ließen sich solche für einen halbwegs gebildeten Leser wie sie schnell von echter Fachliteratur unterscheiden, die dann doch meist auf verschnörkeltes Floskelbeiwerk verzichtete.
Vesa merkte gar nicht, wie schnell tatsächlich die Zeit verstrich. Die blutrote Sonne neigte sich steil dem Horizont zu und erst als die Zinnen lange Schatten direkt auf die vergilbten Pergamentseiten warfen, schaute sie auf. Einige der Wachen in Rabenfels hatten bereits Fackeln herausgeholt und entzündet, weil Teile der Niederlassung schon in beinahe nächtlicher Dunkelheit lagen. Die Kaiserliche entschied sich noch das Kapitel, das sie begonnen hatte, zu Ende zu lesen und würde dann zur Taverne zurückkehren. Vorfreude auf die bevorstehende Abreise und ein baldiges Wiedersehen mit den Gefährten machten sich merklich in ihr breit. Der Hunger im Bauch wich sachtem Kribbeln und einem Gefühl von Leichtigkeit. „Bald“, flüsterte sie zu sich selbst, ein Lächeln stahl sich auf die schmalen Lippen.
Leichtfüßig schwang sich die Jägerin über den Stapel Kisten zurück auf den steinernen Boden und spazierte lockeren Schrittes oben auf der dicken Mauer entlang. Einen letzten Blick warf sie hinüber in die Aschewüste vor dem Städtchen. Sie würde das Grau wahrhaftig nicht vermissen. Und als ob ihr jemand dieses Gefühl bestätigen wollte, drehte plötzlich auch der Wind und trug neuerlichen Ascheregen aus dem Südosten über die Insel. Die dicken Flocken verkleisterten augenblicklich ihre Haare und verschmutzten die Haut auf den freien Armen. Das Buch unter den rechten geklemmt beschleunigte sie ihr Schritttempo und zog Gjalunds Tuch vor Mund und Nase. Wenig später kam sie an den beiden Wachen vorbei. Auch sie trugen inzwischen Tücher vor den Gesichtern und grüßten ein letztes Mal als die kleine Frau an ihnen vorbeikam. Diese armen Hunde konnten nicht einfach irgendwo hineingehen, wenn es ihnen zu ungemütlich wurde.
Eilig trabte Vesana die schwarzen Stufen hinab, bog vor dem Tempeleingang ab und schritt eine weitere Treppe hinunter. Dann fehlte auch nicht mehr viel bis zur Taverne. Unten in der Senke, in der die Siedlung lag, hüllte inzwischen die Nacht alles ein, dass nicht im Schein der Fackeln der Redoranwachen erleuchtet wurde. Einzig am Marktplatz ein Stück vor ihr flackerte es auch ohne die mobilen Leuchter. Abgesehen davon schien sie jedoch die einzige zu sein, die sich tatsächlich noch mehr oder weniger freiwillig draußen aufhielt.
Sie durchquerte gerade einen besonders dunklen Abschnitt auf ihrem Weg zum Wirtshaus, als sich von hinten ein Arm um ihre rechte Seite legte und jemand von unten ihre Kehle mit festem Griff packte. Die Augen weiteten sich vor Schreck und sie sog scharf die Luft ein, während das Herz einige aufgeregte Sprünge vollführte und ihr das Buch entglitt. „Guten Abend, Nevara“, flüsterte ihr eine messerscharfe Männerstimme ins linke Ohr. „Oder sollte ich sagen: Vesana?“ Eine kalte Spitze drückte sich von hinten gegen ihre linke Körperhälfte, etwa auf Höhe des Herzens. „Ihr hieltet Eure Namenswahl wohl für sehr ausgefuchst, nicht wahr?“ Seine Worte schnitten kühl durch die nächtliche Luft, keine Emotion spiegelte sich in ihnen, außer einer Brise Verachtung vielleicht. „Möglicherweise war sie das auch“, der Sprecher wechselte die Seite und drückte sich nahe ihrem rechten Ohr gegen ihren Kopf, um noch leiser sprechen und sich dennoch sicher sein zu können, dass sie ihn verstand. „Überall, nur nicht hier.“ Nach Überwinden der ersten Schockstarre und der Rückgewinnung einiger klarer Gedanken, griffen die Hände der Kaiserlichen instinktiv nach dem kräftigen Arm des Mannes, der sie von hinten festhielt. Weit und breit war keine Wache zu sehen und zu sprechen vermochte sie nicht mit den kraftvollen Fingern, die ihr die Luft im Hals abschnürten. „Tsts, nicht doch“, kommentierte der Fremde und drückte die Spitze stärker gegen ihren Rücken. Sie spürte einige Blutstropfen über ihre Haut rinnen.
„Ich vergesse nicht, Vesana“, sprach er weiter, abermals die Seite wechselnd und sich erneut gegen sie drückend, „und ich vergebe nicht.“ Ein Bauchgefühl ließ der Kaiserlichen den kalten Schweiß ausbrechen. Zunehmende Unruhe und ein Anflug von Panik ergriffen von ihr Besitz, während sie zuvor zunächst noch versucht hatte, Geduld zu wahren und auf eine vorbeikommende Wache gehofft hatte. Inzwischen waren sowohl die Hoffnung, als auch ihre Selbstbeherrschung zunichte. Sie wand sich in seinem Arm und versuchte sich trotz des Messers in ihrem Rücken zu befreien. Allerdings schnitt sie sich damit nur selbst und löste den Schraubstock um ihre Brust und den Hals keineswegs. Der Mann hinter ihr, von dem Vesa inzwischen annahm, dass es sich um einen Dunmer handelte, lachte verächtlich. Sie brauchte nur noch einen Hinweis, um sich sicher zu sein und den lieferte ihr der Angreifer kurz darauf freiwillig, wenngleich die Jägerin gerne darauf verzichtet hätte. „Seid so freundlich und grüßt Eure Mutter von mir, ja?“
Genau in diesem Moment stach der Fremde zu. Unglaubliche Pein durchfuhr ihre linke Körperhälfte. Die Luft blieb jetzt gänzlich weg, das Herz schlug unkontrolliert und sprunghaft. Sie begann zu zittern und griff sich unter die Brust. Feuchtigkeit benetzte ihre Finger. Wie in Trance schaute sie an sich hinab. Im spärlichen Licht der Nacht und dem weit entfernten Flackern blitzte eine stählerne, schlanke Spitze auf, die sich kurz darauf schmatzend aus ihr zurückzog. Der Schraubstock lockerte sich und sie sackte in die Knie, unfähig zu stehen. Entsetzt blieb ihr Mund offen stehen, der Druck der eigenen Hände verhinderte nicht, dass ihr Lebenssaft aus der Verletzung quoll. Qualvoll versuchte sie zu atmen, doch funktionierte es kaum, als ob die Luft an anderer Stelle aus ihr entwich. Mit dem Ausatmen blubberte noch mehr Blut aus der Stichwunde. Auch aus Mund und Nase tropfte das Rot.
Kraftlos fiel sie zur Seite in die Asche und schaffte es nicht einmal mehr, sich mit den Händen abzufangen. Stattdessen fuhren nur einige weitere Stiche durch die linke Hand, als ob sie in einen Igel gegriffen hatte. Aber auch dieses Gefühl ließ schnell nach und verschwand in den Hintergrund unendlicher gedanklicher Leere. Aus weiter Ferne, als ob es aus einer anderen Zeit und Welt käme, drangen Kampfgeräusche zu ihr. Animalisches Brüllen, schmerzerfüllte Schreie und bald darauf Waffenklingen und Rüstungsklappern. Es spielte keine Rolle.
Irgendwo zwischen Leben und Tod gefangen versuchte sich die Kaiserliche wegzuschleifen und irgendwie näher an Lichtschein zu gelangen. Langsam wie eine Schnecke, wenn überhaupt, kam sie vorwärts. Schmerzen lähmten sie, wenngleich auch sie allmählich abflauten und zum Einheitsbrei der Ohnmacht verschmolzen. Kaum zwei Schrittlängen weit bewegte sie sich fort, bevor sie völlig entkräftet liegen blieb. Wenige letzte Gedankeblitze schossen ihr vor der hereinbrechenden Finsternis durch den Kopf, doch hatten sie nichts mehr mit ihrem verflogenen Kampfeswillen zu tun, der zuvor noch alles an ein mögliches Überleben gesetzt hatte. Dieser Bastard, dieser räudige Bastard eines Assassinen hatte sie tatsächlich gefunden. Hier, am Hinterteil der Welt. Es war unfassbar. Zu Schrecken, Entsetzen und Schock mischte sich nun auch Fassungslosigkeit. Bald darauf erloschen auch diese letzten Gedanken und selbst die aufkeimende Wut verglühte im Nichts.


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Bahaar
30.08.2013, 13:11
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Sie rannte durch die Dunkelheit, ziellos einfach nur gerade aus. „Wie konntest Du nur?!“, schrie sie. Ihre Stimme drohte zu brechen.
„Wo willst Du hin, Vesa?“, klang es hohl aus weiter Ferne, obgleich schon fast omnipräsent von überall her.
„Sag‘ Du mir nicht, was ich zu tun und zu lassen habe!“
„Ich bin Dein Vater, natürlich sage ich Dir das!“ Tränen rannen ihr über die Wangen in den Mund. Die Nase verstopft bekam sie kaum noch Luft.
„Lass‘ mich in Frieden! Du bist nicht mehr mein Vater!“

Sie stolperte, strauchelte und fiel. Auf einem Flecken Gras kauerte sie vor etwas, das von Tränen verschwommen beinahe wie ein Grabstein aussah. Regen durchnässte sie bis auf die Knochen. Die zitternden, eiskalten Finger der linken Hand strichen am Stängel einer Todesglockenblume entlang und hoben die schwere Blütenstaude an. Zahllose dieser traurigen Gewächse zierten das Grün um sie herum. Glasklare Perlen, die bei der leichtesten Berührung das Weite suchten und sich gegenseitig verjagten, schmückten jede einzelne. „Es tut mir leid. Es tut mir so unendlich leid“, flüsterte sie. Ihre Worte verschluckte der Regen. „Ich werde euch in nächster Zeit nicht mehr besuchen kommen können. Bitte vergebt mir.“ Sie blickte von der Blume auf, der graue, moosbewachsene Stein schien sich von ihr zu entfernen und tauchte zunehmend in Finsternis. „Grüßt Mutter von mir.“ Das Gras zerfiel unter ihr, löste sich in Schwärze auf.

Wärme, ein flackerndes Feuer in einem molligen Raum. Holzstreben, die die natursteinernen Wände und die Holzdecke stützten. Einige Stühle und ein paar Frauen und Männer der verschiedensten Rassen. Ein paar trugen Waffen. Alle schienen einen ruhigen Abend mit Bier und Essen zu verbringen. Vesa schaute erst zu Boden, anschließend leicht zur Seite in das Gesicht eines Orks. „Es tut mir leid, ich muss fort.“
„Wohin willst Du?“, fragte er zurück, die wulstigen Lippen standen sich beim Sprechen selbst im Weg.
„Weiß ich noch nicht.“
„Warum willst Du fort?“
„Ich muss. Tut mir leid.“ Sie wandte sich ab, trat auf eine Tür zu und noch bevor der Orsimer sie aufhalten konnte verschwand sie durch den Ausgang in ein Meer aus Pech.

Ein männliches Gesicht, voller Hingabe und Zuneigung, gleichsam von Sorge und Bedauern gezeichnet. „Geh‘ nicht!“, fehlte Vesana.
„Ich muss. Aber ich verspreche Dir, dass sie mich nicht kriegen werden und wir uns bald wiedersehen.“ Die Züge des Kaiserlichen mit den schwarzen Haare im Linksscheitel und dem gepflegten Kantenbart verschwammen im Nichts.
„Nein, bleib!“ Rief sie in die Dunkelheit hinein und blieb allein zurück.

Die Luft blieb ihr weg. Die Eingeweide wurden leicht, Wind zerrte an ihrer Kleidung und dem Haar. Füße und Hände fanden keinen Halt. Sie fiel. Sie fiel in einen Ozean der Unendlichkeit, unfähig zu denken oder zu sprechen. Hilflos trudelte sie durch die Ewigkeit, kaum in der Lage die eigene Hand vor Augen zu sehen, denn geschweige ihre Umgebung, den Himmel oder den Grund, auf den sie zutrieb. „Vesa“, drang eine sorgenvolle Frauenstimme aus der dunklen Ferne zu ihr vor, „es … es tut mir leid, aber …“
„Aber, was?“ Ein Kloß formte sich in ihrem Hals, raubte ihr die Fähigkeit zu sprechen.
„Ich … glaube, er wird … er ist schon so lange fort …“ Sie wollte etwas sagen, widersprechen, schreien. Es ging nicht. Kaum öffnete sie den Mund, fühlte es sich so an als ob Wasser gewaltsam ihren Rachen hinab in Magen und Lunge presste – es fühlte sich wie ertrinken an und erstickte so sogar den eigentlich unbändigen Drang zu fliehen, einfach wegzurennen. Sie bekam keine Luft, musste husten, griff sich an die Kehle, spürte den unbändigen Drang sich zu übergeben. Doch noch vorher schwanden ihre Sinne und sie verlor jedes Empfinden für Zeit. Einzig der Schmerz blieb.

Vesana sog die Luft ein, als wäre sie ihr viel zu lange weggeblieben, und bäumte sich auf. Ein feuriger Stich in der linken Brust ließ sie qualvoll aufschreien, doch endete es abrupt in heftigem Husten, das einen kleinen Schwall Blut hervorwürgte. Benommen und orientierungslos fiel sie zur Seite um, spuckte das Rot aus, ohne zu wissen wohin, und stürzte aus erhöhter Position auf harten Grund. Instinktiv griff sie sich an die schmerzende Stelle und drückte dagegen, als ob sie so die Pein zerquetschen konnte. Stattdessen schossen nur zusätzliche Blitze durch den Leib, die für Krämpfe, Zuckungen und weiteres Stöhnen, Schreien und blutiges Husten sorgten. Kälte zog ihr in die Glieder, ließ sie zittern, und dennoch stand ihr der Schweiß auf der Stirn.
Es dauerte lange, bis das Stechen nachließ und sich ihr gequältes Ringen um geistige Fassung in Schluchzen und einfaches Weinen wandelte. Nur in ein weißes, ihr viel zu groß geratenes Hemd aus Leinen gehüllt schlang sie die Arme um sich selbst und zog die Beine an, um die Muskeln um den Brustkorb zu entspannen. Eine einfache Decke aus Wolle hatte die Kaiserliche mit sich gezerrt, als sie aus dem gefallen war, das sich erst nach und nach im deutlicher werdenden Sichtfeld als ein Bett entpuppte. Einige Öllampen sorgten für schummriges Zwielicht. Allmählich gewann ihr Umfeld an Klarheit, verschwamm jedoch bei jeder noch so geringfügigen Bewegung und selbst die Atemzüge, egal wie flach und langsam sie sie hielt, brannten wie flüssiges Feuer. Das Zucken in ihren Gliedern ließ nach, doch die Tränen flossen unaufhörlich. Sie nahm eine ihrer Hände und hielt sich den Kopf, in dem ein Gedanke den anderen jagte und vertrieb. Nichts blieb fassbar, ein ewiges Karussell, das sich hinter ihrer Stirn drehte. Hin und wieder geriet es aus dem Takt und hämmerte von innen gegen die Schläfen bevor es sich fing und weiterdrehte, als wäre nichts gewesen.
Ihr wurde schwindelig davon und bald drehten sich nicht nur die Gedanken im Kreis, sondern auch ihr Gleichgewicht. Bevor sich jedoch ihr Magen umdrehen und verkrampfen konnte, spürte sie wie jemand je einen Arm unter ihre Kniekehlen und ihre Schultern schob. Kurz darauf verlor Vesa den Bodenkontakt, fand sich jedoch gleich danach auf einer weicheren Unterlage wieder. Die Arme wurden weggenommen und sie sackte in sich zusammen. Jemand deckte sie zu und hob anschließend ihren Kopf. Sie spürte einen sanften Druck an ihrer Unterlippe und erkannte gerade so aus dem Augenwinkel eine grauhäutige Hand, die ein Schälchen hielt. „Trinkt das und schlaft. Ihr braucht Ruhe.“ Die weichen, einfühlsamen Töne weckten Vertrauen. Mühsam öffnete die Kaiserliche ihren Mund einen Spalt weit und ließ die bittere, kühle Flüssigkeit hineinlaufen. Einen Großteil schluckte sie, doch musste sie zum Schluss husten, weil ihr einige Tropfen in die Luftröhre geflossen waren. Was heraus- und ihre Wange hinabrann wurde wenig später mit den Blutreste von zuvor weggetupft. „Schlaft“, flüsterte die Männerstimme erneut. Kurze Zeit später fühlte sie, wie die Schmerzen nachließen, sich der Knoten in ihrem Kopf löste und sich ihre Muskeln entspannten. Sie fand etwas Frieden.

Weniger gepeinigt schlug Vesana später abermals ihre Augen auf. Sie lag auf dem Rücken, die Wolldecke reichte, trotz des zerwühlten Zustandes, bis zum Halsansatz. Ihre Haut im Gesicht fühlte sich verklebt an, wie am Morgen nach einer langen Fiebernacht. Die Hände befanden sich an ihren Seiten und hielten sich flach unter dem dicken Tuch versteckt. Langsam schärften sich die Konturen der Umgebung. Es schien ihr, als befände sie sich in einem typischen Redoran-Haus. Die gewölbten, beigefarbenen Wände und der Mangel an Fenstern sprachen dafür. Ansonsten verriet nichts in dem kleinen Raum, wo genau sie war. Ein einfacher Schrank, eine Kommode mit einem Tonkrug und dazugehörigem Schälchen, zwei Stühle an einem kleinen Tisch und ein runder, gemusterter Teppich auf dem dunklen Boden aus groben Steinen. Es fiel ihr schwer alles auszumachen, nicht nur, weil Dinge in weiterer Entfernung verschwammen, sondern auch weil sie den Kopf auf dem steifen Hals kaum zu bewegen vermochte.
Trotz der Schwierigkeiten, die sie bereits damit hatte, wollte sie versuchen aufzustehen. Wo auch immer sie sich aufhielt, es konnte nicht außerhalb von Morrowind sein und das musste sie schnellstmöglich verlassen. Mit etwas Schwung versuchte sie sich auf die Seite zu drehen und drückte sich gleichzeitig mit der linken Hand am Bett ab. Die Beine hingen halb aus ihrer Schlafstatt heraus, als sie stöhnend innehalten musste und beinahe vornüberkippte, weil ihr die ein Schwerttänzer durch die Brust wirbelte. Die Luft blieb ihr weg und trieb Tränen in ihre Augen. So verharrte sie einige Momente, um Kraft und Fassung zu sammeln. Die Rechte zu Hilfe nehmend, stemmte sich die Kaiserliche in eine sitzende Position hoch und rang mit sich, nicht gleich wieder umzufallen, weil ihr der Schwindel zu Kopf stieg und sich die Umgebung zu drehen begann. Vorsichtig übte sie mehr Druck auf die kraftlosen Füße aus und blieb zunächst gebückt, damit sie sich weiter an dem niedrigen Bett abstützen konnte und die Muskeln am Oberkörper nicht auseinander zog. So schaffte es die Jägerin immerhin, einen kleinen Schritt nach dem anderen und mit vielen Sammelpausen, sich bis zur Kommode durchzuschlagen.
Dort angekommen setzte sie beide Hände an der Kante der Ablagefläche ab und versuchte sich weiter in eine aufrechte Haltung zu hieven. Doch mit hoch erhobenem Kopf übernahm sie sich schließlich. Die Knie wurden weich und gaben nach. Unbeholfen versuchte sich Vesana abzufangen, räumte jedoch nur die Tongefäße ab, die daraufhin lautstark zerberstend auf dem Boden aufschlugen. Sie ging in die Knie und der Kopf fühlte sich so bleiern schwer an, dass er einfach nach vorn auf den Steingrund sackte. Der Schwindel ließ sie zur Seite gegen das dunkle Möbel sinken.
Eine gefühlte Ewigkeit später vernahm sie, wie eine Tür aufgeschoben wurde und anschließend zurück ins Schloss fiel. Schnelle Schritte näherten sich ihr und ein Schatten tauchte über ihr auf. Jemand in einer hellblauen Robe kniete sich neben die Kaiserliche und nahm ihren linken Arm hoch. „Ihr solltet doch ruhen!“ Es handelte sich um die Stimme, die sie schon zuvor vernommen hatte. Er legte sich ihren Arm um die Schulter und half ihr auf die wackeligen Beine. „Kommt, lasst mich Euch zurück zu Eurem Bett bringen. Da Ihr nun schon wach seid und einfache Anweisungen nicht zu wirken scheinen, erkläre ich Euch, warum es gut für Euch wäre, zu ruhen.“ Der Unbekannte geleitete sie zu ihrer vorherigen Ruhestätte und half ihr dabei, sich zu setzen. Im Anschluss legte er ihr die Decke um die Schultern. Erst jetzt realisierte die Jägerin richtig, dass es sich um einen Dunmer handelte und er seiner aufwändig gearbeiteten Robe nach zu urteilen als Geistlicher diente. Allmählich dämmerte ihr, wo sie sich befand.
Doch Worte zerflossen ihr auf der schweren Zunge, noch bevor sie überhaupt dazu kam die erste Silbe auszusprechen. Als wäre sie betrunken drehte sich ihr Sichtfeld und wie ein Sack Reis plumpste sie nach hinten gegen die Wand. Glücklicherweise war es bis zu dieser nicht sehr weit und so blieb sie einigermaßen aufrecht, der Kopf im Nacken. Während sie so dasaß und sich kaum zu rühren vermochte, rückte jemand einen Stuhl zurecht. „Trinkt das“, der Dunmer von zuvor setzte ihr wieder etwas an die Lippen. „Es wird Eure Gedanken etwas klären.“ Vesana schluckte die widerlich saure und zugleich ekelhaft bittere Flüssigkeit, musste dann jedoch aufhören, weil ihr der Trunk aufstieß.
Immerhin, der Mann hielt Wort. Es dauerte zwar einige Zeit, doch stabilisierte sich ihr Gleichgewicht danach etwas und auch Worte zerronnen nicht gleich, wohl aber noch bevor sie sie zu einem Satz zusammensetzen konnte. „Wo?“, brachte sie heraus, zu sprechen brannte in ihrer Lunge. Die Augen streiften weiterhin unruhig, ohne Fokus über die Umgebung und an der Decke entlang.
„Ihr befindet Euch im Tribunals-Tempel in Rabenfels. Ich bin Ältester Othreloth.“
„Was?“
„Ihr wurdet vor fünf Tagen angegriffen. Der Angreifer konnte fliehen und wurde noch nicht gefunden. Ihr überlebtet knapp. Der Stich führte wohl nur um Haaresbreite am Herzen vorbei. Die Verletzung an Eurer Lunge blieb in einem heilbaren Rahmen, weil die Waffe schmal und scharf war, weshalb sich das zerstörte Gewebe in Grenzen hielt. Dennoch, die Heilung braucht Zeit und obwohl die äußeren Wunden verschlossen sind, bleibt das Gewebe im Innern verletzt.“
Langsam gewann Vesana genügend Selbstbeherrschung zurück, um die Augen auf den Priester zu lenken. Seine alten Züge mit den langen weißen Haaren und dem spitzen Bart verschwammen jedoch häufig. Einen Funken Sorge glaubte sie aber trotzdem zu erkennen. „Ich … weg“, versuchte sie auszudrücken, dass sie schnellstmöglich verschwinden musste.
„Es tut mir leid, aber Ihr befindet Euch noch lange nicht in einer Verfassung, in der Ihr längere Reisen unternehmen könnt.“
„Gjalund … Windhelm …“
„Er kommt erst in einigen Tagen zurück. Ich glaube nicht, dass Ihr dann schon in der Verfassung sein werdet, zu reisen.“ Unbeholfen suchten ihre Hände nach etwas, an dem sie sich festhalten konnten. Sie musste hier weg. Schnell. Sofort. Ihr Magen drehte sich um, als sie ihre eigene Hilflosigkeit realisierte. Wie so oft in Momenten, in denen sie sich einsam und ungeschützt fühlte, griffen ihre Finger an ihre Brust wo sonst das Amulett hing. Sie fanden es nicht. Die Lippen begannen zu beben, Tränen entwanden sich den Augenwinkeln und sie krallte sich in die Decke. Nicht einmal mehr die sonst letzte rettende Insel in den schlimmsten Stürmen blieb ihr noch.
„Meine … Sachen?“, würgte sie hervor, als ihr ein vereinzelter klarer Gedanke Hoffnung gab.
„Was Ihr bei Euch getragen habt und in Eurem Zimmer in der Taverne gelegen hat, befindet sich in dem Schrank dort drüben.“ Er deutete mit einer Hand in die Richtung. „Euer Wagen steht unverändert in der Ebenerzmine. Crescius Caerellius wacht über ihn.“ Othreloth stand auf und beugte sich vor. „Bitte, ruht Euch aus. Wenigstens noch ein, zwei Tage.“ Unter sanftem Druck sah sich Vesana gezwungen, wieder in die Waagerechte zu gehen. Der alte Dunmer schien in der Tat sehr um ihr Wohlbefinden besorgt. „Wenn es Euch dann besser geht und das Fieber und der Schwindel von allein nachgelassen haben, habt Ihr meine vollste Unterstützung schnell wieder auf die Beine zu kommen. Solltet Ihr bis zu Gjalunds Abreise nach Windhelm allein stehen und gehen können, so werde ich Euch nicht am Aufbruch hindern.“ Er deckte sie zu und tupfte über ihre Stirn. „Dass Ihr von hier fort möchtet, kann ich gut verstehen, glaubt mir, doch kann ich nicht verantworten, Euch in Eurem jetzigen Zustand ziehen zu lassen.“ Der Geistliche saß inzwischen wieder aufrecht auf seinem Stuhl. „Bis dahin seid Ihr hier sicher. Vor Eurer Tür stehen zwei Wachen, die dazu angehalten sind nur mich hineinzulassen und bei jedem Geräusch aus diesem Raum nachzuschauen und mich zu Hilfe zu holen. Euch kann hier nichts geschehen, wenn Ihr nicht selbst Eure Fähigkeiten überstrapaziert.“ Mit diesen Worten erhob er sich, schob seinen Sitz zurück an die Seite und verschwand aus dem Raum. Vesana blieb in Schmerz und Einsamkeit zurück.


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Bahaar
07.09.2013, 15:59
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Ein Krug und Schälchen standen inzwischen nicht mehr auf der Kommode, deren Vorgänger Vesana von dieser gefegt hatte, sondern ganz am Rand auf dem kleinen, runden Tischlein mit den zwei Stühlen. Ihr Tornister lehnte von außen am einzigen Schrank im Zimmer. Ansonsten entdeckte sie nichts, dass sie nicht zuvor schon schemenhaft wahrgenommen hatte, während sie auf der Seite lag und zum ersten Mal wieder einigermaßen klar zu denken vermochte. Das Atmen fiel ihr nach wie vor schwer, aber immerhin schmerzte es nicht mehr so sehr, dass es ihr jedes Mal die Sehschärfe raubte. Außerdem schien der Schwindel verschwunden zu sein, zumindest solange sie lag. Aber genauer würde sie es in Kürze wissen. Entschlossen, dieses Mal weiter als bis zum niedrigen Ablageschränkchen zu kommen, streckte die Jägerin die Füße unter der Bettdecke hervor und stützte sich zunächst auf den rechten Ellbogen. Anschließend brachte sie sich in eine sitzende Position und schlang die Wolldecke um die Schultern. Ein wenig fröstelte es ihr noch, aber das mochte gut auch am Hunger, Durst und dem allgemeinen Gefühl von Schwäche liegen und nicht an einer kühlen Umgebung.
Sich auf jede einzelne Bewegung konzentrierend begann Vesa damit aufzustehen. Anschließend tastete sie sich gebückt erst am Bett und anschließend an der Kommode entlang. Dort hielt sie wie zuvor inne und brachte sich in eine normale Körperhaltung. Das Ziehen in der Brust strafte sie jedoch unverzüglich ab, weil sie zu hastig agierte und so krümmte sie sich erst noch einmal, bevor sie wieder normal Luft bekam. Im Anschluss setzte sie den Weg zur Tür fort und hatte dabei immer eine Hand an der Wand, um sich selbst ein gewisses Sicherheitsempfinden bei ihren Schritten zu vermitteln. An der Tür angekommen, lehnte sie sich mit der Schulter gegen die Wand und drückte die alte Eisenklinke hinunter. Ein Dunmer mit feuerrotem Haar und einem linksseitig umfassend tätowierten Gesicht wandte sich ihr augenblicklich zu. Etwas Überraschung huschte über die sonst steinernen Züge. Vesana brauchte einen Moment, um die bekannte Erscheinung zuzuordnen, aber schenkte der Wache von der Basaltmauer schließlich ein völlig entglittenes, schiefes Lächeln zum Gruß. „Könntet Ihr“, begann sie mit kraftloser Stimme zu sprechen, „den Ältesten Othreloth holen?“ Der Dunmer nickte und verschwand aus dem Sichtfeld der Kaiserlichen.
Diese schloss den Durchgang und kämpfte sich zurück zu ihrer Schlafstatt, auf die sie sich schließlich sinken ließ und erschöpft zurück gegen die Wand lehnte. Die Augen geschlossen wartete sie darauf, dass der Priester kam. Erst, als sie vernahm, wie die Tür aufgeschoben wurde, hob sie die Lider. Der alte Dunmer mit den langen, weißen Haaren und in einem Zopf auslaufenden Kinnbart nahm sich einen Stuhl und setzte sich vor die Jägerin. „Wie geht es Euch?“, seine dunkelrot glühenden Augen strahlten zwar eine gewisse Bedrohlichkeit aus, doch die feinen Falten an den Augenwinkeln und die weiche Tonlage ließen diese schnell vergessen werden.
„Kraftlos“, entgegnete Vesa. „Und hungrig.“ Othreloth lächelte.
„Dagegen können wir etwas unternehmen. Hunger ist ein gutes Zeichen. Wie geht das Atmen?“
„Schwer. Aber besser.“ Der Geistliche nickte und zupfte sich am Bart.
„Was haltet Ihr davon, wenn ich Euch eine Suppe und etwas Wasser bringe und wir uns versuchen zu unterhalten?“
„In Ordnung.“ Als ob sie auch eine Wahl hätte. Aber sie wollte nicht klagen, immerhin verdankte sie diesem Mann ihr Leben, da ließ sich ein kleines Gespräch schon verkraften. Im Zweifel konnte sie immer noch abbrechen, weil ihr die Kraft zum Sprechen fehlte.
„Setzt Euch doch schon an den Tisch, ich komme gleich zurück.“ Damit erhob sich der Priester und schob den Stuhl zurück an seinen vorherigen Platz. Vesana harrte noch einen Moment auf dem Bett aus, dann kämpfte sie sich zum Rundtisch vor und setzte sich. Die Decke hielt sie nach wie vor um die Schultern geschlungen, obgleich es nichts gegen die frierenden Zehen und Füße half. Wenig später kehrte der grauhäutige Weise zurück, stellte eine dampfende, herb duftende Suppenschüssel vor sie, legte etwas Brot dazu und schenkte aus einem Krug Wasser in eine Tasse. Er ließ die Kaiserliche erst einmal einige Löffel voll der kräftigen Kräuter- und Gemüsebrühe schlucken und schwieg.
Das heiße Mahl weckte frische Lebensgeister in Vesa. Sie spürte förmlich, wie neue Energie durch ihren Körper strömte und das leichte Zittern, das ihren Körper fest umklammert hielt, allmählich zurückdrängte. Ihre leichenblassen Hände und Unterarme erhielten bald darauf eine leichte fleischige Färbung und nach der Hälfte der Schüssel verebbte auch das Beben der Lippen. Geschmack zählte in diesem Moment nicht, die neugewonnene Kraft rechtfertige zu diesem Zeitpunkt so gut wie alles. Zusammen mit dem Brot sättigte die warme Mahlzeit auch noch in völlig ausreichendem Maße. Zufrieden lehnte sich die Kaiserliche zurück, trank noch einen Schluck und fasste anschließend die Enden der Decke, um sie dichter um sich zu schlingen.
„Besser?“, fragte Othreloth.
„Ja.“
„Denkt Ihr, wir können uns etwas über die Geschehnisse von vor einer Woche unterhalten? Was Ihr gesehen habt und was genau eigentlich passiert ist?“
Sie schaute den Geistlichen an, musterte seine tiefroten Augen und die Regungen auf dem Gesicht, um ihn besser kennenzulernen, doch verrieten die Züge wenig mehr, als ihr schon bekannt war. Es schien, als wollte er zu Schonungszwecken die Befragung der Verletzten übernehmen und sie nicht den Gardisten der örtlichen Behörden überlassen. „Ich werde Euch sicherlich nur wenig erzählen können, aber ja“, stimmte Vesana zu. Einiges wollte sie auch nicht erzählen, aber das musste der Priester nicht wissen.
„Wisst Ihr, wer Euch angegriffen hat?“
„Nein.“ Die erste Lüge gleich zu Beginn. Sie kannte nur nicht seinen Namen. „Der Waffenwahl nach zu urteilen aber ein Assassine.“ Einer aus der Morag Tong, um genau zu sein. Allein der Gedanke an diese Organisation ließ gleichermaßen Wut wie Furcht in ihr aufsteigen. Welches genau es war, das sie die Faust unter der Decke ballen ließ, wusste sie nicht. Auf jeden Fall stieß ihr die Suppe im Magen auf und nur mühsam gewann sie die Oberhand über die aufquellenden Gefühle.
„Ja, das liegt nahe. Auch, da er sich schnell entfernen konnte und unverändert verschwunden bleibt“, dachte der Älteste des Tempels laut darüber nach. Er zupfte sich grübelnd unaufhörlich an Kinn und Bart herum. „Könnt Ihr Euch an irgendetwas genauer erinnern? Hat er etwas gesagt? Wie hat er Euch überfallen? War es ein Mann, oder eine Frau?“
„Ich vermute, dass es ein Dunmer war. Ein Mann. Er hat mich von hinten festgehalten und niedergestochen. Mehr ist da nicht.“ Die Worte des Meuchlers spielten keine Rolle und waren ohnehin privat. Selbst wenn sie sie kundgab, änderte das nichts. Ihren Angreifer würden die Wachen hier ohnehin nie zu fassen bekommen.
„Hm, das ist nicht sehr viel.“
„Tut mir leid, es ging alles so … so verdammt schnell“, sie brach künstlich ab, strich sich mit der Linken über das Gesicht und massierte die Augen. Diese Standardfragen führten zu nichts.
„Schon in Ordnung, verzeiht“, entschuldigte sich der Priester. „Nur eines noch, zum Abschluss: Habt Ihr etwas von einem Bären mitbekommen, der sich in der Nacht in Rabenfels aufgehalten hat?“
Jetzt wurde die Kaiserliche hellhörig und schaute auf. „Ein Bär?“ Konnte es das gewesen sein, was sie kurz vor der Ohnmacht noch vernommen hatte? Dieses animalische Grollen begleitet von Kampfgeräuschen?
„Ja. Es scheint, als hätte er sich zum Zeitpunkt des Überfalls auf Euch in der Straße aufgehalten und Euren Angreifer attackiert. Die Wachen sind erst durch ihn darauf aufmerksam geworden, dass sich etwas ereignet hat. Als sie eintrafen, rannte er jedoch durch den Tunnel im Bollwerk hinter einer schlanken Gestalt her.“
Vesana überwand ihre erste Neugier und Überraschung und schüttelte sacht mit dem Kopf. „Nein, tut mir leid. Ich habe nichts bemerkt.“ Für die Zeit vor und während des Überfalls traf dies auch zu.
„Schon in Ordnung. Wenigstens habt Ihr es überstanden.“ Freundlichkeit stahl sich auf die Züge des Dunmers und er faltete endlich die Hände im Schoß zusammen. Das Fummeln am Bart hatte mit der Zeit zu stören begonnen.
„Ich würde mich gerne noch etwas bewegen. Umherlaufen, vielleicht“, wechselte Vesa das Thema. Wenn sie sich jetzt wieder hinlegte oder allein zurückblieb, wären unangenehme Gedanken und Erinnerungen vorprogrammiert. Mit der kalten Wut im Bauch und der Furcht in den Knochen in einem stillen Raum und allein zu ringen erfüllte nicht gerade ihre Vorstellungen von Erholung und Rückgewinnung von Kraft. Sie musste sie herauslaufen und irgendwo vor der Zimmertür abladen.
„Natürlich. Lasst mich Euch aufhelfen, dann bringen wir die Schüssel weg und gehen etwas durch den Tempel.“ So taten sie es dann auch.

In den folgenden Tagen erlangte die Jägerin sehr rasch ein Grundmaß ihrer Kräfte zurück und sah sich letztlich in der Lage, auch ganz ohne fremde Hilfe zu gehen. Zwar hatte sich noch längst nicht ihre übliche Verfassung wiederhergestellt, aber immerhin ließen sich einfache Wege erledigen – regelmäßige Pausen zum Luft holen und Sammeln vorausgesetzt. Othreloth befand am Morgen des zehnten Tages nach dem Überfall, dass sie soweit ausreichend genesen war, dass sie die Rückreise nach Himmelsrand antreten konnte. Nicht zuletzt verdankte sie das den Heilkünsten des Priesters und der Unterstützung der örtlichen Alchemistin.
„Die salzhaltige Seeluft sollte Euch gut tun“, erklärte der Geistliche, als sie sich verabschiedeten. „Und hier habt Ihr noch drei kleine Heiltränke, die Ihr in den nächsten Tagen zusätzlich als Dampfbad einatmen solltet, damit die regenerierende Wirkung ohne Umwege direkt an die verletzten Stellen dringt. Ihr kennt das ja bereits. Danach sollte der Heilungsprozess von alleine rasch voranschreiten und Ihr Eure alte Stärke zurückgewinnen.“ Vesana nickte und nahm den Beutel mit den Fläschchen entgegen. „Es tut mir leid, dass man Euren Angreifer noch immer nicht gefunden hat. Passt auf Euch auf.“
„Habt Dank für Eure Fürsorge. Das werde ich.“
„Lebt wohl.“
„Ihr ebenso.“ Mit diesen Worten wandte sich die Kaiserliche von dem Priester ab und trat vom Anlegesteg auf Gjalunds Kahn. Sie hatte Othreloth noch eine kleine Spende für den Tempel dagelassen, aber das wusste er noch nicht. Vermutlich hätte er sie nicht angenommen. Möglichst schnell verschwand sie unter Deck und legte sich in eine Hängematte. Wenig später ließen sie Rabenfels hinter sich. „Bloß weg von hier“, flüsterte sie zu sich selbst. Weit, weit weg von allem, das auch nur ansatzweise im Zugriffsgebiet der Assassinengilde aus Morrowind lag. Zurück in heimische Gefilde. „Alles nur wegen Dir, Vater, nur wegen Dir. Gut gemacht!“ Der Magen krampfte und die Finger gruben sich in den Stoff ihrer Tunika auf dem Bauch. Hass vergiftete ihren Hunger bis er schließlich daran verstarb und verhinderte überdies, dass sie Schlaf fand.


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Bahaar
13.09.2013, 18:17
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Vermutlich war es ohnehin noch zu früh, um sich wirklich wieder zur Ruhe zu begeben. Wenn Vesa so recht darüber nachdachte, erschien es ihr fast schon lächerlich sich noch vor dem Mittag, wenige Stunden nach dem Aufstehen, erneut in die Waagerechte zu begeben und zu glauben, sie könne den brachialen Tumult, der sich durch ihre Eingeweide kämpfte, verschlafen. Fast schon animalisch knurrend und zähneknirschend hievte sich die Kaiserliche aus der im Seegang schwingenden Hängematte. Kurzen Schwindel rang sie nieder indem sie sich an einem der Spanten festhielt. Hin und wieder machte die langsam heilende Lunge auf diese Weise und mit schnellen, heftigen Stichen durch die Brust auf sich aufmerksam. „Danke, Vater, danke. Du elender Hund“, murrte sie, während sie sich die schmerzende Stelle unterhalb des Busens hielt.
Als sich der Schmerz wieder legte, sie normal Luft bekam und sich nur noch bei besonders großen Wellen festhalten musste, versuchte sie schließlich die kalte Wut im Bauch niederzuringen. Sie musste endlich damit abschließen. Demonstrativ schnappte sie sich ihr Buch über die Geschichte Himmelsrands, sowie einen der kleinen Heiltränke und ein Tuch. Sie würde im Frachtraum der alten Nordmaid nach ihrem Karren sehen und von diesem eine feste Tonschüssel holen, die sich über einer Kerze erhitzen ließ. Da sie ohnehin nichts Besseres zu tun hatte, mochte sie auch gleich mit dem ersten Dampfbad für die Reise beginnen und im Anschluss ihren Geist mit Sachinformationen ablenken. Es brachte nichts, wenn sie in alten Sentimentalitäten verharrte. Sie wusste das, wenngleich es nichts daran änderte, dass sie oft genug daran hängen blieb und sie in vergrabenen Emotionen ertrank.
Die Balken und Holzstreben des Schiffes knarzten unter der Last, die sie zu halten hatten, hielten aber trotzdem allen Wellen stand, als wollten sie ihnen zeigen, wer hier stärker war. Die Spuren der Sturmschäden von vor einigen Wochen hatte der bärige Nord inzwischen flicken lassen. Neue metallene Platten und Spangen hielten schwach gewordene Stellen zusammen, einige Balkenteile hatte der Kapitän auch ganz austauschen lassen. Es handelte sich um durchaus teure Reparaturen. Ob ihre kleine Spende wenigstens im Ansatz etwas geholfen hatte, wusste die Kaiserliche nicht, aber letztlich bescherte ihr der Gedanke an die Möglichkeit trotzdem ein gutes Gewissen. Ein schmales Lächeln auf den Lippen schlängelte sich die Jägerin zwischen den Kistenstapeln hindurch bis zu ihrem Karren und kramte auf der Ladefläche herum, bis sie letztlich ihren Mörser fand. Dessen Schale eignete sich bestens für das Dampfbad – robust und groß genug für den Inhalt des kleinen Trankfläschchens.
Im Anschluss suchte sie im Schiffsrumpf ein geeignetes Plätzchen, um sich zu setzen. Der einzige Ort, an dem sie das fand, war im Gemeinschaftsraum im hinteren Teil des Kahns, unweit ihrer Hängematte. Die zwei Matrosen, die Gjalund zur Hand gingen, schienen sich mit diesem an Deck aufzuhalten und Vesa war der einzige Fährgast, also blieb sie allein in dem von schummrigen Laternenlicht erhellten Raum. Sie setzte sich an den langen Tisch in dessen Mitte auf eine der Bänke und stellte ihre Sachen ab. Einen Moment harrte sie so aus, holte Luft und ließ die Augen über das stumpfe Holz der Umgebung schweifen. Das eintönige Braun bot wenig Abwechslung, aber die suchte sie auch nicht. Stattdessen hoffte sie auf eine Art Teekanne, genauer deren Unterkonstruktion, um den Inhalt warm zu halten. Am ehesten würde sie wohl in dem schiefen Schrank am Ende des Esstisches fündig werden, also erhob sich die Kaiserliche wieder und stöberte darin. Tatsächlich fand sie, wonach sie suchte und das sogar mit einer passenden Kerze. Zurück am beanspruchten Platz ging das regelmäßige Ritual der letzten Tage in die nächste Runde. Trank in die Schüssel, Kerze anzünden und darunter stellen, sobald die Flüssigkeit zu dampfen begann Kopf über die Schüssel und mit dem Tuch abdecken.
Sie hasste dieses Ritual. Der Heiltrank stank erbärmlich nach alten, feuchtgewordenen Kräutern und undefinierbaren anderen Inhalten. Ein wenig erinnerte es sie sogar in ihren eigenen Körpergeruch, den sie erst mit dem Bad in der Taverne hatte ablegen können. Aber es half nichts. Sie musste hier durch und immerhin spürte sie mit jedem tiefen Atemzug, wie die aufgelösten Pflanzen und ihre Wirkstoffe über den Dampf in ihre Lungen drangen und die ihnen zugetragene Aufgabe erfüllten. Vesa fühlte förmlich, wie sich das verletzte Gewebe regenerierte. Ein gutes Gefühl, das endlich auch den Rest ihres Zorns verfliegen ließ. Ersetzt wurde er mit dem wiederauferstehenden Hunger und einer gewissen Regung von Erleichterung. Erleichterung vor allem darüber, dass sie noch lebte und sich endlich auf der Heimreise befand. Die vergangenen Wochen hatten ihr einige neue Erkenntnisse beschert, die sie erst einmal nach und nach verarbeiten musste. Allen voran jedoch vor allem die, dass sie sich freute zu den Gefährten zurückzukehren.
Freude. War es wirklich Freude? Ein Gefühl, das sie seit Monaten nicht mehr im Stande gewesen war zu empfinden. Nicht nach Darius‘ spurlosem Verschwinden, nicht nach seinem gebrochenen Versprechen und der sich über die verstreichende Zeit immer stärker aufdrängenden Erkenntnis mit anschließender Resignation, dass er wohl auch nie wieder zurückkehren würde – der eigentliche Ausgangspunkt ihrer Reise nach Solstheim, vor dem sie allerdings, wie sie mehrfach hatte schmerzlich feststellen müssen, nicht im Stande war davonzulaufen. Diese Hoffnung enttäuschte ihr Unterfangen am meisten. Und da war sie plötzlich wieder. Die Wut, Enttäuschung und Trauer. Nichts mit Freude. „Scheiße!“, fluchte sie viel lauter, als es ihr lieb sein mochte. Mit spürbarer Zornesröte auf dem Gesicht stand sie auf bis ihre Oberschenkel an die Tischkante stießen, während sie mit der rechten den Stößel derart heftig zur Seite schlug, dass er über das lange Ende der Tafel und an die Wand dahinter flog. Schellend zersprang die Schüssel in viel zu viele Teile, als dass sie sich zählen ließen. Das schnelle Aufstehen und der wutige Ausruf fuhren ihr durch die Brust und zu allem Überfluss riss gerade auch noch eine Welle am Schiffsrumpf, die den Kahn nach oben wuchtete, so dass die Bank unter Vesana kraftvoll gegen ihr Gesäß geschlagen wurde. Die Stauchung des Oberkörpers verleitete sie zu weiterem schmerzerfüllten Schreien. Kraftlos und paralysiert fiel sie zur Seite auf die Sitzgelegenheit, ihre Hände gegen die Brust gepresst. „Verfluchte Kacke“, stöhnte sie unter Tränen und nach Luft ringend, bevor sie seitlich von der Bank rollte und sich gerade noch rechtzeitig genug abfing, um schlimmere Schmerzen zu verhindern.
Niemand schien sie über das Knarzen der Planken und Spanten, wie auch das Schlagen der Wellen gegen den Kahn, gehört zu haben. Zum Glück, denn Gesellschaft konnte sie in diesen Momenten der Schwäche nicht gebrauchen. Auch nachdem die feurigen Stiche nachließen wollten die salzigen Perlen nicht aufhören zu fließen. Das Zittern in den Händen ließ nicht nach, bis sie die Scherben beseitigt, den verschütteten Trank aufgewischt und alles in einem Eimer entsorgt hatte. Zurück am Tisch pustete sie die Kerze aus, nahm sie sich das Buch, schlug die zuletzt angefangene Seite auf und starrte durch das Pergament. Sollte es denn niemals aufhören, der Verlust und Schmerz? „Scheiß Silberne Hand!“, knurrte sie und krallte sich fester an den Ledereinband. „Soll euch Hircine holen!“ Irgendwann, das wusste und schwor sich Vesana, würde sie an der Seite der Gefährten die letzten dieser räudigen Bastarde jagen, töten und sich so lange an ihren Leibern laben, bis nicht einmal mehr der hungrigste Straßenköter Windhelms noch etwas von ihnen haben wollte. Das war das Ende, das sie verdienten – kein anderes.
Bei dem Gedanken an ein derartiges Bankett kam ihre Jagdstimmung und ihr heißes Blut erst so richtig in Wallung. Ihr wurde heiß, das Herz begann zu rasen, die Atmung beschleunigte sich. Bilder wie sie durch die Nacht hastete, knurrend und heulend, immer hinter den nach Angst stinkenden Huren der Silbernen Hand her, und sie einen nach dem anderen zerfetzte, blitzten ihr vor das geistige Auge. Völlig willkürlich zuckten ihre Muskeln im Gesicht und den Schultern, ließen den Kopf herumrucken und sie die Augen immer häufiger schließen. Die Gerüche der Umgebung intensivierten sich und die Geräusche klangen klarer in ihren Ohren wider. Erregt bleckte sie mit der Zunge über die Zähne im halb geöffneten Mund. Die Eckzähne schoben sich bereits in die Länge und wurden zu scharfen Fängen. Die Fingernägel wuchsen weit über die Finger hinaus und kratzten als Krallen über den Rücken des Buches, das sie noch immer in den Händen hielt.
Erst als Vesana die Augen nach langer Zeit der imaginären Jagd auf die Jäger von Fabelwesen wieder öffnete und ihr Blick auf die allmählich grau-schwarz werdende Haut an den Händen fiel, vermochte ihr völlig in den Hintergrund getretener Verstand erste Ansätze von Selbstbeherrschung durchzusetzen. Unter unheimlicher Anstrengung rang sie mit dem Biest in sich und ihren animalischen Trieben. Der Hunger nach Fleisch und Blut ließ sich zu diesem Zeitpunkt kaum noch bändigen. Abermals sprang sie auf, ein wutiges Grollen auf den Lippen während die Sitzbank nach hinten umfiel und pfefferte dieses Mal den warmhaltenden Ständer der Teekanne zur Seite. Glücklicherweise blieb er ganz. Jetzt war es schon so weit, dass sie die Silberne Hand dazu brachte, die Kontrolle über sich selbst zu verlieren. Wo sollte das denn noch hinführen? Seit Jahren hatte sie sich außer in den Nächten um Vollmond soweit unter Kontrolle, dass sie sich nicht willkürlich jede Nacht verwandeln musste, und jetzt auf einmal trieb sie der ihr über Darius zugefügte Schlag dazu, all das zu vergessen? Nein! Soweit durfte es nicht kommen. Soweit würde es nicht kommen. Nie!
Sie schloss die Augen und atmete langsam und tief. Die geschärften Sinne normalisierten sich, die Zähne und Krallen schrumpften auf ihre menschliche Erscheinungsform zurück und das Herz beruhigte sich. Niemals würde sie dieser Gilde von ehrlosen Hunden eine derartige Kontrolle über sie erlangen lassen.
Nachdem die Kaiserliche den Teeständer zurück im Schrank verstaut und die Bank hingestellt hatte, sah sie sich endlich in der geistigen Verfassung, tatsächlich in ihrem Buch zu lesen. Gleichzeitig glitten dadurch ihre Gedanken zurück zu jener Nacht des Überfalls und zu dem Assassinen. Sie empfand in diesen Momenten nichts als Gleichgültigkeit diesbezüglich. Der Schock darüber, was Wut und Trauer mit ihr anzustellen vermochten, saß zu tief und eindrücklich, als dass sie sich gleich ein weiteres Mal mitreißen ließ. Immerhin bescherte ihr dieser Umstand auch einen klareren Blick auf die Ereignisse des Abends. Nicht, dass sie sich an besondere neue Einzelheiten erinnerte, die Hinweise auf den Angreifer gaben, die sie noch nicht kannte, aber immerhin streiften die Gedanken der Kaiserlichen unter anderem die Waffe des Meuchlers. Ein Stilett, oder ein schmaler Dolch, es war nicht so wichtig um was es sich für eine Waffe handelte – typisch für jemanden seines Berufes allemal. Viel entscheidender war die Tatsache, aus was diese Waffe bestand. Nämlich nicht aus Silber, sondern aus Stahl. Ein breites Grinsen stahl sich auf ihre Lippen. Obgleich Wunden mit herkömmlichen Materialien im ersten Moment nicht weniger gravierend sein mochten, so brauchte es dann doch wenigstens ein klitzekleines Bisschen mehr, um jemanden von ihrem Schlag totsicher zwar blutend, aber noch atmend zurücklassen zu können. Im Umkehrschluss bedeutete das, dass die Morag Tong keine Ahnung davon hatte, was aus Vesana nach all den Jahren geworden war.
Selbstzufrieden vergrub sie die Nase wieder zwischen den Seiten des Buches und wischte das Grinsen nach einer Weile ganz bewusst von ihrem Gesicht. Es mochte schon etwas seltsam anmuten, wenn doch noch einer der Schiffsmannschaft unerwartet zu ihr stieß und sie derart seltsam dreinblickend am Tisch vorfand.
Bis zum frühen Abend tauchte sie schließlich ungestört von unkontrollierten Gedanken und Überlegungen in den Text des Sachbuches ab. Nur selten schaute sie auf, als einer der dreiköpfigen Mannschaft in einer Arbeitspause unter Deck kam und sich ausruhte. Sie wechselten dann kein Wort, was Vesa recht zuvorkam. Nach einem spärlichen Mahl zum Abend empfahl ihr Gjalund einmal an Deck zu gehen, da sie inzwischen den Einflussbereich des Roten Berges hinter sich gelassen hatten. „Die frische Luft sollte Euch gut tun“, meinte der bärtige Kapitän. Sie dankte ihm für die Empfehlung und zog sich in die Dunkelheit der Nacht oben auf dem Kahn zurück.
Am Bug hockte sich die Kaiserliche wie auch auf ihrer Hinreise zur Insel schon zwischen einige Kisten und starrte in die Finsternis vor dem Schiff. Die See schlug reichlich Wellen, aber der Himmel leuchtete klar von zahllosen hellen Punkten erfüllt. Schimmernd spiegelten sie sich auf den Wipfeln der Wasserberge, die rauschend gegen die Holzwände schlugen. Leichtigkeit breitete sich in ihrem Unterleib aus, keine unangenehme, ein Lächeln stahl sich auf die Lippen und Bilder der Heimat schossen ihr durch den Kopf. Die Freude über die Heimreise kehrte zurück. Diesmal ungestört und ungebrochen.


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Bahaar
20.09.2013, 14:15
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Der zweite Tag der Reise verlief im Vergleich zu dem vorherigen noch um einiges ruhiger. Keine unschönen emotionalen Ausbrüche, keine Stürme, und auch sonst blieb es weitgehend still auf dem Kahn. Um die Mittagszeit hing Vesana mit dem Kopf über einer Keramikschüssel, die sie sich von Gjalund geliehen hatte und sog die stinkenden Dämpfe des blubbernden Heiltranks ein. Das Stechen und Ziehen in der linken Lunge, das noch im Hintergrund stets Präsens zeigte, legte sich für die Dauer dieser Prozedur völlig. Da es über diese Behandlungen immer weiter zurückgegangen war, hoffte die Kaiserliche nun, dass es nach der letzten schließlich ganz verschwinden würde. Im Anschluss an das Dampfbad kümmerte sie sich im Frachtraum des Schiffes um ihre Sachen und die Vorbereitung der weiteren Reise. Sie zog sich wärmer an, lagerte die Sachen ausbalanciert auf der Ladefläche des Karrens um und zog zum Schluss die Plane fest.
Bald darauf gesellte sie sich zu Gjalund und seinen Matrosen an Deck. „Hat Eure Behandlung geholfen?“, erkundigte sich der bärtige Nord mit der bärigen Stimme.
Die Kaiserliche nickte. „Das hat sie.“
Ein Lächeln stahl sich auf das Gesicht des Bootsführers. „Sehr schön.“ Er wandte den Blick nach vorn in die Ferne. Vesa folgte ihm dabei und entdeckte blassblau schimmernd die Umrisse der Nordküste Himmelsrands. Nach Westen hin zog es sich bis auf ihren Breitengrad und verschwand schließlich in der weiten Ferne des Geistermeeres. Bei dem Anblick konnte auch sie nichts daran ändern, dass sich ihre Mundwinkel leicht nach oben zogen. Bald zu Hause, der Gedanke sorgte für Freude. „Der Wind steht günstig. Wir sollten in den nächsten Stunden in den Fjord von Windhelm einfahren. Von da an ist es nicht mehr sehr weit“, berichtete Gjalund. „Ich denke wir erreichen den Hafen noch vor Mitternacht“, fügte er an, als die Jägerin ihm wieder ihr Gesicht zuwandte und bereits zur Frage danach ansetzte. „Wenn es Euch nichts ausmacht, würde ich Euch nach Einbruch der Dunkelheit gerne mit an Deck haben.“
„Weshalb?“
„Bei Nacht den Fjord zu manövrieren ist keine leichte Sache. Eisschollen und scharfe Felsen gibt es überall. Ein weiteres Paar wachsamer Augen würde mir sehr helfen.“
„Ah, natürlich gerne.“
„Habt Dank.“ Die Kaiserliche schenkte dem Kapitän ein Lächeln und überließ ihn dann seiner Aufgabe. Zielstrebig nahm sie ihren angestammten Platz am Bug des Kahns ein, zog die Stiefel aus und legte die nackten Füße hoch, während ihr die nachmittägliche Sonne ins Gesicht schien. Mit der wohligen Wärme auf der Haut und dem frischen Seewind zum Trotz schloss Vesana die Augen, legte die Hände auf dem Bauch und den Kopf in den Nacken auf einem Fass ab. So positioniert genoss sie das Rauschen der Wellen, die salzige Luft, welche ihren Atemwegen guttat, und das sachte Schaukeln des Schiffes. Auf, und ab. Auf. Und ab. Auf … und ab. Auf … und … ab. Auf …

Vorsichtig berührte jemand ihre Schulter und holte sie aus ihrem Schlummer. Zunächst orientierungslos, dann erschrocken, zuckte die Kaiserliche zusammen und musste mehrmals blinzeln, bevor sie ihre Umgebung deutlich wahrnahm. Lyrgleid stand über ihr und seine rechte, kraftvolle Hand ruhte auf ihr. „Entschuldigt.“ Er nahm seine Finger zurück. „Es wird bald Dunkel und Gjalund meinte, Ihr wolltet vielleicht noch etwas essen, bevor wir in den Fjord einfahren.“ Erst jetzt bemerkte Vesa den niedrigen Stand der Sonne und die frostigen Böen, die sie zittern und ihre Härchen auf den Armen sich aufstellen ließen. Noch immer etwas schlaftrunken nickte sie einfach nur und begann damit, ihre Stiefel über die eiskalten Füße zu ziehen.
Nach der kräftigen Suppe, und in ihre dicke Jacke gehüllt, hielt sie vorn Ausschau. Glücklicherweise zogen nur wenige kleine Wolken am Himmel entlang, so dass die funkelnden Sterne die Umgebung ausreichend erhellten. Da die Monde kaum mehr als haarbreite Sicheln abgaben, mussten die übrigen Lichtpunkte ausreichen. Ohne den klaren Himmel wäre es wohl unmöglich gewesen bei Nacht den Fjord zu befahren, was ihre Reise unnötig verzögert hätte. Insofern widmete sich Vesana nach dem nachmittäglichen Nickerchen und der stärkenden Mahlzeit mit gewissem Elan der ihr zugewiesenen Aufgabe. Dass Gjalund die Geschwindigkeit erheblich reduziert hatte, half beim Manövrieren und gab den Ausgucken genug Zeit, Objekte zu erspähen. „Links! Etwa dreißig Meter“, warf sie über die Schulter dem Kapitän zu. Mit der nautischen Sprache von Backbord und Steuerbord kam sie nicht zurecht. Ständig verwechselte sie die beiden, also blieb sie lieber gleich bei den normalen Begriffen. Mit ausreichend Spielraum umschifften sie die Eisscholle.
Das Spiel setzte sich eine ganze Weile lang fort. Zum Glück zog sich über den Sommer das Eis reichlich zurück, wie ihr Lyrgleid über dem Abendessen erklärt hatte, so dass der Zufahrtsweg nach Windhelm ausreichend breit für bald drei Frachtkähne war. Allerdings trieben in dieser Zeit auch die meisten Schollen umher, weshalb es oftmals nicht weniger tückisch sein mochte. Mit Ausnahme einer einzigen Scholle, die sie aber auch nur sacht tuschierten, kamen sie ohne Komplikationen bis zum Hafen Windhelms durch.
Die dicken, hohen Mauern der Stadt, die wohl eine der größten Himmelsrands war, wirkten selbst bei Nacht noch imposant und machtvoll. Obwohl ihr der Konflikt zwischen Kaiserreich und Sturmmänteln wenig bedeutete und sie sich auch herzlich wenig darum scherte, wer gewann, musste Vesa dennoch einräumen, dass sich Ulfric mit Windhelm einen eindrucksvollen Sitz seines eigenen kleinen Reiches gesucht hatte. Ähnlich Einsamkeit für die Kaiserreichsympathisanten, nur etwas schmutziger und älter. Sich als jemand des Kaiservolkes in der Hochburg der Sturmmäntelrebellen aufzuhalten blieb zwar immer noch ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen, aber auf der anderen Seite reichte es in den meisten Fällen zu sagen, dass sie den Gefährten angehörte. Der härteste rassistische Bodensatz der Rebellion, der diesen Hinweis ignorierte und am liebsten ein Reich nur von Nord schaffen wollte, ließ sich zwar nicht verleugnen und reichte wohl weit höher in der Hierarchie, als der unbedarfte Betrachter vermuten mochte, aber dieser in Grüppchen auftretenden Spezies von Rebellen ließ sich überwiegend aus dem Weg gehen. Im Zweifelsfall besaß der Status als Gefährte aber so viel Beachtung, dass bei einer handfesten Auseinandersetzung die Sympathien der beistehenden Beobachter auf ihrer Seite lagen und diese ihr dann beisprangen. Nicht zuletzt lag das wohl an Ysgramor, dem ersten Menschenherrscher Himmelsrands, dessen Name mehr Gewicht besaß als jeder nach ihm gekommene und kommende Unabhängigkeitskämpfer im Namen der nördlichen Provinz.
Ein kräftiger Ruck am Schiffsrumpf ließ die Jägerin aus ihren nicht ganz verachtungsfreien Gedanken hochschrecken. Sie hatten angelegt und die Matrosen zogen die Taue am Steg fest. Während sich die Männer abmühten, kehrte die Kaiserliche unter Deck zurück und sah abermals nach ihren Sachen, band sich einen der Dolche an den Gürtel und prüfte den Sitz ihres Geldsäckels. Es wurde Zeit, dass sie heimkehrte. Das Gold ging ihr allmählich aus und von dem spärlichen Rest mussten noch Gjalund, eine Tavernenübernachtung und die Reise nach Weißlauf bezahlt werden. Nur noch das Finanzbuch fehlte und dann suchte sie auch schon wieder nach dem Kapitän. Im Gemeinschaftsraum traf sie ihn. „Wenn Ihr möchtet, können wir Euren Karren noch bis zur örtlichen Taverne bringen“, schlug dieser vor und bot Vesana an, sich mit ihm an den Tisch zu setzen. Sie folgte ohne groß zu zögern.
„Das würde mir sehr helfen, danke.“
„Selbstverständlich gern.“ Sie schenkte ihm ein schmales Lächeln. So viel aufrichtige Freundlichkeit begegnete der Kaiserlichen eher selten, weshalb sie ihr manche Reaktionen schon fast aus Reflex und Überraschung abrang. Nach kurzem Schweigen zählte sie sich die Septime ab, die nach ihrem Rechnungsbuch noch für sie selbst übrig bleiben sollten, den Rest des Geldes schob sie dem Nord zu. Die spärliche Summe, mit der sie bis nach Weißlauf kommen musste, verstaute sie im kleinen Säckel am Gürtel. „Danke.“ Gjalund nickte ihr mit hochgezogenen Mundwinkeln zu und erhob sich. „Nun, wollen wir Euch zum Haus Kerzenschein bringen?“
„Bitte.“ Auch die Jägerin stand auf und ging an Deck. Wenig später hievten die drei Seemänner den Karren aus dem Frachtraum auf den Anlegesteg.
„Lyrgleid, bring sie bitte zur Taverne.“ Der blonde, jüngere Mann begann damit den Wagen der Kaiserlichen zu ziehen und führte diese vom Hafen durch ein Seitentor ins Innere der Stadtmauern. Kaum noch jemand trieb auf den engen, dunklen Straßen sein Unwesen, auch Lichter brannten nur wenige hinter den Fenstern. Die Stadt schlief tief und fest unter dem Tuch des glitzernden Sternenhimmels. Eisige Kälte hielt es straff, damit niemand unter ihm hervorgekrochen kam. Vesa hauchte in ihre hohlen Hände während sie neben dem Nord herlief.
„Ziemlich kalt heute Nacht, selbst für Windhelm“, stellte dieser fest und warf einen Blick über die Schulter zur Kaiserlichen hinüber. Sie ging nicht weiter darauf ein. Nach einem reichlich anstrengenden Fußweg durch die schmalen Gassen und über das holprige Pflaster erreichten sie schließlich ein größeres Gebäude mit hohem Spitzdach, direkt an den Toren im Innern der Stadt. Lichtschein drang durch die kleinen Fenster nach draußen, hin und wieder huschten Schatten an den trüben Glasscheiben vorbei. „So, da wären wir. Euren Karren stellen wir am besten dort an der Seite unter“, meinte Lyrgleid und wies auf einen Unterstand aus Holz.
„Einverstanden.“ Vesa nahm sich noch die wichtigsten Sachen von der Ladefläche, verstaute sie in einem ihrer Tornister und schulterte diesen sehr vorsichtig. Mit den Waffen, dem Geld und einigen verbliebenen Vorräten auf dem Rücken verabschiedete sie sich von dem Nord, der ihren Karren gezogen hatte, und trat auf einen seitlich liegenden Eingang des Wirtshauses zu. Knarzend schob sie die dicke Holztür auf und trat in die wohlige Wärme des schummrigen Innenraumes ein. Fast niemand mehr hielt sich darin auf. Ein ziemlich mitgenommen aussehender Nord in wettergezeichneter Leinenkleidung saß an einem Tisch in der Ecke des langen Gastraumes, ein Barde in farbigen Kleidern saß am Feuer im zentralen Kamin, die Laute neben ihm am Stuhl lehnend, und eine junge Frau des Nordvolkes mit aufreizend tiefem, prallgefülltem Ausschnitt kam gerade eine Treppe am langen Ende des Raumes empor. Sie trug einen Krug, auf dem eine Schaumkrone stand, und reichte ihn dem Barden. Erst danach wandte sie sich dem neuen Gast zu.
„Kann ich Euch helfen?“, wollte sie mit übertriebener Freundlichkeit wissen.
„Ich bräuchte ein Zimmer für die Nacht“, erwiderte Vesana.
„Ah, redet mit Elda. Einfach die Treppe hinab am Tresen.“ Die Kaiserliche folgte der Geste der Nord und stieg die knarrenden Stufen nach unten in den kleinen Eingangsbereich. In einer seitlichen Nische lag eine Theke hinter der eine hochgewachsene, blonde Frau Geschirr trocknete. Sie blickte auf, als sie Vesas Kommen vernahm.
„Guten Abend“, grüßte sie.
„Ich bräuchte ein Zimmer für die Nacht“, erklärte sich die Kaiserliche.
„Zehn Septime. Es liegt am Ende des Ganges links“, erläuterte die Wirtin und deutete auf den Flur zwischen Tresen und Treppe.
„Danke. Sagt, Ihr wisst nicht zufällig, wo ich jemanden finde, der mich gegen Geld nach Weißlauf bringt?“ Elda begann damit, weiter Geschirr zu trocknen, ohne jedoch die Augen von ihrer Kundin zu nehmen.
„Doch, Ihr habt Glück.“
„So?“
„Direkt bei mir oben im Schrankraum. Hrothluf, der Nord hinten in der Ecke. Rotbraunes, zerzaustes Haar, wilder Bart und zerfurchtes Gesicht – leicht zu erkennen – er hat einen Karren und fährt öfter in die Richtung. Fragt ihn.“
„Danke“, die Jägerin nickte und ging wieder nach oben. Die Bedienstete räumte gerade einen Teller und Tonkrug vom Tisch des beschriebenen Mannes ab. Er wirkte müde und schon arg angetrunken. Unbeholfen kratzte er sich mit seinen dicken, rauen Fingern im Bart herum, während er mit der Zunge seine spröde wirkenden, wulstigen Lippen benetzte. „Seid Ihr Hrothluf?“, wollte sie wissen und blieb hinter einem freien Stuhl am Tisch des Nords stehen. Ihre Hände ließ sie auf der Lehne des Sitzes ruhen und fixierte ihn mit festem Blick.
Der reagierte träge. „Der bin ich!“, gab er kund. Erst danach fanden seine braunen Augen die junge Frau, die mit ihm sprach. „Was kann ich für Euch tun?“ Obwohl seine Bewegungen und Reflexe eine andere Sprache sprachen, gaben seine Worte keinen handfesten Anlass dazu zu glauben, dass der Mann schon ein paar Krüge Met zu viel hatte.
„Ich muss nach Weißlauf weiterreisen und die Wirtin sagte mir, Ihr könntet mir dabei helfen.“
„Nach Weißlauf sagt Ihr?“
„Ja, genau.“
„Hm.“
„Ich kann Euch selbstverständlich bezahlen. Allerdings habe ich noch einen kleinen Karren bei mir, den wir ebenfalls mitführen müssten.“
„Hm.“ Hrothluf strich sich scheinbar nachdenklich durch den wüsten Bart. „Könnt Ihr kämpf‘n?“
„Warum?“
„Weil auf der Straße nach Weißlauf ein Geschäftspartner von mir verschwund‘n ist und ich mich sorge. Sollte ihm ‘was widerfahr‘n sein, möcht‘ ich nicht, dass mir dasselbe zustößt. Ich sitz‘ schon vier Tage mit einer Lieferung Schmiedeeis‘n und Werkzeug hier in Windhelm fest, weil diese verflucht faul‘n Sturmmäntel keine ihrer Leut‘ als Söldner abstell‘n und alle Söldner anwerb‘n!“, erklärte der Mann und es trat Zorn in seine Augen, die Brauen zog er enger zusammen und die freie Hand ballte er zur Faust. Die Kaiserliche überlegte einen Moment. Obgleich sie sich nicht unbedingt in der Verfassung befand, zu kämpfen, würde sie in jedem Fall demselben Risiko eines Kampfes ausgesetzt sein, egal mit wem sie nach Weißlauf reiste – zumindest wenn der besagte Geschäftspartner überfallen worden war und nicht einfach von einem Steinschlag oder Tier dahingerafft wurde.
„Ich kann kämpfen, ja“, erwiderte sie schließlich.
„Gut. Gut!“ Hoffnung spiegelte sich nun auf dem Gesicht des Nords wieder. Er strich sich das kinnlange, fettige Haar nach hinten und stand auf. Mit den Oberschenkeln stieß er unbeholfen gegen den glücklicherweise leeren Tisch, dafür verschüttete er eine beträchtliche Menge seines Getränks, das er noch immer in der Hand hielt. „Ihr sorgt für meine Sicherheit und dafür bring‘ ich Euch nach Weißlauf. Um Proviant und Unterkunft unterwegs braucht Ihr Euch nicht zu kümmern. Eur‘n Karr‘n krieg‘n wir schon mit weg. Einverstand‘n?“ Er reichte Vesana die Hand. Offensichtlich würde sie doch noch mit ihrem wenigen Geld zurechtkommen.
„Einverstanden.“ Sie schlug ein.


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Bahaar
27.09.2013, 17:00
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Festes Klopfen an der Tür. „Guten Morgen“, klang eine tiefe Männerstimme durch das alte Holz. Orientierungslos schlug Vesana die Hände vor das Gesicht und rieb es sich kurz ab. Müde seufzend rollte sie sich unter der Wolldecke auf die Seite und schob die Beine ins kalte Freie. Gänsehaut überzog augenblicklich die nackte Haut bis zu den Knien und biss sich in ihre Zehen wie zig bluthungrige Zecken. Ein kurzer Blick zum kaum erhellten Fenster verriet der Kaiserlichen, dass sie vergessen hatte, dieses nach dem Lüften ganz zu schließen und so hatte es wohl die gesamte Nacht einen Spalt weit offen gestanden. Leichte Luftschübe dehnten den ungefärbten Wollvorhang ins Raumesinnere während sich Vesa auf die Kante des Bettes setze.
Abermals Klopfen an der Tür. „Seid Ihr wach?“ Sie ordnete die Stimme Hrothluf zu.
„Das bin ich. Einen Moment“, erwiderte die Jägerin. Sie stand auf, ordnete schnell das Bett und zupfte sich ihre Tunika zurecht, bevor sie in Richtung Tür ging.
„Ihr müsst Euch nicht beeilen. Ich wollt‘ Euch nur wiss‘n lass‘n, dass ich im Schankraum ob‘n noch ‘was ess‘n werde. Vielleicht möchtet Ihr Euch dazu setzen, um Euch für die Reise zu stärken.“ Sie hielt kurz vor der Tür inne.
„In Ordnung. Ich komme gleich nach.“ Hoffentlich schwatzte er nicht zu viel, sonst würde das eine sehr – sehr – lange Woche bis nach Weißlauf werden. Noch etwas träge und steifbeinig, die Nacht war eindeutig zu kurz geraten, sammelte die Kaiserliche ihre Sachen zusammen. Sie streifte sich die kurzärmelige Tunika vom Leib, nahm sich stattdessen eine langärmelige, um die Hüfte etwas kürzer geschnittene, und schlüpfte in ihre Hose. Zwischendurch ordnete sie noch ihre Haare und schlug sich einen Schwall kalten Wassers aus einer Waschschüssel ins Gesicht. Das weckte dann auch endlich ihre Lebensgeister, die etwas länger brauchten, um in Fahrt zu kommen. Zum Schluss die Stiefel und den ganzen Rest ließ sie vorerst auf dem Zimmer zurück. Die Dielen knarzten unter ihren eigentlich leichten Tritten während Vesana den langen Flur vor zum Empfangstresen zurücklegte.
„Guten Morgen“, grüßte die Wirtin des Gasthauses aus ihrer Nische und schaute kurz von dem Buch auf, das vor ihr lag. Vermutlich die Finanzen der Taverne. Die Kaiserliche nickte nur und stieg in den Schankraum hinauf. Es herrschte Leere. Niemand außer Hrothluf hielt sich hier auf. Er saß am selben Tisch, wie am Abend zuvor.
„Da seid Ihr ja“, bemerkte er die Kaiserliche. Der Nord wirkte geordneter und gepflegter als bei ihrer ersten Begegnung. Die starke Veränderung ließ Vesa kurz stutzen, aber sie überwand die kleine Überraschung ohne, dass ihr Gegenüber etwas von ihr mitbekommen hatte. Es war offensichtlich, dass er mit der Anwerbung einer Leibwächterin für die Reise neuen Lebensmut schöpfte. Die schulterlangen, rotbraunen Haare hielt ein Lederband am Hinterkopf zusammen, den Bart schien er etwas gekämmt zu haben und auch so wirkten die Furchen auf seinem Gesicht weniger tief. Von der sauberen Kleidung ganz zu schweigen. Manchmal täuschte der erste Eindruck scheinbar doch noch, stellte die Jägerin fest, und setzte sich schließlich ihrem Auftraggeber gegenüber mit an den Tisch.
„Darf ich?“ Sie zeigte auf den leeren Teller, der neben einem Brotkorb, Käse und etwas Fett auf dem Tisch stand.
„Natürlich, bitte bedient Euch.“ Während sich die Kaiserliche eine Scheibe bestrich, goss der Nord in eine Tontasse Wasser aus einem Krug und schob sie ihr hinüber. „Was genau möchtet Ihr eigentlich in Weißlauf, wenn ich so neugierig sein darf?“ Vesana schloss kurz die Augen, während sie ein Seufzen unterdrückte. Damit es nicht auffiel biss sie gleichzeitig in ihre fettbestrichene Brotscheibe. Mit dem Kauen rang sie die enttäuschte Hoffnung auf eine möglichst gesprächsarme Reise nieder und setzte danach mit viel Verzögerung zu einer Antwort an.
„Ich kehre Heim“, erklärte sie und schaute den Nord kurz an, bevor sie abermals von der Stulle abbiss.
„Ah, die Familie ruft?“
„Sozusagen.“
„Wart Ihr lange weg?“ Hrothluf trank etwas, während er auf eine Antwort der Kaiserlichen wartete, die sich weiterhin nicht beeilte auf seine Fragen einzugehen.
„Es sind jetzt ziemlich genau sechs Wochen.“
„Oh, eine ziemlich lange Reise also. Geschäftlich unterwegs?“
„Nein.“ Nach kurzem Überlegen erschien Vesa die Antwort für die Freundlichkeit des Nords dann doch etwas unangemessen. Sie trank einen Schluck und setzte dann fort: „Eine private Unternehmung.“
„Ich bin sicher, dass man sich über Eure Rückkehr freuen wird.“ Die Jägerin setzte ein schmales Lächeln auf und schob den Teller von sich.
„Meine persönlichen Sachen stehen noch unten. Ich würde sie dann holen und auf meinen Karren legen. Danach können wir jederzeit aufbrechen, wie es Euch beliebt.“ Der Mann nickte.
„In Ordnung, ich wart‘ solang‘ hier. Bezahlt ist bereits.“ Vesana erhob sich und verschwand nach unten.
Wenig später, die Sonne zögerte noch immer sich über die Hausdächer der alten, dicht gebauten Stadt und die Zinnen ihrer Schutzmauer zu erheben, durchschritt die Kaiserliche an der Seite des über anderthalb Köpfe größeren Hrothluf die mächtigen Stadttore Windhelms. Die Wachen in ihren dick-gefütterten, fellgesäumten Rüstungen öffneten es ihnen nach kurzem, argwöhnischem Blick in Richtung der Jägerin. Davon, dass ihr einziger Ansatzpunkt für Misstrauen nur die Rasse der Frau war, ließen sie sich vermutlich von selbst eines Besseren besinnen und so kamen sie ihrer Pflicht entsprechend nach.
Außerhalb der schützenden Wälle pfiff der Wind mit kalter Schärfe. Die steilabfallenden Berghänge, der Fjord und die karge, baumlose Umgebung boten keinerlei Abschirmung gegen die schnell drehenden Böen. Darüber hinaus befanden sie sich auf der Brücke, die den bald nur noch Fluss breiten Fjord vor der Stadt überspannte, in besonders exponierter Lage. Dazu war es fast noch Nacht und weitestgehend wolkenlos. Augenblicklich fröstelnd zog Vesa die Jacke weiter zu, schlug sich die Kapuze über das Haupt und ihr Tuch vor Mund und Nase. Der rothaarige Nord bemerkte es mit einem „Ziemlich ungemütlich, was?“ und obwohl er sich von Natur aus weniger vor derartiger Kälte fürchten musste, schien es auch ihm frisch zu werden.
„In der Tat“, entgegnete seine Begleiterin kurz angebunden und biss die Zähne fest aufeinander, um ein Zittern der Lippen und des Kiefers zu unterdrücken. Es gelang nur sehr eingeschränkt. Immerhin die Anstrengung vom Ziehen des Karrens sorgte dafür, dass sie nicht noch mehr fror. Im Gegensatz zu den ewig weißen Gebieten Solstheims würde sich die Luft hierzulande allerdings schnell etwas aufwärmen, sobald die Sonne richtig am Himmel stand. Dass die weitläufigen Talbereiche, die die Kaiserliche von der Brücke aus einsehen konnte, nicht im Weiß versanken, sprach eindeutig dafür. Während sie sich so umschaute und versuchte vom Klima abzulenken, erreichten die Beiden auch schon die Stallungen am Ufer gegenüber der Stadt. Etwas mühevoll, da sie sich nach wie vor nicht auf der Höhe ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit befand, bremste sie den Wagen auf dem leicht abschüssigen Weg bis zu dem Bretterverschlag unter dem einige Pferde mit Wolldecken überzogen standen und sich dicht zusammendrängten. Konstante Dampfwolken standen ihnen vor den Mäulern. Im Hintergrund, mit einer Plane abgedeckt, entdeckte die Kaiserliche noch einen größeren, zweiachsigen Karren – der einzige in unmittelbarer Nähe. „Ist das dort Eurer?“ Sie deutete auf das Gefährt.
„Ja. Bringt Eur‘n Wag‘n schon dort hin. Wir bind’n ihn dann hint’n an.“ Sie tat, wie ihr geheißen und wartete im Anschluss gegen einen der Stützbalken im offenen Teil der Ställe gelehnt. Die Arme schlang sie um den Körper. Es dauerte nicht sehr lange, dann kehrte Hrothluf zu ihr zurück – ein braunes Pferd, mit dichtem, etwas längerem Fell im Schlepptau.
„Dann woll’n wir mal.“ Nach seinen Worten stieß sich Vesana von dem Balken ab, half dem Nord dabei, das Zugtier vor den Karren zu spannen und schließlich zurrten sie ihren eigenen Wagen auch noch fest. So reisefertig gemacht und mit jeweils einer Decke des Mannes um den Schultern für die ersten Stunden der Reise, half dieser der Kaiserlichen auf die Sitzbank am vorderen Ende des Gespanns hoch. Bevor er selbst aufstieg, ging er noch einmal zu seinem Pferd vor und holte zwei Möhren aus einem kleinen Beutel am Gürtel hervor. Kurz streichelte er es über den Kopf, knutschte es auf die Nase und gab ihm dann mit einem „Gute Berta“ die Leckerbissen. Anschließend schwang er sich neben seine Reisegefährtin auf die Bank und griff nach den Zügeln. „Dann woll’n wir mal.“ Kurz knallte der Lederriemen, als er ihn fast schon peitschend schlug, dann setzten sie sich zuckelnd, ruckelnd und holpernd in Bewegung. Mit Schwert, Bogen und Köcher zwischen die Beine geklemmt, beugte sich die Jägerin vor, stützte sich auf die eigenen Beine und versuchte so wenig offene Stellen, wie möglich, für den Wind zu lassen. „Weißlauf … Lebt Ihr schon lang‘ dort?“ Vesana schloss für einen sehr langen Moment die Augen und atmete tief ein.


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Bahaar
04.10.2013, 10:30
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Nicht mehr in unmittelbarer Stadtnähe, verschlechterten sich die Straßenverhältnisse zusehends. Aber wenigstens blieben die ausgefahrenen Spurrinnen der zahlreichen Karren, die hier, wenn schon nicht täglich, so doch wöchentlich entlangkamen. Regelmäßig stauchte größeres Holpern Vesanas Oberkörper zusammen und jagte feurige Stiche durch ihre Brust. Aus diesem Grund verlegte sie sich oft genug darauf, neben dem ohnehin langsam zuckelnden Wagen herzulaufen. Auf den unebenen Wegen und den steilen Auf- und Abfahrten in dem bergigen Terrain ging es für das alleinige Zugtier auch einfach nicht schneller. Durch den größeren Abstand, manchmal kundschaftete sie auch voraus oder lief etwas hinterher, entging die Kaiserliche auch regelmäßig diversen Gesprächsversuchen. Ab und an fragte sie sich wirklich, ob die Leute es nicht merken wollten, dass ihrem Gegenüber nicht nach einem Plausch war, oder ob sie schlicht zu unfähig waren es zu erkennen. Am Ende spielte es wohl keine Rolle, denn der Effekt blieb derselbe – und abgesehen davon konnte sie auch schlecht klagen, immerhin kam sie völlig umsonst und sogar noch mit kostenfreier Verpflegung nach Weißlauf. Ein Glücksgriff blieb es also dennoch. Gelegentlich wechselten sie sich auch ab mit dem Führen des Wagens, damit sich Hrothluf ebenfalls die Beine vertreten konnte.
Mit dem Ansteigen der Temperaturen sah sich Vesa auch bald gezwungen die Decke des Nords abzulegen und ihre Jacke auszuziehen. Es verwunderte immer wieder wie es in diesen kargen Höhenlagen und noch dazu so weit im Norden derart warm wurde. Aber so empfand sie es noch immer besser als wenn sie sich wie am Morgen und auf Solstheim alle möglichen Körperteile abfror. Allein der Gedanke an die Insel sorgte dafür, dass sie mit den Zähnen knirschend schneller stapfte und den Wagen hinter einer Kuppe am zum Fluss zu ihrer Rechten abfallenden Berghang zurückließ. Der Strom rauschte ein ganzes Stück unter ihnen und mündete kurz vor Windhelm mit einem weiteren Zufluss in den Fjord. Er würde ihnen noch lange den Weg weisen, denn trotz eines kleinen Stromes aus dem südlichen Hochland um Rifton, der sich am Rande des niedriger liegenden Moorlandes entlang zog, entsprang der überwiegende Teil der Wassermassen den dichten Hochwäldern im Falkenring-Tal. Sie ergossen sich vorbei an Flusswald und Weißlauf und rauschten durch eine enge Schlucht immer weiter Richtung Norden.
Weißlauf … jeder Schritt brachte sie näher und verdrängte den Ärger, den sie mit dem Abschluss ihrer Reise zur Insel verband. Bis sie am höchsten Punkt der nächsten Kuppe angekommen war, verspürte sie nichts mehr von der um sich schlagenden Wut in ihrem Bauch und so setzte sie sich auf einen etwas größeren Stein am Wegesrand, ließ die Beine über die Kante baumeln und betrachtete die tosenden Wassermassen weit unter ihr. Hrothluf hörte sie irgendwo auf dem Stück Weg, das hinab in die von ihr schon durchquerte Senke führte. Das Klappern und Holpern des Wagens ließ sich leicht vernehmen – auch über das konstant im Hintergrund stehende Rauschen des Flusses. Wie hieß er denn gleich noch? Sie überlegte angestrengt, um sich die Zeit zu vertreiben. Manchmal kniff sie die Augen zusammen, wenn sich ihr der Name gerade so am Rande der Erinnerung in dichtem Nebel entzog und sie versuchte ihn zu greifen. Darin scheiternd nahm sich die Jägerin schnell einen kleinen Stein aus ihrer Nähe und schleuderte ihn hinab zu der namenlosen Wasserschlange.
Inzwischen fehlte nicht mehr viel, bis der Nord mit seinem Karren dieselbe Anhöhe erreichte und so stand Vesana auf, um sich zum Weitermarschieren bereit zu machen. Sie blieb am Wegesrand stehen, bis Hrothluf und Berta mit ihr auf einer Höhe waren, dann lief sie neben dem Gespann her. „Irgendwas entdeckt?“, wollte der Reiseführer wissen.
„Nein, nichts Besonderes.“ Vögel, Pelztiere, Büsche, Steine, Schnee in höheren Lagen auf den Bergen. Mehr nicht. Das Land lag so friedlich da, wie es eben nur daliegen konnte. Fast idyllisch, wäre es nicht so langweilig gewesen. „Sagt Bescheid, wenn Ihr Euch wieder die Beine vertreten wollt, dann kann ich die Zügel nehmen.“
„Das mach‘ ich, danke. Vielleicht nach der nächst‘n, oder übernächst‘n Anhöhe.“ Vesa nickte nur und schwieg. So reisten sie eine Weile, bis es der Kaiserlichen schließlich wieder zu anstrengend wurde, zu gehen, und sie sich zurück auf die Sitzbank begab. „Sagt, wo habt Ihr eigentlich das Kämpf’n gelernt?“, nahm der Rothaarige prompt das Gespräch auf. Für die Kaiserliche kam die Frage etwas überraschend.
„Wie kommt Ihr jetzt darauf?“
„Nun, wenn ich meine Sicherheit schon in Eure Hände geb‘, muss ich doch auch wiss’n, woher Ihr kämpf’n könnt“, erklärte der Nord. Es leuchtete ein, dass er fragte, wenngleich er es reichlich spät wissen wollte.
„Bei der Kämpfergilde in Bruma“, erwiderte die Jägerin daraufhin.
„Ah, verstehe. Ein weiter Weg von Bruma bis hierher.“
„Ja, ist es.“ Sie mahlte leicht mit den Zähnen aufeinander. Oh, wie sie keine Lust hatte, und ihre Bücher lagen auf ihrem eigenen Karren ganz hinten am Gespann – vorerst vollkommen außer Reichweite.
„Seid Ihr damals direkt nach Weißlauf gekommen?“
„Nein. Ein Jahr bin ich herumgereist, bevor ich nach Weißlauf kam.“ Sie dachte nicht allzu gerne an diese Zeit zurück. Viel zu wechselhaft und unkontrolliert schritt ihr Leben damals voran. Machtlos, beschrieb ihren Zustand nicht im Entferntesten. Eine Phase geprägt von Gewalt und Tod, wie auch Ekstase und Rausch – nichts, wofür sie übermäßig Stolz empfand, aber sie bereute es im Gegenzug auch kein Bisschen. Immerhin war es die Grundlegungsphase für ihre folgenden Lebensjahre. Es dauerte seine Zeit, bis Vesana diesen ungestümen, ja stürmischen, Abschnitt überwunden hatte, aber die gewonnene Kontrolle über ihr Leben würde sie sich von niemandem mehr nehmen lassen. Niemandem.
„Vermisst Ihr Eure alte Heimat nicht?“, fragte Hrothluf weiter. Allmählich regte sich Widerstand in ihrem Bauch, weiterzusprechen. Nicht nur, dass es sie störte, ständig reden zu müssen, nein, es kamen auch noch Themen auf, die den Nord schlicht nichts angingen. Tief ausatmend schloss die Kaiserliche die Augen, lehnte sich zurück und faltete die Hände auf dem Bauch zusammen. Die Sonne im Gesicht versuchte sie die sanfte Wärme auf der Haut zu genießen und sich abzulenken, zu beruhigen.
„Nein“, antwortete sie schließlich. Es gab Dinge, die sie vermisste, aber gewiss nicht in der Kämpfergilde oder aus der Zeit, während sie dieser angehörte. Auch die Tatsache, dass sie sich der Gilde unverändert zu Dank verpflichtet fühlte – immerhin hatte sie dort Grundlagen über den Schwertkämpf, das Bogenschießen und allgemeine Selbstverteidigung, sowie das Jagen erlernt – änderte nichts daran, dass sie um keinen Preis wieder zurückkehren wollte. Aber all das und was sie wirklich vermisste, musste und sollte der Wagenführer nicht wissen. Abgesehen davon wollte sie sich nicht derart weit zurückerinnern, es hätte nur ihre Freude über die Heimkehr getrübt, und das wollte sie nicht.
„Dann seid Ihr ein beinah‘ echtes Kind Himmelsrands“, witzelte Hrothluf daraufhin. Vesa verleitete es zu einem verhaltenen Schmunzeln.
„So könnte man es ausdrücken“, kommentierte sie, „auch wenn es wohl mehr als nur eine Hand voll Leute gibt, die Euch widersprechen würden.“
„Ach, macht Euch nichts aus diesen Leuten.“ Tat sie auch nicht. „Heimat ist, wo Ihr Euch zu Hause fühlt.“ Wange und Augenwinkel in der dem Nord abgewandten Gesichtshälfte zuckten kurz unangenehm. Damit hatte er zwar verdammt Recht, aber es hatte Jahre gedauert, bis sie sich wirklich heimisch gefühlt hatte bei den Gefährten. Und selbst jetzt galt sie eher noch als verschwiegene Einzelgängerin, die überwiegend nur mit den höherrangigen Mitgliedern verkehrte. Nicht weniger loyal zur Gemeinschaft als der Rest, aber eben doch eher einzelnstehend. Zu den neusten Zugängen und vielen anderen, die nicht dem Zirkel angehörten, bestand für sie kaum eine Verbindung. Es hießen sie natürlich trotzdem alle willkommen, immerhin verband sie ihre Gemeinschaftszugehörigkeit, aber es bedeutete der Jägerin eigentlich nur bei einer kleinen Anzahl an Leuten tatsächlich etwas.
„Das ist wahr“, entgegnete sie mit reichlich Verzögerung auf die Äußerung des Nords. Es wurde Zeit, dass er sich die Beine vertrat – er stimmte sie eindeutig zu nachdenklich, oder zumindest mehr, als sonst und als es ihr lieb war in diesem Moment. „Lasst mich einmal die Zügel übernehmen.“
„Gute Idee!“ Er reichte ihr den Lederriemen und stieg vom Kutschbock, während sie gerade auf einer Anhöhe des Weges ankamen. Sie setzte sich mittig auf die Bank und atmete erleichtert durch. Wenigstens für die nächsten Meilen oberhalb des Flusses hatte sie erst einmal wieder ihre Ruhe. Fluss. -fluss … Weißfluss! So hieß er, der Strom, dem sie bis ins Fürstentum Weißlauf folgten.


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Bahaar
12.10.2013, 12:13
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Mit lautem Klacken prallten die hölzernen Klingen aufeinander und sandten eine unangenehme Schockwellte durch Hand, -gelenk und Unterarm, die vorübergehende Taubheit hervorrief. Vesana drehte sich unter den gekreuzten Übungsschwertern mit Eisenkern hindurch, um den in den Arm gelegten Schwung weiter zu nutzen und zog ihre Waffe in einer tiefen Kreisbahn gegen die Hüfte ihres Gegners nach. Dieser wich jedoch zurück, seine Füße wirbelten auf dem trockenen Erdboden Staub auf, und ließ ihren Schlag ins Leere laufen. Wie so oft zuvor umkreisten sich die Kontrahenten, mit erhobenen Schwertern belauerten sie sich, Schweiß rann über die Haut – egal ob frei, oder von leichtem Stoff bedeckt – troff vom Kinn und anderen hervorstehenden Körperecken. Schwer hoben sich ihre Brustkörbe. Ab und an mussten sie die mit Leder umschlagenen Hefte nachgreifen.
So wie sich die seitlichen Zöpfe der Jägerin allmählich aufzulösen begannen, solange dauerte die Auseinandersetzung zwischen den zwei Kaiserlichen inzwischen, so durcheinander lagen die fingerlangen, schwarzen Haare ihres Widersachers. Sein sauber getrimmter Kantenbart glänzte ebenso feucht wie seine Haut, doch die dunkelbraunen Augen wirkten wach und ließen nicht auf Erschöpfung schließen. Im Gegenteil, sie strahlten Ruhe aus – Wachsamkeit, aber auch Gelassenheit. Mit der freien Linken strich er sich eine Strähne des dunklen Haars aus der Stirn ohne die Augen von Vesana zu nehmen und sich dadurch eine Blöße zu geben. Diese spürte einen einzelnen Schweißtropfen über ihre Stirn rinnen und in ihrer rechten Augenbraue verschwinden, gleich darauf sammelte er sich aber wieder an deren unteren Rand. Es würde nicht mehr lange dauern, bis er ihr ins Auge tropfte.
Auf der Terrasse zum hinter Jorrvaskr liegenden Übungsplatz standen die übrigen Mitglieder der Gefährten, die an diesem heißen, wolkenlosen und windstillen Tag im Spätfrühling 4Ä 197 nicht gerade auf Mission waren. Gespannt schweigend und nicht einmal bei knapp ausgehenden Schlagabtauschen mitgerissen stöhnend beobachteten sie den Kampf zwischen Vesa und Darius, der inzwischen mehr als doppelt so lange dauerte wie jeder andere Übungskampf der Jägerin mit den Nicht-Zirkelmitglieder der Gefährten. Sie spürte die vielen Augenpaare auf sich, doch störte sie sich nicht daran. Einzig ihre eigenen Erwartungen lasteten schwer auf ihr. Seit über sechs Monaten ungeschlagen gegen jedes einfache Mitglied der Gemeinschaft. Einzig gegen die Zirkelmitglieder hatte sie regelmäßig verloren. Und jetzt sollte ihr dieser Welpe, kaum drei Monate Mitglied der Gefährten, gefährlich werden? Niemals!
Bevor der Schweißtropfen an ihrem Auge hinabfallen konnte, führte sie einen Schlag von hoch oben diagonal nach links unten. Während der schwarzhaarige Kaiserliche blockte, drehte sie sich an ihm vorbei um die eigene Achse, schleuderte die salzige Perle davon, und wiederholte den Hieb, diesmal in seinem Rücken. Nur um Haaresbreite entkam er diesem mit einer echten Waffe normalerweise tödlichen Schnitt, taumelte nach vorn, fiel und rollte sich über den staubigen Boden ab. In einigen Schrittlängen Entfernung kam er auf die Füße, Knie gebeugt, das Schwert lauernd an der Seite im Handgelenk kreisend. Sein inzwischen wieder wohlgenährter, trainierter Körper hüllte sich in feines, braunes Pulver, das schnell zu Schlieren verwischte. Beide hatten den Mund dauerhaft offenstehen wie Raubtiere auf der Jagd, so schwer atmeten sie inzwischen. Beinahe glaubte Vesana sogar, sein Herz in der nackten Brust schlagen zu sehen. Vielleicht war es aber auch nur Einbildung, weil ihr eigenes so schnell schlug. Die Pausen zwischen Phasen des Austauschs von Schlägen zogen sich mittlerweile länger hin, die Erschöpfung zog allmählich in ihre Muskeln ein und keiner wollte deshalb einen Fehler begehen.
Dann setzte Darius an, rannte auf sie zu und führte einen mächtigen Hieb von der Seite. Mit Mühe lenkte ihn die Kaiserliche ab, doch folgte sofort ein weiterer von schräg oben. Block. Ein abgesetzter Schlag von unten, links, rechts, oben, oben, unten, zum Abschluss ein Stich und wieder standen sie sich gegenüber, hechelnd. Leichtes Zittern setzte ein, als sich die Taubheit im rechten Arm abermals zu legen begann. Vesa musste schnell handeln, wollte sie noch gewinnen. Sie war schneller und wendiger als ihr Widersacher, dafür besaß er mehr Kraft. Ihre einzige Chance bestand in der Flucht nach vorn, einem Hagel von Schlägen, während dem der muskulöse Mann irgendwann einen Fehler begehen musste.
Eine Finte in seine rechte Flanke, während sie mit einem Nachstellschritt an seine linke Seite kam. Während sie sich an ihm vorbeiwand, zog sie ihm mit der Verse den linken Fuß weg, brachte ihn aus dem Gleichgewicht und führte die Holzklinge in einem hohen Hieb auf die Schulter seines linken Armes. Wie er diesen noch rechtzeitig ablenkte, sollte ihr ein Rätsel bleiben, aber er schaffte es. Taumelnd kam er vor ihr auf die Füße und versuchte seine Waffe zwischen sich und die Jägerin zu bringen. Diese führte jedoch keinen Schlag, sondern einen Stich gegen seine Brust. Er beugte sich nach hinten, entkam dem Treffer, doch hielt er sein Schwert in der Überraschung lockerer. Das nutzte Vesana, ließ das ihre im Handgelenk kreisen und verkeilte es zwischen Klinge und Parierstange an Darius‘ Waffe. So verkeilt war es ihr ein Leichtes ihn zu entwaffnen. In hohem Bogen flog das Übungsschwert über sie hinweg, landete irgendwo außer Sicht im Dreck, doch das spielte auch keine Rolle mehr – ihre Schwertspitze drückte sich inzwischen gegen die Brust des Schwarzhaarigen. Applaus donnerte von der Terrasse.
Mit weit aufgerissenen Augen betrachtete ihr Kontrahent die Kaiserliche, atmete unverändert schwer, Schweiß floss ihm in Strömen am Leib hinab und Erschöpfungszittern ergriff von ihm Besitz. Vesa nahm ihre Waffe nun runter und ließ sich anschließend rücklings einfach in den Dreck sinken. Das Schwert neben sich fallen gelassen, legte sie die Hände auf die Stirn und schloss die Augen. Es gab keine Stelle mehr, an der ihre Tunika noch nicht klitschnass an ihrem Körper klebte. Der Beifall endete inzwischen und die meisten der Zuschauer gingen wieder ihrer Wege, wie die Kaiserliche bemerkte, als sie die Augen öffnete. In diesem Moment schob sich ein Schatten über sie und jemand reichte ihr die Hand, um ihr auf die Füße zu helfen. Es war Darius, wie sie wenig später feststellte, als er nicht mehr direkt in der Sonne stand. „Ein guter Kampf“, befand er.
„In der Tat“, entgegnete sie mit einem Nicken, hob ihre Waffe auf und machte sich daran, zu Aela und Farkas, die noch auf der Terrasse zurückgeblieben waren, hinüberzugehen. Ihr Gegner folgte kurz darauf.
„Sehr spannend“, lobte die rothaarige, hochgewachsene Nord mit der markanten Kriegsbemalung im Gesicht. Der bärenstarke, aber nicht unbedingt hellste Gefährte an ihrer Seite brummte zustimmend. Vesana nahm sich einen der zwei Wasserkrüge, die auf einem nahen Tisch standen. Erst schüttete sie sich einen Teil des Inhalts über den Kopf, genoss das kühle Nass, wie es von oben ihren Körper hinabfloss und die Hitze, die sie in sich spürte, wenigstens von außen etwas bekämpfte – danach setzte sie das Gefäß mit beiden Händen an die Lippen und trank gierig. Darius tat es ihr gleich, während die beiden Zirkelmitglieder geduldig warteten, dass sie Kontrahenten vom Kampfrausch wieder etwas runterkamen. Erst danach setzte Aela erneut an zu sprechen und fixierte dabei die Kaiserliche. „Der Zirkel hat eine neue Aufgabe für Dich, Vesa.“
„So? Was soll es sein?“
„Du wirst einen Welpen ausbilden“, erklärte Farkas und grinste, weil er genau wusste, dass die Jägerin zuvor wenige Ambitionen gezeigt hatte, freiwillig einen zu übernehmen. Nicht zuletzt, weil sie nach ihrer eigenen rasanten Weiterentwicklung derartige – teils utopische Ansprüche – an andere anlegte. Und obwohl hohe Ansprüche durchaus vorteilhaft für einen Schüler sein mochten, konnten sie auch zu dessen Scheitern führen. Abgesehen davon war sie seit gerade einmal einem viertel Jahr selbst ein vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft.
Seufzend fragte sie: „Wen?“ Aela nickte leicht an ihr vorbei, sie wandte sich um und blickte in Darius‘ schmutzverklebtes Gesicht. Er schien noch nicht ganz realisiert zu haben, worum es überhaupt ging – Ratlosigkeit zeichnete seine festen Züge.
„Die übrigen Zirkelmitglieder erkennen Deine Gründe für das Desinteresse an der Ausbildung eines Welpen an, glauben jedoch, dass sie in diesem Fall keine Gültigkeit besitzen“, sprach die erfahrenere Jägerin weiter.
Skeptisch zog Vesana eine Augenbraue hoch. „Inwiefern?“ Sie nahm noch einen Schluck Wasser, ohne die Augen von ihren Gesprächspartnern zu nehmen.
„Ihr seid euch vergleichsweise ebenbürtig, so dass auch Du noch etwas lernen kannst.“ Die Kaiserliche lachte kurz auf.
„Ebenbürtig, so?“ Sie wandte sich Darius zu und nahm sich eines der Holzschwerter, die inzwischen auf dem Tisch lagen. Kurzerhand drückte sie es ihm gegen die Brust, bis er es mit einer Hand selbst festhielt. „Das wollen wir erst noch sehen. Abmarsch.“
„Das heißt, Du nimmst an?“, hakte Farkas nach und erntete ein grimmig-schiefes Lächeln.

Rückblickend wusste sie nicht mehr genau, was sie dazu bewegt hatte, die Aufgabe so umstandslos anzunehmen. Vielleicht weil ihr der Kampf gegen Darius Spaß bereit hatte und sie mit ihm auf gleichem Niveau trainieren konnte, ohne sich grämen zu müssen, dass man es ihr leicht machte. Vielleicht auch, weil er nicht weniger ehrgeizig war, als sie und seine eigene Entwicklung nach Eintritt in die Gemeinschaft der Gefährten ähnlich schnell voranschritt, wie die ihre. Die Zirkelmitglieder hatten daher durchaus rechtgehabt, als sie meinten, auch Vesana könne noch etwas dazulernen. Vermutlich wusste sie all das zum Zeitpunkt der Aufgabenverteilung instinktiv schon. Und womöglich gefiel ihr zu allem Überfluss an guten Gründen der Gedanke an diese neue Herausforderung mehr, als die Vorbehalte, die sie bis dahin gehegt hatte, sie zu hemmen vermochten.
Jetzt nahm sie das Stofftuch von ihrem Kopf, schüttete den stinkenden Heiltrank irgendwo an einen Busch und verstaute den Rest bei ihren Sachen. Nach dem Dampfbad verlor sich ihr Blick im Lagerfeuer am Abend des zweiten Reisetages nahe dem Zufluss aus dem Rifton-Plateau in den Weißfluss. Hrothluf schlief bereits fest. Sie saß also allein den knisternden Flammen gegenüber – Darius war fort, sie Zirkelmitglied, nur noch wenigen unterlegen, den meisten ebenbürtig. Allein in der Dunkelheit der sternenklaren Nacht nützte ihr all das jedoch wenig. Einsamkeit lastete schwer auf ihren Schultern. Nur noch vier, höchstens fünf, Tage, dann wäre sie wieder zu Hause, hätte sie wieder Freunde um sich. Es wurde Zeit, dass sie zu ihrem Alltag zurückkehrte. Egal, wie schwer es ihr auch fiel, sie konnte nicht ständig in Erinnerungen oder Gefühlsausbrüchen hängen bleiben. Wo käme sie da bloß hin, man stelle sich nur einmal vor, jemand würde sie dabei beobachten. Nein, soweit würde sie es nicht kommen lassen. Sie musste schleunigst ihre alte Standfestigkeit zurückgewinnen und diese Schwächephasen überwinden, hinter sich lassen. Und doch … die Einsamkeit würde auch zurück in Jorrvaskr nicht vollends verfliegen, dessen war sie sich sicher.
Grummelnd legte sie sich auf die Seite, stützte den Kopf auf die Hand und starrte weiter in die Flammen. Die Decke zog sie höher und wartete, bis Hrothluf sie mit der Wache ablöste.


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Bahaar
18.10.2013, 16:16
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Mehr oder weniger parallel zu den mächtigen Kaskaden des Weißflusses arbeitete sich ihr Gespann die steilen Serpentinen Manneshöhe um Manneshöhe die Felswand hinauf. Der dritte und vierte Tag boten tatsächlich einmal Abwechslung. Kaum hatten sie den Zufluss aus dem Süden überquert, waren sie in dichten Bergwald eingetaucht und würden ihn auch noch an diesem Tag wieder verlassen – nach oben verlassen. Die Straße führte sagenhaft steil ins Tal der Valtheimer Türme hinauf, das das Fürstentum Ostmarsch mit der Tundra um Weißlauf verband. Ein ebenso schöner, wie gefährlicher Reiseabschnitt. Das Gebiet unten vom Wald bis hinauf zu dem verfallenden Turm wurde regelmäßig von plündernden Gruppen heimgesucht, öfter als sie an Händen und Füßen zusammen abzählen konnte wurde Vesana mit den Gefährten entsandt, um dem raubenden Treiben ein Ende zu setzen. Entsprechend wachsam beobachtete sie ihre Umgebung. Zwar glaubte sie nicht an einen Überfall während des Aufstiegs durch die spitzen Serpentinen, aber wer wusste schon, was hinter der Abbruchkante lauerte, die mit jedem Schritt von Berta dem Pferd näher rückte?
Über das tosende Donnern der Wassermassen des Stromes zu ihrer Rechten würde jedenfalls keiner von ihnen Rufe von Banditen, oder möglicherweise das Pfeifen von Pfeilen vernehmen. Ihre Augen wären die einzige Möglichkeit der frühzeitigen Warnung, also behielt sie die Kaiserliche offen. Ihre persönliche Anspannung spiegelte sich nicht nur in ihrem aufrechten Sitz und den um Schwert und Bogen fester greifenden Händen wider, es färbte auch auf Hrothluf ab. Oder färbte er auf sie ab? Es spielte keine Rolle. Auch er ließ die Augen schweifen und zusätzlich zum im Wald festhängenden Sprühnebel der Kaskaden rannen Schweißperlen über seine freie Haut in Gesicht und Nacken. Er schwieg – und das sprach Bände.
„Ich kundschafte etwas voraus“, entschied die Jägerin und kletterte einige Kurven unterhalb der Abbruchkante und inzwischen oberhalb der Wipfel der letzten Bäume vom Wagen. Schwert und Bogen band sie sich auf den Rücken und mit schnellen, zielsicheren Schritten ließ sie das Reisegespann hinter sich zurück. Mittlerweile fielen ihr derartige, körperlich stark in Anspruch nehmende Bewegungen immer leichter. Vor allem nach dem letzten Heiltrank und mit dem Auslauf, den sie während der Reise auch zuvor schon hatte, baute sich ihre Ausdauer schnell aus. Zwar wäre sie noch immer nicht im Stande, längere Strecken zu rennen, aber wenigstens schnelles Wandern im unwegsamen Gelände bereitete ihr kaum noch Schwierigkeiten – abgesehen davon, dass es sie dennoch schwer atmen ließ. Ein kurzer Blick zurück verriet der Kaiserlichen außerdem, dass sie durchaus noch sehr flink in solchem Terrain zu Fuß war – der Nord und sein Wagen hatten in der Zeit, in der sie ihr Ziel schon erreichte, kaum zwei Serpentinen zurückgelegt. Zufrieden stahl sich ein Lächeln auf ihre Lippen, die sie nun wieder zusammenpresste, um die angestrengte Atmung zu beruhigen und den Puls zu drücken. Hier oben hallte das Rauschen des Wassers weniger stark wider, weshalb sie mehr Geräusche aus der Umgebung vernahm und das wollte sie sich nicht durch rauschendes Blut in den Ohren zunichtemachen lassen.
Die letzten Schrittlängen schob sich Vesana nun vorsichtig und langsam im Schutz einiger größerer Felsbrocken vorwärts. Das karge Tal wies kaum noch Vegetation auf, die größer als ein kleiner Strauch oder Busch war, weshalb sie besonders auf der Hut sein musste, wollte sie nicht von möglichen Räubern entdeckt werden. Kurzes Kreischen ließ sie zusammenfahren und die Augen weit geöffnet über die steilen Berghänge zu beiden Seiten der Flusskerbe schweifen lassen. Aber am leicht bewölkten Himmel machte die Jägerin alsbald einen Adler aus, der wohl als Quelle des Geräusches zu werten war. Es kam vor, dass Banditen Tiergeräusche imitierten oder gar Falken als Warnsystem einsetzten, um Gefahren zu kommunizieren. Allerdings hatte sie noch keine Gruppe getroffen, die einen Adler einsetzte. Zu stolz und eigensinnig waren die Tiere, als dass sie sich von einem Haufen Halunken zähmen ließen.
Vorsichtig pirschte sie weiter und behielt dennoch die Hänge mit im Auge. Sicherheitshalber. Außerdem erwachte ihr Jagdfieber. Zähnebleckend drückte sie sich in den Sichtschatten eines Felsens, von dem aus sie leicht bis zu den alten Türmen sehen konnte, die – durch eine schmale Brücke verbunden – an beiden Ufern des Weißflusses standen. Es wirkte friedlich, ruhig. Fast schon zu ruhig. Adrenalin pumpte durch ihre Adern während sie den Bogen vom Rücken nahm und einen Pfeil zog, beinahe hoffend, dass sich doch noch Ziele zeigen würden. Sämtliches Gefühl von Anstrengung durch den zügigen Aufstieg verflog während ihre Sinne die Umgebung abtasteten. Inzwischen vernahm sie auch wieder das Holpern der eisenbeschlagenen Wagenräder, das sich langsam aber stetig weiter nach oben kämpfte. Aber auch als sich das Gespann schließlich über die Kante schob und Vesana dem etwas verwirrt dreinschauenden, verunsicherten Hrothluf per Handzeichen zu verstehen gab, dass er einfach weiterfahren sollte, regte sich nichts. Weder zuckte sich etwas vor dem Turm an ihrem Ufer, noch auf der Brücke oder am steilen Hang auf der anderen Flussseite.
Ein Anflug ungemütlicher Schwere legte sich auf ihren Magen, als die Kaiserliche nach weiterem Warten enttäuscht schnaufend aufstand. Die einfache Schusswaffe aus Holz in der Rechten, ein Pfeil mit Zeigefinger und Bogensehne fixiert folgte sie letzten Endes dem Nord den leicht abschüssigen Weg hinab zum Turm auf ihrer Seite. „Scheint verlass‘n.“ Der Rothaarige wirkte sehr erleichtert, seine Schultern höher als zuvor, sein Stand aufrechter und die Stimme befreiter.
„In der Tat“, entgegnete Vesa und verstaute Bogen und Pfeil im Köcher. Sie kniete sich neben eine erloschene Feuerstelle vor dem Eingang in den Turm. Tasten bestätigte die Vermutung: kalt, nass und schon lange nicht mehr in Brand gewesen. Hier hatte sich mindestens eine Woche lang niemand mehr aufgehalten. Die Jägerin schaute zu ihrem Reiseführer hinauf, der gerade Berta am Kopf tätschelte, dann hinauf zum Himmel und wieder zurück. „Die Sonne steht schon tief und einen besseren Rastplatz werden wir auf den nächsten Meilen kaum noch finden.“
„Da habt Ihr Recht.“ Das Pferd band er kurzerhand vom Wagen los und an einem schweren, nahegelegenen Stein fest. Ohne ihn weiter zu beachten, trat die Kaiserliche auf die modrige, aus den Angeln gerissene Tür zu, die in das Innere des Gemäuers führte und den Eingang weiterhin versperrte. Angestrengt brummend zerrte sie das mit Wasser vollgesogene Holz zur Seite, nur um gleich darauf ihr Schwert zu ziehen. Das markante Schleifen hallte aus der feuchten Dunkelheit im Turm zurück. Nichts regte sich und auch als sich ihre Augen zunehmend an den Lichtmangeln innerhalb der alten Mauern gewöhnten, entdeckte sie nichts im Eingangsbereich oder auf der Steintreppe weiter nach oben, das irgendwie bedrohlich werden mochte. Sie würde später mit Fackellicht noch einmal tiefer in das verlassene Gebäude eindringen, aber dafür mussten die alten Fackeln an den Wänden erst einmal an ihrem Feuer trocknen – vorerst zog sie sich aus dem nach Fäulnis stinkenden Gemäuer zurück. Wie es diese Banditenbanden länger als eine Nacht in solchen Umgebungen aushielten, blieb Vesana nach wie vor ein Rätsel, schon jetzt ließ ihr der Geruch den Appetit vergehen. Aber vermutlich machte einem eine solche Umgebung nicht so viel aus, wenn man selbst schon derart verdorben war, wie die meisten Räuber. Mit Zähnen schwarz wie die Nacht und Mundgeruch so stark, dass er einen Troll neidisch werden ließ, stumpften sie womöglich gegen Umgebungsgerüche ab. Vielleicht ein etwas übertriebenes Bild, gestand sie sich ein, aber irgendwo doch treffend. Auf alle Fälle eines, dass sie verdienten.
Während Hrothluf das Feuer in Gang setzte, schob sie eine alte Holzbank zurecht, die wohl von den vorherigen Langzeitbewohnern gezimmert worden war. Damit saß es sich weit aus gemütlicher, als auf dem kalten, harten Boden. „Drei Tage noch, dann sollt‘n wir in Weißlauf ankomm‘“, befand der Nord und setzte sich mit auf die Bank. Ächzend und sich durchbiegend nahm sie sein Gewicht mit auf. Skeptisch blickte er an sich hinab auf das Holz und dann wieder in die allmählich in die Höhe schnellenden Flammen. „Wenn das Wetter hält, könn‘ wir sogar ab morg’n Abend schon Weißlauf und die Bauernhöfe seh’n.“ Auch wenn sie sich darüber selbst im Klaren war, so löse die Aussprache der Gedanken doch wieder einen Schwall Vorfreude aus. Leichtigkeit im Magen und ein schmales Lächeln überfielen Vesana. Auch die Erkenntnis, dass sie das Fürstentum Ostmarsch mittlerweile hinter sich gelassen hatten, überkam die Kaiserliche in diesen Moment. Bald, sehr bald schon, war sie wieder unter Freunden.
Bis dahin musste sie allerdings noch das wachsame Auge ihres Gespanns sein und so schnappte sie sich eine Fackel, entzündete sie im Lagerfeuer und begann damit, den näheren der Valtheimer Türme zu durchkämmen. Nützliches würde sie kaum finden, und Hrothluf hatte sicher auch keine Verwendung für durchgerostete Schwerter, aber so beschäftigte sie sich wenigstens und mochte nach der Wachablöse auch beruhigt schlafen können.


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Bahaar
26.10.2013, 11:32
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Grauverhangener Himmel, ein frischer Wind und der Duft von bevorstehendem Regen in der Luft – sie prägten den Abend am Ausgang des Valtheimer-Tals. Hoch oberhalb des Weißflusses mit Blick weit in die Tundra des Fürstentums Weißlauf hinein rasteten die Kaiserliche und der Nord am Rand der Bergstraße, wenn sich der kaum erkennbare, holprige Weg überhaupt als solche bezeichnen ließ. Die Arme um den Oberkörper geschlungen, die Jacke geschlossen und die Kapuze über dem Kopf, stand Vesana am Abgrund und spähte in die Ferne. Ob aus der vergebenen Hoffnung heraus, die Mauern und Türme der ersehnten Stadt am Horizont zu erkennen, oder einfach um die Gedanken in den scheinbar unendlichen Weiten zu verlieren – es spielte keine Rolle. Stoisch trotzte sie den teils straffen Böen, ließ sie mit den losen Strähnen am Rand des Gesichtes spielen und ließ sich auf der frischen Luft in den schnell dunkler werdenden Abend treiben.
Nervöses Kribbeln stieg in ihrem Unterleib auf, arbeitete sich hinauf bis in die Brust, ließ das Herz rasen und die Atmung gelegentlich aussetzen. Weder richtig un-, noch wirklich angenehme Schauer liefen ihr den Rücken hinab. Schmerzende Sehnsucht und treibende Vorfreude rangen in ihr um die Vorherrschaft. Die Linke schob sich unter ihrem Arm hervor und glitt hinauf zu der Stelle der Jacke, unter der sich ihr Hirschkopfamulett verbarg. Dort krallte sie sich in den dicken Stoff der Kleidung und hielt so auch das Schmuckstück fest. Während sie mühevoll die Ungeduld in sich niederkämpfte, biss sich die Jägerin auf die Unterlippe und schloss die Augen. Erst die völlige Finsternis und nach plötzlichem Grollen in den Wolken, gelang es ihr, das Prickeln im Bauch abzustellen. Kurz harrte sie in ihrer Pose, reckte die Nase in den Wind und sog die frische Luft ein. Anschließend wandte sie sich ab und Hrothluf zu, der zwischen einigen Felsen eine Plane gespannt und vor dem improvisierten Unterstand ein kleines Feuer entfacht hatte.
„Wir werden bald im Dunkeln sitzen“, kommentierte Vesana den Anblick. Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie es mehr zu sich, oder direkt an ihren Begleiter gewandt sagte. Daher verwunderte es nicht, dass er einen Moment benötigte, bevor er reagierte.
„Weshalb?“ Sie hielt sich mit dem rechten Arm noch immer umschlungen, während sie zu ihm hinüberschlenderte. Mit der Linken wies sie zum Himmel. „Oh nein, wirklich?“ Sie nickte und hockte sich zu ihm in den Unterstand, Hände den Flammen entgegengestreckt.
„Aber weit im Westen schien es teilweise wieder aufzureißen. Ich vermute, dass es nicht zu lange regnen wird.“ Es änderte zwar nichts daran, dass ein Gewitter in diesen Höhenlagen unvermindert gefährlich werden konnte, aber wenigstens einer von ihnen musste einen kühlen Kopf bewahren. Nachdem sie kurz nach Aufbruch an den Valtheimer Türmen einen alten, kaputten Karren am Flussufer ausgemacht hatten, von dem Hrothluf aus irgendeinem Grund annahm, dass es sich um den seines Geschäftspartners handelte, war der Nord permanent nervös gewesen. Nicht, dass ihr sein nervöses Trippeln und Auf- und Abgehen am vorigen Abend schon gereicht hätte, nein, er musste sie auch zig Mal aufwecken, weil er geglaubt hatte, etwas gehört zu haben. Zornig zog sie die rechte Oberlippe nach oben, wie ein aggressiver Hund. Der Rothaarige sah es nicht, aber ihr leises Grollen hätte er hören können, wäre er nicht damit beschäftigt gewesen, den Himmel zu beobachten. „Ihr übernehmt heute die erste Wache“, befand Vesa und der Mann nickte, aus seinen eigenen Gedanken gerissen, eifrig zur Bestätigung.

Zaghaft tätschelten die schwachen Wellen am Ufer des Sees ihre nackten Füße. Sie streichelten sie, lockten mit unverhoffter Wärme und Geborgenheit in der Dunkelheit der wolkenlosen Nacht. Die Sterne spiegelten sich auf der ebenen, pechschwarzen Oberfläche des Gewässers und verwandelten sie in eine gemütliche Seidendecke, unter der sich ein jeder gern zum Schlaf verkroch. Vorsichtig, ganz behutsam, um den zarten Schleier des Glitzerns nicht zu zerreißen, setzte Vesana einen Schritt vor, tauchte bis über die Knöchel im Nass ein. Feine Härchen richteten sich, ob des wohligen Gefühls von Komfort, überall an ihrem unbedeckten Leib auf. Mit der Linken öffnete sie das Lederband an ihrem Hinterkopf, das ihren Pferdeschwanz und die Zöpfe zusammenhielt. Angenehm warm, wie der Atem eines Nachtgefährten, fiel es über ihre Schulten bis auf die Brust hinab, legte es sich um ihren Nacken wie ein leichtes Tuch.
Mit den Händen auf Hüfthöhe, die Innenseiten flach zur Oberfläche des Sees weisend, schritt sie nun immer weiter voran tiefer ins Nass. Angetan vom sachten Kitzeln an ihren Beinen, während sie mehr und mehr vom flüssigen Schwarz umhüllt wurden, stahl sich ein zunächst zaghaftes, bald schon auch die Augen umfassendes Lächeln auf ihr Gesicht. Vesa spürte die kleinen Fältchen, die es um die Augenwinkel warf, fühlte seine entspannende Wirkung in den Muskeln.
Langsam tauchten ihre Oberschenkel ein, schoben sich tiefer ins Dunkel. Das Kribbeln stieg an ihr auf – stieg in ihr auf. Es schwoll über den Schritt hinaus an, umschloss ihre Hände und ließ den Bauchnabel zurück. Ihr Herz begann zu springen, unruhig mit Freude tanzte es hinter ihren Rippen. Als die Wassergrenze schließlich auch ihre weiblichen Rundungen zu reizen begann, hielt sie die Luft an und mit einem kurzen Satz tauchte die Jägerin rauschend in den Fluten ab. Wie ein Kissen legte sich der Druck der Finsternis auf ihre Ohren, schloss ihre Lider und sorgte für absolute Stille um sie herum. Ein herrliches Gefühl, als sie allein mit ihrem eigenen Herzschlag war. Keine Einflüsse von außen verunreinigten dieses Moment. Nur sie, nur die Wärme, Stille.
Lange blieb sie bodennah, entließ Schübe von Luft, die für einen Herzschlag lang die Ruhe durchbrachen während sie blubbernd aufstiegen. Doch auch sie war nicht in der Lage, ewig in den stillen Tiefen zu verweilen. Leichtes Stechen und baldiges Krampfen in den Lungen setzten ihrer Entspannung und dem Frieden ein Ende. Als sie sich gezwungen sah, aufzutauchen, drückte sich die Kaiserliche kraftvoll am steinigen Untergrund ab und ließ sich bis hinauf an die Oberfläche treiben. Begrüßt von silbrigem Lichtschimmer atmete sie tief ein und schwamm gleich darauf zurück zum Ufer. Fast schon widerwillig, als ob es sie nicht hergeben wollte, entließ sie das Wasser an die Luft der Nacht. Und doch hielt eine innere Unruhe Einzug, die ihre Finger zum Zittern brachte und ihre Muskeln in Spannung versetzte. Kleine Tropfen rannen an ihr hinab, kitzelten sie und ließen sie spüren, wie empfindlich ihre Haut doch eigentlich war. Überhaupt drangen die Begebenheiten der Umwelt intensiv und in unvergleichlicher Intensität auf sie ein. Die Klarheit der Nacht, der Duft des Laubes an den Bäumen und das seichte rasseln der Grashalme im lauen Wind. Ein ebenso schönes, wie überwältigendes Gefühl.
Doch da war noch etwas. Schwere in der Luft, wie ein dickes Tuch legte sie sich über alles. Der bittere Vorbote von Regen umarmte sie mit aller Kraft und hielt sie fest. Ohne Gegenwehr empfing sie seine Begrüßung und legte den Kopf voller Erwartung in den Nacken. Die Augen wach und weit geöffnet schaute Vesana hinauf zum dunklen Himmel. Keine Sterne leuchteten dort, nur vage machte sie die graue Masse aus, die bald ihren Inhalt über das Land ergießen würde. Herausfordernd breitete sie deshalb die Arme aus und lehnte sich noch etwas zurück. Ihr feucht-schweres Haar glitt von ihren Schultern und zog an ihrem Kopf, als wollte es sie zurück in die Fluten dirigieren, denen sie noch nicht einmal vollständig entstiegen war.
Doch war es schon zu spät dafür. Ein großer Tropfen klatschte ihr auf die linke Wange. Sein Gewicht ließ sie erst zusammenzucken, bevor sie seine immense Wärme zu genießen begann, als er langsam über ihre Haut hinabrann. Es folgten schnell weitere, deren Rinnsale bald ihr Gesicht, Schulten und Brust vollständig bedeckten. Und sie rochen so köstlich! Hastig öffnete die Jägerin ihren Mund, um den immer weiter anschwellenden Wolkenbruch aufzufangen. Der bitter-schwere Geschmack von Eisen umschloss ihre Zunge. Genussvoll schloss sie die Augen bevor sie den ersten Schwall hinabschluckte. Dann noch einen und noch einen. Immer mehr und immer gieriger schluckte sie hinab, ein unbändiger Durst überkam sie, bevor ihr Magen knurrend auf seinen Hunger aufmerksam machte. Vesana richtete sich auf, senkte den Kopf und öffnete die Augen. Die Hände offen wie Schalen vor den Bauch gehalten, blickte sie auf ihre im Dunkel feucht glänzende Haut. Sie wirkte dunkler als sonst.
Abrupt endete der schwere Regenschauer und die Wolkendecke riss auf. Silberweißes Licht umfing sie und ließ einen Schimmer von tiefem Rot auf ihrem nackten Körper erkennen. Mehr und mehr knurrte ihr Bauch, verlangte danach gefüllt zu werden. Bald schon war es so sehr angeschwollen, dass sie es nicht nur in ihrem Körper spürte, sondern regelrecht hörte. Erst dann überkam sie die Erkenntnis, dass es längst nicht mehr ihr Magen war, der verlangend brummte, sondern dass sich das bösartige Knurren ihrer eigenen Kehle entwand.
Perplex hielt sie inne und schaute abermals zum Himmel auf. Wie aus einem Leinentuch herausgerissen, klaffte dort eine Lücke in der Wolkendecke. Zwei matt schimmernde Scheiben, eine silbern, eine rot, glommen dort wie unheilvolle Augen. Wie vom Blitz getroffen fuhr von ihrem linken Auge ein greller Schmerz quer durch ihren Kopf, ließ sie stöhnen und in sich zusammenfahren. Gequält wandte sie den Blick von den auf einmal blendend hellen Monden ab.

Keuchend und nach Luft schnappend schnellte Vesa hoch. Schweiß stand ihr auf der Haut und den Mund hielt sie geöffnet. Das Herz schlug ihr bis zum Hals und sie benötigte einige Momente, um zu realisieren, wo sie sich befand. Sie fühlte sich matt und überhaupt nicht ausgeruht, die Haare klebten ihr am Kopf. Hastig schaute sie sich nach Hrothluf um, doch entdeckte sie ihn nirgends in der Dunkelheit der Nacht. Es regnete nicht mehr, aber dort, wo ihr Kopf gelegen hatte, tropfte es in regelmäßigen Abständen noch durch die Plane. „Scheiße“, knurrte sie leise.
Knurren. Knurrte sie wirklich? Ja, sie knurrte. Etwas verwundert bemerkte sie, wie von dem schnell zerfließenden Traum nichts weiter als ein Gefühl von Hunger, Verlangen und Unruhe zurückblieb. Nach einigen Augenblicken der Besinnung verflüchtigten sich auch die letzten Reste ihres nicht sehr tiefen Schlummers. Lediglich ein leichtes Kribbeln in den Gliedern, wie Aufregung nur weniger eindeutig schlecht oder gut, blieb an ihr haften. Inzwischen wieder klarer bei Verstand wusste die Jägerin nur allzu gut, was es zu bedeuten hatte.
Steifbeinig erhob sie sich und taumelte gleich darauf einige Schritte zur Seite, unter der Plane hervor, als ihr ein heftiger Stich durch die linke Schläfe fuhr. Reflexartig begann sie damit, die Stelle zu massieren, während sie unter ihrem provisorischen Unterstand hervortrat und nun aufrecht stehend weiter nach dem Nord Ausschau hielt. Das einst wärmende Feuer war erloschen, kein Licht ging mehr von ihm aus. Nur die Sterne über der westlich liegenden Tundra leuchteten ihr die Umgebung aus. Direkt über ihr hingen noch die Reste des Gewitters zwischen den Bergflanken im Tal. Sie ließen vom Regen gereinigte, kristallklare Luft zurück und das Gefühl, zu lange im Sprühregen eines Wasserfalls gestanden zu haben.
Klamm, aber nicht kalt, lief die Kaiserliche umher, rang die ersten Kopfschmerzen, die auch die nächsten Tage prägen würden, nieder und entdeckte schließlich ihren Reiseführer an exakt derselben Stelle, wo sie am Abend noch gestanden und den Blick in die Ferne hatte schweifen lassen. Auf leisen Sohlen näherte sie sich ihm und blieb im Abstand von wenigen Schritten stehen. Er hatte sie noch immer nicht bemerkt. In den Weiten glaubte sie irgendwo nahe am Horizont einige Lichtpunkte im Land zu sehen. Es mochte Weißlauf sein, vielleicht auch nur eines der Dörfer im Umland der Stadt, aber es spielte keine vordergründige Rolle. Es zählte nur, dass die Heimat zum Greifen nahe war.
„Ihr könnt Euch nun schlafen legen“, begann Vesana schließlich zu sprechen. Sie klang sanfter als sonst, weniger harsch. Dennoch fuhr der Nord in sich zusammen, als wäre er vom Donner gerührt.
„Bei den Göttern!“, entfuhr es dem Mann. „Ihr habt mich vielleicht erschreckt!“
„Verzeiht.“ Mehr fiel ihr dazu nicht ein, schenkte ihm ein Lächeln, das er in der Dunkelheit wohl kaum sehen konnte, und bekräftigte danach erneut: „Legt Euch schlafen.“ Inzwischen etwas gefasster nickte Hrothluf und verschwand hinter ihr aus dem Sichtfeld der Jägerin. Diese nahm nun den Platz des Nords ein, die Hände um den Leib geschlungen und die Augen zum Himmel gleiten lassend. Gerade verzog sich eine Wolke weiter nach Osten und entblößte die dicht beieinanderstehenden Monde. Jeder nur die genaue Hälfte eines Kreises – der eine silbrig-weiß, der andere rostrot. Wieder lächelte sie, bevor ein neuerlicher Stich durch ihre Schläfe fuhr, selbiges vertrieb und sie dazu zwang den Blick abzuwenden.
Es schien fast so, als schwänge in der Luft die seichte Note eines köstlichen Mahles mit, als sie den Blick zurück nach Weißlauf lenkte. Ein köstliches Mahl, das ihr das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ und den Appetit allein durch seinen Duft weckte. Wärme stieg vom Unterleib ausgehend in ihr auf, die der Kälte der Nacht trotzte. Die Augen fest auf ihr Reiseziel gerichtet, erschienen ihr die Kopfschmerzen mit einem Mal gar nicht mehr so schlimm, im Gegenteil. Die wohlige Wärme der Erregung erreichte ihre Wangen und zwang die Lippen auseinander. Fast sehnsüchtig biss sie sich auf die Zungenspitze. Was sie sonst fernab von zu Hause quälte, verflog nun wie leichte Nebelschleier am Morgen während die Sonne aufging. Die Schmerzen, die ihr noch bevorstanden, schienen einfach nichtig. Zurück blieb die Gewissheit, dass es sich nirgendwo besser lebte, jagte und speiste, als in ihrem angestammten Revier.


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Bahaar
02.11.2013, 13:49
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Dung und Ackerland, ihr Duft schwängerte die Luft am frühen Nachmittag, als der Nord und die Kaiserliche an den Gehöften und Wirtschaftsflächen rund um die hohen Stadtmauern Weißlaufs vorbeikamen. Ein Müller zerrte gerade Kornsäcke in einen Mühlturm, ein anderer schleifte staubende Beutel aus seinem heraus. Eine erdverschmutzte Frau kauerte in ihrem Gemüsebeet während ihr Mann in weiter Ferne mit der Sense hantierte. Die Sonne brannte vom Himmel und trieb Ströme von Schweiß in die Gesichter zweier Wachen, die auf den Rücken ihrer Pferde die befestigten Wege im Umland der Hauptstadt des Fürstentums sicherten. Ihre schweren Kettenhemden, die runden Schilde und mit gelbem Stoff verzierten Wamse lasteten auch auf ihren Reittieren, die schwer atmeten. Grimmig musterten die zweifelsfrei wenig zu Scherzen aufgelegten Gerüsteten das Gespann, als sie einander passierten.
Klappernd holperte der Wagen über die groben Pflastersteine, ungemütlich wurden sie durchgeschüttelt. Auch wenn es jedes Mal einen Stich durch ihre Schläfen fahren ließ, wollte sich Vesana nicht die gute Laune verderben lassen. Erleichterung und Freude ließen ihr Herz hoch schlagen, während die Mundwinkel regelmäßig nach oben wanderten, wenn sie die Augen über die Stadtmauern zu ihrer Rechten schweifen ließ. Es dauerte nicht sehr lange, bis die beiden schließlich an den Stallungen unterhalb der Stadt, noch vor der von alten, verwitterten und von früheren Schlachten gestutzten Mauern eingefassten Rampe ankamen, die hinauf zum eigentlichen Stadttor führte. Einige Zelte standen am Rand des Weges unweit der Ställe und ebenfalls noch außerhalb der alten Wehranlagen. Fahrende Händler, wieder einmal.
Kurzerhand hüpfte sie vom Kutschbock, als ihr Wagen letztlich hielt und Hrothluf die Zügel an der Bank befestigte. Die Beine ausschüttelnd band sie sich die Waffen auf den Rücken, warf sich die dicke Jacke über die Schulter und stapfte nach hinten zu ihrem eigenen Karren. Die Überkleidung ablegend begann sie damit, ihr Fuhrwerk vom Wagen des Nords zu lösen. Selbiger stieß in diesem Moment zu ihr. „Lasst mich Euch hiermit noch helf’n“, bat er und Vesa nickte nur. „Habt Dank für Euer Geleit. Ich bin froh, dass Eure Dienste nicht wirklich von Nöten gewes’n sind.“
„Mich ebenfalls“, entgegnete die Jägerin und löste die letzte Schlaufe auf ihrer Seite des Gespanns. „Ihr wollt mit Eurem Wagen nicht hoch in die Stadt fahren?“
„Doch, aber erst später und solang‘ möcht‘ ich Euch nicht hier unt’n festhalt’n.“
„Verstehe.“ Gemeinsam schoben sie ihren Karren etwas zurück, so dass sich Vesana hinter die Zugstange stellen konnte. Was er hier vor der Stadt noch für Geschäfte zu erledigen hatte, ging sie weder etwas an, noch interessierte sie sich wirklich dafür. Im Gegenteil. Sie war froh, sich von ihm trennen zu können.
„Genießt Eure Zeit in der Heimat, wer weiß, wann es Euch wieder forttreibt“, sagte Hrothluf zum Abschied.
„Danke, das werde ich. Gute Geschäfte.“ Der Nord nickte und machte ihr den Weg frei. Sie setzte sich in Bewegung. Die Steigung ließ sie schnell keuchen und der Blutdruck verstärkte ihre Kopfschmerzen, aber zielstrebig und unnachgiebig, mit dem Gefühl der endlich erreichten Heimkehr im Bauch, arbeitete sie sich dem Stadttor entgegen. Ihr Blick schweifte schnell von den moosbewachsenen Mauern zu den Zelten, als sie Stimmen und sehr leise Schritte von dort vernahm. Eine ganze Schar von laufenden Fellknäulen aus den heißen Regionen im Süden Tamriels wuselte zwischen den ledernen Verschlägen umher. Reflexartig verzog sie das Gesicht und wandte den Blick ab, zurück gerade aus auf den Weg zum Tor. Diese Halunken sollten ihr bloß fern bleiben. Nur zu gut wusste sie, wie die Schnurrer Unvorsichtige über den Tisch zogen.
Aber es sollte nicht zu einer Konfrontation kommen. Ein schon etwas ergraut wirkendes Katzenwesen in weiten, bunten Gewändern aus dickem, leicht zerschlissenem Stoff, das sich unaufhörlich an den Schnurrhaaren zupfte, schaute zwar lange in ihre Richtung, hielt aber seine Kumpane davon ab zu der Kaiserlichen hinüber zu eilen. Zumindest sah es aus dem Augenwinkel so aus. Vermutlich hatten wenigstens ein paar dieser Samtpfoten doch noch einen siebten Sinn und wussten, von welchen Reisenden sie besser die Tatzen ließen. Mit gewisser Erleichterung durchquerte Vesana kurz darauf auch schon das ehemalige Stadttor und ließ das Zeltlager der Katzen hinter sich.
Am eigentlichen Stadttor ließen sie die Wachen mit mürrischem, verschwitztem Blick passieren und übergaben sie dem geschäftigen Treiben auf der breiten Hauptstraße, die vorbei an zahlreichen Geschäften und dem Güldengrünbaum hinauf zur Drachenfeste führte. Es würde ein beschwerlicher Weg, aber mit ein wenig Geschick nicht mehr für sie. Der Anteil von Männern unter der Bevölkerung erschien der Jägerin noch immer ausgesprochen hoch. Die zentral gelegene, leicht zu erreichende Stadt mit den vielen Dörfern und Gehöften in ihrem Fürstentum zog nicht nur fahrende Händler, Handwerker oder Kulturgeister an. Auch die jungen Burschen, die nicht auf dem Land der Eltern arbeiteten, sondern andere Wege für diese erledigten, tummelten sich hier. Nicht wenige hielten beide Augen weit geöffnet auf der Suche nach einer hübschen Frau, die Auswahl im eigenen Heimatort war meist sehr begrenzt.
Ein verschmitztes Lächeln und einen Augenaufschlag später, schon rissen sich zwei junge, kräftige Männer wenig älter als Vesa darum, ihren Karren ziehen zu dürfen. Besonders bei den flachen Treppen, die einmal zum Güldengrünbaum und dann zu Jorrvaskr hinauf führten, kamen ihr die starken Arme ganz gelegen. Es änderte aber nichts daran, dass sie sich mit Freuden wieder von den viel zu viel redenden Herren trennte und sie ohne viel Federlesen von sich scheuchte, als sie einmal am Heim der Gefährten angekommen waren. Auch wenn sie sich früher oft ihrer eigenen Reize bedient hatte, um die eine oder andere Gefälligkeit zu erhalten, inzwischen merkte sie selbst, dass sie aus der Übung gekommen war. Ganz zu schweigen davon, dass sie nur noch selten wirklich das Bedürfnis verspürte, derartig mit Männerherzen umzuspringen.
Unterhalb der Himmelsschmiede schlug sie den Bogen um das hölzerne Haus der Gefährten herum, zerrte ihren Wagen hinter sich her und hielt noch einmal kurz inne, bevor sie tatsächlich auf den Übungsplatz zwischen Mauer und Jorrvaskr trat. Lediglich eine Person hielt sich hier auf, die Terrasse lag ruhig und unbesetzt da. Ein hochgewachsener Nord in schwerer Stahlrüstung schwang sein zweihändiges Schwert gegen eine Übungspuppe nahe der Mauer. Allein anhand der Statur und den schulterlangen, dunklen Haaren erkannte sie Farkas auch von der Rückenansicht. Er hatte Vesana noch nicht bemerkt, also ließ sie den Wagen nahe dem Felsen unterhalb der Schmiede stehen, legte ihre Waffen auf ihm ab und schlenderte langsam hinüber. Der kräftige Nord hieb von oben auf den Schild und blockte die hölzerne Klinge, die herumfuhr, als sich die Puppe drehte. Ein paar weitere Schläge in die Luft folgten, als kämpfte er gegen weitere unsichtbare Feinde. Keine unübliche Praxis, um Bewegungsabläufe einzustudieren.
„Hat Dir noch niemand gesagt, dass Du gegen imaginäre Gegner sowieso immer gewinnst und nicht üben brauchst?“, spöttelte die Kaiserliche nach einer Weile, die sie stillschweigend zuschaute. Gegen einen der Stützbalken des Vordachs über der Terrasse lehnend beobachtete sie, wie Farkas ruckartig herumfuhr. Der Schrecken und die Überraschung standen ihm in die aufgerissenen Augen geschrieben. Es dauerte einen Moment, bis er die verschwitzte, von der langen Reise und all ihren Zwischenfällen gezeichnete Frau wiedererkannte. Doch dann brach er in lautes Lachen aus – kein bösartiges oder herablassendes, nein. Freude brandete dort aus seiner Kehle auf als der Nord sein langes Schwert in der Scheide auf dem Rücken verstaute und mit großen Schritten zu Vesana hinüber kam.
Mit dem Ellbogen stieß sie sich von dem Balken ab und trat auf den Gefährten zu. Kurz darauf drückte er sie an sich. Etwas zögerlich legte sie ihm dann auch die Arme um den Körper. Sie reichte im kaum bis zum Kinn. Einige Augenblicke später löste er sich wieder von ihr und legte seine prankenhaften Hände auf ihre Schultern. Die grauen Augen in dem wettergegerbten Gesicht musterten sie. „Wir haben uns schon Sorgen gemacht, dass Dir etwas passiert sein könnte“, sprach er.
„Sorgen? Um mich? Überflüssig!“, entgegnete sie mit einer wegwerfenden Handbewegung und entwand sich geschickt seinem Griff. Erneut lachte der Nord, Scherze in ironischer Selbstüberschätzung kamen bei ihm unverändert gut an. Sie schmunzelte, ging zu einem der Tische hinüber und setzte sich auf einen der beschatteten Stühle daneben.
„Es ist gut, Dich wiederzusehen. Und das Lächeln steht Dir“, meinte Farkas, als er sich zu ihr setzte. Bei dem Seitenhieb auf ihre kümmerliche mentale Verfassung zum Zeitpunkt des Aufbruchs trübte sich ihr Blick etwas ein und verlor sich kurz in der Ferne hinter ihm. „Entschuldige, …“
Vesa schüttelte den Kopf und hob abwehrend die Hand. So schnell, wie ihre Gedanken abgedriftet waren, fing sie sie auch wieder ein und schenkte ihm ein weiteres Lächeln und Augenkontakt. „Schon gut.“ Er erwiderte das Lächeln. „Wo sind die anderen?“
„Oh, sie sind alle hier. Einige der Frischlinge sind unterwegs im Fürstentum, aber der Zirkel ist komplett.“
„Und ich bin sicher, es freuen sich alle ebenso sehr, wie Farkas und ich, dass Du wieder hier bist.“ Vilkas stand auf der Türschwelle ins Innere Jorrvaskars, ein freundliches Schmunzeln zierte seine rauen Lippen und legte die Augenwinkel in feine Falten.
„Vilkas!“ Die Kaiserliche stand langsam auf, um auf den schlanken, im Vergleich zu seinem Bruder nur geringfügig größeren Mann zuzugehen.
„Schön, dass Du meinen Namen noch kennst“, stichelte er und breitete die Arme aus. Er trug eine einfache Tunika aus dunklem Leinenstoff, was der begrüßenden Umarmung etwas Persönlicheres gab, entgegen der Rüstung seines Bruders. „Du siehst aus, als könntest Du eine kräftige Mahlzeit vertragen“, stellte der Nord fest.
„Sehr gern.“
„Dann komm mit rein in die gute Stube.“
„Gleich, ich hole nur schnell meinen Wagen.“
„Das mach‘ ich, geh‘ ruhig rein“, wehrte Farkas ab und erhob sich von seinem Stuhl. Vesana nickte dankbar und folgte Vilkas ins Innere der Halle der Gefährten. Feuchtwarme, leicht rauchige Luft schlug ihr entgegen, als sie in das schummrige, flackernde Zwielicht trat. Eigentlich gut ausgeleuchtet von einer großen Feuerstelle und zahllosen Kerzen und Laternen, wirkte es dennoch kaum heller als in der Dämmerung eines leicht bewölkten Tages. Das dunkle, alte Holz mit seinem rötlichen Schimmer schien das Licht aufzusaugen. Für einen kurzen Moment hielt die Jägerin inne, während die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, und ließ die Eindrücke auf sich wirken. Kribbeln stieg in ihr auf, ergriff den Magen und das Herz bis es in den Kopf stieg und die Gedanken durcheinander warf. Lächelnd schritt sie auf den großen Tisch in der Mitte der Halle zu. Aela und Skjor saßen dort am langen Ende über ihrem Essen in ein Gespräch vertieft. Der einäugige Nord mit dem fast kahlen Schädel und den Kriegsmahlen auf den Wangen bemerkte als erster, dass nicht nur Vilkas eingetreten war.
Sein Besteck ablegend stützte er das Kinn auf die zusammengefalteten Hände. „Sieh‘ an, wer wieder da ist.“ Seine festen Züge mit der langen Narbe auf der linken Wange regten sich kaum. Typisch für den immer-ernsten Nord.
„Hallo Skjor“, entgegnete Vesana.
„Hallo.“
Inzwischen hatte sich auch Aela umgedreht und strich sich einige Strähnen ihres langen, rotbraunen Haares aus dem Gesicht. „Willkommen zurück.“ Die Frauen nickten sich zu.
„Tilma!“ Vilkas sah sich nach der alten, zerfurchten Frau um, die sich immer liebevoll um das Wohlbefinden der Gefährten kümmerte.
„Komme schon“, kam es von irgendwo aus der großen Halle zurück, während sie sich mit an den sonst leeren Tisch setzten. Vilkas neben Skjor, Vesana neben Aela. Kurz drückten sie sich gegenseitig im Sitzen. Wenig später standen zwei dampfende Suppenschüsseln vor ihnen. „Soll ich Kodlak holen?“
„Lass‘ den alten Mann ruhen. Es wird noch genug Zeit zum Erzählen geben“, winkte Vilkas ab. Die Bedienstete und Freundin der Gefährten nickte und zog sich zurück.
„Deine Reise hat ziemlich lang gedauert“, stellte die rothaarige Nord zu Vesas linken fest, während diese über ihre dampfende Schüssel pustete und mit dem Löffel rührte.
„Ja, das ist wahr.“
„Lasst sie doch erst einmal wieder zu Kräften kommen!“, schnitt ihre Farkas das Wort ab und setzte sich auf den Stuhl neben sie. Das Holz ächzte unter seinem Gewicht.
„Schon in Ordnung.“
„Hast Du gefunden, wonach Du gesucht hast?“, wollte Skjor wissen. Vesana legte den Löffel ab und strich sich gedankenverloren mit dem rechten Daumen über die linke Handinnenfläche. Langsam fuhr er über die vier vernarbt aussehenden Punkte, die sie dort seit dem Kampf gegen den Werbären trug. Bilder zuckten ihr von der Konfrontation vor das geistige Auge.
„Ja … ja, das habe ich.“ Sie schaute auf und zu ihm hinüber.
„Damit bist Du die erste der gegenwärtigen Gefährten, die jemals einen Werbären gesehen und getötet hast. Dafür meinen Respekt“, sprang Aela von der Seite ein. Die Kaiserliche wandte den Blick auf sie und nickte dankend für die Anerkennung. Von einer selbst sehr erfahrenen Jägerin wie der Nord-Frau bedeutete es durchaus viel.
„Sie hat sich ganz schön gemacht, was?“ Farkas klopfte ihr auf die Schulter und wuschelte ihr anschließend durch die Haare. Die eigentlich freundschaftlich gemeinte Geste ließ Vesana jedoch in sich zusammenfahren. Die kräftige Berührung am Kopf und die Erschütterung rüttelten die fast vergessenen Kopfschmerzen frei. Reflexartig presste sie die Linke gegen die Schläfe, schloss die Augen und versuchte ruhig zu atmen. Flammende Stiche zuckten ihr quer durch den Schädel. Mühevoll verhinderte sie ein Stöhnen.
„Kopfschmerzen?“, wollte Vilkas, der ihr direkt gegenüber saß, wissen.
„Ja.“ Zähneknirschend öffnete die Kaiserliche die Augen und zwang sich entgegen der aufkommenden Übelkeit einen Löffel des dicken Eintopfes hinunter. Essen half in der Regel wenigstens ein Bisschen.
„Wie lange seit Deiner letzten Verwandlung?“, hakte der vergleichsweise kleine und schlanke Nord weiter nach.
„Frag‘ nicht.“
Skjor begann ein wenig zu schmunzeln, verlor jedoch nichts von seiner grimmigen Erscheinung. „Das könnte interessant werden.“
„Gefährlich, nicht interessant. Es sind nur noch fünf Tage bis Vollmond“, konterte Vilkas. „Vesa, Du weißt genau, wie wichtig es ist das Biest nicht zu lange zu unterdrücken. Es raubt Dir …“
„Auch das letzte Bisschen Kontrolle in den Vollmondnächten, ich weiß!“, unterbrach sie ihn. „Bitte, ich bin froh überhaupt wieder hier zu sein und nicht in der Stimmung für Moralpredigten.“ Obwohl nur eine sehr schwache Anspielung, so schien Vilkas dennoch zu verstehen, dass auf ihrer Reise keinesfalls alles so gelaufen war, wie es sich die Kaiserliche erhofft hatte. Ob die anderen es ebenfalls so verstanden hatten, wusste Vesa nicht, es war aber auch nicht so wichtig. Trotzdem schwiegen alle für einen Moment. Sie würde später mit dem kleinsten der anwesenden Nord in Ruhe sprechen, aber nicht jetzt. Mit einem knappen Lächeln legte sie den kurzen Streit ihrerseits bei.
„Was ist bei euch hier in der Zwischenzeit passiert?“, schlug sie ein anderes Thema an und hoffte, dass die übrigen Drei eine Weile mit Erzählen beschäftigt sein würden, damit sie in Ruhe essen und die Kopfschmerzen niederringen konnte.


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Bahaar
08.11.2013, 14:55
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„Eigentlich nur das Übliche“, meinte Farkas leichthin. „Eine ganze Reihe von Aufträgen und ein neuer Welpe.“
Vesana pustete über ihren vollen Löffel und schaute ihn aus dem Augenwinkel heraus an. „Und? Ist er zu ’was nütze?“
„Wird sich noch zeigen.“ Skjor schlürfte seinen eigenen Löffel leer, bevor er fortsetzte: „Der Geschickteste scheint er nicht zu sein.“
„Hmm, verstehe.“
„Gebt ihm eine Chance. Wer von uns war denn schon vor seiner Zeit hier ein großer Krieger?“, wiegelte Farkas ab.
„Ich“, konterte der Einäugige. Vilkas‘ Bruder schnaufte nur, ob des offenkundigen Fettnapfes, in den er getreten war. Vesana schmunzelte und schob sich noch mehr Eintopf in den Mund.
„Wir hatten letztens eine Eskorte nach Falkenring. Irgend so ein reicher Händler“, begann Aela zu erzählen, „ganz witzig …“
„… aber ich glaube Du willst nicht wissen, wie er sich selbst nassgemacht hat“, sprach Vilkas weiter.
„Du kennst die Geschichte doch gar nicht richtig“, protestierte die Rothaarige.
„Farkas hat sie mir bis ins kleinste Detail erzählt, ich kenne sie ziemlich gut.“ Die Nord lachten, Vesa konnte nicht, da sie gerade noch Besteck im Mund hatte.
„Aber im Ernst“, setzte der ihr gegenüber sitzende Mann fort, „bis auf die Untersuchung des Überfalls auf einen Händler im Valtheimer-Tal hatten wir auch nur kleinere Aufträge. Nichts Besonderes.“
Die Kaiserliche hob den Kopf und schaute ihn an. „Im Valtheimer-Tal, sagst Du?“
„Ja. Es muss sich wohl eigentlich um einen Schmuggler für Skooma gehandelt haben. Jetzt ist er tot.“
„Warum hat man die Gefährten für die Untersuchung angeheuert? Das fällt nicht wirklich in unser Aufgabenfeld.“
„Es wurde eine ziemlich üble Räuberbande verantwortlich gemacht, die eigentlich aus dem Gebiet um Falkenring stammt und lange im Fürstentum hier aktiv war. Wir sollten die Waren sicherstellen – was entsprechend gefährlich gewesen wäre. Aber die Bande ist schon seit Wochen nicht mehr in Weißlauf gesehen worden“, erklärte Aela und gab Vilkas damit die Möglichkeit selbst etwas zu essen.
„Dadurch fällt sie als Verdächtiger raus, nehme ich an?“, hakte Vesana nach.
„Richtig. Und genau deshalb endete dort dann auch unsere Zuständigkeit. Da diese ehrlosen Plünderer nicht in Frage kommen, übernehmen nun wieder Balgruufs Männer.“
„Die Drogen?“
„Verschwunden.“
„Gibt es keine weiteren Verdächtigen?“
„Nur der Geschäftspartner, aber der ist auch verschwunden“, übernahm nun wieder Vilkas. „Erscheint aber auch unwahrscheinlich. Vermutlich war es eine kleinere Bande oder sogar Sturmmäntel, die die Ladung für etwas anderes hielten.“
„Mit was sollte man Skooma denn verwechseln?“ Die Kaiserliche hatte inzwischen ihre Schüssel geleert und stützte sich auf dem Tisch ab. Wach musterte sie den kleinen Nord auf der anderen Seite der Platte.
„Schmiedeeisen.“
„Bitte?!“
„Ja. Klingt kurios“, brummte Skjor, während er die eigene Suppenschüssel an die Lippen setzte und die letzten Tropfen hinunterschlang. Vesa legte den Kopf schief und runzelte die Stirn. „Es scheint, als hätten diese Leute tatsächlich Gefäße aus Eisen hergestellt, die innen hohl sind und sich für den Transport von Flüssigkeiten eignen.“ Die Jägerin verschluckte sich an ihrer eigenen Spucke, so absurd erschien ihr die Vorstellung. Doch dann kam ihr ein Verdacht.
„Was ist über den Geschäftspartner bekannt?“, wollte sie wissen.
„Nicht viel. Nord, soweit wir wissen“, antwortete Aela. „Warum?“
Die Kaiserliche schaute sie an. „Ich bin mit dem Karren eines Nord hier her gekommen. Er hat mich mitgenommen. Rotes, längeres Haar, dichter Bart, leichter Sprachfehler. Hrothluf heißt er. Redete in Windhelm etwas davon, dass sein ‚Geschäftspartner‘ auf der Straße nach Weißlauf verschwunden wäre.“ Ihre vier Freunde aus dem Zirkel tauschten Blicke aus. „Oh, und er handelt mit Schmiedeeisen und Werkzeug.“
„Ist er noch hier?“, fragte Vilkas, seine Augen fixierten sie und der Kiefer mahlte.
„Wir haben uns an den Stallungen getrennt. Erschien mir ein wenig seltsam, dass er nicht in die Stadt wollte, aber in dem Moment habe ich mir nichts weiter dabei gedacht.“ Sie hielt einen Moment inne und ihr Blick verlor sich irgendwo hinter Skjor und seinem Sitznachbarn, als sie versuchte einzelne Eindrücke von ihrer Ankunft in einen Zusammenhang zu bringen.
Die Beiden bemerkten es. „Was?“, kam es einstimmig.
„Vor den Mauern ist ein ganzes Lager von Schnurrern.“ Vesana schaute Vilkas direkt an.
„Schnurrer? Du meinst Khajiit?“
„Ja, natürlich.“
Der Nord wandte den Blick ab. „Aela, Farkas, Skjor – informiert die Wachen und begleitet sie.“ Die Drei nickten und erhoben sich zum Gehen. „Du, meine Liebe“, widmete sich der kleinere Mann wieder der Kaiserlichen, „bist manchmal wahrhaftig Gold wert.“
„Ich weiß.“ Sie lächelte und zuckte mit den Schultern. Entweder hatte sie Hrothluf völlig falsch eingeschätzt – was für seine schauspielerischen Fähigkeiten sprach – oder der Nord war tatsächlich ein nervöses Quatschfass, das an den richtigen Stellen schweigen konnte. Egal was, hoffentlich bekam er, was er als schmutziger Drogenhändler verdiente – zusammen mit diesen schnurrenden Samtpfoten, deren Zurückhaltung ihr gegenüber in diesem Zusammenhang sogar einen Sinn ergab.
„Willst Du noch ‘was essen?“, riss sie Vilkas aus ihren Gedanken und sie schrak hoch.
„Danke, ja. Nur ein bisschen.“ Der Nord erhob sich und holte für sie beide Nachschub, während sich die Jägerin ein Stück von einem Brotlaib, der auf der Tafel lag, abriss. Noch bevor sie von dem Stück abbeißen konnte, zog jemand den Stuhl, auf dem Aela zuvor gesessen hatte, zurück. Erschrocken, ob des lautlosen Näherkommens, ruckte Vesana ein Stück zur Seite. Erst im nächsten Moment erkannte sie Kodlak in seinen weiten, rotbraunen Gewändern, die er häufig trug, wenn er sich nur seinen häuslichen Pflichten widmete und nicht vor die Tür musste. Die Kaiserliche wollte aufstehen, um ihn zu grüßen, doch legte ihr der alte Nord mit dem langen, vollen Bart sanft eine Hand auf die Schulter und hinderte sie daran.
„Ruhig, meine Liebe, Du bist lang gereist und hast es Dir verdient zu sitzen.“ Die Geduld seines Alters schwang in seinen Worten mit. Er lächelte unter dem grauen Haar hervor, während er sich setzte. Das Möbel leicht gedreht, sah er sie an aus müden Augen an. „Wie geht es Dir?“
„Erschöpft, müde, aber auch froh, wieder hier zu sein“, antwortete sie wahrheitsgemäß. Zusammen mit Vilkas vertraute sie dem Leiter ihrer Gemeinschaft von allen verbliebenen Gefährten am meisten. Sie würde die Beiden nie belügen, nicht einmal darüber nachdenken, es zu tun. Wenn sie über etwas nicht sprechen wollte, so sagte sie es ihnen.
„Du hast die Kopfschmerzen vergessen“, tadelte der jüngere der zwei Männer, als er mit einer dampfenden Schüssel zurückkehrte.
„Kopfschmerzen? Wegen des Wolfes?“, hakte Kodlak nach, obwohl Vesana seinem faltigen Gesicht ablas, dass er die Antwort bereits kannte.
„Ja.“
„Du solltest die kommenden Nächte nutzen und den Zorn der Bestie besänftigen, bevor sie zu mächtig wird und Schlimmes geschieht.“ In den Worten schwang keinerlei Zwang oder Aufforderung mit, es handelte sich um eine reine Feststellung des Grauen und die Jägerin verstand sie als solche. Sie nickte.
„Ich weiß.“
„Natürlich. Du wirst Deine Gründe gehabt haben.“ Der Alte schaute nun zu Vilkas, doch setzte er zunächst noch ein „Nun iss! Lass‘ Dich nicht aufhalten“ nach, bevor er zu dem anderen Zirkelmitglied sprach: „Wo sind Aela und die anderen?“
„Vesa hier hat einen wichtigen Hinweis in dem Skooma-Händler-Fall gegeben. Sie informieren die Wachen und nehmen hoffentlich in Kürze den Geschäftspartner des Toten in Gewahrsam“, erläuterte Vilkas.
„Ah, welch überraschende Wendung. Hoffen wir, dass alles gut geht.“
„Hrothluf hat auf mich nicht den Eindruck eines Kämpfers gemacht“, mischte sich die Kaiserliche zwischen zwei Bissen ein. „Wo sind eigentlich die ganzen Welpen? Farkas meinte zwar, dass einige Aufträge erfüllen, aber doch nicht alle, oder?“
„Sie sind unten und spielen Karten. Dort ist es wesentlich angenehmer als draußen. Der heiße Spätsommer ist für uns alle ungewohnt“, erklärte Kodlak.
„Hm, von dem habe ich nicht sehr viel mitbekommen.“ Sie erinnerte sich an die Kälte auf der Insel im Norden zurück, und auch die wärmere Südhälfte Solstheims konnte schwerlich für die restlichen Wetterverhältnisse sprechen.
„So kalt?“ Vilkas schmunzelte ein wenig.
„Du hast ja keine Ahnung.“
„War Deine Reise erfolgreich?“, fragte nun auch der Herold der Gefährten nach.
Die inzwischen leere Schüssel schob Vesana von sich und betrachtete nochmals ihre linke Handinnenseite. „Ja. Mehr oder weniger.“
„Was meinst Du?“ Der Graue bemerkte ihren Blick und nahm ihre Hand vorsichtig in die seinen.
„Ich habe einen Werbären erlegt, wie ich es mir vorgenommen habe. Ein sehr beeindruckendes Geschöpf. Auf der Suche nach ihm bin ich mit den Skaal, einem in sich gekehrten Stamm von Nord, zusammengestoßen. Durch diesen habe ich von magischen, gottgegebenen Steinen auf der Insel erfahren. Bei einem dieser Steine, sie nannten ihn Bieststein, glaube ich, habe ich den Bären gefunden“, erzählte Vesana die Geschichte. Die Männer hörten aufmerksam zu. Der Alte tastete zusätzlich noch über die Mahle in der hohlen Hand. „Nach dem Kampf leuchtete der Stein …“
„Er leuchtete?“ Vilkas zog eine Augenbraue hoch.
„Ja. Grünlich, um genau zu sein. Eine Art Aura. Sehr seltsam. Der kreisrunde Teich, der ihn umgab, war auch kein bisschen zugefroren, sogar richtig warm.“
„Verstehe einer mal Magie“, brummte der jüngere Nord nur noch.
„Wohl wahr. Jedenfalls hat er mich irgendwie dazu gebracht, ihn zu berühren und seitdem habe ich die da.“ Sie zeigte auf die rötlichen Punkte.
„Weißt Du, was es mit ihnen auf sich hat?“, wollte Kodlak wissen. Vesa zuckte mit den Schultern.
„Die Skaal meinten, die Steine verleihen jenen, die sich würdig erweisen, besondere Fähigkeiten, aber ich habe keine Ahnung, welche.“
„Sei vorsichtig damit. Göttliche Magie ist kein Spielzeug.“ Der Graue gab ihre Hand frei und tätschelte kurz deren Rücken, bevor er sich wieder zurücklehnte. „Was hast Du als Nächstes vor?“
„Meinen Karren abräumen und dann ein Bad. Obwohl ich das vielleicht noch etwas nach hinten verschiebe.“ Nachdenklich stützte die Kaiserliche den Kopf in eine Hand und massierte die schmerzende Schläfe. Den Blick hielt sie auf, vielleicht auch durch die Tischplatte gerichtet. Die Männer wussten, dass sie auf einen möglichen, vorher liegenden Jagdausflug anspielte, und ließen es unkommentiert. „Und danach würde ich gerne wieder etwas Arbeit übernehmen. Vielleicht erst einmal welche, die mich nicht so weit von hier wegführt.“ Mit einem Lächeln auf den Lippen schaute sie zwischen den gezeichneten Gesichtern der beiden Zirkelmitglieder, ihren Freunden, hin und her.
„Ich bin sicher, dass wir etwas für Dich finden werden.“ Der Herold der Gefährten erhob sich. „Entschuldigt mich, ich muss mich wieder um einige Dinge kümmern.“
„Natürlich“, nickte ihm Vilkas zu.
„Es ist schön, Dich wieder hier zu sehen, Vesana.“ Damit wandte sich der Graue zum Gehen.
„Ich werde mich erst einmal um meine Sachen auf dem Karren kümmern.“ Auch die Kaiserliche stand auf.
„Wenn Du Hilfe benötigst, sag‘ Bescheid.“
„Danke.“ Sie ging zu der Tür hinüber, die zum Übungsplatz und der Terrasse hinausführte und überließ Vilkas damit zunächst sich selbst.


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Bahaar
15.11.2013, 14:35
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Ihr Wagen stand am Rand der Terrasse und nur wenige Schritte von der Tür entfernt. Die Hitze des Tages brandete über Vesana hinweg, als sie aus Jorrvaskr hinaustrat und trieb ihr augenblicklich den Schweiß auf die Haut. Nach einem kurzen Blick auf das tiefer liegende Umland und die Gebirgsketten im Süden und Osten atmete sie tief durch, blähte die inzwischen vollständig genesenen Lungen auf und wandte sich ihren Habseligkeiten zu. Da sie hier oben über keine frische Kleidung mehr verfügte, schmiss sie die schmutzigen Stücke einfach zusammen in einen der beiden Tornister. Sie würde am nächsten Tag, nach ihrem Bad und frisch eingekleidet, Tilma zur Reinigung geben.
Nach und nach schaffte sie ihre Sachen ins Innere der Halle der Gefährten. Ihr kleiner Raum, der zusammen mit den Zimmern der anderen Zirkelmitglieder und dem Schlafsaal für die übrigen Angehörigen der Gemeinschaft im Untergeschoss lag, war nicht verändert oder in der Zwischenzeit benutzt worden. Alles befand sich dort, wo sie es zurückgelassen hatte. Die Schmuckschatullen, ihre zurückgelassene Kleidung, ihre mit einem dicken Schloss versiegelte Goldtruhe und allerlei Dekoration von Fellen und Geweihen bis hin zu einem Gemälde und einem dichten, weichen Teppich quer unter dem noch immer bezogenen Doppelbett. Es roch in dem kühl-feuchten Gewölbe wie am Tag der Abreise verhalten nach Bergkräutern. So lange wie sie ihn nicht mehr getragen hatte, bemerkte sie sogar noch den Duft ihres eigenen, sehr zurückhaltend fruchtigen Parfüms.
Einen Augenblick lang blieb sie am Eingang stehen, ließ den Schmutzwäschetornister auf den Boden fallen und legte das Schwert, den Bogen und die Armbrust auf die nahe Kommode. Die Augen geschlossen sog sie den Geruch der Kammer ein und fand sich unfähig, einige Bilder aus vergangenen Tagen zu verdrängen. Lange und zahlreiche Stunden hatte sie mit Darius hier verbracht, sein Duft gehörte zu dem Raum, wie alles andere, das sie hier untergebracht hatte. Mühevoll öffnete Vesana die Lider und wischte sich eine einsame Träne von der Wange. Mit langsamen Bewegungen verstaute sie die Waffen an ihrem persönlichen Waffenständer, schob ihr Gepäck in die Nische hinter der Tür, wo es erst einmal nicht störte, und deponierte auf dem Rückweg nach oben die übrigen Bolzen und Pfeile in der Waffen- und Munitionskammer. Jeder der Gefährten konnte sich dort für Aufträge und Reisen eindecken, wie es ihm passend erschien, aber es stand ihnen auch frei, eigene Ausrüstung zu tragen. Die Geschosse waren daher meist das einzige, das sich alle Mitglieder der Gemeinschaft teilten.
Nach dem fünften Mal, dass sie die Stufen in den Keller hinabstieg, befanden sich schließlich auch die übrigen Ausrüstungsgegenstände – angefangen bei ihrer Rüstung, über die Schlafunterlage und das Zelt, bis hin zu allerlei Werkzeug, das sich auf ihrem Karren tummelte, weil es noch Platz gab – in ihrer Kammer. Der Wagen lehnte bei seinen Vettern an der Stadtmauer Weißlaufs, die den Übungsplatz hinter Jorrvaskr begrenzte und die Kaiserliche saß auf der Kante ihres weichen Bettes. Ihr Totem der Jagd in den Händen spielte sie mit den Eckzähnen der erlegten Raubtiere und inzwischen baumelte auch der Zahn des Werbären um den Hals der wolfsähnlichen Figur. Vorsichtig wanderten ihre Finger von den Fängen hinauf zu dem hölzernen Gesicht und strichen über Nase und Augen bis zu den spitzen Ohren. Unverändert empfand sie Stolz und Freude beim Anblick ihres Werkes. Es war ihr gut gelungen und erfüllte seinen Zweck. Zugegebenermaßen hatte sie aber auch einen guten Lehrer für die Schnitzerei gehabt. Ein zaghaftes Lächeln umspielte ihre Mundwinkel, zog jedoch gleichzeitig schwer an den Augenlidern und Brauen. Seufzend stand sie auf, stellte die Figur in eine dunkle Nische eines ihrer Regale und schlang die Finger der Rechten um das Hirschkopfamulett. Im Hinausgehen gab sie dem silbernen Kopf um ihren Hals einen Kuss und versteckte ihn anschließend wieder unter der Tunika.
Auf dem Korridor, zu dem auch die anderen Räume ihre Türen hatten, vernahm sie augenblicklich laute Stimmen. Sie drangen aus dem Schlafsaal und boten eine Mischung aus Aufregung, Freude, Frust und Zorn. Athis, Ria und zwei erst kurz vor Vesas Abreise beigetretene Welpen, die sie kaum kannte, spielten weiterhin Karten. „Du betrügst, ganz klar!“, fluchte Athis der Dunmer, der sonst auch nicht viel für lange Reden übrig hatte. „Wo sind die Karten? In Deinem Ärmel, hmp?!“
„Ganz ruhig, hier betrügt keiner, Du bist einfach nur ein schlechter Verlierer!“, konterte Ria. Wie richtig sie doch lag. Die Jägerin lehnte inzwischen neben dem Eingang zum Schlafsaal an der Wand und lauschte, ohne dass die vier im Innern etwas bemerkten. „Außerdem: Was würdest Du schon tun wollen? Mich schlagen?“ Aus dem Raum schallte Lachen.
„Pass‘ nur auf!“
„Ach, Athis. Du würdest doch bloß wieder eine blutige Nase davontragen. Lass‘ gut sein und lieber noch eine Runde spielen“, beschwichtigte die offensichtlich häufig gewinnende Ria.
Schmunzelnd überließ die Jägerin die Glücksspieler sich selbst und kehrte nach oben zurück. Außer Tilma, die sich um das Essen für den Abend kümmerte und am Topfkessel hantierte, hielt sich hier niemand auf. Kodlak saß wohl noch immer in seinem Arbeitszimmer und Vilkas traf die Kaiserliche auf der schattigen Terrasse an. Jetzt am späteren Nachmittag warf auch die Halle der Gefährten einen zunehmend längeren Schatten über ihre Rückseite und das ebene, staubige Terrain. „Aela und die anderen sind noch nicht zurück?“
„Nein, aber ich bin sicher, dass sie bald kommen werden“, antwortete der Nord, ohne sich von seinem Stuhl zu erheben oder umzudrehen. Starr und nachdenklich ließ er den Blick in die Weite schweifen. „Du wirst heute jagen, ja?“
Sie blieb etwas hinter dem Zirkelmitglied stehen und folgte seinem Blick in die Ferne. „Ja.“
„Willst Du Gesellschaft?“
„Nein.“
Aus dem Augenwinkel schien es, als lächelte der Sitzende. „Natürlich nicht. Manche Dinge ändern sich eben nie.“ Es klang fast, als spräche er mehr zu sich selbst. Ebenfalls gedankenabwesend benötigte sie einen Moment zu reagieren.
„Es scheint so.“ Im Schlenderschritt verließ sie die Terrasse und lief nach links um Jorrvaskr an der Tiefenschmiede vorbei bis hinauf zur Himmelsschmiede. Eorlund schien bereits nach Hause gegangen zu sein, denn sie traf ihn nicht am hoch liegenden Platz der Schmiede an. Es war ihr ganz recht. Sie mochte den Platz am Rand des Plateaus, der nicht befestigt worden war. Häufig hatte sie in der Vergangenheit dort die Beine über die Kante baumeln lassen und über das südöstliche Fürstentum bis zu den Bergen geschaut. Die Abendstunden eigneten sich hervorragend dafür, wenn die Gebirgszüge aus dem Westen angestrahlt wurden und das Rot der Dämmerung zurückwarfen. Ein schöner Anblick und irgendwie kam es ihr so vor, als dränge der Klang der lebendigen Stadt nie so richtig bis zu diesem Flecken vor.
Auch jetzt säuselten ihr nur sanfte Windstöße um die Ohren, spielten mit ihren Haarsträhnen und kitzelten die Haut. Genussvoll schloss Vesana die Augen und ließ sich treiben. Die Hände auf den Stein gestützt schlug sie die Fersen sacht abwechselnd gegen die Felswand. Viel zu lange lag es zurück, dass sie das letzte Mal hier gesessen hatte. Doch der Moment hielt nur kurz vor, schwere Schritte und metallenes Schaben vernahm sie von unterhalb bis sie schließlich direkt unter ihr stoppten. „Da bist Du!“ Es war Farkas.
Verzögert öffnete die Kaiserliche die Lider und beugte sich vor, um zu ihm hinab zu schauen. „Hier bin ich.“
„Gold?“ Der große Nord in seiner stählernen Rüstung schaute sie aus seinen silbergrauen Augen heraus an, als befürchte er, sie könne jeden Moment springen. Nur das klingende Geldsäckel in seiner erhobenen Linken strafte seine Erscheinung Einbildung.
„Wofür?“ Vesa legte den Kopf schief und hob eine Augenbraue.
„Die Identifizierung eines Drogenhändlers, Beschlagnahmung seiner Ware, sowie die Festnahme eines Mordverdächtigen“, erklärte Farkas. Auf seine rauen Gesichtszüge stahl sich ein breites Grinsen.
Die Jägerin spitzte triumphierend die Lippen, bevor sie ein schiefes Lächeln auflegte. „Nun, wenn das so ist …“
„Dann komm‘ runter!“, forderte er sie auf und sie leistete Folge. „Deine Prämie.“ Er händigte ihr das Geld. „Fünfhundert.“
„Ziemlich viel.“ Sie wog den prallen Beutel in den Händen hin und her.
„War auch viel Skooma.“ Zusammen kehrten sie in die Halle der Gefährten zurück.
„Ist alles gut gegangen?“, fragte Vesana auf dem Weg.
„Er wusste nicht, was über ihn kam, als die Wachen sich über seinen Wagen hermachten“, entgegnete Farkas. „Leicht verdientes Geld für alle von uns. Zweitausend mit den jeweiligen Anteilen. Deine Prämie ist extra. Es gab wohl eine Belohnung für zu einem Erfolg führende Hinweise.“
„Nicht übel. Was ist mit den Khajiit vor den Toren?“
„Die haben immer Skooma. Nichts wofür man sie länger als ein, zwei Nächte in Haft nehmen könnte.“ Aela fing sie auf der Terrasse ab. Neben ihr stand Vilkas – offenbar hatten sie genau dieselbe Konversation geführt, wie die Kaiserliche und Farkas. „Außerdem ist deren Skooma gestreckt, also lässt man es gleich bleiben. Das hochkonzentrierte Zeug war noch auf dem Karren dieses Hrothluf, der wohl eigentlich Trargolf heißt.“ Vesana knirschte hörbar mit den Zähnen. Die Anspannung in der Kiefermuskulatur sandte Stiche nach oben in die Schläfen. „Du konntest es nicht besser wissen. Du hättest sehen sollen, wie viele verschiedene kleine Schauspiele er uns geliefert hat. Kann durchaus überzeugend sein, der Kerl, aber so können es Balgruufs Männer.“ Sie legte ein süffisantes Lächeln auf. „Und gerächt hast Du Dich ja jetzt auch.“
Der Triumpf kehrte auf das Gesicht der Kaiserlichen zurück. „Stimmt.“ Behände warf sie ihr Geldsäckel hoch und fing es klimpernd wieder auf. Gemeinsam traten die Vier ein, doch während die drei Nord sich an die Tafel zu den übrigen Gefährten setzten, bog Vesa in den Keller ab, um ihr verdientes Gold wegzuschließen. Außerdem wollte sie gleich noch einige frische Kleidungsstücke zusammensuchen, die sie am kommenden Morgen tragen wollte. In einem Beutel verstaut, warf sie sich die Jägerin über die Schulter und kehrte nach oben zurück.
„Willst Du nichts zu Abend essen?“, fragte Aela.
„Nicht jetzt. Später.“ Die Zirkelmitglieder wussten Bescheid. Sie verließ Jorrvaskr und ging zielstrebig zur Tiefenschmiede. Mittels eines kleinen, für jemanden, der nicht wusste, wonach er suchen musste, kaum zu erkennenden Druckschalter aus Naturstein ließ sich der naturbelassene Durchgang öffnen und gab die Kaverne mit der erhöhten Schale in der Mitte und den drei Podesten am Rand frei. Von dort, wo das Ritual zur Aufnahme in den Zirkel vollzogen wurde, zweigte ein Tunnel aus der Stadt ab, der in einem verfallenen Turm endete. Der perfekte Ausgang, um unentdeckt in und aus Weißlauf zu kommen – nicht für Schmuggler, zu hoch war der Absatz in der Ruine, der Tunnel und Freiheit trennte, aber genau richtig für nächtliche Jagden.
Ein einfaches Nachtlager aus Stroh, das Platz für zwei bis drei Personen bot, machte eine Rückkehr und Übernachtung in der Höhle möglich. Es stellte sicher, dass niemand bei seiner Verwandlung oder in anderweitig verdächtigen Situationen beobachtet werden konnte. Vesana legte zunächst nur ihren Beutel ab und kehrte danach an ihren vorherigen Platz am Rand der Himmelsschmiede zurück. Noch stand die Sonne über der Horizontlinie, knapp nur, aber dennoch strahlte sie hell über das Land – zu hell. Für einen Jäger der Nacht musste es vollkommen dunkel sein. Somit beschränkte sich die Kaiserliche zunächst darauf, das Farbenspiel an den Bergflanken zu beobachten und die frischere Abendluft, die eine willkommene Abwechslung zur Hitze des Tages bot, zu genießen.


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Muffin
22.11.2013, 22:02
Er hatte definitiv schon bessere Schiffe gesehen. Der Laderaum, in dem er und ein halbes Dutzend andere es sich gemütlich gemacht hatten, roch modrig und er war sich nicht sicher, ob der Schiffsbauer hier gute Arbeit geleistet hatte. Aber hatte Astien eine Wahl? Er war am Vormittag am Hafen von Wegesruh angekommen, nur um festzustellen, dass zu dieser Zeit des Jahre kaum Schiffe anlegten. Und Schiffe, die nach Himmelsrand fuhren, schon gar nicht. Nachdem er dann zwei Stunden den Hafen auf und ab gelaufen war, hatte er von einem alten Seemann von einem Schiff von Abenteurern erfahren, die nach Himmelsrand fahren würden. Abenteurer, pah. Die Besatzung des Schiffes war nicht einen Deut weniger heruntergekommen als ihr Schiff, aber eine andere Möglichkeit hatte es nun mal nicht gegeben. Gegen ein paar Septime waren sie einverstanden gewesen ihn mitzunehmen. So hatte er sich also unter Deck begeben und hier saß er nun zusammen mit ein paar Gleichgesinnten. Einen Tag würde es dauern, um die Iliac-Bucht zu durchqueren und vier weitere Tage, um in Windhelm anzukommen. Ja, Windhelm. Eigentlich hatte er sofort in Winterfeste von Bord gehen wollen, wie er jedoch erfahren musste, besaß Winterfeste gar keinen Hafen. Seit dem großen Zusammenbruch vor 80 Jahren war keiner gebaut worden.
Astien seufzte. Er hoffte, dass er in Winterfeste vielleicht einen Zauber lernen würde, mit dem sich das Reisen vereinfachen ließe. Fünf Tage würde er nun hier auf diesem Schiff feststecken.
Astien öffnete seine Augen. Er musste weggedöst sein, als er gerade in seinem Buch gelesen hatte. "Na, auch schon wach?", fragte ihn der Khajiit, der neben ihm saß. Astien blinzelte. "War ich lange weg?", fragte er. Der Khajiit grinste. "Mein Junge, was würd ich dafür geben, wenn ich solange schlafen könnte wie du! Bei diesem ständigen Geschaukle brauch ich es gar nicht erst zu versuchen. Ich bevorzuge immer noch festen Boden unter den Füßen." Astien schmunzelte. "Festen Boden? Ich dachte, ihr Khajiit zieht eher die Wüste vor?" Der Khajiit wirkte belustigt. "Ach, zum Witze reißen seit ihr euch wohl auch nicht zu schade? Nein, mein Junge, ich war noch nie in Elsweyr, aber ich habe vor es einmal zu besuchen." Astien mochte den Khajiit. Er redete geradeheraus und schien auch Humor zu besitzen. Außerdem wirkte er gleichzeitig erfahren und jung, was ihn sehr beeindruckte. "Ich heiße übrigens Astien", sagte er, "und wie lautet euer Name?" Die Katze zwinkerte. "Mein Name ist Marj'dar. Ich denke, wir werden hier noch viel Spaß zusammen haben. Nun kommt! Ich muss euch etwas zeigen." Marj'dar eilte zum anderen Ende des Lagerraums, um die Falltür nach draußen zu öffnen. "Nach euch", meinte er und Astien tat wie geheißen.
Er hatte noch nie so eine riesige Stadt gesehen. Wegesruh war natürlich nicht klein, was er nun aber sah stellte alles in den Schatten, was er bis jetzt gesehen hatte. Sie - Astien und Marj'dar - lehnten an der Reling des Schiffs und betrachteten die Hauptstadt von Hochfels, Daggerfall. Sie waren schon ein ganzes Stück gefahren und würden bald die Iliac-Bucht verlassen. Vor ihnen türmte sich nun Daggerfall auf, groß und prächtig. Astien konnte sich nicht sattsehen an den vielen Gebäuden und der Liebe zum Detail, die beim Bau dieser Stadt eingeflossen war. Astien erschauderte bei dem Gedanken, wie viel Wissen über Magie wohl innerhalb der Mauern gesichert war. Schließlich war dies hier die Hauptstadt der Bretonen, einem der magisch begabtesten Völker. Marj'dar leckte sich über die Lippen. "Verdammt, ich würde hier gerne eine Pause einlegen. Was für Geschäfte ich hier machen könnte! Daggerfall ist beinahe so beeindruckend wie die Kaiserstadt." Astien runzelte die Stirn. "Du warst in der Kaiserstadt? Und sie soll noch prächtiger sein als diese Perle hier? Erzähl mir doch nichts." Marj'dar lachte nur. "Junge, du würdest staunen, wenn du wüsstest wo ich schon überall gewesen bin. Ich bin mehr als ich aussehe. Jedenfalls, ja, die Kaiserstadt ist noch beeindruckender. Wenn sich auch der Weißgoldturm nicht mit deinem Diamantturm messen kann, es stimmt." Astien war neidisch. Er war sein Leben lang auf einem Bauernhof aufgewachsen und hatte war nie weiter als bis Wegesruh gegangen. Er hoffte, dass er als diese Orte selbst einmal besuchen würde.
Sie blieben an Deck und ließen Daggerfall langsam an sich vorbeiziehen. Plötzlich fragte Marj'dar: "Wieso willst du nach Himmelsrand Astien? Was hat es für einen jungen Bretonen wie dich zu bieten?" Da brauchte Astien nicht lange zu überlegen. "Ich suche nach Wissen. Ich will mich der Akademie von Winterfeste anschließen." Marj'dar wirkte überrascht. "Ach, du bist Magier? Kein Wunder, schließlich bist du ein Bretone. Aber warum Himmelsrand? Wieso gehst du nicht zur Schule des Flüsterns oder zur Synode?" Astien konnte nur finster schauen. "Ich will zu einer Organisation gehören, die die Magie erforscht und in der es nicht nur um Ansehen und Politik geht. Die Magie selbst muss das Wichtigste bleiben." Marj'dar nickte. "Kann ich verstehen. Ich sagte ja, ich war mal in der Kaiserstadt und hab auch die Synode besucht. Alles was die da machen ist reden und reden. Ziemlich langweilig. Und ob einer von denen Magie beherrscht, weiss ich auch nicht. Willst du mir mal was zeigen? Solange du das Schiff nicht abfackelst versteht sich."
Astien war begeistert. "Na klar doch!" Er überlegte kurz und kam zu dem Schluss, dass ein kleiner Blitzzauber nicht schaden würde. Er konzentrierte das Mana in seiner Hand, formte es in Elektrizität um und schickte es in einem schnellen Strahl ins Wasser. Das Ergebnis war gar nicht mal so schlecht: Der Zauber verbreitete sich ungefähr ein Dutzend Meter in alle Richtungen und tötete die Fische in diesem Bereich sofort. Der Khajiit nickte anerkennend. "Nicht schlecht. Ich bin ja nicht so der Magietyp. Ich verlass mich lieber auf meinen guten alten Dolch." "Jedem das seine", stimmte Astien ihm zu.
Sie ließen noch einige Zeit vergehen, redeten über dies und das bis zum Anbruch der Dunkelheit. Schließlich verabschiedete sich Astien von Marj'dar für diesen Tag und ging in den Lagerraum zurück. Jetzt wo er Himmelsrand näher kam, überkam ihn langsam unbändige Freude. Er konnte es kaum erwarten, endlich mehr über Magie zu lernen und mit diesem Wissen durch die Welt zu reisen.

Bahaar
23.11.2013, 14:27
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Nackt in der Dunkelheit. Ihre offenen Haare kräuselten sich in der feuchten Höhlenluft. Die Härchen am Rest ihres Körpers stellten sich auf und sie fröstelte. Lediglich eine Kerze stand auf einem der Podeste am Rand der Kaverne, doch ihr Lichtkegel verlor sich schnell und berührte nicht einmal mehr die Kaiserliche, die kaum zwei Schritte von ihr entfernt stand. Das Ziehen und Stechen in den Schläfen, die körperliche Unruhe, die ihre Gedanken rasen und den Bauch wie voll mit Bienen summen ließ, und das schlichte Verlangen durch die Nacht zu hetzen schwollen immer weiter an. Bilder von vergangenen Hatzen lockten sie und zwangen sie dazu, in verkrampfter Selbstbeherrschung mit den Zähnen zu knirschen und die Fäuste zu ballen. Noch wollte sie sich nicht ihren Trieben hingeben, brachte sich dazu die Augen offen zu lassen und sich nicht in den Eindrücken ihrer Fleischlust zu verlieren.
Zunächst kehrte Vesana noch einmal in den schwachen Lichtkreis zurück und schaute an sich hinab. Die Verletzungen der letzten Wochen verblassten immer mehr. Die gelbgrüne Färbung ihres Brustkorbes war verschwunden und die Stichverletzung unterhalb des linken Busens schimmerte nur noch als ein blasser Strich. Auf ihrem Rücken mochte sie sich ähnlich präsentieren. Womöglich würden sich die schmalen Narben am Ende ihrer Jagd gar nicht mehr erkennen lassen. Wenn sie von ihrer schmutzigen Erscheinung absah, wirkte sie tatsächlich wieder normal und gesund. Trotz der Pein hinter ihren Augen stahl sich ein Lächeln auf ihre Lippen und sie gab sich auf.
Ein Grollen stieg in ihrer Kehle auf, als sie sich nach vorn krümmte und die Hände vor das Gesicht schlug. Es schwoll an, wurde tiefer und bedrohlicher. Sie spürte, wie ihre Muskeln an Masse gewannen, sich ihre Rippen knackend ausdehnten und den Brustkorb wachsen ließen. Auch die Knochen in den Armen wurden länger, ihre Haut dunkler bis sie aschgrau schimmerte. Obwohl die widerlichen Geräusche für einen Außenstehenden zweifelsohne mit unglaublichen Schmerzen verbunden sein mochten, spürte die Kaiserliche nichts der Gleichen. Die Spasmen, die durch ihren Körper fuhren und sie durch die Kaverne taumeln ließen, legten sich schnell und wichen geschärften Sinnen. Ihr langes Haar war kürzerem, weichen Fell gewichen und die Finger- und Fußnägel zu langen, scharfen Klauen gewachsen. Was sonst nichts als schwarze Finsternis gewesen war, schattierte sich nun klar in hellen Grautönen ab. Das Kerzenlicht strahlte hell in Gelb und erweckte den Eindruck einer kleinen Sonne. Sie roch das Wachs, ihre schmutzige, verschwitzte Kleidung auf dem Boden und das Stroh des Nachtlagers. Ihr schnell schlagendes Herz hallte von den Höhlenwänden wider.
Hechelnd sprang sie auf das Mittelpodest, die Füße zu beiden Seiten der Schale, die Pranken hielten sie vornübergebeugt im Gleichgewicht und krallten sich in den Stein. Schwanzwedelnd schaute sie sich um und drückte sich wenig später aus den gebeugten Knien ab. Annähernd geräuschlos landete sie im Tunnel und spurtete ihn auf allen Vieren entlang. Es dauerte nicht lange, da fand sie sich in dem verfallenen Turm wieder. Doch anstatt anzuhalten sprang sie einfach gegen die Wand auf der gegenüberliegenden Seite des Absatzes, oberhalb des Ausgangs in das Umland Weißlaufs. Kurz hielt sich Vesana fest, drückte sich schnell darauf ab, landete unterhalb der Kante in der Wand und sprang erneut direkt aus der Ruine heraus. Auf dem feuchten Erdboden rollte sie sich zwischen einigen Trümmerstücken ab. Einen weiten Sprung später stand die Wölfin oben auf einem nahen Felsen und ließ die scharfen Augen über das flache Land von der Straße im Süden, über die Gehöfte und Mühlen, die sich an ihr aufreihten und die Tundrasteppe im Norden schweifen. Mit einem schnellen Stoß drückte sie sich mit den Armen einzig auf die Hinterbeine hoch und hob den Kopf. Eine der wenigen Wolken am Himmel dieser Nacht gab in diesem Moment die Monde frei und ihr silber-rotes Licht brandete über die sie hinweg. Ein langes, lautes Heulen entwand sich ihrer Kehle, voll Freude und in Erwartung reicher Beute.
Sie begann zu schnüffeln und die Gerüche ihrer Umgebung aufzunehmen. Gras, Wasser, frisch aufgewühlte Erde. Auch Holz und Kräuter sandten ihre Marken zu ihr. Irgendwo mussten sich auch einige Rehe aufhalten, doch weder sie, noch all das andere interessierten sie. Heute suchte die Jägerin andere Beute. Kalter Rauch schlug ihr als Note im Hintergrund entgegen. Er kam nicht aus der Nähe der Höfe an der Straße und auch nicht von der Stadt hinab. Vielmehr trieb ihn der sachte Wind aus dem Norden zu ihr.
Ruckartig fuhr sie herum, drückte sich kraftvoll mit den Beinen ab und nachdem sie aufsetzte, spurtete sie hechelnd durch die Nacht. Mühelos vollführte sie den Slalom zwischen den größeren und kleineren Felsbrocken, die das nahe Umland des kleinen Berges, auf dem die Drachenfeste und Weißlauf lagen, zeichneten. Ihre Lungen brannten bald vor Anstrengung, das Herz schlug wie wild, doch anstatt langsamer zu werden legte sie noch einmal zu. Sie fühlte sich gut, berauscht von der Kraft, die durch ihre Adern pulsierte und sie vorwärts trieb, geleitet von Hunger und Lust. Mit jedem Satz wurde die rauchige Note in der Luft deutlicher, leichter wahrzunehmen und fungierte bald wie eine Schnur, die sie bis zu ihrem Ende aufrollte, um so den Weg zu finden.
Weit unterhalb der Drachenfeste hielt die Wölfin abermals inne, reckte das Haupt in die Höhe und schnüffelte. Die Kälte war aus der Duftnote gewichen, das Feuer, deren Spur sie aufgenommen hatte, befand sich in unmittelbarer Nähe. Wachsam strafften sich ihre Ohren, rotierend versuchten sie die Geräusche der Nacht auseinanderzuhalten. Leises Knacken filterten sie alsbald aus dem glucken so mancher Nachtvögel in der Ferne und dem Schnaufen naher Säuger. Ihren eigenen Herzschlag verdrängte sie in den Hintergrund. Vesana folgte der steilen Felswand zu ihrer Linken und entdeckte nach kurzer Zeit schwachen Lichtschimmer an einem Vorsprung. Es schien, als würde er von unten durch ein Feuer angestrahlt. Knistern in der Luft und die immer intensivere Note von Rauch bestätigten diesen Verdacht.
Die Jägerin verlangsamte ihre Schritte und schlich auf allen vieren näher. Kurz vor einem größeren Felsbrocken, der ihr die Sicht auf das Lager versperrte, kletterte sie jedoch behände die Wand hinauf, um auf den Vorsprung zu gelangen. Lautlos fanden ihre Klauen und Zehen Halt, hakten sich in Spalten und umgriffen kleinere Felsnasen. Aufgeregt wedelte ihr Schwanz hin und her, schlug ihr das Herz bis zum Hals. Gleich war es soweit. Zum Rauch gesellte sich inzwischen der Geruch mehrerer Personen – allesamt Männer. Sie stanken nach Schweiß, Schmutz, Fett und anderen Ausdünstungen, doch es spielte keine Rolle. Vesa wollte nicht mit ihnen ausgehen. Ihre inneren Werte besaßen für sie Priorität. Ihre lange Zunge bleckte über die feuchte Nase, als sie das spitz zulaufende Haupt über die Kante des Simses reckte und hinabschaute.
Drei Mannshöhen unter ihr lagerten vier Männer. Ein Dunmer, der Rest waren Nord. Die Grauhaut schien Wache zu halten, doch galt sein Blick einzig dem Feuer, nicht seiner Umgebung, und schon gar nicht dem Himmel oder der Felswand über ihm. Seine menschlichen Kumpane verteilten sich auf zwei Schlafmatten und einen Stuhl mit Beistelltisch. Zweifelsfrei handelte es sich bei ihnen um Wegelagerer. Ihre schäbige Erscheinung und die drei ramponierten Karren mit den unterschiedlichsten Waren sprachen eindeutig dafür.
Das Maul offenstehend, schwer atmend und immer unruhiger sondierte die Kaiserliche für einen kurzen weiteren Moment die Situation. Ihr Sinn für Vorsicht war noch nicht erloschen. Doch verriet ihr ihre feine Nase, dass sie keine Störung fürchten musste. Es versteckte sich keine fünfte Person in unmittelbarer Nähe und so weit ab von jeder Straße brauchte sie auch nicht mit Wachen rechnen. Es gab kein Halten mehr. Sie ließ sich etwas nach vorne fallen, bevor sie sich nach unten hin an dem Vorsprung abdrücke. Die Pranken vor den Kopf gestreckt erfassten sie als erste den Rücken des Elfen. Dann schnappen die Kiefer um seinen Hals zu. Er hauchte sein Leben aus, bevor ihre Füße ihn erreichten und ihn als Puffer zu Boden rissen.
„Was bei …?!“, schrie der Nord auf dem Stuhl und riss damit seine beiden Kameraden aus dem Schlaf. Doch weiter kam er nicht, denn die Wölfin schnellte schon herum und sprang von der Leiche unter ihren Füßen. Ihre Fänge versenkte sie in der linken Brust und Schulter, riss den wehrlosen Mann aus seinem Sitz und kugelte mit ihm in einem Wirrwarr aus Gliedmaßen über den erdigen Grund. Sein Schreien erstarb zunehmend in feuchtem Gurgeln, als ihre Eckzähne durch die Bewegungen seine Lunge aufschnitten. Blut quoll ihr ins Maul, benetzte ihre Zunge und rann ihren Rachen hinab wie guter Wein. Schweres Eisen kitzelte ihren Gaumen und weckte Lust auf Mehr.
Doch noch konnte sie sich nicht laben, nein. Zwei Nord standen noch zwischen ihr und ihrem Bankett. Mit rottriefender Schnauze und hechelnd trat sie ihnen auf die Hinterläufe erhoben gegenüber. Obwohl wesentlich kleiner als die Beiden, standen deren Augen weit offen wie Tore in ein Reich der Angst. Ihre Hände zitterten als erfroren sie und die Lippen bebten wie die Erde unter den Füßen eines Riesen. Sie brachten keinen Ton heraus, zu sehr schockierte sie der Anblick und plötzliche Tod ihrer zwei Kollegen. Knurrend trat Vesana näher. Unerwartet warf der weiter hinten stehende Nord sein Schwert auf den Boden und ergriff die Flucht. Nicht, dass es ihm etwas nützen würde, wenn sie ihn denn noch verfolgen wollte, aber für den Moment galt ihre Aufmerksamkeit dem Letzten der Viererbande.
Die Wölfin schritt immer näher, umkreiste ihre Beute schließlich und lauerte auf einen Fehler. Auch wenn das einfache Eisenschwert in seiner Hand kaum gekonnt geführt wurde, so mochte es durch Zufall dennoch schlimme Wunden reißen können. Also wartete sie ab, bis sich der furchtzerfressene Mann von selbst präsentierte. Und genau das tat er auch, als er nach ihr schlug. Kurz sprang Vesa zurück, dann wieder vor, noch ehe er seine Waffe erneut erhob. Mit der Linken riss sie ihm den Schwertarm von Ellbogen bis Handrücken auf. Schreiend taumelte der Räuber zurück, sein Lebenssaft floss schnell aus seinen Adern. Noch im Taumeln erwischte ihn ihre rechte Pranke quer über den Brustkorb und schon sprang sie ihn an. Die Fänge schlug sie ihm in den Hals, die Krallen an den Zehen gruben sich in seine Oberschenkel während ihre Pranken den widerstrebenden Oberkörper zu Boden pressten.
Knurrend rüttelte sie mit ihrem Kopf, zerfetzte seine Kehle und sandte ihn ins Jenseits. Zufrieden ließ sie von ihm ab und baute sich triumphierend über ihm auf. Ein langes Heulen grüßte die Monde, die unheilvoll ihren Jagderfolg beglückwünschten. Den Vierten der Bande ließ sie ziehen. Er wäre den Aufwand nicht wert, zu verlockend rief das noch warme Festmahl zu ihren Füßen.
Mühelos riss sie ihm die lederne Kleidung vom Leib und entblößte geschundene Brust. Die Rippen blitzten in den feucht triefenden Schnitten ihrer Klauen auf. Genüsslich leckte ihm die Wölfin über die Haut, schloss die Augen und brummte in Erregung. Wärme stieg in ihr auf, als sie das Eisen auf der Zunge schmeckte und es gierig hinabschluckte.
Feuchtes Glucksen riss sie aus ihrer Trance und ließ ihren Kopf in die Höhe schnellen. Aus der Nähe der Felswand vernahm sie die kläglichen Versuche eines sterbenden Mannes, Luft zu holen. Die Lefzen zurückziehend, entblößte sie die Fänge und verzog das Maul in ein animalisches Grinsen. Von ihrem letzten Opfer ablassend, schritt Vesana über den Leichnam hinweg und kehrte zum Nord, der auf dem Stuhl gesessen hatte, zurück. Seine Augen wanderten unstet umher, blieben nur kurz an ihr hängen, als sie über ihm stehen blieb, und blickten gebrochen in die Weiten des Nachthimmels. „Reudi-“, er spuckte Blut und hustete. Sein Gesicht schimmerte in tiefem Rot. „Reu-“, wieder brach er ab. „Reudiges … Biest:“ Schmerz verzerrte seine einst harten Züge. Sein voller Bart glitzerte feucht im flackernden Schein des Lagerfeuers.
Mit dem linken Fuß fixierte die Wölfin seinen Arm, die Krallen gruben sich tief hinein. Der rechte setzte oberhalb des Schrittes auf dem Bauch auf. Als sie sich auch dort festkrallte, stöhnte der Räuber. Seinen kraftlosen Versuch sie mit der noch freien Hand zu schlagen beendete sie mit einem kräftigen Hieb in die Kehle des Ellbogens. Schlaff sackte das Glied zu Boden. Behände trennte sie ihn von seinem Wams. „Los.“ In seinen Worten schwang Verlangen und Herausforderung mit. Er wollte, dass sein leiden endete und sie würde ihm diesen Gefallen tun. Ob ihm der Weg zusagte, blieb offen.
Schnell und für den Nord unerwartet schlug sie ihm die Klauen oberhalb des Herzens in den Brustkorb. Sein Schrei wäre wohl ohrenzerreißend gewesen, hätte ihm nicht seine Lunge den Dienst versagt. Kraftvoll bog sie ihre Finger um zwei Rippenbögen herum und riss sie kraftvoll wieder aus seinem Fleisch heraus. Knackend gaben die Knochen nach außen nach und spannten ein tiefrotes Loch auf, aus dem sein Lebenssaft floss. Regungslos lag der Plünderer unter ihr, doch sein erkennbar in der Wunde schlagendes Herz – wenn auch schwach – sprach dafür, dass noch immer ein letzter Rest Leben in ihm steckte. Bevor es aufhören konnte zu schlagen, vergrub sie ihre Fänge tief in dem starken Muskel. Zwei letzte Schläge vollführte es, bevor sie es herausriss und im Ganzen hinunterschlang.
In Ruhe widmete sie sich nun den anderen beiden, bereits verstorbenen Räubern und mit jedem Herz, das sie verzehrte, schien es, als verschärften sich ihre Sinne, Kraft und Ausdauer. Nicht nur das, auch erleichterte ihr das Gefühl der Sättigung und Stärkung, ihre innersten Triebe besser zu beherrschen und so umsichtiger zu handeln. Das Tier in ihr zog sich aus ihrem Verstand zum Verdauungsschlaf zurück. Es war in diesem Moment, dass sie die Leichen zum Feuer schleifte und nahe genug heranlegte, um ihre Kleidung Feuer fangen zu lassen. Bevor ihr jedoch der beißende Gestank von verkohltem Fleisch in die empfindliche Nase steigen konnte, hetzte sie schon wieder durch die Nacht zurück zum Ruinenturm, hielt dort jedoch noch inne und hastete dann zu einem nahegelegen Becken, in dem sich das Wasser eines Baches sammelte.
Erst nach einem ausdauernden Bad, während dessen sie sich das bluttriefende Fell und die letzten Fleischreste aus dem Maul wusch, kehrte Vesana zurück in die Tiefenschmiede. Mühelos überbrückte sie den hohen Absatz in der Ruine und bettete sich anschließend zusammengerollt wie ein Kind im Mutterleib auf das Strohlager. Die Kerze war inzwischen heruntergebrannt und überließ sie der Finsternis, auch wenn diese noch nicht vollständig Einzug halten wollte, solange ihre Wolfsaugen Wache hielten. Sie schloss sie alsbald und versuchte ihr aufgeregtes Herz zu beruhigen und Schlaf zu finden. Erst dann würde sie sich zurückverwandeln können. Bis dahin ruhte sie, von innen heraus warm und von den Fesseln der letzten Wochen der Unterdrückung befreit, zufrieden und gestärkt.


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Bahaar
30.11.2013, 16:03
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Gedehnt seufzend, sich reckend und streckend, öffnete Vesana ihre Augen. Zarter Lichtschein fiel durch einige kleine, versteckte Öffnungen nahe der Kavernendecke und gab ihr wenigstens ansatzweise die Möglichkeit, sich zu orientieren. Verwundert die Luft einsaugend zupfte sie sich die zerzauste Wolldecke zurecht, die ihren nackten Leib bedeckte und vor dem Auskühlen bewahrt hatte. Jemand musste in der Nacht zu ihr gekommen sein und sie zugedeckt haben, denn sie selbst erinnerte sich nicht, eine Decke mitgenommen zu haben. Schmal lächelnd strich sich die Kaiserliche einige Haarsträhnen hinter die Ohren und stand mit dem gewobenen Stoff um den Körper geschlungen auf. Das Stroh raschelte unter und stach gegen ihre Füße.
Im Gegensatz zu den vergangenen Wochen fühlte sie sich erstmals etwas ausgeruht und erholt, wenngleich sie dennoch merkte, dass ihre Kopfschmerzen weit davon entfernt waren zu verschwinden. Dennoch: Glücklich schlug ihr Herz höher und das zufriedene Lächeln wich nicht aus ihrem Gesicht, seine entspannende Wirkung auf die Muskeln hielt an. Kurzerhand ließ sie die Decke zu Boden fallen und griff sich ihren Beutel mit der frischen Kleidung. Der Schmutz der letzten Tage war mit dem Bad in dem kalten Teich von ihr gewichen. Schnell schlüpfte sie in die saphirblaue Tunika aus feiner Wolle mit den fast weißen Stickereien, rückte die kurzen, gerafften Ärmel zurecht und legte sich anschließend einen schwarzen Gürtel um die Taille. Nachdem sich auch die ledernen Sandalen aus schmalen Riemen um ihre Füße schlangen, nahm sich die Jägerin noch ihren Kamm und ordnete die durcheinandergewirbelten Haare. Zum Schluss folgten das Amulett, das durch den bis zum Brustansatz reichenden Ausschnitt offen lag, und ein Stoffband in der Farbe der Stickereien, das sie um Stirnansatz und Hinterkopf unter ihr Haar band, damit die offene Mähne nicht völlig unkontrolliert in ihr Gesicht fiel. Einzelne Strähnen legte sie hinter die Ohren.
Fertig gekleidet und mit ihrer Schmutzwäsche im Beutel machte sich Vesana daran, die Tiefenschmiede zu verlassen. Draußen begrüßte sie eine bereits gut über die Horizontlinie gekletterte Sonne und ihr gleißendes Licht. Kurz legte sie eine Hand vor die Augen, um diesen die Möglichkeit zu geben, sich an die Helligkeit zu gewöhnen. Normalerweise wäre inzwischen der Punkt erreicht, an dem sie unter hyperempfindlichen Sinnen litt, aber die Verausgabung des Biestes in der letzten Nacht und dessen Zufriedenheit mit gleich dreifacher Beute drängten es aus ihrer Menschlichen Form zurück. So reduzierte sich ihr Leiden auf unveränderte Kopfschmerzen und eine Appetitlosigkeit auf alles, das kein frisches, rohes Fleisch beinhaltete. Ein gewisses Maß an Schwindel und körperlicher, wie geistiger Unruhe wollten ebenfalls nicht weichen.
Trotz alldem schlenderte sie leichtfüßig zurück zum Eingang in die Halle der Gefährten. Der Duft von frischem Brot, Fett und anderen Lebensmitteln mischte sich mit schwachem Rauch und Feuer. An der langen Tafel saßen einige Zirkelmitglieder und Welpen in verschiedene, mehr oder weniger angeregte Gespräche vertieft. „Guten Morgen“, grüßte Vilkas und schaute zu ihr hinüber, als sie an der Tür stehen blieb. Die übrigen, die sie beobachtet hatten, widmeten sich wieder ihrem Frühstück.
„Morgen“, erwiderte sie.
„Gut geschlafen?“
„Ja. Sehr.“
„Man sieht es Dir an. Das freut mich.“
„Danke. Ich muss mich“, sie hob den Beutel und zeigte mit der freien Hand darauf, „erst einmal um die Schmutzwäsche kümmern.“
„Kein Frühstück?“, wollte Farkas, der seinem Bruder gegenüber saß und sich nun auf dem Stuhl umdrehte, protestieren. Zur Abwechslung trug er normale Kleidung und nicht seine schwere Stahlrüstung, die fast schon seine zweite Haut sein mochte.
„Danke, aber ich habe irgendwie noch keinen Hunger.“ Die Geschwister nickten wissend und ließen das Thema fallen. Die übrigen Nicht-Zirkelmitglieder brauchten nicht vom Geheimnis der Jägerin und ihrer ranggleichen Gefährten zu wissen. „Aber lasst es euch schmecken.“
„Danke!“
Sie wandte sich ab und stieg in das Kellergewölbe hinab. Gleich darauf verschwand sie in ihrer Kammer und verstaute die dreckige Kleidung mit der übrigen im Felleisen hinter der Tür. Den Kamm legte sie zu ihren Schmuck- und Kosmetikkästchen. Zum Abschluss band sich Vesana noch zwei kleine Taschen an den Ledergürtel, ebenso das Geldsäckel, das sie am Abend zuvor erhalten hatte und einen langen, schlanken Stahldolch. So ausgestattet kehrte sie nach oben zurück und überreichte Tilma in einem Raum am langen Ende der Halle den Tornister. „Wärst Du so gut, und wäschst die für mich?“, bat die Kaiserliche.
„Aber natürlich, Liebes, lass‘ mal sehen.“ Sie leerte das Gepäckstück auf den Boden aus und begutachtete die erbärmlich stinkenden Stoffstücke. Während Vesa die Nase rümpfte und sie sich mit der Rechten schließlich zuhielt, ließ sich die Nord nichts anmerken. Sie brummte und summte nur vor sich hin, als sie den Kleiderberg umgrub. „Hm, die“, sie zog eine kurzärmlige Tunika aus dem Haufen – von der Brust abwärts tränkte schwarzverfärbtes, getrocknetes Blut die komplette linke Seite, „werde ich wohl nicht mehr sauberbekommen.“ Ein vorwurfs- und sorgenvoller Ausdruck trat in ihre Augen. Die Augenbrauen senkten sich kaum merklich, aber verzerrten ihre faltigen Züge in Traurigkeit. Die zwei Löcher, vorn und hinten, im Stoff ließen die lange, schlanke Klinge des Assassinen erneut durch Vesanas Verstand fahren. Ein kurzes Zucken im Augenwinkel verriet ihren Erinnerungsblitz, doch Tilma schien es nicht bemerkt zu haben, ihr Blick wanderte über den verkrusteten Stoff.
„Das macht nichts. Ich kann sie ersetzen.“
„Gut“, die Nord lächelte nun wieder freundlich und warf das ruinierte Kleidungsstück auf einen nahen Stuhl, als wollte sie mit dieser Geste all die Gefährlichkeit der Umstände der Verletzung vergessen machen. „Den Rest hast Du bald frisch duftend zurück. Soll ich es dort hinein stecken, wenn es trocken ist?“ Sie zeigte auf das Felleisen der Kaiserlichen.
„Ja, bitte.“
„Gut. Gut! Ich lasse Dich wissen, wenn Du alles abholen kannst.“
„Danke.“ Vesana beugte sich vor und drückte die alte Frau kurz mit einem Arm an sich. Obwohl sie kein Mitglied des Zirkels war, wusste sie alles, was in Jorrvaskr geschah und vor sich ging. Entsprechend gut im Behalten von Geheimnissen besaß sie das vollste Vertrauen und auch die Zuneigung aller Mitglieder, einschließlich derer des Zirkels. Fast wie eine Großmutter, die für ihre Enkel sorgte. „Bis später, Tilma“, verabschiedete sich die Jägerin.
„Hab‘ einen schönen Tag!“, warf sie der Kaiserlichen hinterher, als diese die Kammer verließ. Wenig später warf sich die Jägerin ins morgendliche Getümmel auf den Straßen Weilaufs. „Frische Tomaten und Kartoffeln!“, rief ein Standbesitzer. Ein andere bot seine „Melkwarme Milch!“ feil. Heimskir’s übliche Predigt über Talos brandete über den Platz, der sich um den Güldengrünbaum auftat und auch so herrschte geschäftiges Treiben und Geschnatter in allen Ecken. Hätte Vesa in der vergangenen Nacht keinen Jagderfolg eingefahren, die tosende Geräuschkulisse hätte sie wohl in den Wahnsinn getrieben. Entsprechend gelassener bahnte sie sich ihren Weg bis zum Haus der örtlichen Alchimistin.
Würzig-rauchige Luft, mit einem Unterton von Blumen und eingekochten Kräutern. Einige Duftnoten bissen sich in die Nase wie Zecken, andere streichelten sie wie weichste Wolle. Zusammen mit dem schummrigen Licht und dem alten Holz wirkte der Laden, als käme er aus einer anderen Welt. Nichts von außen drang herein und vergleichbar mit dem Weihrauch in den Tempeln hielt sie die Atmosphäre im Innern gefangen.
„Wie kann ich Euch helfen?“, durchbrach Arcadia, die Alchimistin, die Stille. Vesana ging zu der sonnengebräunten Kaiserlichen hinüber und blieb ihr gegenüber am Tresen stehen.
„Ich bräuchte Fett, fünf einfache Heiltränke und zehn Schmetterlingsflügel“, erwiderte die Jägerin.
„Ah, ja. Gebt mir einen Moment.“ Sie bückte sich und fing an im Regal unter der vollgestellten Handelsfläche zu kramen.
„Natürlich. Oh, und einen Mörser würde ich ebenfalls noch benötigen, falls Ihr so etwas hier verkauft.“
„Dort drüben im Schrank“, sie wies mit einer Hand über den Tresen hinweg an die Längsseite des Raumes, ohne sich dabei zu erheben, „nehmt, was Ihr benötigt.“ Vesa suchte sich eine einfache, robust wirkende und vergleichsweise kleine Tonschüssel aus. Sie würde ihren Dienst auf Reisen erfüllen. „Und hier sind Eure übrigen Dinge. Zehn Schmetterlingsflügel“, die Alchimistin legte sie auf einer Pergamentunterlage aus, so dass ihre Kundin nachzählen konnte. „Die fünf Tränke“, es folgten kleine Phiolen, in denen eine rötlich schimmernde Flüssigkeit stand, „und das Fett. Es reicht doch normales Tierfett, kein Trollfett, richtig?“ Die ältere Frau hinter der Ladentheke packte einen weißen, klebrigen Klumpen auf einer Lederunterlage aus.
„Richtig. Die Menge ist ausreichend.“ Die Jägerin stellte den Mörser daneben.
„Kann ich Euch sonst noch irgendwie helfen?“
„Das wäre alles.“
„Zusammen macht das zweihundertfünfzig Septime.“
Mit den erworbenen Zutaten und Gegenständen auf die Taschen verteilt, kehrte die Kaiserliche schließlich zurück auf die überfüllten Straßen. Die Zahl der Leute, die hier ihres Weges gingen und sich an den Ständen vor dem Laden der Alchimistin, der örtlichen Taverne und Belethors Gemischtwaren tummelten, schien noch weiter zu steigen. Die Sonne brannte immer höher stehend vom Himmel und würde es bald unerträglich werden lassen. Vesana beeilte sich.
„Ich bin unschuldig!“, hörte sie einen Mann aus der Menge rufen. Die Menschen und Mer stoben vor ihren Augen auseinander und sie blieb noch unter dem Vordach eines Hauses stehen. Einige Wachen schleiften einen widerstrebenden Nord mit sich durch die Straßen.
„Halt’s Maul!“
„Aber ich habe nichts getan, ich schwör’s!“ Der Mann kam der Kaiserlichen seltsam bekannt vor. In seinen zerlumpten Kleidern und der ramponierten Lederrüstung wirkte er nicht wie ein gewöhnlicher Bürger der Stadt Weißlauf. Seine wild liegenden, langen Haare, der zerzauste Vollbart und der Dreck auf der Haut ließen ihn eher wie einen Gesetzlosen erscheinen.
Das war es! Sie erinnerte sich an ihn. Nur zu gut. Die plötzliche Erkenntnis ließ ihr Herz aufgeregt schneller schlagen und sie sog scharf die Luft ein. „Du sollst Dein Maul halten, hab‘ ich gesagt!“ Eine der Wachen rammte dem Nord die gepanzerte Hand in den Bauch und brachte ihn zum Stöhnen. „Aus dem Weg!“, forderte er gleich darauf eine im Weg stehende Menge auf. Vesana hielt kurz den Atem an. „Dieser Mann wird wegen Mordes und Plünderei angeklagt. Aus dem Weg im Namen des Jarls!“ Augenblicklich verteilten sich die Leute in die Reihen der umstehenden Schaulustigen, durch die lediglich ein Raunen und Flüstern fuhr. Alle anderen Gespräche waren verstummt.
„Aber ich habe nichts getan.“ Die Worte des Gefangen ließen sich kaum noch vernehmen. Resignation und Verzweiflung brachen langsam seinen Willen zum Widerstand.
„Jaja, genau. Ein großer, zweibeiniger Wolf hat Deine Kumpel zerfleischt und Dich am Leben gelassen. Richtig, richtig“, spottete eine der anderen Wachen, die den Mann an den Armen gepackt durch die Straßen schleiften. Inzwischen gelangten sie an der Treppe zum Güldengrünbaum an. Vesana streckte sich, um ihren Weg über die unzähligen Köpfe dazwischen weiter zu verfolgen und ihre weiteren Worte zu erhaschen. „Verbrannt hast Du sie!“ Alles weitere verschluckten die allmählich wieder aufkommenden Gespräche der Schaulustigen. Was die Kaiserliche noch vernahm, sprach dafür, dass sie den Nord am Ort des Geschehens aufgegriffen hatten, nachdem der Gestank der verbrennenden Leichen zur Drachenfeste hinaufgezogen war.
Schmunzelnd machte sie sich daran, bei Belethor eine neue Tunika zu kaufen und fühlte sich wieder um die plötzlich aufgekommene Last leichter, ob des offenkundig von ihr ablenkenden Verdachts.


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Bahaar
06.12.2013, 15:04
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Nach dem Kauf einer Tunika bei Belethor verbrachte Vesana den Vormittag damit, noch ein wenig durch die Straßen Weißlaufs zu schlendern. Nichts zwang sie zur Eile und niemand wollte etwas von ihr. Das Gefühl der Freiheit spiegelte sich in ihrem recht hellen Gemüt wider. Die Freundlichkeit von Standbesitzern, wenn sie sich deren Ware anschaute, erwiderte sie mit ungezwungenem Lächeln, ihre Schritte flogen leicht dahin und den einen oder anderen Blick eines Mannes, den sie sich einfing, versuchte sie zu genießen. Dennoch kehrte sie gerade pünktlich um die Mittagszeit nach Jorrvaskr zurück. Die Sonne ließ die Temperaturen auf den teils engen, reichlich überfüllten Straßen ins Unerträgliche steigen und so kam der kühle Keller der Halle der Gefährten gerade recht. Außerdem konnte sie sich so dem Auffüllen ihrer medizinischen Vorräte widmen, die sie erneuern wollte, bevor sie das nächste Mal aufbrach um sich dann die Arbeit zu ersparen.
Im flackernden Zwielicht breitete die Kaiserliche in ihrer Kammer die erworbenen alchemistischen Zutaten aus. Im neuen Mörser zerrieb sie die Schmetterlingsflügel zu feinem Staub. In einer etwas größeren Tonschüssel und mit einem Rührstab vermengte sie das Pulver mit dem tierischen Fett. Zum Schluss gab sie noch drei der fünf Heiltränke zu. Die Flügel dienten als Bindemittel zwischen der wässrigen, roten Flüssigkeit und dem Fett. Auf diese Weise entstand eine sehr feine, milchige, leicht rosa eingefärbte Salbe. Da sie auf Solstheim sämtliche Vorräte ihrer Heilsalbe verbraucht hatte, benötigte die Jägerin nun neue. Letztlich verteilte sie die Creme auf mehrere kleine Metallschatullen und verstaute sie in einem Schubkasten in einem ihrer Schränke. Ebenso die übrigen zwei Tränke.
Als nächstes folgten ihre Waffen. Die Sehnen der Schusswaffen entspannte sie und reinigte den Abzugsmechanismus der Armbrust. Ein wenig Schmierfett und sie war wie neu. Das Schwert polierte sie noch etwas mit einem Tuch, schliff die Klinge und alle drei hängte sie akkurat zurück an den Waffenständer. Nach dem Eintragen der Finanzen in ihrem Büchlein holte sie noch einige Verbände aus einem medizinischen Schrank in der Waffenkammer und am Ende ihrer Erledigungen nahm sich Vesana ein noch ungelesenes Buch zur Hand, um im Schatten auf der Terrasse hinter Jorrvaskr zu lesen. Nachdem sie in ihrer vorherigen Lektüre bereits am Rande einige Informationen zu den Dwemer mitbekommen hatte – die Falmer konnten scheinbar in ihrer Entwicklung nicht unabhängig von den Tiefenelfen behandelt werden – interessierten letztere die Kaiserliche nun auch mehr. Kodlak besaß zum Glück eine ganze Reihe von Werken aus allen Sparten und Themenfeldern, bei denen sie sich bedienen dürfte, wie es sie interessierte. Es schien den Grauen stets zu freuen, wenn sich seine Gefährten nicht nur für Waffenkunst begeisterten.
„Ein gutes Buch“, kommentierte Vilkas, der ebenfalls im Schatten unter dem Vordach saß und den Blick auf sie lenkte, als sie hinaustrat.
„Du hast es schon gelesen?“
„Eine Weile her, aber ja.“ Sie setzte sich zu ihm und legte ihre Lektüre auf den nahen Tisch. „In der Stadt geht das Gerücht um, die Wachen hätten einen wirrköpfigen Wegelagerer aufgegriffen, der seine beiden Kumpane ermordet und dann verbrannt haben soll.“ Er schaute sie an.
Vesa zog einen Mundwinkel zu einem spitzen Lächeln hoch. „So etwas habe ich auch gehört.“
„Womöglich wird er schon morgen am Galgen aufgeknüpft.“ Der Nord schien sie zu mustern.
„Nun“, die Kaiserliche lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück, „dann bekommt er wohl, was er verdient.“
Ihr Freund schüttelte daraufhin sacht den Kopf. „Manche Dinge werden sich wohl wirklich nie ändern.“ Er seufzte.
„Nein. Manche nicht.“
„Er hätte uns früher oder später sicher einen lukrativen Auftrag eingebracht.“
„Spekulation“, wiegelte Vesa ab.
„Vielleicht.“
„Außerdem sind Leute wie seine Kumpel und er immer noch bessere Beute als ehrliche Bürger.“
Vilkas lachte auf. „Die Bekömmlichkeit eines gerechten Mahls. Damit hast Du wohl Recht.“
„Manche Dinge ändern sich eben nicht.“ Sie zwinkerte ihm zu. Er schmunzelte.
„Wohl wahr. Ich brauche mich wohl nicht beschweren. Auch ich bin hin und wieder dazu gezwungen, so zu handeln, wie Du.“
„Wir alle sind es.“
„Ja.“ Für einen Moment schwiegen sie in Nachdenklichkeit. Während Vilkas zu jenen im Zirkel gehörte, die maximale Kontrolle über ihr Biestblut anstrebten und ihre Jagten in gewisser Weise reuevoll führten, stand ihm Vesana zusammen mit Skjor und Aela in gegensätzlicher Meinung gegenüber. Sie empfingen den Rausch der Jagd und das Fieber der Aufregung mit offenen Armen. Die Wochen nach und bis Halbmond in abnehmender und zunehmender Mondphase, in denen die Abwesenheit der Monde das Biest schwächte und in den Tagen um Neumond Verwandlungen sogar gänzlich verhinderte, empfanden letztere Drei je nach Begleitumständen überwiegend als Qual. Vilkas, Kodlak und Farkas hingegen freuten sich auf diese Zeit. „Was ich nicht ganz verstehe: Warum hast Du ihn überhaupt laufen lassen?“
„Bequemlichkeit. Ich hatte schon mehr als genug Beute und der Kerl ist gerannt wie ein Pferd.“
„Hm. Verstehe einer mal diese Räuber. Ich wäre sicher nicht zurückgekommen.“
Vesana lachte zurückhaltend. „Ich ebenso wenig.“ Sie schüttelten gleichzeitig den Kopf. In diesem Moment knarzte hinter ihnen die Tür ins Innere Jorrvaskrs. Gemeinsam drehten sich die zwei um und grüßten Aela, als sie in einer leichten, grünen Tunika und Sandalen ins Freie trat. Als die Nord Vesa erblickte, breitete sich ein Schmunzeln auf ihrem Gesicht aus.
„Eine ausgesprochen lustige Geschichte.“ Die hochgewachsene Frau mit dem kupferroten Haar zog sich einen Stuhl heran und setzte sich zu ihnen.
Ein Seufzen entrang sich der Kaiserlichen. „Ich hatte vergessen, wie schnell sich die Dinge hier herumsprechen.“
„Weißlauf ist die Hochburg des Klatsches, das weißt Du doch“, kommentierte Vilkas von der Seite.
„Gleich nach Einsamkeit“, bekräftigte Aela.
„Einsamkeit ist schlimmer? Das geht?“, hakte Vesana nach. Sie lachten alle.
„Offenbar. Aber egal. Er wird morgen hängen und das ist das Ende dieser Geschichte.“
„Hoffen wir es“, warf Vilkas ein und Vesa nickte, da auch sie trotz allem kein Interesse daran hatte, dass auch nur ein Funken der Wahrheit in irgendeiner Weise außerhalb von Jorrvaskr grassierte.
„Wir könnten in nächster Zeit auch ab und an zusammen jagen gehen“, überlegte Aela laut.
„Hm, ich glaube, ich wäre lieber allein unterwegs. Aber danke.“
„Offen gestanden halte ich das zumindest in den Nächten um Vollmond für keine schlechte Idee“, sprang der Dritte der Runde der Nord-Frau bei.
„Hmm.“
„Wir können Dich natürlich nicht zwingen, aber selbst wenn Du noch ein, zwei erfolgreiche Jagdrunden führst, wirst Du noch immer nicht die höchstmögliche Kontrolle in diesen wilden Nächten zurückerlangen können. Ein Begleiter würde zumindest die Richtung in ein etwas sichereres Jagdgefilde, weiter weg von Weißlauf vorgeben können.“
„Da hat er Recht.“ Die Rothaarige stützte ihren Kopf über die Ellbogen auf dem Tisch ab.
„Na von mir aus.“
„Gut, dann mach‘ die nächste Nacht noch allein und danach gehen wir zusammen, bis der Vollmond vorüber ist“, beschloss Aela. Ein zufriedenes Lächeln stahl sich auf Vilkas raue Lippen.
„Wer hat mir eigentlich die Decke gebracht?“, lenkte Vesa ab.
„Das war Farkas“, antwortete dessen Bruder. „Er hat sich etwas Sorgen gemacht, ob in Deiner ersten Nacht zurück auch alles gut gehen würde und hat irgendwann mitten in der Nacht mal nach dem Rechten gesehen.“
„Er mag Dich“, zwinkerte die Nord ihr zu. Die Kaiserliche schmunzelte.
„Das tun wir doch alle“, versuchte er die schlichte Freundschaftlichkeit seines Bruders zu verteidigen.
„Oho, so liebevolle Töne ist man von Dir ja gar nicht gewohnt“, spöttelte Aela. Sie lachten alle.
Bevor Vilkas darauf etwas erwidern konnte, setzte Vesana bereits zu einer Reaktion an. „Danke, danke.“ Sie hob beschwichtigend die Hände. „Das Kompliment ist angekommen“, sie nickte dem wesentlich älteren Nord zu, „und wird zurückgegeben.“
„In Ordnung, lassen wir das.“ Die beiden Frauen wippten mit den Köpfen, um ihre Zustimmung kundzugeben. In diesem Moment trat Farkas scheppernd aus der Tür Jorrvaskrs. Wie gewohnt, trug er seine schwere Rüstung.
„Ah, Farkas! Wir haben gerade von Dir gesprochen“, warf ihm Aela zu. Der hochgewachsene, kräftige Mann zog die Augenbrauen hoch und schaute sie verwundert an.
„Nur Gutes“, beruhigte ihn sein Bruder. Er schnaufte nur und schob sich einen Stuhl zurecht, um sich im Anschluss zu ihnen zu setzen.
„Danke für die Decke.“ Vesana lächelte ihm zu.
„Gerne.“ Er erwiderte die Geste. „Lust auf Karten?“ Er packte einen Stapel alter, dicker Pergamentscheiben mit Lederrand aus und blickte sie einen nach dem anderen an.
„Von mir aus“, stimmte Aela zu.
„Warum nicht.“ Vilkas lehnte sich vor und stützte sich auf dem Tisch ab.
„Solange es um nichts geht.“
„Außer um Deine Ehre vielleicht“, stichelte Farkas.
Die Kaiserliche stieß abschätzig die Luft aus, grinste aber gleich darauf. „Vermutlich eher um Deine.“
„Na dann, hören wir lieber auf zu schwatzen!“


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Bahaar
14.12.2013, 17:17
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„Für jemanden, der nie um Geld spielt, hast Du eindeutig zu viel Glück!“, brummte Farkas nach der vierten Runde und meinte damit Vesana, die drei davon gewonnen hatte. Vilkas folgte mit einem Sieg.
„Sei doch froh, sonst wärst Du jetzt schon arm“, konterte die Kaiserliche ohne von ihrem neu ausgeteilten Blatt aufzusehen. Aela, die rechts neben ihr saß, tauschte eine ihrer fünf Karten mit einer der drei in der Mitte. Vesa folgte.
„Pff! Du könntest reich werden mit dem Mist!“
„Das mache ich dann doch lieber mit ehrlicher Arbeit.“ Der Nord grummelte daraufhin nur. Essentiell ging es darum, die höchste Punktzahl mit den fünf Karten auf der Hand zu halten. Wer meinte, die zu haben, konnte das Spiel für beendet erklären und allen anderen nur noch einen nächsten Zug lassen. Getauscht werden durfte eine oder alle drei Karten auf dem Tisch in der Mitte mit einer oder dreien auf der Hand. Die Jägerin hatte bislang einfach immer Glück gehabt, denn mit Können ließ sich hier nicht wirklich viel gewinnen. Das war auch der Grund, warum sie üblicherweise davon abließ, derartige Spiele zu spielen. Lediglich von den drei Nord ließ sie sich gelegentlich breitschlagen, aber nie ging es um Geld. Künste, bei denen sie an sich selbst arbeiten und dadurch Verbesserungen erreichen konnte, erschienen ihr sinnvoller, um sich damit einen Lebensunterhalt zu verdienen.
Inzwischen war es wieder ihr Zug und sie tauschte diesmal gleich drei ihrer Pergamentscheiben. Auf den Karten waren immer die Wappen verschiedener Städte und Ortschaften in den Reichen der vier Menschenvölker Tamriels abgebildet, jeweils mit unterschiedlich hohen Zahlenwerten. Die höchste Augenzahl lag bei vierzehn und die Punkte von Karten desselben Reiches wurden addiert. Entsprechend ließen sich höchstens sechzig Punkte erzielen. Vesana interessierte das aber nicht, rein aus – zugegeben scheinheiligem – Prinzip sammelte sie eh nur Karten mit Städten aus Cyrodiil. Und sie wusste, das Farkas immer Karten aus Himmelsrand sammelte. Die anderen beiden nahmen, was gerade passte, und überhaupt waren die Möglichkeiten bei so wenigen Spielern beschränkt und in der Regel bekam niemand fünf Spielkarten desselben Reiches zusammen.
Daher verwunderte es auch nicht, dass Vilkas die Runde für sich als beendet erklärte, nicht mehr tauschte und den übrigen nur noch einen letzten Zug ließ. „Ach verflucht“, knurrte Farkas, der erneut verlor. Die Kaiserliche wurde dritte nach Aela und Vilkas.
„Sollen wir Dich wenigstens einmal gewinnen lassen?“, wollte die rothaarige Nord wissen, während sie gelassen die Karten mischte.
„Nein.“
„Na dann nicht.“
„Was anderes: Gibt es eigentliches Neues von Hrothluf – falsch, Trargolf?“, fragte Vesana in die Runde und begutachtete gleichzeitig ihr Blatt.
„Nein, noch keine Gerüchte im Umlauf. Aber wenn Du mich fragst, baumelt er in weniger als einer Woche“, erwiderte Aela.
„Tut ihm gut.“
„Ohja.“
„Mich würde nur zu gern interessieren, wo die das ganze Zeug überhaupt herbekommen“, mischte sich Vilkas ein.
„Was spielt das schon noch für eine Rolle?“, meinte Farkas während er gerade tauschte.
„Naja, es ergibt keinen Sinn, dass die zwei Nord mehr und höher konzentriertes Zeug verkaufen und schmuggeln als die Khajiit.
„Warum das? Vielleicht haben sie einfach bessere Zulieferer?“, konterte Aela.
„Vielleicht, aber Mondzucker und Skooma kommen nun mal aus Elswyr und sind da fast schon heilig. Eigentlich müssten die direkt an der Quelle sitzen und nicht umgekehrt auf andere angewiesen sein.“
„Wenn Du mich fragst, liegt das an den Thalmor“, gab Vesana ihre Gedanken kund und tauschte.
„Inwiefern?“
„Bei deren strikter Politik und notorischer Überwachung haben die mit Sicherheit ein besonderes Auge auf Khajiit-Händler, um den Drogenhandel aus Elswyr abzuschneiden. Nicht das ich das schlecht fände. Andere Händler machen sich das eben zu nutze.“
„Würde Sinn machen“, stimmte Aela zu.
Vilkas nickte und strich sich gedankenverloren am Kinn entlang. „In der Tat. Bleibt die Frage, woher die beiden anderen das haben.“
„Erst mal bleibt die Frage, ob ihr das Blatt hier überbieten könnt. Runde beenden.“ Die anderen schmunzelten ob des harten Themenwechsels von Vilkas‘ Bruder.
„Sieht so aus, als müssten wir uns nicht einmal Mühe geben, damit Du gewinnst.“
„Haha!“ Er legte eine kurze Pause ein, nur um dann als Sieger der Runde mit drohend erhobenem Zeigefinger lachend fortzusetzen: „Passt nur auf, jetzt beginnt meine Siegessträhne!“
„Vorsicht, keine Versprechen, die Deine Ehre beflecken könnten, solltest Du sie nicht halten“, warnte ihn Vesana und erinnerte damit an seine einleitenden Worte, mit denen er die Kaiserliche erst zum Spielen überredet hatte. Farkas verkniff sich einen Kommentar, und reichte stattdessen demonstrativ den zusammengeschobenen Kartenstapel an die Jägerin weiter, auf dass sie mischen und austeilen möge – ein herausforderndes Grinsen zierte seine wulstig-rauen Lippen.
Einige Runden später knarrte wieder einmal die Tür von der Terrasse ins Innere Jorrvaskrs. Tilma schob sich hinaus, blieb aber im Türrahmen stehen. „Vesa, Liebes, ich habe Dir Deine Sachen in Dein Zimmer gestellt.“
Sie schaute auf und schenkte der alten Frau ein dankbares Lächeln. „Danke, Tilma.“
„Ach, gern doch! Und ihr alle verpasst noch das Abendessen, wenn ihr noch viel länger spielt!“ Alle Vier schauten gleichzeitig zum Himmel, soweit er sich unter dem Vordach heraus erkennen ließ. In der Tat begann es bereits dunkler zu werden, die Sonne stand tief und ein erster roter Schimmer legte sich über alles.
„Dann beenden wir nur noch diese Runde, danke“, beschloss Vilkas und die anderen nickten. Überhaupt schlug es sich ohnehin auf den Magen nieder, dass sie alle nichts gegessen hatten, seit Beginn des Spieles. Tilma nickte zufrieden und verschwand wieder ins Innere der Halle der Gefährten.
„Na, beenden wir das Ganze aber auch wirklich. Macht mal fertig.“ Vesana schob ihre Karten demonstrativ zusammen und ließ die anderen noch tauschen. Am Ende wurde es ein weiterer Sieg für sie. Insgesamt lag sie dann auch ganz vorn, gefolgt von Vilkas und Aela, Farkas wurde Letzter. „Sieht so aus, als wäre aus der Gewinnsträhne nichts geworden“, stichelte sie deshalb und erntete lediglich ein verächtliches Schnaufen. Die beiden anderen Nord lachten, die Kaiserliche schmunzelte.
Sie gesellten sich zu den übrigen Gefährten an die große Tafel im Inneren der zwielichtig erhellten Halle und nahmen sich vom kräftigen Eintopf. „Fabelhaft gezaubert, Tilma!“, lobte Vignar und zupfte sich am langen, silbergrauen Schnauzbart, der zusammen mit seinem langen Haar in starkem Kontrast zur dunklen Haut stand. „Wie immer.“ Vesana suchte sich derweil einen freien Platz neben Vilkas und Kodlak, stellte ihre Schüssel auf die massive Tischplatte und legte das unter den Arm geklemmte Buch, in das sie nicht einen einzigen Blick geworfen hatte, daneben. Erst dann setzte sie sich.
„Wie findest Du es?“ Der Herold der Gefährten stützte den Kopf über die Unterarme auf der Tafel ab und schaute an Vilkas vorbei zu ihr hinüber. Die Kaiserliche musste ihn wohl ungewollt irritiert über ihren dampfend-vollen Löffel angeschaut haben, denn er setzte ein kurzes „Das Buch“ nach.
„Ich bin noch nicht dazu gekommen, hineinzulesen.“
„Farkas hielt uns alle auf der Terrasse etwas auf Trapp“, ergänzte Vilkas für sie, woraufhin sie zustimmend nickte.
„Ah, verstehe. Ich bin sicher, dass es Dir gefallen wird.“
„Wie sieht eigentlich im Moment die Auftragslage aus?“, wollte sie wissen, während sie darauf wartete, dass der Eintopf in ihrer Schüssel etwas abkühlte. Kodlak trank gerade noch einen Schluck aus einem Weinglas und setzte erst danach zu einer Antwort an.
„Momentan haben wir zwar durchaus viel zu tun, aber das meiste sind einfache Biestplagen weiter im Süden und Westen, nichts in unmittelbarer Nähe“, erklärte der Alte schließlich und trank noch einen Schluck. Sein Handeln wirkte fast schon träge und von vielen Lebensjahren gehemmt. Wenn jemand, der ihn nicht kannte, ihn so sah, er hätte wohl annehmen können, dass der Leiter der Gefährten nicht mehr viele weitere Jahre vor sich hatte. Aber Vesana und die Gefährten wussten es besser, es waren schlicht die Geduld und Ruhe, die ihn dazu brachten, sich für die Dinge Zeit zu nehmen.
Mit offenkundiger Vorsicht sprach er danach jedoch weiter. „Obwohl ein Auftrag vielleicht etwas für Dich wäre, jetzt wo Du Dich etwas … erholt zu haben scheinst.“
„Ja?“
„Heute ist jemand zu uns gekommen, der nach Ausbildung sucht.“ Die Kaiserliche mahlte mit den Zähnen. Lange schon hatte sie keinen Ausbildungsauftrag mehr ausgeführt. Schon vor Darius Verschwinden nicht mehr und danach erst recht nicht. Es lag inzwischen gut und gerne ein dreiviertel Jahr zurück, dass sie das letzte Mal jemanden im Schwertkampf unterrichtet hatte.
„Der Letzte wollte nicht sehr lange mit mir trainieren.“
„Der Letzte, den Du hattest, war ein Waschlappen“, knurrte Skjor, als er langsam mit seiner leeren Schüssel an ihnen vorüberging, um sich Nachschlag zu holen. Zugegeben, der Nord damals, dem sie den Kampf mit der Klinge näher bringen sollte, zog seinen Auftrag nach nicht einmal einer Woche zurück und wollte Vesana auch noch eine Geldstrafe aufbrummen, weil sie ihn zu sehr verletzt hätte bei ihren Übungsstunden. Natürlich kam er damit nicht durch, aber er hatte ihr damit für lange Zeit den Appetit verdorben, derartige Arbeit auszuführen und nachdem Darius verschwunden war, legte sie ohnehin jede Auftragsarbeit erst einmal auf Eis, die nicht ihrer Suche nach dem Kaiserlichen dienlich schien.
„Das spielt keine Rolle mehr. Überlege es Dir“, setzte Kodlak dem Treiben ein Ende. In der Tat blieb ein solcher Auftrag wohl die einzige Möglichkeit wieder aktiv zu arbeiten und gleichzeitig in Weißlauf zu verweilen.
„Gib‘ ihn zunächst an Athis. Wenn er sich nicht allzu dämlich anstellt, übernehme ich in ein paar Tagen“, schlug Vesa vor. Da der leicht reizbare Dunmer auch nicht unbedingt der größte Liebhaber von Ausbildungsarbeit war, würde er sich auch nicht gekränkt fühlen, wenn sie nach Vollmond übernahm.
„Eine gute Idee“, stimmte Vilkas zu und auch Kodlak nickte.
„So werden wir es machen. Es ist übrigens ein Nord.“
„Was für einen Eindruck hat er auf Dich gemacht?“, wollte die Kaiserliche wissen und setzte sich nun eher seitlich auf ihren Stuhl, um besser mit dem Grauen reden zu können. Ihre leere Schüssel von sich geschoben stand nur noch ein Krug mit frischem Traubensaft in Reichweite auf dem Tisch. Vilkas lehnte sich ebenfalls etwas zurück und der Herold rückte seinen Stuhl zurecht. So in einem leichten Halbkreis sitzend ließ es sich besser reden und die übrigen Gespräche in ihrer Umgebung ausblenden.
„Er sah kräftig und fähig aus. Ich bin sicher, dass er sich gut machen wird, wenn er den Willen aufbringen kann“, antwortete der Graue.
„Wir werden sehen.“ Ein schwaches, um ihre Skepsis wissendes Lächeln zeichnete sich auf den faltenreichen Zügen und unter dem grauen Bart Kodlaks ab. „Sonst steht es also gut, um die Gefährten und die Nachfrage nach ihren Diensten?“, wechselte die Jägerin das Thema.
„Es gibt keinen Grund, sich zu beklagen. Viele der Welpen sind unterwegs, es gibt regelmäßig auch etwas für den Zirkel zu tun und …“ Der Alte legte eine unangenehme Pause ein, um sie aus seinen grauen, nachdenklichen Augen heraus zu mustern. Fast wirkte es, als wäre er sich seiner Worte unsicher.
„Und?“ Sie zog eine Augenbraue in leichter Verwunderung hoch.
„… und es scheint, als gönne uns auch die Silberne Hand derzeit Ruhe“, schloss er ab. Vesanas Gesichtszüge fühlten sich mit einem Mal steinhart und eiskalt an. Das Schlagwort besaß noch immer gewisse Wirkungen auf sie. Doch der Moment hielt nur kurz vor. Vor kaum mehr als einem Monat hätte sie in Wut die nächstbeste Schüssel zerschlagen, doch das Erlebnis auf Gjalunds Kahn wirkte dem ausgesprochen effektiv entgegen. Anstatt in Wut zu Knurren, brummte sie nur noch kurz anerkennend ob der guten Lage der Gemeinschaft und trank anschließend einen Schluck Saft. Trotzdem blieb ihre Stimmung im Anschluss schlechter als zuvor, allerdings gab sie dafür niemandem anderen als sich selbst die Schuld daran, denn immerhin war sie es gewesen, die gefragt hatte.
Sie saßen noch eine Weile länger am Tisch, bis sich die Kaiserliche schließlich aus der Runde verabschiedete und sich diesmal direkt eine Decke mit nach draußen nahm. Die Dunkelheit der Nacht zog bereits an ihren Schläfen und piesackte sie mit Stichen durch den Kopf, dass es an der Zeit für einen Ausflug war. Dem nicht widerstrebend traf sie also lediglich noch die letzten Vorkehrungen für die Übernachtung in der Tiefenschmiede.


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Bahaar
20.12.2013, 20:32
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Aus der Deckung eines großen, schroffen Felsbrockens heraus beobachtete Vesana einen alten Khajiit in weiten, leicht zerschlissenen Gewändern. Im silbernen Lichtschein wirkten sie zwar überwiegend graustufig, doch erinnerte sie sich nur zu gut daran, dass sie eigentlich farbenfroh schillerte. Auch jetzt noch, wo die Katze durch das ruhig daliegende Lager seiner Handelskarawane schlich, zupfte sie sich unaufhörlich an den Schnurrhaaren. Eine nervige Geste und sie zog die Lefzen in sehnsüchtiger Erwartung des Bevorstehenden zurück. Leises Knurren entwand sich ihrer Kehle und sie rutschte weiter an den Rand des Felsens.
Nur mit Mühe gelang es der Jägerin, sich zurückzuhalten und den Appetit zu bändigen. Noch war es nicht an der Zeit, zu nahe befand sich der alte Kater an den Zelten und dem niedrig gehaltenen Lagerfeuer, um das drei weitere Schnurrer saßen. Sie musste ihn irgendwie aus der Deckung der Planen und Karren locken. Eine Reihe von Ideen hatte sie bereits, aber eigentlich erschien ihr nur eine als wirklich praktikabel. Entsprechend huschte sie aus ihrer Deckung, auf allen vieren durch die silbergraue Nacht und für die Dauer eines Lidschlages nur zwischen zwei Zelten sichtbar durch sein Sichtfeld. Die wachsame Katze bemerkte die Bewegung hielt augenblicklich in ihren Bewegungen inne, um in die Dunkelheit zu spähen. Zunehmend mehr Wolken brauten sich am Himmel zusammen und warfen zusätzlich verwirrende Schattenspiele auf das Land. Das nutzte die Kaiserliche und huschte etwas weiter entfernt wieder in die andere Richtung zurück, nur um sich im Anschluss hinter einem anderen Felsen zu verstecken, die Ohren zu recken und vorsichtig aus der Deckung zu spähen.
Leicht hechelnd und mit aufgeregt schlagendem Herzen beobachtete sie den Karawanenführer. Der Khajiit wirkte merklich angespannt, schritt aber vorsichtig auf die Lücke zwischen den Zelten zu, das Zupfen an den Schnurrhaaren hatte er inzwischen eingestellt. „Was ist?“, fragte einer der anderen, die am Feuer saßen und das veränderte Verhalten ebenfalls bemerkt zu haben schien.
„Khajiit nicht sicher. Wahrscheinlich bloß ein Tier.“ Vesa entlockte es ein zorniges Grollen, das sie jedoch schnell wieder abbrach, um nicht aufzufallen. Stattdessen nutzte sie erneut den Schatten einer Wolke, um quer durch das Sichtfeld der Katze zu huschen und wieder in Deckung zu verschwinden. Während ihr die Samtpfote noch zwei Schritte ins Freie außerhalb des Lagers folgte, entließ die Wölfin ein sachtes Heulen und Knurren, dass gerade bis zu ihrem Ziel vordringen mochte. Augenblicklich veränderte sich seine Pose von einer neugierigen Anspannung zu furchtsamer Abwehr. Den Rücken gekrümmt, die Beine etwas gespreizt und Sprunggelenke angewinkelt. „Ma’Nushik, Wölfe!“, zischte der graue Khajiit, in dessen großen, spitzen Ohren Vesana nun zahlreiche Schmuckringe aufblitzen sah, wich einen Schritt zurück und ließ die drei zuvor um das Feuer sitzenden Katzen an ihm vorbeitreten. Jeder hielt einen Speer in der Hand, offenkundig stellten sie Wachen dar, wenngleich sie keine Rüstung trugen und sich nur in dicke Gewänder hüllten.
„Wo sind?“, fragte der kräftigste Kater im güldenen Pelz und weit aufgerissenen Augen. Seine scharfen Eckzähne entblößt und die Waffe zum Stich bereit hoch erhoben spähte er in die Dunkelheit hinein.
„Da drüben!“ Der Anführer blieb hinter seinen drei Wachen zurück, die vorsichtig, Schritt für Schritt, in die Richtung liefen, in der sich die Kaiserliche längst nicht mehr befand. Im Schutze einiger Büche schlich sie vorborgen vor den jüngeren, mit Sicherheit weitaus nachtschärferen Augen der drei Bewaffneten näher an das Lager heran. Ihre weichen Pfoten und Pranken legten sich langsam und bedacht auf den Untergrund, nicht einen Laut verursachend. Ihr rasendes Herz verlangte zwar nach schnellen Luftzügen und einer kräftigenden Beute, doch wusste auch das Biest in ihr die Gier im Zaum zu halten, wenn es sein musste.
Erst als sie in der Deckung aus einem Zelt und nahen Felsen angelangte, gönnte sie sich einen neuen Blick auf die Szenerie vor dem Lager. Der graue Kater mit den zahllosen Ohrringen hatte die Arme vor der Brust verschränkt und beäugte zähneknirschend seine drei Wachen. Diese stachen ein bis zwei Dutzend Schrittlängen entfernt mit ihren Speeren in die Büche, um sich dort eventuell versteckende Tiere zu verscheuchen – jedoch ohne Erfolg. Behutsam, langsam und jeden Griff und Tritt genau auslotend, kletterte die Wölfin auf den bis dahin schutzgebenden Stein. Die Aufmerksamkeit des Alten galt unverändert seinen Fellkameraden, weshalb er den dunklen Schatten im toten Winkel zu seiner Linken nicht bemerkte, und die übrigen teilten sich in diesem Moment auch noch auf, um mehr Boden auszukundschaften. An sich keine dumme Herangehensweise, würden sie denn tatsächlich mit einem Rudel hungriger Wölfe zu tun haben. So ließ es sich normalerweise auffächern und einzeln bekämpfen, da es dennoch alle potenziellen Opfer umkreisen würde.
Eine Wolke schob sich vor die Monde und warf ihren Schatten über die fünf Nachtgestalten. Im Höhenflug eines aufgeregten Herzschlages und mit leichten Eingeweiden drückte sich Vesana vom Felsen ab. Von oben fiel sie über den ahnungslosen Kater her. Erst im letzten Moment, kurz bevor sie zusammenstießen, bemerkte er das Unheil, das sich im näherte, doch war es da bereits zu spät. Ihre Fänge umschlossen seinen Kopf, hinderten ihn daran, einen Laut von sich zu geben und im Anschluss riss sie ihn zu Boden. Während sie sich behände abrollte und wieder auf die klauenbesetzten Füße kam, schlug der Khajiit mit dem Kopf auf einen Stein und verlor das Bewusstsein. Einige, mitsamt Stücken der Ohren, herausgerissene Ringe spuckte die Jägerin aus, dann schlug sie ihre Reißzähne in eine Schulter ihrer Beute und schleifte ihn außer Sichtweite der bewaffneten Katzen.
Diese hatten von dem ganzen Trubel nichts mitbekommen und stachen weiter in Gestrüpp und Schatten. Selbst wenn sie von den kurzen, dumpfen Schlaggeräuschen das eine oder andere aufgeschnappt hätten, wäre es genauso gut möglich gewesen, dass der Alte gerade in einem der Zelte verschwand. Zwar aufgeregt und die Ohren alarmbereit rotierend, aber freudig und mit immenser innerer Wärme in ihr aufsteigend, schleifte sie den noch lebenden Katzenmenschen weiter durch die Nacht auf eine etwas weiter entfernt liegende Baumgruppe zu. Dort sollte sie geschützt vor jedwedem zufälligem Blick in Ruhe speisen können. Bis die anderen Schnurrer bemerkten, dass sich ihr Anführer überhaupt nicht mehr im Lager befand, würde es Morgen und sie längst verschwunden sein. Zumal sich Wildtiere bei Nacht gerne in der Nähe der vereinzelten Bauminseln in der Tundra des Fürstentums aufhielten und die Aasfresser sich bis zum Morgengrauen an den Resten laben würden.
Als die Kaiserliche mit ihrer Beute an ihrem Ziel ankam und sie liegen ließ, schlug diese die Augen auf. Desorientiert und panisch rappelte sich der Kater auf, breite Blutbahnen zogen sich über sein Gesicht und von der Schulter über den Leib. Tiefe Schnitte ihrer Zähne ließen weißen Knochen an dünnen Hautstellen hindurchschimmern und das linke Auge lag aufgeplatzt in seiner Schädelhöhle. Schmerzerfüllt stöhnend und keuchend taumelte der halbblinde Khajiit durch die Dunkelheit im Schatten der Bäume. Lediglich Vesas rolliges Knurren brachte ihn zum Stillstand, als wäre er im Bruchteil eines Lidschlages zu Eis erstarrt. Nur sein leises, zweifelsfrei ängstliches Schnurren zeugte von seinem restlichen Leben. Er stank nach Angst und vermutlich lag das nicht zuletzt an dem nassen Fleck, der sich hüftabwärts in seinen Gewändern abzuzeichnen begann. Von der gönnerhaften Gestalt des Schnurrers, wie am Tag ihrer Ankunft in Weißlauf, blieb nichts als ein Häufchen Elend. Sich noch kurz am Anblick labend umkreiste sie ihn, streifte raschelnd einige Zweige und knurrte leise weiter mit zurückgezogenen Lefzen.
„B-b-bi-t-t-tte“, stammelte der Kater, als wüsste er, dass ihn kein normaler Wolf als Beute auserkoren hatte. Im letzten Moment seines Lebens erlaubte die Jägerin ihm noch einen Blick auf jene Gestalt, die ihm im silbernen Schein der fast vollen Monde nachgestellt und zugeschlagen hatte. Dann sprang sie ihn unvermittelt an. Die von weiten Stoffärmeln bedeckten Arme, die er zu seinem Schutze hochriss, zerfetzte sie mühelos noch während er auf den Rücken fiel und sie auf ihm landete. Bis auf die Knochen zerfleischt, schlug sie die schlaffen Glieder zur Seite und zerbiss dem grauen Khajiit schließlich die Kehle – ein finaler Akt der Gnade, um ihm das Leid eines aufgebrochenen Brustkorbes zu ersparen, wie es einer der Nord in der vorherigen Nacht ertragen musste. Berauscht von ihrem Erfolg und ihrer Güte machte sie sich schließlich über ihn her, genoss die Schwere und Bitterkeit des Eisens, als sie sein Herz hinunterschlang und gierig von seinem warmen Blut trank. Völlig von benebelt vom Fieber der Jagd schlug sie ihm immer wieder die Klauen in den schlaffen Leib, schlitzte ihn auf, um noch mehr von ihm zehrte.
Knackendes Holz brachte die Kaiserliche dazu, sämtliche Schändungen zu beenden sich ruckartig umzudrehen. Im Dunkel unter einigen Zweigen, aber für sie deutlich in der graumelierten Umgebung zu erkennen, schälte sich ein schlanker, fast schwarz erscheinender Wolf hervor. Wachsam schnuppernd und mit hochgereckten Ohren beobachtete er die Werwölfin, die auf die Hinterläufe erhoben über ihrer Beute thronte. Die bluttriefenden Pranken mit den Armen ausgebreitet zog sie die Lefzen zurück und entblößte die scharfen Zähne, an denen noch Reste der Katze hingen. Tief knurrend machte sie ihrem mehr oder weniger Artverwandten deutlich, dass er sich zurückzuhalten hatte. Seine beiden Rudelpartner, die ihn inzwischen flankierten, senkten mit ihm zusammen knurrend das Haupt, blieben aber wo sie waren.
In Ruhe wandte sich Vesana ihrem Schnurrer zu, labte sich noch für einige Momente, putzte sich anschließend Fasern aus dem Maul und leckte die Pfoten sauber. Erst danach überließ sie den Kadaver den Wölfen und spurtete vom Fleischsaft und dem Katzenherz gestärkt durch die Nacht. Zeit noch etwas herumzutollen blieb genug bis zum Morgengrauen. Das eine oder andere Reh zu hetzen, sie musste es nicht einmal erlegen, sondern einfach zur eigenen Verausgabung, sorgte stets für Freude.


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Bahaar
03.01.2014, 13:40
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Am Morgen tauchte Vesana in die Kälte eines kleinen Teiches außerhalb der Mauern Weißlaufs ab. Es handelte sich um denselben Tümpel, den sie schon in der vorletzten Nacht dazu genutzt hatte, sich zu reinigen. Nach der Letzten jedoch war es ihr nicht so recht gelungen, sämtlichen Schmutz von sich zu waschen und so wiederholte sie es in menschlicher Gestalt erneut. Abgesehen davon weckte das kühle Nass die Lebensgeister und es half gegen die unveränderten Kopfschmerzen, die gelegentlich wie Speere durch ihren Schädel stachen und sich sonst wie kneifende Käfer in die Haut bissen. So aber lähmte das Wasser die Nerven und die Stille unter der Oberfläche beruhigte die inzwischen trotz der Beute empfindsameren Ohren. Die Haare spielten ihr um Gesicht und Schultern während die Kaiserliche mit geschlossenen Augen unter der Oberfläche ausharrte, bis ihr die Luft ausging. Erst im letztmöglichen Moment tauchte sie tief luftholend auf.
Sie verschwand bis zu den Schlüsselbeinen im dunklen Nass, wenn sie auf dem Boden stand und leichtes Zittern begann von ihr Besitz zu ergreifen, als frische Böen über die Oberfläche des Teiches und ihre bis auf die Kopfhaut durchnässten Haare streichelten. Sie brachten zunehmend dunklere Wolken aus dem Westen heran und spätestens zum Mittag mochten sie wohl die Sonne verdeckt haben. Die letzten wärmenden Strahlen folglich bestmöglich ausnutzend begann Vesa damit, sich die mittlerweile aufgeweichten Blutsreste vom Leib zu rubbeln und begab sich anschließend näher zum Ufer. Bevor sie ganz aus den still daliegenden Fluten stieg, die lediglich vom zufließenden Bach geringfügig aufgebracht wurden, schaute sie sich noch einmal um. Zwar glaubte sie nicht, dass sie hier jemand beobachten, oder überhaupt durch Zufall finden würde, aber sie ging lieber sicher.
Erst danach stieg sie hinaus. Dicke Perlen rannen über ihre Haut, kitzelten sie und brachten die noch so feinsten Härchen an ihrem Körper dazu, sich aufzustellen. Der Wind verstärkte diesen Effekt und unangenehme Schauer rannen der Jägerin den Rücken hinab. Schnell rang sie ihr langes Haar aus und legte es in einen Knoten an den Hinterkopf. Einige Strähnen fielen ihr zwar ins Gesicht und reizten die Nasenspitze, doch auch die strich sie noch hinter die Ohren bevor sie sie zum Niesen brachten. Mit dem nahezu weißen, cremefarbenen Stoffband fixierte Vesana den Haarknoten, legte es in eine kleine Schleife und ließ die langen Enden des Bands ins Genick hinabfallen. Erst danach, noch immer feucht, schlüpfte sie in die saphirblaue Tunika und den Rest ihrer Sachen. Klamm legte sie sich an ihren Körper, aber die Sonne würde sie sicherlich noch ausreichend trocknen, bevor die Wolken gänzlich die Macht am Himmel übernahmen.
So hergerichtet und erfrischt spazierte die Jägerin unterhalb der Stadtmauern zur Hauptstraße und den sich daran anreihenden Gehöften. Begleitet vom Geruch frisch umgegrabener, abgeernteter Äcker huschte sie am Rande der Felder entlang bis sie den gepflasterten Weg erreichte, den sie wenige Tage zuvor bereits mit Hrothluf an ihrer Seite passiert hatte. Bei dem Gedanken an den Nord verzog sie das Gesicht und schob ihn schnell beiseite. Überdies erreichte sie ohnehin bald die Stallungen und kam somit in die Nähe des Katzenlagers, das sie im Gehen mit gewissem Interesse beobachtete. Ungeordnetes Durcheinander herrschte dort. Unter der Aufsicht einiger Wachen, die ausgesprochen angespannt wirkten, bauten die Schnurrer ihre Zelte ab. Sie wirkten dabei aufgebracht, fast schon etwas panisch. Ein schmales, ahnendes Lächeln stahl sich auf die Lippen der Kaiserlichen, kräuselte die Mundwinkel und entspannte die Kopfhaut angenehm.
„Was geht hier vor sich?“, fragte sie eine der Wachen, die den Durchgang des ehemaligen Stadttores flankierten und sich nicht in unmittelbarer Nähe zum Lager befanden.
„In der Nacht hat ein Rudel Wölfe ihren Anführer gerissen und jetzt haben sie Angst, als wäre ihre gesamte Sippe in Gefahr.“ Der bärtige Nord, der auf Vesana hinabblicken musste, rollte die dunklen Augen. „Ihr solltet besser weitergehen. Diese Khajiit glauben, dass es keine gewöhnlichen Wölfe waren, die ihren Häuptling gerissen haben – was auch immer das heißen soll – und gehen jeden an, der keine Rüstung des Jarls trägt oder sie schief anschaut.“ Er schüttelte sacht mit dem Kopf bis ihm einige Strähnen seines dunkelblonden Haares unter dem Helm ins Gesicht fielen. Die Kaiserliche hob in gespielter Verwunderung und Erkenntnis die Augenbrauen hoch.
„Danke für den Hinweis. Dann mal noch viel Glück hier.“ Sie wandte sich zum Gehen.
„Danke, einen schönen Ta- Wouh, Moment!“
„Ja?“ Einen Schritt hinter der Wache blieb sie stehen und drehte sich zu ihr um.
„Ist das Fell, das da aus Eurem Ohr kommt?“ Ihr Herz machte einen Satz in völligem Schock, nur mit Mühe milderte sie die Entgleisung ihres Gesichtes und sie starrte den Mann sprachlos an. Doch dann vernahm sie ein Lachen wenige Schrittlängen entfernt. Der Kamerad ihres Gegenübers am anderen Ende des alten Stadttores krümmte sich und hielt sich den Bauch, als sie zu ihm hinüberblickte. Und auch der Nord vor ihr begann nun laut los zu lachen. Ihr dämmerte, dass sie einem üblen Scherz aufgesessen war.
Die Fassung zurückgewinnend setzte sie zu einer Antwort an: „Vielleicht.“ Sie spitzte die Lippen in einem herausfordernden Lächeln. „Wollt Ihr herausfinden von welchem Tier es stammt?“ Jetzt war es die Wache, die kurz starrte, dann aber erneut lachte.
„Ich hoffe, es kratzt nicht so wie die Katzen da drüben.“
„Keine Sorge, es beißt nur.“ Sie stieß ein kurzes Knurren aus, das dem Tier in ihr jedoch keinesfalls gerecht wurde. Zu realistisch wollte sie es dann doch nicht klingen lassen. Der Kamerad auf der anderen Seite des Tordurchgangs pfiff verheißungsvoll. Es entlockte der Kaiserlichen nur ein leises Seufzen. „Nett, Eure Bekanntschaft gemacht zu haben. Viel Spaß bei den Nächsten, an denen Ihr Euren Scherz ausprobiert.“
„Gleichsam, danke. Habt einen angenehmen Tag.“ Er nickte ihr zu und ließ sie ziehen. Diesmal war es sein Kumpan, der die Kaiserliche abermals zum Stehen brachte. Ein langes, gedehntes Seufzen der Enttäuschung ließ darauf schließen, dass er einen anderen Ausgang des Geplänkels zwischen ihr und der Wache erwartet hatte. „Halt die Klappe!“, fuhr diese ihn deshalb direkt an, grummelte aber kurz darauf resignierend, als Vesana bereits weitergegangen war. „Wartet“, bat der Nord laut. Wieder hielt sie inne. „Wäret Ihr so gnädig mir Euren Namen zu verraten?“
Inzwischen verlor die ursprüngliche Auseinandersetzung mit dem Mann, der wohl eine Handvoll Jahr älter sein mochte als Vesa, ihren spaßigen Reiz. Dennoch wandte sie sich ihm zu. Er war einen Schritt auf sie zugetreten und stand nun direkt unter dem Tordurchgang etwas im Schatten. Obwohl die Rüstung viel verbarg, erkannte sie seinen kräftigen, muskulösen Körper, der zweifelsfrei zum Kämpfen fähig war. Die schulterlangen Haare schauten unter dem eisernen Helm hervor, der das markige Gesicht mit dem vollen Bart aussparte. An sich kein schlechter Anblick, auch nicht zu alt. Aber dennoch nichts, worauf sie sich eingelassen hätte.
Es hatte ihr tatsächlich wieder etwas Spaß bereitet, mit ihm zu spielen und auch er mochte augenscheinlich seine Freude gehabt haben – dabei sollte es allerdings auch bleiben. Er wollte mehr als sie bereit war zu geben, und das galt generell und unabhängig von der jüngeren Vergangenheit. Sein nicht völlig untalentiertes Bemühen honorierend, schenkte ihm Vesana ein schmales Lächeln, welches aber ebenso wie ihr längeres Schweigen bereits verriet, dass er ihr zu nahe kam. „Verzeiht“, kam er einer Antwort von ihr zuvor und neigte des Haupt und den Oberkörper leicht nach vorn. Als er sie wieder hob blickte sie ihn ein letztes Mal an und wandte sich dann endgültig zum Gehen.
Schmunzelnd und leichtfüßig trat sie in die Stadt ein und kehrte gegen das Getümmel auf den Straßen ankämpfend nach Jorrvaskr zurück. „Guten Morgen, Liebes“, grüßte Tilma als die Jägerin ins rauchige Innere der Halle der Gefährten trat.
„Guten Morgen“, entgegnete sie und wollte sich an den langen gedeckten Tisch zu Farkas und Skjor setzen, die noch frühstückten. Allerdings hielt sie Vilkas davon ab, der schnell auf sie zutrat. Hinter ihm türmten sich zwei hünenhafte Stadtwachen in schweren Rüstungen auf. Sie standen im krassen Gegensatz zu den eher leicht Gerüsteten am Tor und auf den Straßen, vor allem aber auch zu dem in eine einfache, schwarzbraun gefärbte Tunika gehüllten Gefährten vor ihnen.
„Vesa, warte“, bat er in einem Ton, der ebenso Sorge wie Verärgerung mit sich führte. Ob sie ihr galten oder etwas anderem vermochte die Kaiserliche nicht zu sagen.
„Vilkas, was ist los?“
„Das wüsste ich auch gern.“ Eine der Wachen nahm ihren rundum geschlossenen Helm ab. Darunter kam ein glattrasiertes, von zahlreichen Kämpfen gezeichnetes Gesicht zum Vorschein. Dunkle, teils grauverfärbte Haare umspielten das Gesicht bis zu den Wangen. Zweifelsfrei gehörten die zwei Männer zu den Gardisten der Drachenfeste – direkte Leibwächter des Fürsten von Weißlauf und seinem Gefolge.
„Ihr werdet gebeten, mit uns zu kommen“, sprach der Nord, der sich den Helm unter den Arm geklemmt hatte. Vesanas Gesicht versteinerte und zeigte nichts, von ihrem unangenehm wild pochenden Herzen. Mühsam zwang sie sich ruhig zu atmen und die Verwunderung zu verbergen.
„Eine Bitte würde voraussetzen, dass ich eine Wahl habe.“
„Reine Freundlichkeit.“
„Würdet Ihr mir erklären, um was es hier geht?“ Inzwischen stand die Jägerin frontal zu den beiden Wachen, die Hände vor der Hüfte verschränkt und in der Nähe ihres Dolches – nicht dass er ihr gegen die zwei schwer Gerüsteten viel genützt hätte, Schwertgriffe mit Platz für zwei Hände ragten über ihren Schultern auf. Vilkas flankierte sie und im Hintergrund sah sie Aela und die restlichen Zirkelmitglieder in argwöhnischen Posen die Szenerie beobachten und dem Gespräch lauschen.
„Es wird Euch in der Drachenfeste alles Nötige mitgeteilt werden.“ Das Gesicht des Nords verriet ebenso wenig über Motive, Kenntnis und Einstellung gegenüber Vesana, wie deren Gesicht über ihre Wut und Sorge.
„Muss sie allein gehen, oder wird es gestattet, sie zu begleiten?“, hakte Vilkas nach.
„Sofern Eure Empörung berechtigt ist, wird dies nicht nötig sein. Daher: Nein, es wird nicht gestattet.“ Es kam zu einem kurzen Blickduell zwischen dem Gardisten und dem wesentlich kleineren Gefährten. Danach wandte sich ersterer wieder der Kaiserlichen zu. „Jetzt kommt, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.“


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Bahaar
10.01.2014, 15:54
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Scheppernd ob der zahlreichen schweren Stahlplatten seiner Rüstung schritt der Nord, der zuvor mit ihr gesprochen hatte, vor Vesana her. Sein nicht weniger Krach verursachender Kamerad stiefelte neben der Kaiserlichen. Was er für einer sein mochte, konnte sie unmöglich sagen. Durch die schmalen Sehschlitze im Vollhelm ließ sich nichts darunter erkennen und auch so hüllte sich jedes noch so kleine Fleckchen seiner Haut in Leder oder Metall. Der Größe und Statur nach zu urteilen musste aber wohl auch er ein Nord sein. Wirklich eine Rolle spielte es allerdings nicht und sie versuchte sich wieder darauf zu fokussieren, alle Gründe für und Auswege aus dieser Situation zu finden.
Zähneknirschend dass es ihre Kopfschmerzen aufflammen ließ, folgte sie den Männern die langen Treppen hinauf zur Drachenfeste. Die Hände im Rücken über dem Gesäß ineinander verschränkt spielten die Finger vor den Augen der Gardisten verborgen nervös miteinander. Eine Art kontrollierter Überlauf für die unangenehme Unruhe, die in ihrem Bauch wütete wie ein Troll und die Lungen und das Herz kitzelte wie Federn Füße. Nur auf diese Weise konnte sie sich ansonsten ruhig geben, vielleicht nicht unbedingt gelassen, aber doch beherrscht und in Kontrolle. Schlimm war auch nicht die Tatsache, dass sie die Männer so unverhofft abgeholt hatten, sondern dass Vesa nicht der leiseste Hauch einer Ahnung kam, warum sie es getan hatten. Die Wegelagerer? Der Khajiit? Sie glaubte eigentlich nicht daran, und doch zweifelte sie an ihrer eigenen Fähigkeit ihre Spuren zu vertuschen. Einer der häufigeren, nicht gänzlich legalen Überfälle auf die Silberne Hand? Dann wären allerdings noch andere Gefährten im Visier der Justiz Weißlaufs.
Es spielte keine Rolle. Das Trio erreichte den in der Ostflanke des imposanten Fürstensitzes liegenden Zugang zum Kerker. Ihr Wegführer öffnete den schweren, eisenbeschlagenen Durchgang. In den Scharnieren quietschend und knarrend schob sich das dicke Holz nach innen auf. Er trat als erster ein, es folgte Vesana, dann die zweite Wache, welche wiederum die Tür schloss und somit sämtliches Tageslicht aussperrte. Erst dann nahm der Nord, der zuvor schon gesprochen hatte, abermals seinen Helm ab und legte ihn auf einem Holzständer neben einem Schreibtisch ab. Danach bedeutete er ihr ihm weiter zu folgen. Tiefer in die feuchten Gänge unter der Drachenfeste eintauchend liefen sie im Gänsemarsch weiter. Die kühle Luft ließ die Kaiserliche schaudern und der Griff ihrer Hände umeinander, die noch immer in ihrem Rücken lagen, verfestigte sich. Das flackernde Zwielicht der Fackeln an den Wänden, das endlos widerhallende Scheppern und Schaben der Rüstungen der zwei Männer und das gelegentliche Schluchzen, Jaulen, Johlen, oder anderweitig animalisch klingende Geräusche der Gefangenen in ihren Zellen verbesserten ihr Befinden nicht gerade. Glücklicherweise befanden sie sich noch in dem Bereich, in dem die Käfige für frisch Inhaftierte lagen, deren Schuld wohl noch nicht gänzlich be- oder widerlegt, oder deren Verfahren schlicht noch nicht abgeschlossen war, weshalb die tierischen Laute nur aus weiter Ferne durch den Korridor hallten.
Schließlich erreichten die Drei eine schiefe Holztür, die auch sogleich geöffnet wurde. „Hier hinein“, wies sie der helmlose Nord an, nahm ihr jedoch zunächst noch ihren Dolch ab. Im Vorbeigehen schaute sie ihn ein letztes Mal von unten her an, bevor er ihr mit seinem Kumpan folgte und an der geschlossenen Tür stehen blieb. An der Wand gegenüber standen zwei weitere Wachen in denselben schweren Rüstungen mit dem Wappen des Fürsten auf der Brust. In dem vergleichsweise sauberen und trockenen Zimmer ohne Fenster stand ein rechteckiger Tisch aus massivem Holz. An jeder Seite schmiegte sich ein Stuhl an ihn an. Auf einem dieser saß ein Nord mit offenen, rotbraunen Haaren bis auf die Schultern und einem Vollbart. Als er aufblickte, erkannte sie ihn als Hrothluf. Mühevoll verkniff sich die Jägerin ein Wort und schenkte ihm stattdessen einfach nur einen mörderischen Blick der Verachtung. Eine Ahnung ergriff sie, weshalb sie hierher gebracht wurde.
Genau in diesem Moment trat eine weitere Gestalt aus der dunkelsten Ecke schräg hinter ihr hervor. Ein schlanker Mann mit dunkelblondem, kurzem Haar und glattrasiertem, kantigen Gesicht. Edle Kleidung – Wildlederschuhe mit seidener Tuchverzierung in Cyanblau, die weite Seidenhose in Beige und einem ebenfalls blauen Tuch als Gürtel – verhüllte seinen schlanken Leib. Das braune, tunikaartige Hemd rundete die fast schon lächerlich übertrieben teure Erscheinung ab. Ringe glitzerten an seinen Fingern und eine Pergamentrolle klemmte unter seinem Arm. Hätten seine graublauen Augen nicht so listig wie die eines Fuchses und so wach wie jene eines Adlers gefunkelt, Vesana wäre fast dazu geneigt gewesen, ihn als einfachen aufgeblasenen Schnösel abzustempeln. Stattdessen beobachtete sie ihn ebenso wölfisch wie er sie, als er an ihr vorbeilief und sich auf den Stuhl an der gegenüberliegenden Seite des Tisches setzte. Erst jetzt bemerkte sie den Duft eisig-klarer Bergluft in dem Raum, der zweifelsfrei von dem Mann in edler Kleidung ausging.
„Setzt Euch.“ Er wies auf den Stuhl gegenüber Hrothluf zu seiner Linken. Die Stimme glockenklar und messerscharf ließ er keinen Zweifel daran, wer in diesem Raum das Kommando innehielt. Vesana folgte der Aufforderung, die zwar nicht aggressiv oder herablassend wie jene der Wache war, aber doch bestimmend. „Mein Name ist Elgryr, falls Ihr mich nicht kennt, Justiziar des Jarls“, sprach er weiter. Sie kannte den Namen, war ihm jedoch noch nie selbst begegnet. Ohne ein Wort ließ er sich Tinte und Fass geben und rollte das unbeschriebene Stück Pergament auf dem Tisch vor sich aus. „Wisst Ihr, warum Ihr hier seid, Vesana Calvianus, Mitglied der Gefährten?“ Er tauchte die Feder in das kleine Fässchen und ließ seine Augen auf ihr ruhen. Sie hielt dem Blick entgegen. Wenn er Schwäche sehen wollte, würde sie ihm keine geben.
„Nein.“ Sie konnte nur vermuten, was Hrothluf, dieser ehrlose Sohn einer Hündin, dem Justiziar gesagt hatte, dass er sie auf derartige Weise zu sich bringen ließ. Dieser schrieb daraufhin etwas auf, doch vermochte die Kaiserliche nicht seine seltsam verschlungene Handschrift auf dem Kopf stehend zu lesen.
„Hmhmm.“ Er steckte den Federkiel zurück ins Fass und faltete die Hände zusammen. „Dieser Mann“, er hob nur einen Finger um auf Vesas Gegenüber zu deuten, schaute ihn jedoch nicht direkt an sondern hielt die Augen weiter auf die Kaiserliche, „bezichtigt Euch der Mittäterschaft bei den Verbrechen des Mordes und des Schmuggelns illegaler Rauschmittel.“ Er legte eine Pause ein und beobachtete sie dabei, wie sie den Blick von ihm abwandte. „Was sagt Ihr zu diesen Anschuldigungen?“ Jetzt Hrothluf anschauend verspürte sie das dringende Verlangen über den Tisch zu hechten und ihm die Kehle aus dem Hals zu reißen. Dieser räudige Lügner wollte tatsächlich versuchen, sie mit sich zu reißen, wenn man ihn hängte.
Der Mund stand ihr leicht offen, als sie ihn anstarrte und sich auf die Zungenspitze biss. Die Lippen zitternd und die Knöchel an den Händen standen weiß hervor, als sie sich aneinander krallten. Nur sehr langsam rang sie den hohen Puls nieder und schluckte den Kloß in ihrem Hals hinab. Erst danach schaute sie wieder den Justiziar an, der in der Zwischenzeit weitere Notizen gemacht hatte. Sie wollte keinem der beiden auch nur ein einziges unvernünftig herausplatzendes Wort schenken, also ließ sie sich Zeit zu überlegen. „Ich möchte hören, wie dieser Mann diese Anschuldigung zu beweisen gedenkt und welche Beweise bereits vorgebracht wurden.“
„Die sollst Du be-“
„Wie heißt dieser Mann?“, fragte Elgryr im Gegenzug und Hrothluf in seinem wutentbrannten Ausruf unterbrechend ohne darauf einzugehen.
„Ich kenne Ihn als Hrothluf aus Windhelm. Doch berichtete mir Aela die Jägerin, dass er sich Euch wohl als Trargolf zu erkennen gegeben hat.“
„Lügne-!“
„Wann habt Ihr diesen Mann das erste Mal gesehen?“ Offenbar wollte der kriminelle Nord durch starke Emotionen eine Verbindung zu Vesana vortäuschen, die als Begründung für seine Aufregung gesehen werden konnte und ihn somit glaubwürdiger machen. Allerdings brachte ihn das bei dem Justiziar nicht sehr weit.
„Ich habe ihn vor etwa eineinhalb Wochen in Windhelm getroffen, nachdem ich von einer Reise nach Solstheim in der Stadt ankam.“
„Wie habt Ihr ihn kennengelernt?“
„Ich war auf der Suche nach einem Reisekarren, der mir die Reise nach Weißlauf erleichtern würde. Die Wirtin der örtlichen Taverne gab mir den Hinweis, ich sollte bei diesem Mann nachfragen.“ Während all ihrer Wortwechsel schrieb Elgryr auf dem Pergament mit. Es handelte sich offenbar um eine Zusammenfassung des Gesagten.
„Blöd-!“
„Wachen, verbindet diesem Mann den Mund.“ Gesagt, getan. Hrothluf brummte nur noch aufgebracht, die in Ketten liegenden Hände klapperten unter dem Tisch. „Kann Eure Reise nach Solstheim jemand bezeugen?“ Inzwischen kam es Vesana fast so vor, als wäre der Nord auf ihrer Seite. Allerdings wollte sie sich diesem Glauben nicht wirklich hingeben, sie schätzte ihn als ausgesprochen zielfixierten Menschen ein, der mit seinen Fragen sicherlich eine eigene Agenda verfolgte.
„Sicher. Gjalund Salz-Weiser und die Besatzung seines Kahns, zahlreiche Bewohner Rabenfels‘ auf Solstheim, sowie die Skaal im Norden.“ Sie war sich nicht sicher, ob nicht womöglich jemand fehlte in der Reihe, doch auch so mochten es genug Zeugen sein.
„Wer in Rabenfels?“ Wollte er sie nur in Sicherheit wiegen, oder befand er sich auf ihrer Seite?“
„Der Besitzer der örtlichen Mine.“ Wie hieß er denn noch gleich? „Crescius.“ Ja, so hieß er. „Creasius Caerellius. Sowie der Wirt der Taverne und der Leiter des Tribunalstempels, Othreltoh. Einige Wachen ebenfalls.“
„Hmhmm.“ Er schrieb fleißig mit und Vesana versuchte, während sein Blick dem Pergament galt, mehr über ihn in Erfahrung zu bringen. Rechtshänder, stakkatoartige Schriftführung und ziemliches Geschmiere. Dennoch knappe und präzise Fragestellungen, die bislang zu ihren Gunsten schienen. „Ihr behauptet also Eurerseits nichts mit den Geschäften dieses Mannes zu tun zu haben?“
„So ist es.“
„Wie kommt es dann“, er beugte sich vor, stützte die Ellbogen auf den Tisch und verschränkte die Hände ineinander, „dass Ihr sehr genau wusstest, wo sich das beschlagnahmte Skooma befand?“ Jetzt kam er also, der Haken.
„Eine Vermutung.“
„Eine ziemlich exakte Vermutung, meint Ihr nicht auch?“
„Mehr eine Schlussfolgerung.“
„Was nun? Eine Vermutung oder eine Schlussfolgerung?“
„Eine Schlussfolgerung.“
„Wie kamt Ihr dazu?“
„Offensichtlich kannte ich die scheinbare Ladung dieses Mannes durch unsere gemeinsame Reise von Windhelm hierher. Darüber hinaus erzählte er mir bei unserem ersten Treffen, er habe eine Ladung Schmiedeeisen. Bei meiner Wiederkehr nach Weißlauf erfuhr ich von einigen Gefährten von deren Auftrag, der wohl etwas mit dem Schmuggel von Skooma im Fürstentum zu tun hatte. Als sie mir von dem Versteck der Droge in hohlen Schmiedeeisen erzählten, berichtete ich ihnen von dem mir bis dahin als Hrothluf bekannten Nord. Vilkas, ebenfalls ein Mitglied der Gefährten, ordnete den Bericht an die Stadtwache an. Es war somit mehr seine als meine Schlussfolgerung, die lediglich auf Informationen meinerseits beruhte.“
„Möchtet Ihr damit ausdrücken, dass Ihr bis zum Zeitpunkt der Festnahme dieses Mannes keinerlei Kenntnis über dessen Tätigkeit als Schmuggler hattet?“
„So ist es.“
„Wie kommt es dann, dass er Euch der Stadtwache gegenüber lediglich als ‚Nevara‘ identifiziert hat – ein offensichtlicher Deckname – wo Ihr doch eigentlich Vesana Calvianus heißt – das ist doch Euer richtiger Name, nehme ich an?“ Der Kaiserlichen lief es eiskalt den Rücken hinab und die zwischenzeitlich etwas entspannten Finger krallten sich wieder fester aneinander. Ihr fehlten die Worte. Was sollte sie auch sagen? Dass es ein Deckname war, den sie auf Reisen benutzte? Warum brauchte sie auf Reisen überhaupt einen Decknamen? Weil sie sonst noch schneller von der Morag Tong aufgegriffen werden würde. Und warum war die Tong hinter ihr her? Zähneknirschend schwieg sie stattdessen. „Ihr möchtet dazu nichts sagen?“, fragte Elgryr nach.
„Auf Reisen begegnet man vielen Leuten, die man falsch einschätzt. Um sicher zu gehen, dass sie keine Verbindung zu mir herstellen können, verwende ich diesen Namen“, log sie, was ihr wenigstens wie eine einigermaßen plausible Erklärung erschien und sogar im Ansatz einen gewissen Funken Wahrheit enthielt. „Der volle Name würde Nevara Cassidian lauten. Diesen können Euch auch die genannten Personen auf Solstheim bestätigen“, rundete sie mit einer echten Wahrheit ab.
„Womöglich solltet Ihr dann vorsichtiger mit anderen Informationen umgehen, die Ihr preisgebt.“ Die Skepsis troff aus seinen Worten und erstmals zeigte er eine Regung durch die leicht hochgezogene Augenbraue. Und doch hatte er Recht. Nie hätte sie Hrothluf davon erzählen dürfen, dass sie von der Kämpfergilde gekommen war und sich den Gefährten angeschlossen hatte. Sie hätte ihm gar nichts erzählen dürfen.


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Bahaar
17.01.2014, 15:47
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„Wie lange dauerte Eure Reise an?“, wechselte der Justiziar das Thema.
„Ich bin vor inzwischen achteinhalb Wochen von Weißlauf aufgebrochen. Das können Euch die Mitglieder der Gefährten bestätigen“, antwortete Vesana wahrheitsgemäß.
„Hmhmm.“ Das Pergament füllte sich allmählich mit Schriftzeichen. „Was war der Grund für Eure Reise?“
„Private Gründe.“
„Zum Beispiel?“
Die Jägerin schloss für einen kurzen Moment die Augen, um durchzuatmen. Die Skepsis und Zweifel, die der Nord hinter seinen kühlen Formulierungen verbarg, stachen wie ein Dolch aus dem Schatten zu und versuchten sie zweifelsfrei aus der Ruhe zu bringen. „Gründe jener Art, die nichts mit meiner Verbindung zu diesem Mann“, sie nickte in Richtung Hrothluf ohne die Augen von Elgryr zu nehmen, „zu tun haben und Euch somit nichts angehen.“ Nur mit Mühe hielt sie den Zorn in ihrer Stimme in einem vertretbaren Rahmen, gleichzeitig fraßen sich aber auch Unsicherheit und Selbstzweifel in sie hinein. Der rohthaarige Nord auf der anderen Seite des Tisches war inzwischen noch stiller geworden, als es der Knebel in seinem Mund ohnehin schon provozierte. Die hauchdünnen Fältchen um seine Augen verrieten seine Zufriedenheit damit, die Kaiserliche unter den Fragen des Justiziars straucheln zu sehen.
Elgryr nahm ihre Antwort ohne ein Zucken schriftlich zur Kenntnis. „Wie lange wart Ihr vor dieser Reihe für die Gemeinschaft der Gefährten tätig?“
„Mehrere Jahre.“
„Und davor?“
„Für die Kämpfergilde in Bruma.“
„Gut.“ Mehr sagte er dazu nicht. Es konnte ebenso gut bedeuten, dass er sie für schuldig hielt, wie dass er sie unschuldig befand. „Wache, entfernt die Mundfessel dieses Mannes.“ Hrothluf holte erst einmal tief Luft und schien Speichel im ausgetrockneten Mund zu verteilen.
„Ihr habt gestanden, Skooma geschmuggelt zu haben, ist das richtig?“
„Dafür besteht scheinbar keine Notwendigkeit.“
„Erzählt nochmals, wie Ihr diese Frau“, der Justiziar nickte in Vesanas Richtung während er den Rothaarigen anschaute, „kennt.“ Ihr Magen drehte sich um und leichtes Zittern ergriff von ihr Besitz, das sie mit dem Wippen des linken Fußes abzuleiten versuchte.
„Wir sind seid einigen Jahren Geschäftspartner“, log Hrothluf in einer Ruhe, die ihn beängstigend glaubhaft erscheinen ließ. Kein Zucken, kein nervöses Tippen der Finger verriet, dass er so weit von der Wahrheit entfernt war, wie die Monde am Himmel hoch standen. „Wir sind uns irgendwann einmal in der hiesigen Taverne begegnet.“
„Weshalb wart Ihr in Windhelm?“
„Wir wollten uns dort treffen.“
„‚Wir‘ heißt …?“
„Meine Partnerin und ich.“ Alles in Vesa verlangte danach diesem elenden Lügner den Hals umzudrehen, ihn anzuschreien und zu quälen bis er langsam starb. Der Mund stand in Fassungslosigkeit kaum merklich leicht geöffnet und die Lippe zog sie unterbewusst linksseitig etwas hoch, so dass die spitzen Eckzähne aufblitzten. Die Finger krallten sich fester und ihr wurde allmählich übel. Von den Kopfschmerzen ganz zu schweigen.
„Wie wurde dieses Treffen vereinbart?“
„Sie schrieb mir einen Brief.“
„Diesen Brief?“ Der Justiziar winkte eine Wache mit dem erhobenen Zeigefinger zu sich und bekam einen Umschlag gereicht, aus dem er gleich darauf ein Stück Papier holte. „Trefft mich in einer Woche in der Taverne in Windhelm. Gezeichnet N.. Diesen Brief?“
„Ja, dieser.“
„Das ist“, platzte es aus Vesana unkontrolliert heraus, bevor sie sich wieder beherrschte, „schlicht nicht möglich.“
„Ich bat Euch nicht zu Wort.“
„Verzeiht.“
„Aber wo Ihr doch schon anfangt, so sagt, warum es nicht möglich sein soll.“
„Gjalund Salz-Weiser fährt lediglich alle paar Tage von Rabenfels nach Windhelm und er ist der einzige, der dies tut. Ich hätte einen Brief nur über sein Boot nach Himmelsrand senden können und von Windhelm hätte ein Bote übernehmen müssen. Der Brief wäre somit weit über eine Woche unterwegs bevor er diesen Mann dort erreicht hätte.“
„Nun, wir wissen nicht, ob Ihr wirklich auf Solstheim wart, oder?“ Sprachlos starrte Vesana zurück. Elgryr schien nicht das geringste Interesse daran zu haben, Ihr zu glauben. Hrothluf lächelte schmal und überlegen.
„Weshalb wollte diese Frau mit Euch nach Weißlauf?“, fragte er ohne weiter auf die Kaiserliche einzugehen den rothaarigen Nord.
„Das sagte sie mir nicht.“
„Und Ihr machtet es weshalb?“
„Wir sind Geschäftspartner, da macht man so etwas.“
„Hmhmm. Welchen Grund könnte sie gehabt haben, Euch zu verraten?“
„Das wüsste ich auch gern, denn ich habe keine Ahnung.“
„Gut.“ Der Justiziar legte die Feder neben dem Tintenfass ab und pustete über die letzten, frischen Zeichen auf dem Pergament vor ihm, bevor er es zusammenrollte und die Hände über ihm zusammenfaltete. Inzwischen knirschte Vesa wieder mit den Zähnen und rang mit den heftiger stechenden Kopfschmerzen. Sie raubten ihr mittlerweile die Fähigkeit, wirklich klar zu Denken und sich eine Lösungsstrategie zu überlegen. Doch dafür sollte zunächst keine Notwendigkeit mehr bestehen, denn Elgryr sprach weiter. „Wachen, führt diesen Mann zurück in seine Zelle und geleitet diese Frau nach draußen.“
„Was?!“, platzte es aus dem Nord heraus. Der Kaiserlichen fielen die ineinander verkrampften Hände auseinander und unkontrolliertes Zucken ob der Überraschung ergriff von ihrer linken Augenbraue Besitzt.
„Ganz recht. Ihr“, der Jutiziar schaute Hrothluf an, „wurdet mit dem Skooma festgenommen. Sie nicht. Es steht also einzig Aussage gegen Aussage, wobei sich ihre Geschichte schnell überprüfen lassen sollte. Sofern Ihr mir nicht benennt, an wen die Ware geliefert werden sollte, steht Eure Aussage folglich allein, was mir insgesamt wiederum keine andere Wahl lässt, als Eure ‚Partnerin‘ vorläufig wieder frei zu lassen – hier herrscht das Gesetz und nicht die Willkür jener, die es zu brechen gedenken.“ Damit erhob sich der edel gekleidete Nord, nahm die Pergamentrolle vom Tisch und verließ das Zimmer.
Die Gardisten, die an der Wand hinter dem Untersuchungsführenden des Jarls gestanden hatte hievten nun Hrothluf auf die Füße und schleiften in ebenfalls aus dem Raum. Er schien zu schockiert, als dass er sich zu wehren vermocht hätte. Das Rasseln seiner eisernen Fesseln verhallte bald in den Weiten des Kerkers. Noch immer in Schockstarre harrte Vesana als letzte der Verhörsteilnehmer am Tisch aus. Erst als die Wache, die ihren Helm abgesetzt hatte, den Dolch der Jägerin vor ihr auf dem Tisch ablegte, riss sich diese los. Geistesabwesend und durcheinander nahm sie sich ihre Waffe und stand auf. Schweigend und zu kaum mehr als einer Mischung aus Erleichterung, Wut und Verwunderung im Stande, trottete sie den Wachen hinterher. Ein Gedanke jagte den nächsten und es war ihr unmöglich zu sagen, wie viel der Unruhe tatsächlich auf das eben beendete Verhör zurückging und was nicht doch von Kopfschmerzen und Mondphase, oder der Wut auf ihre eigene Dummheit kam.
Egal was, erst an der frischen Luft gewann die Kaiserliche ihre Standfestigkeit zurück. Mit gestrafften Schultern und aufrecht wollte sie mit schnellen Schritten nach Jorrvaskr zurückkehren.


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Bahaar
25.01.2014, 13:53
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Mit straffen Schritten ließ sie die Drachenfeste hinter sich und stapfte die zahlreichen Stufen hinab zum Platz des Güldengrünbaums. Erst dort verlangsamte sie ihr Tempo und blieb bald darauf stehen, als sie die Traube von Leuten bemerkte, die sich am oberen Ende der Stiege zum Marktplatz versammelt hatte. Aufgeregt redeten die Menschen dort miteinander und reckten sich immer wieder in die Höhe um über die Köpfe derer zu spähen, die vor ihnen Standen. Noch immer wütend, dennoch auch neugierig geworden, näherte sich Vesana der Meute und schob sich an den Rand, um besser sehen zu können. Schnell klärte sich auf, warum sich so viele Leute hier zusammengefunden hatten.
In der Mitte des kleinen Platzes, der von zahlreichen Ständen, der Taverne und den Läden der Alchemistin und Belethors eingerahmt wurde, stand ein einfaches Holzgerüst mit erhobener Plattform und einer Balkenkonstruktion darüber. Von dem Querbalken baumelte ein dickes Seil, das sich am unteren Ende in eine Schlinge formte. Drei hochgewachsene Männer, die unterschiedlicher nicht sein konnten, standen auf dem Galgenbau. Ein sehr gepflegter Nord in feiner Kleidung, nicht so aufgeblasen wie Elgryr, aber doch hochwertig. Augenscheinlich ein Beauftragter des Jarls. Der nächste trug zu seiner groben Lederkleidung eine einfache Stoffmaske, die seinen Kopf verhüllte – der Henker. Und der Letzte im Bunde mit den Händen auf dem Rücken gefesselt, nun den kannte die Kaiserliche nur zu gut. Zweimal war er ihr inzwischen begegnet. Einmal hatte sie ihn entkommen lassen und ein weiteres Mal sträubte er sich gegen seine Verhaftung. Seine Erscheinung wirkte inzwischen durch und durch gebrochen. Die Schultern hängend, der Kopf gesenkt und die Leinenkleidung, die den Verurteilten im Kerker des Fürsten zugeteilt wurde, von oben bis unten verdreckt und zerschlissen. Leichtes Zittern hielt den Straßenräuber in festem Griff.
Wenigstens etwas Erfreuliches an diesem Tag, dessen Wetter sich inzwischen der Stimmung der Jägerin angepasst hatte und mit feucht-kühler Luft, sowie der Abwesenheit der Sonne aufwartete. Zwar vermochte es kaum, ihren Groll und die Lust, einen gewissen Nord seines Lebens zu berauben, zu besänftigen, doch wenigstens entlockte es ihren versteinerten Gesichtszügen vorrübergehend ein schiefes, gefälliges Lächeln. Der Mann in der guten Kleidung entrollte eine Schriftrolle und reckte sich der Menge entgegen. „Raindaal Wulfgar Bärenpranke, Ihr wurdet der folgenden Verbrechen für schuldig befunden“, rief er laut aus und hob anschließend kurz den Kopf, um über die Menge zu blicken. Diese grölte bereits. Eine Frau rief „Hängt Ihn endlich!“ von der Seite und andere stiegen ein. „Diebstahl!“, begann der Nord auf dem Podest die Liste. „Räuberei!“, setzte er fort und ließ jedes Mal einige Lidschläge Pause bevor er weiter aufzählte. „Mord in drei Fällen!“ Die Menge tobte. „Tod!“, riefen einige aus unterschiedlichen Richtungen. „Und Belästigung des Jarls!“, endete der Sprecher. Er senkte die Schriftrolle und blickte erneut über die versammelten Leute. „Ihr wurdet deshalb zum Tode durch den Strang verurteilt.“ Anschließend trat er etwas zu Seite und ließ den Henker den Verurteilten vorführen. „Habt Ihr letzte Worte, die Ihr uns mitteilen möchtet?“
„Ich habe niemanden getötet“, sprach er so leise, dass es Vesana nicht vernommen hätte, wären ihre Sinne nicht bereits überempfindlich geschärft.
„Was für eine Verschwendung letzter Worte“, spottete der gut gekleidete Nord, die Zuschauer stiegen in sein verhaltenes Lachen ein, und gab dem Henker per Handzeichen zu verstehen, dass er beginnen solle. Kraftvoll stieß er den Räuber nach hinten unter den Balken, legte ihm die Schlinge um den Hals und zog sie fest. Anschließend trat er zur Seite an einen Hebel und packte ihn mit beiden Händen.
Das Gesicht des Verurteilten nahm nun trauervolle, kreidebleiche Züge an. Es sah von dort, wo die Jägerin stand, so aus, als würde er weinen. Das Zittern verstärkte sich und hätte ihn der Strick nicht daran gehindert, er hätte sich wohl vorgebeugt und wäre auf die Knie gefallen. Doch viel mehr gab es von ihm auch nicht zu sehen. Nach einem Kopfnicken des Sprechers zog der Henker an dem Hebel und eine Klappe im Boden des Podestes, direkt unter den Füßen des Räubers, sprang auf. Der kümmerlich erscheinende Nord fiel nicht sehr tief in den Strick und baumelte mit den Knien auf der Höhe der Luke.
„Sein Genick ist nicht gebrochen!“ – „Ooh.“ – „Haha!“ Die Meute lachte ihn schallend aus, während sich das Blut im Kopf des Verurteilten staute und sein Gesicht rot anlaufen ließ. Die Beine stießen willkürlich in die Luft, als könnten sie so den Druck auf den Hals verringern. Der Todeskampf dauerte nicht lange. Bald hing er still und so schnell, wie sich die Menge versammelt hatte, löste sie sich wieder auf.
Inzwischen fröstelnd ob der kühlen Windstöße und der unangenehmen Luftfeuchte, die die Eindrücke aus dem Kerker frisch hielt, machte sich Vesana schließlich auf den Weg nach Jorrvaskr. Die Vorstellung, wie Hrothluf bald an einem eigenen Strick baumeln würde, ließ das bitter-süße Schmunzeln auf ihren Lippen noch einige Zeit vorhalten, aber als sie die Eingangstür zur Halle der Gefährten erreichte, war es verflogen und die reine Wut blieb in ihrer Brust zurück, wie glühende Kohlen.
„Da bist Du ja endlich!“, begrüßte sie sogleich Farkas, der mit seinem Bruder am zentralen Feuer der Halle saß und die sich gleichzeitig umgedreht hatten, als sie die Tür öffnete.
„Hier bin ich.“ Die Erleichterung auf den gezeichneten Gesichtern der ungleichen Nord verflog in der Dauer eines Herzschlages.
„Was ist passiert?“, wollte Vilkas wissen, doch hob die Kaiserliche abwehrend und ablehnend die Hände.
„Ist der Übungsplatz frei?“, stellte sie eine Gegenfrage, der Nord wirkte etwas irritiert und zog die Augenbraue hoch, nickte dann aber. „Schnapp Dir ein Schwert.“ Sie musste sich abreagieren, bevor sie auch nur ein Wort über die Vorfälle in der Drachenfeste verlor. Schnurstracks verschwand Vesa nach unten in ihr Zimmer und entledigte sich ihrer Sachen. Anstatt der zierlich-weiblichen, saphirblauen Tunika warf sie sich eine einfache in beige über und band sie mit einem Gürtel fest. Statt der Sandalen nahm sie sich festere Lederschuhe und die Haare zähmte sie in einem Pferdeschwanz, den sie mit einem Lederband festschnürte. So gekleidet ging sie zur Waffenkammer und traf dort mit Vilkas zusammen, der bereits am Tisch mit den Übungswaffen stand. Da er es besser wusste, unterließ er eine weitere Nachfrage. Seine Gefährtin würde von selbst zu sprechen beginnen, wenn sie sich dazu bereit fühlte. Aber dafür mussten sie erst einmal einige Schläge austauschen.
Ohne großes Überlegen nahm sich Vesana gleich zwei Übungsschwerter und wandte sich zum Gehen. Ihrem Kampfpartner schenkte sie ein knappes „Danke“ und wartete, bis er soweit war. Zwar hielt er bereits ein Schwert in der Hand, bei ihrer Waffenwahl griff er allerdings dann doch noch nach einem leichten Schild an der Wand und folgte ihr schließlich. Gemeinsam traten sie auf die Terrasse hinter der Halle der Gefährten, wo Farkas und Skjor, aber auch einige der übrigen Gefährten warteten. Aela kam hinter der Ecke des Hauses hervor und gesellte sich dazu. Offenbar hatte sich herumgesprochen, was gleich passieren würde. Es störte die Kaiserliche nicht. Sollten sie ruhig zuschauen.
Leichtfüßig, beinahe springend und auf die Zehenspitzen gestellt nahm die Kaiserliche die Stufen hinab zum Übungsplatz und rüttelte so gleich die Beinmuskulatur wach. Während sich die Schaulustigen an Pfeiler und Tische auf der Terrasse lehnten oder die Stühle zurechtrückten und sich setzten, brachten die beiden Kontrahenten einige Schrittlängen Abstand zwischen sich. Die Knie gebeugt, das Gewicht auf den Zehenspitzen und die Schwerter links und rechts der Hüfte lockend kreisend wartete die Jägerin darauf, dass ihr Gefährte ebenfalls das Zeichen gab, bereit zu sein. Lauernd wie ein hungriger Wolf, der seine Beute im Visier hat, und für den der richtige Moment wie ein Leuchtfeuer zum Angriff einlud, ging sie ohne auch nur einen Moment zu zögern direkt in den Angriff über als Vilkas den Schild ob und seine Waffe zum Stich bereit über dessen obere Kante hielt.
Seinen Gegenangriff aus der Deckung der Holzscheibe heraus lenkte die Kaiserliche mit einem Schlag des rechten Schwertes ab und drehte sich einmal um die eigene Achse um aus der Bewegung heraus mit dem Linken auf ihn einzudreschen. Er blockte mit dem Schild und der erste Abtausch endete damit, dass sie genau andersherum wieder auf Abstand gingen. Ihr Herzschlag hatte sich adrenalingeladen in den wenigen Augenblicken schmerzhaft beschleunigt und sie musste sich dazu zwingen, ruhig zu atmen. Ihrem Kumpan erging es nicht anders, wie sie an seinem leicht geöffneten Mund erkannte. „So. Vesa“, begann er zwischen den Atemzügen abgehackt zu sprechen. „Was genau-“, weiter kam er nicht, bevor die Kaiserliche wieder auf ihn zueilte.
Unter dem hoch angesetzten Stich des einen Schwertes drehte sie sich durch und hieb aus der Deckung ihres Körpers mit dem anderen tief. Der zweite Block kam hastig und unsauber geführt ob der hohen Geschwindigkeit, in der die Schläge folgten, und so taumelte Vilkas einen Schritt nach hinten und kam gar nicht dazu, einen Gegenangriff zu starten bevor die Jägerin ihre Drehung abrupt stoppte und mit dem nächsten Schritt in seine Richtung genau in die andere Richtung um die eigene Achse wirbelte. Beide Waffen gleichauf führend, musste der Nord sowohl hoch, wie auch tief die hölzernen Klingen abwehren. Dem auf Kopfhöhe entging er, indem er sich duckte. Den auf seinen Oberschenkel zielenden Hieb fing der Schild ab. Der ungebremste Schwung des oberen Schlages brachte die Kaiserliche aus dem Gleichgewicht und so strauchelte nun sie an ihrem Kontrahenten vorbei. Der brachiale Stopp ihrer zweiten Waffe verstärkte das Ungleichgewicht in ihrer Balance noch mehr und genau das nutzte Vilkas.
Nur knapp wich sie seinem Schildschlag aus und fing sein Schwert mit den gekreuzten ihren ab. So verkeilt hielten die Beiden vorrübergehend inne, bevor sie sich gegenseitig wegzustoßen versuchten und abermals Abstand nahmen. Sie keuchten und Schweiß rann ihnen trotz der frischen Luft in Strömen über die Haut. „Also“, setzte der Nord erneut an. „Was genau – ist in der – Drachen-feste – geschehen?“, fragte er.
„Hrothluf“, stieß sie aus und suchte fieberhaft eine Lücke in seiner Deckung. Der hohe Blutdruck, der in ihren Ohren rauschte und die Umgebungsgeräusche trotz ihrer Überempfindlichkeit übertünchte, brachte außerdem ihre Kopfschmerzen zum Anschwellen. Heftige Stiche durch die Schläfen ließen sie leise aufstöhnen und die Sicht einseitig kurzzeitig verschwimmen.
„Wie, Hrothluf?“, hakte Vilkas in der Zwischenzeit nach.
Von den Schmerzen im Schädel nur noch weiter aufgebracht, versuchte Vesana aber gleich darauf noch einen Angriff. „Er“, presste sie heraus, während sie einen Schlag gegen sein Knie führte. „Bezichtigt“, folgte mit dem nachgezogenen zweiten Schwert auf gleicher Höhe. „Mich“, sie rollte sich unter seinem Hieb auf die Brust hindurch ab. „Der“, noch im Aufstehen trat sie ihm von hinten in das rechte Knie. „Mittäterschaft!“ Vilkas sackte zusammen und ließ sich weiter nach rechts fallen, um die parallel geführten Schwerter, die auf seinen Hals zielten, mit dem Schild abzufangen und nach einer aus der Bewegung folgenden Rückwärtsrolle wieder auf die Füße zu kommen. Eine Pause hielt Einzug.
„Absurd!“
„Das sagte ich Elgryr auch.“
„Elgryr?“
„Der Justiziar des Jarls.“
„Aber?“
„Er scheint nicht überzeugt und ließ mich nur gehen, weil Hrothlufs Aussage allein steht, meine jedoch dank euch hier und Zeugen auf dem Weg überprüfbar ist.“
„Hmpf.“
Diesmal war es der Nord, der attackierte. Mit dem Schild frontal zustoßend sah sich die Kaiserliche gezwungen näher an die Außenmauer Weißlaufs auszuweichen, die ihre nötige Bewegungsfreiheit erheblich einschränkte. Den Hieb ihres Kontrahenten lenkte sie im letzten Moment am, doch baute sich Vilkas gleich darauf wieder vor ihr auf und streckte ihr den Schild entgegen. Bevor er ein weiteres Mal nach ihr zu schlagen vermochte trat sie nach hinten aus gegen die Wand, hieb gleichzeitig gegen seinen Kopf und zwang ihn das schützende Stück Holz zu heben. In dem Moment drückte sich die Jägerin von einem der groben Steine in der Stadtmauer ab und warf sich auf den über sein Haupt erhobenen Rundschild. Mit dem Rücken darüber rollend kam sie hinter dem Nord auf die Füße und brachte schnell einige Schrittlängen zwischen sie beide.
„Stehen denn Zeugen in Aussicht, die Hrothlufs Geschichte unterstützen?“
„Nicht, wenn er den Empfänger der Waren nicht preisgibt.“
„Mich wundert, dass der Justiziar überhaupt soweit mitgeht, seine Geschichte für möglicherweise wahr zu halten.“
„Hrothluf hat einen Brief.“
„Was für einen Brief?“
„Keine Ahnung, von wem – vielleicht sein Geschäftspartner, wie weiß. Er ist mit N. unterzeichnet und besagt, dass Hrothluf den Absender in einer Woche in Windhelm treffen soll“, berichtete die Kaiserliche.
„Und was hat das mit Dir zu tun?“
„Du weißt, wie ich mich auf Reisen nenne.“
„Oh.“ Für einen kurzen Moment erschlafften die Muskeln des Nords sichtbar, als er die Überraschung dieser Nachricht verdaute. Vesana nutzte diese Gelegenheit nicht, sondern ließ ihr Gespräch zunächst fortlaufen. „Und ich nehme an, er hat sich bereits eine ansonsten ganz gut passende Geschichte ausgedacht?“
„Das hat er in der Tat. Besonders, da er auf der Reise mehr Fragen gestellt hat, als ich zu ignorieren in der Lage war.“ Mit neuerlich aufquellender Wut und einem tiefen, animalischen Grollen in der Kehle ging sie abermals ohne Vorwarnung in den Angriff über. Erst sprang sie hoch und stach nach Vilkas. Der blockte, geriet jedoch ob der Wucht aus dem Gleichgewicht und taumelte. Nach der Landung wirbelte Vesa fast ausschließlich um die eigene Achse, dass die Umgebung zu einer einzigen Masse verschmolz. Umdrehung für Umdrehung prasselten ihre Holzklingen gegen Schild und Schwert ihres Freundes, der nicht einmal daran denken konnte, anzugreifen und in der Defensive festgenagelt war. Sie entließ den Zorn, der in ihr aufquoll, baute den Druck ab und befreite sich von der emotionalen Fessel, die sie seit der Befragung gefangen hielt. In diesem Sturm blieb nichts von der sonstigen Finesse und tänzerischen Eleganz, die die Jägerin normalerweise in ihre Kampfbewegungen legte und sich so geschickt an ihren Widersachern vorbeidrehte um von allen Richtungen anzugreifen. Lange ließ sich dieser Wirbelwind aus Hieben allerdings nicht aufrechterhalten, denn durch die zahlreichen einseitigen Drehungen setzte alsbald der Schwindel ein und sie taumelte vor ihrem Kontrahenten zurück. „Erinnere mich daran, Dich niemals wütend zu machen“, keuchte Vilkas nach Ende des Hagels und holte seinerseits zu einem hohen Hieb aus. Mit den gekreuzten Klingen fing Vesa ihn ab, musste jedoch auf ein Knie hinabgehen, um gleichzeitig noch das angeschlagene Gleichgewichtsempfinden zu kontern.
Als Folge gingen sie wieder auseinander, nur um im Anschluss gleichzeitig aufeinander los zu spurten. Mit der linken Waffe lenkte sie den Stich des Nords ab während sie mit der Rechten ihrerseits zustach und unglücklicherweise an der Hand des Mannes vorbei in den Griff an der Innenseite seines Schildes einfädelte. Die so verkeilten Kampfmittel ließen sie fallen und standen sich deshalb nur noch mit jeweils einer einfachen Holzklinge ausgestattet gegenüber. Die Kaiserliche, die mit beiden Händen gleichermaßen gut umzugehen vermochte und sogar ohne Probleme mit Links eine Feder führte, behielt ihre Waffe vorläufig in der Linken und hob sie hoch über den Kopf. Vilkas packte den Griff der seinen mit beiden Händen. Nun gleichstark bewaffnet lag der Vorteil auf seiner Seite und so nutzte er in auch aus. Vesa fand sich in der Defensive wieder und musste mehr parieren, als sie anzugreifen vermochte.
Beide wirbelten nun umeinander und tauschten ohne Unterlass Schläge und Paraden aus. Die Kaiserliche wechselte gelegentlich noch die Schwerthand und die Führungsrichtung ihrer Klinge, aber der trotz seiner vergleichsweise geringen Größe kräftigere Nord verfügte über die bessere Kraftausdauer, während sie sich zuvor bereits erheblich verausgabt hatte. Seine Schläge waren zwar gröber, aber dafür auch wesentlich kraftvoller und mehr als einmal musste sie im letzten Moment zu Seite wegtauchen, weil ihre Deckung aufbrach.
Abermals wechselte sie zur linken Hand und führte das Schwert am Unterarm entlang. Aus der Rechtsdrehung heraus schlug sie seine Klinge zur Seite und schob ihr Bein zwischen seine, den Fuß als Stolperfalle hinter den seinen stellend. Unglücklicherweise packte er sie in diesem Moment aus Reflex am freien Arm und zog sie mit sich, so dass sie auf ihm landete. Ihre Waffe saß an seiner Kehle als sie zum Liegen kamen, die Gesichter nah genug, dass sie seinen heißen Atem spürte. Die Rechte ruhte auf dem Boden neben seinem Kopf. Linksseitig über seinem Bein kniend, hielt sich das rechte lang gestreckt und unter seinem begraben. Für einen Moment blieben sie in der Überraschung regungslos und starrten sich an. Seine grauen Augen weit aufgerissen und das zerfurchte Gesicht mit dem stoppeligen Bart glitzerte vor Schweiß. „Gewonnen“, presste Vesana schließlich als erste hervor und wollte sich erheben, doch packte sie der Nord schnell und bestimmend am Arm.
„Nicht so voreilig“, sprach er nur und plötzlich spürte die Kaiserliche einen unangenehm spitzen Druck in der linken Flanke. Schnell wandte sie den Blick dorthin und bemerkte erst jetzt, dass ihr Kumpan sein Schwert im Fallen nochmal erhoben haben musste, denn die Spitze seiner Klinge wies von unten auf ihren Brustkorb. Überrumpelt richtete sie ihre Augen wieder auf das Gesicht des unter ihr liegenden Mannes. Der zog amüsiert eine Augenbraue hoch. „Unentschieden“, mahnte er und ließ ihren Arm los. Es wäre auch zu schön gewesen, endlich einmal gegen den Nord zu gewinnen.
Ein kurzes Schmunzeln stahl sich auf Vesas Lippen und sie ließ sich nach rechts neben Vilkas in den Dreck fallen. Schwer atmend blieben sie nebeneinander liegen und schauten in den Himmel. Die Wut war verflogen und räumte das Feld für eine Reihe anderer Gefühle, von denen sie nicht sicher zu sagen vermochte, ob sie ihr lieber waren. „Besser?“, wollte der Nord schließlich wissen.


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Skyter 21
01.02.2014, 02:20
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Revan wachte erst am späten Vormittag des nächsten Tages auf. Der Wein hatte ihm einen tieferen Schlaf verschafft, wie er angenommen hatte. Schweigen betrachtete der Dunmer die kleine Kammer: Ein Bett, ein Schrank und ein Tisch mit 2 Stühlen. Im Schrank selbst befanden sich verschiedene Kleidungsstücke, die größtenteils arg in Mitleidenschaft gezogen worden waren. Auch war ein verborgenes Schloss in der Seitenwand, welches die Rückwand des Schrankes öffnete und einen sehr kleinen Raum dahinter offenbarte. In diesem Raum wurde die Ausrüstung und Beute gelagert, solange es nichts zu tun gab bzw. es keinen Käufer für die Beute gab. Auf einem der Stühle lag seine Kleidung, die er momentan trug. Auf dem Tisch selbst lagen Nadel und Faden, diverse Messer, eine Flasche mit Hochprozentigem und eine dicke Kerze gab bei bedarf Licht. Es ist nicht viel, aber diese Kammer ist mein zu Hause. Revan lebte seit 20 Jahren hier und in dieser Zeit erging es ihm besser wie vielen Anderen. Trotzdem war er der Überzeugung, dass er noch besser leben konnte als er es jetzt ohnehin schon tat. Dafür musste aber auch etwas getan werden und sie hatten ja wieder einen Auftrag. Einen sehr Heiklen, da sie dafür den Zorn der Thalmor auf sich ziehen würden, aber die Möglichkeit diesem Mer das Haus auszuräumen war sehr verlockend und versprach viel Gold. Der Dunmer blieb noch einen Moment sitzen, dann stand er auf. Wohin zuerst? Ich könnte dem Alten einen Besuch abstatten, oder ich sehe mir mal dieses Haus an und schaue was ich im Rest der Stadt so tut. Schnell entschied er sich für letztere Möglichkeit, da er meistens nur im Hafenviertel unterwegs war. Wenige Minuten später hatte er seine Kleidung angelegt und verließ die Kammer.

Auf der Straße empfing ihn das alltägliche Treiben der Kaiserstadt. Nach wenigen Schritten war er in der Menschenmenge untergetaucht und ging zielstrebig in den Marktbezirk. Die Masse an Menschen und Mer erschien in diesem Bezirk immer ein wenig erdrückend. Trotz verstärkter Präsenz der Wache konnte hier ein guter Taschendieb an einem einzigen Tag sehr viel verdienen. Allerdings war es immer ein Risiko. Zwar konnte man in der Masse gut verschwinden, wenn man allerdings entdeckt wurde, wiesen tausende Augen der Wache den Weg und dann hatte man keine Chance mehr. Revan war dieses Schauspiel sehr vertraut und er hatte es bis auf wenige Ausnahmen immer vermieden, hier irgendetwas zu stehlen. Nahrung an den Ständen zu stehlen war zwar nicht ganz so gefährlich, aber es war immer sicherer Geld in der Tasche zu haben, damit man zahlen konnte.
Die Tavernen waren alle überfüllt, daher stellte der Dunmer sein Frühstück selbst zusammen: Ein Laib Brot, ein Stück Salzkäse, ein Apfel und ein Bier ergaben ein sättigendes Mahl. Während er das letzte Stück Käse aß, überlegte Revan wie er am besten an Informationen über den Besitzer und seine Haus herankommen könnte. Einen Diener zu bestechen wäre eine Möglichkeit, allerdings bestand da das Risiko, das er später erwischt wurde und etwas über ihn ausplaudern würde. Meistens war das Bestechungsgeld auch nicht gerade niedrig, da viele Diener es vorzogen nach dem Einbruch möglichst weit Weg von ihrem Herren zu sein. Da der Herr hier aber sehr wahrscheinlich den Thalmor angehörte oder zumindest mit ihnen zusammenarbeitete, war die Bestechung der Diener nicht sehr vielversprechend. Einzige alternative wäre ein ehemaliger Diener, der gefeuert worden war. Aber es war nicht leicht solche Leute zu finden. Wenn man genug Zeit hatte und den Einbruch über Monate plante, konnte man solche Personen finden. Dem Tipp des Informanten zu Folge würde der Einbruch, so schätze Revan, innerhalb der nächsten 1 bis 2 Wochen stattfinden. In diesem Zeitraum brauchte man viel Glück oder einen Bettler der viel wusste und da war wieder die Frage ob er das nicht an andere Leute ausplaudern würde, die einem später an den Kragen wollen. Bei Altmern allgemein und Thalmor im speziellen konnte man nie vorsichtig genug sein. Gefahrloser war da das beobachten des Hauses um sich einen Überblick über die Größe und die Umgebung zu verschaffen und zu prüfen ob es einen Ausgang zur Kanalisation hatte. Wobei ein solcher Ausgang wahrscheinlich bewacht wurde. Es wäre immerhin ein Anfang. Den letzten Apfel verspeisend ging Revan in Richtung Talos-Platz-Bezirk. Dort sollte seine Arbeit beginnen.


Heute waren besonders viele Menschen in der Kaiserstadt unterwegs, daher benötigte der Dunmer mehr Zeit um den Talos-Platz zu erreichen. Dort angekommen sah er wie viele Neuankömmlinge erstaunt für ein paar Sekunden stehen blieben um die Statue in der Mitte des Platzes zu bestaunen. Der Drache war ein imposantes Bauwerk, den Dieb scherte das wenig. Er hatte diese Statue schon so oft gesehen, das er sie kaum noch beachtete. Trotzdem blieb auch er stehen, jedoch suchte er das Haus des Altmers. Nach wenigen Sekunden hatte er den Prunkbau gefunden, man konnte dieses Gebäude gar nicht übersehen, es stach aus den anderen Häusern am Platz hervor wie ein großes Juwel. Auf den ersten Blick erschien es sogar ein wenig unpassend, bei genauerer Betrachtung war es dann wiederum fast schon zu passend. Der Bau war angeblich, wie Revan einen reicheren Altmer einmal hatte sagen hören, im Stil der Ayleiden gehalten. Der Dunmer hatte nie eine ihrer Ruinen gesehen und außerdem fand er das Haus sehr protzig.
Der Palast, diese Bezeichnung war treffender, besaß 2 Stockwerke, einen Keller und umfasste etwa ein Viertel des gesamten Platzes. Die Außenmauer bestand aus Marmor und entlang der Fassade lief ein imposanter Bogengang mit prächtig verzierten Säulen. Dahinter lag im Schatten das große Eingangsportal und der Dieb glaubte sogar Verzierungen aus Gold zu sehen. Als ob es nicht hinreichend bekannt wäre, dass der Kerl Geld zum Scheißen hat. Langsam suchte Revan einen Weg durch die Masse an Menschen und Mer auf dem Platz um die Villa besser beobachten zu können. Während der Dieb nach einem guten Platz suchte wo ihn die Wachen nicht gleich verjagen würden oder jemand misstrauisch wurde, warf er immer wieder einen Blick auf das Gebäude. Einzelheiten der Verzierungen auf den Säulen wurde sichtbar, die Fenster waren nun besser sichtbar und das Eingangsportal besaß nicht nur Verzierungen aus Gold, es waren außerdem verschiedene Edelsteine in die Doppeltür eingelassen worden. Neben dem ganzen Prunk wurden nun auch 4 Wachen sichtbar, die alle vergoldete Elfenrüstungen trugen. Für weitere Einzelheiten reichte die Zeit nicht, da es keinen brauchbaren Platz gab an dem Revan hätte verweilen können ohne sofort aufzufallen. Da sie ohnehin nicht durch die Vordertür spazieren wollten, war das nicht so schlimm. Der Dieb schob sich weiter durch die Massen und umrundete den Talosplatz, ehe er in einer Seitengasse verschwand um den Rest der Villa begutachten zu können.
Die angrenzenden Gassen waren größer und breiter als im Rest der Stadt und konnten gut als eigene Straßen gelten. Somit war es nicht ohne weiteres möglich von einem Nebengebäude in die Villa einzudringen. Leider gab es auch keine Baugerüste die selbiges erleichtert hätten; weder an der Villa selbst noch an den angrenzenden Gebäuden. Selbst wenn es welche gäbe, würde der Altmer sie Nachts bewachen lassen. Die Seitenwände waren aus dem gleichen Material wie die Fassade und außer einigen prächtig verzierten Fenstern gab es nichts zu sehen. Die Fenster stellen auch keinen geeigneten Eingang dar. Dafür sieht man vom Platz noch zu viel und wahrscheinlich werden hier auch von ihm bezahlte Wachen patrouillieren; der kaiserlichen Wache traut er nicht......zu recht. Somit verblieb einzig die Rückseite der Villa als potenzieller überirdischer Einstieg. Der Dunmer wartete einen kurzen Moment um sich einer kleinen Gruppe von Boten und Dienern anzuschließen um wenigstens ein paar Blicke riskieren zu können ohne sofort entdeckt zu werden. Aber auch die Rückseite war keine Überraschung: Der Prunk setzte sich nahtlos fort, allerdings gab es hier auf beiden Stockwerken einen Bogengang. Der Garten war durch eine Mauer von der Straße getrennt, zusätzlich wuchsen verschiedene Sträucher und Bäume im Garten. Und natürlich standen auch hier Wachen. Das letzte was Revan erblicke bevor er in eine andere Menge von Menschen abtauchte und sich wieder von dem Garten entfernte, war ein Brunnen. Soviel zur Villa. Aber was will man erwarten? Wenn er wirklich die Geschäfte in der Unterwelt kontrollieren will, dann weiß er auf was er achten muss. Die Wachen stehen wahrscheinlich auf seiner persönlichen Gehaltsliste und folgen ihm wohl blind. Die Diener und Boten werden zu viel Angst haben. Jetzt blieb nur noch die Kanalisation als potenzieller Einstiegsweg. Aber das hatte noch ein wenig Zeit. Zuerst würde Revan der Taverne seines Vertrauens einen Besuch abstatten. Ihn hatte eine gewisse Unruhe ergriffen und seine Hände zitterten. Zeit für die tägliche Fütterung....

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Bahaar
01.02.2014, 19:21
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Unschlüssig und anstatt des erhofften Hochgefühls nach Abklingen der Wut eher in ein Loch aus Hilflosigkeit versunken, schwieg die Jägerin. Obwohl ihr Kampfpartner genau das getan hatte, was sie brauchte, brachte es nicht den gewünschten Effekt. Im Gegenteil, es erinnerte sie an Darius, an dem sie sich ebenfalls immer hatte austoben können und der nun fehlte. Das Gespräch in der Drachenfeste führte ihr schmerzhaft vor Augen, dass selbst ihre angesehene Familie der Gefährten sie nicht vor allem schützen konnte und ließ die Sehnsucht aufflammen, sich in die Geborgenheit zweier Arme zurückzuziehen, die ihr – obgleich keinesfalls wirklich zutreffend – glaubhaft das Gefühl vermittelten, die Welt könne ihr nichts anhaben. „Vesa?“ Vilkas wandte ihr das Gesicht zu, wie sie aus dem Augenwinkel bemerkte, doch hielt sie ihren Blick stur gen Himmel, um zu vermeiden, dass sich das Wasser in ihrem Auge als Träne verselbstständigte. Ganz zu schweigen davon, dass ihr ein größer werdender Kloß die Worte im Hals abschnürte.
„Lass uns“, setzte sie an, brach jedoch ab, als ihre Stimme versagte. Sie schluckte schwer und versuchte sie zurückzugewinnen. „Lass uns später reden“, war das einzige, das sie herausbrachte bevor sie sich aufsetzte, das Schwert ablegte und schließlich aufstand. Mit raschen Schritten verschwand sie um die Ecke des Gildenhauses. Ab dort außer Sicht vermochte sie die salzigen Perlen nicht länger zurückzuhalten, ließ sie über die verschwitzten, schmutzverklebten Wangen rinnen. Mit verschwimmender Sicht rannte sie zum vorderen Eingang der Halle und trat ein, hoffend, dass noch niemand von den Schaulustigen hineingegangen war. Sie hatte Glück, verkroch sich hastig in den Keller, knallte die Tür hinter sich ins Schloss und nahm in der hintersten Ecke ihres Zimmers Platz. Zwischen Nachttisch und den Wänden hockte sie sich ins Halbdunkel, zog die Beine an und schlang die Arme darum, während ihr die Tränen über die Wangen in den Mund flossen wie Regentropfen an einem Fenster. Die Lippen bebten unkontrolliert und der Rotz mischte sich mit dem Salzwasser, hinterließ einen bittersüßen Geschmack in ihrem Mund bevor sie den Kopf gegen die Knie presste und die Wässer der Trauer an ihren Beinen hinabliefen.
Bei allen Ebenen des Vergessens, hatte sich denn gar nichts geändert in den vergangenen Wochen? Sollte sie noch immer derart anfällig für den Schmerz des Verlustes sein, den sie schon so oft empfinden musste? War es denn nicht endlich an der Zeit die eigene Stärke wiederzufinden und Momente der scheinbaren Hilflosigkeit selbst durchzustehen? Scheinbar lautete die Antwort nein.
Unregelmäßiges Zucken erfasste sie, als Vesana das Schluchzen kaum noch zu unterdrücken vermochte. Zitternd löste sie sich von ihren Beinen und nahm mit kraftlosen Fingern das Hirschkopfamulett und strich über es. Vorsichtig wendete sie es hin und her. Lange blieben ihre eingetrübten Augen auf der Gravur eines frontalgesehenen Wolfskopfes haften, die sich auf der Rückseite des Schmuckstückes befand. Kurz darauf ließ sie es wieder los und vergrub das Gesicht in den flachen Händen als ihr das Luftholen schwerzufallen begann.
Eine unendlich lange Zeit, so erschien es der Kaiserlichen zumindest, harrte sie so aus. Schutzlos und den Wettern lokaler Politik, justizieller Willkür und den Lügen einzelner hilflos ausgesetzt fraß sich die Sehnsucht durch ihr Inneres und zehrte an ihrer Haut wie die Erinnerung an die sanfte Berührung warmer, willkommener Hände, die streichelnd ihren empfindlichen Leib hegten. Doch die Erwartung, die sie damit verband, blieb unerfüllt und so schluckte sie das Loch der Enttäuschung und Einsamkeit. Nur unter größten Anstrengungen schaffte sie es gegen die bleierne Schwere in ihren Gliedern anzukämpfen und sich zu dem Regal zu schleifen, in dem ihr Totem der Jagd stand. Wie eine Puppe nahm sie es in die Arme und presste es gegen ihre Brust, die sich nur noch rasselnd hob und senkte. Als könnte sie zurückbringen, was verloren war, streichelte die Jägerin seinen Kopf und presste die Augen zusammen, als würde sich so ihr Wunsch erfüllen, wenn sie nur fest genug daran glaubte.
In gewisser Weise funktionierte es.

„Denke daran: Nicht zu viel Kraft, langsam und gefühlvoll.“ Der Kaiserliche, der neben Vesana im saftig-grünen Gras saß nahm seine Hände von den ihren. Im Vergleich zu seinen wirkten ihre noch weitaus schlanker und feingliedriger, als sie es ohnehin schon waren – fast schon zerbrechlich, obwohl weit davon entfernt. Die sanfte Berührung kitzelte noch einen Moment lang weiter, bevor sie als Erinnerung der Haut verblasste. Eifrig nickend griff sie noch einmal nach, drückte das dicke Stück Eichenholz fester auf den Boden und setzte das scharfe, kurze Messer neu an die Rinde des Ausschnitts eines Astes. Linksseitig auf ihre Unterlippe beißend begann sie damit, die äußerste Schicht der toten Pflanze abzuschälen und das helle Innere freizulegen. „Sehr gut.“ Die ersten Teile der zähen Borke lösten sich von dem, das sie einst schützte.
Hoch konzentriert strich sich die Jägerin eine Strähne hinter ihr Ohr und setzte die Arbeit fort bis eine größere Fläche gänzlich von ihr befreit war. Eine kräftige Hand strich ihr während der vor allem für die Finger anstrengenden Arbeit zärtlich über den Rücken und blieb irgendwann in ihrem Nacken liegen, nur um dort an der Schädelbasis mit kaum wahrnehmbaren Druck ihren Kopf zu massieren. Von den wohligen Schauern aus dem Konzept gebracht und ihres geistigen Fokus beraubt, schloss Vesa die Augen und ließ ihre Hände zwischen die um das Aststück gespreizten Beine sinken. „Darius“, hauchte sie, „so werde ich doch nie fertig.“ Dennoch drückte sie sich genussvoll lächelnd nach hinten und seiner Hand entgegen bis sie den gesamten Arm ihres dicht neben ihr sitzenden Freundes auf ihrem Rücken spürte.
„Das scheint Dir ja gerade nicht viel auszumachen.“ Sie hörte das Schmunzeln aus der ebenfalls gedämpften, tiefen Stimme des Mannes und erschauderte, als ihr auch noch eine der inzwischen häufigeren Frühlingsbrisen über die Haut an den kaum verhüllten Beinen und Armen strich. „Aber Du hast Recht.“ Abrupt nahm Darius seinen Arm von ihr und rückte wenige Handbreit von ihr weg, um ihr mehr Platz zum Arbeiten zu geben. Überrumpelt und empört ob der Dreistigkeit schlug Vesana mit dem Handrücken nach links aus und traf den Kaiserlichen gegen die Brust bevor er ihren Arm abfangen konnte. Er lachte nur, weshalb sie ihm einen finsteren Blick mit zusammengezogenen Augenbrauen zuwarf und sich dann wieder ihrem Eichenast zuwandte. Allerdings ließ sich das aufbrandende Lachen in ihre Kehle kaum noch unterdrücken und so entließ sie die Luft nur schubweise zwischen den zusammengepressten Lippen. Das dabei erzeugte Geräusch schien der Komik der Situation jedoch eher noch zuträglich zu sein.
„Du bist ein doofer Hund, weißt Du das?“
„Ja, weiß ich doch.“ Er gab ihr einen Kuss auf die Wange, bei dem sie die fingerbreit getrimmten Haare seines gepflegten Bartes spürte, und der ihr seinen eher herben, aber dezenten Geruch von Bergkräutern in die Nase trug. So besänftigt und breit lächelnd widmete sich Vesa weiter dem Stück Holz, das irgendwann einmal – so hoffte sie zumindest – eine kleine, wolfsähnliche Figur werden sollte. Seit ihrem letzten Geburtstag brachte ihr Darius das Schnitzen bei und jetzt, etwas über ein halbes Jahr später, meinte er, dass sie zusammen ihr Totem der Jagd aus diesem noch eher plumpen Stück Holz ausarbeiten konnten.
Ein Weilchen weiterarbeitend beugte sich die Jägerin angestrengt über den Ast und befreite ihn weiter von seiner Rinde. Ihr langer Pferdeschwanz rutschte ihr dabei über die linke Schulter und ihr Geliebter hob ihn ihr schweigend zurück in den Rücken, damit er sie nicht behinderte. Allerdings ließ er ihm Anschluss seine Hand abermals auf ihr ruhen. „Gss!“ Kurz zuckend schüttelte Vesana sie von sich ab. Er lachte nur.
„Schon gut, schon gut.“ Die Finger verschwanden aus ihrem Nacken.
„Braver Darius. Brav.“
„Pff.“
Schließlich stand das Aststück nackt und seiner dunklen Hülle beraubt im Gras vor ihr. Die eigentliche Arbeit konnte beginnen. Allerdings merkte die Jägerin schon jetzt, dass ihre Finger nicht mehr allzu lange weitermachen würden. Sie schmerzten und fassten den Griff des Messers lockerer als zuvor. Daher ließ sie die Hände sinken und platzierte die scharfe Klinge neben dem Holz. „Mach‘ Du weiter“, forderte sie, verschränkte die Finger ineinander und versuchte sie durch greifende Bewegungen ein wenig zu lockern.
„Jetzt schon?“ Darius stupste sie neckend in die Seite.
„Ja.“ Seine Rechte wanderte ihr im Bereich der Lendenwirbelsäule quer über den Rücken und zwickte sie mehr kitzelnd als kneifend auf ihrem Weg. Sie wand sich mit abnehmendem Erfolg darunter weg und endete schließlich in der Umklammerung seines rechten Armes, die es seiner freien Hand ermöglichte sie am empfindlichen Bauch zu zwacken. Gackernd wie ein Huhn drehte und wendete sie sich, entkam seinen viel kräftigeren Armen jedoch nicht. „Hör auf!“ Er kam ihrer Bitte nicht nach und setzte seine Folter des Liebenden fort, auf dass ihr regelmäßig die Luft wegblieb. Wenn er sie zu etwas antreiben wollte, ärgerte er sie bis sie es nicht mehr aushielt und ihm Folge leistete. Dieses Mal hielt sie allerdings so lange aus, bis sich ihr die Möglichkeit bot, ihrerseits in einen Klammerangriff überzugehen.
Vesa wandte sich ihm zu und schlang erste die Arme um seinen Oberkörper und gleich im nächsten Augenblick auch noch die Beine, so dass sie Front an Front gegeneinandergedrückt saßen. Unglücklicherweise gereichte es eher ihrem Liebsten zum Vorteil, der sie nun mit beiden Händen gleichzeitig fröhlich lachend quer von einer Körperflanke über den Rücken zur anderen auskitzeln konnte. Um ein Quieken zu unterdrücken biss sie sich in den leichten Stoff seines Hemdes an der Schulter und krallte die Finger in seinen Rücken. „Au!“
„Entschul-hick-dige.“ Der Kaiserliche hörte auf und verfiel in einen Lachkrampf, gleichzeitig legte er aber auch seine Arme sanft um sie und drückte sie an sich. Sie spürte das Beben seines Leibes als wäre es ihr eigenes und nur ihr eigenes Zucken erinnerte sie daran, dass es das nicht war. „Toll!“ -hick- Darius lachte weiter. „Nicht -hick- komisch!“ Sie legte ihren Kopf in die Mulde zwischen seiner Schulter und Hals und boxte ihn in die Seite.
„Schon gut, schon gut!“ Er bekam selbst kaum Luft und musste erst einmal tief durchatmen. „Tut mir leid.“ Seine Hand wanderte hinauf zu ihrem Kopf und strich ihr durch die Haare, die sich in ihrem Gerangel aus dem Pferdeschwanz gelöst haben. Sie schloss die Augen und nestelte mit der Linken an Brust und Bauch des Mannes. -hick- Sie merkte, wie er nur zum Teil erfolgreich ein weiteres Lachen unterdrückte und strafte ihn sogleich mit einem eher zärtlichen Hieb gegen den Oberkörper. „Ich soll also weitermachen für Dich, ja?“
„Du hast es -hick- versprochen.“ Sie öffnete die Augen und sah an Darius hinab, von oben in den Ausschnitt des nicht gänzlich zugeknöpften Leinenhemdes hinein. Zielsicher griff ihre Hand hinein und holte das dort verborgen liegende Silberamulett heraus. Fast schon andächtig und so behutsam, als würde Vesana über seine Haut streicheln, drehte und wendete sie es zwischen ihren Fingern, strich über die Gravur auf der Rückseite und beobachtete die Lichtreflexionen, die sich auf der glattpolierten Oberfläche boten. -hick-
„Jetzt sofort?“, wollte Darius wissen und riss sie aus ihrem gedankenleeren Zustand. Behutsam stopfte sie den Talisman in Form eines Hirschkopfes, den ihr Geliebter einst von seinem Bruder bekommen hatte, zurück in sein Versteck an der Brust des Mannes und ließ ihre Hand dort ruhen.
„Hmmm.“ -hick- Sie gab ihm einen Kuss auf das freiliegende Schlüsselbein, schloss die Augen und vergrub den Kopf wieder in der dortigen Mulde. „Gleich.“ Er legte seinerseits das Haupt schief und auf ihrem ab, so dass sie das Schmunzeln auf seinen Lippen regelrecht spüren konnte, während er ihr weiter durchs Haar strich. -hick-

Es waren diese Momente gewesen, die Vesana das Gefühl gegeben hatten, dass ihre Welt doch in Ordnung war – dass sich die Dinge doch zum Guten wenden mochten. Fernab des schmutzigen Alltags auf den Straßen der Zivilisation, mitten in der Wildnis umgeben von nichts anderem als der unberührten Natur. Sie bot ihnen Schutz, verbarg sie vor neugierigen Blicken und war gleichzeitig die Spielwiese, auf der sie Triebe und Sehnsüchte ohne Hemmungen ausleben konnten.
All das sollte jedoch nicht mehr sein. Die inzwischen fast schwarz eingefärbte Figur, die sie in den Armen hielt, entglitt ihrem Griff und schlug dumpf auf dem kühlen Steinboden auf. Die Sicht zur Unkenntlichkeit verschwommen, die Lungen regelrecht nach Luft schnappend, als würden sie gegen den Unwillen zu atmen ankämpfen, und am ganzen Leib zitternd und schüttelnd, als würde sie erfrieren, fiel die Kaiserliche auf die Seite. Rasselnd rutschte das Amulett unter ihrer Tunika hervor, während Vesa die Hände vor das Gesicht schob und einfach liegen blieb.


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Bahaar
07.02.2014, 21:16
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Vesana rieb sich die salzverkrusteten, brennenden Augen. Der wenig erholsame, kurze Kummerschlaf auf dem kalten Steinboden ihres Zimmers endete abrupt mit einem neuerlichen Adrenalinschub, der sie kerzengerade hochschrecken ließ und dessen Ursache wohl in einem unangenehmen, aber bereits zur Unkenntlichkeit verblassten Traum lag. Ihr Herz schmerzte vom plötzlichen Galopp. Nun saß sie hier, allein und in so schrecklicher Verfassung, wie seit Langem nicht mehr. Verzweifelt versuchte die Kaiserliche die Spuren ihrer Trauer zu verwischen, doch sorgte das heftige Reiben nur dafür, dass ihre Augen noch mehr brannten und ein Teil des Salzes aus den getrockneten Tränen direkt in sie hineingelangte. „Scheiße!“ Sie schlug wütend und frustriert nach dem nahen Bett. Die Pein in den Fingerknöcheln lenkte sie wenigstens ab.
Kraft- und antriebslos ließ sie sich nach hinten gegen das Regal sinken und nahm die auf dem Fußboden liegende Wolfsfigur in die Hände. Behutsam ordnete sie die Trophäen an deren Hals und schließlich schob sie sie über die Schulter hinweg zurück in die dunkle Nische, in der sie zuvor gestanden hatte. Mühsam und träge erhob sich Vesa und schlurfte hinüber zu der kleinen Waschschüssel auf einer Kommode, in der sie immer etwas klares Wasser aufbewahrte – ob nun für die morgendliche Erfrischung, oder für Anlässe wie diesen spielte keine Rolle. Der Schwall des kalten Nasses beruhige in angenehmer Weise die gereizten und sicherlich unansehnlich geröteten Augen. Sie war froh, dass sie gerade keinen Spiegel griffbereit in der Nähe hatte, den eigenen Anblick in seinem kompletten Ausmaß und ihrer völligen Vernichtung hätte sie in diesem Augenblick nicht ertragen.
Von den eigenen Gefühlen im Duell geschlagen setzte sich die Jägerin auf die Bettkante, ließ die Schultern hängen und die Beine ausgestreckt. Mit leerem Blick starrte sie durch die Anrichte mit der Wasserschale hindurch und hoffte, dass sich ihr Anblick in der Zeit, in der sie hier ruhte, wenigstens etwas verbesserte, denn ewig konnte sie hier nicht bleiben. Irgendwann entschied sie sich dafür, das Zimmer wieder zu verlassen und frische Luft zu schnappen. Die Feuchtigkeit und Dunkelheit im Keller Jorrvaskrs würden ihr auf Dauer wohl noch weniger gut bekommen, als die Stille und das Alleinsein.
Vorsichtig, in der Hoffnung, dass sie noch niemand bemerkte, öffnete sie die Tür ihres Zimmers und spähte auf den Flur davor. Niemand zu sehen und so huschte sie hinaus. Aus dem Gemeinschaftsschlafraum drangen wie immer Stimmen, aber der Durchgang hinein war nur einen Spalt breit geöffnet und so würde sie auch von den Leuten dort keiner bemerken. Vesa empfand es als Segen, denn umso weniger ihrer Gefährten sie mit den restlichen Zeichen ihrer Schwäche im Gesicht sahen, desto wohler würde sie sich im Nachhinein fühlen. Langsam und leise stieg die Kaiserliche die Stufen in den großen Hauptsaal der Halle der Gefährten hinauf und blieb anschließend am Rand. Ein paar ihrer Kumpane saßen am langen Ende gegenüber in den Stühlen und unterhielten sich, aber sie schenkten der Umgebung sonst keine weitere Beachtung.
Erst auf der Terrasse wurde sie bemerkt, denn Vilkas und sein Bruder saßen dort an einem Tisch und beobachteten Athis bei seinem Kampf mit einem Nord, den Vesana nicht kannte. Der kleinere der beiden Männer unter dem Vordach wandte ihr den Kopf zu. Als er sie erkannte, senkten sich seine Augenbrauen und -winkel zu einem sorgenvollen Blick, der den sonst wachen, grauen Augen eine traurige Note verlieh. Für die Dauer eines Herzschlages schenkte sie dem Freund ein gequältes Lächeln, das kaum mehr erfasste als ihre Mundwinkel, und wandte sich dann von ihm ab. Langsam ging sie ans vordere Ende der Terrasse und lehnte sich seitlich gegen einen der Pfeiler des Daches. Inzwischen wusste sie den blonden Mann von der Größe Farkas‘ auch einzuordnen: Es musste sich um den Nord handeln, von dem Kodlak gesprochen hatte. Etwas weniger kräftig als Farkas, aber in etwa genauso alt. Sein schulterlanges, blondes Haar hatte er in einen Pferdeschwanz zurückgebunden und ein sauberer Vollbart stand ihm um den Mund. Auf seiner dunkelbraunen Hose zeichnete sich an zahlreichen Stellen der hellere Staub des Übungsplatzes ab und das beige Leinenhemd klebte vor Schweiß stehend eng an seinem Körper. Das Übungsschwert hielt er merklich verkrampft in der Hand und so wie er keuchte schienen die beiden schon länger gegeneinander zu kämpfen. Die für ein untrainiertes Auge fast unmöglich zu bemerkende Schiefstellung seines Oberkörpers verriet überdies, dass er wohl schon den einen oder anderen Hieb gegen die linke Körperhälfte eingesteckt hatte.
Allerdings war selbst das nicht Grund genug für die zahlreichen, teilweise gravierenden Fehler in Körperhaltung und Bewegungsablauf, die der Kaiserlichen nach und nach im Verlauf der weiteren Schlagabtausche auffielen. Den Schwerpunkt des Körpers hielt der Nord beispielsweise vor den Füßen anstatt genau über den Zehenspitzen, weil er sich zu weit vorbeugte. Das erschwerte ihm, auf Schläge aus bestimmten Richtungen zu reagieren, weil er zu lange brauchte, um sich wieder nach hinten zu lehnen oder gar nach hinten auszuweichen. Überhaupt, es schien, als wäre jede Faser seines Leibes wie eine Bogensehne überspannt. Schläge kamen abgehakt und ohne fließende Übergänge, was Zeit kostete – zu viel Zeit, wenn es darauf ankam und der Gegner diese Schwächen tatsächlich bemerkte.
So verwunderte es auch nicht, dass er von Athis dem Dunmer schließlich wieder von einem Schlag gegen das linke Bein und einem anschließenden Hieb mit dem Schwertknauf gegen die Brust zu Boden gestreckt wurde. Keuchend blieb er liegen. „Und, was denkst Du?“, fragte Farkas hinter ihr, vermutlich an seinen Bruder, weswegen sie es ignorierte. Vesana beobachtete unterdessen weiter die Szenerie, als sich der blonde Nord zurück auf die Füße hievte. „Vesa?“
„Ja?“, sie wandte den Kopf nur leicht und schaute über die Schulter.
„Was denkst Du?“
„Was meinst Du?“
„Von ihm“, er nickte zum Übungsplatz. „Dem Frischling.“ Sie schaute dem nächsten schnellen Schlagabtausch zu. Einige Schläge des wesentlich kleineren Spitzohrs vermochte der Nord zwar zu parieren, aber schließlich endete er abermals im Dreck.
„Potenzial ist da, aber noch ziemlich ungeschliffen.“
„Nimmst Du ihn?“, wollte nun Vilkas wissen. Eine gewisse Vorsicht schwang in seiner Stimme mit, als wolle er sie im Moment nicht zu stark in eine Richtung drängen.
Sie überlegte kurz. „Ja.“ Er machte sich besser als der letzte, den sie hatte, und schien sich auch einer ordentlichen Tracht Prügel nicht großartig zu stören. Zumindest rappelte er sich gerade wieder auf und hob erneut das Übungsschwert. Athis brach jedoch ab und ließ sie eine Pause einlegen. Auch er keuchte vor Anstrengung. „Bring ihm mal eine ordentliche Balance bei“, wie sie Athis an, als sie zur Terrasse hinüberkamen, um sich an einen der freien Tische zu setzen, „es sieht aus, als ob er sich ständig vor Dir auf die Knie werfen will.“ Farkas brach in schallendes Gelächter aus und Vesa stieß sich vom Pfeiler ab, um die Gefährten und den Auszubildenden sich selbst zu überlassen. Sie wollte sich erst einmal die Beine vertreten und entschied sich dazu hoch zu Himmelsschmiede zu gehen. Der Dunmer kam nicht mehr dazu, ihr eine Antwort zu geben und so verschwand die Kaiserliche um die Ecke der Halle der Gefährten.
Eorlund, der alte Schmied, der die Waffen der Gefährten herstellte, hämmerte oben wohl wie gewohnt auf heißem Stahl. Zumindest klirrte es entsprechend rhythmisch, als die Jägerin unterhalb der Felskante der Schmiede entlangstiefelte und den steilen Pfad hinauf zu dem Podest einschlug. Die erste Vermutung sollte sich alsbald bestätigen. Oberkörperfrei, rußverschmutzt und schweißüberströmt stand der alte Nord am Amboss und drehte einen goldgelb glühenden Rohling hin- und her, während er ihn mit dem Schmiedehammer prügelte. Er bemerkte die Kaiserliche erst gar nicht über seiner Arbeit, erschrak dann jedoch kurz, bevor er wer ihn besuchte. „Kann ich Dir helfen, Vesana?“, wollte er wissen und schob den schnell kühler werdenden Stahl zurück in die Glut.
„Ich würde mich nur gern ein wenig an den Rand setzen, wenn es Dir nichts ausmacht“, erklärte sie und deutete auf ihren angestammten Platz am Rande des kleinen Plateaus, von dem aus sie schon so oft den Blick über das südwestliche Umland der Stadt hatte schweifen lassen.
„Keineswegs, bitte.“ Mit einer einladenden Geste ließ er sie gewähren und widmete sich abermals seinem Handwerk. Für einen kurzen weiteren Moment beobachtete sie den Schmied, dann überließ sie ihn sich selbst.
Vom Rand der Himmelsschmiede aus ließ sich auch der Übungsplatz hinter Jorrvaskr gut einsehen und so entschied sich die Kaiserliche dazu, den weiteren Verlauf der Übungen von Athis und dem Nord zur Ablenkung zu folgen, anstatt sich in den Fernen des Fürstentums zu verlieren. So konnte sie ihre Gedanken wenigstens auf etwas Konkretes lenken und sich überlegen, wie sie ihre erste Ausbildungsaufgabe seit Langem gestalten wollte. Sie würde die Gelegenheit wohl nutzen, um ihre eigene, nach den Verletzungen der letzten Wochen angeschlagene und reduzierte Kondition wieder etwas auf Vordermann zu bringen. Ausdauerüberungen, ein wenig Kraft aufbauen und natürlich ein Teil Geschicklichkeit – erst danach würde sie ihm tatsächlich das Kämpfen beibringen. Es musste alles seine Ordnung haben – und wenn Athis in drei bis vier Tagen die Ausbildung an sie übergab, hätte der Kerl vermutlich ohnehin erst einmal genug vom Schwert, so grün und blau wie in der Dunmer bis dahin wohl geschlagen haben würde.


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Bahaar
15.02.2014, 16:05
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Zum späteren Nachmittag hin verließ Vesana ihren Platz am Rand der Himmelsschmiede wieder und kehrte in die Halle der Gefährten zurück. Athis und der Nord kämpften inzwischen nicht mehr und der Übungsplatz mitsamt Terrasse war verlassen, was wohl nicht zuletzt am zunehmend ungemütlicheren Wetter lag. Steile Böen peitschten hin und wieder auf das Land ein und inzwischen nieselte es staubfeinen Regen. Es waren auch die Gründe, die die Kaiserliche schließlich von ihrem Stammplatz vertrieben. Vielleicht käme sie jetzt dazu, einmal einen Blick in ihr neu auserwähltes Buch zu werfen und sich damit weiter abzulenken.
Es sollte wohl aber nicht sein, denn Vilkas winkte sie zu sich, als sie die Halle betrat. Er saß neben Kodlak in einer etwas abgelegenen Ecke des großen Saales. Die übrigen Zirkelmitglieder und einige der anderen Gefährten verteilten sich in dem weiten, zwielichtigen Raum. Sie folgte der Aufforderung und setzte sich auf einen freien Stuhl zu den beiden älteren Männern. Der Herold der Gefährten musterte die Kaiserliche zunächst etwas, während sie schweigend darauf wartete, dass ihr einer der Männer erklärte, worum es gehen sollte. „Erkläre uns noch einmal, was genau oben in der Drachenfeste vorgefallen ist, Vesa“, bat Vilkas schließlich. Sie knirschte widerwillig mit den Zähnen. Eigentlich verspürte sie gerade wenig Lust darauf, diese Geschichte ein weiteres Mal zu erzählen, aber da sie Kodlak als Anführer ihrer Gilde sehr wohl direkt betraf, führte wohl kein Weg daran vorbei.
„Wie ich sagte: Hrothluf hat sich eine Geschichte zurechtgestrickt, mit Dingen, die ich auf der Reise gesagt habe, die mich als seine Geschäftspartnerin darstellt. Elgryr, der Justiziar des Jarls, scheint ihm zumindest soweit zu glauben, dass er mich heute zum Verhör bestellt hat.“ Der Graue hörte ihr aufmerksam zu und machte keine Anstalten, sie zu unterbrechen, solange sie nicht den Anschein erweckte, mit ihrer Geschichte am Ende zu sein, und Vilkas kannte die Erzählung bereits. „Er meinte, ich hätte ihm eine Nachricht geschrieben, er solle mich in Windhelm treffen und dass wir ab da zusammenreisten, obwohl er keine Ahnung hatte, warum es nach Weißlauf geht“, erklärte sie weiter. „Dass ich ihm unmöglich diese Nachricht geschrieben haben kann, weil ich auf Solstheim gewesen bin, habe ich Elgryr auch gesagt, aber der zweifelte an, dass ich überhaupt dort gewesen bin.“ Die Wut auf diesen arroganten Nord kehrte mit diesen Worten allmählich zurück und sie ballte die Faust im Schoß. „Dabei ist es reiner Zufall, dass die Notiz, die er hatte, mit N. unterzeichnet ist!“ Sie legte eine kurze Pause ein und musterte die aufmerksam lauschenden Männer, deren angestrengte Mienen viel darüber verrieten, was sie von der ganzen Sache hielten. „Letztlich ließ mich Elgryr nur gehen, weil Hrothluf keinen einzigen Zeugen in greifbarer Nähe hat und er den Empfänger des Schmuggelgutes nicht preisgeben will. Wie sagte er es gleich? ‚Hier herrscht das Gesetz und nicht die Willkür‘ oder so in der Art.“
Kodlak schwieg eine Weile. „Das sind … interessante Neuigkeiten“, sprach er dann und fuhr sich durch den Bart.
„Wie sollen wir meine Unschuld belegen, wenn alle Beweise als unglaubwürdig abgetan werden?“ Ihre Fingernägel gruben sich inzwischen schmerzhaft in ihren Handballen.
„Ah!“, der Herold lachte kurz und verhalten in Amüsement auf. Vesana schaute ihn verwirrt an, zog die Augenbraue hoch und warf einen kurzen, hilfesuchenden Blick zu Vilkas. Darin erfolglos verriet er ihr nur, dass dieser ebenfalls verunsichert war ob des Verhaltens des Alten. Dieser beugte sich vor und legte ihr die Rechte gegen die Seite des Kopfes wie ein Großvater seinem Enkel, wenn er ihm eine lehrreiche Anekdote erzählte. Seine Linke ließ er auf ihrer geballten Faust ruhen und nahm so den Druck aus ihren angespannten Muskeln. Als er ihre volle Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte ließ er schließlich auch die zweite Hand hinab auf die ihre sinken. „Aber genau das ist es, wo Du falsch liegst. Würde Elgryr Dir gar nichts glauben, so säßest Du nicht hier. Nicht jetzt, nicht morgen und auch nimmer mehr“, begann er zu sprechen, wie er es immer tat – als alter Weise, mit viel zu vielen Jahren der Lebenserfahrung und der Geduld eines Mannes, für den Zeit keine Rolle mehr spielte. „Gehe mit Hrothluf um, wie mit jedem anderen Lügner auch, denn eine erste Lüge braucht stets eine weitere, um sie zu decken.“
„Aa-ha.“
„Mit anderen Worten: Hrothluf fühlt sich in seinen Lügen sicher, aber wird ihn die jetzige Situation nicht lange am Leben halten. Warten wir ein wenig und üben uns in Geduld, ist er gezwungen, wieder zu handeln, um eine Exekution – die unweigerlich kommen wird – weiter aufzuschieben. Denn so wie es jetzt ist, wird Elgryr keine andere Wahl haben, als es so zu belassen, wie es ist. Dir kann er nichts nachweisen und die Beweislast geht zu Ungunsten Hrothlufs“, erklärte er. „Wenn Hrothluf weitere Lügen strickt, um sich über Wasser zu halten, gehen ihm, wohl früher als später, die Fakten aus. Es ist dieser Moment, für den wir die Geduld und Ruhe bewahren müssen, um in kommen zu lassen.“
„Weil … wir … ihn dann leicht widerlegen können?“ Vesana war sich nicht sicher, ob sie den Plan des Alten richtig verstand.
„Genau.“
„Und was ist, wenn Elgryr vorher beschließt, Vesa zu inhaftieren, weil Hrothluf ihm glaubhaften Anlass gibt?“, hakte Vilkas ein, der noch nicht völlig überzeugt zu sein schien.
„Ich möchte anzweifeln, dass es dazu kommt. Dazu würde er die Aussage wenigstens eines weiteren benötigen. Da dieser jemand wohl kaum neben Hrothluf am Galgen hängen möchte – was er zwangsläufig tun würde, wenn er mit einer Aussage zu Gunsten Hrothlufs seine Partnerschaft mit ihm zugibt – wird er sich wohl aber in Verleugnung üben.“ Kodlak lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und entließ Vesanas inzwischen völlig aufgelöste Faust aus seiner sanften Berührung. Die Zuversicht des Grauen steckte sie inzwischen ein wenig an und klärte ihre Laune etwas auf.
„Hm. Also Abwarten?“, wollte der jüngere der beiden Nord noch einmal die Bestätigung.
„Ja. Wir sind in der besseren Position – und wenn Hrothluf nur halb so intelligent ist, wie er vorgibt zu sein, weiß er das. Früher oder später wird er sein Leben mit Wahrheiten verlängern müssen, nicht mit Lügen, und dann wirst Du Dir keine Sorgen mehr machen brauchen.“ Er lächelte die Kaiserliche an und die zahllosen Falten, die sich zu den Zeichen des Alters um seine Augen und Mundwinkel gesellten, beruhigten sie weiter.
„Was für Wahrheiten?“ Jetzt war ihr Interesse geweckt.
„Hrothluf ist nützlich. Auch wenn er im Moment noch seine Rachegelüste stillen möchte, wird er sich dessen noch bewusst werden. Er ist die Pforte zu jenen, für welche er das Skooma schmuggelt und als solche kann er sich mit den richtigen Informationen sein Leben, und vielleicht sogar seine Freiheit, erkaufen.“
„Das sind gewagte Vermutungen, Kodlak“, wollte sie seine Mutmaßungen relativieren und seinen prophetischen Abschweifungen möglichst respektvoll ihre Zweifel entgegenstellen. Es sprach wohl aber mehr ihre Verbitterung gegenüber der Idee, Hrothluf könne wieder frei kommen, denn tatsächlicher Glaube an die Irrationalität der These des Alten. Er lachte nur, auch wenn seine alte Kehle nicht mehr die Kraft dazu hatte, es weithin vernehmbar schallen zu lassen.
„Vielleicht. Nenne es das Bauchgefühl eines alten Mannes, oder die Phantasien von jemandem, der den Jungen neue Zuversicht geben möchte, aber wir werden wohl noch öfter von ihm hören.“ Ganz Unrecht hatte er allerdings nicht. Hrothluf wusste definitiv so einige Dinge, die für die Autoritäten des Fürstentums sicherlich von Interesse sein konnten. Aber wenn es nach ihr ginge, könnten sie auf jede weitere Nachricht von diesem räudigen Hund verzichten. „Jetzt kommt, wir haben schon lange genug hier gesessen und uns in verschwörerische Theorien vergraben.“ Er erhob sich etwas steifbeinig und die beiden jüngeren Zirkelmitglieder sprangen gleich auf die Füße, um ihm zu helfen. „So alt bin ich nun auch nicht, dass ich derartige Hilfe benötige!“ Schmunzelnd schob er sich den der Kaiserlichen und dem Nord vorbei. „Lasst uns essen.“
In der Tat hatte Vesana über ihrem Gespräch gar nicht bemerkt, wie sich die Halle allmählich gefüllt hatte und der Geruch von frischem Eintopf in jeden ihrer Winkel vorgedrungen war. Sie setzten sich kurze Zeit später zu Aela und Skjor an das lange Ende des Tisches und es dauerte nicht lange bis Farkas zu ihnen stieß. Sie warteten nun nur darauf, dass Tilma den großen Kessel freigab, in dem sie noch herumrührte. „Ein interessanter Kampf“, eröffnete die rothaarige Nord die Gesprächsrunde im Zirkel.
„Ein wenig ungestüm“, relativierte Skjor.
„Jeder muss mal Dampf ablassen“, beschwichtigte Vilkas den Einäugigen.
„Wahr. Nützt nur nichts in einem richtigen Kampf.“
„Es war ja auch keine Übung, Skjor“, mischte sich Aela wieder ein.
„Wir können das ja morgen austragen“, schlug Vesana vor. Das Gespräch mit dem Grauen und Vilkas hatte ihr einen Teil ihrer herausfordernden Ader zurückverliehen und so schaute sie den wesentlich größeren, grimmigen Nord von der Seite her an und zog einen Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln nach hinten.
„Mit Vergnügen.“
„Wo ist eigentlich der Frischling?“, wechselte die Kaiserliche das Thema.
„Du meinst den Auszubildenden?“, fragte Farkas nach.
„Ja.“
„Der schläft in der Taverne. Kommt morgen wieder“, erklärte sein Bruder.
„Hättest mal sein Gesicht sehen sollen, als wir ihm gesagt haben, dass Du in ein paar Tagen seine Ausbildung übernehmen wirst“, grinste Farkas.
„Wieso?“
„Er hat Deinen Kampf mit Vilkas gesehen und der Kommentar von wegen ‚auf die Knie fallen‘ hat ihm gleich nochmal Angst eingejagt. Er glaubt, Du wirst ihn ordentlich schinden.“
„Habe ich auch vor.“ Der einfach gestrickte Nord lachte abermals. „Abgesehen davon: So grün und blau wie er nach der Tracht Prügel von Athis heute aussehen muss, kann ich ihn gar nicht weiter ramponieren.“ Aela und Vilkas stiegen in das Gelächter ein, wenn auch etwas verhaltener.
„Du wirst das schon machen“, sprach ihr nun Kodlak seine Zuversicht zu.
„Aus dem richtigen Material scheint er ja gemacht zu sein.“ Das vergleichsweise große Lob aus dem Munde Skjors kam unerwartet, wenn auch nicht unbegründet, und sorgte für einen Moment des Schweigens.
„Ich würde sagen, es ist eher seine Motivation, die zählt“, warf Vilkas ein.
„Die da wäre?“, wollte Vesa wissen.
„Er meinte, er würde es tun, um in seinem Dorf im Widerstand gegen einige Räuberbanden zu helfen. Die Miliz dort kann ihn nur nicht richtig ausbilden, wie er findet, und es ist so abgelegen in den Bergen hinter Falkenring, dass die Gardisten des dortigen Jarls kaum hinkommen und der Jarl selbst wenig unternimmt. So sucht er uns für die Ausbildung auf.“
„Ah. Na dann brauche ich mit Quälereien ja nicht sparen.“
„Geh’ es trotzdem erst einmal langsam an, bevor Du ihn richtig schikanierst.“
„Ich weiß schon, wie ich mit ihm umspringen muss und werde, keine Sorge.“
„Die mache ich mir sowieso nicht.“
„Aah, Tilma hat den Kessel freigegeben!“, unterbrach sie Farkas und stand direkt mit der Schüssel auf. Sie lachten.
„Wir sollten uns nachher noch um unser Nachtlager kümmern“, hielt Aela die Kaiserliche noch einen Moment lang am Tisch auf.
„Das werden wir. Essen wir in Ruhe und dann richten wir die Tiefenschmiede her.“ Die Rothaarige nickte zustimmend.


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Bahaar
21.02.2014, 19:58
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Vesana breitete gerade die letzte der Wolldecken aus, die das Strohbett in der Tiefenschmiede abdecken sollten und legte den Rest so an den Rand, dass sie sich einfach über den Körper ziehen ließen. Aela platzierte zwei größere Schüsseln, sowie je einen Krug mit Wasser an der Seite und schaute anschließend nach oben. Die Kaiserliche folgte dem Blick der rothaarigen Nord. Durch die Spalten nahe der Höhlendecke drang inzwischen kein Licht mehr in die Kammer ein, einzig der schwache, flackernde Kerzenschein, der von einer einfachen Laterne ausging, sorgte für schummriges Licht. Die größere der beiden Jägerinnen wandte sich zu Vesa um, die eisgrauen Augen schauten sie fest aus dem Kraft ausstrahlenden, bemalten Gesicht an. „Bereit?“
„Ja.“ Sie nickte.
„Dann los.“ Aela drehte sich um, zog die hohen Lederstiefel von den Füßen und stellte sie anschließend neben den mittleren Altar der Tiefenschmiede. Vesana folgte ihrem Beispiel, während die ältere Jägerin nun auch ihre dunkelbraune Tunika mit Gürtel und Dolch über den Kopf von sich stülpte und auf dem Steinsockel ablegte. Splitterfasernackt zog sie sich anschließend in eine etwas dunklere Ecke zurück. Die Kaiserliche blieb in der Mitte zurück und verfolgte einen Moment gebannt, wie Aela bereits mit der Verwandlung begann. Sie krümmte sich, krampfte, dass es schon beim Zuschauen schmerzte. Während sich ihre Haut zu einem dunklen Aschgrau verfärbte und ihre Glieder an Kraft und Länge gewannen, ging sie auf die Knie und grollte bestialisch. Knackend wuchsen ihre Knochen. Ihr schulterlanges, rotes Haar verschwand und wich einem Fall, das Schwarz, Grau, sehr dunkles Braun und das Rot ihres natürlichen Schopfes miteinander mischte und ihr im schwachen Kerzenschein einen rostigen Schimmer verliehen. Auch der hellgraue Glanz ihrer menschlichen Augen blieb in Werwolfsform ansatzweise zu erkennen und schenkte ihr einen silbergoldenen Blick.
Vesana selbst verwandelte sich etwas zeitversetzt, aber ungestümer. Das Biest in ihr ließ sich nur noch schwer bändigen und drängte auf Blut und Fleisch. Während der Verwandlung taumelte sie durch die Höhe und stützte sich immer wieder am Alter in der Mitte ab. Das andere wölfische Zirkelmitglied schnupperte bereits am Eingang des Tunnels herum, der aus Weißlauf hinausführte, während die Kaiserliche gerade wieder auf die Füße kam. Die Dunkelheit der restlichen Höhlenteile zeichnete sich in gewohnt hellgrauen Farbabstufungen und so blieb vom farblichen Unterschied der Nordfrau in rostigem Rotschimmer zu Vesanas Schwarzbraun mit Überhang zum Schwarz kaum noch etwas übrig. Sie huschte lautlos zu ihrer Jagdgefährtin hinüber, die sich gerade zu ihr umdrehte.
Die zwei Wölfe blieben voreinander stehen und schauten sich einen Moment lang an, bevor sie einander die Hälse seitlich offenlegten und sich zu beschnuppern begannen. Es war ein Ritual, dass immer stattfand, wenn mehrere Wölfe der Gefährten zusammen jagten, die sonst nicht allzu oft auf gemeinsame Jagd gingen. Es gewährleistete, dass sie sich auch in der Wildnis auf größere Distanzen aufspüren konnten und gegenseitig erkannten. In der Hitze der Verfolgung von Beute mochte man sich sonst schnell im Weg stehen oder gar gegenseitig angehen. Die Tiere in ihnen, die sie ausführten und versuchten zu ermüden, handelten oft genug schneller, als sie zu denken imstande waren.
Aela beispielsweise roch für Vesana süßlich und bitter zugleich, fast wie Schweiß, nur nicht so abstoßend, mit einem Hauch von Leder und Eisen, der sicherlich von ihrer bevorzugten Rüstung stammte. Um sich zu signalisieren, dass sie den Geruch verinnerlicht hatten, schleckten sie sich kurz durchs Fell. Gleich darauf ging es auch schon los. Durch den Tunnel und die Turmruine ins Freie führte sie Aela nach Norden, weg von Weißlauf weiter in die Tundraebene hinein und näher an die nördlichen Bergwälder am Rand des Fürstentums. Etwas weiter westlich des nördlichen Wachturms von Weißlauf hasteten sie durch die Wildnis. Es würde eine lange Jagd werden, aber – so wusste Vesana nur zu gut – sie brauchten Sicherheitsabstand zur Stadt. Sie spürte sehr deutlich das Verlangen nach schneller Beute der Bestie in ihr und wenn diese langsamer wurde, weil sie die Fährte eines potenziellen, nahen Opfers aufnahm, schnauzte sie die Nord mit einem drohenden Knurren zusammen.
Erst als nicht einmal mehr die Lichtpunkte des Wachturms und der Drachenfeste in der Ferne zu sehen waren, verlangsamte Aela ihr Tempo und hielt gelegentlich zum Schnuppern inne. Die Kaiserliche folgte ihrem Beispiel und versuchte die verschiedensten Duftnoten in der feucht-kalten Nachtluft auseinanderzuhalten, der anhaltende Nieselregen erschwerte das Aufspüren von Spuren. Ein Hase hier, ein Greifvogel dort. Nichts, dass ihren Hunger auch nur im Ansatz hätte stillen können. Erst als sie auf einem Findling in Sichtweite einer kleinen Baumgruppe abermals eine Pause einlegten, bemerkten sie nahezu gleichzeitig die Spur einiger vielversprechender Opfer. Ihr für Menschen auf diese Entfernung unmöglich wahrzunehmendes Grunzen drang gedämpft bis zu ihnen vor und Vesana reckte ihm zusätzlich die spitzaufgestellten Ohren entgegen. Ein rolliges Knurren zeugte von ihrer Ungeduld, während sie zur Unterstreichung dieser mit den Klauen an den vorderen Pranken gegen den Fels unter ihren Füßen tippte.
Die Nord bemerkte das und rempelte sie mit der Schulter an, knurrte kurz mit der Schnauze auf sie weisend und sprang anschließend nach vorn von ihrem natürlichen Podest. Die Aufforderung ihr zu folgen und keine Mätzchen zu machen saß deutlich und so spurtete Vesa hinterher. Die Baumgruppe kam schnell näher und bald erkannte sie auch das gelegentliche Wackeln einiger Zweige im unteren Teil der Nadelbäume. Kurz bevor sie an ihrem Ziel ankamen verlangsamten die zwei Wölfe ihr Tempo jedoch erneut und teilten sich auf, um die kleine Gruppe an Wildschweinen von zwei Seiten anzugreifen. Sie mochten ausgezeichnete Beute sein, aber sie konnten auch gefährlich werden. Langsam pirschte die Kaiserliche rechts um das Versteck der Rotte herum, behielt aber bei aller Aufmerksamkeit, die sie den hauer-besetzten Fleischbergen schenkte, auch Aelas Duftnote stets in der Nase, während diese links herum pirschte.
Vorsichtig und möglichst geräuschlos schob sich die Jägerin zwischen den unteren Ästen hindurch, immer näher an das Borstenvieh heran bis sie schließlich die ersten von ihnen direkt im Blick hatte. Einige schliefen und lagen am Stamm naher Bäume, andere wühlten sich durch den lockeren Erdboden. Vorsichtig kletterte Vesana an einem der Hölzer hinauf, ihr Herzschlag inzwischen so laut, dass sie fürchten musste, die Schweine würden ihn hören. Nur mühevoll kämpfte sie das aufgeregte Hecheln nieder und brache den Schwanz vom Wedeln ab. Es half jedoch nichts, die Horde unter ihr schien die drohende Gefahr zu spüren. Einige der größeren Tiere hoben ihre massiven Schädel und schnüffelten. Ihre Anspannung ließ sich fast schon greifen.
Genau in diesem Moment gab Aela über ein kurzes Heulen das Kommando zum Angriff und ohne zu zögern drückte sich die Kaiserliche so kraftvoll, wie es ihr nur möglich war, vom Baumstamm ab. Ihre Krallen gruben sich in die Rinde bevor sie völlig frei durch die Luft segelte und nur an kleineren Zweigen hängen blieb. Während sie die Silhouette der anderen Wölfin nur aus dem Augenwinkel sah, wie sie mit vorgestreckten Läufen wie ein Falke auf eines der Schweine niederging, riss sie selbst ein weiteres der Borstenviecher mit sich zu Boden. Die Klauen tief in dessen Rücken versenkt und das warme Blut auf ihrer Haut spürend rollten sie gemeinsam mehrmals übereinander hinweg, bevor sie liegenblieben. Noch ehe Vesana jedoch ihre Fänge in das Genick ihrer Beute schlagen konnte, erwischte sie etwas hart an der Schulter, das sich schmerzhaft durch ihre Haut bohrte und sie von der scheinbar sicheren Beute wegriss.
Einer der größeren Keiler schien in der Panik der Horde nicht ganz so orientierungslos und fluchtorientiert zu sein. Offenbar wollte er zum Schutze der jüngeren Tiere kämpfen. Sie sah das feuchte Glitzern an einem seiner Hauer und spürte gleichzeitig das peinigende Stechen in ihrer linken Schulter. Dieses mistige, an einem Menschen gemessen bauchnabelhohe Borstenvieh hatte sie allen Ernstes verletzt! Wütend und von der Verletzung weniger verunsichert als aufgebracht knurrte sie dem grunzenden Schwein entgegen. Der Blutrausch und Hunger der Bestie milderten ihr Schmerzempfinden und den Fluchtreflex, der normalerweise mit stark blutenden Verletzungen, egal ob bei Tier oder Mensch, einsetzte. Das Quieken der übrigen Tiere entfernte sich schnell und auch das zuvor angefallene rappelte sich in der Zwischenzeit wieder auf.
Vorsichtig testete Vesa die Bewegungsfreiheit ihres Armes aus und stellte mit Erleichterung fest, dass es sich nur um eine Fleischwunde handelte. Kampflustig und mit herausfordernd ausgebreiteten Armen umkreiste sie das Schwein, das ihr stets den massiven Schädel und die langen Hauer entgegenstreckte. Den Geräuschen nach zu urteilen rang Aela noch mit einem anderen Herdenmitglied und so blieb der Kaiserlichen nichts anderes übrig, als sich allein mit dem aggressiven Keiler herumzuschlagen.
Irgendwann verlor sie die Geduld und sprang mit einem kräftigen Satz seitlich an dem Vieh vorbei. Sein Kopf folgte ihr, doch nicht schnell genug um den Hinterleib in gerader Linie dahinter zu verstecken. Mit einem schnellen Folgesprung erwischte sie den hinteren Oberschenkel des Keilers und riss ihn mit den Klauen auf bevor sie landete und sich abrollte. Quiekend spurtete das Schwein jedoch gleich auf sie los, anstatt sich an der Verletzung zu stören und rammte sie frontal in den Bauch. Sie jaulte, als sich einer der Hauer durch ihre Haut bohrte und sie gegen einen nahen Baumstamm warf. Benommen schüttelte sie den Kopf, um wieder klarer zu denken.
Die Kampfgeräusche aus Aelas Richtung klangen inzwischen nur noch schwach, als hätte die Nordfrau ihre Beute mittlerweile niedergerungen, um ihr jetzt den Todesstoß zu geben. Sie musste also nur noch auf Zeit spielen, denn zu zweit würde sich der Keiler wohl schnell erledigen lassen. Vom Angriff des Wildschweins in den Beinen noch geschwächt und trittunsicher, kletterte Vesana in zwei sehr kurzen Sätzen an dem Baumstamm hinauf und ein dritter Sprung brachte sie hinter dem Borstenvieh in Stellung. Während sich dieses drehte, fiel sie es erneut an und riss den anderen Hinterlauf auf. Dadurch verwirrt bemerkte es nicht, wie die zweite der Wölfinnen sich anschlich.
Während die Kaiserliche einem neuerlichen, jedoch zunehmend unbeholfenen Angriff des Schweins auswich, sprang Aela in hohem Bogen auf dessen Rücken und vergrub ihre Klauen und Fänge in seinem Fleisch. Quiekend, grunzend und schmerzhaft in Angst aufschreiend versuchte das bereits geschwächte Tier den Werwolf von sich abzuschütteln, doch gelang es ihm nicht. Die messerscharfen Krallen gruben sich nur noch tiefer in sein Fleisch. Als schließlich auch Vesana noch auf es sprang und das gesamte Gespann auf die Seite umfallen ließ, war es vorbei. Ein schneller Biss in die Kehle und ein durstiges Aufsaugen des heraussprudelnden Lebenssaftes setzten dem Leben des Keilers ein jähes Ende.
Aela zog sich aus dem Sichtfeld der Kaiserlichen zurück und den Klängen nach zu urteilen machte sie sich über ihr eigenes Borstenvieh her. Vesa ließ derweil von der Kehle des Schweins ab, als für ihren Geschmack zu wenig Blut aus ihr quoll. Haut- und Fleischreste hingen ihr aus dem Maul und zwischen den Zähnen als sie sich daran machte die Brust ihres Opfers aufzureißen. Erst mit den Klauen, dann mit den Fängen wühlte sie sich durch die Muskeln und Sehnen, brach wie ein Hund, der in der Erde wühlte, den Brustkorb auf und grub sich anschließend weiter durch das in der kalten Nacht dampfende Gewebe. Mit jedem Bissen, den sie hinabschlang auf ihrem Weg zum Herzen, spürte sie frische Kraft durch ihre Adern pulsieren, heißes Kribbeln durchzog ihren Bauch und die Schulter, als die Lebenskraft des Keilers über dessen Blut und Fleisch in sie überging. Es stimulierte ihre Regeneration und als sie schließlich die große Lebenspumpe gierig in sich hineinfraß beschleunigte sich der Effekt nochmals. Die Löcher, die die Hauer des Borstenviehs gerissen hatten, schlossen sich in Windeseile bis nur noch das blutige Fell von ihrer ehemaligen Existenz zeugte. Gleichzeitig gab sich das zunehmend gesättigte Biest mit der Beute zufrieden und überließ ihr größere Kontrolle über ihren eigenen Leib. Schweine, ob wilde oder gezüchtete, hatten den angenehmen Effekt, nahe an den stillenden Effekt von Menschenopfern zu kommen und so eine gute alternative Nahrungsquelle zu sein.
Einen Moment vom Festmahl pausierend, von Kopf bis Fuß mit Blut besudelt und tropfend, erhob sich Vesana und schaute hinüber zu Aela, deren Erscheinung sich in den Graustufen der Umgebung deutlich über ihrem Schwein abhob. Ihr Fell schimmerte feucht. Gerade stieß sie mit der spitzen Schnauze in ein großes Loch in der Flanke ihrer Bache und holte einen Fäden ziehenden Klumpen heraus. Die Kaiserliche erkannte sie als Blutgefäße, die rissen, als die Nordfrau das dunkle Herz im Ganzen hinabschlang und dafür den Kopf in den Nacken legte.
Der Anblick ließ ihr einen wohligen Schauer über den Leib laufen und versetzte sie in wallendes Zittern. Hitze stieg in ihr auf und noch im selben Augenblick stieß sie ein langes, helles Heulen aus. Ihre Jagdgefährtin stieg in den Mondgruß ein. Die Lust, noch weiter zu jagen, und die Erregung des Erfolges schien ihnen beiden gemein zu sein. Noch dazu, wo eines der Schweine auch ausgerechnet schon eine so verlockende Fährte gelegt hatte, immerhin war das verwundete Schwein mit dem Rest der Horde entkommen.
Zunächst genossenen sie beide ihre Beute einige weitere Momente, aber es dauerte nicht lange, bis sie wieder in die noch junge Nacht aufbrachen.


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Bahaar
28.02.2014, 13:55
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Schwein war eben trotzdem kein Mensch oder Mer. Es besaß zwar unmittelbar nach dem Verzehr eine ähnliche Wirkung wie diese, der Effekt ließ jedoch schneller nach und fing sich fing sich dann auf einem niedrigeren, längerfristigen Niveau der Beschwichtigung. Entsprechend gerädert drehte sich Vesana auf die Seite und prasste sich stöhnend die Rechte gegen das Gesicht. Das widerliche Stechen und Ziehen von der Schläfe in den Wangenknochen und von dort quer durch den Schädel raubte ihr in den ersten Momenten nach dem Erwachen die Fähigkeit sich zu orientieren und auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen.
Mühsam stemmte sie sich in eine sitzende Position hoch und rang zunächst mit dem Schwindel, bevor sie sich in der kühlen, feuchten Luft fröstelnd ihre Wolldecke um die Schultern legte. Für einen Moment lang blieb die Kaiserliche so sitzen, atmete tief durch und massierte die Schädelseiten in einem Versuch, die Schmerzen zu mildern. Es half nur sehr bedingt. Aber wenigstens schienen ihre Sinne sich nicht weiter sensibilisiert zu haben. Das Letzte, das sie jetzt gebrauchen konnte, war bei jeder Kerzenflamme in ihrem Sichtfeld zusammenzuzucken und die Augen zukneifen zu müssen.
Leise, regelmäßige Atemzüge hinter ihr ließen sie herumfahren. Aela lag dort und schlief ungestört. Ihr roter Schopf verteilte sich über ihr Nachtlager und die nackten, unbedeckten Schultern. Der linke Arm hielt die Decke in Position. Rostbraune Flecken schimmerten überall auf ihrer Haut und dunkle, verkrustete Klumpen klebten Strähnen ihres Haares aneinander fest. Obwohl es in der Nacht noch angefangen hatte heftig zu regnen, so schien es, konnte das kalte Nass die Spuren des Schlachtrausches an der Wildschweinrotte nicht vertuschen. Wenn sich Vesa ihm Eifer nicht verzählt hatte, mussten es für jeden von ihnen am Ende der Jagd drei gewesen sein. Die Fülle des Magens machte sich noch bemerkbar und auch wenn ihre Kopfschmerzen angeschwollen waren, so blieb ihr wenigstens der Heißhunger für den Moment erspart.
Vom Anblick der Nord angestoßen, schaute die Jägerin nun an sich selbst hinab und musste feststellen, dass sie nicht viel besser aussah. Die Fingernägel schwarz untersetzt von getrocknetem Blut, braune Krusten bedeckten die Haut des Oberkörpers und der Arme und die Haare fühlten sich eher steif an, wenn sie sich bewegte. Dazu hing ihr irgendetwas zwischen den Zähnen, das sie mit der Zunge nicht losgelöst bekam. So fummelte sie sich erst einmal mit den dreckigen Fingern im Mund herum. Es entpuppte sich als ein kleiner Hautfetzen mit Borsten, den sie angewidert wegwarf und dem sie hinterherspuckte, um den schleimigen, als Mensch nicht mehr allzu angenehmen Geschmack von Fett und Haut loszuwerden.
Erst danach nahm sich Vesana eine der Schüsseln und einen der Krüge. Mit etwas Abstand zum Nachtlager kniete sie sich über die halbkugelförmige Schale und goss etwas Wasser hinein. Zunächst reinigte sie das dreckverkrustete Gesicht und wusch die Arme soweit möglich. Zum Schluss spülte sie ihr Haar wenigstens ein bisschen aus. Rostrote Flüssigkeit plätscherte in das Gefäß, in dem schon reichlich Schmutzwasser stand.
„Schon so früh wach?“ Die feste Frauenstimme hallte laut durch die Tiefenschmiede. Etwas zu laut für den Geschmack von Vesas Ohren. Sie schrak zusammen und rang das Stechen nieder, das von diesen kurzzeitig ausging.
„Ssch.“ Sie hob abwehrend eine Hand. So viel zu den nicht so überempfindlichen Sinnen.
„So schlimm?“, wollte Aela wissen, nun leiser.
„Geht schon. Ich kenne Schlimmeres.“ Vesas Stimme klang etwas heiser, als hätte sie am Vorabend zu viel getrunken und gesungen. „Ich muss mich nur erst wieder daran gewöhnen.“ Den letzten Rest Wasser im Krug goss sich die Kaiserliche in den Mund und spülte diesen damit aus.
Während sie sich ankleidete, begann auch Aela damit sich zu waschen. „Kommt es mir nur so vor, oder ist Dein Biest stärker geworden?“
Vesana hielt kurz inne und schaute der Nord ins verschmierte Gesicht. „Es ist nur ausgehungert und entsprechend ungehalten. Immerhin hat es fast einen Monat lang nichts zu fressen bekommen.“
„Hm. Mir kommt es so vor, als wäre es schneller und kräftiger verglichen mit dem letzten Mal, das wir zusammen jagen waren. Aber ich kann mich auch täuschen.“
„Gut, das letzte Mal ist auch über ein Jahr her, wenn ich mich nicht täusche.“
„So lange schon?“
„Ich denke, ja.“
„Hm, dann wird es das sein.“
Mit den Decken über den Schultern und den Krügen und Schüsseln in den Händen verließen die beiden Frauen die Tiefenschmiede. Draußen im noch immer regnerischen, nasskalten Wetter kippten sie zunächst den Inhalt der Schüsseln aus und kehrten anschließend in die Halle der Gefährten zurück. Auf dem Übungsplatz trotzten Athis und der neue Auszubildende dem mistigen Wetter, warfen aber einen kurzen Blick in die Richtung der Frauen. Der blonde Nord schien sichtlich irritiert vom sicherlich noch immer reichlich dreckigen Anblick der beiden Jägerinnen, während Athis stets bittere Miene wenig über seine Gedanken verriet. Beiden Männern lief das Regenwasser über die Haut und ihre Kleidung klebte feucht an ihnen.
Ohne auf die Blicke der Übenden einzugehen, traten Aela und Vesana in Jorrvaskr ein. Das warme Innere und das Dämmerlicht kamen der Kaiserlichen etwas entgegen, ähnlich dem grauen Wetter vor der Tür. Es beanspruchte ihre Sinne nicht allzu sehr und beruhigte die Kopfschmerzen, was es ihr generell erleichterte die tief in ihr schlummernden Triebe und Lüste genau dort im Zaum zu halten.
„Es sieht aus, als wärt ihr erfolgreich gewesen.“ Skjor saß mit Vilkas an der großen Tafel in der Mitte der Halle.
„Immer, Skjor“, entgegnete Aela und ging zu den Beiden hinüber. Vesa folgte und setzte sich mit ihr dazu.
Der einäugige Nord musterte die Kaiserliche für einen Moment. „Wie steht’s um unseren Kampf?“
„Nach dem Mittag?“
„Gut.“
„Ich wollte ohnehin noch mit Dir reden, Vesa“, warf Vilkas ein. Sie zog eine Augenbraue hoch und legte den Kopf von der Decke gestützt schief.
„So?“
„Unter vier Augen, wenn Du Zeit hast.“
Leicht irritiert musterte sie den älteren Mann einen Moment, nickte dann aber zaghaft. „Ja, habe ich.“ Sie erhoben sich. Die Tongefäße bei Aela lassend, legte sich die Kaiserliche die Wolldecke flächiger um die Schultern und folgte Vilkas – in eine dunkle, langärmelige Tunika und hohe Stiefel gekleidet – zum Vordereingang hinaus.
„Was für ein Mistwetter.“ Er führte sie hoch zur Himmelsschmiede an Vesanas Stammplatz und setzte sich. Sie ließ sich neben ihm nieder. Um sich gegen die Kälte zu schützen, wickelte sie sich in die Decke ein und zog die Beine an.
„Was gibt’s?“, fragte sie schließlich ohne das andere Zirkelmitglied anzuschauen. Die Augen hielt sie auf die Übenden hinter dem Heim der Gefährten gerichtet. Ihr behagte die Situation nicht allzu sehr und das unangenehm leichte Gefühl in der Magengegend half dem nicht unbedingt weiter.
„Kodlak und ich haben uns unterhalten.“
„Über was?“
„Dich.“
Vesana mahlte mit dem Kiefer. „Warum?“
„Wir sorgen uns ein wenig.“ Sie ging nicht darauf ein. Derartige Gespräche behagten ihr nicht und fielen ihr schwer. Es spielte dabei keine Rolle, dass sie Vilkas vertraute und als Freund sah. Selbst Darius hatte ihr zu Beginn derartiger Unterhaltungen stets die Dinge förmlich aus der Nase ziehen müssen, wenn er bemerkte, dass sie etwas beschäftigte oder mitnahm. „Unter den übrigen Gefährten und Welpen merkt es – noch – niemand, aber der ganze Zirkel sieht, dass Du unter enormem Druck stehst“, setzte der Nord fort. „Sogar Skjor, hat mir Kodlak erzählt, sieht das so und Du weißt ja, wie Skjor für gewöhnlich ist, wenn es um so etwas geht.“
„Hm.“ Ihre Finger krallten sich von innen in die Decke und pressten sie vor ihren angewinkelten Beinen zusammen. „Es geht schon.“
„Vesa …“
„Es geht schon!“ Sie wollte aufstehen, aber Vilkas hielt sie schnell an der Schulter fest und drückte sie zurück auf den Boden.
„Nachdem Du nach unserem Kampf gestern einfach verschwunden warst, habe ich in Deinem Zimmer nach Dir gesucht.“ Vesas Kehle schnürte sich plötzlich zu und ein dicker Kloß blockierte jede Möglichkeit zu sprechen. „Du hast mich nicht einmal ansatzweise wahrgenommen, als Du neben Deinem Bett gesessen hast.“ Ihr Kiefer zitterte unkontrolliert und ihre Glieder verloren rapide an Kraft. An Aufstehen und Fortgehen war nicht mehr zu denken. Die Decke entglitt ihren Fingern und rutschte von ihren Knien, nur noch feucht an den Schultern klebend. Wäre der Regen nicht gewesen, Vilkas hätte die Tränen sehen können, die ihr über die Wangen rannen. Den Blick hielt sie weiter stur auf den Übungsplatz gerichtet, auch wenn sie längst nicht mehr sah, was dort passierte. „Kodlak und ich glauben, dass es Dir helfen könnte, darüber zu sprechen.“
In ihrem eigenen Frust fast schon empört darüber, so in die Ecke getrieben zu werden, stieß sie die Luft aus. „Was soll ich denn schon sagen!“ Ihre Stimme war in der Wut, die sich mehr auf sie selbst und ihr Leben bezog, denn auf Vilkas, überraschend kraftvoll. Wutig schlug sie in die Luft, als könne sie die Gefühle wegschlagen.
„Du könntest damit anfangen, wie es Dir geht.“
„Wie es mir geht?!“ Sie schnaufte. „Beschissen!“ Der Nord senkte das Haupt. „Entschuldige … Ich …“, sprach sie daraufhin so leise, dass sie selbst es kaum verstand. Ihre Finger spielten zur Ablenkung mit dem steinernen Untergrund am Rand der Himmelsschmiede.
„Schon gut. Ich weiß, dass ich unter anderen Umständen nicht erste Wahl für ein solches Gespräch wäre, aber versuch‘ es doch wenigstens einfach.“
Sie benötigte einige Momente, bevor sie den Mut aufbrachte, zu sprechen. „Ich vermisse ihn, Vilkas“, flüsterte sie. Ihre Augen wanderten vom Übungsplatz zu ihren Knien auf denen sie jetzt herumtippte und den aufgeweichten Dreck der Jagd abkratzte. „Ich wollte das auf Solstheim verdrängen und es hat nicht geklappt.“ Sie pausierte und versuchte, neuerliche Kraft zum Weitersprechen zu sammeln. „Ich wär‘ auf dieser scheiß Insel fast krepiert, und es hat nicht geklappt!“, wieder sprach die Wut forscher und lauter, als sie es beabsichtigt hatte. „Schlimmer noch, quält mich die Hoffnung, dass er vielleicht doch noch lebt.“ Ihre Stimme schlug wieder in Zerbrechlichkeit um. „Und anstatt es in Erfahrung zu bringen, laufe ich weg und unternehme nichts.“ Sie schluckte. „Und gestern … nach der Sache mit Hrothluf und als die Wut über ihn verflogen war … habe ich wieder gemerkt, wie sehr er mir fehlt.“ Vilkas unterbrach sie nicht, es hätte auch nichts gegeben, das er hätte sagen können, ohne ihren Mut zu reden zunichte zu machen. „Diese Ungewissheit macht mich fertig.“


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Bahaar
07.03.2014, 16:24
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Sie saßen einen Moment lang schweigend im strömenden Regen. „Warum musste er auch losziehen? So eine idiotische Idee mit seinem alten Rudel eine Hochburg der Silbernen Hand zu überfallen.“ Vesana ballte die Fäuste. „Und ich bin nicht mit, weil dieser Sturkopf darauf bestanden hat.“
„Darius hat eine Entscheidung getroffen, Vesa, Du kannst dafür keine Verantwortung übernehmen“, versuchte Vilkas ihr das Gefühl der Schuld zu nehmen. Er scheiterte.
„Und ob ich das kann! Von allen Menschen wäre ich am ehesten in der Lage gewesen, ihn umzustimmen und ich habe versagt.“ Wütend schlug sie sich die Faust gegen die Knie.
„Wir alle wussten, wie gefährlich diese Gruppe der Silbernen Hand ist. Er ganz besonders. Aber wäre er nicht gegangen, würde er sich jetzt womöglich so fühlen, wie Du. Es ging ja auch um seinen Bruder, richtig?“
„Ja. Das ist ja das Schlimme. Ich habe ihn im Stich gelassen.“ Dem Nord schien darauf nichts mehr einzufallen, das er hätte sagen können, und schwieg einen Moment. „Wenn wir könnten, würden wir-“
„Nicht, Vilkas“, bat sie leise. „Sein Rudel war mehr als doppelt so groß wie der Zirkel und hat es nicht geschafft.“ Sie ließ die Schultern hängen, dass die Decke gänzlich von ihr abfiel, und kraftlos sanken ihre Hände zu den Füßen, umgriffen ihre Knöchel. Verzweifelt legte sie den Kopf auf den Knien ab. „Es wäre Selbstmord. Das kann ich nicht verlangen und er würde es nicht wollen.“ Wieder schwieg ihr Kumpan. Hin und her gerissen zwischen Schuld, Enttäuschung, Wut und dem Schmerz des Verlustes versuchte die Kaiserliche vergeblich, die Tränen zurückzuhalten. „Ich …“ Sie schluckte den Kloß im Hals hinunter. „Ich wäre jetzt gern etwas allein“, flüsterte sie schließlich.
„Natürlich.“ Aus dem Augenwinkel sah sie, wie ihr Vilkas ein zurückhaltendes Lächeln schenkte und sich völlig durchnässt hochstemmte. Bevor er ging, legte er ihr die schwer gewordene, kalte Decke um die Schultern. „Bleib‘ nicht zu lang, sonst wirst Du noch krank.“
Vesa stieß Luft aus. Nicht verächtlich, eher ungläubig ob des primitiven Versuchs eines Scherzes. „Weil ich das auch werden kann, genau.“ Immerhin, für einen kurzen Moment funktionierte die Ablenkung. Der Nord wandte sich zum Gehen. „Vilkas“, hielt sie ihn nach wenigen Schritten noch einmal an.
„Ja?“
„Danke.“ Er nickte nur und überließ sie sich selbst.

Vor Kälte zitternd, klitschnass aber wenigstens mit betäubtem Kopfschmerz betrat Vesana eine ganze Weile später erneut die Halle der Gefährten. Die Haare klebten ihr Wild im Gesucht, am Hals und auf den Schultern, die von innen heraus von den aufgeweichten Blutresten verschmutzte, am Körper klebende Tunika verbarg sie unter der durchgeweichten Wolldecke, die schwer auf ihren ohnehin hängenden Schultern lastete. Es herrschte wenig Betrieb in Jorrvaskr, zumindest hier oben. Sie nutzte das und setzte sich an die Feuerstelle, über der sonst Tilmas Eintopfkessel baumelte, reckte ihr die Hände entgegen, wärmte und trocknete sich. Die Decke legte sie neben sich.
„Vilkas hat mit Dir gesprochen.“ Ohne es zu bemerken, hatte sich ihr Kodlak genähert und nahm nun in einem Holzsessel auf der gegenüberliegenden Seite des klein gehaltenen Feuers Platz. Er sprach leise und vorsichtig.
„Das hat er.“ Sie schaute ihn nicht direkt an, merkte aber, wie er sich zurücklehnte und am Bart herumzupfte.
„Du wirkst nicht, als hätte es geholfen“, stellte er das Offensichtliche fest.
„Ein bisschen, aber kaum.“ Kurz hob er den Kopf und schaute sich um, offenbar um sicher zu gehen, dass sie niemand stören konnte.
„Weshalb?“
„Er hat Dir erzählt, worüber wir gesprochen haben?“
„Ja, hat er.“
„Es ändert an der Situation nichts.“
„Du meinst, dass Du Dich schuldig fühlst?“
Die Kaiserliche nickte. „Und hilflos.“
„Weshalb hilflos?“ Er beugte sich vor und musterte sie eingehender.
„Weil ich nichts daran ändern kann, besser gesagt darf, und es nicht funktioniert, es zu verdrängen.“
„Verdrängen funktioniert nie, Vesa. Du musst lernen, es zu akzeptieren.“
Sie stieß in einem verächtlichen, kurzen Auflachen Luft aus. „Akzeptieren?!“ Den Blick erstmals von den Flammen nehmend, blickte sie den alten Führer der Gefährten direkt an. „Akzeptieren?!“ Sie zog die Augenbrauen zusammen. Zornige Anspannung verzerrte ihr Gesicht. „Wie kann ich es akzeptieren, dass ich den Mann, den ich liebe, derart im Stich gelassen habe?!“ Der Graue verzog keine Miene und schien sich von ihrem Ausbruch auch nicht angegriffen zu fühlen. Stattdessen schenkte er ihr ein beschwichtigendes Lächeln, das viel stärker wirkte, als jedes Wort, das er hätte erwidern können.
„Dieses Gefühl wird Dir niemand nehmen können, Vesa. Du musst lernen, damit umzugehen. Das meine ich mit akzeptieren. Akzeptiere, dass Darius eine Entscheidung getroffen hat. Er wusste, wie gefährlich es war, und wollte genau deshalb nicht, dass Du mit ihm gehst. Genau deshalb würde er auch nicht wollen, dass auch nur einer von uns – das schließt Dich ein – nach ihm suchen kommt, weil er nicht zurückgekehrt ist.“ Vesana senkte das Haupt und spielte mit den Schnürsenkeln ihrer Stiefel. „Akzeptiere das, und das Gefühl der Schuld wird sich leichter tragen lassen.“
„Es ändert nichts an der Ungewissheit.“ Natürlich hatte Kodlak Recht. Logisch betrachtet, zumindest. Aber Logik half bei bestimmten Angelegenheiten nicht weiter.
Der Alte lächelte wieder und die Jägerin strich sich die ungezähmten Haare aus dem Gesicht und in den Rücken. „Es ist gewiss, dass er zurückkehren würde, wenn er es könnte. Reicht das nicht?“ Sein Alter sprach hier nur allzu deutlich, ein Umstand, der es ihr schwer fallen ließ, ihm zuzustimmen. Nein, es reichte nicht aus. Nicht für sie, nicht bei dem, das sie mit Darius verbunden hatte. Im Moment wog ihre Wortschuld dem sturen Kaiserlichen gegenüber mehr, als ihre eigenen Gefühle, zu hoch achtete sie das Vertrauensverhältnis zu ihm – ungeachtet ob er jemals von ihrem Wortbruch erfahren könnte, oder nicht. Aber es mochte der Tag kommen, an dem sie sie brach.
„Ich möchte nicht mehr darüber sprechen“, erwiderte sie schließlich und erhob sich. Die feuchte Decke hängte sie auf einem nahen Stuhl zum weiteren Trocknen auf. Kodlak nickte nur und so verschwand die Kaiserliche in den Keller Jorrvaskrs. Vor der Waffenkammer blieb sie stehen und überlegte kurz. „Skjor!“, rief sie in den langen Korridor an dem alle Räume des Gewölbes lagen. Ihre Stimme klang noch rau, kraftloser als sonst. Brummend kam der Einäugige aus einem Zimmer am hinteren Ende.
„Ja?“
„Bereit?“ Vesa wies über die Schulter.
„Immer.“ Er kam schnellen Schrittes zu ihr hinüber und gemeinsam betraten sie die Waffenkammer der Gefährten. „Wie gestern, ja?“ Sie nickte und nahm sich zwei Übungsschwerter, der Nord wählte ein Schwert und Rundschild. Gemeinsam stapften sie nach oben und auf den Hinterausgang zu. Kodlak saß noch immer in dem Sessel am Feuer und wirkte nachdenklich, verlor sich scheinbar im Anblick des Feuers. Für einen Moment hielt Vesa an der Tür inne, beobachtete den Grauen und rang das nervöse Kribbeln in der Brust nieder, mit dem sich ihr schlechtes Gewissen über den plötzlichen Abbruch des gut gemeinten Gesprächs bemerkbar machte. Es verflog allerdings erst, als der Herold der Gefährten aufschaute und sie am Durchgang bemerkte. Ein kurzes Lächeln und Kopfschütteln verrieten ihr, dass er sehr wohl wusste, was sie gerade gedacht hatte und es unnötig war. Mit einer scheuchenden Handbewegung wies er die Kaiserliche an, Skjor nach draußen zu folgen. So tat sie es dann auch.
Athis und der blonde Nord saßen im Schutz des Vordaches auf der Terrasse. Völlig durchnässt wirkten sie irgendwie erschöpft, aber die wachen Augen der Beiden belehrten sie eines Besseren. Vielmehr hatte sie wohl der noch weiter angeschwollene Regen dazu animiert, vorrübergehend Schutz zu suchen. Skjor stand schon auf dem Platz und schlug herausfordernd das Schwert gegen das Holz des Schildes. Gigantisch wirkende Regentropfen schlugen auf seinem kahlen Kopf auf und zerstoben in feinen Sprühnebel. „In dem Wetter?“, wunderte sich der Auszubildende und zog skeptisch eine der buschigen Augenbrauen hoch.
„Du solltest Dich lieber mit dem Gedanken anfreunden“, gab Vesa ihm zurück und schritt die Stufen von der Terrasse hinab. Binnen weniger Augenblicke war sie wieder so nass wie zuvor auf der Himmelsschmiede. Der anhaltende Wolkenbruch ließ das Vordach schon mit wenigen Schritten Abstand in einem Grauschleier undeutlicher werden. Den aufkommenden Wortwechsel zwischen Athis und dem Auszubildenden verstand sie schon nicht einmal mehr, so stark rauschte das fallende Wasser.
Das linke Schwert führte die Kaiserliche am Unterarm entlang und reckte es zusammen mit dem entsprechenden Fuß nach vorn. Den Körper geschützt dahinter positioniert hob sie die zweite Waffe etwa auf Höhe des Halses waagerecht zum Boden stichbereit. Skjor brachte sich hinter seinen Schild in Deckung und legte die eigene Holzklinge für einen schnellen Stich bereit auf dessen Kante. So umkreisten sie sich einige Zeit und musterten einander. Eine gewisse Nervosität stieg in Vesana auf, während sie sich so belauerten. Sachtes Kitzeln im Bauch und leichte Glieder zeugten von ihrer Anspannung. Kämpfe mit Skjor waren selbst bei Übungen stets heftig und wenig zimperlich. Er war einer derjenigen, die nicht viel davon hielten, deutlich kampfbeendende Schläge kurz vor dem Treffer abzubremsen. Mit Waffen zielte er zwar nicht auf das Haupt, wenn der Schlag etwas anderes als Kopfschmerzen verursachen würde, wie ohnehin üblich in Übungen, aber es endete trotzdem zumeist überdurchschnittlich schmerzhaft und die Kaiserliche hatte nur zu deutlich im Kopf, wie oft sie gegen in gewonnen hatte – nie.
Die gedankliche Ablenkung schien der Nord bemerkt zu haben und ging auch schon zu einem forschen Angriff über. Ein rascher Stich gegen die Brust, dem sie mit einem schnellen Schritt nach hinten entging, dicht gefolgt von einem Hieb mit der Schildkante, vor dem sie sich wegdrehte und neben ihrem Übungspartner zum Stehen kam. Abgesehen von seiner Heftigkeit im Kampf, hielt Skjor nicht viel von Pausen. So kehrte auch nicht einfach wieder brüchige Ruhe ein, nach ihrem ersten Schlagabtausch, sondern setzte der Einäugige direkt nach. Ein langer, teils blind in den toten Blickwinkel hineinreichender waagerechter Hieb, unter dem sich Vesana wegduckte. Es folgte ein Tritt gegen den Bauch, den die Kaiserliche nicht abzuwehren vermochte und der sie stöhnend nach hinten Taumeln ließ. Als Abschluss der Folge wuchtete ihr Skjor den Schild aus der Drehung heraus entgegen. Glücklicherweise befand sie sich außer Reichweite und so verfehlte er sie, wenn auch nur knapp. Unzählige Wassertropfen katapultierte er stattdessen mitten in ihr Gesicht und einige trafen die Augen, so dass sie kurz blinzeln musste, bevor sie wieder richtig sah.
Die Nachlässigkeit auszubessern versuchend, ging nun sie zum Angriff über. Ein schneller hoher Schlag mit dem rechten Schwert, gefolgt von einem Stich mit der linken, noch immer am Arm entlang geführten Klinge, die wirkungslos gegen das Holz des Schildes prallte und ein weiterer Hieb tief gegen die Knie aus der ununterbrochenen Pirouette. Den letzten Schlag blockte der Nord, indem er seine eigene Waffe kurzerhand in den Boden rammte und ihr mit derselben Bewegung den Ellbogen gegen die linke Gesichtshälfte donnerte.
Überrumpelt und benommen sackte die Kaiserliche Gesicht voran in den matschigen Boden des Übungsplatzes, rollte sich aber im letzten Moment weg, bevor ein weiterer Stich des Nords ihr das Ende bereiten konnte. Keuchend, das Herz schlug ihr bis zum Hals, rappelte sich Vesa auf und brachte schnell einige Schritte zwischen sich und ihren Kontrahenten. In der kurzen Pause bewegte sie den dumpf gewordenen Kiefer. Er schmerzte, aber sonst schien alles in Ordnung. Skjor schmunzelte unterdessen wie jemand, der sich am Leid und Fehler seiner Feinde labte, und kam betont langsam näher.
Dann war er auch schon wieder heran und ihr Kampf setzte sich fort. Ein Schlag von oben, dort ein Blocken mit dem Schild, hier ein schneller Tritt und eine Finte. Sie wich einem Schlag mit dem Rundholz durch eine Rolle aus, kam schräg hinter ihrem Widersache auf die Füße und wuchtete ihm einen Fuß in die Kniekehle. Ohne einen Laut knickte Skjor ein, aber noch im Fallen schlug er mit seinem Schild aus und erwischte die Jägerin frontal gegen Brust und Gesicht als sie sich ihm zuwandte. Für den Bruchteil eines Herzschlages lang wurde ihr schwarz vor Augen und ihr entglitt das linke Schwert bevor sie auf ihr Hinterteil in den Schlamm sackte. Deutlich spürte sie die im Kontrast zu dem kalten Regen heiße Flüssigkeit aus ihrer Nase rinnen und hatte gleich darauf den bitterschweren Eisengeschmack von Blut auf ihrer Zunge.
Verschwommen nahm sie wahr, wie der Nord wieder aufstand und sich ihr zuwandte. Er unterdrückte ein sehr seltenes Lachen, das eine ausgesprochen beunruhigende Wirkung entfaltete, während Vesana die Augenbrauen hochzog und sich mit der freien Hand über das Gesicht fuhr. Das Rauschen des Regens schien für einen Moment so fern wie die Monde am Nachthimmel und die Kraft in den Gliedern kehrte nur langsam zurück. Die vorher schon reichlich starken, aber wenigstens vorrübergehend verdrängten Kopfschmerzen kehrten nun unmenschlich verstärkt durch den brachialen Hieb zurück wie ein Vorschlaghammer. Vorsichtig betastete sie ihre Nase und stellte erleichtert fest, dass sie wenigstens nicht gebrochen war. Zumindest glaubte sie das, da keine zusätzlichen Schmerzen von ihrer Berührung ausgingen.
Bevor Skjor zu ihr hinüberkommen konnte, stand die Kaiserliche auf. Wankend zwar, aber sie stand immerhin. „Gut“, brummte er. Es gab für ihn nichts Wichtigeres, als sich auch nach schweren Treffern nicht unterkriegen zu lassen – eine der ersten Lektionen, die sie von ihm gelernt hatte. Der Schlag mit dem Schild wäre zwar auch in einem echten Kampf ziemlich übel gewesen, aber noch längst nicht der Tod und so musste auch der Übungskampf an dieser Stelle weitergehen, bis einer von ihnen einen wirklich guten Treffer landete.
Der Nord stand inzwischen über ihrer zweiten Waffe, die somit vorerst außer Reichweite war, aber das störte sie in diesem Moment nicht. Die verbliebene Klinge hoch über den Kopf erhoben, die Füße in einigem Abstand hintereinander und die freie Linke dem Zirkelmitglied entgegengestreckt wartete die Kaiserliche auf seinen Angriff. Der kam prompt. Dem schnellen Stich wich sie mit einer Drehung auf die Waffenseite des Nords aus, hieb ihrerseits nach ihm, wurde aber unterbrochen als er mit dem Fuß bei einem ihrer Knöchel einhakte und sie in eine Rolle zwang. Dafür befand sich nun ihre zweite Waffe in Vesanas Reichweite. Diese packend stand sie schnell auf, schlug die Klinge des Nords zur Seite und zwang ihn dazu sich unter ihrer rasch nachgezogenen zweiten Waffe weg zu ducken. Ihr Tritt gegen seine nun tiefer liegende Brust ging jedoch nach hinten los, als er den Schild hob und sie ihr eigenes Schienbein gegen dessen Kante knallte.
Stöhnend humpelte sie einige Schritte vor Skjor weg, doch holte er sie schnell ein und die Niederlage kam binnen Bruchteilen eines Augenblicks. Ihre Waffen mit zwei schnell aufeinanderfolgenden Schlägen in Blocks beschäftigend, zog er ihr das schwache Bein weg, auf dass sie rücklings in den Matsch fiel. Die verzweifelt in Abwehr erhobenen Schwerter drängte er mit einem kurzen Schlag gegen eine Waffenhand und dem Rundholz zur Seite. Während ihr die eine Klinge aus der in Schmerz krampfenden Hand entglitt, setzte er ihr die Schwertspitze schnell und stark auf Herzhöhe gegen den Oberkörper. „Gut gekämpft.“
Die Holzklinge unter den Gürtel klemmend reichte er ihr die freie Rechte und half der keuchenden Kaiserlichen auf die Füße. Die Schwerter unter den einen Arm geklemmt hielt sie sich die schmerzende Hand und humpelte neben dem Nord zurück zur Terrasse. Völlig mit Schlamm besudelt, mit noch immer blutender Nase und mit wie ein Igel im Kopf stechenden Schmerzen im Schädel ließ sich Vesana in einem der freien Stühle nieder. Athis mürrischer, aber doch irgendwie beeindruckter Blick ob des kurzen, heftigen Kampfes ließ sie in diesem Moment kalt. Ebenso wie das entsetzte Staunen im Gesicht des blonden Nords. Schwer atmend sank sie in sich zusammen und ohne Anstalten zu machen es verhindern zu wollen sackte sie mit der Stirn auf die Tischplatte. „Willst Du ‘was trinken?“, fragte Skjor während er Schild und Schwert neben Vesanas Klingen auf dem Boden ablegte.
„Hmhmm.“


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Bahaar
14.03.2014, 16:13
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Für einige, quälend lange anhaltende Momente lag Vesana einfach Gesicht voran auf der Tischplatte. Ihre Nase pochte heiß und sandte schmerzende Stiche in ihren Kopf, als ob dieser nicht schon von sich aus genug von einem Gefühl des Hammers und Meißels geplagt war. Dünne Rinnsale ihres Blutes sickerten noch immer aus den Nasenöffnungen und tränkten das sonnengebleichte Holz des Tisches unter ihr. Zähflüssige Pampe rann ihr an den Seiten des Gesichtes, den Armen und Beinen hinab aus den verkleisterten Haaren und der schlammgetränkten Tunika. Ihr angeschlagenes Bein streckte sie unter dem Tisch aus, um die Muskeln zu entspannen und die heiß stichelnde, entkräftende Pein im Unterschenkel zu reduzieren. Aber es half nur bedingt. Die Hauptarbeit in der Schmerzlinderung übernahm dann doch der kalte, böige Wind – und der jagte ihr einen unangenehmen Schauer nach dem anderen über den Körper, ließ sie Zittern und verschaffte ihr eine waschechte Gänsehaut.
„Wir werden also auch in solchem Wetter üben?“, vernahm sie auf einmal die kräftige, irgendwie leicht vibrierende Stimme des blonden Nords von der Seite. Begleitet von einem müden Stöhnen drückte sich Vesa vom Tisch hoch und strich sich über das dreckstarrende Gesicht, um wenigstens einen Teil des Schmutzes abzustreifen. Inzwischen fiel nur noch aller paar Herzschläge mal ein kleiner Blutstropfen aus der Nase und auf ihre Tunika hinab, die komplett braun verfärbt war. Vom Beige der Wolle ließ sich nichts mehr erkennen.
Langsam wandte sie dem Auszubildenden ihr Gesicht zu. „Oder schlimmerem.“ Er lachte auf. Ein heller, heiterer Ton, der ihr kurz in den überempfindlichen Ohren stach.
„Dann mal viel Spaß“, brummte Athis und kratzte sich an der spitzen, grauen Nase.
„Den werden wir haben“, bestätigte die Kaiserliche und wandte sich ab, zog mit einem Fuß einen der Stühle an ihrem Tisch zurecht und legte schließlich beide Beine darauf ab. Die Augen geschlossen massierte sie ihre Schläfen und versuchte die Kopfschmerzen zu mildern. Aber so wirklich half es nicht, zumal mittlerweile auch das kalte Zittern ihres Körpers zu ihrer Verstärkung beitrug.
„Kopfschmerzen, huh?“, stellte der Nord das Offensichtliche fest.
„Ja“, gab sie zurück, die Gedanken in weiten Umlaufbahnen außerhalb ihrer Reichweite. Wenn er wüsste, was – und wer – ihr alles Kopfschmerzen bereitete, würde er wohl kaum noch mit ihr trainieren wollen.
Hinter ihr öffnete sich die Tür ins Innere Jorrvaskrs und schwere Schritte näherten sich ihr. Sie öffnete die Augen und sah gerade noch, wie Skjor einen Tonkrug und Tassen abstellte. Im Anschluss zog er sich einen Stuhl heran und goss eine dampfende, blassgrüne Flüssigkeit in die Gefäße. „Kräutertee“, erklärte er. „Besser als kaltes Wasser.“ Nickend pflichtete sie ihm bei und griff träge nach ihrem Tonbecher. Kribbelnd trat die Wärme durch die Gefäßwand und taute ihre taub gewordenen Finger auf. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie ihre Beine kaum noch spürte, weil sie so kalt geworden waren.
„Wie heißt Du eigentlich?“, fragte sie und pustete über ihre Tasse, die sie mit beiden Händen umklammert hielt. Trotz der Kälte in ihrer Nase und obwohl diese wohl ziemlich zugeschwollen war, nahm sie noch immer den kräftigen, würzigen Duft des Tees wahr.
„Ich?“, fragte der blonde Nord nach einem Moment des Zögerns zurück.
„Wer sonst?“ Sie nahm einen Schluck. „Scheiße!“, zischte sie, als sie sich die Zunge verbrannte. Einen Moment atmete Vesa wie ein Hund durch den Mund, um sie zu kühlen.
„Olen Tarik Wolfhammer, das ist mein Name.“
„Willkommen im wunderschönen Herbst von Weißlauf.“ Nach weiterem kontinuierlichen Pusten nahm die Kaiserliche einen neuerlichen Schluck, diesmal ohne sich zu verbrennen, aber sie schmeckte auch nicht mehr sonderlich viel von der Flüssigkeit. Den Ansatz von Bitterkeit nahm sie noch wahr, aber das war es auch schon.
„Wunderschön …“ Sie konnte das Kopfschütteln aus seinem Ton heraushören.
„Athis“, setzte sie an.
„Ja?“
„Was hast Du ihm bis jetzt beigebracht?“
„Ein bisschen Balance, den richtige Haltung des Schwertes. Ein paar einfache Schrittfolgen.“
„Ausdauerübungen?“
„Noch keine.“
Vesana legte den Kopf in den Nacken und schaute den Dunmer über die Schulter hinweg an, die Augenbrauen in Ungläubigkeit unterschiedlich weit angehoben. „Ernsthaft?“ Der Dunmer zog die Schultern hoch und hob abwehrend die Hände. Zwar konnte sie in seinen glutroten Augen im dunkelgrauen, spitzen Gesicht nicht lesen, aber es war offensichtlich, dass er sich keiner Schuld bewusst sein wollte.
„Er sieht kräftig genug aus und in den Kämpfen ist er unermüdlich.“ Die Jägerin hielt die Augen noch einen Moment auf den Elfen, dann wanderten sie langsam weiter zu Olen während sie die Augenbrauen wieder senkte. Der Nord zog ein eher hilfloses und fast schon furchtsames Gesicht, als würde er ahnen, was sie mit ihm vorhatte.
„Kommst Du an den Querbalken des Vordaches da vorne?“ Sie zeigte auf den nach Außen mit einigen Rundschilden verzierten, tragenden Balken oberhalb der Stufen zum Übungsplatz.
„Keine Ahnung.“
„Probier’s aus.“ Er stand auf und schritt langsam, leicht verunsichert vielleicht, auf die Konstruktion zu. Vesa folgte ihm mit den Augen und nahm unterdessen noch einen Schluck Tee. Skjor verfolgte das Geschehen mit ausdruckslosem Gesicht, aber sein intaktes Auge streifte sie kurz und für den Moment glaubte sie einen Anflug von Heiterkeit zu erkennen. Dann sah sie sein Gesicht jedoch nicht mehr. Olen erreichte in dem Moment das Ende der Terrasse und hüpfte reichlich ungelenk hin und her, um an den hoch über ihm schwebenden Balken zu gelangen.
„Ich komm‘ nicht ran“, meinte er nach einigen Versuchen.
„Benutz‘ den stützenden Balken“, gab sie ihm einen Hinweis und deutete auf die mittig platzierte, unterstützende Holzsäule.
„Wie?“ Mit großen, dunklen Augen wandte er sich an sie und hielt die Hände in einer offenen Geste der Hilflosigkeit auf Hüfthöhe.
„Sei kreativ.“ Skjor stützte den Kopf über den Unterarm auf den Tisch ab und rieb sich in Neugier mit dem Zeigefinger über die Kopfseite. Auf Athis Gesicht zeichneten sich die Kiefermuskeln ab, als er rat- und kommentarlos das Schauspiel beobachtete. Olen lief in der Zwischenzeit einige Runden um den senkrechten Balken und schaute immer einmal wieder hinauf zu seinem Ziel. Amüsiert verzog Vesana die Lippen zu einem Schmunzeln und goss sich neuen Tee in die Tasse. Von innen gewärmt, hatte sich zumindest auch das Zittern in ihrem Oberkörper etwas reduziert. Zwar waren die Beine noch immer taub, aber gedanklich nun auf den Nord konzentriert nahm sie das kalte Stechen nicht mehr allzu sehr wahr.
„Ich habe keine Ahnung.“
„Der Hellste bist Du aber nicht“, spottete die Kaiserliche. Kurzerhand stellte sie ihre Tontasse auf dem Tisch ab und stand auf. Steif schüttelte sie die Beine aus und noch immer leicht humpelnd schritt sie hinüber zu Olen. Sie schob ihn beiseite und brachte sich direkt unter dem Querbalken am Fuße dessen Stütze in Position. Im nächsten Moment hakte sie die Hände an der ihr gegenüberliegenden Seite der quadratischen Holzsäule ein, die etwa den Durchmesser einer halben Unterarmlänge besaß. Schließlich stemmte sie erst den einen Fuß gegen das Holz, drückte ihn flach auf das Holz, schob sich weiter hoch, griff mit den Händen einzeln nach und setzte den nun in der Luft schwebenden zweiten Fuß oberhalb des anderen. Diesen gab sie wieder frei und verstärkte den Druck ihrer Glieder auf die raue Oberfläche. Immer im Wechsel arbeitete sie sich so nach oben bis sie den Querbalken mühelos zu fassen bekam und sich an diesen hängen konnte.
Ihre Füße baumelten nun etwa auf Halshöhe des Nords, der verblüfft von unten zu ihr hinaufblickte, der Mund leicht geöffnet und sich auf die Zunge beißend. Kurz darauf ließ sie sich auch schon wieder fallen und ging mit dem angeschlagenen Bein bis auf das Knie hinab, um den Sturz abzufangen. Zähneknirschend rang sie den entkräftenden Schmerz hinunter und stand träge auf. „So.“ Zugegeben, sie hatte eine derartige Übung selbst lange nicht mehr gemacht und die Fähigkeiten des Biests kamen ihr in Sachen Kraft nun etwas entgegen, aber an sich war es kein Kunststück – vor allem da der Stützbalken mit seinen groben Schnitzereien viel Auflagefläche und Kanten zum Festhalten bot.
Wieder stärker humpelnd kehrte Vesana zu ihrem Stuhl zurück und beobachtete Olen bei seinen neuerlichen Versuchen. Im vierten Anlauf schaffte er es schließlich bis nach oben. „Und nun?“, fragte er, während er dort hing, wie ein nasser Sack Reis.
„Komm erstmal wieder runter“, wies sie ihn an. Der Abstand zum Boden war dank seiner Größe nicht ganz so weit und so fing er sich mit nur leicht gebeugten Knien ab, ruderte jedoch trotzdem mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten.
„Also?“
„Jetzt rennst Du zehn Runden um Jorrvaskr und machst jedes Mal, wenn Du hier vorbei kommst, jeweils zwanzig Liegestütze und Rumpfbeugen dort auf dem Übungsplatz und fünf Klimmzüge an dem Balken. Da Du jetzt weißt, wie Du dort herankommst, sollte das kein Problem mehr darstellen“, erklärte sie. Das folgende, süffisante Grinsen auf den schmalen Lippen, verbarg sie hinter ihrer Teetasse, als sie trank. Die feinen Falten um ihre Augen würde er auf diese Entfernung nicht bemerken.
Athis fuhr mit dem Kopf zu ihr herum und so schwer sie es für gewöhnlich auch empfand, im Gesicht eines Dunmers zu lesen, das mühsam unterdrückte, seltene Lachen fiel sogar ihr auf. Skjor ballte die Faust vor dem Mund. Der aus ihrer Perspektive sichtbare Mundwinkel zog sich weit nach hinten. Dem blonden Nord am Ende der Terrasse stand die Überraschung ins Gesicht geschrieben. „Jetzt?“
„Ja, jetzt.“ Es dauerte noch einen Moment, bis er sich tatsächlich aufraffte, doch dann setzte sich Olen in Bewegung und legte zunächst einen eher lockeren Trab ein. Bevor er hinter der Ecke des Gildenhauses verschwinden konnte, rief sie ihm noch ein „Das geht schneller!“ hinterher.
„Ich dachte, ich sollte ihn im Moment noch ausbilden“, beklagte sich Athis über den Eingriff in sein Ausbildungskonzept als die Heiterkeit verflogen war.
„Das machst Du auch. Du bereitest ihn eben nur auf meine Ausbildung vor“, wiegelte Vesa ab und hob die Augen nicht einen Herzschlag lang von ihrer dampfenden Tasse. Skjor wandte sich unterdessen wieder ihr zu. Sein heiles Auge musterte sie eingehend. „Schau mich nicht so an! Du weißt genau von wem ich diese Übung habe.“
„Genau deswegen schaue ich Dich ja so an“, konterte er und sie bemerkte nun die feinen Falten in seinen Augenwinkeln.
„Moment“, unterbrach sie Athis von der Seite, „das ist Deine Übung, Skjor?“
„Natürlich.“
In dem Moment schoss Olen um die andere Ecke Jorrvaskars und hielt schließlich auf dem Übungsplatz an. Noch sahen die Liegestütze und Rumpfbeugen leicht und behände aus, aber er sah schnell genauso aus, wie Vesa – von Kopf bis Fuß einheitlich braun. Auch das Erklimmen des Balkens trotz nasser, matschverschmierter Stiefel schaffte er im zweiten Anlauf. Sie beobachtete ihn, während er sich mit dem Gesicht Richtung Platz hoch zog. „Das … ist … Schinderei“, presste er zwischen einzelnen Klimmzügen hervor.
„War das ein Meckern?“, ging Vesa augenblicklich darauf ein.
„N-nein“, entgegnete der Nord.
„Ich glaube schon. Das gibt fünf Runden extra.“
„W-was?!“
„Du hast mich schon verstanden.“
In der Art und Weise, wie er seinen kurzen Sturz abfing und anschließend wieder losrannte, erkannte die Kaiserliche seine Frustration. Regelrecht stampfend wie eines der Mammuts in der Tundra des Fürstentums nahm er die Stufen der Treppe bevor er wieder in einen flüssigeren Laufrhythmus hineinfand.
„Er hat schon Recht“, meinte Skjor.
„Das sagt der Richtige.“
„Ich sage ja nicht, dass es schlecht oder unsinnig ist.“ Sie schmunzelte und griff nach dem Tonkrug, stellte jedoch missmutig fest, dass dieser leer war. Fast augenblicklich schien ihr auch die Kälte wieder in den Leib zu kriechen und sie schüttelte sich unter einem heftigen Schauer, der ihr von den Schultern bis zu den Knien hinabrollte.
Nach der dritten Runde zeichnete sich bereits erste Erschöpfung in Olens Bewegungen ab. Seine Schritte kamen schneller aus dem Takt und er hielt sich ab und an den Brustkorb, als hätte er Seitenstechen. Den Rücken musste er immer wieder erkennbar bewusst durchdrücken bei den Liegestützen und mit den Rumpfbeugen brachte er auch länger zu. Nach den ersten beiden Klimmzügen schaffte er es kaum noch überhaupt einen rechten Winkel in die Ellbogen zu bekommen. Zum Fluchen oder Meckern fehlte ihm die Luft.
Als er wieder hinter dem Gildenhaus verschwand, erhob sich die Kaiserliche. „Zeit für ein Bad. Der Schlamm hatte jetzt genug Zeit einzuwirken.“
„Du gehst?“, fragte Athis nach.
„Natürlich. Du bildest ihn ja noch aus, also kannst Du auch darauf achten, dass er seine Übung richtig zu Ende führt.“ Der Dunmer antwortete nicht mehr, hatte aber zweifelsohne verstanden, dass es sich in keiner Weise um eine Bitte handelte. „Danke für den Tee, Skjor.“ Der Einäugige nickte, blieb aber sitzen. Scheinbar wollte er noch beobachten, wie sich Olen weiter schlug. Sie wandte sich ab, hob noch die Übungswaffen auf und ging zur Tür, hielt dort allerdings noch einmal kurz inne. „Athis.“
„Ja?“
„Schick‘ ihn im Anschluss zu Arcadia ein paar Tränke gegen einfache Krankheiten kaufen. Wir wollen ja nicht, dass er sich erkältet in diesem Wetter. Oh, und lass ihn in den nächsten Tagen noch ein paar Ausdauerübungen machen.“ Damit verschwand sie durch die Tür ins warme Innere der Halle der Gefährten.


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Bahaar
21.03.2014, 14:27
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„Wie siehst Du denn aus?“, begrüßte sie Farkas zusammen mit einem Schwall warmer, im Vergleich zu draußen trockener Luft, und lachte gleich darauf lautstark los.
„Amüsiere Dich ruhig, nur zu“, gab Vesa zurück und kratzte sich etwas Dreck unter der Nase weg. Die dunklen, fast Schwarz erscheinenden Krümel unter ihrem Fingernagel verrieten, dass es noch Reste des Blutes waren, das noch kurz zuvor dort herausgetropft war.
„Was ist passiert?“, hakte der große, grauäugige Nord nach und kam ein paar Schritte auf sie zu. Eigentlich wollte er sich wohl gerade an die lange Tafel setzen, um ein spärliches Mittagessen aus Brot und Wurst zu sich zu nehmen, aber der dreckstarrende Anblick der Kaiserlichen musste wohl doch interessanter sein. Ihre leichten, knöchelhohen Lederstiefel waren völlig durchgeweicht und in mattes Braun gehüllt, an ihren Beinen zeichneten sich nur vereinzelt die Bahnen einiger Wassertropfen im Dreck ab, weil dort ihre Haut zum Vorschein kam. Farblich gab es keinen Unterschied mehr zwischen Gürtel und Tunika und die Haare verklumpten zu einer schweren, nassen Decke auf ihren Schultern. Die Blutreste in ihrem Gesicht und dort, wo die Tropfen sie weiter unten getroffen hatten, trugen wohl nicht gerade zu ihrem guten Aussehen bei.
„Skjor hat mich verhauen“, erklärte sie. Farkas lachte schallend, dass einige einfache Mitglieder der Gefährten, die im Halbdunkel auf der anderen Seite der Halle saßen, aufblickten.
„Komm, gib mir die da“, er zeigte auf die drei Holzschwerter und den Rundschild, „und geh zu Tilma. Die kann Dir bestimmt helfen mit Deinem … Aussehen.“
„Danke.“ Sie reichte ihm die Übungswaffen.
„Habe ich meinen Namen gehört?“ Die hagere, alte Nord rührte inzwischen wieder in einem Kessel über dem offenen Feuer am langen Ende der Halle. Vesana ging zu ihr hinüber.
„Ja. Haben wir noch irgendwo einen Bottich?“
„Wieso?“ Erst danach schaute sie wirklich auf, als eine Kanne Fleischbrühe im Topf gelandet war. „Ach herrje.“ Sie nahm eine Hand vor den Mund und stemmte die andere in die Hüfte. „Da wirst Du aber mehr als eine Wanne brauchen!“ Tilma verkniff sich ein Lachen, konnte aber nicht die tiefen Furchen um ihre Augen verbergen, die ihre Belustigung verkündeten. Vesa blieb neben dem Feuer stehen und wärmte ihre Glieder an den gierig um den Kessel züngelnden Flammen.
„Es muss kein heißes Wasser sein, Tilma, Hauptsache ich werde sauber.“
„Wenn Du nicht warten willst, bis alles festgetrocknet ist, bleibt Dir auch nichts anderes übrig, als kalt zu baden“, erwiderte die Alte mit dem faltigen, eingefallenen Gesicht. „Ich lass Dir einen Zuber ein. Der Eintopf braucht jetzt eh erst einmal Ruhe.“
„Danke. Ich hol‘ derweil einige Sachen zum Wechseln.“ Die Kaiserliche wollte sich zum Gehen wenden, aber die gute Hausmutter der Gefährten hielt sie auf.
„Hier oben steht noch Dein Tornister, das wollte ich Dir gestern schon sagen. Deine Kleidung ist gewaschen.“
„Ah, danke.“ Kurzerhand ließ sie sich von der Nord ihr Gepäck zeigen und brachte es im Anschluss nach unten. Dort angekommen hielt sie sich so weit wie möglich von ihrem Bett fern, um es nicht zu verdrecken und kippte den Inhalt des Felleisens auf den Boden. Bevor sie sich jedoch ein frisches Oberteil nehmen konnte, klopfte es an der nicht völlig geschlossenen Tür. Die Kaiserliche drehte sich um und entdeckte Aela. „Ja?“
„Wie wäre es, wenn wir nachher noch aufbrechen und die Tage um Vollmond außerhalb von Weißlauf verbringen?“ Wenn sie sich über den Anblick Vesanas wunderte, so ließ es sich die Nord nicht anmerken.
„Klingt gut. Lass mich nur schnell ein kurzes Bad nehmen und dann packe ich einige Sachen zusammen.“
„In Ordnung, nimm Dir nicht zu viel Zeit, sonst kommen wir heute nicht mehr weit.“
„Ich beeil mich.“ Nickend verschwand Aela wieder und Vesa griff sich kurzerhand eine andere, beige Tunika mit kurzen Ärmeln und stapfte zurück nach oben. In der Kammer hinter der Feuerstelle hatte Tilma bereits Wasser in einen Bottich gekippt. Schnell schloss die Kaiserliche die Tür hinter sich, streifte die starr werdende Kleidung vom Leib und schlüpfte ins kühle Nass. Es war nicht richtig kalt, aber auch nicht gerade warm. Den noch nicht wieder warm gewordenen Füßen und Beinen gefiel dies natürlich nicht gerade, aber es half nichts. Bereits nach wenigen Augenblicken zitternd winkelte Vesana die Beine an und rutschte mit dem Kopf unter die im Licht der nahen Kerzenlaternen glitzernde Oberfläche des Wassers.
Sofort legte es sich schützend auf ihre Ohren, blendete die platschenden Geräusche ihrer Bewegungen aus und überließ sie ihrem eigenen Herzschlag. Die Augen geschlossen massierte sie kurz die Schläfen und entwirrte anschließend ihr Haar. Es dauerte nicht lange, da trieben ihr die lockeren Strähnen wieder um das Gesicht und kitzelten auf der nackten Haut von Brust bis Stirn. Sogar die Kälte schien für einen Moment verflogen und die Gedanken verloren sich in der dunklen Stille. Ab und an entließ sie etwas Luft, um den Druck auf ihren Lungen zu reduzieren und noch einen Moment länger auszuharren.
Letztlich half jedoch auch das nicht mehr und Vesa sah sich gezwungen aufzutauchen. Tief Luft holend entspannte sie sich und streckte die Beine durch. Das kühle Nass schimmerte braun, als sie die Augen öffnete und an sich hinabschaute. Kraftvoll begann sie damit sich die Haut an den Gliedern abzureiben, um wenigstens den gröbsten Dreck loszuwerden. Wenigstens dauerte es nicht sehr lange und sie konnte nicht einmal mehr bis zum Grund des Bottichs sehen. Seufzend ließ sie sich zum Schluss zurücksinken, legte die Arme auf den Rand der Wanne, um nicht weiter unterzugehen und legte den Kopf in den Nacken. Die Haare hingen außerhalb und zogen schwer am Kopf. Leise tropfte das Wasser aus ihnen hinaus und wirkte wie ein Pendel vor den Augen.
Im Dämmerzustand mit nur halb geöffneten Augen, die gegen eine Wand aus groben, alten Holzplanken schauten, drifteten ihre Gedanken schnell ab. Abwesend befreite sie nun auch das Hirschkopfamulett vom Schmutz. Was hatte Kodlak gleich gesagt? „Es ist gewiss, dass er zurückkehren würde, wenn er es könnte. Reicht das nicht?“ Seine matte, raue Stimme hallte als Nebelecho in ihren Ohren wider. Wenn es doch nur so einfach wäre. Für gewöhnlich zweifelte sie nicht an dem Alten, aber es schien ihr nicht, als ob er die Tragweite völlig erfasste. Gut, es wäre ungerecht ihm das vorzuwerfen, immerhin wusste er auch bei Weitem nicht alles über sie, aber dennoch: Weise Sprüche halfen nicht. Darius war nicht nur einfach ihr Freund oder Geliebter gewesen. Für sie war er Familie. Ein Wort, das ihr gleichermaßen einen Stich ins Herz versetzte, wie es dieses zum Rasen brachte. Nach langen Jahren, die sie allein gewesen war – besser sich allein gefühlt hatte, denn daran hatte auch die Kämpfergilde in Bruma nichts ändern können – hatte er ihr das Gefühl gegeben, wieder einen Platz in der Welt zu haben. Natürlich war die Beziehung zu den Gefährten generell besser und intensiver, als zur Kämpfergilde, allerdings handelte es sich eher um enge Freunde. Aber ohne Darius … Ohne ihn war sie ein Niemand. Ein Kiesel in einem reißenden Fluss. Blind und orientierungslos. Wie konnte sie ihn also einfach loslassen? Oder gar vergessen? Was wäre das bloß für ein Verrat an ihm, so etwas zu tun?
Erst jetzt bemerkte sie das heftige Zittern ihres Oberkörpers und das Beben ihrer Lippen. Die Zehen taub und die Finger eiskalt. Das Unwohlsein im Bauch, wie als würde sie fallen, und der leichte Kopf, als hätte sie zu viel Wein getrunken, ließen Vesa jedoch daran zweifeln, ob das kühle Wasser Schuld an ihrem Zustand war. Trotzdem raffte sie sich auf, so schwer es ihr auch fiel. Sie wollte nicht schon wieder anfangen zu weinen, sich nicht wieder in Erinnerungen an Momente verlieren, die wohl nie wieder kommen würden. Mühsam hievte sie sich aus der Wanne und rutschte fast noch auf dem Steinboden aus mit ihren nassen Füßen.
Trotz ihrer Bemühungen mit hängenden Schultern und eingetrübtem Blick durchquerte sie den kleinen Raum und nahm sich das von Tilma zurechtgelegte Wolltuch. Die Bewegungen der Kaiserlichen verliefen wie in Zeitlupe vor ihren Augen, als sie sich nach und nach trockenrieb. Hin und her gerissen zwischen dem zentnerschweren Gefühl der Schuld und der Verantwortung und dem Wunsch es abzustreifen fiel es ihr schwer sich auch nur auf derart banale Handlungen zu konzentrieren. Der Wunsch, Darius nachzuspüren, zehrte immer an ihr. Das Gefühl, er könne noch am Leben sein. Und doch war es wohl nicht viel mehr als reines hoffnungsvolles, vergebliches Denken. Das erste Mal war er nur durch Zufall wieder aus den Fängen der Silbernen Hand freigekommen, noch dazu einer besonders militanten und aggressiven Zelle dieses Haufens räudiger Köter. Sein Glück zweimal herauszufordern musste wohl zwangsläufig in einem Fiasko enden.
Wütend grollend schlug Vesana die Faust gegen die nahe Wand. „Scheiße!“ Ruckartig zog sie die Hand zurück, rieb über die schmerzend pochenden Knöchel und ließ das Wolltuch fallen. Stille Perlen aus salzigem Wasser tropften ihr auf die Lippen. An sich konnte sie es dem sturen Kaiserlichen nicht einmal verübeln, dass er dieses Himmelfahrtskommando auf sich genommen hatte. Es ging schließlich um genau das, was sie verbunden hatte: Familie – oder besser das Nicht-mehr-Vorhandensein ihrer Familien. Sein Bruder, der einzige der von Darius Fleisch und Blut neben ihm selbst übrig war, gefangen von genau denen, die seine Familie in den Abgrund getrieben hatten. Wäre es um ihre Schwester gegangen, sie hätte genau wie Darius gehandelt – nur dass es wohl noch unwahrscheinlicher war, dass sie jemals wieder etwas von ihrer Schwester hören, geschweige denn sie sehen würde, als dass Darius plötzlich doch noch auf der Türschwelle stand. Und von ihrem Vater wollte sie gewiss nichts mehr hören. Er hatte den Rang eines Familienmitglieds vor vielen Jahren verwirkt und mochte von ihr aus in den tiefsten Höllen der daedrischen Ebenen verrotten und vergammeln, bis er schwarz wurde.
Völlig geistesabwesend war die Jägerin inzwischen über ihrem Handtuch zusammengesunken und lehnte an der Wand. Bei dem Gedanken an ihren leiblichen Vater spie sie aber unwillkürlich aus und schlug mit der Faust so kräftig gegen ihr eigenes Knie, dass es sich reflexartig durchstreckte und schmerzhaft knackte, während ihr der Zorn den Magen umdrehte und die Röte spürbar auf ihre Wangen trieb. Animalisch brummend trommelte sie mit den Fäusten gegen die Wand hinter sich bis ihnen jeglichen Gefühl entwich.
Nein, so konnte es nicht weitergehen. Noch von ihrer Wut angetrieben, stand Vesana auf und rieb sich trotzig die Haare trocken, während sie zu ihrer frischen Tunika lief. Sie konnte nicht ständig einen Nervenzusammenbruch erleiden, nur weil sie an Darius dachte. Wo sollte das noch hinführen? Sie konnte sich unmöglich die Blöße geben und aus Versehen von einem der anderen Mitglieder der Gefährten, oder schlimmer: Dem Auszubildenden, bei ihrem Trauerspiel beobachtet werden.
Barfuß, nur in die beige, einfache Tunika gehüllt, und die Haare mit dem Wolltuch verschlungen, verließ sie die Kammer und kehrte in die Haupthalle der Gefährten zurück. Tilma rührte im Topf herum und schaute zu ihr auf. „So siehst Du schon besser aus!“ Auch wenn sie sich nicht entsprechend fühlte, schenkte ihr die Kaiserliche ein zaghaftes Lächeln.
„Ich habe die schmutzige Wäsche direkt mit bei dem Zuber gelassen“, erklärte Vesa und räusperte sich im Anschluss. Ihre Stimme klang rau und etwas brüchig. Die alte Nord nickte und ließ sie nach unten gehen. Es wurde Zeit, sich aufbruchsfertig zu machen.


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Bahaar
28.03.2014, 15:57
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Noch am frühen Nachmittag kletterten Aela und Vesana mit leichtem Reisegepäck und Jagdausrüstung ausgestattet durch die Turmruine am Ende des Tunnels aus der Tiefenschmiede. Sie gelangten auf diesem Wege schneller aus der Stadt, als wenn sie sie durch das Tor verließen und von dort den Weg in die Wildnis einschlugen. Mit der regenfesten, dickgefütterten Wildlederjacke, die sie schon auf Solstheim getragen hatte, zusammen mit einer etwas dickeren, molligen Hose und den hohen Wildlederstiefeln lief es sich selbst in diesem ungemütlichen Wetter vergleichsweise angenehm. Zwar war der Boden ziemlich aufgeweicht, weil es seit der Nacht ununterbrochen regnete, aber Vesa konnte sich Schlimmeres vorstellen. Aela lief neben ihr, ähnlich warm eingekleidet, und zusätzlich zu einem Tornister trug auch sie einen Jagdbogen mit zwei Köchern und einem Schwert auf dem Rücken.
„Ich habe gehört, der Auszubildende hatte heute Grund zum Fluchen?“, fragte Aela.
„Hat Skjor erzählt, ja?“
„Ja, hat er.“
„Er schien heute gut gelaunt zu sein.“
„Ist er auch, immerhin hatte mal wieder jemand den Mut, sich mit ihm anzulegen. Das freut ihn doch immer.“
„Stimmt.“
„Es endete aber scheinbar auch wie immer, richtig?“
„Natürlich endete es wie immer. Wann hast Du denn jemals jemanden gesehen, der Skjor in den Dreck gelegt hat?“ Die Nord lachte. Natürlich hatte sie das noch nicht gesehen. Keiner konnte das behaupten. „Wenigstens lernt man bei ihm was.“
„Das ist wahr.“
Für einige Zeit liefen die beiden Frauen schweigend weiter. Der Regen perlte an ihrer Jacke ab und tropfte von der Kapuze vor ihrem Gesicht hinab. Kein einziger Tropfen durch ihre Kleidung drang, außer ein wenig an den Knien, die nicht direkt von ihrem Oberteil oder den hohen Stiefel bedeckt wurden. Dennoch schien ihr alles irgendwie klamm zu sein. Die hohe Luftfeuchte kroch überall hinein und legte sich auf die Haut unter den Stofflagen. Nicht unbedingt angenehm, aber es ließ sich aushalten. Umso mehr verspürte sie das Bedürfnis sich in das weiche Fellfutter ihrer Kapuze zu kuscheln, allerdings wäre das im Gehen wohl weniger praktikabel.
„Was ich Dich noch fragen wollte“, setzte Aela nach einer Weile an.
„Ja?“
„Wie war es, den Werbären zu töten? Wie sah er aus?“ Vesana hatte in gewisser Weise schon darauf gewartet, dass die Nord fragen würde. Eine so erfahrene Jägerin wie sie, die eine Kreatur noch nicht einmal gesehen hatte, musste sicherlich eine gewisse Neugier verspüren, wie es war. Die Kaiserliche konnte es sich zumindest gut vorstellen, denn ihr selbst erging es nicht viel anders. Leuten von ihrem Schlag wurde regelrecht der Mund wässrig, wenn sie gute Jagdgeschichten hörten.
Vesa überlegte kurz, wie sie es erzählen sollte. „Es war eine atemberaubende Kreatur, Aela. Gut sechs Fuß groß, dreimal so kräftig wie jeder Werwolf, den ich bislang gesehen habe und dunkles, braunes Fell – dicht und fest – mit leuchtenden, gelbschimmernden Augen in tiefen Höhlen. Er besaß keinen Schwanz, aber seine Pranken waren massiv mit langen, scharfen Klauen“, berichtete sie und beobachtete währenddessen, wie Aela die Hände ineinanderschlang, als ob sie sich die Kreatur gut vorstellen konnte und in Ehrfurcht zu erstarren drohte. „Er hat gekämpft wie rohe Naturgewalt.“
„Wie … wie hast Du ihn erlegt?“
„Zufall. Selbst tiefe Schnitte schienen ihn nicht wirklich zu stören. Ich habe es irgendwann geschafft mein Stahlschwert in seiner Brust zu versenken. Als er es herausziehen wollte, hat er es einfach abgebrochen!“
„Abgebrochen?“
„Ja. Als wäre es ein dünner Ast. Die restliche Klinge, die steckengeblieben war, hatte ihn geschwächt, weshalb ich ihn schließlich hiermit“, sie zog ihr neues Schwert aus der Scheide auf dem Rücken, „erlegen konnte.“ Die Rothaarige sprach kein Wort sondern streckte die Hand aus und ließ sich die silberveredelte, geschwungene Waffe geben. Vorsichtig strich sie über das glänzende Metall, wog es hin und her. „Da fällt mir ein, ich habe das Fell noch unten in meinem Zimmer. Ich sollte es bei Gelegenheit noch fertig bearbeiten.“
„Das solltest Du, ja. Woher hast Du das hier?“ Sie reichte der Kaiserlichen ihre Waffe zurück, die diese anschließend wieder auf dem Rücken verstaute.
„Die habe ich einem Banditen auf Solstheim abgenommen.“
„Abgenommen?“
„Ja. Noch am ersten Tag bin ich mit ein paar Räubern zusammengestoßen. Der Anführer dachte, ich wäre leichte Beute, und hat sich etwas verschätzt. Seine Kumpane sind dann geflohen. Ich habe es bei den Skaal noch etwas mit Silber veredeln lassen, aber so grundsätzlich ist es seine Klinge gewesen.“
„Sie hat eine interessante Balance.“
„Ja, das dachte ich mir auch. Jetzt wo ich mein Stahlschwert gegen den Werbären verloren habe, bleibe ich erstmal bei dem hier.“
„Vernünftig.“
„Wo wollen wir eigentlich hin? Zum Jagen, meine ich“, wechselte Vesana das Thema.
„Hier in den Prärien nördlich von Weißlauf, noch in Reichweite für heute, gibt es eine kleine verlassene Hütte, die ich letztens mit Skjor entdeckt habe. Da werden wir heute unsere Sachen unterstellen und später schlafen“, erklärte Aela. „Morgen können wir dann früh los und weiter nach Norden, näher an die Wälder und Berge heran – oder vielleicht schaffen wir es sogar ganz bis zu ihnen. Da sind wir weit genug weg von Dörfern oder großen Städten und auch ungestört.“
„Klingt gut.“
„Die Vollmondnacht und die danach können wir dann noch dort bleiben und uns im Anschluss auf den Rückweg machen.“ Es war in der Tat ein guter Plan. So konnte sich das Biest in ihr austoben und selbst wenn es in der Vollmondnacht nicht auf Aela als Leitwolf hören sollte, mochte wohl nichts Schlimmes passieren. Bis dahin mussten sie aber erst einmal noch eine Weile durch das ungemütliche Wetter stapfen.
Schmatzend lösten sich ihre Stiefel aus dem Boden, der sie scheinbar kaum noch loslassen wollte. Eine zwar weiche, aber dann doch unangenehme Umklammerung, aus der sich die Kaiserliche nur allzu gern wieder zurückzog. „Gibt es eigentlich neue Anwärter, die in den Zirkel aufgenommen werden könnten?“, fragte Vesa nach einiger Zeit, die sie schweigend zurückgelegt hatten.
„Nein. Bislang hat sich niemand hervorgetan, der für das Geschenk des Wolfsblutes bereit wäre.“
„Hm, verstehe. Aber es gab auch keine Zwischenfälle mit anderen Rudeln, so wie vor – wann war das gleich – einem dreiviertel Jahr?“ Sie bezog sich damit auf eine eher umherstreunende Bande von Werwölfen, die für Unruhe gesorgt hatte. Zwar hatten die Unwissenden eher nur von großen Wölfen berichtet, aber der Zirkel wusste es aus Erfahrung natürlich besser und hatte sich zum Eingreifen gezwungen gesehen, um die eigene Tarnung nicht aufs Spiel zu setzen. Es endete mit zwei Toten auf der Seite der kleinen Bande, darunter dessen Leitwolf, und die anderen beiden waren geflohen. Bei dem Gedanken an die Geschichte verknotete sich ihr Magen und die Augenbrauen senkten sich ein Stück. Immer dann, wenn sich ihre Art untereinander bekämpfte, stimmte es sie traurig. Es gab größere Feinde, aber das half meist nichts. Die Streuner – und es gab viel zu viele von ihnen – waren in der Regel nichts anderes als verfilzte Halunken, die mit ihrer Gabe nicht umzugehen vermochten und deshalb den Rest ihrer Gattung in Bedrängnis brachten. Als ob die Territorialität der größeren Rudel nicht schon für genug Ärger zwischen den Wölfen sorgte, nein, es musste auch noch die geben, die alles fraßen, was ihnen vor die Nase lief.
„Nein, zum Glück. So ruhig, wie die Silberne Hand zurzeit ist, verhält es sich auch mit den Rudelrivalitäten. Obwohl wir das Fürstentum inzwischen ohnehin recht gut für uns beansprucht haben. Jetzt wo Du wieder da bist, können wir aber vielleicht etwas offensiver neuen Kontakt mit anderen suchen und womöglich unsererseits der Hand eins auswischen.“ Seit sie Darius kennengelernt hatte, war Vesana mit ihm regelmäßig auf der Suche nach anderen Rudeln gewesen, um Partnerschaften anzustreben und den Werwolfsjägern der Silbernen Hand stärkeren Widerstand entgegenzusetzen. Während Vilkas und Kodlak das in ihrer Zurückhaltung gegenüber dem Geschenk Hircines nicht gerade begrüßt, wenngleich auch nicht unterbunden hatten, fand diese Idee bei Skjor und Aela enormen Zuspruch und starke Unterstützung. Allerdings hatten die größeren Wolfsrudel selten Interesse, eher Skepsis oder gar Geringschätzung gezeigt, und die kleineren verschwanden so schnell, wie sie sie gefunden hatten – entweder weil sie von einem größeren Rudel vertrieben worden waren, oder weil sie die Hand erwischt hatte. Und seit Darius‘ Verschwinden hatte Vesa die Tätigkeit der Bündnissuche niedergelegt.
„Eine gute Idee“, stimmte die Kaiserliche schließlich zu. Nicht zuletzt würde das wohl auch eine Möglichkeit bieten, mehr über den Verbleib ihres Geliebten in Erfahrung zu bringen.
„Schön, dass Du das so siehst. Dann sollten wir uns wohl mit Skjor zusammensetzen, sobald wir wieder zurück sind.“ Vesana nickte, auch wenn die Nord das wohl kaum sah. Den Blick hielten sie beide eher gerade aus, um nicht fehlzutreten auf dem rutschigen Untergrund. Zumal sich die Sicht nicht gerade als herausragend bezeichnen ließ. Der dichte Grauschleier des Regens verschluckte die Umgebung schon im nahen Umkreis nahezu vollständig. Noch dazu wurde es allmählich dunkel. Ganz zu schweigen vom konstanten Rauschen der großen Tropfen, die schwer auf ihren Kopf und die Schultern prasselten, und jeden Laut der Umgebung verschluckten, da mussten sie die Augen eher auf die Umgebung, anstatt aufeinander, halten. „Ah, da vorne ist sie.“ Aela hob die Hand und deutete voraus ins verschwommene Dämmerlicht.
Mühsam, und auch nur aufgrund ihrer verbesserten Sinne, entdeckte Vesana die dunkle Ecke eines Holzverschlags hinter einem etwas größeren Findling. Einen Bogen beschreibend und so den Felsen weiträumig umringend, näherten sie sich der Hütte. „Da regnet es doch rein!“, murrte Vesa, als sie die großen Lücken zwischen den Brettern der Seitenwände und die schiefe, niedrige Eingangstür erkannte. Das Dach mochte kaum anders aussehen.
„Dafür haben wir ja unsere Zeltplanen dabei.“
Das Abdichten der Hütte mit ihren Zeltbahnen gestaltete sich als umständliches Unterfangen. Ständig rutschte der Stoff irgendwo wieder heraus, oder sie glitten ab, oder kamen gar nicht erst dort hin, wo es sinnvoll gewesen wäre ihn zu befestigen. Irgendwann im Dunkeln der hereingebrochenen Nacht schafften die beiden Frauen es schließlich, einen einigermaßen ausreichenden Teil der Hütte regenfest zu machen und dort ihre Schlafunterlagen auszubreiten. Wirklich komfortabel war es zwar nicht, zumal die widerliche Feuchtigkeit des Wetters überall hineinkroch und das Holz, vollkommen vollgesogen mit dem Nass, auch noch recht modrig roch, aber es würde wohl ausreichen, um hier eine Nacht zu verbringen. Wenigstens half die Kälte und das durch die Zeltplanen und den Bretterverschlag gedämpfte Rauschen des Regens durch seine Monotonie Vesanas Kopfschmerzen zu lindern. Mit jedem Moment, den die Nacht weiter über sie hereingebrochen war auf ihrem Weg, hatten sich diese verstärkt, als ob das Biest in ihr immer weiter aufwachte und gegen die Stäbe eines Käfigs schlug, um auszubrechen.
Zuletzt fühlte es sich so an, als würde ihr Schädel förmlich platzen. Es zog und stach, gelegentlich schoben sich die scharfen Reißzähne auch ein Stück heraus, bevor sie mit einem Stöhnen und scheinbar in Wut geballten Fäusten ihre Augen einen Moment schloss und gegen das Bedürfnis ihren Trieben freien Lauf zu lassen, ankämpfte. Jetzt, wo Vesa auf ihrer ledernen und fellbesetzten Schlafunterlage saß, beruhigte sie sich selbst durch gezwungen regelmäßige Atemzüge und seichtes Wippen des Oberkörpers bei angezogenen Beinen, die sie mit den Armen umschlungen hielt. Die feurigen Messerstiche quer durch den Kopf versuchte sie durch Bisse auf die Unterlippe auszublenden. Ihre Begleiterin kümmerte sich gerade noch um die letzten Handgriffe an der Hütte, hatte aber einsehen müssen, dass die Kaiserliche in diesem Zustand keine ernsthafte Hilfe mehr war.
Zusätzlich erinnerte sie die Situation an eine von zahlreichen Jagden mit Darius. Oft hatte sie mit ihm Zeit in den Wäldern an den Ufern des Ilinalta-Sees verbracht. Genau genommen am südlichen Ufer, wo sie ein sehr altes, verlassenes, kleines Blockhaus entdeckt hatten. Über den Verlauf mehrerer Jahre hatten sie dieses zu ihrer Zuflucht in den Sommermonaten ausgebaut und recht wohnlich eingerichtet. Es war dort gewesen, wo sie sich erstmals näher kennengelernt hatten. Es war dort gewesen, wo sie von ihrer gegenseitigen Lykantrophie erfahren hatten. Es war dort in der nahen Umgebung gewesen, auf einer Wiese zwischen Wald und See, dass er ihr bei der Arbeit an ihrem Totem der Jagd geholfen hatte. Und es war dort gewesen, wo sie sich das letzte Mal gesehen hatten.
Irgendetwas berührte Vesana an der Schulter und sie schreckte zusammen. Für einen kurzen Moment ließ der Kopfschmerz ihr Blickfeld verschwimmen, das ohnehin nur von einer kleinen Sturmlaterne erhellt wurde. Erst Aelas feste Stimme holte sie zurück ins Hier und Jetzt. „Es ist alles fertig. Lass uns aufbrechen, dann legen sich auch Deine Kopfschmerzen.“ Die Kaiserliche nickte nur benommen, als hätte ihr jemand einen Holzknüppel über den Kopf gezogen. Im Anschluss stemmte sie sich steifbeinig hoch und begann wie auch die Nord damit, sich auszuziehen. Jacke und Hose legte sie ans Kopfende des Nachtlagers nahe der Außenwand des kleinen Schuppens, die Stiefel stellte sie ans Fußende in die Nähe ihres Felleisens und ihrer Waffen. Als letztes, bereits vor Kälte heftig zitternd, streifte Vesa ihre Tunika über ihren Kopf, warf sie auf das Nachtlager und befreite die langen Haare aus dem Knoten am Hinterkopf. Noch immer klamm fielen sie ihr auf die Schultern und kitzelten die Haut.
„Dann mal los.“ Aela nickte in Richtung Tür und lief auch direkt los. Ihre nackten Füße hüllten sich schnell in braunes Schmutzwasser auf ihrem Weg dorthin und gleich darauf verschwand ihre sich hell vor den dunklen Wänden abhebende Gestalt durch den Eingang. Die Kaiserliche löschte noch die Laterne. Mit der plötzlich alles verschluckenden Dunkelheit verschwand auch ihre Orientierung im Hier und Jetzt, sie gab sich auf und verlor sich nicht nur im Dunkel der Welt, sondern auch in dem ihrer Gedanken.


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Bahaar
04.04.2014, 18:54
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Leise platschend schwappten die kühlen, kleinen Wellen gegen ihre nackten Knöchel. Das dunkle Wasser des Sees lag ruhig in der Abenddämmerung vor ihr und leichte, frische Frühlingsbrisen spielten mit Vesas offenen Haaren, während sie ihr einen Schauer nach dem anderen über die unbedeckten Arme jagten. Widerspenstig stellten sich die Härchen dort auf und ließen ihre Haut wie die eines gerupften Huhns erscheinen. Sie hatte sie vor der Brust verschränkt und hielt sich nahe den Ellbogen an den Oberarmen fest. Die leichte, helle Tunika, die sie trug, wärmte nicht wirklich, und auch wenn es ein erstaunlich milder Frühling war, der das Jahr 4Ä 201 kennzeichnete, so schien die Sonne in den Abendstunden der Tage der Zweiten Saat schnell an Kraft zu verlieren.
Leichtes Zittern hielt den Körper der Jägerin gefangen, aber nicht nur die kalten Füße unter der ruhigen Wasseroberfläche oder die kühlen Windstöße riefen es hervor. Eine innere Unruhe und Kälte hielt sie in festem Griff. Weder verspürte sie Hunger oder Appetit, noch schaffte sie es, sich vom Anblick des Ilinalta-Sees im Schein der wolkenlosen, glutroten Abenddämmerung und seiner hypnotisierenden Wirkung loszureißen. Ihre Gedanken drehten sich seit Stunden im Kreis wie die Tänzer auf Volksfesten, nur nicht so unterhaltsam, und die Eingeweide verdrehten sich ähnlich wirbelnd ineinander. Es war Sorge, die sie plagte. Sorge, und Furcht.
Verhaltenes Rauschen drang von hinten an ihre Ohren, als ob jemand durch das flache Uferwasser watete. Eine größere Welle brach sich an ihren Waden und schon im nächsten Moment spürte sie einen kräftigen Arm um ihre Taille liegen, der sie gegen die Seite eines kräftigen Körpers und seine Schulter drückte. „An was denkst Du?“ Darius‘ gedämpfte, dunkle Stimme unterbrach ihre Abwesenheit.
„An meinen Vater.“
„An was genau?“ Sie spürte, wie er mit dem Daumen der Hand an ihrer Seite sanft und langsam hin und her strich, als wollte er sie beruhigen. Es half nicht viel, das Zittern ihres Leibes hielt an und es kam ihr auch nicht in den Sinn sich zu ihm umzudrehen, die Arme auszubreiten und ihn festzuhalten.
„Wie er meine Mutter getötet, Emilia vertrieben und unsere Familie zerstört hat.“ Die Bitterkeit in ihren Worten schnitt durch die Abendluft wie ein Messer durch Streichfett. Der Kaiserliche an ihrer Seite wusste es besser, als sie zu korrigieren. Natürlich hatte ihr Vater seine Gattin und ihre Mutter nicht direkt ermordet, das hatten andere wegen ihm getan. Auch Emilia, ihre Schwester, hatte er nicht direkt fortgejagt, sie war einfach weggelaufen. Aber am Ende kam es auf dasselbe hinaus und es blieb seine Schuld. Vesa fühlte sich jetzt in diesem Moment genauso einsam und verlassen wie in den Wochen und Monaten nachdem auch sie ihrem Vater den Rücken zugekehrt hatte – und das obwohl Darius direkt neben ihr stand.
„Warum denkst Du an ihn?“ Ihr Geliebter tastete sich vorsichtig weiter in diesem Themenfeld voll Fallstricke. Es stand außer Frage, dass er wenigstens im Ansatz wusste, wie sie sich fühlte, aber wie so oft versuchte er sie zum Reden zu bringen. Ihr die Last, die ihre Schulten nach unten zog, zu nehmen und mit ihm zu Teilen.
„Weil …“ Ihr blieben die Worte im Hals stecken.
„Weil?“ Er flüsterte in zwischen, ganz nahe an ihrem Ohr und küsste sie seitlich auf den Hinterkopf. Die sonst immer beruhigend wirkende Geste sorgte in diesem Moment nur für ein verstärktes Gefühl, als rührte ihr eine eiskalte Hand im Bauch herum. Vesana senkte den bis dahin starr auf die ebenholzfarbene Wasseroberfläche gehaltenen Blick. Heiße Tränen brannten ihr in den Augen und lösten sich mit dem nächsten Blinzeln, als ihr Kinn auf dem Brustbein ruhte. Vergeblich versuchte sie so das Zittern des Kiefers und der Lippen zu unterdrücken.
„Weil Du mich genauso allein lassen willst“, fand sie schließlich den Mut, es auszusprechen und legte gleich darauf den Kopf in den Nacken. Das salzige Wasser ließ ihre Sicht verschwimmen, aber der feuerrote Himmel strahlte noch immer über ihnen – ein schöner Anblick, für den sie im Moment nichts übrig hatte.
„Vesa …“ Darius klang hilflos, ein wenig verzweifelt vielleicht, als würde ihm ein Ansatz fehlen, mit ihr umzugehen und sie zu beruhigen. Sie merkte aber auch, dass ihn ihre Worte sehr trafen und sich eine Note des Schmerzes in seine Stimme hineingeschlichen hatte. Er trat vorsichtig um sie herum und stellte sich vor sie, doch sie wand das Gesicht ab, schaute an ihm vorbei auf das Wasser und auch als er sie an sich drückte, lösten sich ihre Arme nicht aus ihrer Umklammerung umeinander. Jede Veränderung ihrer Haltung musste er mit sanfter Gewalt herbeiführen. Erst trennte er ihre Arme, dass sie kraftlos an ihren Seiten hingen, dann legte er ihren Kopf gegen seine Schulter und hielt sie mit der einen Hand fest, während die andere durch ihr Haar zu streichen begann. „Das ist nicht … gerecht“, erwehrte er sich ihres Vorwurfs. Natürlich sprach er die Wahrheit und dieser Umstand ließ sie sich noch weiter in sich zurückziehen. Lediglich ein heftiges Zucken, als der erste Schluchzer ihrer Kehle entschwand, verriet dem Kaiserlichen ihren Gefühlszustand. Die Augen fest zusammengekniffen rollten ihr dennoch dicke Tränen aus den Winkeln und über die Wangen hinab. Sie schlugen zweifelsohne schwer auf seiner nur von dünnem Stoff bedeckten Schulter auf.
Ihr Geliebter drückte sie fester an sich und erst in diesem Moment brach Vesas Widerstand. Ihre schlanken Finger krallten sich an Darius‘ Seiten fest wie die Füße eines Adlers in seine Beute. Sie krampften regelrecht, als weiteres Zucken durch ihren Leib fuhr und sie die immer häufiger werdenden Schluchzer kaum noch zu unterdrücken vermochte. Dazu kam das heftigere Zittern, als sich die Kälte des Wassers langsam an ihren Beinen emporarbeitete und die Sonne, den Nachthimmel freigebend, weiter hinter den Bergen und Wäldern verschwand. „Heh.“ Er versuchte, sich etwas von ihr zu lösen und das Gesicht in seine großen Hände zu nehmen, doch sie schlang die Arme fester um ihn und drückte sich an ihn.
Heftiges Pochen in ihrer Brust ließ die Rippen schmerzen und das Luftholen fiel ihr schwerer. Es war, als würde ihr Körper in Ohnmacht fallen und ihr die Kontrolle entziehen, nur dass sie das Bewusstsein behielt. Anstatt zu versuchen, sie anzuschauen, schob ihr Darius nun die kraftvollen Arme unter das Gesäß und hob sie hoch. „Lass uns wenigstens aus dem Wasser gehen. Du erfrierst sonst noch“, erklärte er sich. „Dann reden wir, einverstanden?“ Vesana antwortete nicht, ließ ihn aber auch widerstandslos gewähren.
Wenig später setzte er sich ins Gras am ebenen Ufer und schob seine Beine an ihr vorbei. Wie ein Strauß geknickter Blumen lehnte sie gegen ihn. „Vesa … Ich kann nicht einfach hierbleiben und die Möglichkeit verstreichen lassen, Marius zu befreien“, setzte er schließlich an, als er durch zartes Streicheln ihres Rückens und Kopfes wenigstens das Schluchzen etwas eingedämmt hatte.
„Ich weiß …“ Sie zog den Rotz hoch, als sie merkte wie schwer es ihr fiel zu sprechen.
„Dann weißt Du auch, dass ich Dich nie im Stich lassen würde, wie Dein Vater“, flüsterte er weiter. „Ich lüge Dich nicht an und meine Verpflichtung gilt einzig und allein den Menschen, die mir am nächsten stehen: Meiner Familie – Dir, und meinem Bruder.“ Seine Worte wirkten niederschmetternd. Nicht, weil es die Jägerin nicht berührte, sondern weil es ihr bewusst werden ließ, wie weh sie ihm getan hatte, als sie ihm in ihrem Schmerz vorgeworfen hatte, wie ihr Vater zu sein.
Vesa löste sich vorübergehend aus seiner Umklammerung, drehte sich seitlich und zog die Beine ein. Ihre Schulter unter seinen Arm klemmend, legte er diesen um sie, während sie ihren Kopf an seinem Hals vergrub. „Ich will nicht, dass Du gehst“, entrang es sich ihrer Kehle, rau und fragil wie ein Kartenhaus.
„Ich weiß. Mir bleibt nichts anderes übrig. Ich kann meinen Bruder nicht einfach in den Fängen der Silbernen Hand lassen.“ Sie schwieg. „Das verstehst Du doch. Für Emilia würdest Du doch dasselbe machen.“
„Ich will mitkommen.“
„Nein.“ Seine sonst weiche, einfühlsame Stimme gewann plötzlich an bestimmender Festigkeit, die sie erschrecken und ihr Herz einige unangenehme Sprünge mit langen Pausen dazwischen vollführen ließ. „Versprich mir, dass Du mir nicht folgen und auch nicht später nachkommen wirst.“
„Warum?“
„Weil ich mich sonst auch noch um Dich sorgen müsste und das würde eher dazu führen, dass keiner von uns zurückkehrt. Wenn Marius noch lebt, muss ich mich auf ihn konzentrieren, um ihn lebend herauszuholen. Bist Du dabei, kann ich das nicht.“ Wieder antwortete die Kaiserliche nicht, spürte aber wie der Griff ihres Freundes sich verfestigte. „Versprich es mir, Vesa. Bitte versprich es mir.“ Sie atmete tief durch, oder versuchte es zumindest. Viel mehr als ein klägliches Rasseln bekam sie nicht zustande. Schwindelgefühle hielten sie gefangen und es fühlte sich so an, als würde Darius unter ihr davonschwimmen wie Treibgut unter einem Ertrinkenden.
„Hm“, bekam sie schließlich heraus.
„Bitte sage mir, dass Du es versprichst.“
„Ich … verspreche es.“ Er küsste sie lange auf den Kopf und strich ihr durchs Haar. Ein nur teilweise angenehmer Schauer rann ihr den Rücken hinab.
„Danke“, flüsterte er nun wieder.
„Es ist Selbstmord.“
„Nicht mit den Resten meines alten Rudels. Wir können das schaffen.“
„Es stinkt nach einer Falle. Nach all der Zeit kommen sie plötzlich wieder und wollen Deine Hilfe. Und erst als Du ablehnst, sagen sie, dass Dein Bruder gefangen gehalten wird …“
„Welchen Grund hätte auch nur irgendein Werwolf einen anderen der Silbernen Hand zu übergeben?“, konterte Darius. „Die Hand geht keinen Handel mit Wandelwesen ein.“ Wieder hatte er Recht, aber das beruhigte Vesana nicht. Sie wollte ihm sagen, dass er ihre Hilfe gebrauchen könnte, dass er nicht auf sie aufpassen musste, sondern das gut selbst konnte. Doch biss sie sich auf die Zunge. Es war zu spät dafür, seine Entscheidung gefällt und ihr Versprechen gegeben.
Zum ersten Mal, seit er ihr von seinem Vorhaben erzählt hatte, schaute die Kaiserliche ihren Geliebten wieder an. Auf wenige Handbreiten Abstand gegangen, blickte sie ihm ins von dunklem Haar eingerahmte Gesicht. Die Sterne und die kurz vor Halbmond stehenden, zunehmenden Monde warfen silbernes Licht auf sein Antlitz. Die lange, dünne Narbe in der linken Gesichtshälfte zeichnete sich als etwas dunklerer Strich ab. Zaghaft und gequält versuchte er ihr ein Lächeln zu schenken. Mit den kraftvollen Händen strich er ihr einige Strähnen hinter die Ohren und wischte mit den Daumen die Tränen unter ihren Augen von den Wangen. „Lass uns einen Moment nicht mehr daran denken. Du weißt, dass ich Dich nicht hier zurücklassen würde, wenn ich es nicht für absolut notwendig befinden würde. Und ich würde mich freuen, wenn Du mir auch dieses Mal das Vertrauen schenkst, das Du auch sonst in mich hast.“ Sein schmales Lächeln gewann an Kraft und Aufrichtigkeit, als würde er sich all ihrer gemeinsamen Momente erinnern während er sprach.
Die Jägerin legte ihre Linke auf seine Rechte, die noch immer an ihrem Gesicht ruhte und schob sie näher an ihren Mund heran. Ohne die Augen von seinen zu nehmen, küsste sie ihn auf den Handballen und legte seine Hand von ihrer Umklammert in ihren Schoß. „Danke“, wisperte er. Unfähig zu sprechen, mit einem dicken Kloß im Hals, und zahllosen Tränen, die ihr über die Haut perlten, schaute sie ihn an. Im zuliebe versuchte sie sich an einem Lächeln, scheiterte aber vorerst. „Noch bin ich hier und ich werde nicht lange fort bleiben“, versuchte er sie aufzumuntern und legte seine Hand auf ihre Hüfte. Kurz warf er einen Blick hinauf zum Himmel und zu den beiden Monden. „Lass uns die Nacht noch ein bisschen genießen und Dich auf andere Gedanken bringen, ja?“ Er schaute sie wieder ein und trug ein schmales Grinsen auf den Lippen, das seinen festen Zügen etwas Raubtierhaftes, Herausforderndes verlieh. Seine Augen durchbrachen dieses Bild jedoch wie Risse ein altes Gemälde. In ihnen spiegelte sich etwas, dass nichts mit der verlangenden Selbstsicherheit seiner Mimik gemeinsam hatte. Sie glitzerten feucht und wirkten auch für die silberne Dunkelheit der Nacht unnatürlich geweitet. Angst schimmerte in ihnen, wie in den Augen eines erlegten Tieres kurz bevor es starb.
„Ich weiß nicht …“ Eigentlich wollte sie lieber noch eine Weile ruhig in seiner Nähe verbringen, seinen Duft, seine Wärme und das Gefühl der Geborgenheit in sich aufsaugen, bevor er aufbrach. Vesana wollte das Gefühl verdrängen, dass sie ihn so schnell nicht wiedersehen würde. Andererseits hatte Darius wieder einmal Recht, dass es verschwendete Zeit war und sie sie lieber noch etwas genießen sollten. Zumal auch er wohl noch etwas Ablenkung gebrauchen mochte.
Ohne ein Wort zu sagen, beugte er sich vor, küsste sie auf den Mund und drängte sie verlangend zu Boden. Während sich ein überraschtes Quieken ihrer Kehle entwand fixierte er ihre Hände an den Handgelenken im kühlen, feuchten Gras neben ihrem Haupt. Er löste sich nicht von ihren Lippen während er sich gänzlich über sie schob und verhinderte, dass sie sich befreien konnte. Jeden der immer schneller werdenden Herzschläge, den die beiden so verbrachten, trockneten die Tränen der Kaiserlichen weiter aus und sie begann die wilde Zärtlichkeit zu erwidern. Die Augen geschlossen spürte sie, wie es ein breites Lächeln auf die groben Lippen ihres Liebsten zauberte und wie es sie mitriss.
In einer schnellen, eleganten Bewegung zog Vesa die Beine an, drückte sie von unten gegen Darius‘ Oberkörper und schob ihn von sich. Überrumpelt keuchend fiel er zur Seite von ihr hinunter. Schnell rollte sie sich hinüber und kniete nun direkt über ihm, auf seinem Bauch sitzend und seine Hände fixierte sie, indem sie ihre Finger mit den seinen verschränkter. „Darius Gallean, Ihr habt gelegentlich höchst kuriose Anwandlungen“, tadelte sie ihn und blickte auf ihn hinab. Noch im selben Augenblick begann er jedoch zu lachen und sie entblößte die Zähne in einem breiten Grinsen.
„Mag sein, Fräulein Calvianus.“ Unvermittelt zog er ihre eine Hand so zurecht, dass er mit den Fingern der anderen Hand trotz deren Verschränkung mit ihren eigenen ihr Handgelenk zu fassen bekam. So fixiert befreite er sich schließlich teilweise und nutzte die nun freie Linke, um hier in den Bauch zu kneifen. Sofort zuckte Vesana und wand sich, um seinen kraftvollen Fingern und ihrer kitzelnden Gefahr zu entgehen.
„Lass das!“, forderte sie, doch anstatt zu gehorchen setzte er sich auf und warf sie auf den Rücken. Zwar befreite die Jäger währenddessen ihre Hände, aber gegen seine viel kräftigeren Arme konnte sie sich nicht erwehren und so rollte sie an den Beinen auf den Boden gepresst von der Hüfte aufwärts hin und her, quiekend und kichernd wie irgendein Kind, das von seinem Bruder ausgekitzelt wurde. „Hör … auf!“, forderte sie in den Momenten, in denen sie einmal kurz Luft holen konnte.
„Nein“, lachte er. „Niemals!“ Während sie sich durch das Gras wälzte, begann irgendwann ihr Bauch zu schmerzen und die Lungen brannten, aber nicht unangenehm. Wäre es nicht Nacht gewesen und hätte Darius ihre Tunika hochgeschoben, ihre Haut hätte wohl feuerrot geschimmert. Aber zum Glück kitzelte er sie noch durch den Stoff, was den Effekt wenigstens geringfügig abmilderte.
Das änderte sich jedoch im nächsten Moment. „Darius, nein!“ Allerdings war es schon zu spät. Seine Hände schob er unter ihre Tunika und zwickte sie auf Höhe des Nabels quer über den Bauch. Durch den Stoff geschützt bekam sie seine Arme nun noch weniger zu fassen und ihre Gegenwehr erstarb zunehmend, während sie immer weniger Luft bekam und sich krümmte und wand wie ein kleiner Regenwurm an der Erdoberfläche. Während ihr Geliebter lachend seine teuflische Folter fortsetzte, glitt Vesanas Blick über den nächtlichen Himmel und blieb an den kaum noch sichelförmigen Monden hängen. Ein tiefes Knurren rollte ihren Hals hinauf und Darius brach für einen Moment ab, bevor er lachend nach hinten umfiel und sich im Gras krümmte.
Unteressen hievte sich die Jägerin auf die Füße und hielt sich den Bauch, während sie in Richtung See flüchtete. „He! Nicht weglaufen! Ich bin noch nicht fertig!“, rief ihr der kräftigere Kaiserliche hinterher, doch sie hörte nicht. Im Laufen zerrte sie sich ihre Tunika über das Haupt vom Leib und eilte platschend in die schwarzen Fluten des Ilinalta-Sees. Als ihr das Wasser bis über die Knie reichte, tauchte Vesa in einem flachen Kopfsprung in die Fluten ab. Die Kälte des Wassers kroch ihr schnell unter die Haut und begann bereits zu zwicken, noch bevor sie überhaupt wieder aufgetaucht war. Sie zögerte dies aber ohnehin noch etwas hinaus und gab sich stattdessen dem silbernen Schein hin, der sich an der Wasseroberfläche über ihr in den zahlreichen kleinen Wellen brach.
Das Knacken der sich verschiebenden, ausdehnenden Knochen klang von den Fluten gedämpft nur wie etwas lauteres Rauschen der Wassermassen. Dafür verschwand die Kälte, als ihre Haut sich verfestigte und dunkles Fell hervorwuchs. Außerdem klarte sich ihre Umgebung allmählich auf und ihr Herzschlag hallte mit einem Mal laut und aufgeregt in ihren Ohren wider, als schließlich auch ihre Sinne an Sensitivität gewannen.
Die Wölfin tauchte einen Moment länger unter der Oberfläche zurück in Richtung Ufer, allerdings etwas abseits der Stelle, wo sie zuvor in den Fluten verschwunden war. Langsam und leise schälte sie sich aus dem Wasser, bis sie Darius entdeckte der ratlos in der Nacht stand. „Vesa?“, rief er. Ein wenig sorgenvoll schien er ihr schon zu sein, was sie dazu veranlasste die Lefzen in einem animalischen Grinsen zurückzuziehen. Leise knurrte sie und verließ das Wasser lautlos. Mit trockenem, festem Boden unter den Füßen beschleunigte die Kaiserliche drastisch. „Vesa, wo bi-“, Darius brach ab, als sie ihn ansprang und zu Boden riss. Es mochte für einen Außenstehenden sicherlich gefährlich und aggressiv wirken, doch es handelte sich vielmehr um eine Geste der Zuneigung, denn kaum lag er im Gras schleckte sie ihm quer über das Gesicht. „So ist das also!“, stieß er aus und versenkte seine Finger im Fell hinter ihren Ohren.
Mit kreisenden Bewegungen massierte er sie dort. Die Augen geschlossen hielt sie regungslos über ihrem Liebsten inne, tropfte ihn nur von Kopf bis Fuß voll, genoss ansonsten aber seine Zärtlichkeit. Ihr Herz raste und sämtliche Kälte schien wie weggeblasen. Stattdessen wurde ihr regelrecht heiß. Doch sehr lange hielt sie nicht aus. Ruckartig sprang sie von ihm hinunter und rollte sich in einigen Schritten Entfernung ab. Dort wandte sie sich Darius zu und wedelte auf allen Vieren mit dem buschigen Schwanz hin und her wie ein Hund der darauf wartete, dass sein Herrchen den Stock ein weiteres Mal warf. Der Kaiserliche lachte, als er sich aufrichtete und sie anschaute. Provozierend knurrte die Wölfin ihn an, ruckte kurz näher an ihn heran, schnappte mit den Kiefern und sprang dann wieder zurück. „Schon gut, ich habe begriffen!“, lachte der ziemlich nass gewordene Mann und begann damit den Gürtel um seine Tunika zu lösen.
Sie beobachtete ihn dabei, wie er sich vollständig entkleidete. Seinen kraftvollen, muskulösen Körper in all seinen hellen Graustufen musternd, glitten ihre wachen Augen von dem bärtigen Gesicht über seine breiten Schultern und die Brust mit der langen Narbe vom rechten Schlüsselbein bis quer hinab zum Herzen. Es schloss sich der stramme Bauch an und bevor ihre Augen mit verlangendem Forscherdrang, begleitet von rolligem Knurren, weiter an ihm hinabgleiten konnten, begann er mit seiner Transformation. Fasziniert blieb ihr Blick auf ihm haften, während sich Darius krümmte und sich seine Proportionen verschoben. Seine Haut dunkelte ab, dunkler noch als ihre eigene, das Fell kohlrabenschwarz und die Augen leuchtendgelb mit einem Schimmer von Nussbraun an den Rändern. Er überragte sie wie auch als Mensch etwa um einen halben Kopf und als die Muskelspasmen schließlich abklangen, kam er langsam zu ihr hinüber.
Vesana überwand ihre Starre im Anblick seiner imposanten Wolfsform und sprang ihn an. Knurrend und sich durchs Fell schleckend rollten die beiden Werwölfe über die Wiese wie ein einziges Knäul als Armen und Beinen. Erst als sie im Wasser des Sees landeten lösten sie sich. Kurz voreinander stehend war es Darius, der sich zuerst wieder in Bewegung setzte und auf den nahen Wald am Rand der freien Wiesenfläche am Ufer zu spurtete. Die Kaiserliche folgte ihm und holte schnell auf.
Kopf an Kopf hasteten sie durch den dichten Wald, sprangen auf größere Felsen, nutzten Bäume um sich weiter vorwärts zu katapultieren und ignorierten niedrige Zweige und kleinere Tiere, die in ihrer Nachtruhe gestört erschrocken das Weite suchten. Erst ein großer Hirsch zog ihre Aufmerksamkeit auf sich, nachdem sie bereits einige Rehe links liegen gelassen hatten. Darius und Vesana kreisten ihn im Unterholz als lautloser Tod ein und ohne, dass es eines Signals bedurfte, sprangen sie das prächtige Tier gleichzeitig an. Während einer von ihnen ausgereicht hätte, um ihn umzuwerfen, hörte sie wie unter dem doppelten Druck die Rippen des Hirsches nachgaben, als er nicht einfach umfallen konnte.
Ihm fehlte die Kraft zum Heulen oder Schreien, während die Wölfe mit langen, ausgefahrenen Klauen in seinen Flanken hingen wie Zecken. Vesa ließ sich etwas nach unten rutschen, zog dabei tiefe Schnitte hinter sich her, und schnappte gleich darauf nach der Kehle ihrer Beute. Ihr Liebster versuchte diese stattdessen im Genick zu erwischen. Der Kampf dauerte nicht lange. Durch Blutverlust, Schmerz und das zusätzliche Gewicht geschwächt ging ihr Opfer in die Knie und schon im nächsten Moment versanken die scharfen Reißzähne der Wölfe in seinem Hals. Schnell machten sie sich über den noch warmen Kadaver her.
Ab und an schubsten sie sich gegenseitig zur Seite und knurrten sich an, nur um sich gleich darauf durch das Fell zu lecken oder an den spitzen Ohren zu knabbern. Ihre buschigen Schwänze rangen miteinander während sie nebeneinander auf allen Vieren stehend die Haut des Hirsches zerlegten, das Fleisch der Flanken unter sich aufteilen und gemeinsam die Rippen aus dem Weg zerrten. Darius wühlte sich als erster durch die Eingeweide und zog irgendetwas mit seiner blutverschmierten Schnauze aus dem entstellten Körper. Vesa erkannte es als das große, kraftvolle Herz ihrer Beute. Der Kaiserliche ließ es fallen und zog sich einen Schritt zurück, während sie ihn beobachtete. Kurz stupste er den noch zuckenden Muskel mit der Nase an und hielt das Haupt dann gesenkt. Eine regelrecht unterwürfige Geste. Aufgeregt knurrend und sich ihm direkt gegenüber mit einem schnellen Satz in Stellung bringend, schlug die Wölfin dann ihre Fänge in die Lebenspumpe und schlang sie hinab.
Gleich darauf sprang sie Darius an, riss ihn zu Boden und kugelte mit ihm durch das Unterholz, heulend und sich gegeneinander reibend. Sie lösten sich aber bald wieder voneinander und rannten abermals los. Die Nacht war jung, ihr Appetit groß und die Zeit knapp.

Leises Rascheln veranlasste Vesana dazu, die Augen zu öffnen. Von einer molligen Wolldecke bedeckt und die Haare wild über Gesicht und Nachtlager aus zahlreichen neben- und übereinanderliegenden Tierfellen verteilt, holte sie in einem langgezogenen Seufzen Luft. „Entschuldige, ich wollte Dich nicht wecken.“ Darius dämpfte seine Stimme, als wolle er das komfortable Halbdunkel ihres Schlafraumes nicht vertreiben.
Die Kaiserliche ordnete ihr Haar mit einigen Handstrichen soweit, dass es ihr wenigstens nicht mehr ins Gesicht fiel und setzte sich auf. Die Decke legte sie sich um die nackten Schultern und wickelte sie um die angezogenen Beine. „Wie spät ist es?“, fragte Vesa und rieb sich den Schlafsand aus den Augen.
„Früher Morgen. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, braucht aber sicher nicht mehr lange.“ Ihre Augen wanderten über den Leib ihres Geliebten, mit dem die Jägerin in der letzten Nacht noch einmal eine intensive und befreiende Zeit verbracht hatte, stellten aber mit stillem Bedauern fest, dass er bereits Hose, Stiefel, Tunika und leichte Lederrüstung trug. Sofort verkrampften sich ihre Eingeweide und es fühlte sich an, als wich ihr sämtliche Farbe aus der Haut.
Darius verstaute gerade noch ein Paar Handschuhe in einem Felleisen, bevor er erneut zu ihr aufschaute und mit gesenkten Augenbrauen ihren wohl entglittenen Gesichtsausdruck bemerkte. Langsam setzte er sich vor sie auf die vielen Lagen Felle, mit denen sie die hintere Hälfte einer Kammer in ihrem beschlagnahmten Blockhaus wadenhoch ausgelegt und so eine echte Spielwiese geschaffen hatten. Im spärlichen Morgenlicht, das durch ein winziges Fenster oberhalb der Nachtstatt ins Innere fiel, wirkte Darius ausgesprochen trübsinnig, seine dunklen Augen nahezu unergründlich. Falten zeichneten seine Stirn, die Kiefermuskulatur wirkte angespannt und die Nasenflügel waren geweitet. Es war unverkennbar, dass ihm der Abschied nicht gefiel, er sich aber gleichzeitig verpflichtet fühlte aufzubrechen und sie hier zu lassen. Die Pflicht seinem Bruder gegenüber trieb ihn an, während jene Vesa gegenüber ihn zum Bleiben zu bewegen suchte.
Er strich ihr eine Strähne hinters Ohr und beugte sich vor sie zu küssen. Zwar erwiderte sie die Geste, doch es fiel ihr schwer, dem nachzugeben. Mit den freien Händen versuchte sie ihn festzuhalten, als er sich von ihr löste und ihr ein trauriges Lächeln schenkte, doch fehlte ihren Fingern die Kraft. Seine Augen wirkten schmerzerfüllt, während sein Mund Zuversicht zu signalisieren versuchte. Im nächsten Moment griff sich der Kaiserliche in den Nacken und streifte eine glitzernde Halskette von sich, an der ein Amulett in der Form eines Hirschkopfes baumelte. In einer fließenden Bewegung beugte er sich abermals vor, seine Lippen streiften ihre Stirn, und legte ihr den Talisman um. Vesanas Lippen bebten unkontrolliert und sie spürte abermals das salzige Brennen von Tränen in ihren Augen. „Den will ich wiederhaben“, flüsterte Darius und schaffte es diesmal ein Lächeln voll Hingabe und Zuneigung zustande zu bringen. Zwar vermochte es nicht seine eigene Sorge und das Bedauern gänzlich zu vertuschen, aber er schien nun wieder gefasster. Die Befürchtung, dass er ihr sein Familienamulett womöglich nur deswegen gab, damit es im Ernstfall nicht in einer Schatztruhe der Hand verstaubte, und nicht als Versprechen wiederzukehren, versuchte sie möglichst tief in eine dunkle Ecke ihres Verstandes zu drängen. Aber die Eiseskälte, die sie mit diesem Gedanken verband, sandte dennoch unangenehme Stiche durch ihren Bauch.
„Geh‘ nicht!“, flehte Vesana mit so stark zitternder Stimme, dass es schien als würde sie jeden Augenblick zerspringen wie Glas.
„Ich muss. Aber ich verspreche Dir, dass sie mich nicht kriegen werden und wir uns bald wiedersehen.“ Damit erhob er sich und schulterte den Tornister, an dem außen je ein Bogen, Köcher und Schwert hingen. Die Züge des Kaiserlichen mit den schwarzen Haaren im Linksscheitel und dem gepflegten Kantenbart verschwammen vor ihren Augen, als die ersten Perlen ihre Wangen hinabrannen.
„Nein, bleib!“, rief sie ihm nach, als er durch die Tür verschwand und sie im Halbdunkel wie eingefroren allein zurückblieb. Er hörte nicht, schloss die Eingangstür des kleinen Hauses und war fort.


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Bahaar
19.04.2014, 16:46
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Das Wetter hatte sich am nächsten Morgen nicht gebessert und so kämpften sich die beiden Frauen weiter durch die widrigen Bedingungen Richtung Norden und näher an die Wälder heran. Aufgrund des Mangels an menschlicher Beute schlug sich der Hunger stärker auf Vesanas Befinden nieder und die tobende Bestie in ihr schien sich einen Weg aus ihrem Innern nach außen graben zu wollen – zumindest fühlte sich das Hämmern und Ziehen in ihrem Schädel und das Krampfen des Magens so an. Entsprechend anstrengend empfand es die Kaiserliche mit Aela schrittzuhalten, die augenscheinlich weniger stark unter dem bevorstehenden Vollmond zu leiden schien. Noch dazu hallten die Bilder der letzten Nacht, die wie in Trance die Jagd überlagert hatten, noch immer vor ihrem inneren Auge wider – eine Last, die die Nord sicherlich nicht verspürte.
„Sollen wir eine Pause einlegen?“, fragte die Rohaarige, nachdem sie einen Moment lang gewartet hatte, um Vesana aufschließen zu lassen.
„Lieber nicht“, entgegnete diese zähneknirschend. Obwohl die bloßen Erschütterungen ihrer Schritte immer wieder heftige Stiche durch ihren Kopf jagten, war das immer noch besser als in einem Moment der Ruhe nichts zu haben, um sich zur Ablenkung mit den Gedanken daran festzuhalten – und wenn es nur der nächste Schritt war. Würde sie sich setzen, das Biest in ihr mochte vor Hunger und Fresssucht losbrechen. Der Gedanke behagte Vesa keineswegs.
„Wie Du willst.“ Aela nickte nur und lief weiter. „Bei der Geschwindigkeit schaffen wir es ohnehin nicht mehr bis zu den Wäldern, allenfalls den vorgelagerten Ausläufen, daher würde eine Rast auch keinen Unterschied mehr machen.“
„Danke, aber eine Pause würde mir gerade nicht gut bekommen.“ Aela wandte ihr im Gehen kurz den Blick zu, musterte sie und nickte dann verstehend, bevor sie sich wieder nach vorne wandte. Wenn die Kaiserliche so aussah, wie sie sich fühlte – von Übelkeit und Kopfschmerz verzehrt – dann musste sie kreidebleich sein und rotstarrend-gereizte Augen haben.
„Es sollte nicht mehr sehr weit sein, bis wir die ersten vorgelagerten Wäldchen erreichen. Vielleicht sollten wir doch nicht ganz so weit ziehen und dafür länger jagen. Sicher sind wir hier allemal“, überlegte die Nord laut. An sich keine schlechte Idee und die Vesana merkte, wie die Bestie in ihr freudig tobte. Der die Blitze durch das Haupt ließen vorübergehend geringfügig nach, als ob ihr die Wölfin die Möglichkeit geben wollte, schneller ans Ziel zu gelangen, damit für sie auch mehr Zeit zum Jagen übrig blieb.
„Das entscheidend wir, wenn wir dort sind“, bemühte sich die Kaiserliche um Vernunft und erhielt einen heftigen Stich durch die Schläfe zum Dank. Leise stöhnend verzog sie das Gesicht und presste die Hand an die Kopfseite.
Es dauerte letztlich nicht allzu lange, bis sich eine Baumgruppe unweit vor ihnen aus dem grauen Schleier des anhaltenden Regens schälte. Groß genug, um Schutz vor Wind und Wetter zu bieten, aber dennoch kaum mehr als eine grüne Insel im Braun des herbstlichen Tundragrases. Die beiden Frauen schlugen sich einen Weg ins Innere und fanden sich zwischen den im unteren Bereich kahlen Stämmen der mittig liegenden, hohen Nadelbäume. Zwar tropfte durch den kontinuierlichen Guss noch reichlich Wasser durch das von unten dicht wirkende Dach, aber immerhin waren sie aus dem direkten Regen hinaus und konnten sich etwas entspannen. Für ihre Zelte wäre reichlich Platz auf dem ebenen, von alten Nadeln und Zweigen übersäten Boden. Die Bäume formten regelrecht eine Art Grotte, in der nur gelegentlich ein kleiner Busch oder überhaupt etwas wuchs, erfüllt vom Geruch feuchter Moose und Nadeln, ebenso wie Harz und nassem Holz. Eine bittere Mischung, die sich gut in die nasse Kälte der Luft einfügte, als gehörten sie zusammen. Ein unangenehmer Schauer rann ihr an der Wirbelsäule hinab und sie schüttelte sich kurz, um ihn loszuwerden.
„Wenn Du mich fragst, Vesa, ist das hier perfekt.“
„Hmhmm.“ Sie ließ ihren Tornister von den Schultern rutschen. Sie setzte sich auf das Gepäck, schob die Kapuze nach hinten vom Kopf und nahm das Gesicht in die Hände. Tief Luft holend versuchte sie mit der Dunkelheit der beschattenden Hände die brennenden Augen etwas zu beruhigen.
„Ich sehe mich mal noch etwas um.“
Die Kaiserliche ließ ihre Hände sinken und stemmte sich hoch. „Ich auch.“
„Sehr gut. Du dort drüben“, Aela wies gen Süden und Westen, „ich dort“, und zeigte nach Osten und Norden.
„In Ordnung.“ Damit trennten sich die beiden Frauen. Vesa schulterte noch schnell ihr Schwert und den Bogen, dann machte sie sich daran die pflanzliche Grotte und ihre Randgebiete zu erkunden. Außer reichlich vielen, allerdings ungenießbaren Pilzen in der Nähe einiger umgestürzter, alter Bäume und ein paar Büsche an Stellen, wo das Dach lichter war, schien hier kaum etwas zu wachsen. Tiere schienen sich noch nicht hier her zurückgezogen zu haben, aber es war auch längst noch nicht Abend, so dass sich dieser fast schon unheimlich stille Umstand noch ändern mochte. Einige Efeuranken, allerdings längst verdorrt und abgestorben, hielten noch immer die Stämme einiger hoher Fichten näher am westlichen Rand umschlossen.
Allerdings umschlangen sie nicht nur die kräftigen Säulen der natürlichen Höhle, sondern auch noch einige größere, schwarze Steine, die zum Teil auch vom dichteren Unterholz des Waldrandes verhüllt wurden. Interessiert und zugleich allmählich etwas beunruhigt, wandte sich Vesana diesen zu. Langsam kniete sie sich neben einen der schwarzen, irgendwie deplatzierten Felsen und befreite ihn vom gierigen Griff der Ranken. Grobe, vom Wetter ausgewaschene Muster aus geschwungenen, ineinander verdrehten Gravuren zeichneten sich dort ob. Vorsichtig fuhr die mit dem Finger durch die Furchen, rieb etwas Erde heraus und befreite anschließend eine größere Fläche. Sie kannte die Steine, oder wusste zumindest, was sie bedeuteten und als sie sich erneut umsah, entdeckte sie noch eine ganze Reihe größerer Steine, die sich verteilt wie dunkle Mahnmale als Schatten zwischen den Zweigen des dichten Unterholzes abhoben. Drohend und wie rastlose Geister, denen sie eigentlich Ruhe verschaffen sollten, lauerten sie um undurchsichtigen Dickicht, als wären sie dafür verantwortlich, dass kaum etwas in diesem kleinen Wäldchen lebte.
Beunruhigt und mit unregelmäßig schlagendem Herzen erhob sich Vesa. „Aela“, zischte sie in die feuchtkalte Nachmittagsluft, die mit einem Mal abgestanden zwischen den Bäumen festzuhängen schien, wie ein Leichentuch über dem Grab, auf dem sie stand. „Aela!“, wiederholte sie etwas lauter.
„Vesa!“, kam es vom nördlichen Rand zurück, aber nicht als wäre es eine Antwort. „Vesa, komm her!“ Die Kaiserliche setzte sich in Bewegung und die Aufregung in ihren Adern verdrängte für den Moment die Kopfschmerzen und Magenkrämpfe in eine dunkle Ecke ihres Verstandes. Behände und flink folgte sie dem Ruf ihrer Gefährtin. Die Nord brauch einige Dutzend Schritte vor ihr aus dem Unterholz und hielt an. Der Ausdruck von Besorgnis – weit geöffnete Augen und der leicht offen stehende Mund – verriet Vesana bereits, dass ihre Befürchtung wahr war. „Ich glaube nicht, dass wir hier bleiben sollten. Wir befinden uns auf den Au-“, doch weiter kam sie nicht. Die Kaiserliche verlor plötzlich das Gleichgewicht, als sie auf weichen Grund trat. Sie versank bis zum Knöchel im lockeren Nadelteppich und blieb an einer dünnen Wurzel hängen, die zwar nachgab, aber dennoch wie eine Fußfessel wirkte. Erschrocken vollführte ihr Herz einen hektischen Satz und sandte einen Stich durch ihre Brust, der ihr kurzweilig die Konzentration raubte. Reflexartig hob sie die Hände, doch es nützte nichts. Anstatt brauchlinks auf dem Untergrund zu landen, versanken ihre Arme bis zu dem Schultern im Erdreich und ihr Oberkörper folgte. Die Wurzel zog an ihrem Fuß, doch vermochte sie nicht ihr Gewicht zu halten. Mit einem spitzen Schrei des Schreckens verschwand Vesa in einem tiefen Loch, brach durch feines Wurzelgeflecht und wurde von größeren abgelenkt, schürfte über grobe Steine und wurde nur langsam gebremst.
Erst nach einigen ihr schier endlos erscheinenden Augenblicken des Fallens begann die Wurzel um ihren Fuß sie doch noch zu bremsen, nicht sanft jedoch, sondern schlagartig, dass es ihr Hüftgelenk schmerzhaft knirschen lies und ihr einen weiteren Schrei entriss. Im spärlichen Licht, das von oberhalb zu ihr hinabfiel sah sie nur noch, wie sie auf eine Wand des von dicken Wurzeln gestützten, senkrechten Tunnels zu pendelte. Durchsetzt von groben Steinen gab es nichts, dass ihren Aufprall in seiner Wucht gebremst hätte, und so schloss sie kurz vor dem Aufprall mit die Augen …


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Bahaar
02.05.2014, 18:29
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Die Arme hingen taub und steif vom angestauten Blut nach unten. Der Kopf hämmerte, als würde Eorlund gerade ein Schwert darin schmieden und die Umgebung erschien ihr sowohl ton-, als auch formlos. Vesana blinzelte zwar, sah jedoch nichts. Sie glaubte Schemen zu erkennen, lange, drahtige Gebilde in dunklem Braun und mit feuchtem Glanz, doch verflüchtigten sie sich so schnell wieder, wie Schatten im Nebel. Wie ein Hirsch in der Brunft atmete sie schwer durch den Mund, die Nase verstopf ließ keine Luft hindurch. Bitteres Eisen hielt ihre Zunge und den Gaumen umschlungen, ließ ihre Kehle trocken wirken und erstickte jeden Laut noch bevor er entstehen konnte. An einigen Stellen ihres Körpers, von Kopf bis Fuß verteilt, brannte die Haut wie Feuer und einige heiße Tropfen rannen der Kaiserlichen über die Wangen ins Haar. Die kalte Luft, die ihr unter die hochgerutschte Jacke blies, spürte sie kaum und ließ sie nur gelegentlich schaudern. Das linke Bein spürte sie nicht, fühlte nur das unangenehme Ziehen in der Hüfte.
Wieder blinzelte die Kaiserliche und versuche mehr zu erkennen und sich zu erinnern, was passiert war. Während sich allmählich Rauschen auf ihre Ohren schlug, versuchte sie die gefühllosen Hände zu bewegen und sie so aus ihrem Schlummer zu befreien. Erfolglos. Das braune Geflecht um sie herum, aus teils dicken Streben, kam ihr in einem kurzen, klaren Moment, wie Wurzeln vor, doch das konnte unmöglich sein. Wieso sollte sie umgeben von Wurzeln sein? Hatte sie jemand begraben? Zwar fühlte sie sich gerade nicht besonders gut, aber tot war Vesa nun noch lange nicht.
Zorn stieg in ihr auf, ließ Aufregung durch ihre Adern pumpen und brachte etwas Gefühl in die Arme zurück, drängte das Rauschen in ihren Ohren zurück und machte Platz für neue Eindrücke. Während sie versuchte, mit den Händen einen der Lebensanker zu fassen zu bekommen, wurde ihr plötzlich bewusst, dass sie hing, kopfüber. Warum hing sie kopfüber in einem Wurzelloch? Inzwischen entwand sich ein leises, vom zunehmend heftiger werdenden Kopfschmerz gequältes Stöhnen ihrer Kehle. Das mit den Bewegungen der Arme abklingende Rauschen in ihren Ohren stammte somit auch nicht von Regen, wie sie es zunächst angenommen hatte, sondern von ihrem eigenen Blut, das ihr zu Kopf gestiegen war.
Gleichzeitig nahm sie etwas wahr, das entfernt an eine Stimme erinnerte. Weicher als das vergehende Tosen, wärmer als die feuchte Luft um sie herum. Mühsam versuchte Vesana zu erkennen, von wo die Klänge kamen, aber da sie sie nur undeutlich hörte, ließen sie sich nicht platzieren. Allerdings bemerkte sie das von oben einfallende, schummrige Licht. Dämmrig, wie spätnachmittägliche Sonnenstrahlen an einem bewölkten Tag. Vorsichtig versuchte sie den Oberkörper einzuknicken und dort hinauf zu schauen, doch die starke Bewegung schien auf einmal das taube, linke Bein zu wecken – etwas, dass die Jägerin sofort bereute. Ein weinerlich verzerrter, halb erstickter Schmerzensschrei riss sich los, als ihr dem Gefühl nach ein glühender Dolch in die Hüfte gestoßen und dann bis zum Knöchel durch ihr Glied gezogen wurde.
Gleichzeitig sorgte der Schmerz jedoch auch dafür, dass sie zu vollem Bewusstsein zurückkehrte. „Vesa! Hörst Du mich?“, vernahm sie nun die bekannte Stimme einer Frau von oben. Es war Aela, in Sorge. Auch die Erinnerungen kehrten zurück.
„Ja“, gab die Kaiserliche zurück, ihre Stimme rau wie ein Reibeisen.
„Verflucht, das wird aber auch Zeit!“
„Ich hänge fest“, überging Vesa den Tadel.
„Das sehe ich. Kannst Du Dich irgendwo hochziehen oder festhalten und die Wurzel durchschneiden?“ Sie versuchte, den Vorschlag umzusetzen und packte eine dicke Wurzel an. In der Tat half es ihr dabei, den Oberkörper wenigstens in die Waagerechte zu bringen, aber dann verschwand ihre Kletterhilfe im Erdreich.
„So müsste es gehen“, kommentierte Vesana aber dennoch und griff im selben Moment nach dem Schwert auf ihrem Rücken – und fasste ins Leere. Erschrocken machte ihr Herz einen Satz und sie merkte, wie sich ihre Augen weiteten. Etwas hektischer suchte sie auf ihrem Rücken nach der Waffe, fand sie jedoch nicht. Auch ihr Bogen schien zu fehlen. Lediglich drei Pfeile hatten sich im Köcher verkeilt und in dem Moment dämmerte ihr, wo sich der Rest befinden musste.
Vorsichtig schaute sie in den dunklen Abgrund und erblickte einige der langen Geschosse von feinerem Wurzelgeflecht aufgefangen etwa eine Mannshöhe unter sich. Der Bogen baumelte an einem etwas dickeren Lebensanker der Bäume und irgendwo im tiefsten Schwarz weiter unten blitzte etwas Metallisches auf. Ihr Schwert, wie sie nach angestrengtem Blinzeln erkannte. Wenigstens zwei Mannshöhen, vielleicht auch drei, trennten sie vom dem Ort, an dem die Waffe lag, mit der sie mühelos die sie am Fuß festhaltende Klammer hätte durchtrennen können. „Scheiße!“
„Was ist?“
„Ich habe meine Waffen verloren und komme nicht an die Wurzel heran.“ Zwar besaß sie noch einen langen Dolch am Gürtel, aber ihr Arm reichte aus dieser Position nicht bis zu ihrem Fuß und schon gar nicht, um die Wurzel zu durchtrennen.
„Kannst Du Dich nicht noch etwas hinaufziehen?“
Die Kaiserliche versuchte sich durch ruckartiges Anspannen der Bauchmuskulatur noch etwas weiter nach oben zu heben, aber es funktionierte nur kurzweilig und danach fing sie sich gerade so wieder an der dicken Lebensader des Baumes ab, die sie noch immer fest umklammert hielt. „Das könnte böse enden …“, murmelte sie und zog den Dolch. Jedes Mal, das sie sich für einen Moment weiter hob, hieb sie mit der scharfen Klinge auf ihre Fessel ein. Manchmal verfehlte sie die Stelle, auf die sie zuvor eingeschlagen hatte, aber stückchenweise durchtrennte sie das feuchte, flexible Holz. Irgendwann überstieg ihr Körpergewicht die verbleibende Tragkraft und die Wurzel riss.
Überrascht aufschreiend versuchte sich Vesana an ihre Kletterhilfe zu klammern, doch die inzwischen ermüdeten Finger schafften es nicht, sich an der feuchten, rutschigen Oberfläche festzuhalten. Wieder fiel sie, blieb an größeren Baumankern hängen, die ihr die Luft aus den Lungen trieben und ihren Schrei zum Schweigen brachten. Manche wirbelten sie herum, an andere, feinere bremsten ihren Fall. Aber nichts von alledem verhinderte, dass sie heftig auf dem kalten Steinhaufen direkt neben ihrem Schwert landete. Die blutarmen, kraftlosen Beine vermochten nicht, sie zu tragen und so prallte sie seitlich nahezu ungehemmt auf.
Für einen kurzen Moment wurde es abermals schwarz vor ihren Augen, doch die kraftvolle Stimme Aelas, in der eine nicht zu unterschätzende Menge an Sorge mitschwang, half ihr zurück in die Realität – zumindest teilweise. Schwindelig, von den Schlägen gegen ihr Haupt desorientiert und wegen der Kopfschmerzen kaum in der Lage, sich zu konzentrieren, blickte sie hinauf ins Licht des sterbenden Tages.
„Vesa, alles in Ordnung?“
„Ich … ich bin … unten“, gab sie zurück und schaute sich erstmals genauer um. Nicht, dass sie viel erkannte, aber zumindest sah sie, dass der von den Wurzeln gestützte Tunnel oberhalb einer unterirdischen Konstruktion lag. Überhaupt, die Unebenheit des Untergrunds, auf dem sie lag, die sich bewegenden, teils glattbearbeiteten Steine und die Tatsache, dass es an zwei Seiten in pechschwarze Finsternis untertage weiterzuführen schien, bestätigten nur noch, was sie vor ihrem Sturz schon angenommen hatte: Sie befand sich nun in einem teilweise eingestürzten Tunnel eines alten Hügelgrabes. Die gravierten Steine und auch Aelas Rufe, es passte alles zusammen.
„Was siehst Du?“
„Nicht viel. Scheint ein Tunnel zu sein.“ Vorsichtig setzte sie sich auf und lehnte sich gegen die nahe Wand. Ihr Schwert nahm sie auf und steckte den Dolch, den sie noch immer umklammert hielt, zurück in seine Scheide.
„Hör zu, Vesa. Kannst Du hinaufklettern?“ Vorsichtig bewegte die Kaiserliche die Beine, oder versuchte es zumindest. Das Rechte schmerzte und hämmerte, beim Linken war sie sich nicht einmal sicher, ob es überhaupt noch existierte. Alles unterhalb des Knies fühlte sie nicht mehr und der Oberschenkel brannte, als wäre er mit flüssigem Eisen ausgefüllt.
„Nein.“ Sie hörte nur entfernt etwas, das sich wie ein Fluch anhörte. Während sie darauf wartete, was die Nord erwiderte, sammelte die Kaiserliche sämtliche Pfeile ein, die sie aus dem Sitzen erreichte und die sie nicht bei ihrer Landung zerbrochen hatte. Es waren nicht gerade viele.
„Denkst Du, Du kannst da unten aushalten?“
Vesana schaute sich um, sah jedoch nichts in der Finsternis und vernahm auch keinen Laut, außer dem leichten Rauschen ihres eigenen Blutes in den Ohren und ihr tiefes Atmen. Einzig der modrige, abgestandene Geruch bereitete ihr Unbehagen, aber an den mochte sie sich vielleicht zeitweilig gewöhnen können. „Ich denke schon, wenn ich Proviant und eine Decke habe“, gab sie also zurück und bemerkte erst jetzt, wie ihre Stimme unangenehm laut durch die Dunkelheit ihrer Umgebung hallte – in unbestimmte Ferne untertage und zu ihr zurück. Ein eiskalter Schauer lief ihr über den Rücken und sie schüttelte sich.
„Gehe etwas zur Seite, dann versuche ich, Dein Felleisen hinabzuwerfen.“ Sie tat, wie ihr geheißen und schleifte sich an den äußeren Rand des Lochs, das in der Decke des eingefallenen Tunnels klaffte. Irgendwo zwischen acht und zehn Mannsgrößen über ihr mochte nun Aela zu ihrem Gepäck eilen und es in Kürze zu ihr bringen, in der Hoffnung, dass es nicht auch an einigen der Wurzeln hängen blieb.
„Vesa?“
„Ja?“
„Bereit?“
„Ja.“
Im nächsten Moment vernahm sie das stumpfe Ächzen von nassem Holz und hörte das Ziehen, als dünnere Wurzeln unter der Last aus dem Erdreich gerissen wurden. Kaum einen Augenblick später krachte ihr Tornister auf den teilweise mit Erde und Nadeln bedeckten Trümmerhaufen. Der Aufschlag hämmerte laut und unangenehm durch den Tunnel, ließ Vesana in sich zusammenfahren und reflexartig in die Umgebung lauschen. Aber es schien alles gut gegangen zu sein. Die Nord hatte den zweiten Köcher mit der Klappe des Felleisens abgedeckt, um zu verhindern, dass die Pfeile hinaus fallen konnten, und eine der Laternen baumelte außen am Gepäck, allerdings ohne die Glasscheiben, um wenigstens die Halterung intakt zu lassen und einen einfachen Transport der Kerze darin zu ermöglichen, wenn sie brannte.
„Ich werde Hilfe holen“, rief Aela von oben hinab.
„In Ordnung, ich warte hier“, erwiderte die Kaiserliche. „Nicht, dass ich etwas anderes tun könnte“, sprach sie zu sich selbst. „Beeil Dich!“, setzte sie aber noch einmal lauter nach. Aber selbst wenn sie es schafft, die Tage um Vollmond auf Wanderschaft zu verbringen, wenigstens drei Tage musste Vesana in ihrem dunklen Gefängnis ausharren, allein.
„Mache ich. Halt durch.“
„Ich geb‘ mir Mühe“, murmelte sie. Damit blieb die Kaiserliche auf sich gestellt zurück.


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Bahaar
10.05.2014, 14:09
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Nun saß sie also allein in der Dunkelheit, nur spärlich von oben durch das rasch schwindende Licht des regnerischen Tages beschienen. Aela war noch nicht lange fort und dennoch erschien es Vesana in ihrem düsteren Loch bereits wie eine Ewigkeit. Um sich wenigstens etwas von der erdrückenden Stille abzulenken, kratzte sie sich bereits die Reste des geronnenen Blutes in ihrer Nase heraus, die sich während ihres zweiten Sturzes noch nicht gelöst hatten. Aber auch das schaffte nur kurzweilige Abhilfe und machte obendrein den Weg für die abgestandene Luft der Umgebung noch freier, als er schon war. Der Schwall ekelerregender Fäulnis ließ sie einen Moment lang würgen, bevor sie sich von der Stärke des Geruchs überrumpelt wieder unter Kontrolle brachte.
Da es nichts half, sich in den Widrigkeiten ihrer Umgebung zu verlieren, rutschte Vesa stattdessen etwas näher an ihr Felleisen heran. Zunächst Köcher und entglaste, etwas verbogene Laterne beiseitelegend, fing sie kurz darauf an, im Gepäck herumzukramen und nach dem Beutel mit den zwei Steinsplittern von Solstheim zu suchen. Während sie sich durch ihre Sachen wühlte, vorbei an der Schlafunterlage und der Zeltplane, den medizinischen Utensilien, ihren Jagdmessern und dem Proviant, ärgerte sie sich nun erst richtig, dass sie ihr Seil nicht mitgenommen hatte. Wer sich in der Tundra des Fürstentums einigermaßen gut auskannte, wusste, dass es keine gefährlichen Spalten und Klippen gab, wie auch Solstheim. Es wäre also nur Ballast gewesen. Niemand hätte damit rechnen können, plötzlich in ein dunkles, stinkendes Loch zu fallen. Andererseits ärgerte sich die Kaiserliche umso mehr über ihre eigene Trägheit und die fast schon überhebliche Einschätzung ihrer und Aelas Kenntnisse der Gegend, die sie zuvor schon bei den Nord auf der Insel angeprangert hatte, weil sie deshalb nicht optimal für alle Möglichkeiten des Fehlschlags ausgestattet waren. Ihre Sorgfalt musste sich definitiv wieder verbessern – den Mangel nur auf ihr Vollmondleiden zu schieben, ließ sie sich selbst nicht gelten.
Wenigstens dehnte sich durch die geringfügigen Bewegungen ihres Körpers während der Suche im Tornister das Brennen und Pochen in ihrem linken Bein aus. Obwohl es ihr ein mühseliges Stöhnen entriss und sie sich vorübergehend auf die eigene Hand beißen musste, um es zu unterdrücken, sorgte es für freudig-aufgeregtes Springen ihres Herzens und nervöses Kribbeln im Bauch. Wie es schien, kehrte allmählich Gefühl in das zuvor knieabwärts völlig Taube Glied zurück. Es würde sich zwar erst noch zeigen, wie schwer verletzt es war, aber vielleicht klang das Brennen irgendwann auch wieder ab, so wie es im rechten Bein bereits etwas nachzulassen begann. Die überwiegende Ruhe und die nur langsamen, belastungslosen Bewegungen schienen das Trauma zu kurieren.
In dem Moment fand Vesana schließlich auch den kleinen Beutel mit den Steinsplittern und zog ihn heraus. Schon durch das Leder spürte sie die Wärme Felsstücke und das feuerrote Glühen strahlte für ihre an die Dunkelheit gewöhnten Augen fast schon wie der Sonnenaufgang eines wolkenlosen Tages. Die Augen im Schmerz abgewandt, tastete sie blind nach der Laterne und setzte sie sich auf den Schoß. Schnell und kräftig schlug sie anschließend die Steinsplitter gegeneinander und die zahlreich von ihnen fliegenden Funken trafen auch auf den Docht der Kerze. Schnell züngelte die kleine Flamme empor und brachte Licht ins nahe Dunkel.
Wie ein Wall trennte der Trümmer- und Erdhaufen, auf dem sie saß den nach links verschwindenden Teil des Tunnels vom rechtsseitig liegenden. Allerdings mehr wie ein Hindernis, denn eine echte Mauer, immerhin konnte er überwunden werden und machte ein Passieren des Ganges nicht unmöglich. Vesa selbst saß noch ziemlich nahe an der Kuppe des Walls mit dem Kopf auf Höhe der übrigen Tunneldecke. Auf dem glatten schwarz-braunen Stein, aus dem die Wände bestanden, wucherten gelegentlich dicke Moospolster, füllten vom Wasser ausgewaschene Fugen dickwulstig auf und gaben der Architektur eine seltsam vergammelte Optik. Das schwache, feuchte Glitzern der Oberflächen unterstrich diesen Eindruck.
Da inzwischen auch das Rauschen des Blutes in den Ohren der Jägerin abgeklungen war, wurde ihr beim Anblick der tristen Umgebung abermals bewusst, wie ruhig es eigentlich war. Sie hörte jeden einzelnen ihrer ruhigen Atemzüge und glaubte fast schon die Schläge ihres Herzens in der Brust zu vernehmen. Hinzu gesellte sich entferntes Tropfen von Wasser, das durch das Erdreich in das unterirdische Gemäuer sickerte und leise, aber regelmäßig durch die Finsternis außerhalb des Scheins ihrer Laterne hallte. Unruhig drehte sich ihr der Magen, verknoteten sich die Eingeweide in einem Anflug von schwereloser Leichtigkeit. Zwar hatte sie mit den Gefährten schon so manche Festungsruine durchstöbert, war einigen wirklich widerlichen Kreaturen begegnet, aber noch nie in einem antiken Hügelgrab gewesen – und schon gar nicht allein und verletzt. Vesana kannte die Geschichten über die rastlosen Wiedergänger, die in solchen Tunnelsystemen hausten und … Nein, sie sollte nicht darüber nachdenken, was sich der Volksmund so alles erzählte. Schon jetzt lief ihr ein Schauer nach dem anderen den Rücken hinab und ihre Augen streiften unstet über alles, das von ihrer Kerze aus der Dunkelheit gerissen wurde. Jede weitere Sorge mochte sie wohl irgendwann in den Wahnsinn und die Paranoia treiben. Es waren nur ein paar Tage, die sie aushalten musste, das würde sie wohl schaffen sollen.
Stattdessen widmete sich die Kaiserliche ihren Beinen. Sich vorbeugend zog sie zunächst dem rechten den Stiefel aus und begann damit es von den Zehen bis zur Hüfte abzutasten. Vor allem an der Ferse und im Bereich der Gelenke sandten die Berührungen zwar heftigste Stiche aus, die heiß wie Nadeln durch ihre Muskeln fuhren, aber wenigstens schien nichts gebrochen zu sein. Lediglich der Blutmangel vom Hängen und der anschließende, nicht abgefederte Sturz hatten dem Glied zugesetzt – es würde sich aber erholen. Mit dem Schuhwerk wieder zugeschnürt über Fuß und Unterschenkel gestülpt, wandte sich Vesas Aufmerksamkeit der großen Unbekannten zu: Dem linken Bein.
Allein schon das Ausziehen des Stiefels ließ sie aufstöhnen und trieb ihr die Tränen in die Augen. Es kam ihr so vor, als ob nach der völligen Taubheit nun eine Übersensibilität in den Nerven einkehrte. Jede Erschütterung und Berührung hallte heiß pochend wider. Am Knöchel entdeckte die Jägerin auch schon das erste Übel: Die Druckstelle der dünnen Wurzel, an der sie vorher festhing. Ein dunkler, blau unterlaufener Striemen in der Breite von ein bis zwei Fingern zog sich einmal ringsum das Fußgelenk. Vorsichtig tastete sie zunächst an den Zehen und dem Mittelfuß entlang, um sicherzugehen, dass dort nichts gebrochen war. Danach nahm sie sich einen der übrig gebliebenen Pfeile und klemmte dessen Schaft zwischen ihre Zähne, bevor sie fortfuhr.
Als die erste Fingerkuppe die breite Druckstelle berührte, kniff sie die Augen zusammen und heulte gedämpft auf, bevor ihr die Tränen in die Augen schossen und es in Stöhnen überging. Ihre Kiefermuskulatur entwickelte in diesem Moment ungekannte Kraft und das Holz des Pfeiles knirschte. Aber es half nichts, sie musste fortfahren und tastete mit tränenverschwommener Sicht, ächzend und hin und wieder erneut in Jaulen verfallend weiter um ihren Knöchel herum. Nach einer kompletten Runde schien es ihr jedoch nicht, als ob etwas gebrochen wäre. Einzig und allein die Quetschung sorgte für den Schmerz es schien, als ob die Taubheit zuvor lediglich Produkt des Blutmangels gewesen war. Um das zu bestätigen, musste Vesa allerdings etwas tun, vor dem sie sich wohl nicht zu unrecht fürchtete: Den Fuß bewegen.
Vorsorglich klemmte sie sich einen zweiten Pfeilschafft zwischen die Zähne und packte anschließend an der Ferse und den Zehen an. Langsam begann sie damit, den Fuß hoch und runter zu neigen und schrie im nächsten Moment gellend auf. Die Pfeile fielen ihr aus dem Mund und völlig apathisch vom Schmerz rutschte sie zur Seite, der Kopf landete auf dem Tornister und zahllose kleinere Steinfragmente der Tunneldecke stachen ihr in die Seite. Doch all das war nichts im Vergleich zu der wallenden Woge des Feuers, die sich um ihren Fuß schloss wie das Maul eines hungrigen Wolfes. Tränen flossen ihr in Strömen aus den Augen und ihr ganzer Leib zitterte in der panikartigen Reflexreaktion ihres Leibes, der versuchte die Pein zu verarbeiten.
Der einzig klare Gedanke, der ihr in diesem Moment wenigstens etwas Halt gab, war die Erkenntnis, dass das Gelenk der Bewegung keinen Widerstand entgegengestellt hatte. Die Hoffnung, der Schmerz würde sich mit der Zeit von selbst legen und der Fuß erholen, gab ihr Kraft – wenn auch nur wenig in diesem Augenblick der Hilflosigkeit.


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Bahaar
17.05.2014, 21:51
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Nur sehr langsam gelang es Vesana wieder klarer zu denken. Die Pein im Fuß hinterließ gleichzeitig eine merkwürdige Gefühllosigkeit, die sie alles unterhalb des Knöchels nicht mehr spüren ließ. Ein Umstand, der es ihr erleichterte, das Glied zu Bewegen, solange die Erschütterungen gering blieben. Vorsichtig schob sie sich in eine sitzende Position hoch und lehnte sich gegen die eiskalte, klamme Wand hinter ihr. Mühsam hievte sie ihr Felleisen über die Beine und legte es anschließend unter das linke, um es angewinkelt etwas höher zu lagern. Jede Bewegung kostete sie erhebliche Überwindung. Noch immer von zittriger Panik erfüllt, fürchtete sich ihr Körper vor neuerlichen Schmerzenswogen – es schien, als wolle er ihr nicht völlig gehorchen, ließ sie träge werden.
Tief durchatmend, die Augen geschlossen und die Finger in die Jacke auf dem Bauch gekrallt, ruhte sie sich einen Moment lang aus. Sie zwang sich durch die Nase zu atmen, auch wenn sie noch immer schlechter Luft bekam und versuchte so ihr rasendes Herz und das Zittern in den Griff zu bekommen. Nicht nur der Schmerz machte ihr inzwischen zu schaffen. Je länger sie in diesem dunklen Loch hockte, wissend dass über ihr die Nacht hereinbrach, desto unruhiger wurde sie. Es war nicht, dass sie allein war, als vielmehr wo sie war und dass es keine Möglichkeit gab, sich selbst zu befreien. Auch wenn sie nicht am Fuß verletzt gewesen wäre, Vesa zweifelte an ihrer Fähigkeit hinausklettern zu können. Das rutschige Erdreich und die schmierigen Wurzeln boten kaum Halt und vermutlich würde sie einfach nur wieder hinunterfallen. Ohne Hilfe saß sie fest, einen anderen Weg durch die dunklen Gänge des Grabes zu suchen, kam nicht in Frage.
Bevor sie noch weiter in die Dunkelheit ihrer Lider starren und ihre eigenen Atemzüge vielfach widerhallend als fernes, bedrohliches Echo eines im Dunkeln liegenden Beobachters zu ihr zurückfallen konnte, öffnete sie lieber die Augen. Schnell einen Blick in alle Richtungen werfend musste sie aber feststellen, dass ihr ihre Sinne einfach nur Streiche spielten und das Rasseln in der zunehmend kühler erscheinenden, feuchten Luft einzig und allein ihren Lungen entsprang.
Wütend auf sich selbst, wischte die Kaiserliche ruppig das angetrocknete Salz von ihren Wangen und machte sich anschließend an ihrem Tornister zu schaffen. Nach kurzem, vorsichtigem Kramen zerrte sie einen der Verbände und eine Schatulle mit ihrer Heilsalbe hervor. Immerhin dafür fand sie wieder den Mut, auch wenn sie sich ansonsten am liebsten gar nicht mehr bewegt und zu atmen aufgehört hätte, damit keine Geräusche zu ihr zurückfallen konnten, die ihr Dinge vorgaukelten, die es nicht gab. Aber es half nichts. Sie musste sich erst einmal versorgen, bevor sie zur Ruhe kommen konnte. Wieder einen der Pfeile zwischen die Zähne geklemmt, begann die Jägerin damit ihre Salbe dick auf das fast schwarz unterlaufene Gewebe und darum herum aufzutragen. Ihr Heulen brach sich am Holzschafft und hallte nur als klägliches Wimmern durch den Tunnel, kam aber als finsteres Säuseln und Flüstern mit einiger Verzögerung zu ihr zurück.
Sie versuchte die eiskalten Schauer zu ignorieren, die ihr von der Schädelbasis bis zum Steiß den Rücken hinabrannen, aber das reflexartige Schütteln, das ihren Leib erfasste, machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Mühsam und in kleinen Schritten trug sie mehr von der Creme auf, bis irgendwann die halbe Schatulle auf ihrer Haut klebte und bereits einzuziehen begann. Für einen Moment ließ sie dies an der Luft geschehen, während sie die kleine Metallkiste zurück in ihr Felleisen packte. Danach begann sie damit den Verband abzurollen und ihn abwechselnd für besseren Halt um Knöchel und Mittelfuß zu wickeln. Es dauerte nicht lange, bis die schmerzlindernde Wirkung der Salbe eintrat und sich Vesana tatsächlich endlich etwas zu entspannen begann. Zwar fühlte sie sich noch immer wie eine Bogensehne, aber immerhin nicht mehr wie eine zum Schuss gespannte. Auch die panische Unruhe ließ wenigstens zeitweilig nach, während sie vorerst die Gedanken an ihre Umgebung verdrängte und die angenehme, heilende Wärme an ihrem Fuß genoss. Solange sie diesen still hielt, mochte das Gefühl vielleicht anhalten, aber erst einmal musste sie noch ihren Stiefel wieder darüber stülpen, sonst wären am nächsten Morgen auch die Zehen blau, obwohl sie sie nicht verletzt hatte.
Als auch das geschafft war, rutschte die Kaiserliche an den Fuß des Trümmerhaufens zum glatt gehauenen Steinboden hinunter und breitete im Sitzen ihre Schlafunterlage aus. So gegen den kalten, feuchten Boden abgeschirmt mochte sie zwar dennoch nicht gleich Schlaf finden, aber wenigstens etwas komfortabler sitzen oder liegen. Bequem platziert ließ es sich besser heilen. Ihre Anspannung wollte jedoch trotz dessen nicht weichen. Das tropfende Wasser halte lauter durch den Tunnel, der widerwärtig feuchte Modergeruch, der wie ein schweres Leichentuch zwischen den moosbewachsenen Steinen hing, schien stärker zu werden und zu allem Überfluss mischte sich noch die süße Note von Verwesung hinzu, die schon seit Jahrhunderten gefangen vom Fels hier festzustecken schien.
Zeit schien hier ohnehin keine Rolle mehr zu spielen. Die Dunkelheit begrüßte sie trotz der Laterne wie ein alter Freund in langer Umarmung, hielt sie fest und wollte sie nicht wieder freigeben. Wäre es doch wenigstens wirklich ein alter Freund gewesen. Das unangenehme Gefühl der Einsamkeit, das von dieser Umarmung ausging, ließ sie sich schütteln. Die Härchen auf ihren Armen stellten sich auf und während sich ihr Magen in Schwerelosigkeit umdrehte, lauschte sie erneut in ihre Umgebung.
Nichts. Nur das seichte Säuseln eines schwachen Luftzuges, der von oben durch das Loch in den Gang hinabzuzog, die Fäulnis aufwirbelte und ihr penetranter in die Nase trieb. Von der plötzlichen Intensität des Geruchs, der ihr schwungvoll zugetragen wurde, überrumpelt, musste sie einen Moment lang würgen bis der Kloß in ihrem Hals wieder verschwand. „Verfluchte Scheiße“, zischte sie in die Finsternis und bereute es, als ihre Worte verzerrt zu einem leisen Krächzen zu ihr zurückkehrten.
Wie sollte sie ganze drei Tage hier ausharren, wenn sie schon jetzt begann, den Verstand zu verlieren? Jeder ihrer Atemzüge kam mit vielfachem Echo zurück, vom Grab und den hier hausenden Geistern zu einem kränklichen Ton des Todes verfälscht. Sie fühlte sich beobachtet und war doch allein mit sich selbst, als würden ihre eigenen Gedanken frei in der Luft schweben, bereit wie hungrige Wölfe sie anzufallen.
„Aela, beeil Dich“, flüsterte Vesa zu sich selbst. Mehr als zuvor ohnehin schon stellte die rothaarige Nord in diesem Moment das einzige Fünkchen Hoffnung dar, an das sich die Kaiserliche zu klammern vermochte. Klein und rutschig wie ein Stück Treibgut bot sie nur in Momenten der Ruhe Halt, in denen Vesana mit sich selbst beschäftigt war. Lenkte etwas anderes ihre Aufmerksamkeit auf sich, rutschte sie ab und trieb haltlos umher. Wenn sie sich doch wenigstens bewegen und ihre Umgebung ein Stück weiter erkunden könnte, vielleicht würde sie dann feststellten, dass der Korridor nach wenigen Schritten an beiden Enden weiter eingestürzt war, aber so an ihren Platz gefesselt, blieb eine solche Vorstellung eine Insel im Nebel. Möglicherweise da, aber unauffindbar und nicht zu erreichen.
Leises Fiepen riss sie aus ihren düsteren Gedanken und trieb ihren Puls in die Höhe. Mittlerweile schmerzte die Brust von den vielen unregelmäßigen Schlägen und die Adern am Hals pulsierten unangenehm. Es klang wie eine Ratte, hallte durch den Gang und kehrte leiser und bösartiger zurück. Der Widerhall ließ es wie ein halbes Dutzend dieser Tiere klingen – hungrig und gierig. Es wurde lauter, aber kam es von oben oder aus dem Gang? Vesas Atmung ging stoßweise und sie zog den Dolch an ihrem Gürtel, hielt ihn mit der Klinge am Unterarm geführt vor die Brust und schaute sich um. Nichts rührte sich im Lichtkegel der Laterne.
Rieseln gesellte sich zum Fiepen, das beinahe mehr wie ein Quietschen klang, als würde Staub oder Dreck zu Boden fallen. Es drang von überall auf sie ein. Es hätte so gut links von ihr im Korridor sein können, wie auf der anderen Seite des Trümmerhaufens oder … das Loch! Das Quietschen schwoll in dem Moment zu einem vom Echo bestialisch verzerrten Kreischen an, als ihr dieser Gedanke kam. Aggressiv und schnell näherte es sich. Die Kaiserliche hielt den Dolch höher, wandte sich mehr zu dem Haufen zu ihrer Rechten um und lauerte zum Stoß bereit regungslos. Das flackernde Licht der Kerze warf bedrohlich tanzende Schatten, reichte kaum bis zum höchsten Punkt der Trümmer hinauf und hüllte ihre Umgebung in jenseitiges Zwielicht. Das Herz schlug ihr bis zum Hals und Schweiß brach ihr an der Hand aus, die den Dolch hielt, ließ ihren Griff unstet und rutschig werden und zwang sie dazu, die Waffe mit beiden Händen zu packen.
Dann huschte etwas am Rand des Lichtscheins durch ihr Blickfeld. Irgendetwas landete mit feuchtem Knacken auf den Resten der Tunneldecke und das anhaltende, dröhnende Kreischen verstummte so plötzlich wie es begonnen hatte. Stille kehrte ein und Vesana wagte es nicht, sich auch nur eine Haaresbreite zu bewegen.


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Bahaar
30.05.2014, 21:54
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Herzschlag um Herzschlag, Atemzug um Atemzug. Vesana saß wie eingefroren. Die Klinge des Dolches zitterte phasenweise heftig, bis sie wieder fester Griff und sich noch weiter anspannte, um Ruhe in ihren Körper zu bringen. Es half nichts, jeder dieser Versuche endete lediglich damit, dass sie noch stärker vibrierte, als zuvor schon. Noch immer sah sie keine Regung auf der Kuppe des Trümmerhaufens. Manchmal glaubte sie nur, schleifendes Atmen zu vernehmen – kaum mehr als ein Nebelecho. Sie war sich nicht einmal sicher, ob es nicht sogar von ihren eigenen Atemzügen stammte und ihr ihre Sinne einfach nur einen Streich spielten. »Reiß Dich zusammen«, flüsterte sie sich zu und wischte dickte, eiskalte Schweißperlen aus ihrer Stirn als sie drohten aus den Brauen in die Augen zu tropfen.
Was sollte sie tun? Nachsehen, was da durch das Loch gekommen war? Oder einfach ausharren und warten, bis es sich selbst zeigte – wenn es sich überhaupt zeigte? Was mochte es auch sein können?
Letztlich entschied sie sich dazu, erst einmal die Laterne näher an die Spitze des Haufens zu bringen, um so vielleicht mehr sehen zu können. Vorsichtig schob sie sich etwas hoch, legte sich dann auf die Seite und drückte ihre Lichtquelle so weit von sich, wie es nur ging, bis sie schließlich sogar noch den Dolch zu Hilfe nahm, um das Metallgestell mit der Kerze weiter von sich zu schieben. Und also sie in die Richtung spähte, fast schon widerwillig aus Furcht, was sie möglicherweise entdecken mochte, sah sie, was sie auch zuvor schon gesehen hatte: Nichts. Frustriert, resigniert und erschöpft sackte Vesa Stirn voran in sich zusammen auf die groben Trümmerstücke. In einer Mischung aus Heulen und Seufzen stieß sie die Luft aus und entschloss sich, weiter hinaufzukriechen.
Haaresbreite um Haaresbreite schob sie sich hinauf, den Dolch immer stoßbereit vor den teils auf bäuchlings, teils seitlich liegenden Körper gehalten. Das Rasseln des Schmutzes, den sie loslöste, hallte widerlich als krabble ein großer Tausendfüßler irgendwo durch das Dunkel. Gänsehaut und unzählige Schauer hielten sie gefangen und doch fand sie einen letzten Rest an Mut, sich weiterzubewegen. Letzten Endes schaffte sie es bis nach oben und sah, noch immer, nichts. »Verfluchte Scheiße!«, zischte sie und schlug mit der Faust auf die Bruchstücke, bereute es aber und zuckte in sich zusammen. Dabei sah sie etwas im Licht der Laterne schimmern. Vorsichtig und langsam hob sie das Gestell, um den Lichtkegel zu vergrößern. Da lag irgendetwas am Rand, nahe der Wand. Es glänzte und funkelte im Licht, bewegte sich aber nicht. Behutsam kroch sie näher heran, zu undeutlich sah sie es selbst auf die geringe Entfernung, als verdichtete sich die Finsternis.
Während sich die Kaiserliche näher an das, was dort lag, heranbahnte, spürte sie wieder einen Schwall eisiger, innerlicher Kälte über sich hineinbrechen. Die Eingeweide krampften und verknoteten sich, die Finger zitterten und fühlten sich feucht an. Halt, die Feuchtigkeit stammte nicht von ihr. Der Schweiß drang ihr zwar noch aus den Poren, aber nicht so stark, dass es sich anfühlen konnte, als tauchte sie die Finger in einen Eimer Wasser. Augenblicklich gefror sie und ging in sich, ob sie sich vielleicht doch noch irgendwo verletzt hatte. Nein. Nein, das hatte sie nicht. Der Fuß pochte zwar heftig, aber sonst war sie sich keiner Verletzungen bewusst. Schon gar keiner offenen. Zeitlupenhaft wandte sie den Blick nach unten und holte die Laterne näher heran.
Ihre Finger schimmerten feucht und dunkel. Dunkel von Blut. Aber nicht das ihre. Einen Moment irritiert und den panischen Anfall von völliger Gedankenleere niederringend, blickte sie anschließend auf, dort hin, wo sie das Glitzern zuvor gesehen hatte. Ein unförmiger Leib lag dort. Geschunden und zerbrochen. Kleine Knochen spießten aus blutüberströmtem Fleisch. Einst graues Fell zeigte sich nun schwarz vom Lebenssaft. Der schwere Geruch von Eisen hing in der Luft wie der Dunst über einem See am Morgen. Irgendein Tier lag dort, völlig zerstört vom Aufprall. Klein, aber größer als eine Ratte. Ein … Waschbär? Ja, das mochte es sein. Der kleine Racker war durch das Loch gefallen und hier unten zerschellt. »Meine Güte«, stieß Vesana aus und sank in sich zusammen, das Gesicht zu Teilen in die klebrige Blutlache, die sie schon wieder vergessen hatte. Schnell schob sie sich aus ihr heraus und blieb liegen. Das konnte ja noch etwas werden.

Eine schier endlos scheine Zeit, es mochten nur Minuten sein, vielleicht ein paar Stunden, es spielte ohnehin keine Rolle, stand Vesa auf dem rechten Fuß, das linke Bein angewinkelt, und mit beiden Händen gegen die Wand gestützt im Tunnel. Ihr erster Versuch sich aufzurichten, seit sie in ihr Loch gefallen war. Nach dem Zwischenfall mit dem Waschbären, der noch immer oben auf dem Trümmerhaufen lag, hatte sie keinen weiteren Zwischenfall erlebt, aber es mochte auch noch nicht so lange her sein. Das nachlassende Pochen im linken Knöchel bewegte sie schließlich dazu, ihre Mobilität auf die Probe zu stellen. Ein Unterfangen, das ihr erst im fünften Anlauf wirklich gelungen war und viel Schmerz mit sich brachte. Nun aber aufrecht stehend, fühlte sie sich gleich etwas besser und sicherer. Zu wissen, dass sie sich im Notfall schneller als im Schneckentempo zurückziehen konnte, was auch immer ihr das Grab noch für Sinnestäuschungen und Proben auferlegen mochte, gab ihr halt und ließ die Insel der Hoffnung, Aela, schemenhaft im Nebel auftauchen.
Vorsichtig und langsam humpelte Vesana mit einer Hand an der Wand, die andere mit der Laterne, an der Wand entlang und machte sich daran, den Trümmerhaufen zu erklimmen. Als erstes musste sie ihren Bogen zurückholen, der noch irgendwo in den Wurzeln hing. Nicht unbedingt, weil er ihr etwas nützen würde in den engen Verhältnissen des Grabes, sondern eher aus Prinzip und für ein gestärktes Gefühl der Sicherheit. Ihr kam jede Waffe recht gelegen. Auch wenn sie nicht so wirklich wusste, gegen was sie sich eigentlich verteidigen wollte. Ihre Gedanken, die sich in Kreisen um immer dasselbe, die Enge und das Unbekannte drehten? Den aufkommenden Hunger, der mehr als nur ein Knurren im Magen war und beim Bild des zerfledderten Waschbären vor ihrem inneren Auge den Speichel im Munde zusammenzog? Den Durst, der ihr beim Anblick des dunkel geronnenen Blutes an den Händen und der Kleidung – ungeachtet ob das ihre oder jenes des kleinen Tieres – im Schein der Laterne die Kehle austrocknen ließ? Oder vielleicht doch gegen die Gespenster ihrer Einbildung, die Schemen und Umrisse in die Finsternis des Tunnels zeichneten?
»Reiß. Dich. Zusammen!« Wütend knurrend schlug die Kaiserliche mit der Faust gegen die nahe Wand, dass es schmerzend stach, und sie beinahe aus dem Gleichgewicht geriet. Nur mit Mühe krallte sie sich in einer groben Fuge fest und verhinderte ihr Umfallen. Trotzig, mit extra kräftig tretendem, unverletzten Bein, erklomm sie den Rest des Haufens und stand schließlich wieder am unteren Ende des Lochs. Schwärze, so dunkel wie selbst die Tunnelverläufe zu beiden Seiten nicht, füllte den oberen Teil aus. Wie drahtige, kranke Finger eines an Hunger sterbenden Alten zogen sich die Wurzeln am Rand des Lichtkegels der Laterne dahin. Sie schauderte bei dem Anblick. Wenn sie sich das geöffnete Maul irgendeiner Ausgeburt der Höllen des Vergessens vorstellte, zukünftig mochte sie diesen Anblick als Vergleich heranziehen.
Immerhin entdeckte Vesa ihren Bogen im Schlund der Finsternis. Er hing so an einer Wurzel fest, dass sie mit ausgestrecktem Arm gerade so an das untere Ende hinanreichte. »Scheiße!« Egal wie sie sich auch streckte und reckte, sie war zu klein, ihr Arm zu kurz. Es half nichts. Müde und in Frustration brummend sackte sie nach vorn gegen die schmierige Wand des Lochs, die Stirn gegen den rechten Unterarm gepresst und die Brust mit Hohlkreuz in den Matsch zwischen einigen Wurzeln gedrückt.
Wütend knurrend fasste die Kaiserliche einen Entschluss. Ruppig stellte sie die Laterne ab, dass das Metall klirrte und die kleine Flamme flackerte. Im Anschluss packte sie mit der Linken eine dicke Wurzel und reduzierte anschließend das Gewicht auf ihrem gesunden Fuß. Sofort jaulend wie ein Schlosshund machte sie es kurz rückgängig, dann versuchte sie es erneut und schaffte es, sich an der Wurzel soweit festzuhalten, dass die Last auf dem angeschlagenen Knöchel minimal war. Die Zehenspitzen des anderen drückte sie auf das obere Ende der Mauerreste des Tunnels, ungefähr auf Kniehöhe, und packte im Anschluss mit der anderen Hand eine freie Wurzel. Ihre Fernwaffe gab ihr wenigstens ein Ziel und immerhin dieses wollte sie erreichen, wenn sie sonst schon nichts weiter tun konnte, außer zu warten. Vorsichtig drückte sie ihr Bein durch und hob so vom Trümmerhaufen ab.
»Geht doch«, flüsterte sie und hielt den oberen Arm lang, um den Kraftaufwand zu minimieren. Leicht rücklings hängend und gleichzeitig auf der schmalen Steinkante stehend versuchte sie nun die Linke freizubekommen, um anschließend nach dem Bogen zu greifen. Es funktionierte, auch wenn es sie enorme Anstrengung und Konzentration kostete. Die Finger schlossen sich um das untere Ende der Waffe und bekamen sie zu greifen. Möglichst behutsam bewegte Vesana sie. Der Bogen hin am oberen Ende fest und sie musste ihn von der Wurzel ziehen, ohne aus ihrem Gleichgewicht zu geraten.
Ihre Waffe wollte nicht. Sie zog, schob und drehte, aber sie hatte sich so merkwürdig auf die Wurzel gefädelt, dass Vesa sie nicht herunterbekam. Nicht einmal dieses einfache Ziel sollte sie erreichen können! Was sollte das noch werden? Was auch immer sie hier unten tat, kaum etwas schien zu funktionieren, nichts ihr wohlgesonnen. Gerade wollte sie sich frustriert wieder nach unten lassen, da war es auch schon zu spät. Etwas Erde hatte sich weiter oben gelöst und fiel ihr mitten ins Gesicht. Als sie reflexartig dorthin lange, spuckend und prustend ob der Krümel in ihrer Nase, dem Mund und den Augen, verlor sie die Balance und rutschte mit der Rechten von der Wurzel ab. Zwar bekam sie mit der Linken noch etwas zu fassen, doch gab es nach und sie glitt davon ab. Spitz aufschreiend fiel sie hinab und schlug mit dem flachen Rücken auf dem Trümmerhaufen auf, dass es ihr die Luft aus den Lungen trieb und den Schrei erstickte noch bevor ihr Kopf auf einer verwitterten Steinkante aufschlagen konnte.
Der glühend heiße Stich im Hinterkopf, der folgte, hielt nur kurz vor, setzte ihre Wahrnehmung außer Gefecht und ihre Glieder erschlaffen. Scheinbar siedende Flüssigkeit, dem Gefühl nach brennendes Öl, ergoss sich über ihre Schädelseite als sie das Haupt in einem Anflug von fiebrigem Wahn zur Seite wandte. Das letzte, dass sie wahrnahm, war etwas vergleichsweise leichtes, dass ihr auf den Kopf fiel, bevor sie seitlich von den Resten der eingestürzten Decke rutschte, sich überschlug und von Dunkelheit umfangen liegen blieb.


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Kampfkatze2
04.06.2014, 01:01
Der junge Bretone fluchte als er zu stolpern anfing und ihm die gesammelten Holzscheite aus den Armen purzelten. Sie schlugen mit einem dumpfen Geräusch auf der staubig lockeren Erde auf und stießen auch gegeneinander, wodurch sie noch weiter vom dem jungen Mann wegrollten.
Um ihn herum lachten einige der Männer und Frauen, während andere nur schwiegen. Doch alle verloren schnell wieder das Interesse und zogen kurz darauf weiter um ihre Erledigungen zu machen. Stephanus schüttelte kurz den Kopf, löste sich aus der sich erneut rührenden Menge und ging dann auf den Bretonen zu, der mit rotem Gesicht in die Knie gegangen war und hektisch versuchte, das verlorengegangene Holz wieder einzusammeln und so wenigstens einen Teil seiner Würde zu erhalten. Es misslang ihm offenkundig, denn immer wieder fiel einer der Scheite nach Freiheit suchend zurück auf den Boden. Zu seinem Glück schien es jedem außer Stephanus egal geworden zu sein, was der Junge tat, denn niemand blickte auch nur in seine Richtung.
Stephanus kniete sich nun ebenfalls hin und half dem verschreckten und beschämt dreinblickenden Bretonen, welcher kurz vor dem Kaiserlichen zurückschreckte, ihm jedoch ein dankbares Nicken entgegenbrachte als er verstand, dass von Stephanus keine Gefahr für ihn ausging.
„Bringt man euch Leuten in Hochfels nicht bei wie man Feuerholz trägt?“
Der Bretone blickte nun wieder gekränkt drein und schwieg für einen Moment, in dem die beiden Männer stumm das Holz zusammentrugen.
„Es war der verfluchte Nord. Er hat mir ein Beinchen gestellt.“
Stephanus richtete sich auf, ebenso der Bretone, und er legte einen letzten Holzscheit auf den Stapel in den Armen des jungen Mannes.
„Du müsstest da ein wenig spezifischer werden, Junge,“ merkte der Kaiserliche an. „Die Kompanie ist voll mit Nords.“
„Ich habe keine Ahnung wie er heißt,“ antwortete der junge Mann zögerlich. „Der Nord, der sich das Wappen auf den Nacken tätowiert hat.“ Dabei deutete er mit dem Kopf auf einen Mast in ihrer nähe, an dem eine Flagge verspielt im Wind wehte. Sie zeigte einen sitzenden schwarzen Raben im Profil auf dunkelgelbem Grund. Dunkelgelb war auch die Farbe, die die Söldner als eine Art Uniform für die Verzierungen an ihren Rüstungen und Schildern und auch für ihre Kriegsbemalung verwendeten. Auch die meisten Bestandteile aus Stoff an ihren Rüstungen waren dunkelgelb gefärbt.
Stephanus wusste sofort von wem der Bretone sprach und musste erst nicht in seiner Erinnerung nach einem zur Beschreibung passenden Gesicht kramen.
„Ja, das müsste wohl Idolg von den Inseln sein.“ Stephanus hatte viele Mitglieder der Kompanie in seinem Kopf in eine Liste sortiert. Mit Ausnahme vom Bretonen vor ihm war jeder in ihr gefährlich, doch verrückte und unberechenbare Schweinehunde wie Idolg verdienten einen besonderen Platz ganz oben.
„Vergiss am besten, dass es passiert ist, Junge. Sprich ihn erst gar nicht darauf an, sonst hackt er dir in aller Öffentlichkeit den Kopf ab und benutzt ihn als Nachttopf.“
Der Bretone machte sich auf, das Feuerholz zur Sammelstelle in der Mitte des Söldnerlagers zu bringen, und Stephanus folgte ihm. Als der Bretone dies merkte, blieb er kurz stehen und wandte sich dem Kaiserlichen zu.
„Ich hatte nicht vor, ihn anzusprechen, oder mich auch nur in seine Nähe zu begeben. Ich danke Euch aber für die Warnung.“
Stephanus schüttelte leicht den Kopf als er den schwarzhaarigen Bretonen musterte, der nun wieder mit dem Rücken zu ihm weiterging. Einfache Kleidung, Staub und Schmutz von der beschwerlichen Reise, ein leichter Anflug von Bartstoppeln. Doch seine Bewegungsabläufe, seine Stimme und die Art, wie er seine Worte betonte verrieten eine adlige Herkunft. Sie hatten den Jungen aufgegabelt, als sie Evermor in Hochfells passierten. Ganz klar war er wild darauf gewesen, so schnell wie möglich von dort wegzukommen. Und es war sehr offensichtlich, dass er nicht die Art von Mensch war, die sich freiwillig einer kleinen Armee aus gekauften Kriegern anschloss. Außer wenn es sich um eine unbedingte Notwendigkeit handelte. Ein wenig erinnerte der Junge Stephanus an ihn selbst als er noch jünger war. Blind auf der Flucht vor seiner Vergangenheit, auf der Suche nach dem schnellsten Weg fort von Zuhause. Er schlussfolgerte das dies vielleicht der Grund war aus dem er dem Bretonen jetzt half.
Sie erreichten das Ziel des Bretonen und der junge Mann aus Evermor legte das Brennmaterial auf einem größeren Stapel ab, an dem ab und an ein anderes frisches Mitglied der Kompanie ankam und seinerseits Holz aufschichtete. Jeder Schritt wirbelte ein Stück lockere und trockene Erde auf, das in winzigen Partikeln wieder auf den festeren Grund hinab schwebte.
Stephanus klopfte dem jungen Mann nach getaner Arbeit beruhigend auf die Schulter.
„Ich gehe dann jetzt, Junge. Halt dich von Ärger fern.“
Der Bretone streckte stöhnend den Rücken und drehte sich danach Stephanus zu, der schon im Begriff war zu verschwinden.
„Vielen dank. Und nennt mich bitte nicht andauernd Junge. Ich habe einen Namen.“
Stephanus blieb stehen und wandte sich mit hochgezogenen Augenbrauen wieder dem anderen Mann zu.
„Ach? Und der wäre?“
„Delstian,“ stammelte der Bretone schnell und verlegen, fast als hätte er das Gefühl, er wäre vorhin bei seinem letzten Satz nicht demütig genug gewesen, und befürchtete jetzt vom Kaiserlichen eine Ohrfeige zu bekommen.
„Mein Name ist Delstian.“
Stephanus ging wieder einen Schritt auf ihn zu, was Delstian dazu brachte verängstigt ein wenig zurück zu zucken. Der Kaiserliche ärgerte sich leicht über sich selbst, denn das war keinesfalls seine Absicht gewesen.
„Nun gut, Delstian,“ sagte er nun in einem ratgeberischen Ton. „Pass auf dich auf, und starr niemanden an, und glotze erst recht niemandem direkt in die Augen. Dann solltest du die nächsten Tage ohne Prügel durchkommen.“ Danach ließ der Kaiserliche Delstian stehen und ging seines Weges.

Die Kompanie hatte eine einfache Rangordnung: Der Anführer hatte vier Leutnants, die ihrerseits zwei ihnen direkt untergestellte Offiziere hatten. Diese wiederum hatten einige Unteroffiziere unter ihrem Kommando, die für eine verschieden große Anzahl an Kämpfern zuständig waren. Diese Gruppen hatten während eines Marsches die Last ihres in Einzelteile zerlegten Zeltes unter sich aufgeteilt zu tragen, nicht unähnlich dem Verfahren, dass die kaiserlichen Legionen verwendeten. Und genau zu diesem Zelt war Stephanus jetzt unterwegs.
Es war ein schöner und nur leicht bewölkter Tag, selbst wenn der kühle Wind in den Hochlanden von Reach die wärme der Sonne effektiv verminderte und den Kaiserlichen bei besonders kalten Böen unter seinem Lederharnisch frösteln ließ und sich ihm immer wieder die Nackenhaare aufrichteten. In einiger Ferne konnte Stephanus die Mauern und Dächer der Stadt Markarth sehen. Sie war vor Jahrtausenden in das sie umgebende steile Gebirge gehauen worden, welches sich zu beiden Seiten der Stadt in die Ewigkeit erstreckte und sich zum Himmel hin seine Gipfel immer stärker in zunächst unbeständige, dann jedoch dichter werdende weiche Nebelschwaden hüllte. Stolze grüne Banner mit einem weißen stilisierten Bergziegenbockschädel darauf wehten über Türmen und änderten ihre Richtung mit dem Wind.
Würden einige der prächtigen goldenen Dächer nicht das Licht der Sonne reflektieren, gäbe es die Banner nicht und würde auch kein Rauch aus den Schornsteinen von Markath aufsteigen so könnte man fast glauben die Stadt sei ein Teil der hellgrauen Felsen. Markath hatte seinen Ruf als „Stadt des Steins“ verdient. Sie sah zeitlos und uralt aus, als hätte es sie schon lange vor ihren Erbauern gegeben. Als wäre sie vor Urzeiten einfach aus dem Berg heraus gewachsen und stumm ihren Platz auf Nirn eingefordert.
Der Wind drehte sich und trieb den gemischten Geruch und die Klänge der Zivilisation an Stephanus' Nase und Ohren heran: Nahrungsmittel, Duftstoffe, Abfall, schwitzende Menschen und Mer, laute Hammerschläge, das unverständliche Gemurmel tausender Münder und das bellenden von Hunden. Aber der Geruch von Markarth hatte etwas besonderes an sich. Das hölzerne Aroma verbrannter Kohle und der eigentümliche Duft von geschmolzenem Metall lag besonders schwer in der Luft, und beides hebte die Geruchspalette Markarths von der anderer Städte ab. In der Ferne rauschte zudem ein Fluss.
Stephanus ging über einen breiten Weg, der durch das Lager führte, auf das imposante Torhaus zu, auch wenn es noch weit weg lag. Doch sein Ziel befand sich einfach nur in der selben Richtung. Er kam an vielen Zelten verschiedener Machart und Farbe vorbei, und die Leute, die müßig, gleichgültig oder zielstrebig an ihm vorbeizogen, unterschieden sich ebenso stark voneinander wie ihre zeitweiligen Behausungen, auch wenn viele von ihnen dennoch eines gemeinsam hatten: Man konnte ihnen sofort ansehen, dass sie sich ihr Brot mit dem Schwert in der Hand verdienten und auch keine wirklich angenehmen Zeitgenossen waren. Viele von ihnen gehörten Rassen an, von denen man eine kriegerische Natur erwartete. Gerade jetzt ging eine Gruppe aus fünf Rothwardonen an Stephanus vorbei. Aber eigentlich war jede Rasse mindestens acht mal in der Kompanie vertreten, sei es bei den Nahkämpfern, den Bogenschützen oder den wenigen Kampfmagiern.
Die Mietklingen der Kompanie hatten ihr Lager in einigem Abstand von den steinernen Mauern der Stadt aufgeschlagen, denn außer den Quartiermeistern durfte keiner von ihnen die Hauptstadt des Fürstentums betreten. Die Stadtwache bestand darauf, dass sie ohne eine kleine randalierende Armee aus zwielichtigen Heuerlingen bereits genug Probleme in der Stadt hätte. Es stellte auch eine Sicherheitsmaßnahme gegenüber Krankheiten dar. Im Krieg fielen die Meisten nicht im Kampf oder fielen schlecht behandelten Verletzungen zum Opfer. Nein, den Großteil der Todesopfer des Krieges forderte die herzlose Pestilenz. Sobald eine Seuche einmal in einem Lager oder einer Stadt ausbrach war sie nur noch schwer wieder einzudämmen. Sie machte keinen Unterschied zwischen Bettlern und Königen, wie man sagte, auch wenn die Letzteren dank der modernen Alchemie mit genügend Gold in Wirklichkeit nicht viel zu befürchten hatten.
Seltsamerweise hatte Stephanus aber vor einigen Stunden einen Wachmann in Grün sagen hören, es gäbe keinerlei Probleme in Markath. Doch dass hatte er mit einem Achselzucken abgetan und keine weiteren Gedanken daran verschwendet. Was in der Stadt passierte ging ihn nichts an, denn das Söldnerheer würde nur einige Nächte vor der Stadt verbringen, um nach dem langen Marsch über die Bergpässe zwischen Skyrim und Hochfels wieder Energie zu tanken und Vorräte aufzustocken. Stephanus taten jetzt noch die Füße weh. Vielleicht konnten sie auch neue Rekruten anwerben. Ihr eigentliches Ziel aber war Hjaalmarsch, ein versumpftes und sagenumwobenes Gebiet im Nordwesten von Himmelsrand. Dort wollten sie mit ihrem neuen Arbeitgeber aufschließen: Ein Kaiserlicher Feldherr, der seine Ränge auf die Schnelle mit zusätzlichen bereits ausgebildeten Truppen verstärken wollte. Zuvor war die Kompanie in Hochfels aktiv gewesen. Die kleinen Königreiche der Provinz und die sie regierenden Adelsfamilien bekriegten sich am laufenden Band, vor allem in dieser Zeit der Instabilität, so dass es nie an Arbeit für Schwertarme und Bogenschützen gemangelt hatte. Ein kleinerer Teil des Söldnerheeres war auch in der Heimat der Bretonen geblieben um bestimmte vertragliche Voraussetzungen zu erfüllen, doch der Anführer der selbsternannten Militärunternehmer witterte das große Geld im frisch entflammten Bürgerkrieg der Nords. Bei dem besagten Anführer handelte es sich um einen Dunkelelfen namens Ganlydyn Menarven. Stephanus war ihm mehrere Male persönlich begegnet, doch er versuchte, diese Treffen so selten wie möglich zu halten. Wenn Menarven etwas von einem einfachen Fußsoldaten wollte, dann war das nie ein gutes Zeichen. Nach Außen hin wirkte der rotäugige Elf immer ruhig und freundlich, und er sprach auch immer in einer leisen Tonlage, so dass jeder Anwesende die Stimme senkte, um ihn reden zu hören. Aber nur Neulinge und Naivlinge fielen auf diese nur aus Tradition aufrecht erhaltene Illusion herein: Ganlydyn war rücksichtslos und blutrünstig. Stephanus konnte sich noch gut daran erinnern, was mit dem Vorgänger des jetzigen Zahlenmeisters der Kompanie geschehen war, auch wenn er dessen Namen über die Jahre hinweg vergessen hatte.
Ungefähr zwei Jahre nachdem Stephanus beigetreten war – damals befanden sie sich in Hammerfell - hatte Menarven über seine Offiziere jeden dazu auffordern lassen, sich in der Mitte ihres damaligen Lagers zu versammeln. Dort war auf die Schnelle ein kleines Podium aus Holz errichtet worden, zusammen mit einem Pranger. Ganlydyn Menarven zog höchstpersönlich den ehemaligen Schatz- und Zahlenmeister hinter sich durch die Menge hindurch und zwang den unter Todesangst stehenden Mann anschließend, sich selbst am Pranger festzumachen. Nachdem die klappe zufiel befestigte der Dunmer ein einfaches Schloss am Holzobjekt und für seinen armseligen Gefangenen gab es kein Entkommen mehr. Stephanus fiel auf, dass er sich nicht einmal daran erinnern konnte, welcher Rasse der Zahlenmeister angehört hatte. Er wusste nur noch, dass er ein Mensch gewesen war und sein Gesicht und sein nackter Oberkörper von blauen Flecken übersät worden waren, als ein Raunen durch die schroffe Menge ging und der Anführer der Heuerlinge seine Hand erhob, um Ruhe einzufordern. Das gesamte Lager verstummte sofort. Doch Menarven sagte nichts um die Stille auszufüllen. Stattdessen trat er seinem ehemaligen Angestellten in die Seite und legte dann mit einer schnellen Bewegung eine Hand auf dessen Mund, als dieser ihn aufschlug um einen Seufzer der Pein rauszulassen und verzweifelt die gewaltsam aus seinen Lungen entwichene Luft wieder einzufangen. Wenige Sekunden danach leuchtete es aus dem Inneren des Schatzmeisters, wobei sich seine Rippen dunkel abzeichneten und er wie eine morbide Laterne die abendliche Szenerie erleuchtete. Dann fing auch sein Äußeres an zu brennen. Die magisch verstärkten Flammen hatten den Mann innerhalb von einer Minute mitsamt Knochen vollkommen in Asche verwandelt, den Pranger und das Podium jedoch seltsamerweise von dem tödlichen Tanz ihrer feurigen Zungen verschont gelassen.
„Das passiert mit jenen, die denken, sie könnten der Kompanie ihr Geld stehlen und damit davon kommen.“
Ohne ein weiteres Wort verließ der Dunkelelf das Podium wieder, wobei er kein ein einziges Mal in die Menge sah, und ging dann mit erhobenem Haupt auf direktem Wege zu seinem Kommandozelt zurück. Jeder auf seinem Weg wich sofort vor ihm zurück und machte ihm Platz, als wäre er ein pestkranker Bettler. Jedoch war die Angst vor Ganlydyn auch heute noch viel größer und realer als die vor der Pest.

Stephanus zog sich selbst mit einer leichten Gänsehaut wieder aus der Erinnerung, denn er erreichte nun endlich sein Ziel. Nachdem er einige Male abgebogen war und sich geistesabwesend zwischen etlichen Zelten vorbei schlängelte kam er an der Zeltbaracke an, in der er heute Abend schlafen würde. Innen war es wärmer als draußen, sogar ein bisschen stickig. Die Sonne hatte das vor ungefähr fünf Stunden errichtete Zelt aufgewärmt und der stetige Wind, der durch die zerklüftete Bergregion wehte, hatte hier nicht besonders viel Einfluss. Die eng zusammenstehenden Baracken spendeten sich gegenseitig Windschatten, auch wenn durch die eine oder andere nicht geflickte Lücke im Stoff ein leises freches Pfeifen ertönte, sobald der Wind ein wenig an Geschwindigkeit zunahm. Stephanus zog hinter sich die als Tür dienende Klappe im Stoff zu und schnürte sie wieder fest an ihren Platz, selbst als der Wind leicht daran zerrte, als wolle er seine neu gefundene Geliebte nicht mehr loslassen. Auf der mit Stroh ausgelegten trockenen Erde lagen rund dreißig Bettrollen dicht an dicht. Jeder Meter Platz wurde effektiv genutzt. So gab es außer den einfachen Schlafstätten der Mietklingen und den kleinen Haufen ihrer transportablen Besitztümer nur einen einzigen Tisch und den an ihn ran geschobenen Stuhl in der Mitte des Zeltes, genau dort, wo ein dünner Baumstamm als einsame Säule für die Last des Daches aus Stoff und Seil diente.
Außer Stephanus waren noch zwei andere Personen im Zelt: Ein auf seinem Bett vor sich hin summender Rothwardon mit einer abgegriffenen Harfe in den Händen, und ein den Vorherigen finster anfunkelnder Ork, der ebenfalls in einiger Entfernung zum Harfenspieler auf seiner eigenen Bettrolle saß.
„Stephanus, sag dieser vermaledeiten Wüstenratte sie soll endlich die Klappe halten.“
„Ihr habt einfach keinen Geschmack für Musik, mein Freund Rognag,“ sagte der Rothwardone mit einem fachmännischen und bedauerlichen Tonfall in der Stimme und einem breiten Grinsen im Gesicht, bevor er sein Summen der Klangkulisse der Baracke wieder hinzufügte und sich knapp mit dem hin und wieder zögerlich hereinpfeifenden Wind messte.
Stephanus schüttelte nur leise lachend den Kopf und begab sich näher an den Orsimer heran, welcher leise in sich hinein fluchte und mit seinen gelben Augen immer noch mit Messern nach dem Rothwardonen warf.
„Wie geht’s dem Bein, Rognag?“ Der Kaiserliche ließ sich neben seinem Lagergenossen auf den Boden sinken.
Rognag gro-Golug war der Kompanie vor etwa fünf Jahren beigetreten. Auf den Tag genau war auch der Rothwardone Bodeado unter Vertrag genommen worden, und seit der ersten Stunde, in der sie in Stephanus' Einheit gelandet waren, stritten sich die beiden wie kleine Kinder. Bodeado trieb den Ork durch sein Harfenspiel, seine Sticheleien und sein konstantes Gerede immer wieder zur Weißglut. Rognag hingegen überschüttete den anderen des Nachts manchmal mit seinem Müll, „verlegte“ dessen Sachen oder verbrachte Stunden damit sich besonders kreative Flüche für seinen Mitstreiter aus Hammerfell einfallen zu lassen. Es war ein sehr merkwürdiges und auf jeden Außenstehenden wohl verwirrend wirkendes Verhältnis: Nur ein einziges Mal war es zu einer physikalischen Auseinandersetzung zwischen den beiden gekommen, nachdem sie nach einer gewonnenen Schlacht die ganze Nacht hindurch getrunken hatten und Beleidigungen zu Faustschlägen wurden. Beide hatten sich gegenseitig windelweich geprügelt und danach sofort zusammen weiter getrunken. Das war einige Wochen nach ihrer Rekrutierung gewesen, und seitdem verband die beiden Männer eine Art von verdrehter Freundschaft. Auch Stephanus sah die beiden als seine Freunde an. Die Freundschaft unter gekauften Schwertern hatte jedoch sehr oberflächliche Eigenschaften: Man half sich gegenseitig im Kampf und bei den täglichen Arbeiten im Lager. Man tauschte Geschichten aus , trank und scherzte miteinander. Manchmal kam es sogar dazu, dass eine ungeschriebene Regel unter Söldnern gebrochen wurde und man sich über die Vergangenheit vor der Kompanie ausfragte. Bis dahin und darüber hinaus ging es jedoch nur selten. Man würde für den anderen niemals sein eigenes Leben riskieren, wenn für einen selbst nichts dabei raussprang.
Rognag gro-Golug stöhnte leise als er sich schwerfällig vom Rothwardonen abwandte und seinen entnervten Blick nun auf Stephanus fixierte.
„Dem Bein geht es bestens. Mache mir nur sorgen, dass mir bald die Ohren anfangen zu bluten.“ Beim letzten Teil seines Satzes hob er gereizt die Stimme und nickte ruckartig in Richtung Bodeado, welcher dies mit einem dankbaren Nicken erwiderte, als wäre die Wut des Orks genau die Anerkennung die er brauchte. Der Ork selbst war im liegen groß, im Stehen sogar größer als ein wohlgenährter Durchschnittsnord und damit eine respekteinflößende Gestalt. Seine tiefschwarzen öligen Haare ließen einen großen Teil der Stirn offen und waren am Hinterkopf zu einem sehr kurzen Zopf zusammengebunden, so wie viele Orks ihre Haare arrangierten. Er war mittleren Alters, hatte olivgrüne Haut, ein typisch orkisches und rundes Gesicht und Zähne mit einem leichten Gelbstich. In ihrem Lager für die nächsten Paar Nächte hatte er seine imposante grün-braune Rüstung aus orkischem Stahl mit den dunkelgelben Verzierungen abgelegt und trug stattdessen einfache Kleidung aus brauner und grauer Wolle.
Bei ihrem letzten Kampf in Hochfels - sie waren von ihrem Arbeitgeber gegen den Söldnertrupp eines rivalisierenden Adligen losgeschickt worden - hatte ein Nord mit einem gigantischen Hammer aus Stahl und einer gigantischen Gier nach Blut Rognags Beinschiene eingedellt und sein Bein mit einem einzigen Schwung gebrochen. Der Ork hatte überlebt, und dank Medizin und der vergangenen Zeit konnte er ab der ungefähren Mitte ihrer Reise nach Himmelsrand wieder aufrecht auf zwei Beinen stehen und sich ohne Hilfe fortbewegen. Dass Orks an sich sehr zähe Schweinehunde sind hatte dabei sicher auch geholfen.
„Nun gut. Bodeado, wirf mir mal mein Geld zu.“
„Natürlich doch! Geh und kauf dir eine Flöte damit, dann könnte die Truppe als Musiker durch Tamriel ziehen, eine Spur aus gebrochenen Herzen und gebrochenen Schädeln hinter sich herziehend. Unser grüner Freund Rognag bekommt aber nur eine Trommel. Außer einer Triangel wäre alles andere viel zu kompliziert für ihn!“
Während der Ork irgendeine erzürnte Erwiderung stammelte, setzte sich der Rothwardone auf und tastete in einem naheliegenden Tornister nach dem gesuchten Säckchen mit Münzen. Nicht lange darauf drehte er sich wieder zum Kaiserlichen um und warf ihm die Septime zu.
Bodeado trug einen einfachen Lederharnisch und hatte dunkelbraune stoppelige Haare. Seine lebenslustigen Augen waren Haselnussbraun und ein spitzes Bärtchen zierte sein Kinn. Von sich selbst hatte er immer behauptet, dass er einst mal ein Pirat auf dem Abeceanischen Meer gewesen sei, doch glaubte ihm das niemand so wirklich. Jedes Mal, wenn er davon erzählte - und er erzählte sehr oft davon - kamen neue Details hinzu, und alte Details veränderten sich oder verschwanden völlig.
Stephanus fing den Geldbeutel in der Luft auf. Es war natürlich nicht sein ganzes Geld, denn die meisten seiner Septime existierten nur auf Papier. Die Kompanie hatte eine eigene kleine Bank, die einige Truhen in drei mit stabilen Käfigen versehenen Wagen umfasste. Die Kosten für Nahrung, Wasser und der Gleichen wurden vom Sold abgezogen, und der Rest nur stückweise und auf Nachfrage ausgezahlt. Einerseits konnte man sich seine Münzen so gut einteilen und vertrank oder verzockte nicht alles an einem Tag, andererseits war man finanziell plötzlich von der Kompanie abhängig. Je größer die Summe an abgehobenem Geld, desto mehr Fragen stellten der Schatzmeister und seine Gehilfen, und ohne guten Grund würde man seine Septime auf die Schnelle nicht bekommen. Das Gold wagte niemand zu stehlen, da die Geschichte des verbrannten Schatzmeisters immer noch die Runden machte und Ganlydyn an den wenigen, die es trotzdem versuchten, brutale Exempel statuierte: Ihnen wurden die Zunge und beide Hände entfernt, anschließend wurden sie im Lager vorgeführt und dann setzte man sie in der Wildnis aus.
Stephanus zählte schnell die Münzen durch - man konnte ja nie wissen - und steckte das Säckchen in eine seiner Gürteltaschen, während seine beiden Zeltgenossen wieder anfingen zu streiten. Mit einem Nicken verabschiedete er sich von ihnen, auch wenn sie es nicht wirklich bemerkten. Sie waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Stephanus nahm es einfach so hin, und er konnte nicht anders als zu schmunzeln als er die Baracke wieder verließ und das letzte, das er von den beiden hörte war:
„Holla holde Herrin von Wegrast-“
„Halt endlich die Klappe!“

Einige Minuten später hatte Stephanus zielstrebig das halbe Lager durchmessen, als seine Suche nach einem bestimmten runden Zelt endete, dessen Dach aus Planen ein kreisförmiges Loch hatte aus dem ohne Pause Rauch aufstieg, der den Stoff um die Rundung herum bereits geschwärzt hatte. Diese vom Wind weggetragene und unförmige Säule aus dichtem Qualm war nicht nur schwarz oder grau. Ab und zu war sie auf kurioser Weise grün verfärbt, manchmal sogar violett bis pink. Es war das teilweise mobile Labor des Alchemisten und seiner Gehilfen. Der Kaiserliche betrat den breiten Eingang des Zeltes und wurde sofort von einer Wolke aus den verschiedensten Gerüchen begrüßt: In einem Moment wohlriechend rosig, im anderen Moment eine deftige Ladung an Gewürzen, dann wieder scharf und eigenartig unbeschreiblich. Und diesen an manchen Stellen besonders konzentrierten Dunst konnte man trotz des offenstehenden Ausgangs sogar sehen. Wie leicht durchsichtiger Nebel trieben aus den unterschiedlichsten komplizierten alchemistischen Apparaturen aufsteigende Schwaden durch das Innere der Behausung aus Stoff und trieben Stephanus je nach Konsistenz Tränen in die Augen, während sie zugleich auch das Licht im inneren des Zeltes dämpften. Er kämpfte sich durch die mit Gasen geschwängerte Luft bis zu einem mit Büchern zugepflasterten Tresen nicht weit von der offenen Pforte vor und nickte den dahinterstehenden Mann mit einem einzelnen kaum unterdrückten Huster zum Gruß an. Dieser nickte zurück und Lächelte sanft, während er damit begann seine majestätischen Schnurrhaare abzutasten und die vor alchemischen Gasen wimmelnde Luft tief und genussvoll einzuatmen. Der Alchemist – unverkennbar ein Khajiit – trug eine an den Rändern verzierte Robe aus tiefvioletter Seide. Eine dazugehörende Kapuze lag tief im Gesicht des Tiermenschen, so dass seine licht reflektierenden und bernsteinfarbenen Augen nur knapp darunter hervorlugten. Über den Händen trug er einfache an den Fingerspitzen leicht grünliche Handschuhe aus Leder, so dass sich sein braun, schwarz und weiß geschecktes Fell nur in seinem Gesicht entblößte. Während die Katze noch mehr von der trägen und unsauberen Luft um sie herum einsog begnügte sich Stephanus damit, diese in einem Versuch mit zweifelhaftem Ausgang von seinem Gesicht weg zu fächern. Dies quittierte der Khajiit mit einem belustigten Blick. Mit einem lauten und entzückten „Ahh!“ stieß der Alchemist schließlich die Luft wieder aus und schenkte dem Kaiserlichen nun seine vorerst ungeteilte Aufmerksamkeit. Stephanus konnte mit zusammengekniffenen Augen die Gehilfen des Khajiiten durch den Dunst hindurch im Zelt herumirren sehen, doch er schenkte den schemenhaften Bewegungen im Hintergrund kaum Beachtung.
„Was führt den Menschen in mein Reich der Kolben, Kalzineröfen und Retorten? Plagt ihn wieder die Schlaflosigkeit, ja?“
„Richtig. Ich brauche fünf Flaschen.“
Stephanus dankte den Neun, dass Bodeado nicht ihr Alchemist war. Er hätte, wie es eben seine Art war, nur geredet und geredet, während der Kater vor ihm sehr schnell zum Punkt kam. Der Kaiserliche wollte schnell wieder aus dem Zelt raus, denn das Gemisch aus bunten Dämpfen fing langsam an in seiner Nase und – was noch viel schlimmer war – in seinen Lungen zu brennen. Dem Alchemisten waren wohl schon alle Geruchsnerven vor Ewigkeiten weggeätzt, so dachte sich Stephanus.
„Kommt sofort. Legt schon das Geld hin. Fünfzig Septime.“
Ohne weitere Umschweife verzog sich der Khajiit in die Tiefen des künstlichen Nebels. Als eine Art Luxusartikel mussten Stephanus' Nachtschlaftränke separat bezahlt werden, und der Kaiserliche leerte den Beutelinhalt ohne noch einmal die Münzen zu zählen auf eine freie Stelle auf dem Tresen. Er kaufte immer die gleiche Menge, und der Preis veränderte sich nicht, so dass er immer genau wusste, wie viele Septime er bei seinen Besuchen dabei haben musste. Im ersten Moment würde man bei den Preis, den Stephanus jedes mal aufs Neue zahlen musste an Wucher denken. Aber fünf Flaschen reichten durchaus für eineinhalb bis zwei Monate aus. Genug für lange Märsche ohne besondere Zwischenstopps, mit Ausnahme der Nachtruhe. Warum der Preis gleich blieb wusste Stephanus nicht zu beantworten. Wenn es um den Handel ging kannte er außer einigen Tricks beim gelegentlichen Feilschen eigentlich gar nichts. Der Alchemist könnte die Preise diktiert bekommen, oder er wollte von sich aus seinen Kunden entgegen kommen, was der Kaiserliche allerdings anzweifelte. Der Khajiit setzte immer eine freundliche Miene auf und erhob seine Stimme nur selten zum Fluchen oder zum Schreien, was aber eher eine Fassade war.
Der Alchemist, dessen Namen Stephanus selbst über all die Jahre hinweg nie erfahren hatte, verteilte nun geschickt fünf mittelgroße Flaschen auf der hölzernen Auflagefläche und auf den Einbänden der achtlos darauf gestapelten Bücher.
„So. Die Zahl der Münzen stimmt. Der Mensch weiß, wie man dosiert. Habt noch einen schönen Tag in der Sonne,“ beendete der Khajiit die Transaktion und verabschiedete sich auch damit.
Stephanus erwiderte dies mit einem von einem Grunzen begleiteten Nicken, verstaute die röhrenförmigen Glasbehälter und machte sich daraufhin mit fast schon zugekniffenen und tränenden Augen fluchtartig zum Ausgang auf, bei jedem Schritt damit beschäftigt zu husten und ein Würgen zu unterdrücken. Seine letzte Mahlzeit wollte er noch drinnen behalten, aber sie schien nicht einer Meinung mit ihm zu sein.
Er dankte still den Neun als er schlussendlich aus der Öffnung stolperte und den in der Luft gelösten Chemikalien entkam. Seine selbst unter den Augenlidern brennenden Augäpfel mussten sich erst wieder an das Tageslicht gewöhnen, aber die saubere Luft sog er mit einigem Abstand vom Alchemistenzelt mit den Händen auf die Knie gestützt gierig und tief ein. Ob ihn jemand so sah war ihm im Moment egal. Seine Gedanken klärten sich wieder, als sein Hirn wieder an kostbaren Sauerstoff kam. Die Gase waren ihm wortwörtlich zum Kopf gestiegen.
„Das wäre schonmal überstanden,“ sagte er zu niemandem besonders als er sich wieder aufrichtete und sich daraufhin schon wieder auf den Weg machte. Im Lager gab es bestimmt noch Arbeit zu verrichten. Und wenn er keine Arbeit fand, konnte er immer noch an Übungskämpfen teilnehmen.

Bahaar
07.06.2014, 13:00
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Es schien, als wären die Wolken in tiefste Traurigkeit und Trübsinn verfallen, derart heftig ließ die graue Masse am Himmel ihren Inhalt hinabgießen. Als dichte Schleier, die im Wind wogten, versperrten sie Vesa die Sicht auf ihre Umgebung, hüllten sie in Verschwommenheit und undeutliche Formen. Der Himmel selbst schien auf die Erde zu stürzen und entsprechend roch es auch. Nicht nur die kalte Feuchtigkeit des Regens, die wie eine Glocke über dem Land hing, nein, auch Fäulnis und Verwesung, als wäre die Welt bereits tot und löse sich auf. Die Kaiserliche schüttelte sich, als ihr der Geruch heftig in die Nase stieß, und bereute es sofort. Jede Faser ihres Leibes schien aufzuflammen als stünde sie in einem großen Feuer. Sie wollte schreien, doch erstarb ihr der Laut im Hals. Mehr als ein raues Krächzen brachte sie nicht hervor.
Je länger sie völlig durchnässt im Regen lag, grobe, unbequeme Steine im Rücken, ohne dass sie sich zu bewegen vermochte, desto größer schienen die Regentropfen zu werden. Irgendwann dröhnte jeder einzelne Aufschlag durch ihren Kopf wie ein Hieb mit dem Hammer. Paralysiert im Schmerz blieb ihr nichts anderes übrig, als die Beben im Schädel zu ertragen, hoffend es würde aufhören zu regnen. Doch das tat es nicht und so schrumpfte sie in sich zusammen, ohne Kontrolle über ihren Leib, zusammengerollt wie ein Kleinkind. Die Hände auf die Ohren gepresst, als könnten sie so das Donnern aussperren. Es endete in größerer Enttäuschung und Wut darüber, dass es nicht funktionierte. Im Gegenteil, es schien vielmehr so, als hielten sie das Dröhnen davon ab, aus ihrem Haupt zu entweichen und verstärkten es noch mehr.
Platsch, platsch, platsch. Jeder Tropfen weckte ein heißes Brennen, dass vom Hinterkopf aus um sich griff wie ein Waldbrand. Heiße Bahnen zogen sich von dort ausgehend über ihre Kopfhaut, brannten sich gleich flüssigem Eisen ein. Tiefes Grollen begleitete die brennenden Schmerzen, wurde lauter und umfing sie als Gewittersturm. Vibrierend fraß es sich Vesana hinein, jede noch so kleine Erschütterung ließ heiße Stiche durch ihren Schädel fahren bis sie sich schließlich fest in den Untergrund krallte und vor Schmerz stöhnend in den Boden biss. Krampfend bohrten sich ihre Finger durch die groben Steine unter ihr während sich der bitter-schmierige Geschmack von feuchtem Holz auf ihrer Zunge ausbreitete.
Erst als sie das widerlich pelzige Gefühl im Mund spuckend versuchte loszuwerden und sowohl ihr eigenes Stöhnen, wie auch das Grollen gleichzeitig erstarben, wurde sie sich bewusst, dass letzteres nicht aus den Wolken zu ihr hinabgerollt kam, sondern sich ihrer eigenen Kehle entwunden hatte. Dem nicht genug, das Sonnenlicht schien zu sterben, wich einem milderen, schwächeren Schimmer, der flackerte und den Himmel in Schwärze verdunkelte. Die kontinuierlichen Regenschauer wichen einzelnen, schweren Tropfen, die ihr auf den brennenden Hinterkopf klatschten und jedes Mal ein Schwert durch ihr Haupt rammten. Unter ihr lag Vesas Bogen auf schwarzem, brüchigem Steinboden. Er schien als hätte jemand mit spitzen Zähnen in ihn hineingebissen.
Mühsam stemmte sich die Kaiserliche hoch, unendlich kraftlos und zittrig, als hätte sie seit Tagen nichts gegessen. Gerade so erkannte sie noch, wie die freigelassenen Finger, die aus ihren Handschuhen herausstanden, ihre Farbe von aschgrau zu einer menschlicheren Farbe änderten und sich die Fingernägel von, eben noch scharfe Klauen, zurückzogen und sich an den Fingerkuppen dunkel unterlaufen verkürzten. Tropfen rannen ihr durch das Haar auf die Wangen bis zu den Mundwinkeln und verbreiteten dort einen matten, bitteren Geschmack von Eisen. Auf allen Vieren hob sie die Rechte, schüttelnd als erfriere sie gerade, dabei besaß sie schlicht keine Kraft um mehr als sich selbst zu halten, und griff sich mit den schmutzverkrusteten Fingern ins Haar am Hinterkopf. Stöhnend und gleichzeitig grollend zog sie sie ruckartig zurück, als ihr ein neuerlicher Hammerschlag für einen Moment die Sehkraft schwinden und sie auf die rechte Schulter hinabsinken ließ. Knackend schoben sich augenblicklich wieder ihre Krallen und scharfen Eckzähne hervor.
Hunger, Wut und Schmerz schwächten ihre menschliche Form und brachten das Biest zum Toben und doch schaffte es keiner Beiden die Oberhand zu gewinnen. Der Kampf schwächte sie zusätzlich und zwang sie dazu, liegen zu bleiben. Der Wolf spürte die Vollmonde während der Mensch sich nach Ruhe und Erholung sehnte, wissend, dass es hier unten ohnehin keine Beute zu holen gäbe und mit dem angeschlagen Fuß käme auch ihre Tierform nicht aus dem Loch.
Übel, vom krampfenden Magen, der nach mehr verlangte als Brot und Fett, mit flammender Brust im Kampf zwischen Mensch und Tier und einem Kopf so schwer wie ein Amboss und ähnlich starken Schlägen ausgesetzt, lag die Kaiserliche am unteren Ende des Schutthaufens und krümmte sich. Die Hände vor das Gesicht geschlagen, während ihr Tropfen von der Tunneldecke auf den Schädel schlugen und ihr Lebenssaft heiß aus einer kleinen Wunde am Hinterkopf auf die Steine sickerte. Salzige Tränen, so voll mit Frust, Wut und Schmerz, dass sie hätten töten können, brannten ihr in den Augen und ergossen sich über ihre schmutzige Haut.
Wie lange war sie wohl bewusstlos gewesen? Ein paar Stunden? Minuten? Einen Tag? Vermutlich ersteres und doch hätte es ebenso gut Morgen oder Mittag, Abend oder noch dieselbe Nacht sein können.
Noch immer mit ausgefahrenen Krallen und Eckzähnen nahm Vesa die Hände vom Gesicht und schaute hinauf zum oberen Ende des Steinhaufens. Es gab nur eine Möglichkeit, es herauszufinden. Träge, gleich einer Schildkröte, begann sie damit, sich die losen Steine hinaufzuschleifen. Ein mühsames Unterfangen, das sich derart lange hinzog, dass ebenso gut ein Tag vergehen mochte. Dennoch schaffte sie es nach oben und blieb so ausgelaugt wie selten zuvor bäuchlings liegen. Schnaufend hob sich ihr Brustkorb schwer, brannte als wäre er mit heißem Öl ausgegossen und gelegentlich glaubte sie die Rippen knacken zu hören, während das Biest versuchte auszubrechen aber augenscheinlich nicht genug Kraft zu besitzen schien.
Vorsichtig, darauf bedachte nicht anzuecken, wandte die Kaiserliche nach schier ewigen Momenten den Kopf und versuchte aus dem Augenwinkel heraus in das Loch hinaufzuspähen. Noch immer erfüllte völlige Schwärze den senkrechten Tunnel. Doch an seinem Ende ließ sich etwas erkennen, mehr eine Ahnung denn etwas wirklich greifbares, das aussah wie erstes Tageslicht, das in morgendlicher Schwäche versuchte durch dichtes Astwerk zu dringen. Konnte es wirklich sein? Sollte es tatsächlich schon Morgen sein? Sie musste wirklich Stunden bewusstlos gewesen sein. Sie wusste nicht, ob sie erleichtert oder entsetzt sein sollte. Doch der Wolf machte ihr die Entscheidung letztlich leicht, als er sie sich aufbäumen und wütend grollen ließ. Klauen weit ausgefahren und das Gebiss bereits verschoben hob sich ihr Oberkörper auf die Ellbogen gestemmt und der Kopf in den Nacken gelegt. Der Kraftakt erstarb bald, endete in einem kläglichen Wimmern und ließ die Kaiserliche in sich zusammenfallen wie ein Schluck Wasser.
Dafür fiel ihr Blick nun dorthin, wo sie zuletzt den Waschbären gesehen hatte. Entsetzt weiteten sich ihre Augen und das Herz krampfte derart, dass sie sich mit der Hand gegen die Brust langte und die Finger fest in das Leder ihrer Jacke krallte. Unregelmäßig atmend musste sie sich zusammenreißen, um nicht sofort wieder ohnmächtig zu werden oder laut zu aufzuschreien. Sogar das Biest in ihrer Brust hielt inne. Noch immer zeichneten Fellfetzen und dunkle Blutflecken die Stelle, an der das Tier aufgeschlagen war. Einige der völlig zerschellten, winzigen Knochen lagen auch noch herum. Aber etwas ganz Entscheidendes hatte sich an der Aufschlagstelle verändert und allein der eine Gedanke vertrieb sämtliche Fähigkeit an irgendetwas anderes zu denken, als wäre ihr Kopf mit einem Mal mit Nebel gefüllt.
Mit unsteten Augen schaute sie in die Dunkelheit auf der anderen Seite des Trümmerhaufens hinab. Nichts. Zurück zur Stelle, wo der Waschbär gelandet war. Nichts. Vesana schloss die Lider, rieb kurz darüber und öffnete sie erneut. Nichts. Langsam, den rasselnden Atem zu beruhigen versuchend, schob sie sich zu ihrer Nachtstatt hinab und nahm sich ihre Laterne mit, die noch immer oben gestanden hatte und inzwischen gefährlich weit abgebrannt war. Ein letzter Blick, um sicher zu gehen, dass sie nicht völlig verrückt wurde. Nein, wurde sie nicht. Der geschundene Leib des Waschbären fehlte.


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Kampfkatze2
14.07.2014, 04:09
Sylaen richtete sich auf und warf einen weiteren Scheit ins Feuer. Er landete mit einem knistern auf seinen bereits verkohlten Artgenossen, wobei er ein wenig Asche aufwirbelte. Während der nach Kohle riechende Rauch zusammen mit einigen Funken in den ruhigen nächtlichen Himmel aufstieg, starrte Stephanus in die tanzenden Flammen und wunderte sich, ob es durch die Verworrenheiten des Schicksals dazu gekommen war, dass es sich bei dem frischen Holzscheit um einen von eben jenen handelte, die der Bretone heute Mittag fallen gelassen hatte. Wie war sein Name noch gleich gewesen? Delstian? Elstian? Er wusste es nicht mehr. Er hatte ihn über den Tag hinweg völlig vergessen. Stephanus und seine Gedanken waren durchgehend beschäftigt gewesen. Vom Training und von der Arbeit im Lager wehklagten seine mittlerweile müden Muskeln. Seine Waffen hatte er erneut geschärft, zudem hatte er bei den letzten Arbeiten an der lächerlichen Holzpalisade geholfen, die jetzt das Lager umspannte.
Das meiste Holz wurde importiert, denn Reach war nicht für seine dichten und tiefen Wälder bekannt. Im Gegenteil. Neben vertrocknet aussehendem Gras und den stellenweise wachsenden Büschen gab es kaum erwähnenswerte Vegetation. Mit Ausnahme der vereinzelten Bäume. Die knorrigen dürren Pflanzen trugen kaum Blätter und schienen aus den unerbittlichen Felsen der Umgebung und allen Widrigkeiten des trockenen Klippenlandes zu trotz stur dem Himmel entgegen zu wachsen. Sie sahen uralt aus, verhärmt und verbogen. Sie waren starrköpfige, trotzige Greise, die es obgleich ihres Alters der erbarmungslosen Natur zeigen wollten, und sich auch noch fest vorgenommen hatten, die Berge selbst zu überdauern.
Und während die Funken wie rote Glühwürmchen aufstiegen, musste Stephanus plötzlich an lang vergessene Abende denken, bei denen er ebenfalls vor einem Lagerfeuer gesessen hatte. Damals war er aber von anderen Leuten umgeben gewesen. Von vertrauteren Leuten, und vertrauenswürdigen. Unverhofft überrumpelten ihn Melancholie, Sehnsucht und Einsamkeit, als er an die in seinen Erinnerungen bereits verschwimmenden Gesichter seiner verflossenen Mitstreiter dachte und seine Gedanken sich auf Wanderschaft begaben.
Als er die Augen schloss konnte er sie unter seinen Lidern deutlich am Feuer sitzen sehen, noch lebendig und glücklich miteinander lachend. Die Erinnerung schmerzte, und es fiel ihm schwer sich zusammenzureißen und vor den ihn in der Gegenwart umgebenden Zeitgenossen zu verbergen, was in ihm vorging.
Ein Schemen an der Feuerstelle in seinem Kopf winkte ihm zu. Elberond, ein Bosmer, an einem Hitzschlag in der Alik'r Wüste gestorben, circa fünf Jahre nachdem Stephanus sich eingeschrieben hatte. Als das Kaiserreich 4Ä 175 Hammerfell als Provinz verstieß, wurden die Rothwardonen sehr misstrauisch allen Ausländern gegenüber, und die Söldner wurden nur für Ziele von sekundärer Bedeutung genutzt. Dies hinderte sie nicht, ihre angekauften Waffenträger wortwörtlich in die Wüste zu schicken. Ein Jahr nach Elberonds Tod hatten es die stolzen Einwohner Hammerfells schließlich fast im Alleingang geschafft, die Armeen des Aldmeri-Bundes vollständig zurückzuschlagen. Der Elf war einer seiner ersten und besten Freunde gewesen. Ungefähr im gleichen Alter, aufgeweckt, und entgegen allen Erwartungen ein miserabler Bogenschütze. Sie hatten sich die Strapazen der Kampfausbildung und der niederen Arbeiten der Rekruten geteilt, ihr Essen, ihre Geschichten, Witze und Philosophien. Er war wie ein Bruder für ihn gewesen. Sie mussten ihn am Ende zurücklassen. Die Sonne hatte gleichgültig und zerschmetternd auf sie herabgebrannt, und auf niemanden wurde während des Marsches Rücksicht genommen.
Wer hinfiel und nicht mehr die Kraft fand von alleine wieder aufzustehen war tot.
Neben ihm saß ein weiterer Kamerad aus seinen ersten Jahren: Der Ohrlose Oswald, ein Nord, der noch vor ihrer Begegnung beide Ohren an den Frost verloren hatte. Der trinkfesteste Mann, den Stephanus je gekannt hatte, mit dem Körperbau eines Bären und der geballten Kraft eines Erdrutsches. Für Stephanus war er ein Ersatzvater gewesen. Ein klobiger Prolet, der sich aber auch selbst Grenzen gesetzt hatte, und auch nicht so dumm war, wie er aussah. Der Nord hatte ihm vieles über den Nahkampf mit Schwert und Schild beigebracht. Seine Moral hatte Stephanus geformt. Im Scherz hatte Elberond einst gesagt, man könnte den Ausgang einer bevorstehenden Schlacht voraussagen, wenn man auf Oswalds kahlen Schädel spuckte und alles gut auf voller Fläche verteilte und dann lange genug in sein vom Kahlkopf reflektiertes Gesicht sah. Oswald war an der Grenze zwischen Morrowind und Schwarzmarsch bei einem Scharmützel gefallen, aber nicht bevor er womöglich übertriebenen Berichten zufolge zehn Argonier mit in den Tod gerissen hatte. Der Nord hatte eine Halskette aus Stahl getragen, rief sich Stephanus in Erinnerung. Eine Kette, die er selbst geschmiedet hatte.
In seinem Kopf hörte er ihn wie damals brummen: „Sie her, Stephanus. Dinge die du selber machst, halten am besten. Wie diese Kette hier. Ich habe sie mit meinen eigenen verdammten Händen gefertigt. Sie ist nicht von weltlichem wert, nicht aus Gold, auch nicht aus Silber, aber bei Ysmir, ich kann dir garantieren, sie wird uns beide überdauern.“
Trotz seiner Bemühungen war es Stephanus damals nicht vergönnt gewesen dieses Erinnerungsstück zu bergen.
Dann waren da noch Dan-Za, Madril, Sorink, der grünhändige Malik und Viania Catraso. Aber die Liste der Namen ging immer weiter und verlor sich zum Teil in der trüben Tiefe des Vergessens. Mit Vielen von ihnen hatte Stephanus gute Erinnerungen, mit einigen hatte er sich nur das Zelt, den ein oder anderen Schlauch Wein und die Wärme des Feuers geteilt. Allein das galt unter manchen Umständen schon als Freundschaft. Seit fast schon 30 Jahren kamen und gingen die Gesichter. In seinem Beruf wurde man nur selten alt.
Er lächelte dann doch gequält, als er sich vor allem an die Zeit mit Viania zurückerinnerte. Beim Gedanken an sie fühlte der Kaiserliche noch stärkere Sehnsucht in sich aufsteigen. Seine erste Liebe außerhalb der Kaiserstadt. Die Zeit mit ihr war unbeschreiblich gewesen, die besten Jahre seines damals jungen Lebens. Deutlich sah er ihre smaragdgrünen Augen und ihre freche, lebensfrohe Art. Diese Eigenschaften waren, neben ihren besonderen gemeinsamen Momenten, die einzigen Erinnerungen die er an sie noch hatte.
„Du hast echt eine bemerkenswerte Fähigkeit, dich nur an die Augen deiner Mitmenschen zu erinnern,“ stellte der Kaiserliche selbstkritisch fest.
Stephanus seufzte und fuhr sich durch den Bart. Die Zeit in der Oswald, Viana und Elberond noch lebten... Damals war er ein wahrer Schönling gewesen, doch dass war bevor er aufgehört hatte, sich zu rasieren, bevor er vom Krieg und den beschwerlichsten Umständen gezeichnet wurde (seine Nase tat ihm hin und wieder immer noch weh), und bevor die Spuren der Zeit sich geduldig und unaufhaltsam in sein Antlitz schlichen. Über die Jahre hinweg war er verbittert und zynisch geworden. Wie war es nur so weit mit ihm gekommen?
„Nein, nicht zynischer,“ dementierte ein Teil von ihm. „Du bist nur weniger Dumm und Naiv als früher.“
Er wurde jäh aus seinen Gedanken geschreckt, als Sylaen ihn leicht in die Seite stieß.
„Schlaft nicht ein, alter Mann. Hrard kommt gleich und teilt die Wache ein.“
Stephanus quittierte die Bemerkung der Elfe mit einem leisen Murren und nickte dann Cocius, dem anderen Kaiserlichen in der Gruppe zu, der ebenfalls unweit von ihm am Feuer saß. Nachdem er sich seiner Aufmerksamkeit sicher war, sagte er:
„Cocius, reich mir mal den Wein.“
Der angesprochene Kaiserliche nahm noch einen letzten Schluck aus dem ledernen Behältnis und streckte seinen Arm dann mitsamt Weinschlauch Stephanus entgegen. Dieser griff sich den Lederbeutel, löste den an einem Seil befestigten Korken und setzte die nun freie Öffnung an seinen Lippen an, nicht ohne dem anderen Kaiserlichen ein dankbares Nicken entgegenzubringen. Er schloss die Augen als die süße Flüssigkeit in seinen Hals ran und ihn mit Wärme erfüllte. Das Feuer hielt zwar einen Teil seiner Vorderseite warm, aber jedes Stück seines Körpers, das Stephanus von den Flammen abwandte oder das zu weit weg lag wurde Opfer der nächtlichen Kälte und ihrer seltsam milden Umarmung. Dieser zwielichtige Zustand hatte einen eigenartigen Reiz. Der Kaiserliche zog es aber vor, sich vollständig in wohlige Wärme zu wiegen, wobei der Wein gut half.
Grillen zirpten um sie herum und wetteiferten mit Bodeado, der irgendwo in der Nähe gedankenverloren an den Seiten seiner Harfe zupfte.
Sylaen stellte unvermittelt eine Frage: „Hat jemand 'ne Ahnung, warum wir überhaupt hier sind? Ich meine, was läuft in Himmelsrand ab?“
Niemand antwortete. Sie stieß Stephanus erneut an und stellte ihre Frage ein zweites Mal.
Der Kaiserliche seufzte und rückte ein wenig von ihr weg. Er wollte von der Waldelfe wirklich nicht angefasst werden. Besser jetzt reden, dachte er dann, während er ganz diszipliniert seine aufkochende Wut unterdrückte.
„Einfach,“ erwiderte er dann so gleichgültig, wie er nur konnte, „Ulfric Sturmmantel will den Thron von Himmelsrand und hat dafür den Hochkönig umgelegt. Das Kaiserreich hat das natürlich nicht einfach so hingenommen, und jetzt hat er einen Bürgerkrieg angestachelt.“
Als Söldner behielt Stephanus seine Meinung für sich, aber das bedeutete nicht, dass er sich keine bildete. In seinen Augen war Ulfric nichts weiter als ein weiterer Adliger, der bei seinen Versuchen Macht zu gewinnen gescheitert war und nun einen zweiten Anlauf startete. Dass Sturmmantel dabei vorgab, allein für die Unabhängigkeit von Himmelsrand zu kämpfen, hielt der Kaiserliche für absolut verdammenswert. Wie viele arme Naivlinge würde er unter seinem Banner vereinen können? Stephanus verabscheute Menschen wie Ulfric, die andere manipulierten und ihre Ängste und Träume ausnutzten um dadurch an ihre eigenen Ziele zu kommen. Wenn es die Situation nicht unbedingt erforderte verbarg Stephanus seine Absichten nicht. Wollte er jemanden töten, dann versteckte er das nicht.
„Aber wenn du ganz ehrlich bist,“ forschte eine nachdenkliche Stimme in seinem Kopf nach, „würdest du unter den gleichen Umständen nicht das selbe tun?“
Ja. Ja, das würde er wohl.
„Verdammter Narr,“ verbesserte er sich selbst im Nachhinein, „du bist keinen Deut besser.“
Was war heute Abend los mit ihm? Über Dinge wie Moral und die Menschen aus seiner Vergangenheit hatte er lange nicht mehr nachgedacht.
„Wie viele Leute hat er?“ erkundigte sich die Elfe weiter.
Stephanus wusste, dass sie keine Angst vor einer Überzahl an Feinden hatte. Das Miststück wollte nur wissen, wie lange sie in der nordischen Provinz bleiben würden.
„Hrard meint, er hat den ganzen Osten hinter sich.“
„Den ganzen Osten?“
„Ja,“ knurrte er.
„Dann bleiben wir wohl ein Weilchen hier.“
„Ja.“
Sie verzog den Mund und blickte finster drein. „Ich mag's hier nicht. Himmelsrand ist zu kalt.“
„Musst dich wärmer anziehen,“ brachte Cocius sich ins Gespräch ein.
Stephanus wand sich von seiner Sitznachbarin ab und lehnte sich zurück, während Cocius und Sylaen die Unterhaltung weiterführten. Er wechselte normalerweise keine Worte mit ihr und erwiderte nur selten etwas, wenn sie ihn ansprach. Seine Miene verfinsterte sich, während er am Rande mitbekam, wie Cocius anfing, mit der blonden Waldelfe zu flirten. Dieser Idiot hatte ja keine Ahnung. Aber er wollte sich nicht die Mühe machen ihn vorzuwarnen. Nein, dass war jetzt nicht seine Angelegenheit. Sollte der andere Kaiserliche von alleine darauf kommen, wie psychotisch Sylaen sein konnte. Ihren Beinamen „Jungelfe“ hatte sie dadurch bekommen, dass sie einmal erwähnt hatte, dass sie mit ihren fünfzig Lebensjahren im Vergleich zu anderen Elfen recht Jung war. Im Augenblick hatte sie eine gute Phase, aber ihr Gemütszustand konnte sich drastisch von einen Moment auf den anderen ändern. Er verspürte Ekel bei der Erinnerung an eine ihrer neulichen Episoden. Er hatte sie bei einer Pause auf ihrem beschwerlichen Trip über die Grenze von Hochfels dabei erwischt, wie sie ihre krankhaften Zwänge an einem armen Hasen ausließ. Das Tier war offensichtlich paralysiert gewesen, denn unter normalen Umständen hätte es sich gewehrt und geschrien wie am Spieß, während seine Peinigerin ihm systematisch jeden einzelnen Knochen brach. Dabei hatte Slyaen die ganze Zeit über vor Verzückung gekichert, und Stephanus hatte an den Augen des Tieres gesehen, dass es bei vollem Bewusstsein war. Das stumme Leid und das perverse Gackern der Frau hatten in dem Kaiserlichen eine Mischung aus Wut und Ekel ausgelöst. Bis dahin hatte er zwar gewusst, dass sie geisteskrank war, aber ab diesem Augenblick war ihm bewusst, wie tief der gewalttätige Wahnsinn in ihr steckte. Als sie ihn letztlich doch bemerkte hatte sie ihn böse angefunkelt und ihm gesagt, er solle sich gefälligst um seinen eigenen Kram kümmern. Er hatte es nicht gebraucht, ihr zu sagen, wie krank sie ihn machte. Sein Gesichtsausdruck allein hatte Bände gesprochen, und sie hatte zu genüge darin gelesen. Zu gerne hätte er sie in diesem Moment umgebracht, doch ein gefolterter Hase war leider keine ausreichende Berechtigung. Solange man der Kompanie Geld einbrachte und seine eigenen Leute nicht wegen jeder beliebigen Belanglosigkeit tötete, konnte man so viele Hasen malträtieren, wie man wollte. Er arbeitete nun mal mit Mördern zusammen. Berüchtigte Ex-Banditen, entlaufene Sträflinge, Vergewaltiger.
„Wann werden denn jetzt die Wachen eingeteilt?“ fragte jemand unvermittelt.
Wie auf ein geheimes Zeichen hin schälte sich von einen Moment auf den anderen Hrards Umriss in einigem Abstand auf der anderen Seite der Feuerstelle aus der Dunkelheit. Die knisternden Feuerzungen beleuchteten sein Gesicht, tauchten es in dunkles Orange und Gelb und ließen die Furchen in seinen harten Gesichtszügen noch tiefer als sonst erscheinen. Der kräftig gebaute Nord war frisch rasiert, und seine strohblonden Haare lagen zu dünnen Zöpfen geflochten auf der linken Seite seines Kopfes. Seine dunklen Augen gingen fast im Flimmern der über den Flammen erhitzen Luft und den Schatten in seinem ernsten Gesicht unter, und nur das sich in ihnen spiegelnde Feuer versicherte dem Betrachter, dass sich in Hrards Augenhöhlen tatsächlich Augäpfel befanden und nicht nur dunkle Leere. Stephanus korkte den Weinbeutel wieder zu und begrüßte den Neuankömmling dann mit einem Kopfnicken. Er respektierte den Mann.
Alle Gesichter, die sich um das Feuer herum versammelt hatten, waren nun auf Hrard gerichtet und alle Gespräche zwischen ihnen waren verstummt.
Ohne Umschweife erhob der Nord seine tiefe und etwas monoton klingende Stimme, während er seinen gespenstischen Blick über jeden einzelnen von ihnen wandern ließ:
„Wir bewachen diese Nacht das östliche Ende des Lagers an der Straße. Levinius, Stahlzapfen, gro-Ogdum, Meum-Te. Ihr Vier habt bis Eins Wache. Bodeado, Jungelfe, Spurius, Bärenpelz, bis vier. Fleisch, gro-Golug, Jungeiche und ich bis Morgenappell. Ich stelle gleich die Sanduhren. Der Rest von euch kann heute Nacht ausschlafen.“
Danach ging der Nord wieder seines Weges und verschwand im Schatten der Umgebung.
Sofort regte sich die Meute um das Lagerfeuer herum wieder, als währen sie aus einer Kältestarre gebrochen und hätten sich an den Ofen erinnert, den sie zuhause angelassen hatten. Stephanus und die drei anderen Erstschichtler zogen sich auf ihre Beine und machten sich auf, um ihre Ausrüstung zu holen. Zuvor reichte der Kaiserliche aber den sich in seiner Hand leicht verformenden Schlauch an seine Kumpane zurück.
Sie befanden sich in der Nähe der Stadt und außerhalb eines potenziellen Kriegsgebiets in relativer Sicherheit und konnten sich kurze Wachschichten leisten. Zusätzlich konnte Stephanus unter diesen Umständen auch seine Paranoia überwinden und er hatte für die vorhergegangene Arbeit seine Rüstung und sein Schwert beim Quartiermeister abgegeben. Seinen Dolch behielt er selbstverständlich immer bei sich.
Reach war selbst im Ausland berüchtigt für seine unsicheren Straßen. Die „Abgeschworenen“, wie sie sich nannten, griffen Gerüchten zufolge jeden an, der das Pech hatte, in ihre nähe zu kommen oder in einen ihrer Hinterhalte zu geraten. Bis jetzt hatte die Kompanie aber keinen einzigen von ihnen zu Gesicht bekommen. Auf der Reise nach Himmelsrand erlitt ihr Trupp auch keine Nennenswerten Verluste, weder durch Banditen oder durch Unfälle. Stephanus konnte also mit weniger Streng verteilten Wachschichten leben. Er bevorzugte es auch in die erste Schicht eingeteilt zu werden, was Hrard bewusst war. Vielleicht wollte der Nord ihn für irgendwas belohnen, oder es war auch nur kompletter Zufall. Für das letztere Sprach, dass eine durchgeschlafene Nacht viel eher eine Belohnung gewesen wäre.

Man hörte die Zeltgruppe der Schmiede bevor man sie sah: Selbst noch in der Nacht arbeiteten einige Schmiede unter der Leitung eines Meisters an ihren improvisierten Schmelzöfen und hämmerten an Ambossen auf metallene Rohlinge ein.
Hier und da konnte man auch das quietschen und kratzen eines Schleifsteins hören. Gesellen besserten Rüstungen aus und reparierten Waffen und machten sie wieder kampfbereit. Sie stellten einfache Äxte, Kolben und Schwerter her, Hufeisen, Nägel, eiserne Heringe und dergleichen. Die Herstellung von Rüstungen war allein die Aufgabe des Meisterschmieds. Wie über dem Zelt des Alchemisten stieg hier Rauch auf, dieser blieb im Gegensatz zu der anderen Wolke aus Qualm naturbelassen. Der Geruch von Ruß und verbrannter Kohle erfüllte die Luft, eine rauchige Note, die Stephanus schon immer gefallen hatte, und hier war sie stärker noch als vergleichsweise der Duft, der im Wind von der Stadt bis ins Lager mitschwang. Die gesamte Ausrüstung war schwer zu transportieren, und sie wurde auch erst dann aufgebaut, wenn ein längerer Aufenthalt sicher war.
Trotz des Lärms und der immer noch aktiven Arbeit schlief der große Teil der Handwerker bereits, in den meisten Öfen brannte die Glut einsam pulsierend vor sich hin und wartete darauf, wieder aufgeheizt zu werden und durch ihre künstlichen Lungen – die Blasebälge - neue Luft und damit neues Leben einzuatmen. Am Rand des kleinen Abschnitts im Lager befand sich eine Reihe von Baracken die als Waffenkammer herhalten mussten. Zwei Männer bewachten den Eingang, und im Innern trieb einer der Quartiermeister sein Unwesen: Ein magerer, kleiner und kahlköpfiger Bretone in einem speckigen, dunkelgelb gefärbten Lederwams. Stephanus kannte ihn beim Namen.
„Maniel. Meine Sachen.“
„Nachtwache?“
„Ja.“
Der Bretone nickte daraufhin, und ohne weiteren Wortwechsel pfiff der Mann dann nach seinen Assistenten, die faul im Halbschlaf zwischen Waffen- und Rüstungsständern hervorguckten und sofort um einiges wacher wurden, als der Quartiermeister sich vom Kaiserlichen wegdrehte und sie scharf Anschrie und ihnen einen schönen Urlaub in Oblivion selbst versprach, sollten sie sich nicht gefälligst in Bewegung setzten.
Wie von Molag Bal verfolgt trugen sie in Windeseile Stephanus' Ausrüstung zusammen. Kurze Zeit später steckte er dann auch schon in seiner Rüstung und fühlte sich gleich viel wohler. Es war, als würde man an einem klammen kalten Tag einen Mantel überziehen, um sich vor dem frostigen Wind zu schützen. Oder als würde man bei strömenden Regen eine wasserfeste Kapuze aufsetzen. Doch noch wichtiger war ihm sein Schwert. Erst jetzt gestand er sich ein, wie nackt er sich ohne seine Waffe gefühlt hatte.
Mit einem kindischen Lächeln hielt er die Klinge gegen eine Fackel in seiner Nähe und beobachtete, wie sich das Feuer darin spiegelte. Es war eine schöne Waffe. Für den größten Teil war die zweischneidige Klinge aus dunklem Stahl auf den ersten Blick schnurgerade und verjüngte sich nur allmählich, lief am Ende aber Ende unvermittelt zu einer dreieckigen Spitze zusammen, dem Ort. Die Hohlkehle des Schwertes hatte eine mattere Beschaffenheit, als zum Beispiel die wie ein Spiegel glänzende Schneide, und endete kurz vor der Fehlschärfe.
Der Schwertknauf besaß die Form einer großen Münze und war aus Eisen gefertigt. Sein Gewicht gab Stephanus' Waffe mehr Balance, da es das Gewicht der Klinge ausglich. Zudem eine Parierstange aus Stahl. Viele seiner Mitstreiter besaßen Schwerter mit Parierstangen aus Messing, doch war dieses Metall einfacher zu bearbeiten, wies im Ausgleich aber eine geringere Haltbarkeit vor. Eine sich verformende – oder im schlimmsten Fall sogar zerbrechende – Parierstange konnte einem Schwertkämpfer schnell das Leben kosten.
Und dann war da noch das Heft aus Hartholz, umwickelt mit dunkelbraunem Leder. Es lag gut und stabil in der Hand, und es bot gerade genug platz für zwei Hände. Dadurch konnte Stephanus das Schwert je nach Situation mit einer oder mit zwei Händen führen: Entweder mit einem Schild für zusätzlichen und vor allem beim Kampf gegen Bogenschützen entscheidenden Schutz, oder mit beiden Händen für zusätzliche Schlagkraft. Diese Waffe war geschmiedet, um gerüstete Gegner zu bekämpfen, genau was Stephanus brauchte. Zwar war sie beim Handgemenge in engen Bereichen durch ihre Länge weniger effektiv als kürzere Blankwaffen, aber in solchen Umständen fand der Kaiserliche sich nur selten wieder. Das offene Feld war sein übliches Kampfgebiet.
Stephanus schob sein Schwert in die mit Fell gefütterte Scheide und befestigte sie auf der linken Seite seines Körpers an seinem Gürtel. Hiernach wünschte er Maniel und seinen faulen Lehrlingen eine gute Nacht und machte sich dann auf.

Er war auf halben Wege zu seinem Posten, als Jemand Stephanus im gehen auf die Schulter klopfte, und er brauchte sich nicht erst umzudrehen, um zu wissen, um wen es sich handelte. Das Gewicht der großen Pranke zu spüren war schon genug, und nun gingen er und Soldin Stahlzapfen nebeneinander her. Unweit hinter sich konnte Stephanus noch die Schritte der anderen Männer hören, die ebenfalls der ersten Wache zugeteilt wurden, als der Wind zunahm und sich in ihren Haaren verfing. Hier und dort klatschten die Zeltplanen dumpf auf, wie Segel, die den Wind einfingen.
„Na, Levinius? Wie gefällt Euch Himmelsrand?“ Mit einem herzlichen Lachen und einem vor Glück strahlenden Gesicht ließ Soldin von der Schulter des Kaiserlichen ab, und breitete stattdessen die Arme aus und deutete sie auf das das Land umgebende Gebirge. Masser und Secunda vermochten es an diesem Tag kaum die Nacht zu erhellen, so dass sich die Berge als gigantischer Schatten fast schon bedrohlich vor dem Sternenhimmel abzeichneten. Die Augen des Nord funkelten bei seiner Pose wie die eines Diebs, der es nach langen Strapazen endlich geschafft hatte, in ein Goldlager von unschätzbaren Ausmaßen zu gelangen.
„Könnt Ihr es sehen? Es riechen? Einfach verdammt wunderbar wieder in der Heimat zu sein!“, brüllte er schon fast.
„Alles was ich sehen kann ist Euer Großkopf, Stahlzapfen,“ erwiderte Stephanus trocken.
„Wie meinen?“ Der massige Nordmann hielt inne und drehte sich zu ihm um.
„Ja. Und je mehr ihr über Himmelsrand erzählt, desto mehr wächst er auch an.“
Der Nord hatte der gesamten Mannschaft schon seit dem Moment an, an dem sie zur Grenze aufgebrochen waren, mit der glorreichen Heimat der Menschen auf Tamriel, Himmelsrand in den Ohren gelegen. Langsam reichte es.
„Wenn Ihr nicht aufpasst, dann platzt er gleich.“
„Vielleicht sollte ich Euren Kopf platzen lassen, kaiserlicher Hundesohn.“
„Ach ja?“
Stahlzapfen nickte mit einem finsteren Lächeln auf dem Gesicht: „Ja. Und wenn dann mein eigener Kopf platzt, muss ich wenigstens nicht Euren stinkenden Leichnam auf den Abfall schaffen.“
Er zog sein Schwert. Stephanus ließ sich nicht lumpen und tat es ihm gleich. Eine Weile standen sie sich mit gezogenen Waffen gegenüber und starrten sich gegenseitig an, zwei Wölfe kurz vor dem Angriff. Der Kaiserliche konnte den Wahnsinn und die Mordlust in Soldin's Augen sehen. Eine fast zwei Meter hohe und erzürnte Ansammlung von Muskeln und Hass. Es war nur noch eine Frage von Sekunden, bis sie sich gegenseitig an die Kehle gehen würden. Die Zeit schien wie in Zeitlupe zu vergehen, sein gesamter Körper war gespannt, Adrenalin raste durch seine Blutbahnen. Ihre anderen Mitstreiter hatten beide vollkommen aus ihren Gedanken verbannt, da diese nur stehenblieben und teilnahmslos hinsahen, ohne merkliche Absicht in den Konflikt einzugreifen.
Plötzlich brüllte der Nord vor lachen und steckte sein Schwert weg. Alles war also nur ein neunverdammter Scherz gewesen. Ein kranker Streich.
„Verrückter Schweinehund,“ fluchte der Kaiserliche mit einem falschen Lächeln auf den Lippen, sein Gesicht immer noch Soldin zugewannt.
Dieser klopfte sich einmal auf den Oberschenkel und fasste sich dann langsam wieder, und nickte dem anderen Mann belustigt zu.
„Ach, wenn ich Euch umbringen würde, Stephanus, dann hätte ich niemanden mehr zum töten!“ Damit ließ der Nord die Sache bei sich beruhen, und Levinius war froh über den plötzlichen Sinneswandel des Nords. Für einen Moment blieb er noch verdutzt stehen während Soldin bereits weiterging.
Stephanus sah ihm im Gehen nach, als Meum-Te an ihm vorbeizog.
„Sah kurz aus, als würde Nord dich töten,“ bemerkte der Argonier im Vorbeigehen in gebrochenem kaiserlich.
Der Kaiserliche zuckte die Achseln. „Stahlzapfen ist eben verrückt. So was macht er manchmal.“
Dadurch, dass er es als verkorkste Gewohnheit des Nords verkaufte, versuchte Stephanus sich nicht von der Echse anmerken zu lassen, dass der Nord ihn zumindest genauso sehr überraschte wie jeden Außenstehenden. Seine Nackenhaare waren immer noch aufgerichtet und sein Herz kehrte nur nach und nach zu seinem gewohnten, langsameren Rhythmus zurück. Er war schon bereit gewesen, vorzuschnellen und zuzustechen, bevor er die plötzliche Veränderung im Verhalten des Nordmannes gemerkt hatte. So leicht es auch gewesen war, ihn zu provozieren, so leicht hatte Stahlzapfen sich auch spontan entschieden, heute kein Blut zu vergießen.

„Wenn ich's Euch doch sage! Der Typ hat die Wahrheit gesagt!“
Stephanus stieß ein ungläubiges Lachen hervor und schüttelte den Kopf.
„Der einzige Drache auf der Welt steht im Tempel des Einen, und ist zudem seit fast zweihundert Jahren versteinert.“
Stahlzapfen funkelte den Kaiserlichen von der Seite an.
„Ihr seit ein miesepetriger, skeptischer, verdammter Bastard, wisst Ihr das?“
„Das ist durchaus begründet. Ihr müsst schon sehr Dämlich sein, wenn Ihr jeden Scheiß glaubt, den irgendein verängstigter Reisender erzählt.“
Nun war es an Soldin den Kopf zu schütteln.
„Ich sehe schon seit Jahrzehnten die Furcht in den Gesichtern Anderer. Der Typ hat sich vor Angst fast in die Hosen gemacht. Der hat uns nichts vorgespielt, um sich interessant zu machen.“
Der Kaiserliche schnaufte.
„Ich hab ja nicht gesagt, das er gelogen hat. Er hat durchaus geglaubt, er habe einen Drachen gesehen.“
„Das hat er.“
„Hat er nicht. Diese verflixten Leute vom Land sind schreckhaft wie sonst was. Da hat ihm wohl eine Wolke für eine Sekunde die Sonne verdunkelt und er ist in Panik verfallen.“
„Wolken brennen keine Häuser nieder,“ erwiderte der Nord.
„Der Penner ist wohl verängstigt losgelaufen und hat sich den Rest nur eingebildet. Erinnert Ihr Euch noch an den Werwolf von Wegrast?“
Soldin nickte.
„Und was war der am ende gewesen?“
„Ein verdammter Obdachloser mit Wolfsmantel.“
„Sehr wohl. Ein verdammter Obdachloser mit Wolfsmantel. Und die ganze verdammte Stadt hat mit ihren Gerüchten die Angst an die Spitze getrieben.“
Stephanus fröstelte. Seit ungefähr einer Stunde Standen sie schon bei der Kontrollstelle am Wegesrand. Ganz in der Nähe hörte er gro-Ogdum husten, und Meum-Te als Rückmeldung darauf wütend auf Argonisch schnattern. Zu ihrem Glück hatte sich der Wind im Laufe der Nacht gelegt, aber während der Tag durch die Wärme der Sonne unglaublich heiß gewesen war, war die Nacht ohne die Sonne umso kälter. Dieser krasse Gegensatz zwischen Heiß und Kalt war Stephanus durchaus bekannt. Dieser Effekt war besonders in Wüsten zu spüren.
Und der besagte Fremde war vor einigen Minuten an ihrem Posten vorbeigezogen, aber nicht, ohne ihnen hastig von dem angeblichen Drachenangriff auf der Straße vor ein paar Tagen zu erzählen.
„Diesmal ist es aber anders,“ beharrte der Nord. „Brarek Jungeiche hat mir erzählt, wie er mit einem von der Stadtwache geredet hat, und der hat ihm auch von Drachen erzählt. Kennt Ihr Helgen? Niedergebrannt, von einem einzigen Drachen allein. Ulfric Sturmmantel war da, und General Tullius auch.“
„Und wahrscheinlich auch noch der Kaiser selbst, während Sheogorath auf der Wiese nebenan Blümchen pflückte.“
„Ach, halt doch einfach die Klappe. Die gesamte Stadt redet davon. Und auch jeder andere Reisende,“ ereiferte sich der Nord.
„Gesamte Städte reden von einem Werwolf, der eigentlich nur ein Obdachloser ist.“
„Ihr seit zu ungläubig.“
„Ich bin zu vernünftig.“
Stahlzapfen spuckte verächtlich aus.
„Vergesst es einfach. Mit Euch zu reden hat keinen Sinn.“
Einige Minuten später brach der Nord dann wieder die Stille.
„Wie steht Ihr eigentlich zum Bürgerkrieg, Levinius?“
Stephanus seufzte leise und zuckte dann die Achseln. „Ein Krieg wie jeder andere auch.“
„Für welche Seite seit ihr?“
„Macht doch keinen Unterschied, oder?“
Eigentlich wollte er die Frage nicht beantworten... Aber, so überlegte er, selbst die unbedeutendste Konversation versicherte, dass er sich nicht allein mit seinen Gedanken an vergangene Zeiten wiederfand.
Er wog den Kopf hin und her, ließ geschlagen die Schultern sinken und sagte dann: „Legion.“
„War ja klar. Der Strahl möge dich treffen, Kaiserlicher Hundesohn.“
„Ach?“ Stephanus drehte sich zu Soldin um. „Und Ihr seit also ein Anhänger des großen Freiheitskämpfers Ulfric?“
„Himmelsrand sollte frei sein,“ erwiderte Stahlzapfen.
„Euch ist aber schon bewusst, dass wir auf der Seite der Legion kämpfen, oder? Also gegen die Sturmmäntel.“
„Ja ja, das weiß ich doch,“ stellte der Nord mit einer Wegwurfgeste klar.
„Ich will nur sicher stellen, dass die Qualität ihrer Truppen gewahrt wird.“
„Achso?“, wunderte sich Stephanus.
„Ja! Und außerdem stelle ich auch sicher, dass jeder Sturmmantel seinen Platz in Sovngarde verdient, bevor ich ihn ins Jenseits befördere.“
„Bravo,“ lachte der Kaiserliche, „die werden Euch für Euren Dienst bestimmt eine Statue in Windhelm stiften.“
Soldin lachte nun auch. „Das will ich aber schwer hoffen. Das währ doch das Mindeste.“
„Wenn Ulfric aber gewinnt,“ sagte Stephanus, nachdem sich das verhaltene Lachen wieder gelegt hatte, „und Himmelsrand unabhängig wird, wird die gesamte Provinz mit Sicherheit den Bach runtergehen.“
Stahlzapfen warf ihm einen skeptischen Blick zu. „Glaubt Ihr etwa, Nords können sich nicht selbst regieren?“
„Darum geht es nicht,“ stellte der Kaiserliche klar, „aber nach dem Bürgerkrieg würden zwei Generationen Nords fast am Stück durch die Kriege gebeutelt sein. Erst der große Krieg, und dann diese Scheiße jetzt.“
„Worauf wollt Ihr hinaus?“
„Die verdammten Hochelfen, Stahlzapfen. Die werden danach hierherkommen und einfach alles überrollen. Und das Kaiserreich wird dagegen auch nichts mehr tun können. Und danach...“ Seine Miene verfinsterte sich. „Danach schnappen sich die gelbhäutigen Bastarde eine Provinz nach der anderen.“
Soldin schwieg daraufhin nachdenklich, redete nach einer Pause aber doch weiter.
„Nein. Nein, so ist es nicht. Seht, das Kaiserreich ist so gut wie zerschlagen.Ein sterbender Schatten seiner Selbst. Alles, was es für Himmelsrand noch bewirkt, ist, dass die Menschen hier Steuern an den Kaiser zahlen müssen, ob sie wollen oder nicht. Hohe Steuern, um Cyrodiil und Was-weiß-ich wieder fein herzurichten. Im Gegenzug werden unsere Religion und unsere ältesten Bräuche verboten, damit ihr Kaiserlichen diese lächerlichen Forderungen der Hochelfen einhalten könnt. Das Kaiserreich zieht Himmelsrand nur runter. Und sobald es frei ist, können wir Nords eine vernünftige Verteidigung gegen die Aldmer aufbauen. Außerdem...“ Der Nord räusperte sich. Sein Gesicht war gerötet, denn er hatte sich wirklich in das Thema rein gesteigert. So viel an einem Stück hatte Stephanus ihn noch nie reden gehört.
„Außerdem, der große Krieg ist schon was her. Ja, es gibt hier und da noch einige Kriegsversehrte, aber die gibt es überall auf Tamriel, und sie machen auch keinen Großteil der Bevölkerung aus.“
„Und wenn der Bürgerkrieg so weitergeht, verkrüppelt Ulfric auch noch die jungen Männer und Frauen seines Landes.“
„Nicht, wenn das Kaiserreich die Unabhängigkeit akzeptieren würde,“ konterte der Nord.
Beide Männer schüttelten sacht den Kopf während sie wieder nach Osten schauten und das Thema fürs erste beiseite legten. Dass Soldin desertieren und sich auf die Seite der Sturmmäntel schlagen würde bezweifelte Stephanus aber. Nein, der Nord liebte es zwar zu töten, aber auch er hatte seine Prinzipien.
Außerdem wusste jeder, was Ganlydyn Menarven mit Deserteuren anstellte.
Stephanus zog seinen Mantel enger um sich, denn nicht nur seine Gedanken, sondern auch der wieder aufkommende Wind sorgten dafür, dass ihm unangenehm kalt wurde.

Bahaar
19.07.2014, 13:45
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Zusammengerollt wie ein neugeborenes Kind in den Armen seiner Mutter lag Vesana auf ihrer Nachstatt, die Lider fest zusammengekniffen und in jeder Hand einen ihrer Dolche. Die Ohren gespitzt versuchte sie Geräusche aus ihrer Umgebung aufzunehmen, hoffen, dass es nichts zu hören gab. Doch anstatt die Stille als beruhigend zu empfinden, begann ihr Herz nur noch mehr zu springen und die Lungen nur umso heftiger zu brennen. Sie musste einen anderen Weg finden sich abzulenken. Zu liegen und zu warten würde früher oder später wohl ihren nervlichen Tod bedeuten. Wo war nur ihre Stärke hin? Sie setzte sich auf und lehnte sich gegen die Wand, den Tornister als Polster verwendend. War sie mit dem Sturz und ihrer Verletzung verflogen? An sich handelte es sich nicht um eine völlig neue Situation. Verletzungen hatte sie viele erlitten, einige noch weit schwerer als die jetzige. Allein war sie früher auch schon oft gewesen und dennoch machte es ihr gewöhnlich nichts, oder wenigstens nicht viel, aus.
Die Kaiserliche schob es schließlich auf ihre Umgebung. In einem stinkenden Loch befand sie sich immerhin zum ersten Mal. Keine Erfahrung, die sie zu wiederholen wünschte, sollte sie hier herauskommen. Aber vielleicht belog sie sich auch selbst, wenn sie es so einfach abtat, und das anschwellende Zittern in ihren Fingern und der Unterlippe schien eine direkte Strafe dessen zu sein. Vielleicht handelte es sich um einen Test? Obwohl sie Situation selbst für Hircine ausgesprochen grausam und völlig untypisch schien. Nein, es lag einzig an ihr und die Tatsache, dass sie nicht wusste, warum ihr ihre Lage eine derart große Angst einjagte, verschlimmerte es nur noch.
Wie Wasser am Bug eines Schiffes zerstoben ihre Gedanken, als die Jägerin kleine Steine rieseln hörte. Kaum mehr als ein Flüstern, aber doch deutlich über das schwache Rauschen des Blutes in ihren Ohren vernehmbar. Unwillkürlich hielt sie die Luft an und gefror zu Eis. Kaltes Wasser schien ihr den Rücken hinabzurinnen, doch vermochte sich ihr Leib nicht zu schütteln, zu verkrampft spannten sich ihre kraftlosen Muskeln. Kurz brach das Rasseln der Steinchen ab, dann ertönte es erneut und lauter, als schob sich etwas auf allen Vieren die andere Seite des Trümmerhaufens hinauf. Reflexartig deckte Vesa die flackernde Laterne mit dem unteren Ende ihrer Schlafunterlage ab und löschte sie das Licht. Die schlanken, schmutzverkrusteten Finger griffen fester um die Dolche. Mit verschränkten Armen wiesen die langen, scharfen Klingen von ihr wie die Stacheln eines Igels.
Abermals endete das klickende, rasselnde Rauschen der Steine. Es wich einem leisen, haarsträubend-widerlichen Knacken, als brächen Knochen in einem winzigen Leib. Feucht, schmierig, schmatzend. Scharf sog sie die Luft ein, als ihre Lungen danach zu ächzen begannen. Zu lange hatte sie ihr Atmen zu unterdrücken versucht. Beinahe verschluckte sie sich daran und das glucksende Aufbäumen ihres Überköpers hallte plötzlich derart laut durch den Tunnel, dass ihr das Blut vor Schreck in den Adern gefror. Das Schmatzen auf der anderen Seite der eingestürzten Tunneldecke endete abrupt und die Kaiserliche biss sich in den Ärmel ihrer Jacke um weitere Geräusche ihrerseits zu unterbinden. Doch es war zu spät. Anstatt des feuchten Knackens vernahm Vesana nun wieder das Rauschen kleiner Steine, lediglich weitaus aggressiver und intensiver als zu vor.
Gebannt und in völliger Starre, hoffend was auch immer dort den Trümmerhaufen erklomm, würde sie im Dunkel nicht erkennen, hielt sie still. Schwaches Licht drang inzwischen bis auf die Kuppe hinab und kleidete sie in gespenstig surreales Grau. Sie fühlte sich beinahe farbenblind, derart tonlos wirkten die Steine und das Erdreich, dass sie von ihrer Position aus zu erkennen vermochte. Wäre es nicht für die zwei plötzlich auftauchenden, eisblau leuchtenden Lichtpunkte gewesen, die in kalter Mordlust funkelten. Abermals hielt die Jägerin die Luft an, doch schien es nutzlos. Die Kreatur, die dort oben über die Trümmer gekrochen kam, musste sie bemerkt haben, denn nur kurz hielt sie inne. Dann setze sie ihren Weg kriechend fort und kam näher.
Instinkthaft zog Vesa die Schlafunterlage von der Laterne und eben noch an die Dunkelheit gewöhnt, flutete ihr warmes Licht plötzlich durch den Tunnel. Ein Stöhnen, das ein Kreischen hätte sein sollen, entwand sich der Kehle der spindeldürren, grauen Kreatur, die nur Haut, Sehnen und Knochen war, Fleisch und Lebhaftigkeit jedoch vermissen ließ. Das Licht, das nach kurzer Gewöhnung zu seiner gewöhnlichen Schwäche zurückkehrte schien dieses tot aussehende Monstrum zu blenden und es fluchte unaufhörlich. Schleifend wie ein Schwert am Stein klangen seine Laute, als es sich über die groben Felsen der alten Tunneldecke wand. Fellfetzen und blutige Sehnen hingen ihm aus dem unmenschlich weit aufgerissenen Mund und zwischen den schwarzen, verfaulten Zahnstummeln. Die Kaiserliche stemmte sich in die Höhe und nutzte sie die Paralyse des offenkundigen Untoten, dessen Haut die Farbe der Wände besaß.
Während sie an die Wand gestützt hinter ihre Laterne stolperte, nahm sie sich noch ihren Bogen und legte einen Pfeil auf die Sehne. Schief, den verletzten Fuß kaum belastend und vom im Bauch wild um sich schlagenden Hunger gekrümmt wartete sie ab. Das Kreischen der Kreatur riss nicht ab, es schmerzte ihr in den Ohren und schien unendlich weit durch den Tunnel hinter ihr zu hallen. Sie schüttelte sich und versuchte das Gefühl loszuwerden, dass es ihr in den Kopf zu kriechen versuchte. Benommen schüttelte sie das Haupt und spannte ihren Bogen. Mühsam beherrschte sie das Zittern, das ein genaues Zielen zu verhindern suchte.
Der Untote schien mittlerweile weniger vom Licht abgehalten, als noch zu Beginn, und kroch weiter. Erst jetzt fiel Vesana auf, dass er keine Beine mehr besaß. Ab den Knien fehlten die Knochen. Die faulige Haut hing in Fetzen unter einer kurzen, abgerissenen Lederhose hervor. Helle Sehnen verfingen sich hin und wieder zwischen größeren Steinbrocken. Genervt wirkend zerrte dann das Biest daran und versuchte mit widernatürlicher Kraft sich zu befreien. Der Anblick drehte ihr den Magen um und vertrieb die Luft in den Lungen. Ihre schüttelnden Finger wollten nicht mehr wie sie. Notgedrungen musste sie die Waffe in ihren Händen sinken lassen, um den Pfeil nicht zu verschwenden, denn die Köcher befanden sich noch neben ihrem Felleisen. »Scheiße!«, zischte sie leise und strich sich den kalt ausbrechenden Schweiß aus dem Gesicht.
Von dem von ihr ausgehenden Geräusch angespornt, krabbelte der faulige Torso weiter auf sie zu und erreichte inzwischen den Fuß des Trümmerhaufens. Ohne es beeinflussen zu können wich Vesa weiter ins Dunkel hinter ihr zurück, entfernte sich so von der Laterne und dem Untoten, dessen leuchtende, blaue Augen sie unentwegt anstarrten als könnten sie die Kaiserliche bereits schmecken. Hinter sich zog er eine frisch feuchte, dunkle Spur her, die gelegentlich kleinere Klümpchen und Brocken, manchmal im Kerzenschein rot schimmernde Splitter von Knochen unterbrachen. Die Reste des Waschbären zweifelsohne, die ihm aus den vergammelten Innereien fielen. Der Anblick und der ihn begleitende, süß-saure, ätzende Geruch von jahrhundertealtem Fleisch und Gewebe zwangen Vesana in die Knie. Kraftlos sanken ihre Hände und verkrallten sich im Stoff über dem pumpenden Bauch. Säure stieg ihr von Innen in die Nase, brannte in den Schleimhäuten und setzte sich auf die Zunge wie ein Pelz. Schon im nächsten Moment, noch bevor sie überhaupt zu realisieren vermochte, was ihr widerfuhr, krampfte ihr Magen und trieb ihr seinen blanken Saft durch den Hals zum Mund hinaus. Tränen traten ihr in die Augen und ließen die in Übelkeit ohnehin schon eingeschränkte Sicht weiter zerfließen.
Blind tastete ihre Rechte nach dem fallen gelassenen Bogen und als sie das Holz mit dem noch immer an der Sehne hängenden Pfeil fand, zog sie sich unaufhörlich würgend weiter zurück, um Abstand zu dem Kriecher zu gewinnen. Mühsam stand sie erneut auf und wischte sich einzelne Tropfen ihres Erbrochenen von der Unterlippe bevor sie ihre Waffe abermals spannte und derart stark zitterte, dass sie sich gegen die Wand lehnen musste, um wenigstens einen Arm davon abzubringen. Nur noch wenige Schrittlängen trennten sie von der Kreatur. Es musste jetzt oder nie geschehen. Vesa zog noch einmal an und ließ dann das Geschoss surrend von der Sehne schnellen. Es traf die Kreatur in die Schulter nahe dem Hals und provozierte ein ächzendes, gedehntes Zischen mit weitaufgerissenem, schwarzem Mund. Ihre Lippen öffneten und schlossen sich tonlos als der Untote nochmals aggressiver weiter auf sie zugekrochen kam.
Im blanken Entsetzen, das sich als eiskalte Faust um ihr Herz schloss und ihr die Eingeweide durcheinanderwirbelte, ließ die Kaiserliche den Bogen fallen und griff nach den zwei Dolchen am Gürtel, die sie zuvor dort hektisch deponiert hatte. Zitternd warf sie den ersten nach dem Monstrum, verfehlte ihn aber als ein neuerlicher Würgeanfall sie zu schütteln begann. Klirrend polterte die Waffe durch den Lichtkegel der Laterne und blieb nahe ihrer Nachtstatt liegen. Mühsam versuchte sie den starken Reflex zu unterdrücken, schaffte es aber nur ansatzweise. Die zweite Klinge surrte in einem besonders ruhigen Moment ebenfalls durch die Luft und traf das beinlose Biest in den Hals. »Verrecke Du Miestvieh!«, schrie sie ihm entgegen, als es noch immer nicht stillhielt und verausgabe so die brennenden Lungen nur noch mehr. Das Herz pochte ihr bis zum Hals und erfolglos versuchte sie einen klaren Gedanken zu fassen.
Als letztes Resort zog sie ihr Schwert aus der Scheide und hielt die Klinge zitternd mit beiden Händen fest. Der silberveredelte Stahl schimmerte im schwachen Licht, funkelte regelrecht lüstern, und wirkte doch schwach während er vibrierte wie eine angeschlagene Triangel. Der Untote streckte ihr inzwischen die abgemagerten, gammligen Finger seiner Rechten entgegen und versuchte sie mit seinen eingerissenen, zerfurchten Fingernägeln zu kratzen. Gerade noch rechtzeitig wich sie aus und schlug mit dem Schwert zu. Mühelos durchdrang die scharfe Schneide die über die Jahre im Grab brüchig gewordenen Knochen des Unterarms. Stumpf schlug die abgetrennte Hand auf dem feuchten, schmierigen Steinboden auf und entriss der Kreatur abermals ein schleifendes Kreischen.
Den verstümmelten Arm zurückziehend reckte es ihr nun unbeirrt die andere Hand entgegen. Die zu Klauen gekrümmten Finger hieben überraschend schnell nach Vesa. Mühevoll entging sie dem zweiten Angriff unversehrt. Durch all den Ekel und das Entsetzen, ja sogar vorbei an der Angst, die sie innerlich gefrieren ließ, quoll so etwas wie Wut in ihr auf. Es war nicht ihre, da fühlte sie sich sicher, aber die des Biestes. Zornig grollend schlug sie dem Untoten in dessen dritten Angriff auch die verbliebene Hand vom Leib. Diesmal blieb es aber nicht dabei. Tränenblind folgten weitere Schläge während denen sie sowohl den Torso, als auch die restlichen Armstummel und den Kopf traf. »Verrecke – Du – dreckiges – räudiges – stinkendes – scheiß – Vieh!« Ihr Widersacher kam nicht einmal mehr zum Stöhnen oder Zischen als sie ihn mit der Klinge malträtierte. Irgendwann ging die Jägerin kraftlos auf die Knie und stach auf den matschigen Haufen aus Knochen und Haut ein bis sie schließlich einfach umfiel und ihr der lederummantelte Griff ihrer Waffe aus den Fingern glitt. Auf den Resten der Arme und zwischen einigen haarträchtigen Fetzen der fauligen Kopfhaut blieb sie liegen, würgend, angewidert, und sich noch weitaus dreckiger fühlend als zuvor. Der bittere Duft des Todes zwang ihr neuerlich die Säure aus dem Magen. Hustend, spuckend und nach Luft ringend zuckte sie vor und zurück, blieb jedoch in dem liegen, was von dem Untoten nach ihrer blinden Hackorgie übrig blieb. Die erdbebenhaft zitternden Hände schlug sie vor das Gesicht und begann noch während sie sich erbrach zu weinen.


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Bahaar
26.07.2014, 11:12
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Die Augen fest auf den in Stücke gehauenen, grauen Leib einige Schrittlängen von ihr entfernt gerichtet, schien das allmählich ungenießbar fest werdende Brot in ihrer Hand beim Kauen nur mehr und nicht weniger zu werden, egal wie oft sie auch schluckte. In Angst, es könne ihr jeden Augenblick wieder hochkommen, verging ihr jeder Rest an Appetit, ganz gleich wie sehr ihr leerer Magen auch knurrte und danach verlangte, gefüllt zu werden. Dazu hing der widerwärtige Gestank des faulenden Leichnams in der Luft wie dicker Nebel an einem Frühlingsmorgen. Beinahe unerträglich verbiss er sich in Vesas Nase, verspottete sie in ihrer Schwäche und umfing sie als fanatischer Liebender, der sonst nichts an sie heranlassen wollte. Lustlos biss sie in den Brotlaib und anschließend den Hartkäse in der anderen Hand. Kleine Stückchen und doch bröselte es ihr über die Lippen aus dem Mund als sie geistesabwesend kaute.
Hautreste und gammeliges Sekret klebten ihr überall an den Händen und der Brust, sogar im Gesicht hingen noch einige Fetzen. Für einen Beobachter musste sie zweifelsfrei nicht weniger abstoßend wirken als die Kreatur, die sie erschlagen hatte. Ohne sich von dem Untoten abzuwenden verstaute die Kaiserliche letztlich die Überbleibsel ihrer spärlichen Mahlzeit in einem Lederbeutel und anschließend in ihrem Felleisen. Weder fühlte sie sich gesättigt, noch in irgendeiner Weise gestärkt – im Gegenteil. Das Essen wog schwer wie Blei im Magen, fühlte sich nicht richtig an und nur mühevoll unterdrückte sie den Würgreflex, der sie anhaltend peinigte. Vereinzelte Tränen, ob aus Wut oder Verzweiflung wusste sie nicht zu sagen, rannen über ihre Wangen. Ihre Lippen erreichten sie jedoch nicht, blieben sie doch vorher vom Schmutz aufgesogen einfach unterwegs stecken.
Träge hievte sich Vesana mit Hilfe der nahen Wand auf die Füße hoch, verstaute den Dolch, der zuvor sein Ziel verfehlt hatte, am Gürtel und näherte sich im Anschluss der zerfledderten Leiche. Widerwillig zwar, ihre Beine wurden mit jedem Schritt wackeliger, aber sie zwang sich dennoch näher an ihn heran. Vom Anblick und dem intensiven, bitter-süßen Geruch abgestoßen hob sie den linken Arm und presste Nase und Mund in die Kehle des Ellbogens. Immerhin im Ansatz milderte der starke Geruch des an dieser Stelle nicht mit dem Sekret und Fetzen des Wiedergängers besudelten Leders den Gestank. Zunächst riss sie ihren zweiten Dolch aus dem Hals. Schmatzend löste er sich heraus, die klebrigen Hautränder der von ihm geschlagenen Wunde wollten ihn nur widerstrebend hergeben. Die Jägerin wiederholte es mit dem in der Schulter steckenden Pfeil und warf ihn kurzerhand zu den am Tornister deponierten Köchern hinüber. Den Bogen legte sie sich um die Schultern und zuletzt riss sie ihr Schwert begleitet von gänsehauterregendem Knacken aus den zertrümmerten Rippen heraus.
Für einen Moment blieb sie über dem Leib stehen und betrachtete ihn von oben herab. Das kalte, helle Blau seiner Augen war erstorben, dunkle, nachtschwarze Höhlen blieben dort zurück, die nicht minder furchteinflößend wirkten. Ein kalter Schauer lief ihr bei dem Anblick von der Schädelbasis bis hinab zum Steiß. Das folgende, heftige Zittern versuchte sie gar nicht erst zu unterdrücken. In dessen Zuge nahm sie auch den Arm vom Gesicht und bereute es noch im selben Augenblick. Als mächtige Keule prügelte der bestialische Gestank auf sie ein und trieb ihr die Tränen in die Augen. Nur verschwommen fiel Vesas Blick dabei auf etwas am ranzigen Gürtel der Kreatur. Ein kurzer Holzschafft, in etwa passend zu einem Stiehl einer Streitaxt, hing dort. Nur dass ihm das Axtblatt fehlte und an dessen Statt lediglich eine rostige, eiserne Kappe auf dem dunklen, vermoderten Holz saß. Das Gesicht abwendend, kniete sie sich so weit vom Kadaver weg wie möglich neben diesen. Die Finger ausgestreckt tastete sie im toten Winkel ihres Blickfeldes nach dem, das früher vielleicht einmal ein einfacher Streitkolben gewesen sein mochte und bekam es schließlich auch zu fassen. Erst leicht, dann stärker riss sie an ihm herum bis er sich schließlich knirschend und schmatzend aus dem verrosteten Eisenring und dem um ihn geschlungenen Stoff der Hose löste. Mit Feuchtigkeit vollgesogen wog er schwer in den Händen der Kaiserlichen, als sie ihn wendete und betrachtete.
Unschlüssig drehte sie die alte, stumpfe Waffe hin und her, brach gelegentlich einige dünne Rostplatten vom alten Eisen und ließ ihn folgend weiter rotieren. Von einem Seufzer begleitet, der ebenso gut in einem neuerlichen Brechanfall hätte enden können, wandte Vesa schließlich noch einmal den Blick auf die zerfledderte Leiche. Was früher einmal ein Mann gewesen sein konnte – die übrig gebliebenen Haare im unteren Teil des abgemagerten, knöchernen Gesichtes deuteten darauf hin – sah nun nicht anders aus als fauliges, verschimmeltes Obst, auf dem jemand herumgetrampelt war. Stofffetzen eines alten Hemdes und was aussah wie alte Bandagen umspannten den Oberkörper. Im flackernden Schein der sterbenden Laterne schillerten sie seltsam anmutend in bunten, violettstichigen Farbnuancen über dem allgemeinen Braun ihrer ranzigen, uralten Erscheinung. Das ölige Schimmern des Stoffes mochte so gut von alten Ölen zur Salbung wie von fettigen Ausdünstungen des toten Körpers stammen.
Mit Ausnahme des Streitkolbens in ihrer Hand, entdeckte Vesana sonst nichts Verwertbares am Leib des Toten. Gerade wollte sie sich abwenden und zu ihren Sachen hinken, da kam ihr aber eine Idee. Kurzerhand riss sie so viele lose Stoffbahnen von der Leiche, wie sie zu fassen bekam ohne mit dem grauen Gewebe von Haut und Knochen in Berührung zu kommen. Schmierig fühlte sich das alte Leinen an. Es roch ebenso bestialisch wie der Wiedergänger, einige seiner Reste hingen am Stoff. Dennoch wickelte sie diesen um das eisenbesetze Ende des Knüppels in ihrer Hand und kehrte im Anschluss zu ihrer Nachtstatt zurück, wo von der dicken Kerze in der Laterne kaum mehr als ein Stummel übrig war. Schnell hielt die Jägerin ihre letzte Hoffnung auf fortwährendes Licht in die kleine Flamme. Rauchend und rußend fing der Stoff Feuer. Fast schon widerwillig züngelten die gelben Lohen um den schlanken Kopf des Streitkolbens, an ihrer Basis schimmerten sie giftig grün. Beißender Qualm ging von den immer greller werdenden Feuerzungen aus und verteilte sich im Tunnel. Der Geruch von verbranntem Fleisch und Horn übertünchte sogar zeitweilig den des fauligen Kadavers bis schließlich der komplette Stoffummantelte Teil ihrer improvisierten Fackel lichterloh brannte und allmählich nur noch von den aufgesaugten Fetten und Ölen zehrte, die menschlichen Überreste völlig verschlungen.
Weit heller als es die Kerze selbst zu ihren besten Zeiten nicht vermochte leuchtete die schwere Fackel ihre Umgebung aus, offenbarte jedoch nicht viel mehr. Zu lang reichte der Tunnel unter der Erde gerade aus und so verlor sich auch ihr neues Licht nur allzu früh im ewigen Dunkel. »Verdammte Scheiße«, zischte Vesa. In Anbetracht dessen, dass sie wohl wenigstens noch einen kompletten Tag hier unten ausharren musste, kam ihr die Weitläufigkeit des zugänglichen Teils des Hügelgrabes ausgesprochen ungelegen. Wollte sie sich überhaupt auch nur ansatzweise so etwas wie sicher in ihrem provisorischen Lager fühlen, würde kein Weg daran vorbeiführen dem Tunnel wenigstens ein Stück weit zu folgen, um zu sehen, wo er hinführte. Andererseits mochte es das seit dem Angriff des Wiedergängers anhaltende, beklemmende Gefühl beobachtet zu werden, womöglich sogar noch verstärken. Den Gedanken daran schob sie schnellstens beiseite. Lieber lief sie umher, als noch länger auf dem Präsentierteller zu sitzen und nichts zu tun außer zu warten. Warten und mit sich selbst zu kämpfen schien ihr jedenfalls in Anbetracht der fortwährenden Übelkeit, die sich wie ein Parasit in ihrem Magen festsetzte, und dem Gestank die schlechtere Handlungsoption.
Bevor sich die Kaiserliche umentscheiden konnte, suchte sie ihre Sachen und humpelte los. Mit Bogen und Köcher auf dem Rücken, zwei Dolchen am Gürtel und dem besudelten Schwert in der Rechten arbeitete sie sich an der Wand entlang. An dem Toten vorbei, nicht über den Trümmerhaufen in die Richtung aus der er gekommen war. Lieber kundschaftete sie einen möglichen Rückzugsweg aus, falls noch ein paar seiner Freunde vorbeikämen. Ihren angeschlagenen Fuß noch immer nicht mehr als unbedingt nötig belastend kam Vesana zwar nur langsam voran, aber wenigstens entfernte sie sich allmählich aus dem nach süßer Fäulnis riechenden Abschnitt des Tunnels.
Dünne und dicke Wurzeln, manches Mal ein ganzer Vorhang feinsten Wurzelgeflechts, durchbrachen die schwarzen Steinwände, den Boden und sogar die Decke über ihr. Es glich einem Wunder, dass hiervon noch nichts eingestürzt war. Sie begrenzten aber auch die Reichweite des Lichts ihrer Fackel. Zittrig hielt die Jägerin diese umklammert, der kalte Schweiß ließ ihre Hände glitschig werden und sogar um den sonst rutschfesten Griff ihrer Klingenwaffe musste sie nachgreifen. Jeder Schritt, der sie weiter von ihrem Lager fortbrachte, ließ ihr Herz wilder schlagen, als wollte es ihr sagen, dass es Zeit zum Umkehren war. Wohl öfter als nach vorn, schaute sie über die Schulter zurück, stets mit dem unguten Gefühl im Nacken, dass sie verfolgt wurde. Dennoch setzte sie ihren Weg fort, wenngleich ihr die Knie weich zu werden drohten und sie häufiger innehalten musste, um durchzuatmen.
Irgendwann, es kam ihr vor wie eine halbe Ewigkeit, konnte aber ebenso gut lediglich eine halbe Stunde oder weniger gewesen sein, schälte sich vor ihr etwas aus der Finsternis, das ihr gar nicht behagte und der Monotonie des Tunnels ein Ende setzte. Unruhig verkrampfte ihr Magen und die verspannten Muskeln der Schultern sowie im Nacken jagten ihr unangenehme Stiche in den ohnehin dumpf pochenden Kopf. Die Wunde am Hinterkopf blutete zwar nicht mehr, aber Vesa spürte sie noch immer als brennende Erinnerung an ihren Sturz. Unregelmäßig ging ihre Atmung, als sie schließlich an der Weggabelung ankam. Einer gerade aus, ein weiterer führte leicht ansteigend nach links, der andere etwas abschüssig nach rechts. Jeder von ihnen nicht heller als die übrigen. »Scheiße.« Mit dem linken Ärmel wischte sie sich über das schweißgetränkte Gesicht und schloss einen Moment die Augen. Umkehren und die andere Richtung erkunden? Einem der Wege hier weiter folgen? Oder doch in ihrem Lager auf Rettung warten?
Sie entschied sich dazu, dem ansteigenden Weg zu folgen. Nach oben zu gehen konnte nie falsch sein. Zumindest wenn sie von unter der Erde an die Oberfläche gelangen wollte. Auf unsicheren Schritten arbeitete sich die Kaiserliche vorwärts. Schief mit dem Ellbogen des rechten Armes gegen die von Feuchtigkeit schmierige Wand gestützt entlastete sie so den verletzten Fuß, dem der nur sehr geringfügig steigende Tunnel erhebliche Probleme bereitete. Heißes Brennen und kalte Gefühllosigkeit wechselten einander ab. Tränen standen ihr in den Augen.
Grobe, schwarze Steine tauchten in ihrem Sichtfeld auf. Sie wirkten, als wären sie direkt aus den Wänden geschlagen und dort liegen gelassen worden, wo sie gelandet waren. Scharfe Abbruchkanten fanden sich an ihnen ebenso wie von der Feuchtigkeit angefressene, runde Seiten. Eine Vorahnung beschlich sie, die ihr den Magen zusammenzog und wenig später wurde sie Wirklichkeit. Vor einem deckenhohen Haufen aus Erde, Wurzeln und Steinen stehenbleibend rannen ihr dicke Tränen der Enttäuschung aus den Augen über die Wangen. Die bebenden Lippen fingen einige von ihnen auf. Eine Sackgasse. Kraft- und hilflos sank sie mit dem Rücken an der Wand hinab. Die Beine angewinkelt, das Schwert klirrend auf dem steinernen, unendlich kalt wirkenden Boden abgelegt und die Fackel auf der anderen Seite neben sich starrte sie gegen den dunklen Fels gegenüber. Es wäre auch zu schön gewesen.
Sollte sie die anderen Wege doch noch auskundschaften? Nein … Nein, es wäre zwecklos. Sie würde sich nur unnötig verausgaben. Schlimmstenfalls stieß sie womöglich noch auf ein Nest dieser untoten Biester und hätte dann eine ganze Horde von ihnen an den Fersen. Nein, wahrlich, das konnte sie nicht riskieren, denn geschweige gebrauchen. Halb stöhnend, halb knurrend zog sie sich auf die Beine und lief den Weg, den sie gekommen war, zurück.
Unterwegs hielt die Kaiserliche dennoch kurz an der Wegkreuzung an und lauschte in die undurchdringliche Schwärze außerhalb des Fackelscheins. Schwere Wassertropfen fielen irgendwo hinab und klatschten auf den steinernen Untergrund der Tunnel. Ein leichter Windhauch flüsterte aus einer anderen Richtung ein schauerliches Lied von Tod und Trauer. Ihre Nackenhaare stellten sich dabei unangenehm auf und abermals griff sie fester um ihr Schwert. Dazu gesellten sich das Rauschen und Pochen ihres eigenen Blutes in den Ohren und ihre tiefen Atemzüge bei halb geöffnetem Mund. Am ganzen Leib zitternd schloss sie kurz die Augen und versuchte das leise Schleifen des modrigen Luftzugs, als dieser zwischen Wurzeln und durch Kerben in den Steinen pfiff, zu verdrängen.
Schneller als zuvor, ein Hauch von panischer Angst im Magen trieb sie an, betrat Vesa den Tunnel zurück zu ihrem Lager. Doch als die ersten Dekorationen dessen Umfelds in das Licht ihrer Fackel traten, hielt sie schlagartig inne. Das Blut in den Adern erstarrt und die Gedanken ins Jenseits befördert starrte sie auf die plumpen, ungelenken Bewegungen am Rand des Lichtkreises. Widerwärtiges Ziehen, Reißen und Knacken schwappte zu ihr hinüber wie das leise Rauschen der Uferwellen eines Sees an einem windstillen Abend. Es kostete sie sämtliche verbliebene Beherrschung, nicht laut zu schreien und auf der Stelle umzudrehen und davonzurennen. Vermutlich hätte sie damit nur auf sich aufmerksam gemacht, denn die zwei neuen Wiedergänger, die über ihrem geschlachteten Kumpan knieten und sich seine Reste in die weit aufgerissenen, mit schwarzen Zähnen bestückten Mäuler schoben, beachteten sie nicht im Geringsten.
Grotesk und abstoßend mutete die Szenerie an. Die zwei abgemagerten, dürren Gestalten, mit aschgrauer Haut, die direkt auf den Knochen lag, und glühenden Augen in hellem Blau. Dazu ihre abgewetzte Kleidung und die rostigen, stumpfen Schwerter an ihren verfaulten Gürteln. Fetzen ihres inzwischen tatsächlich verstorbenen Kameraden hingen ihnen zwischen den Zähnen und klebten in den Resten von dem, was früher einmal bärtige Männergesichter gewesen sein mochten. Angst, so kalt wie das älteste Gletschereis Solstheims, ließ sie frieren und erstarren. Unfähig, etwas zu tun, starrte sie auf das Bild, das sich ihr bot. Sie schüttelte sich von Kopf bis Fuß und ihre Knie wurden allmählich weich. Während sich ihre Eingeweide verkrampften bekam sie das Gefühl, sie würden vom bloßen Zuschauen derart verfaulen wie die Organe der Wiedergänger vor ihr.
Nach schier unendlich langen Augenblicken der Starre, schaffte es Vesana sich doch noch zu bewegen. Langsam, zeitlupenhaft und als befände sie sich in einem Alptraum, aus dem sie nicht entkommen sollte. Ein Schritt hinter den anderen. Leise, so penibel darauf bedacht, jeden Laut zu vermeiden, wie sonst nie zuvor. Die Szene verschwand aus ihrem Lichtkreis, wenngleich sie die begleitenden Geräusche, nun da sie sie zuzuordnen wusste, weiterhin hören konnte oder es sich zumindest einbildete. Fast schon irre, begann sie zu grinsen, als schließlich auch noch die hörbaren Hinweise auf das Geschehen verschwanden. Gerade wollte sich die Jägerin umdrehen, da stieß sie mit der Schulter gegen etwas. Keine Wurzel, dafür war es zu schwer und träge, aber auch kein Stein, zu weich kam es ihr vor. Das Herz bis zur Zunge schlagen spürend, drehte Vesa den Kopf und schaute hinter sich. Halb hob sie das Schwert, doch so recht wollte der mit einem Mal kraftlose Arm nicht ihrem Willen folgen.
Im Augenwinkel tauchte etwas auf, das ihr den Atmen stocken ließ und sogar das Herz zum schmerzhaften Stillhalten verdammte. Sie blickte in das kalte, eingefallene Gesicht eines weiteren Untoten, der gerade das Maul aufriss und ihr seinen gammeligen Mundgeruch entgegenströmen ließ. Für den Bruchteil eines Lidschlages sah es so aus, als grinste er in abstoßender, gehässiger Weise, doch dann fletschte er die Zähne weiter bis der graue Kieferknochen und die schwarzen Reste des Zahnfleischs zum Vorschein kamen. Ihre Knie gaben nach, als er mit seinen spindeldürren Fingern nach ihr langen wollte und noch im Fallen entriss sich ein gellender Schrei des Entsetzens ihrer Kehle.


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Bahaar
02.08.2014, 16:33
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Zweifelsfrei musste ihr Schrei auch von den anderen beiden Untoten vernommen worden sein und obwohl sie sich der Gefahr, die von ihnen ausging, bewusst war, lag sie einfach nur auf dem Rücken, gelähmt und unfähig, sich zu bewegen. Wie eine Schildkröte. Erst als der Wiedergänger seine knöcherne Hand nach ihr ausstreckte und sie packen wollte, trat sie nach ihm, nicht auf die Idee kommend das Schwert zu benutzen. Noch im selben Augenblick bereute sie es, als heiße Stiche und flammende Qualen von ihrem verletzten Knöchel ausgingen, nachdem er das Schienbein ihres Gegners getroffen hatte. Der bis dahin unterdrückte und kontrollierte Schmerz brach sich nun wieder Bahn. Tränen rannen ihr aus den Augen während sie halb wimmernd, halb knurrend nur noch den unverletzten Fuß nutzte, um den wandelnden Leichnam auf Abstand zu halten.
Es schien ihr, als würde er allmählich genervt von ihrem Widerstand und griff irgendwann, da er sie mit den bloßen Klauen nicht zu fassen bekam, nach dem rostigen Schwert an seinem Gürtel. Knirschend und rau schabend löste es sich aus dem einfachen Eisenring, der es hielt und eine Scheide ersetzte. Kleine Brocken des verwitterten Metalls fielen zu Boden und Vesana schob sich rücklings mit Ellbogen und dem unverletzten Fuß fort. Der Wiedergänger war jedoch schneller auf seinen klapprigen Beinen und holte sie ein. Überraschend schnell für eine vergammelte Leiche hob er seine Waffe und hieb nach ihr. Die Augen vor Schreck zusammengekniffen hob sie nur im Reflex den Schwertarm. Das folgende, helle Klirren als Metall auf Metall traf schmerzte ihr in den Ohren und ließ sie unkontrolliert zucken.
Es folgten einige weitere Hiebe, die sie alle eher dürftig parierte – entweder mit dem Schwert oder ihrer improvisierten Fackel. Letztere verlor stets einige glühende Stofffetzen, wenn sie vom rostigen Eisen getroffen wurde. Allein die panische Angst, die zwei übrigen Untoten könnten noch zu ihnen stoßen, welche ihr wie eine faustgroße Zecke im Nacken saß und ihr das Blut aus dem Kopf weichen ließ, trieb Vesa schließlich dazu, ihrerseits nach ihrem abartig stinkenden Kontrahenten zu schlagen. Dank der Waffe des anderen verfehlte sie zwar ihr eigentliches Ziel, dafür wurde ihr Hieb jedoch so weit von der Brust abgelenkt, dass er quer über den Bauch schnitt. Die ausgezehrte, graue Haut platzte auf wie eine Eiterblase, derart unter Spannung stand sie. Graubrauner, übelkeiterregender Brei, der wohl einst die Eingeweide gewesen sein musste, quoll hervor und ergoss sich über die Beine der Jägerin. Es roch nach alter Galle, Magensäure und allerlei anderem verfaultem Bauchinhalt und stieg ihr in die Nase wie ein Speer. Völlig von der Wucht überrumpelt fühlte sie sich erschlagen und erdrückt unter tonnenschwerem Gestank während der Wiedergänger kreischte als gäbe es kein Morgen.
Kurz wurde ihr schwarz vor Augen, Brot und Käse der vergangenen Mahlzeit suchten sich einen Weg nach draußen. Erst als sie etwas schweres und hartes in die Seite traf bekam sich die Kaiserliche unter Kontrolle. Auf ihr lag das rostige Metallband, das einmal ein Schwert gewesen war. Perplex suchte sie nach dem Untoten, unstet wanderten ihre Augen durch das dunkler gewordene Zwielicht während die Fackel, ihren Fingern entglitten, in Griffweite auf dem Boden lag. Ihr Widersacher war ein paar Schritte zurückgetaumelt und hielt sich den breiten Schlund in seinem Bauch. Darmreste und anderes Gewebe hingen zwischen seinen Fingern heraus. Die kalt glühenden Augen starrten sie hasserfüllt an und eine frostige Aura des Zorns ging von ihm aus, wie Vesa sie nie zuvor erlebt hatte. Den Mund aufgerissen zischte, fauchte und kreischte er unaufhörlich.
Vesa rappelte sich auf die Knie hoch, während der Untote noch mit sich selbst beschäftigt war und die augenscheinlich sehr irritierende, wenn sicherlich auch nicht wirklich schmerzvolle, Verletzung mit seinen dürren Händen hielt. Vermutlich war es mehr die Erinnerung an den Schmerz, den eine solche Wunde hervorrief, als diese selbst – zumindest wenn diese stinkende Ausgeburt irgendwelcher kranker Magie so etwas wie Erinnerungen überhaupt noch besaß. Die Kaiserliche griff sich ihre Fackel und stand wankend auf. Ihre Hose klebte, die Stiefelsohlen lösten sich nur schwer vom Untergrund und glitten stets ein Stück in eine willkürliche Richtung, wenn sie sie in dem widerwärtigen Brei versuchte abzusetzen. Dennoch, mit dem Gefühl im Nacken bald weitere Gesellschaft zu bekommen, schaffte sie es erneut nach dem Untoten zu schlagen.
Dieser wich zunächst zurück und hob schließlich die Arme zur Verteidigung, doch nützte ihm das nichts. Ihre von schwarz gewordenem Körpersekret besudelte Klinge durchtrennte ihm den rechten Arm oberhalb des Ellbogens und die nachgezogene Fackel traf gegen seine Brust. Er taumelte und stürzte, während Funken auf seine zerfledderte Kleidung übersprangen und sie in Brandsteckten wie einst die Kerze die ölgetränkten Stoffbahnen des Beinlosen von zuvor. Kreischend und derart heftig qualmend, dass der Tunnel rasend schnell von schwarzem Dunst ausgefüllt wurde, fiel der Wiedergänger letztlich um und wand sich hin und her. Vesana beschrieb einen Bogen, soweit möglich, und presste sich den Jackenärmel vor das Gesicht, um nicht zu viel von den sicherlich giftigen Dämpfen einzuatmen, als ihr Widersacher in grellen, grüngetünchten Flammen verging.
Ein Blick über die Schulter folgte. Am Rande des Lichtkreises, den die untote Fackel am Boden warf, machte sie eine Bewegung aus. Bald noch eine und wieder eine, bis sich schlussendlich die zwei anderen Wiedergänger aus der Schwärze schälten und fauchend innehielten. Die Schwerter in den Händen kreischten sie in unmenschlichen Tonlagen, eine Mischung aus Greifvogel, Raubkatze und Schmerzensschreien. Ein furchteinflößendes Geräusch, das Vesa abermals in heftiges Zittern versetzte. Wie angewurzelt blieb sie stehen, die Füße schwer und die Beine schwach.
Letztlich rührte sich der Untote am Boden nicht mehr und schmorte lediglich vor sich hin. Es schien ein Startsignal gewesen zu sein, denn die beiden verbliebenen setzten sich simultan in Bewegung. Gleichzeitig fiel auch von ihr die Starre ab und im Reflex wandte sie sich um. So schnell sie vermochte, humpelte die Jägerin durch den Tunnel, ignorierte die Wurzeln, die ihr oft ins Gesicht schlugen und versuchte den heiß pochenden Knöchel auszublenden, so gut es ging. Trotz der neu gefassten Entschlossenheit, wenn sie ihren instinktiv aus den animalischen Tiefen ihres Bewusstseins aufsteigenden Fluchtreflex so beschönigen wollte, kam sie nur langsam voran. Viel zu oft knickte sie um, übersah mit tränengelöster Sicht besonders dicke Lebensanker der Bäume und wurde von ihnen umgeworfen, oder benötige schlichtweg einen kurzen Augenblick des Verschnaufens. Ihr unruhiger Magen und die von der Übelkeit verstärkte Atemlosigkeit taten ihr übriges. Abschütteln würde sie ihre zwei Verfolger, deren klapprige Schritte und in die Knochen fahrendes Zischen und Fauchen ihr dicht folgte, sicherlich nicht. Aber ebenso wenig würde sie in einem Kampf mit den beiden als Siegerin hervorgehen. Es glich schon allein einem Wunder, dass sie ihr Schwert und die Fackel noch festhielt, derart kraftlos und zittrig waren ihre Finger.
Vesana erreichte die Kreuzung von zuvor und bog halsüberkopf links ab. Erst nach und nach verlangsamte sie ihre Schritte und blieb schließlich stehen, als ihr der fatale Fehler, den sie begangen hatte, vollends dämmerte und ambossschwer auf sie niederdrückte. Kalte Schauer des Entsetzens rannen ihr den Rücken hinab, ließen sie frieren als befände sie sich mitten in einem Schneesturm. Dann kehrte sie um, befürchtete jedoch das Schlimmste. Zurück an den abzweigenden Tunneln kamen gerade die beiden übrigen Untoten in steifbeiniger Weise aus dem Korridor gehumpelt, in dem sich ihr Lager befand. Unfähig so kurz vorher noch anzuhalten, noch dazu da sie sonst mit ihrem angeschlagenen Fuß das Gleichgewicht verloren hätte, stieß sie frontal mit einem von ihnen zusammen.
Taumelnd drehten sie sich umeinander und stolperten anschließend auseinander. Sie schrie im Entsetzen und panischer Angst, die ihr Herz zum Zerspringen brachte, der Wiedergänger krächzte und fauchte. Sein Kumpan benötigte einige Schritte bevor er zum Stehen kam und sich dem Geschehen zuwenden konnte. Die Kaiserliche krachte unterdessen Schulter voran gegen die Wand direkt an der Ecke zwischen zwei Tunneln. Das Schwert entglitt ihren Fingern als auch ihr Haupt ob der Trägheit und Überraschung herumschnappte und gegen den Stein schlug. Es verschwand laut klirrend aus ihrem Sichtfeld. Benommen taumelte sie weiter und ging auf ein Knie hinab, nicht wissend welchen der Korridore sie gerade überhaupt betreten hatte.
Es spielte jedoch auch keine Rolle mehr. Von tief unten spürte sie Zorn sintflutartig in ihr Aufsteigen. Ein tiefes Grollen, dunkler und bedrohlicher als das jedes Bären und so vibrierend, dass es ihr selbst eine Gänsehaut bereitete, brandete aus ihrer Kehle auf. Wut packte sie mit glühenden Fingern und das flackernde Licht der Fackel wurde dunkler, als die Quelle dumpf zu Boden fiel. Im nächsten Moment drückte sie sich kraftvoll mit dem gesunden Fuß hoch. Dem jedoch nicht genug, der Schwung trieb sie in die Luft bis sie die Bodenhaftung verlor und in direkter Linie auf den näherstehenden der beiden Untoten zuflog. Von der Angst, die sie zuvor in ein Gefängnis aus unsichtbaren Handfesseln gesperrt hatte, spürte sie in diesem Moment nichts mehr. Lediglich der abgrundtiefe, animalische Hass auf diese abstoßenden Kreaturen der Finsternis und schwarzen Magie brodelte in der Wölfin, die sich ob der Schwäche beider ihrer Formen irgendwo auf halbem Wege der Verwandlung befand. Vom Hunger erheblich geschwächt mochte dies das letzte Aufbäumen ihrer Bestie sein, bevor auch sie in eine Starre der Verzweiflung und Resignation verfiel.
Den Mund weit aufgerissen und die scharfen Eckzähne entblößt streckte Vesa die aschgrauen Hände mit den dunklen Klauen vor. Zu schnell, um darauf reagieren zu können, erreichte sie den Wiedergänger. Schmatzend, als fasste sie ihn Schlamm, und doch auch reißend wie Pergament zersprang die zähe Haut um den Brustkorb der Abscheulichkeit. Diese kreischte, doch erstarb ihr Aufbegehren als seine Angreiferin die Füße nachzog und ihm mit der Wucht des Aufpralls ihres restlichen Körpers die Rippen herzzerreißend knackend bis zur Wirbelsäule eindrückte. Gemeinsam stürzten sie nieder, überschlugen sich und blieben letztlich liegen als der Untote Vesanas Zusammenstoß mit einer Tunnelwand dämpfte und sein spröde gewordener Schädel unter ihrer Schulter zerbarst.
Schnellstmöglich hievte sich die Jägerin zurück auf die Füße und blieb knurrend, die Zähne gefletscht, vor dem verbliebenen Widersacher stehen. Die Kreatur vor ihr musterte sie einen Moment mit seinen glühenden Augen, die ob ihrer geschärften Sehkraft nun noch stärker aus seinem grauen, eingefallenen Gesicht hervorstachen. Die alten Haare hingen, dem was einst ein Mann gewesen war, in verfilzten Strängen von der Kopfhaut, manches Mal zogen sie diese sogar ein Stück vom Knochen. Die Lippen waren abgefault und so starrte die Wölfin in ein abstoßend schelmisch wirkendes Grinsen schwarzer Zähne und grauer Kieferknochen. Das rostige Schwert hielt er mit beiden Händen und nahm es unvermittelt zur Seite. Während er unbeholfen auf Vesa zugestürzt kam, holte er so zu einem kräftigen Schwung aus. Doch die Jägerin war schneller und sprang auch ihm frontal gegen den Leib. Das Spiel von zuvor wiederholte sich, nur dass sie es nicht dabei beließ, ihn auf dem harten Grund zu zerschlagen. Brüllend und heulend kniete sie über ihm und zerfetzte ihn mit ihren scharfen Klauen. Rippenteile, Haut- und Kleiderfetzen, Reste der Innereien und andere Knochensplitter verteilte sie auf der Kreuzung der Wege, bis ihr letzten Endes die Luft wegblieb und sie sich taumelnd erhob.
Schwindelig und orientierungslos schwankte sie in einen der Tunnel hinein. Ihre Augen verloren mit jedem Schritt an Schärfe und überließen sie der scheinbar dickflüssigen Dunkelheit. Mit der verklungenen Wut verschwand nun auch ihre Anspannung und so etwas wie zynische Erleichterung ergriff von ihr Besitz. Froh, die Verfolger los zu sein scherte sie sich nicht darum, ob neue kommen könnten. Ihr fehlte schlicht die Kraft zur Sorge. Schließlich versagten ihr auch die Knie den Dienst und nur das sonnengleiche Brennen in ihrem verletzten Fuß, das ihr unaufhörlich neue Tränen in die Augen trieb und ihr das Gesicht bei jeder noch so kleinen Erschütterung verzog, verhinderte, dass Vesana bereits hier und jetzt ins Reich der Träume und weiter weg abdriftete.
Kriechend wie ein Tier, das sich zum Sterben verkroch, bewegte sie sich fort und es schien, als beschwerte ein zentnerschweres Gewicht ihren ganzen Körper. Immer langsamer kam sie voran, je weiter sie sich zog. Sie befürchtete schon, der Tunnel könne bald so sehr ansteigen, dass sie bäuchlings zurück zu seinem Anfang rutschen könnte. Doch dann erreichte sie etwas, das ein Deckenbruch unter der Last des Erdreichs darüber gewesen sein mochte. Grobe Steine, vermengt mit Erdreich und abgerissenen Wurzeln türmten sich hier bis zur Tunneldecke auf. Erschöpft und müde, hungrig und doch appetitlos, verzog sie sich an den Rand des Korridors, wo einige besonders große Bruchstücke eine kleine Nische formten. Die Kaiserliche winkelte die Beine an, umschlang sie mit den Armen und legte das Haupt mit der Stirn auf ihnen ab, als könne ihr in dieser Position die Welt untertage nichts mehr anhaben. Sacht wippte sie vor und zurück, kaum merklich, als wehte nur ein laues Lüftchen und sie wäre ein Blatt ein einem Baum.


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Skyter 21
04.08.2014, 18:25
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Das Leben ist ein Spiel und die Würfel können auf jede Seite fallen. Für Revan war das Ergebnis mehr als nur einmal lebensgefährlich. Aber er hatte bisher immer Glück gehabt, so auch jetzt. Zumindest hoffte er, dass er auch dieses mal Glück haben würde. Der Dunmer lag halb bewusstlos unter einem Trümmerhaufen begraben. Wie konnte das nur passieren? Er würde noch genug Zeit haben, diese Frage zu stellen und vielleicht eine Antwort darauf zu finden. Die Ereignisse der letzten Tage holten ihn in seinen Träumen ein, während er nur darauf warten konnte sein Bewusstsein wieder zu erlangen...

Der Abstecher in seine Stammkneipe war völlig normal abgelaufen, zumindest bis zu dem Zeitpunkt ab dem der billige Fusel und das Rauschkraut seine Sinne vernebelten und eine Lücke in seiner Erinnerung hinterließen. Völlig verkatert wachte er am nächsten Tag gegen Mittag in seinem Bett auf und leerte zuerst die Flasche mit Schnaps, welche auf seinem Tisch stand, einerseits um die aufkommende Übelkeit zu betäuben, andererseits um durch den starken Geschmack und Geruch nicht sofort wieder die Besinnung zu verlieren.
„Na, hast du deinen Rausch ausgeschlafen?“, spottete jemand aus Richtung der Tür. Revan brauchte ein paar Sekunden bis er die Worte verarbeitet hatte und ihm dämmerte, das er normalerweise alleine im Zimmer war. Für den Bruchteil eines Augenblicks erstarrte der Dunmer, ehe er hektisch nach seinem Dolch suchte. Eine schallende Ohrfeige, begleitet von „Beruhige dich. Ich bin es, Cale.“, brachte ihn zur Besinnung und zum ersten Mal schaute er der Person ins Gesicht. Zu seiner Überraschung war es tatsächlich der Waldelf. Erleichtert fiel er wieder auf sein Bett. „Ich habe dir oft genug gesagt dass du nicht einfach so in mein Zimmer schleichen sollst.“
„Und wie oft habe ich dir gesagt das du immer wachsam sein musst? Und du weißt was ich von deiner Sucht halte. Du gefährdest nicht nur dich, sondern auch mich und andere“, erwiderte der Bosmer.
„Spar dir deine Belehrungen, ich weiß was ich tue“, antwortete Revan in genervtem Tonfall. Der Bosmer seufzte und schüttelte resignierend den Kopf, ehe er das Thema auf ihre Aufgabe lenkte. „Steh auf, wir haben noch viel Arbeit vor uns.“

Ganz in der Ferne glaubte er Stimmen zu hören. Oder spielen mir meine Sinne einen Streich? Ein Windhauch streichelte wärmend seine Haut, ehe im ein starker Brandgeruch in die Nase stieg. Noch ehe er ob des beißenden Windes husten konnte, umfing ihn wieder die Ohnmacht...

Der Wagen polterte seid einer gefühlten Ewigkeit über das Pflaster der Straßen der Kaiserstadt. Langsam bekam er davon Rückenschmerzen. Hoffentlich fährt der Kutscher keine Umwege. Die Kanäle hatten auch keinen brauchbaren Einstieg in die Villa offenbart. Natürlich gab es mehrere Zugänge, aber sie alle wurden bewacht oder sehr wahrscheinlich mit Fallen gesichert. Soweit wirkte die Villa einbruchssicher, wovon man auch ausgehen musste, wenn man das Berufsfeld dieses Mannes kannte. Und da der Ausflug des Altmers früher als erhofft stattfand, blieb nur noch die Möglichkeit mit dem Lieferkarren ins Innere der Villa zu gelangen. Zugegeben es war ein sehr alter Trick und die Chance, erwischt zu werden war hoch, aber es war die einzige Möglichkeit die sie hatten.
Der Wagen hatte angehalten und gedämpfte Stimmen waren zu hören. Der Geruch der Pechfackeln zog durch die Ritzen in die Kisten. Revan verkniff sich das Husten. Kurz darauf rollte der Wagen in den Hof und wurde von den Dienern entladen. Ihre Flüche über die schweren Kisten verstummten, nachdem sie von einer anderen Person scharf angefahren wurden. Wesentlich ruhiger beendeten sie ihre Arbeit. Nach einer weiteren gefühlten Ewigkeit in der absolute Stille herrschte, öffneten Revan und sein Meister Faldil mittels kleiner Brecheisen ihre Kisten und sahen sich sofort aufmerksam um. Im Lagerraum herrschte vollständige Finsternis, keine Fackel brannte und abgesehen von der ein oder anderen Ratte waren sie alleine. Erleichtert atmeten beide tief durch, ehe sie aus ihren Kisten stiegen und ihre Ausrüstung anlegten. Es hat tatsächlich funktioniert. Jetzt müssen wir nur noch den Gegenstand beschaffen und nebenbei noch ein wenig für unseren Lebensunterhalt mitnehmen. Die Villa zu verlassen sollte kein Problem darstellen. Das Duo war in schwarze, weite Kleidung gehüllt die genug verborgene Taschen besaß um Beute und Werkzeug darin zu verstecken. Für größere Gegenstände hatte jeder noch einen Leinensack dabei. Ihr Werkzeug bestand aus verschiedenen Dietrichen, einem schmalen Spatel, Horchtrichter, einer Phiole mit Öl und einer kleinen Rolle Teerpapier. Die Gesichter und ihre Hände waren geschwärzt, Waffen hatten sie keine dabei; das Blinken der Klingen könnte sie verraten. Ihre Blicke trafen sich in stummem Einverständnis, danach bewegten sie sich beinahe lautlos durch den Raum.

Ihre Augen waren bereits an die Dunkelheit gewöhnt, daher sahen sie trotz der Finsternis die Umrisse der Kisten, Fässer und Säcke. Hier werden wohl nur Lebensmittel und andere Gebrauchsgegenstände gelagert. Auch wenn seine Villa gut bewacht wird, ist er deswegen noch lange nicht leichtsinnig. Sein Mentor hatte den gleichen Gedanken und wies ihn mit einer Handbewegung an, ihm zu folgen.
Das Duo schlich zum Ende des Raums, welcher von einer schweren, mit Eisenbeschlägen verstärkten, Holztür verschlossen wurde. Kein Licht schimmerte durch die Ritzen, ein gutes Zeichen. Mit dem Horchtrichter gegen die Tür gelehnt, lauschte Faldil in die Stille hinein. Nach kurzer Zeit gab er Entwarnung. Wie zu erwarten war die Tür verschlossen, allerdings nur durch einen Riegel der angehoben werden konnte. Mit dem Spatel dauerte es nur wenige Sekunden, ehe die Tür geöffnet wurde. Da ölt jemand die Scharniere regelmäßig.
Der Gang hinter der Tür offenbarte vorerst nur Dunkelheit und in einiger Entfernung erste Fackeln an den Wänden. Kein Geräusch durchbrach die Stille. In stummem Einverständnis folgten beide dem Gang bis sie nur noch wenige Schritte von der ersten Fackel trennten. Einzig das Knistern der Fackeln und der Geruch von verbranntem Öl brachten nun ein wenig Abwechslung. Langsam näherten sie sich, jeder an einer anderen Ecke, der Kreuzung und spähten abwechseln in alle Richtungen.

Der kalte, harte Boden war sehr angenehm, versprach er doch ein wenig Linderung für seine Kopfschmerzen. Revan wollte den Kopf heben, doch eine bleierne Müdigkeit und tausend kleine Lichtpunkte, die vor seinen Augen tanzten, vereitelten dieses Vorhaben sofort. In der Ferne glaubte er Stimmen zu hören. Oder sind sie ganz nah? Plötzlich legte sich ein anderes, beruhigendes Geräusch auf seine Ohren und ließ ihn wieder das Bewusstsein verlieren.

Langsam wurde es frustrierend. Sie hatten bereits die ganze Villa, mit Ausnahme dieses Raumes der hinter dieser mehr als prächtig verzierten Tür lag, abgesucht. Gold oder wertvolle Gegenstände hatten sie auch nicht gefunden. Mit Ausnahme eines Gemäldes, das sie aber nicht stehlen konnten, da sonst ihre Anwesenheit bekannt würde. Und zu allem Überfluss hatte auch ein leichter Regen eingesetzt. Eine Handbewegung seines Mentors signalisierte Revan, dass er nun an der Reihe sei.
Nachdem er mit einem letzten prüfenden Blick in den Gang hinter ihnen geschaut hatte und einige Augenblicke in die Stille lauschte, wandte er seine volle Aufmerksamkeit dem Schloss vor ihm zu. Revan wählte einen leicht gebogenen Dietrich mit einer abgerundeten Spitze und ein an beiden Enden gebogener, flacher Metallstab um das Schloss später drehen zu können. Mit der Übung vieler Jahre begann er das Schloss zu untersuchen. Ein sehr gutes Schloss.....mit den üblichen 5 Stiften. Fallen gab es keine. Langsam und gefühlvoll suchte der Dunmer bei dem ersten Stift den „goldenen Punkt“. Wenn man genügend Druck ausübte, blieb der Stift entriegelt und man konnte den Nächsten bearbeiten. Gab man zu viel Druck, riskierte man das der Dietrich beschädigt wurde, sobald man den Druck vom Stift löste. Aber das war für Revan kein Problem, zumindest nicht bei den ersten drei Stiften. Ab dem vierten Stift wurde es schon schwieriger den Punkt zu treffen. Das verzögerte die Öffnung aber nur um wenige Sekunden. Nach dem letzten leisen Klicken, atmete er erleichtert aus und wollte schon zur Öffnung ansetzten, als er sofort einen Widerstand bemerkte. Noch mehr Stifte? Irritiert führte er den Dietrich wieder in das Schloss und tastete noch einmal alle Stifte ab. Es sind nur 5 Stifte....oder?. Einer Ahnung folgend strich er die Seitenwand des Schlosses ab und fand auch genau das, was er vermutet hatte. Für diesen letzten Sicherungsmechanismus war allerdings ein anderes Werkzeug von Nöten. Zuerst nahm der Dunmer einen Dietrich mit einem dreieckigen Bart. Damit konnte er zwar den Bolzen drehen, allerdings nicht weit genug. Zu allem Überfluss sprangen durch den Schlag auch die Stifte wieder in ihre ursprüngliche Position. Revan murmelte einen derben Fluch und atmete ein paar Mal tief ein und aus, um den aufkeimenden Ärger zu unterdrücken. Er brauchte alle Konzentration für dieses Schloss, da waren Emotionen, gleich welcher Art, fehl am Platz. Sein Mentor schwieg die ganze Zeit und beschränkte sich darauf die Umgebung im Auge zu behalten. Trotzdem wusste er, was sein Schüler tat.
Erneut wählte Revan den Dietrich mit der abgerundeten Spitze und arbeitete sich Stift für Stift vor. Nachdem alle 5 wieder in der gewünschten Position hatte, nahm er für den Bolzen diesmal einen Dietrich mit viereckigem Bart. Zu seiner Überraschung bewegte sich der Bolzen keinen Millimeter. Was zum....? Ein paar Sekunden später dämmerte ihm die Lösung des Problems und mit einem lächeln nahm er wieder den Dreieckigen und drehte den Bolzen soweit er konnte. Anschließend setzte er der Viereckigen an gleicher Stelle an und zog langsam den Ersten wieder raus. Diesmal ließ sich der Bolzen weiter drehen, allerdings auch nur wieder ein kleines Stück. Jetzt sah Revan das Muster klar vor Augen und innerhalb weniger Sekunden war auch der Bolzen an dem Punkt, dass er die Öffnung nicht mehr verhinderte. Mit dem flachen Metallstab drehte er das Schloss und ein leises Klicken bestätige die erfolgreiche Öffnung. Sein Mentor nickte und zusammen drangen sie in den Raum ein.

Irgendetwas helles stach ihm in die Augen. Reflexartig schloss er sie wieder, noch ehe sie geöffnet waren. Jetzt waren eindeutig Stimmen zu hören. Was sie sagten, vermochte Revan trotzdem nicht zu sagen, sie klangen seltsam verzerrt. Wegen der Helligkeit, welche seine Augen trotz der geschlossenen Lider peinigte, vermutete der Dunmer dass die Stimmen ganz nah sein mussten. Plötzlich gab es einen lauten Knall und das Splittern von Glas war zu hören und da war wieder diese beißende Brandgeruch. Dann umfing ihn wieder Dunkelheit.

Der Raum war keine und gleichzeitig doch eine Überraschung. Offensichtlich waren sie in den Privatgemächern des Altmers, Eraami, gelandet. Und hier gab es mehr als genug Gegenstände die sie zu Gold machen konnten: Mit Juwelen verzierte Kelche und Pokale, goldene Schalen, ein Krug aus Vulkanglas, Schmuck, unzählige Kisten mit Münzen unterschiedlicher Währung. Revan hatte ein breites Grinsen im Gesicht. Nach diesem Raubzug konnten sie wieder für eine ganze Zeit untertauchen oder in aller Ruhe den nächsten Einbruch vorbereiten. Aber zuerst brauchen wir das Familienerbstück..., er seufzte. Bei der Menge an Gold suchen wir hier die Nadel im Heuhaufen. Stumm gingen beide ans Werk und suchten das Familienerbstück. Nebenbei legte der Dunmer besonders wertvolle Gegenstände auf die Seite, die er später mitnehmen wollte. Es fiel ihm sehr schwer die Beherrschung nicht zu verlieren. So viel Gold auf einem Haufen hatte er noch nie gesehen. Dieses Zimmer war das reinste Paradies, einen schöneren Ort konnte man sich nicht vorstellen. Davon träumten jede Nacht aber tausende von armen Seelen und doch würde es immer nur ein Traum bleiben. Aber nicht für mich. Langsam arbeitete sich Revan durch das Zimmer und gelangte irgendwann an einen großen Tisch auf dem verschiedene Bücher und Schriftrollen lagen. Mit mangelndem Interesse überflog der Dunmer die Schriftstücke und suchte vielmehr eine kleine Schatulle oder ein verstecktes Schloss. Nach kurzer Suche ertasteten seine Finger eine etwa 2 Hand breite Klappe oder vielmehr die kleine Lücke zwischen Tisch und Klappe. Allerdings fehlte ein Schloss. Eine erneute Begutachtung des Tisches war wenig aufschlussreich. Hier liegen nur Schriften und diese Büste. Das Versteck weckte seine Neugier, aber er fand keinen Weg es zu öffnen. Seine Aufmerksamkeit wurde bald auf ein Schmuckstück gelenkt, welches vermutlich die Nadel war, die sie gesucht hatten. Ein prüfender Blick in der Nähe des Fensters bestätige seine Vermutung. Sehr gut. Jetzt nichts wie raus hier. Einer plötzlichen Ahnung folgend ging er wieder zu dem Tisch und nahm das Schriftstück, welches unter dem Schmuckstück lag. Im trüben Mondlicht begann Revan zu lesen. Es waren nur wenige Zeilen, die aber mehr als ausreichend waren um den Herzschlag des Dunmers schlagartig in die Höhe zu treiben. Noch ehe er etwas sagen konnte, spürte er eine kalte Klinge am Hals.
„Geh zu deinem Mentor. Aber nicht zu schnell, sonst könnte mir die Hand ausrutschen.“ Die Stimme kam ihm seltsam vertraut vor, aber Revan konnte nicht sagen woher. Er war wie gelähmt. Ohne Widerstand folgte er der Anweisung und bei der Tür standen nicht nur sein Mentor, sondern auch der Altmer mit seiner Leibwache. Dieser klatsche spöttisch und betrachtete ihn abfällig.
„Schön. So viel Spaß hatte ich schon lange nicht mehr. Es war sehr amüsant euren kleinen Einbruch zu beobachten.“ Das anschließende Gelächter ließ Revan die Haare zu Berge stehen. „Aber dachtet ihr wirklich, dass ihr ohne meine Erlaubnis in meine Villa einbrechen könnt?“ Wieder dieses unangenehme, schrille Lachen. „Aber ihr habt den Test bestanden. Daher mache ich euch ein Angebot: Ihr könnt für mich arbeiten. Für Leute wie euch habe ich immer genug Arbeit.“
„Warum sollten wir auf euer Angebot eingehen?“, erwiderte Revan trotzig.
Als ob er diese Frage erwartet hätte, geht der Altmer ganz langsam, wissend lächelnd, auf Revan zu. In der Art eines Lehrers, der von seinen Schülern eine dumme Frage gestellt bekam, antwortete er: „Weil wir, die Thalmor, die Zukunft sind. Jeder der uns im Weg steht wird sich fügen, auf die ein oder andere Art. Den Mer gehört ganz Tamriel....“ Ab diesem Punkt ignorierte Revan die Rede des Altmers und versuchte einen Ausweg aus der Situation zu finden. Hinter mir steht Tiro. Das ich diese miese Ratte nicht sofort erkannt habe. Ansonsten sind noch 8 weitere Wachen im Raum. Der Ausgang ist versperrt und vor dem Fenster stehen auch welche. Der Rest verteilt sich auf Faldil und mich. Die Aussicht mit Beute die Villa zu verlassen hatte sich in Luft aufgelöst. Im Moment ging es nur noch darum, seine Haut zu retten. Und der Dunmer sah nur eine Möglichkeit, da er niemals den Thalmor die Treue schwören würde. „Ja, ich werde mich euch anschließen.“ Von diesen Worten aus seinen Überlegungen gerissen, starrte Revan fassungslos seinen Mentor an. „Warum? Was ist aus deinen ganzen Idealen und Lehren geworden? All das, was du mir in den letzten Jahrzehnten beigebracht hast?“
„Die Zeiten ändern sich, Golion. Ich habe dich damals ausgebildet und es war deine einzige Chance der Gosse zu entkommen. Jetzt hast du die Chance, weiter aufzusteigen. Unsere Position war nie sicher. Mit den Thalmor haben wir diese Sicherheit. Wir können gegen die rivalisierenden Banden bestehen und diesem Moloch endgültig entkommen“, antwortete Faldil.
„Hörst du dich eigentlich selbst reden? Glaubst du überhaupt deinen eigenen Worten? Warum haben wir uns dann nicht einer anderen Bande oder der Diebesgilde angeschlossen?“
„Weil die Thalmor die Zukunft sind. Alle anderen werden sich fügen oder sterben. Sei kein Tor und nutze diese Chance.“
Nur über meine Leiche. In einer fließenden Bewegung packte Revan die Hand mit dem Dolch und warf seinen Kopf schräg nach hinten links. Der Schwung war nicht ausreichend um Tiro die Nase zu brechen, aber es verschaffte ihm die wenigen Sekunden die er brauchte. Der Dunmer sprintete auf das Fenster zu, warf den Wachen davor etwas von der Pulvermischung, die er immer bei sich hatte, in die Augen, so dass auch sie abgelenkt waren. Er preschte durch die Lücke und sprang aus dem Fenster. Der Aufprall wird hart. Zwar hatte die Villa nur 2 Stockwerke, aber es regnete und dementsprechend rutschig war auch das Pflaster des Talosplatz.

Die anschließende Flucht hatte sich seinen Erinnerungen entzogen. Wie ein Wahnsinniger war er durch die Stadt gerannt und hatte sofort die Kanalisation als Fluchtweg gewählt, da er sonst an den Toren aufgehalten worden wäre. Die Wache war in diesem Fall keine Hilfe. Zum Einen da er ein Verbrechen begangen hatte und zum Anderen weil es die Thalmor waren die ihn jetzt jagen würden. Irgendwie hatte Revan das Hafenviertel erreicht und eilte sofort zu einem Ort wo er noch auf Hilfe hoffen konnte. Doch die entsprechende Taverne ging jäh in Flammen auf und gerade als er abdrehen wollte wurde es plötzlich taghell und ein ohrenbetäubendes Krachen zerriss die Nacht. Danach wurde es schwarz um ihn...

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Kampfkatze2
07.08.2014, 23:54
„Haltet nach Bewegungen auf den Klippen Ausschau.“
Stephanus' Blick wanderte auch so bereits die Abhänge der felsigen Steilwände zu ihrer linken entlang. Sie ragten etliche Meter in die Höhe und sorgten durch ihre scheinbare Unüberwindbarkeit dafür, dass ihr Weg zunächst stetig nach Norden verlief, ab einem bestimmten Punkt aber eine Rechtskurve beschrieb. Nun folgten sie dem alten und abgenutzten Pflaster nach Osten. Südlich der Straße fiel das Gelände noch weiter ab, und am Grund dieser nicht allzu tiefen Grube schnellte Wasser in einem vergleichsweise schmalen Strom dem Geistermeer entgegen.
Der Kaiserliche mochte dieses Gelände nicht. Es verunsicherte ihn. Bis jetzt hatte es nicht die geringste Spur von den Abgeschworenen gegeben – mit Ausnahme einer Stelle, bei der die längst vergessenen und verkohlten Überreste eines Fuhrwerks am Wegesrand standen, umgeben von vereinzelten verbrannten Knochen.
Aber Stephanus wusste, dass sich die vermeintliche Idylle schnell in eine felsige Hölle verwandeln konnte. Die Abgeschworenen kannten dieses Gebirge, denn Berichten zufolge waren die meisten von ihnen auch hier aufgewachsen. Es war ihre Heimat, und kurz für einen Überfall aufzutauchen und sich daraufhin in den Druadac-Bergen erneut unauffindbar zu machen stellte für sie kein Problem dar. Aber aus irgendeinem Anlass hatten sie sich noch nicht blicken lassen.
Vielleicht verschreckte sie die schiere Anzahl an bewaffneten Männern und Frauen, obwohl so eine große Gruppe durch erschwerte Organisation durchaus anfällig für schnelle Partisanenangriffe wäre. Einen Gegenangriff zu organisieren dauerte zu lange, und die Ureinwohner des Reach wären wortwörtlich schon längst über alle Berge, bevor es auch nur einer der Söldner schaffte, die felsigen Klippen zu erklimmen. Bodeado hatte herumerzählt, dass es sich bei den Ureinwohnern von Reach um sogenannte Reikmannen handelte, entfernte Verwandte der Bretonen. Der Rothwardone interessierte sich für solche Sachen. Wo immer auch sie ankamen, fragte er herum, welches Volk in der Umgebung wo lebte, und was als ihre auszeichnenden Eigenschaften galt.

Hrard ging an der ihm unterstellten Gruppe marschierender Heuerlinge auf und ab. „Behaltet das Tempo bei, dann schlafen wir heute noch in Karthwasten.“
Sein Tonfall war so gleichgültig und monoton wie eh und je. Warum der Nord sich so verhielt? Alle hatten dazu ihre eigene Theorie, aber Stephanus kannte als eines der dienstältesten Mitglieder des Trupps die Wahrheit – oder zumindest eine Version, die der Wahrheit nahe kam.
Im Laufe der Jahre erfuhr der Kaiserliche von irgendwo, dass Hrard schon von Geburt an verkorkst war. Was auch immer in seinem Körper dafür verantwortlich war, dass er Emotionen wie Aufregung und Freude verspüren konnte, funktionierte nicht. Jedenfalls nicht richtig. Richtige Gefühle empfand er nur in Extremsituationen, und selbst dann fühlte er sich nur wie ein Durchschnittsmensch während einer Ruhephase.
Stephanus folgerte, dass dies bereits ausreichend Anreiz bot, und dass die Garantie auf Kämpfe auf Leben und Tod überhaupt erst der Grund gewesen war, aus dem der Nord sich in seiner Jugend dazu entschieden hatte, sich als Privatsoldat zu verdingen.
Die Sonne stand am Morgen noch im Osten, färbte die vereinzelten Wolken am Himmel rot und orange, und schimmerte über die vor ihnen liegenden Berge in ihre Augen. Viele blickten entweder im leichten Winkel nach unten, um nicht geblendet zu werden, oder überwachten, wie Stephanus, ihre Umgebung, und sahen dadurch erst gar nicht nach Osten zur Sonne.
„Sie dir diese hasenfüßigen Hunde an,“ rief Brarek Jungeiche, der neben Stephanus her marschierte, ganz unvermittelt. Dabei nickte er nach vorne, wo einer der wenigen Bogenschützentrupps einen Fuß vor den anderen setzte. Der hochgewachsene Nord (unter so vielen Nords war der Kaiserliche es bereits gewohnt, bei einer Konversation immer wieder mal nach oben schauen zu müssen, um in das Gesicht des anderen zu blicken,) schien aber mit niemandem außer sich selbst zu sprechen. Dennoch bekam er eine Antwort: Ein belustigtes Schnaufen von Stahlzapfen, ein zustimmendes „Scheiß Bogenschützen“ von Fleisch und ein „Feige Bastarde“ von gro-Golug.

Die Fernkämpfer genossen unter den Infanteristen nicht gerade ein hohes Ansehen. Die Kommandeure sorgten immerhin dafür, dass die mit Pfeil und Bogen bewaffneten Menschen und Mer einen akzeptablen Abstand zum Feind hatten, weswegen sie im besten Falle nie in den Nahkampf gerieten. In den Augen der übrigen Fußsoldaten besaßen sie also das unverdiente Privileg, im Gegensatz zu ihnen ihr Leben nicht bei jeder Schlacht riskieren zu müssen. Alleine die Anwesenheit auf einem Schlachtfeld konnte eigentlich schon als Lebensgefährlich betrachtet werden, dem Großteil der Infanteristen war das aber egal. Wenn man von Berufswegen her von Angesicht zu Angesicht gegen andere Bewaffnete (manchmal auch Unbewaffnete) auf Leben und Tod kämpfte, verstand man Abstand zum Feind bereits als ein stark vermindertes Risiko, an einer Überdosis Eisen zu sterben.
Stephanus selbst verabscheute nur Bogenschützen, die nicht auf ihrer Seite kämpften, und auch er selbst benutzte ab und zu einen Bogen. Aber er konnte den Abscheu gegenüber den Fernkämpfern nachvollziehen: Von oben herabstürzende Pfeile waren während eines Gefechts unvorhersehbar. Schon ein Pfeil von minderer Qualität konnte bei einem richtigen Treffer verheerende Folgen haben. Wenn man, wie die meisten Infanteristen in der Kompanie, nur einen leichten Holzschild und minder- oder mittelwertige Schutzbekleidung besaß, war es eine sehr unangenehme Ungewissheit, ob der nächste Pfeil nun nutzlos abprallte oder den Schild oder die Panzerung einfach durchschlug.
Schwere und wohlhabende Truppen mit hochwertigen und äußerst teuren Plattenpanzern mussten sich nicht um Pfeile sorgen. Dies galt jedoch nur solange, wie die Pfeile nicht aus mindestens ebenbürtigen Materialien gefertigt waren, oder die Bogenschützen nicht auf geringeren Distanzen gezielte Schüsse auf die vergleichsweise ungeschützten Gelenke und Verbindungsstellen zwischen den einzelnen Rüstungssegmenten abgeben konnten.
Doch nur sehr wenige konnten sich eine solche Rüstung leisten, selbst wenn sie ihr gesamtes Leben lang sparen und dann ihr kleines Vermögen dafür zusammentrugen. Soweit Stephanus wusste, besaßen in der Kompanie gerade mal fünf Leute einen solche Panzer. Er zählte dabei Rognag gro-Golugs Panzerung noch mit, obwohl sie ein anderer womöglich als mittlere Rüstung eingeordnet hätte.
Aber gegen ihre eigenen Bogenschützen hatte Stephanus eigentlich nichts, außer vielleicht, wenn sie den Befehl erhielten, selbst dann zu feuern, wenn die eigenen Truppen getroffen werden konnten. Zudem besaß er die Gewissheit, dass Bogenschützen im Kampf vielleicht verheerende Verluste beim Feind erzielen konnten, sie es aber bei weitem nicht mit Kampfmagiern aufnahmen. Vor Zerstörungsmagie schütze selbst der beste Plattenpanzer nichts, wenn er nicht gerade selbst durch Magie verstärkt wurde. Talentierte Magier konnten mit der konzentrierten Wut der Elemente ganze Formationen auslöschen.
Denn wenn ein Mann erst einmal in Flammen stand, war er bereits außer Gefecht gesetzt.
Stephanus hatte das mehrere Male beinahe selbst zu spüren bekommen, blieb bisher aber zu seinem Glück vor der mörderischen Umarmung mit dem Feuer verschont.
Blitze und Feuer machten – erst einmal losgelassen - keinen Unterschied zwischen Mensch und Mer, und kochten jeden in ihrem Wege bei lebendigem Leibe. Magisch geformte Eiszapfen durchbohrten Stahl wie fadenscheiniges Pergament, schockgefrorene Kämpfer zerbrachen einfach so in Stücke, schreienden Männern schmolzen durch unnatürlich heiße Flammen die Augen aus dem Kopf.
Stephanus richteten sich bei dem Gedanken die Nackenhaare auf, und er versuchte, das alles schnell wieder zu vergessen.

Jungeiche hob die Hände vors Gesicht und bildete mit ihnen einen Trichter, bevor er dann laut genug schrie, um die Aufmerksamkeit der Bogenschützen auf sich zu ziehen.
„Hey, Lederkäpchen! Wie ist es eigentlich so, als Sohn einer Hündin aufzuwachsen?“
Stephanus rollte daraufhin mit den Augen. „Was für ein geistreicher Poet.“
Einer der Fernkämpfer drehte sich zu dem Nordmann um.
„Keine Ahnung,“ schrie er zurück, „aber ich bin mir sicher, dass Ihr mir sehr viel darüber erzählen könnt! Und jetzt seit leise, bevor-“
„Bevor was?“, spöttelte der Nord. „Bevor ihr loslauft, um genügend Distanz von mir zu gewinnen? Hah!“
Der in Leder gerüstete Elf wollte gerade zu einer bissigen Erwiderung ansetzen, da tauchte Hrard plötzlich neben Brarek auf und schrie nun seinerseits.
„Schnauze, Jungeiche, oder willst du den Packeseln bei ihrer Arbeit helfen?“
Brarek funkelte ihren Unteroffizier finster an. Nach kurzem, unangenehmen und spannungsgeladenen Schweigen, während dem sich die beiden Männer nur stumm gegenseitig anstarrten, wand Jungeiche das Gesicht vom anderen Nord ab und presste zwischen seinen Zähnen hervor: „Nein.“
„Dann sei gefälligst leise!“
Der jüngere Nord verstummte und wurde vor mühsam niedergerungener Wut rot im Gesicht, während sowohl die Bogenschützen als auch die Nahkämpfer glucksten, und einige sogar lauthals spöttisch lachten. Hrard verschwand wieder und es kehrte nach einigem verhaltenen Gekicher erneut Stille ein. Der Kaiserliche konnte Brarek fast schon vor Wut brodeln hören.

Stephanus hob den Kopf gen Himmel und beobachtete einige der majestätischen Bergadler dabei, wie sie von der warmen Luft aufgetrieben über ihnen allen schwebten.
Wie gleichgültig alles den Vögeln wohl sein musste. Ihnen war es egal, wer gerade über Tamriel herrschte, wer wo Krieg führte, und ob in einer beliebigen Provinz wieder Unruhen aufflammten. Den ganzen Tag glitten sie einfach über alles und jeden hinweg, und niemand konnte ihnen ihren Platz als Könige der Lüfte streitig machen – vorausgesetzt die Gerüchte von der Rückkehr der Drachen blieben so unwahr wie bisher. Der Kaiserliche vermochte es nicht, diesem Unfug Glauben zu schenken. Stahlzapfen glaubte, was er wollte, und Jungeiche war ein dummer Schwätzer.

Die Bogenschützen blieben plötzlich murmelnd stehen. Stephanus riss den Blick vom Himmel ab und hörte, wie mehrere Offiziere „Halt! Anhalten!“ schrien. Die gesamte Kolonne kam zu einem Stopp.
Einige der Söldner in den Reihen reckten sich und streckten ihre Köpfe, um über die Anderen hinweg zu sehen und herauszufinden, was vor ihnen vor sich ging.
„Was ist denn jetzt los?“, fragte Sylaen, und im nächsten Augenblick stand Hrard auch schon vor der Gruppe.
„Stellt euch auf. Bärenpelz, Spurius, geht nach vorne und findet heraus, was los ist. Ihr Übrigen, Augen auf die Klippen.“
Ein Murmeln ging durch die Gruppe, und sie kamen den Aufforderungen des Nords nach. Sie setzten ihre Rucksäcke ab, dann zogen sie ihre Waffen und Schilde, und machten sich kampfbereit, während die Spannung stieg. Stephanus schnallte seinen Halbhelm aus grauem Eisen vom Rucksack ab und setzte ihn sich auf den Kopf. Wurden sie jetzt angegriffen?
Bärenpelz – scheinbar der haarigste Mensch, der je auf Nirn wanderte, und der angebliche Sohn einer Bärin – verschwand, dicht gefolgt vom Kaiserlichen Cocius Spurius, im Laufschritt in der Menge aus Leuten.
Ohne das Gewicht seiner persönlichen Sachen und seines Anteils am Zelt fühlte Stephanus sich sofort leichter. Die fehlende Last pochte angenehm in seinem Rücken und in seinen Schultern. Aber das nahm er nur am Rande wahr.
Die aufsteigende Anspannung war nur die Spitze, von dem, was Stephanus schon die ganze Wanderung über verspürt hatte. Seine Augen blitzten wachsam hin und her, Ausschau haltend nach Bewegungen in den Bergen. Er konnte das Gefühl nicht loswerden, dass ihr Marsch allzu friedlich durch die Berge verlief, wo diese doch angeblich nur so vor marodierenden Halbnackten wimmelten.
Sein Herz schlug schneller, und ein Teil von ihm wünschte sich unbedingt, dass es sich tatsächlich um einen Angriff handelte. Dann nämlich würde sein übles Gefühl Bestätigung finden, er würde endlich diese bedrückende Ruhe vor dem Sturm hinter sich gelassen haben. Ein anderer Teil von ihm nannte ihn einen Idioten dafür, dass er sich einen Kampf erhoffte.
Jetzt hieß es abwarten.

„Verflixt, ich bekomme noch Blasen an den Füßen,“ murrte Cocius einige Zeit später vor sich hin.
Wie es sich herausstellte, war weiter vorne im Konvoi die Achse eines Wagens zerbrochen, was Stephanus bei dem üblen Zustand der Straße nicht im Geringsten überraschte. Es hatte eine Stunde gedauert, bis ein Ersatz für die Achse herangeschafft und verbaut worden war. Anschließend setzte sich die Kompanie wieder schleppend in Bewegung.
Mittlerweile stand die Sonne schon um einiges höher am Himmel, und es wurde wieder heißer.
„Du hast immer Blasen an den Füßen, Spurius,“ rief Folms Berend, ein Dunmer, dem Kaiserlichen höhnisch entgegen.
„Wir sind erst seit gestern unterwegs,“ bemerkte Stahlzapfen zustimmend aus der Menge, „und Ihr heult schon wieder herum. Jedes Mal die gleiche Scheiße mit Euch!“
„Wisst Ihr, Spurius,“ setzte Stephanus mit sarkastischem Tonfall an, „Wenn Euch das gehen so wenig gefällt, warum fragt Ihr nicht einfach den Schatzmeister, ob Ihr bei ihm auf dem Wagen mitfahren dürft?“
„Wenn du ganz nett fragst, lässt er dich vielleicht sogar. Ich hab gehört, das ihm weiche Jungs aus Cyrodiil besonders gefallen,“ fügte Berend hinzu.
Cocius verzog den Mund und machte mit seiner rechten Hand eine Wegwurfgeste. „Ich passe. Eher schlägt mich dieser Typ bewusstlos und verkauft meine Leiche dann an irgendeinen Krecken, damit dieser an mir seine Nekromantenphantasien ausleben kann, bevor er auch nur daran denkt, seinen fetten Arsch ein wenig zur Seite zu schieben, um Platz zu machen.“
„Krecken? Pah! Was wisst Ihr schon über Krecken?“ fragte Bodeado herausfordernd. „Ihr könntet keinen Dreug von einem Krecken unterscheiden.“
„Was in Oblivion sind denn Krecken?“, erkundigte sich Sylaen, doch niemand ging direkt auf ihre Frage ein.
Erneut die verwerfende Handbewegung von Cocius. „Ich weiß genug über Krecken. Sie sind große, widerwärtig aussehende Schnecken mit Beinen, die ihre Kinder zu Seife verarbeiten, und die gerne mit Untoten dingen spielen. Die sind aber noch weit davon entfernt, so hässlich wie Fleisch zu sein!“
Das erntete einige Lacher. Aber nicht von Fleisch. Fleisch lachte nie. Er lächelte nie. Nicht, wenn er nicht gerade jemandem die Knochen brach.

Während Hrard in Ruhephasen normalerweise nur wenig Emotion an den Tag legte, verspürte Fleisch durchaus Gefühle. Diese waren jedoch auf ein sehr enges Feld begrenzt: Es gab Momente, in denen Fleisch die Welt hasste. Dann gab es Momente, in denen er die Welt ganz besonders hasste. Dieser grimmige Mensch, so war sich Stephanus sicher, würde jeden einzelnen von ihnen mit Freuden töten, würde es keine Konsequenzen nach sich ziehen.
Der Kaiserliche konnte Fleisch nur als „Mensch“ einordnen, oder vielleicht als einen Elf mit abgestumpften Ohren. Er war nur etwas kleiner als ein Nord (und könnte sogar ein zu kurz geratenes Kind Skyrims sein) und hatte Haut, die fast schon weiß war. Jedenfalls dort, wo keine Narben seinen Körper verunstalteten, oder sie durch verheilte Spuren von Verbrennungen verfärbt wurde.
Der Mensch hatte außer einem Paar buschiger Augenbrauen keine Haare, nicht einmal Bartstoppeln, und Stephanus wunderte sich oft, wie dieses zerklüftete Wrack eines Mannes noch aufrecht stand, lebte, und nicht schon längst den unzähligen Verletzungen unterlegen war, deren von diversen Gewalteinwirkungen erzählenden Spuren sein Antlitz immer noch verunstalteten. Das rechte Ohr fehlte ihm, und zudem kannte niemand seinen Namen. Jemand hatte mal spöttelnd erwähnt, dass er wie ein rohes, unförmiges Stück Fleisch aussah, und seitdem blieb der Spitzname an dem Menschen haften.
Jungeiche erzählte hinter Fleischs Rücken von seiner Vermutung, der Mensch sei eigentlich der letzte Dwemer auf Nirn, der zu den Zeiten der argonischen Invasion nur knapp einer geheimen dunmerischen Folterkammer in Morrowind entwichen war und nun durch die Welt zog, um aus Rache an die Existenz an sich, so viel Schmerz und Verzweiflung wie möglich zu verbreiten.
Gro-Ogdum behauptete im Scherz, selbst Molag Bal würde vor Fleisch die Flucht ergreifen, würde er seinen Umriss am Horizont auftauchen sehen. Natürlich schenkte Stephanus Brareks Blödsinn keinen Glauben.
„Aber Gro-Ogdum könnte vielleicht sogar recht haben,“ dachte er bei sich, wobei er es aber nicht ernst meinte.

„Lenk nicht von deinen Babyfüßen ab,“ beschwerte sich Bärenpelz mit seiner zu seiner Statur passenden tiefen Stimme.
„Jetzt lasst mich doch endlich in Ruhe,“ verteidigte sich Cocius. „Wir sind davor doch schon mal durch irgendwelche, von den Acht verlassenen Berge gestolpert, und haben vor dem weitermarschieren nur kurz Pause gemacht. Ich habe halt sensible Füße.“
Das kommentierte Bärenpelz mit einem lauten „Ha!“, und dann beließen sie es auch dabei.
Hinter ihnen kämpfte sich das Rad eines Wagens lautstark über einen lockeren Pflasterstein, und viele von ihnen drehten im gehen instinktiv ihre Köpfe in der Erwartung, dass sie es mit einer weiteren Panne zu tun bekamen. Der Wagen rollte jedoch völlig intakt weiter, die Achse brach nicht. Erleichtert drehten sie sich wieder nach vorne.

„Hab ich euch schon von dem einen Mal erzählt,“ begann Bodeado dann von irgendwo aus der Gruppe Marschierender.
Ein einvernehmliches Stöhnen ging durch die Reihen, und jemand fragte nicht unliebenswert: „Wer hat vergessen, dem Piraten heute morgen das Maul zu stopfen?“, was von vereinzeltem Gelächter begleitet wurde.
Der Rothwardone fuhr unentwegt fort. „Das eine Mal, da haben meine Jungs und ich, damals auf der „Maid von Rihad, da haben wir ein Schiff gekapert,“ erzählte er.
Weniger als die Hälfte von ihnen hörte ihm zu, aber er schwätzte wie gewohnt fröhlich weiter.
„Also, als wir an Bord gegangen sind und alles nach dem Kämpfen ruhiger geworden war, bin ich in die Kapitänskajüte gestolpert. Da hab ich den Kapitän gesehen, wie er vornübergebeugt über seinem Tisch saß.“
Erneut unterbrach ihn einer der anderen: „Nicht schon wieder die mit dem Papagei!“
Der Rothwardone räusperte sich nach dieser Unterbrechung kurz. „Ich komme also näher, da bemerke ich, dass der Typ eigentlich Neun-Loch mit einem Papagei spielte.“
„Du hast uns diesen Müll letztens schon erzählt. Und da warst du auf der „Maid von Hammerfell“, oder wie auch immer,“ warf Folms Berend ein.
Bodeado überging seine Bemerkung einfach.
„Also, ich war schon beeindruckt,“ sagte der vermeintliche Pirat a.D., wobei er erzählerisch mit den Händen gestikulierte. „„Das ist ein echt kluger Papagei, den du da hast, dass der Neun-Loch spielen kann,“ hab ich zu ihm gesagt. Der Kapitän ist dann hochgeschreckt, denn er hatte mich bis dahin noch nicht bemerkt, so vertieft war er gewesen“ plapperte er, während Stahlzapfen „Unsinn“ rief.
„“Ach, der ist eigentlich nicht so klug,“ sagte der Typ dann zu mir. „Ich hab ihn schon in zwei von drei Partien geschlagen.“ Das hat mich stutzig gemacht,“
„Wirklich?“ Sarkasmus schwang in Meum-Tes zischender Stimme mit.
„“Also,“ hab ich ihn gefragt, „was macht der Vogel denn, wenn du beim Spiel mal einen Fehler begehst?“ „Purzelbäume,“ hat er dann geantwortet. „Purzelbäume? Das ist ja unfassbar!““
„Wie diese ganze verdammte Geschichte!“
„“Wie viele Überschläge macht er denn?“, hab ich ihn danach gefragt.“
Der Rothwardone legte eine künstliche Pause ein, und kam dann schnell zur eigentlichen Pointe seiner Anekdote:
„„Das kommt drauf an, wie fest ich ihn Ohrfeige!““
Bodeado und Rognag gro-Golug lachten laut auf, während einige der anderen leise kicherten, die meisten aber genervt stöhnten, den Kopf schüttelten oder mit den Augen rollten.
Brarek seufzte. „Jetzt kann man nicht einmal mehr etwas lauter über die feigen Pfeilschießer herziehen, aber dass dieser lästige Herr Hammerfell einen andauernd mit seinen Lügengeschichten quält, da hast du kein Problem mit, Hrard?“ Von dem Truppenleiter gab es keine Antwort. Daraufhin schnaufte Jungeiche, und verstummte nun seinerseits erneut.
Stephanus lächelte. Zum Guten oder zum Schlechteren, die Geschichten des Rothwardonen boten hin und wieder mal Abwechslung und lenkten einen von der ständig drohenden Gefahr ab. Sie hatten ihren eigenen Charme.
Doch dann schüttelte der Kaiserliche den Kopf und sein Lächeln verflog wieder. Sich jetzt ablenken zu lassen könnte gefährlich werden. Sie hatten die unsicheren Berge noch nicht hinter sich gelassen, und die Abgeschworenen könnten jeden Moment auftauchen. Und nebenbei, das Gepäck und ihre Rüstungen und Waffen würden durch ein Paar Geschichten auch nicht leichter werden.

Wie von Hrard prophezeit erreichten sie trotz der Verzögerung durch die Wagenpanne gegen Ende des Tages hin das kleine Minenarbeiterdörfchen Karthwasten.
Der Strom, der sie auf ihren Weg durch die Berge begleitet hatte, war noch vorher an einer Kreuzung in den Fluss Karth gemündet, das große Fließgewässer, das dem in der Nacht durch Fackellicht erleuchteten Dorf und der großen Felsenstadt Markarth im Südwesten ihre Namen gab.
Die Klippen hier waren stellenweise immer noch steil, gleichwohl sie weniger unerbittlich in die Höhe ragten, und in vielen Arealen verlief das Gelände doch noch um einiges sanfter. Dies hatte den hier lebenden Menschen es erst ermöglicht, ihre Häuser aufzubauen, ohne ständig in der Gefahr zu schweben, im Schlaf von einem Erdrutsch oder einem Felsensturz erfasst zu werden.

Viele der Einwohner des Dorfes schliefen bereits in ihren Hütten, als ihre Vorhut die kleine Gemeinde erreichte. Einige Wenige standen jedoch noch wach vor ihren Türen, oder saßen auf verwitterten Bänken neben ihren Hütten. Ihre wettergegerbten Gesichter verrieten, wie niedergeschlagen sie sich fühlen mussten, und wie sehr sie von Gram geplagt wurden.
Stephanus konnte das ganz gut nachvollziehen: Wie der Kaiserliche von Brarek Jungeiche erfuhr, wurden diese Minenarbeiter nicht nur tagtäglich von den Silberblut-Schlägern unter Druck gesetzt. Nein, jetzt mussten sie seit der Ankunft der Söldner auch noch in der Angst leben, dass einer der ausländischen Heuerlinge aus Spaß in ihre Häuser einbrechen könnte, und sie sich dann seiner Willkür ausgesetzt wiederfinden würden. Oder noch schlimmer, die Söldner könnten sich plötzlich dazu entscheiden, das Dorf zu Plündern und das gesamte Gelände auf der Suche nach verborgenen Schätzen umzugraben. Die einfachen Leute vom Land befanden sich in einer hoffnungslosen Situation, aus der sie, aus ihrer Sicht, wohl nur noch durch die Gnade der Götter in einem Stück wieder herauskommen würden.
Die Dorfbewohner waren anscheinend nicht die einzigen Anwesenden, die nicht zur Kompanie gehörten. Hier und da erspähte Stephanus einen der misstrauisch und nervös dreinblickenden Männer in Lederharnischen, die von sich selbst behaupteten, für den Schutz der Einwohner hier zu sein. Es musste sich wohl um die Silberblut-Schläger handeln, und ganz offensichtlich hatten sie ganz andere Absichten, als für den Schutz des Dorfes zu sorgen, aber unter diesen Umständen beschützten sie die Einwohner Karthwastens durchaus.
Hrard hatte an sie alle den ausdrücklichen Befehl weitergeleitet, den Minenarbeitern und ihren Angehörigen kein Haar zu krümmen, und vor allem den Schlägern nichts anzutun. Was sich hier abspielte, war wohl in die Innenpolitik Markarths verstrickt, und ganz klar wollte es sich die Leitung der Kompanie nicht mit der einflussreichsten Familie des Reach verscherzen. Zumindest noch nicht. Der Kaiserliche empfand es als unnötig, weitere Gedanken daran zu verschwenden und nahm den Befehl wortlos hin.
Die Privatsoldaten schlugen ihr Nachtlager unweit des Dorfzentrums auf, auf einer größeren Fläche mit geringen Unebenheiten. Einige der Söldner in Gelb und die, die schon vorher hier im Dorf gewesen waren, verspotteten sich anfangs noch gegenseitig, doch das verging mit der Zeit, und sie warfen sich nur noch hin und wieder finstere Blicke zu und hielten sich sonst in ihren eigenen Bereichen auf. Sie hatten ein ausdrückliches Verbot, sich mit den angeheuerten Schlägern zu prügeln, und die Silberblut-Söldner befanden sich in der erdrückenden Unterzahl - Stephanus zählte höchstens zehn von ihnen. Dass die von sich aus gewalttätig wurden, war sehr unwahrscheinlich. Es würde also nicht zu einem Konflikt kommen.
Irgendwie taten Stephanus die Dorfbewohner schon leid, aber er konnte an ihrem Schicksal auch nicht viel Ändern.

Wie so oft saßen einige von ihnen um eine Feuerstelle versammelt. Ohne ausreichend verwertbarem Holz wurden die Wagen als eine behelfsmäßige Palisade um die Zelte der Wichtigsten unter ihnen abgestellt, und ohne eine schützende Mauer und im Gebiet potenzieller Feinde wurden doppelte Wachposten bezogen, so dass ihnen nicht viel Zeit zum Ausruhen blieb.
Meum-Te stocherte mit einem krummen Stock im Feuer herum und schob einige mickrige Holzkohlen zur Seite. Um sie herum zirpten Grillen in einem durcheinander geratenen Rhythmus, und die beiden Monde erleuchteten ihnen die Nacht, auch wenn die Himmelsgestirne es nicht vermochten, viel Licht ins dunkle zu bringen. Die Hügel, Felsen und Klippen warfen lange Schatten, und nur an einigen Stellen erreichte das Mondlicht auch den Boden. Dennoch, es tauchte die Strohdächer der Dorfhütten, die Spitzen der wenigen Zelte (der Großteil von ihnen schlief im Freien), und die Köpfe und Schultern aufrecht stehender Leute in ein schimmerndes, silbriges Blau.
Stephanus bildete sich kurz ein, im Feuer einen brennenden Mann in heiß dampfender Stahlrüstung wiederzuerkennen. Er rieb sich schnell die Augen und verbannte die unangenehme Erinnerung wieder in die Tiefen seines Hinterkopfes. Es gab zu viele Dinge, die er gesehen hatte und an die er sich lieber nicht erinnern wollte, und im Laufe der Jahre wurde die Mauer, die den Horror der Erinnerung zurückhielt, immer baufälliger. Ab und zu schlüpfte ein Bild durch eine Lücke in der mentalen Barriere, wenn er einen bestimmten Geruch vernahm, oder wenn er etwas sah, dass seine Erinnerung weckte. Aber es überraschte ihn selbst, wie vergleichsweise gut er alles wegstecken konnte. Dass er dank der Alchemie nicht träumte half garantiert dabei.
Neben Stephanus reckte sich Brarek Jungeiche. Unwillkürlich drehte der Kaiserliche seine Augen in die Richtung der Bewegung des Nords. Der fast zwei Meter hohe Mann war selbst im Sitzen eine imposante Erscheinung. Blond, bärtig, blauäugig und mit wilden Gesichtszügen war er das perfekte Beispiel eines Nords. Als Bonus kam da noch seine geringe Intelligenz dazu.
Mit seinen prankenartigen Händen blätterte er in einem abgegriffenen Buch mit einfachem Einband aus verschlissenem Leder, wobei er die Augen leicht zusammenkniff, und dem Anschein nach jedes geschriebene Wort stumm mit den Lippen nachformte.
„Wusste gar nicht, dass Ihr lesen könnt“, spaßte Stephanus.
„Ach, halt doch dein Maul“, knurrte der Nord. Er sah nicht von den beschriebenen Seiten auf, sondern hielt weiterhin seine tonlose Vorlesung, wobei er doch das ein oder andere Wort leise vor sich hin flüsterte.
Eigentlich wollte sich der Kaiserliche nicht mit Brarek unterhalten (und das beruhte wohl auf Gegenseitigkeit), aber es gab im Moment einfach nichts besseres zu tun. Es würde noch eine halbe Stunde dauern, bis ihre Wache begann, und er musste sich irgendwie wach halten.
Stephanus saß für einige Augenblicke gedankenverloren nur so da und ließ seine Glieder ruhen, und dann erhob er erneut die Stimme.
„Worum geht’s in dem Buch?“, fragte er.
Jungeiche stöhnte entrüstet und blickte nun von seinem billigen Schmöker auf. „Wenn du dich so sehr dafür interessierst, kannst du's von mir aus selbst lesen.“
Der Nord legte ein kleines Ästchen als Lesezeichen zwischen die Seiten, bevor er sein Buch zuklappte und es energisch Stephanus zuwarf.
Dieser fing es auf und begann nun seinerseits darin zu blättern.

Stephanus überflog die Seiten des relativ kurzen Taschenbuchromans. Das Papier war bereits abgenutzt und gelbstichig, und sie knisterten bei jedem umblättern. Schnell hatte der Kaiserliche Brareks Lesezeichen passiert. Wie so oft zahlte sich die Bildung aus seiner nur allzu kurzen Jugend mehr als aus, denn im Gegensatz zum Nord hatte er keine Probleme mit dem Lesen.
Als er das Buch schließlich kurz vor der Mitte wieder zuschlug, fragte sich Stephanus, warum er es eigentlich so unbedingt lesen wollte. Was hatte er erwartet? Was er hier in der Hand hielt, war keineswegs ein Meisterwerk literarischer Kunst. Enttäuscht reichte er das zerfallende Stück Lektüre an Jungeiche zurück.
Der Nord hob erwartungsvoll die Augenbrauen. Sein Ärger von vorhin schien verflogen, und offenkundig wollte er wirklich wissen, was Stephanus von dem Buch hielt.
Der Kaiserliche zuckte die Achseln und gab einen unzufriedenen „Ech“-Laut von sich.
„Was ist?“, erkundigte sich Brarek ein wenig geknickt, denn ihm schien es nicht entgangen zu sein, dass Stephanus wohl nichts gutes über das Heftchen zu sagen hatte.
„Damit ich das richtig verstehe“, setzte der Mann aus der Kaiserstadt an. „Die Hauptfigur, ein Argonier in der dritten Ära, ist aus einem Sklavenlager in Morrowind ausgebrochen, und hat es als untrainierter Minenarbeiter geschafft, den obersten Aufseher zu töten, und es zudem wie einen Selbstmord aussehen zu lassen? Und dann auch noch aus Morrowind zu entkommen?“
Er schnaufte kurz und fügte dann sarkastisch hinzu: „Da bekomme ich ja schon Angst vor den Dorfbewohnern hier. Die sind sogar noch wohlgenährter als Sklaven, glaubst du, die könnten die ganze Kompanie im Schlaf ermeucheln und es dann wie einen Unfall aussehen lassen?“
„Ach, mit euch Kaiserlichen is' es doch immer das Selbe. Ihr wisst immer alles besser, und nichts ist euch gut genug. Bei den Neun, ihr seit fast so schlimm, wie die verwünschten Hochelfen!“
Zwar hasste Stephanus die gesamte altmerische Rasse wie die Pest, von Brarek auf fast die gleiche Stufe mit ihnen gestellt zu werden ging an ihm aber wirkungslos vorbei. Sich über so etwas aufzuregen wäre in den Augen des Kaiserlichen ziemlich kindisch gewesen, zumal ihm Brareks Meinung recht egal war. Stattdessen fuhr er mit seiner Buchbesprechung fort.
„Des Weiteren tritt er der Kämpfergilde in Cyrodiil bei und wird von irgendeinem dunmerischen Kerl verraten, den er natürlich irgendwie in den Knast befördert. Dann wird der Name des Typen erst am Ende des Kapitels verraten. Wer zur Hölle ist Valen Dreth?“
Jungeiche öffnete schnell den Mund für eine Erwiderung, doch blieb er einen Moment nachdenklich und stumm, bevor er schließlich antwortete.
„Keine Ahnung. Aber das ist doch egal, oder? Vielleicht wird er später noch irgendwo erwähnt.“
„Dies hier wurde offensichtlich von jemandem geschrieben, der Dunkelelfen hasst, oder Argonier liebt, oder beides. Vielleicht war er selbst sogar Argonier. Du solltest diesen Schund los werden. Der ist höchstens noch als Brennstoff fürs Feuer zu gebrauchen.“
„Dich hat keiner Gefragt, kaiserliche Drecksau,“ erwiderte der Nord erbost.
Entnervt schnellte Meum-Te aus seiner Sitzhaltung auf und fuhr sie an. „Können ihr Menschen nicht leise sein? Hätte ich Ohren, würden sie jetzt bestimmt abfallen.“
„Was auch immer“, sagte Brarek beleidigt und klappte seine abgenutzte Lektüre wieder auf.
Der Kaiserliche seufzte. Soldin Stahlzapfen konnte ein echter Starrkopf sein, mit einer Anfälligkeit für Provokation, aber mit ihm konnte man wenigstens anständig reden. Jungeiche dagegen war wie ein Kind. Ein großes, gefährliches Kind, das sofort alle Schotten dicht machte, wenn es nicht das hörte, was es wollte.
Aber was machte das schon? Sich über die Sturheit der Nords zu ärgern war eine verlorene Sache, ein Spiel, bei dem man nicht gewinnen konnte.
Stephanus schüttelte kurz den Kopf und starrte dann wieder ins Feuer.

Bald hörte Stephanus Schritte hinter sich, und kurz darauf klopfte ihm jemand auf die Schulter.
„Steh auf, Levinius. Deine Schicht.“
Mit einem Grunzen hievte er sich hoch und wandte der Feuerstelle den Rücken zu, und blickte jetzt in das abgehärtete Gesicht von Harun, einem Rothwardonen. Stephanus kannte ihn nicht besonders gut, aber er Respektierte ihn ein wenig, da Harun ihm wie ein vernünftiger Mensch erschien.
„Wie sieht's heute Nacht aus?“ erkundigte sich der Kaiserliche bei seinem müden Mitstreiter.
Dieser zuckte die Achseln.
„Nichts. Einmal ist eine Bergziege aufgetaucht, aber das war's auch schon.“
„Nun gut. Schlaft Euch aus.“
Der Kaiserliche ging los, während Harun, nun von Stephanus abgelöst, sich lautstark gähnend in Richtung Baracke aufmachte.

Ein paar Stunden später befand sich der Kaiserliche in seiner Bettrolle. Es fühlte sich richtig gut an, nach einer langen Reise und stundenlangem Herumstehen mal die gepanzerten Stiefel ausziehen zu können, und sich auch fürs erste von den abgetragenen Socken zu befreien. Dazu fiel ihm ein altes Sprichwort ein: „Feuchte Socken töten ganze Armeen.“
Cocius konnte davon wohl ein Liedchen singen. Wie sich heraus stellte, hatte er wirklich enorme Blasen an den Füßen bekommen, und Sylaen war so gnädig gewesen, ihm diese Auswüchse mit einem Dolch auf zu stechen und Cocius von dem schmerzhaften Druck, der auf seinen wunden Füßen lastete, zu befreien.
Stephanus Wachschicht war entgegen seinen Erwartungen ereignislos zu ende gegangen. Für einige Stunden stand er zunächst noch aufmerksam, und später dann gelangweilt an seinem Posten. Das Feuer in seinem Rücken hatte ihn warm gehalten – ein Feuer vor ihm hätte ihm in die Augen geschienen, und es ihm erschwert, sich an die Dunkelheit der Nacht zu gewöhnen. Die Berge warfen lange Schatten, und das Mondlicht reichte kaum aus, wenn es denn mal nicht von Wolken geschluckt wurde. Und egal wie gut er auch hinsah, es gab nichts, das sich dort im Schatten bewegte. Die erbosten Reikmannen waren offenbar nicht so gefährlich, wie von den Einwohnern Markarth behauptet. Es wäre nicht das erste Mal, dass mit solchen Dingen maßlos übertrieben worden war, und sicherlich auch nicht das letzte Mal. Ein Bettler mit schäbigem Wolfsmantel wurde schnell zum Werwolf, und ein paar wütende Bergleute zur größten Bedrohung für die Straßen des Reach.
„Oder sie meiden gezielt große Gruppen Bewaffneter.“
Aber im Moment war es ihm einerlei. Nach dem Marsch und der Nachtwache sehnte er sich nach Ruhe und Schlaf. Morgen würden sie den Karth überqueren (den sie bei ihrem Stopp dazu nutzten, um ihre Frischwasservorräte aufzutanken und sich an seinen Ufern mit dem eisig kalten Wasser notdürftig zu waschen), und dann währen sie, nachdem sie den großen verfallenen Festungsturm auf der anderen Uferseite passiert hatten, schon aus dem angeblichen Einflussgebiet der Abgeschworenen heraus.
Stephanus drehte sich auf die Seite und fischte mit seinen Händen eine der Phiolen flüssigen Traumraubs aus der vordersten Tasche seines Rucksacks. Wie es heute um seinen geistigen Zustand stehen würde, hätte der Alchemist nicht diese Formel entdeckt, konnte Stephanus nur vermuten. Er erinnerte sich noch an seine ersten Nächte als Heuerling.
Er hatte damals aus Angst vor dem, was er in seinen Träumen sehen konnte, drei Tage nicht geschlafen, bis er dann vor Erschöpfung einfach ohnmächtig wurde und einige Stunden später wieder aufgeschreckt war. Die folgende Nacht hatte er sich vor Verzweiflung bis zur Besinnungslosigkeit volllaufen lassen, und erst am darauf folgenden, von einem enormen Kater begleiteten Tag schlug ihm jemand vor, dem Alchemisten mal einen Besuch abzustatten.
Bestürzt stellte Stephanus fest, dass ohne den Alchemisten sein Leben ganz anders verlaufen wäre. Womöglich wäre er jetzt bestimmt tot, denn einen traumatisierten, insomnischen Säufer konnte man in einer Privatarmee wohl kaum gebrauchen. Er wäre aus der Kompanie geschmissen worden, und anschließend irgendwo als Bettler in irgendeiner Stadt am Wegesrand verendet.
Er seufzte, und mit einem lauten „Plop!“ entkorkte er den Glasbehälter und setzte ihn anschließend an seine Lippen.
„Aufs Wohl.“
Nach einem tiefen Schluck von der bitteren Substanz verkorkte er das Fläschchen wieder. Wie so oft verzog er das Gesicht bei der Attacke auf seine Geschmacksknospen, während er das Elixier wieder in den Rucksack verfrachtete.
Wie üblich würden ihm diese Nacht jegliche Träume erspart bleiben, und dafür dankte er den Neun.

Bahaar
08.08.2014, 13:31
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Sanfte Wärme schmeichelte ihrer Haut im Gesicht und auf den Armen. Vorsichtiger Lichtschein, womöglich in Angst Vesana zu schnell und zu kraftvoll zu wecken, kitzelte ihre Lider und die Augen darunter. Halb stöhnend, halb seufzend streckte sie die erschöpften, schweren Glieder aus, dehnte sich und drehte sich auf die Seite. Weich sank sie mit der Schulter ein und die Haare verteilten sich auf dem gemütlichen Kissen unter ihrem Haupt. Unwillig aufzuwachen oder aufzustehen zog sie die Decke mit den Händen bis zum Kinn und rollte sich glucksend darin ein.
Schmerzhaft stechend, als rammte ihr jemand einen Dolch in die Brust, vollführte ihr Herz plötzlich einen kräftigen Sprung und begann im Anschluss zu rasen. Heftig, dass es ihr die Tränen in die Augen trieb, fuhren ihr Blitze durch die Schläfen hinter die Stirn. Heißes Pochen erfüllte ihren Schädel, als säße darin ein Schmied. Wo war sie? Das letzte, an das sie sich erinnerte, war der Tunnel und diese zwei … die zwei … der Gedanke wollte sich ihr nicht einmal richtig offenbaren, derart abscheulich empfand sie ihn und den Anblick der zerfledderten, gammligen Leichen vor ihrem geistigen Auge. Um es abzuschütteln öffnete die Kaiserliche die Augenlider und sah sich im schummrigen Zwielicht einiger Kerzen um. Es brannte ihr in den Augen wie flüssiges Feuer und so blinzelte sie unaufhörlich. Unstet glitt ihr Blick umher, konnte nirgendwo haften bleiben, stets zur Bewegung gezwungen. Pure Aufregung pumpte durch ihre Adern, ließ den Mund offen stehen und brannte in den Lungen.
Die gewölbte Decke aus groben, grauen Steinen, die nahen, dunklen Möbel – die Kommode gegenüber dem Fußende des Betts, das hohe Regal an der Längsseite und weitere kleinere Stücke – wie auch die zwei Geweihe und das Säbelzahnkatzenfell an der Wand, zuletzt sogar das Gemälde eines kleines Hauses an einem See – all dies kam ihr so merkwürdig bekannt vor. Es schien ihr unwirklich und traumhaft, gleichzeitig aber zweifelte sie daran, zu träumen. Alles deutete darauf hin, dass sich die Jägerin tatsächlich in ihrem Zimmer in Jorrvaskr befand. Die weiche Bettdecke, der zurückhaltende Duft als Mischung aus Bergkräutern und süßen Früchten, alles wirkte befremdlich und doch real, so authentisch.
Vesa drehte sich auf die andere Körperseite und stöhnte, als ihre ausgelaugten Muskeln versuchten sich anzuspannen. Auf ihrem Nachttisch standen ein Krug und Becher, sowie ein Teller mit etwas Brot. Appetitlos griff sie nach dem Kanten, brach jedoch auf halbem Wege ab, als ihr Arm bleiern auf ihr strohgefüttertes Nachtlager sank. Egal wie lange sie geschlafen hatte, es war nicht lange genug gewesen. Vorsichtig rutschte sie mit der Bettdecke näher an die Kante hinan und stemmte sich auf den Ellbogen hoch. Anschließend griff sie erneut nach dem Brot und nahm einen Bissen. Sie wusste, dass es den Hunger nicht lindern, denn geschweige stillen würde. Andererseits stand außer Frage, dass ihr müder, ausgelaugter Körper dringend etwas brauchte, von dem er zehren konnte. Im Krug befand sich dem Duft nach zu urteilen ein inzwischen abgekühlter Kräutertee, den sie im Liegen versuchte in den Becher zu gießen. Als sie jedoch mit zittrigen Fingern mehr daneben auf das dunkle Holz des Schränkchens goss, anstatt in das Gefäß, brach sie ab und ließ den Krug mehr fallen als dass sie ihn wieder abstellte.
Im Anschluss rollte sich die Kaiserliche auf den Rücken und schob sich danach am holzverkleideten Kopfende des Bettes hoch. Das Kissen im Rücken polsterte angenehm und sie zog die verrutschte, beige Tunika zurecht, bevor sie die Decke über ihren Beinen ordnete und abermals versuchte, Tee in die Tasse zu bringen. Ein heftiger Stich im Kopf rief ein reflexartiges, ebenso heftiges Zucken hervor und abermals schwappte ein beträchtlicher Teil des Tees neben die Tasse. Stöhnend presste sie eine Hand gegen die Seite des Gesichtes und presste die Lider zusammen, als ob sie so den niederschmetternden Kopfschmerz zu dämpfen vermochte.
Ergebnislos versuchte die Jägerin ein drittes Mal einzuschenken, die Finger zittrig und kraftlos. Es gelang ihr und so vermochte sie schließlich ihre trockene Kehle zu benetzen. Eine Wohltat, wenn sie überlegte, dass sie selbst in den Tunneln schon nur sehr wenig getrunken hatte. Möglichst schnell versuchte sie den Gedanken beiseite zu schieben und das Gesicht des Untoten, wie es plötzlich aus dem Nichts über ihrer Schulter auftauchte, zu verdrängen. Dieser eine Augenblick, in dem sie so unverhofft mit dem wandelnden Leichnam zusammengestoßen war und der ihr ohne weiteres einen Herzstillstand hätte bescheren können, würde ihr wohl noch lange in Erinnerung bleiben. Ebenso diese erbarmungslosen, kalten Augen, wie sie in der Dunkelheit leuchteten. Sie hatten sich in ihre Erinnerung gebracht. Nichts würde sie vergessen machen.
Es klopfte und Vesana zuckte in sich zusammen als sie das dumpfe Hallen aus ihren Gedanken riss. Es schmerzte in den überempfindlichen Ohren und so presste sie einen Moment die Hände auf diese. Sie verspürte jedoch gleich darauf eher Dankbarkeit, denn Schrecken. »Herein«, bat sie. Das Wort starb ihr auf der Zunge, kaum mehr als ein klägliches Krächzen. Dennoch öffnete sich die Tür und Farkas trat wie gewohnt in seine schwere, stählerne Rüstung gehüllt scheppernd und rasselnd ein. Über seinem Arm lagen je eine Jacke und Tunika, in der Hand hielt er hohe Wildlederstiefel. Es waren ihre Sachen, wie Vesa nach kurzer Verwunderung erkannte. Der große, hünenhafte Nord mit den dunklen Haaren und den silbergrauen Augen hielt noch im Türrahmen inne.
»Du bist ja wach!«, bemerkte er nicht ohne Überraschung in der tiefen Stimme.
»Ja«, krähte Vesa eine kurze Erwiderung und räusperte sich anschließend.
»Ah, trockener Hals.« Das befreundete Zirkelmitglied trat ein und schloss die Tür zum Hauptflur des Kellers hinter sich. Die Kaiserliche nickte nur und trank noch einen Schluck Tee, um den gereizten Hals zu beruhigen. Müde ließ sie im Anschluss den Kopf gegen die Wand sinken, vorsichtig, um zu große Erschütterungen zu vermeiden, und beobachtete Farkas am unteren Rand ihres Sichtfeldes. Es war einfacher so, musste sie doch die Lider nicht zwanghaft offen halten. Er legte ihre Sachen auf der Anrichte gegenüber dem Bett ab und wandte sich danach ihr zu. Mit verschränkten Armen blieb er stehen. »Hast Dir ja ganz schön Zeit gelassen«, tadelte er und verzog den Mund. Die Jägerin hob den Kopf und zog irritiert eine Augenbraue hoch. »Mit dem zur Besinnung kommen, meine ich«, erklärte. Erst jetzt bemerkte sie seinen spöttischen Unterton. Im Moment der Erkenntnis blieb ihr der Mund offen stehen. Farkas begann breit zu grinsen. »Schön, dass Du wieder unter uns bist. Als Aela vor drei Tagen hier angekommen ist und uns erzählt hat, was passiert ist, haben alle schon das Schlimmste befürchtet.«
»Ich habe … absolut kein Zeitgefühl«, gestand Vesa.
Der Nord nickte nur verstehend und strich sich eine Strähne seines Haares aus dem Gesicht. Gleich darauf setzte er sich auf das Fußende ihres Bettes. Es knarzte und ächzte unter der heftigen Last. »Aela und Du, ihr seid vor fünf Tagen zur Jagd aufgebrochen. Vor knapp zwei Tagen haben Skjor, Aela und ich Dich aus dem Loch geholt und seitdem hast Du geschlafen. Mehr oder weniger ruhig. Oder Du warst … nicht wirklich anwesend«, rekapitulierte er für sie die Geschehnisse.
»Was meinst Du?«
»Naja, gewaschen und umgezogen hast Du Dich selbst. Aber geredet oder irgendjemanden beachtet hast Du nicht. Bist zwischendurch sogar mal abgehauen und hast noch was gefressen«, berichtete der Nord. Vesa zog beide Augenbrauen hoch, unsicher ob und wenn was sie überhaupt bei der Erzählung empfinden sollte.
»Das heißt ich war … drei Tage da unten?«, fragte sie stattdessen, möglichst schnell vergessen wollend, was er ihr gerade gesagt hatte.
»Nicht ganz, aber fast. Erinnerst Dich nicht einmal daran, wie wir Dich da rausgeholt haben, was?«
»Das Letzte, an das ich mich erinnere … ist der Kampf mit diesen zwei Untoten.«
»Die Draugr, ja, die haben wir gesehen.« Sein Grinsen wurde noch fetter. Spiegelte sich da so etwas wie Stolz auf seinem rauen Gesicht wider?
»Völlig egal, wie die heißen. Sie sind widerlich, abartig.«
Farkas lachte unverhohlen auf, dass das Bett bebte. »Da sagst Du was.«
»Ich habe den Vollmond da unten verbracht …«, hauchte sie nach Abklingen des kurzen Anfalls des Nord mehr zu sich selbst, als dass sie den Gedanken ernsthaft laut aussprach. Sie ließ einen Moment Augen und Kinn sinken.
»Ja. Aber Du hast es heil überstanden. Hättest Aela sehen müssen, als sie hier eingetroffen ist. Sie war ziemlich besorgt – Du weißt ja, wie selten das ist.«
»Und Du wohl nicht?«, stichelte Vesa und schenkte ihm ein mattes Lächeln. Ein neuerliches Stechen im Schädel zerstreute ihre Gedanken. Sie schloss die Augen und rieb sich sanft über die Schläfen, um es zu beruhigen.
»Ach, als ob ich mir um Dich Sorgen machen müsste! Die Draugr sind Beweis genug dafür, dass ich das nicht brauche«, entgegnete er und lachte erneut. Wenn es doch wirklich so unkompliziert wäre. Aber das wusste Farkas freilich selbst und hätte er sich wirklich keine Sorgen gemacht, vermutlich wäre er nicht einmal mitgekommen sie zu retten. Jeder, dem das Wolfsblut innewohnte, wusste, wie es enden konnte, stillte der Wolf zum monatlichen Höhepunkt seiner Triebe und Stärke nicht seinen Hunger und Durst – nämlich tödlich. Absolute Erschöpfung, Angstzustände und Gedächtnisverlust waren da noch die glimpflichsten Folgen, obwohl sie nicht wusste in wie weit diese tatsächlich allein auf den Hunger der Bestie zurückgingen. Hircine schien ihr gnädig zu sein und im Reflex griff sie nach dem Hirschkopfamulett, das sich für gewöhnlich an ihrem Hals befand. Doch fasste sie ins Leere. Erschrocken schaute sich Vesana um, blickte zum Nachttisch und auf dem Bett umher, doch ihre gereizten, trüben Augen fanden nicht, wonach sie suchte. Bis sie auf Farkas trafen. Er grinste und griff in einen Beutel an seinem Gürtel. »Tilma hat’s mit Deinen restlichen Sachen gewaschen«, erklärte er und warf ihr das silberne Schmuckstück zu. Ungelenk und im letzten Moment fing sie es auf.
»Danke.« Sie legte sich die glänzende Kette um den Hals.
»Wie lange ist der Vollmond jetzt her?«
»Heut ist der dritte Tag nach Vollmond.«
»Ich sollte wohl …«
»Du solltest Dich erstmal weiter ausruhen und den Wolf kannst Du später immer noch befriedigen. Also keine Bange.« Die Gegenwart des einfach gestrickten, gnadenlos ehrlichen Nord tat überraschend gut und beruhigte, linderte bedauerlicherweise jedoch nicht das Pochen in ihrem Haupt. Dennoch: Er hatte Recht. Hircine und auch das Biest in ihr schienen in diesem Moment nicht nachtragender als sonst mit ihr zu sein, dass sie ihre animalischen Triebe nicht befriedigt hatte. Zumindest nicht an allen relevanten Tagen des Vollmondes, wenn sie Farkas recht verstanden hatte. Still schwor sie es schnellstens nachzuholen.
»Danke, dass ihr mich da rausgeholt habt, Farkas.«
Er winkte ab. »Blödsinn. Dafür sind Schildbrüder und -schwestern ja da.«
Sie lächelte. »Gibt’s sonst irgendetwas Neues?«
»Hm, nein. Nicht wirklich. Athis schikaniert auf Deinen Geheiß noch immer das Blondchen. Ich glaube, er hat langsam keine Lust mehr.« Er zuckte mit den Schultern. »Was soll’s. Er muss ran, bis Du wieder soweit bist.«
»Ich beeil mich.«
»Weiß ich doch.«
»Sonst gibt’s nichts?«
»Nein, wirklich. Aela und Skjor sind für ein paar Tage zusammen fort. Irgendwo Richtung Süden, glaube ich.«
»Hm.« Ihre Mundwinkel sanken näher zum Kinn. Ausgerechnet jene beiden, in deren Schuld sie nun stand und bei denen sie sich bedanken wollte, waren fort.
»Vilkas und Kodlak sind noch hier. Und ich natürlich.« Er wollte sich gerade erheben, doch hielt er noch einmal inne und ließ sich zurück auf das Bett sinken. Es protestierte erneut lautstark. »Bevor ich es vergesse: Wir haben alle Deine Sachen gefunden und zurückgebracht – mit Ausnahme von Deinem Schwert. Das muss irgendwo in den Tunneln verloren gegangen sein. Und Deine Hose. Tilma hat sich geweigert, die zu waschen.«
»Scheiße.« Die Waffe würde sie vermissen. Obwohl sie sie an Solstheim erinnerte, war es doch eine gute Klinge gewesen und hatte ihr schon gegen den Werbären das Leben gerettet. Dennoch versuchte sie dem Nord wenigstens ein schmales Lächeln zu schenken und sich den empfundenen Verlust nicht allzu stark anmerken zu lassen. »Eorlund wird schon irgendeinen Ersatz für mich anfertigen können. Also für das Schwert. Die Hose ist mir ziemlich egal.«
Das Grinsen kehrte auf Farkas von Bartstoppeln gezierte Züge zurück. »Dacht ich mir. So, jetzt muss ich aber. Vilkas wollte mit mir noch ein paar neue Materialien zur Schmiede schleppen. Der wird sich schon fragen, wo ich bleibe.«
Vesa nickte verstehend. »Mach‘ das. Vielleicht komme ich mal nachher mal vorbei und schau euch zu.«
Der Nord lachte. »Zuschauen ohne Anpacken gibt’s nicht, weißt Du doch.«
»Pff!«
Er klopfte ihr kurz auf das Bett und erhob sich. »Wir sehen uns später.«
»Achja, kannst Du mir bitte das Buch über Dwemer aus dem Regal dort geben?« Sie zeigte auf den hohen, offenen Schrank an der Längsseite ihres Bettes, in dem auch ihr Totem der Jagd stand.
Farkas nickte und schritt hinüber. »Das hier?«, fragte er und hielt ein ledergebundenes Buch in die Höhe.
»Genau das. Danke.«
»So, erhol Dich gut.«
»Mach ich.« Damit verschwand er nach draußen und überließ die Kaiserliche sich selbst. Die blätterte kurz durch das stark nach Tinte und dem Pergament der Seiten duftenden Buch, überflog die einzelnen Kapitelüberschriften und die Skizzen. Sie hatte es schon zuvor lesen wollen, aber sie war nie wirklich dazu gekommen. Und selbst jetzt, wo niemand sie störte und vom Lesen abbrachte, vermochte sie es nicht zu tun. Das Pochen im Schädel und das Ziehen im Bauch, das sich nun da sie allein war, wieder auf sich aufmerksam machte, verhinderten, dass sie sich länger als ein paar Wörter auf die Seiten konzentrieren konnte.
Einen Moment hielt sie noch aus, dann drehte sie sich und ließ die Beine aus ihrer Nachtstatt hängen. Um ihren verletzten Fuß spannte sich, wie sie erst jetzt bemerkte, ein dicker Verband, der die Bewegungsfreiheit deutlich einschränkte. Zweifelsfrei eine vernünftige Maßnahme, denn sofort als sie den kühlen Boden berührte und versuchte Gewicht auf die Füße zu verlagern, spürte die Jägerin das dumpfe, heiße Pochen im Knöchel. Zwar sehr gedämpft und sicherlich von dicker Heilsalbe umschlossen, aber dennoch merklich. Vorsichtig erhöhte sie die Belastung.
Scharf sog sie die Luft ein, als ein greller Blitz in ihr Bein fuhr, und schloss einen Moment die Augen. Mühsam unterdrückte sie das reflexartige Stöhnen. Geduldig beruhigte sie den mit dem Schrecken in die Höhe geschnellten Puls und die Atmung. Langsam, zeitlupenhaft, arbeitete sich Vesa immer weiter, bis sie schließlich stand. Zwar wackelig wie auf einem treibenden Baumstamm, aber immerhin: Sie stand. Kurz hielt sie inne und rang um ihr Gleichgewicht. Die Müdigkeit und Entkräftung versuchten sie zurück ins Bett zu ziehen, aber so leicht wollte sie sich nicht geschlagen geben und taumelte hinüber zum nächsten Regal, in dem auch ihr Totem und einige Bücher standen. Dort hielt sie inne, klammerte sich an das Holz und verschnaufte, gewann aber gleichzeitig auch an Stabilität und Sicherheit. Die wenigen, kleinen Schritte zur Kommode fielen ihr entsprechend leichter und letztlich vermochte sie auch, sich umzuziehen.
Die leichte, kurze Tunika tauschte sie gegen eine etwas dickere, die die Knie knapp verdeckte und lange Ärmel besaß. Die rotbraun gefärbte, fein gewobene Wolle mit den hellen Stickereien lag angenehm weich auf der Haut und einen Moment blieb sie mit geschlossenen Lidern stehen. Warm genug würde die Tunika wohl sein, wenn sie sich auf die Terrasse setzte und frische Luft schnappte. Letztere brauchte sie dringend, um den Kopf endlich freizukriegen. Zum Schluss zog sie sich ein paar lederne Sandalen über die Füße und griff sich das Buch über Dwemer. Die offenen Haare legte sie sich über die Schulter und verließ ihr Zimmer.


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Bahaar
18.08.2014, 14:01
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Zwar benötigte sie einige Zeit ob der zahlreichen Verschnaufpausen, doch letztlich schaffte es Vesa bis zur Terrasse. Die kalte, herbstlich feuchte Luft des Nachmittags kam ihr gerade recht, linderte sie doch das heiße Hämmern hinter den Augen und das dumpfe Pochen im Knöchel. Zwar schien die Sonne, aber sie wärmte nur bei direktem Kontakt, zu stark trieb der frische Wind aus dem Norden die Vorboten eines rasch hereinbrechenden Winters über das Land. Um nicht zu frieren zog sie sich zwei Stühle an den Rand des überdachten Podests. Auf den einen setzte sie sich, auf den anderen legte sie die Füße hoch, und schloss die Augen. Das Buch im Schoß faltete die Kaiserliche die Hände ineinander und ließ sie auf dem Ledereinband ruhen.
Das sanfte Flüstern der Böen schmeichelte ihren Ohren und obwohl aus dem Hintergrund das helle, scharfe Klirren Eorlunds Hammers auf dem Amboss zu ihr drang, empfand sie es in diesem Moment nicht als störend. Die Regelmäßigkeit der Hiebe beruhigte und bot etwas, auf das sie ihre Gedanken richten konnte, bevor sie sich der Lektüre widmete. Die Erinnerung an die undurchdringliche Dunkelheit in dem Hügelgrab und die widernatürliche Panik, die sie im Angesicht der Draugr fest umklammert gehalten hatte, ließ sich nur mit größter Mühe verdrängen. Das Handwerk des Schmieds half ihr dabei und ein schmales, für einen Außenstehenden sicherlich verträumt wirkendes Lächeln quittierte es in Dankbarkeit.
Die Kaiserliche öffnete die Augen und nahm das ledergebundene Buch in die Hände. »Zwerge. Das verlorene Volk von Tamriel, Band I«, las sie flüsternd den Titel des Werkes für sich selbst und öffnete den Deckel. Ein Buch von Calcelmo aus Markarth. Es sollte sich wohl überwiegend mit der Baukunst der Dwemer befassen. Ein durchaus interessantes Thema, wenngleich Vesana dem kalten Stein und golden schimmernden Metall nur wenig abgewinnen konnte. Zweifelsohne beeindruckende, wundersame Bauwerke, die das Tiefenvolk hinterlassen hatte, aber nie würde sie sich dort wirklich wohl fühlen, nicht zum Leben. Freies Land, Natur und frische Luft, das waren ihre Elemente, nicht dunkle Tiefen und enge Gänge. Die wenigen Besuche in Markarth, bei dem es sich laut Calcelmo tatsächlich um eine originale, wiederbesiedelte Ruine der Zwerge handelte, hatten ihr bereits gereicht, obwohl der Gutteil der bevölkerten Bereiche sogar noch an der Oberfläche lag.
»Gestattest Du einem alten Mann mit Dir die letzten warmen Sonnenstrahlen zu genießen?« Nach einigen Seiten bereits in den Text vertieft hatte Vesa nicht bemerkt, dass jemand neben sie getreten war. Kodlak stand im Schatten des Vordachs beinahe direkt neben ihr. Seine fast schon blind wirkenden, grauweißen Augen blickten ruhig auf sie hinab, feine Fältchen, zusätzlich zu den Zeugnissen seines Alters, rahmten sie an den Winken ein. Eine weite, langärmlige Tunika in starkem Schwarz hüllte ihn ein, eine gleichfarbige Hose verdeckte seine Beine.
»Natürlich, bitte.« Die Kaiserliche nickte und senkte das Buch in den Schoß. Der Herold der Gefährten lächelte unter seinem dichten, graumelierten Bart und zog sich einen Stuhl ins Licht hinaus. »Das Buch ist übrigens interessant«, merkte sie an und kam damit einer weiteren Nachfrage des Alten zuvor.
»Dachte ich es mir. Man mag von Calcelmo halten, was man möchte, aber er ist sichtlich sehr gebildet in seinem Fachgebiet«, erwiderte Kodlak.
»Du kennst ihn?«
»Kennen würde ich es nicht nennen. Vor etlichen Jahren gab es mal einen Auftrag des Jarls von Markarth. Während des Aufenthaltes in der Stadt bin ich auch in das Museum gestolpert, das Calcelmo dort betreibt, und ihm kurz begegnet.«
»Verstehe.«
»Jedenfalls hat er mir damals das Buch gegeben.« Der Graue wirkte nachdenklich und schaute an ihr vorbei zu den Bergen im Südosten.
»Als Geschenk?«
Er lachte plötzlich auf. »Als Erinnerung.«
»An einen … schönen Auftrag?« Sie zog eine Augenbraue hoch und legte den Kopf leicht schief.
Kodlak schüttelte sacht das Haupt. »Nein. Als Erinnerung daran, dass auch Steine einen Wert haben. Wir sollten damals eine Handvoll Zwergensphären wieder einfangen, die Calcelmo in seinen Forschungsbestrebungen aktiviert hatte …«
»Wie geht das denn? Ich dachte, niemand weiß wie sie funktionieren?«
»Stimmt auch. Der alte Hochelf hatte auch keine Ahnung, was genau passiert war. Ich bezweifle, dass er es jemals wieder geschafft hat. Jedenfalls war wohl zu Anfang nur eine Sphäre los. Die ist aber in irgendeinem Teil des Museums – es ist ziemlich groß – verschwunden und tauchte eine Weile später mit einer ganzen Reihe von Artgenossen wieder auf. Die örtlichen Wachen sind damit nicht klargekommen, also holte der Jarl die Gefährten zu Hilfe und es ist während unserer Bemühungen einiges zu Bruch gegangen. Calcelmo ereiferte sich nach Erfüllung unseres Auftrages, wir sollten keinen Lohn erhalten, weil wir zu viel Wert zerstört hätten. Als der Jarl dem widersprach gab mir der Elf dieses Buch.«
Einen Moment lang musterte Vesana den Alten und verzog das Gesicht in Ungläubigkeit, dann lachte sie auf. Das deswegen heftig aufflammende Stechen im Schädel, brachte sie jedoch schnell zum Schweigen und sie rieb sich über die brennenden Augen. »Wie lange ist das denn her?«
»Sicherlich fünfzehn Jahre. Damals war noch Askar Herold und ich nur einfaches Mitglied.« Die Jägerin ließ die Hand sinken und betrachtete Kodlaks nachdenkliche Züge. Er schien in Erinnerungen aus der Zeit zu schwelgen. Seine Mundwinkel wirkten gedrückt und die Augen schienen ins Leere zu blicken. Bevor sie jedoch etwas sagen konnte schüttelte er kaum merklich diese Gedanken ab und schenkte ihr ein mattes Lächeln. »Doch das ist zu lange her, um es hier noch weiter auszubreiten. Wie geht es Dir?«
»Passabel, schätze ich. Hungrig und durstig, kraftlos und erschöpft, aber ich lebe und die Kopfschmerzen könnten wohl sicherlich schlimmer sein«, erwiderte sie und hielt die Stimme gedämpft. Sie wollte nicht, dass jemand zufällig mehr hören konnte, als es ihr lieb war. Die Tatsache, dass sich niemand sonst auf der Terrasse oder dem Übungsplatz aufhielt, spielte für sie keine Rolle. »Oder besser gesagt: Ich hatte sie schon schlimmer.«
Der Alte nickte verstehend. »Farkas meinte vorhin, Du würdest bereits Deine nächste Jagd planen?«
»Planen ist sicherlich das falsche Wort. Da gibt es jetzt nicht mehr viel zu planen. Der Vollmond ist vorüber.« Wieder fuhr sich Kodlak durch den Bart, nachdenklich und grübelnd. »Ausgleichen muss ich die verpassten Tage irgendwie. Und außerdem würde eine erfolgreiche Jagd den Erholungsprozess beschleunigen.« Die tippte kurz mit den Zehen des angeschlagenen Fußes gegen die Lehne des Stuhls. Es brauchte nur eine Jagd und die Regenerationskraft des Wolfes würde der lästigen Verletzung ein Ende bereiten. Sie wusste, und sah es ihm auch an, dass der Herold ihre Meinung nicht teilte. Er hielt sich sehr bedeckt, wenn es um das Ausleben und Vertrauen auf das Wolfsblut ging, aber er sagte nichts. Auch wenn er selbst Hircines Geschenk nicht unbedingt als solches empfand, ließ er es anderen frei, einer anderen Ansicht zu sein.
»Du wirst wissen, was für Dich das Beste ist.« Er lächelte sie an. Obwohl ein gewisser Schmerz, vielleicht auch Trauer, in seiner rauen Stimme mitschwang, wirkten die Geste der Freundlichkeit und seine Worte doch aufrichtig. Der Wahrheit entsprachen sie allemal.
»Farkas hat erzählt, Aela und Skjor wären im Süden unterwegs?«, wechselte sie das Thema.
»So ist es. Südwesten. Nur ein kleinerer Auftrag, eine Gruppe Wegelagerer treibt sich irgendwo auf der Straße hinter dem westlichen Wachturm rum. Seit der Turm zerstört wurde ist der Weg unsicherer geworden.«
»Wie weit genau?«
Kodlak schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht. Sicherlich ein Tagesmarsch. Aela und Skjor sind, wenn überhaupt, sicherlich gerade erst in dem Gebiet angekommen. Sie sind erst heute vor Sonnenaufgang aufgebrochen.«
»Noch vor dem alten Fort Graumoor oder danach?« Sie überlegte, ob sie es schaffte die beiden in Wolfsform einzuholen, wenn sie in der Nacht jagte. Allerdings würde sie es wohl definitiv erst dann wissen, wenn sie sich verwandelt hatte und ihren angeschlagenen Fuß belastete.
»Möglicherweise. Ich weiß es aber nicht.« Falls der Graue ahnte, weshalb sie so genau nachfragte, ließ er es sich nicht anmerken. Aber selbst wenn, es spielte keine Rolle.
»Naja, egal. Wie schlägt sich der Auszubildende?« Vesa schlug das Buch auf und suchte die Stelle, an der sie zuvor aufgehört hatte.
»Die Übungen nehmen ihn zwar mit und er legt mit Athis heute eine Pause ein, aber er zeigt sich willensstark. Wann willst Du übernehmen?«
»Wenn ich mich in der Nacht regenerieren kann, morgen.« Sie fand die Stelle und hielt den Finger darauf.
»Sei nicht zu eilig, er kann auch noch einen Tag warten«, mahnte der Alte und lehnte sich in seinem Stuhl zur Seite, um sie besser betrachten zu können.
»Das kann er sicher. Aber ich möchte nicht.« Sie brauchte etwas, mit dem sie sich beschäftigen konnte und über das sie endlich wieder in so eine Art Alltag hineinfand. Nach allem, was passiert war, musste es sein.
»Hmm.« Der Nord an ihrer Seite schien nicht überzeugt, aber sie verspürte nicht das Bedürfnis danach sich ausführlicher zu rechtfertigen. »Es ist Deine Entscheidung. Wenn Du Dich bereit fühlst, dann tue es«, sagte er schließlich nach kurzem Schweigen. Sie nickte nur und wandte die Augen auf das Buch in ihrem Schoß. »Falls sie Dich interessieren, ich habe auch noch die zwei übrigen Bände.« Die Kaiserliche blickte auf und schaute ihn fragend an. »Von Calcelmo, es ist eine Reihe aus drei Büchern. Ich habe mir Ausgaben der übrigen Bände später noch bringen lassen, weil sie mich interessierten.«
»Ah! Ja, gern. Erst einmal muss ich hiermit fertig werden, aber danach sicher.«
Kodlak lächelte nun wieder freundlich und weniger trübsinnig dreinblickend als zuvor. »Das freut mich zu hören.«
»Du weißt doch, dass ich mich geistig ebenso gern betätige, wie körperlich.«
»Ja, manche Dinge ändern sich glücklicherweise nie, wie es scheint.« Sie schaute auf. Irgendetwas in seinen Worten ließ sie stutzen. Natürlich war Kodlak für seine Nachdenklichkeit und seine Obacht bekannt, aber irgendetwas bescherte ihr ein ungutes Gefühl. Er wirkte trübsinniger als sonst, und das obwohl er sich gerade zu einem Lächeln bemühte. Es erfasste nur nicht seine Augen.
Abermals sank Vesa das Buch in den Schoß und sie schlug es langsam zu. »Was beschäftigt Dich?«, rang sie sich zu der Frage durch, die ohnehin schon greifbar in der Luft gehangen hatte.
Der Graue stieß kurz Luft aus, schaute zu Boden und schmunzelte dann. »Das Alter.« Er blickte in die Ferne zu den Bergen. Seine Lippen wurden wieder gerade und er zupfte sich am Bart. »Das Alter beschäftigt mich.«
Die Kaiserliche beobachtete ihn einen Moment schweigend und strich sich nur ein paar vom auffrischenden Wind verwehte Strähnen hinter die Ohren. So unterschiedlich sie einander sein mochten, ein paar Gemeinsamkeiten gab es dann doch. Sie schenkte ihm ein dünnes, aber freundliches Lächeln. »Es scheint, als wären wir beide aus denselben Gründen hier.«
»So?«
»Wir suchen Ablenkung.«
Jetzt lachte er auf. Es war ein nur am Rande heiteres Lachen, seine Kürze und die Rauheit der Stimme des Nords ließen es eher melancholisch klingen. Aber immerhin besser als die ewig finstere Miene auf seinen alten Zügen, die Vesana nur allzu oft selbst an den Tag legte und sicherlich auch während ihres Gesprächs ab und an aufgesetzt hatte, ohne es zu merken. »Ja, da hast Du wohl Recht. Und doch sind wir unfähig, sie zu finden.«
Auch wenn er damit nur bedingt richtig lag, wollte sie ihm das in diesem Moment nicht sagen. Sie schätzte ihn zu sehr und viel zu oft kümmerte er sich um sie und die anderen Gefährten, als dass sie ihn nun abweisen würde. »Vielleicht hilft ein Spaziergang im letzten Sonnenlicht und anschließendem deftigen Mahl in Gegenwart eines gut gelaunten Farkas?«, schlug sie vor.
»Kannst Du denn gehen?« Er nickte in die Richtung ihres angeschlagenen Fußes.
»Ich bin hierhergekommen, oder nicht?«
»Wahr.« Kodlak stand auf und reichte ihr die prankenhafte Hand. Seine kräftigen Finger, so rau wie die Zunge einer Katze, schlossen sich um die im Vergleich zerbrechlich wirkenden ihren. Mühelos zog er sie auf die Füße und stützte sie, während sie ihr Gleichgewicht suchte. Das Buch unter den Arm geklemmt lief sie neben dem weit größeren Nord, der ihr Großvater hätte sein können. Seine hellgrauen, teils weißen Haare glühten im allmählich rötlich schimmernden Abendlicht und als sie eine sanfte Windböe auseinandertrieb, sah es so aus, als stünde sein kompletter Kopf lichterloh in Flammen. Ein schöner Anblick. Sie schmunzelte. »Was ist?«
»Nichts, nichts.«


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Bahaar
23.10.2014, 11:12
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»Als Kämpfer werden Leute von unserem Schlag gewöhnlich nicht so alt«, sinnierte Kodlak, während die Beiden mit sehr langsamen Schritten ob Vesas eingeschränkter Bewegungsfähigkeit um das Gildenhaus herum liefen. »Ich schätze, es ist der Fluch des Alters und die Angst vor dem, was auf einen zukommen mag, die mich und wohl viele vor mir zum Nachdenken bringen.«
Die Kaiserliche hatte sich, auf sanftes Drängen des Alten hin, mit dem rechten Arm bei ihm eingehakt und hielt das Buch in der Linken. Jedes Mal das Gesicht verziehend, wenn sie einen Schritt setzte, bestimmte sie die Geschwindigkeit ihres Spaziergangs. Es gefiel ihr zwar nicht, aber es ließ sich auch nicht gerade schnell und unkompliziert ändert. Der Graue schwieg derweil für einen Moment und die Stille drückte unangenehm. »Ich glaube nicht, dass das erst mit dem Alter gekommen ist«, entgegnete sie schließlich und sprach eher langsam und gedämpft, fühlte sie sich doch selbst nicht gerade sicher, was sie eigentlich sagen sollte oder wollte.
Kodlak stieß Luft aus und aus dem Augenwinkel bemerkte sie sein mattes Lächeln. »Recht so, natürlich.« Gerade traten sie auf den Weg vor der Halle der Gefährten. Eorlund schien seine Arbeiten wohl beendet zu haben und kam ihnen von der Schmiede die Treppen hinab entgegen. »Aber die Wichtigkeit, die einigen Gedanken beigemessen wird, hat sich im Laufe der Jahre sehr verändert. Nicht immer zum Besseren, womöglich.«
»Ich kannte mal einen Mann, für den Ängste … wie sagte er gleich? … nur dann wichtig sind, wenn sie uns bestimmen.« Der Herold lachte rau und zum ersten Mal ehrlich herzhaft auf, während sie Beide dem Schmied zum Abschied winkten als er die Stufen in das Innere der Stadt nahm.
»Solange wir uns unseren Ängsten stellen, können sie uns nicht beherrschen«, vervollständigte er schließlich und Vesana nickte. Es waren seine Worte gewesen, als sie noch zu den Welpen bei den Gefährten gezählt hatte. Ihr Wolfsblut beherrschte sie damals nach kaum einem Jahr der Empfängnis noch nicht einmal ansatzweise in dem Maße, wie sie es jetzt tat, und litt deswegen unter anderem unter der Angst vor der Entdeckung ihres Geheimnisses. Offiziell behauptete sie immer, es läge an dem neuen Umfeld und dass sie immer viel Zeit benötigte, um sich einzuleben. Eine Reihe von anderen, rückblickend ohne Zweifel sehr dünn wirkenden Gründen hatte sie ebenfalls genannt. Inzwischen war sie sich ziemlich sicher, dass Kodalk sie damals bereits durchschauen konnte oder zumindest eine Ahnung gehabt haben musste. Jetzt spielte es ohnehin keine Rolle mehr.
»Ich bin sicher, dass Du darin noch immer Rat finden kannst«, munterte die Kaiserliche den Alten weiter auf – oder versuchte es zumindest.
»Ja, das kann ich. Danke.« Wieder kehrte Ruhe zwischen ihnen ein, als sie die flachen, aber zahlreichen und steilen Stufen zur Himmelsschmiede erklommen. »Ich gestehe, dass ich nach all den Jahren, die Du inzwischen bei uns bist, nach all den Gesprächen, die wir geführt haben, noch immer unterschätze, wie wach Dein Geist doch ist.« Sie lächelte. Ein durchaus großes Kompliment des Grauen. Vesa beließ es jedoch dabei. Sie dachte viel nach, suchte sich mit Wissen zu bereichern und hörte oft genug neugierig zu, wenn Kodlak etwas zu erklären gedachte, aber weder teilte sie all seine Ansichten, noch hätte sie sich jemals auch nur im Ansatz als weise gesehen. Sie wusste nur zu gut um die Wahrheit in den Worten, die sie ihrem Herold wiedergegeben hatte, aber auch darum, wie schwierig es sein konnte, ihnen tatsächlich zu folgen. Weise daherreden war nutzlos ohne die Fähigkeit dazu, den offenbarten Pfaden auch zu folgen. Insofern leistete sie kaum mehr, als dem Mann das zu sagen, von dem sie glaubte, dass er es gerne hörte.
Inzwischen waren sie am Rand der Himmelsschmiede angekommen und standen dort, wo die Jägerin für gewöhnlich alleine saß und den Blick in die Ferne schweifen ließ. »Ich kann verstehen, warum Du so oft und gerne hier sitzt«, kommentierte Kodlak leise. Die Sonne lugte noch gerade so über die Bergkämme im Südwesten, hüllte die Stadt und Jorrvaskr in glutrotes Licht, brachte die Tundrasteppen des Fürstentums zum Leuchten und ließ die Szenerie mehr wie ein Gemälde denn wie Wirklichkeit erscheinen. »Wollen wir uns einen Moment setzen?«
»Gern.« Der Alte half ihr sich niederzulassen und ließ im Anschluss selbst die Beine über die unebene Felskante des Plateaus baumeln. Sie empfand Dankbarkeit für die Pause. Das Pochen im Fuß ließ deutlich werden, dass dieser noch nicht bereit für eine derartige, eigentlich marginale Belastung war. So konnte sie ihn etwas ausruhen und die krampfenden Muskeln lockern.
»Gestatte mir eine Frage, auf die Du jedoch nicht zu antworten brauchst, wenn Du es nicht möchtest.« Der Alte hatte seinen trübsinnigen, matten Ton von zuvor zurückgewonnen.
»Natürlich.«
»Du stehst Aela und Skjor darin in nichts nach, und doch habe ich Dich im Gegensatz zu ihnen nie gefragt, warum Du die Jagd so genießt.« Kodlaks Worte flogen auf den abendlichen Böen davon und Vesana musste sich anstrengen, sie aufzufangen.
Unwillkürlich legte sie das Buch, dass sie bis dahin noch im Schoß festgehalten hatte, auf den Stein neben sich und zog das unversehrte Bein an. Die Arme auf dem spitzgewinkelten Knie ablegend blickte die Kaiserliche in die Ferne zu den Bergen im Süden. Sollte sie antworten? Wollte sie es? Oft hatte sie darüber nachgedacht, kannte die Antwort inzwischen sehr genau und doch … sie auszusprechen, gegenüber dem Alten anstatt von Darius, erschien ihr nicht klug. Oder vielleicht fürchtete sie sich auch schlicht vor der Reaktion ihres Gesprächspartners, dass er ihre so sicher geglaubte Einstellung zerredete.
»Ich schätze«, setzte sie an, brach kurz ab und schluckte, »es sind verschiedene Gründe.«
Sie traute sich nicht den Grauen anzuschauen, hielt die Augen streng auf die hohen, schneebedeckten Grate gerichtet. Doch glaubte sie ihn amüsiert Luft ausstoßen zu hören. »Eine bessere Antwort als die anderen beiden sie mir gegeben haben.«
»So?«
»Für sie ist es schlicht die Stärke und die Schnelligkeit, und somit auch die Überlegenheit gegenüber ihrer Beute«, erklärte Kodlak und schien nicht überzeugt, eher sogar abgestoßen von dem Gedanken zu sein. Zumindest besaßen seine Worte eine bittere Note, die sie von Innen zerfraßen und brüchig, spröde wirken ließen.
»Hm. Ich dachte, Du meintest die Jagd generell.«
»Oh … Verzeih das Missverständnis … Ändert sich Deine Antwort denn, nun da es ausgeräumt ist?«
Sie schwieg einen Augenblick lang. »Nein.«
»Das überrascht mich nicht.« Er legte ihr kurz seine Hand auf die Schulter, nahm sie jedoch schnell zurück, als wollte er sie nicht zu sehr bedrängen. »Danke. Mehr konnte ich nicht erwarten.« Dankbar, dass er das Thema fallen ließ, nickte sie und verlor sich in der Ferne. Sie hätte ihm sagen können, dass es das Gefühl der Kontrolle war, dass sie genoss – zu wissen, was sie tat, wohin sie ging und wozu sie fähig war. Das Gefühl ihres eigenen Glückes Schmied zu sein und natürlich auch die damit verbundene Überlegenheit, dass ihr niemand etwas vorschreiben konnte, sondern sie die Regeln bestimmte. Die Aufregung der Hatz, der Fokus und die Sorgenlosigkeit. In Wolfsform noch weit mehr denn als Mensch, wo sie doch ihre Triebe zu beherrschen vermochte und nach Jahren der Übung behaupten konnte, über sich selbst und ihr Schicksal zu verfügen. Die Stärke und Schnelligkeit, die besseren Sinne und die Immunität gegenüber Krankheiten … all das und vieles mehr waren weit mehr willkommene Nebeneffekte anstatt der Grund für ihre Treue zu Hircine und dem Wolfsblut. Wissend, dass er eine Aufgabe für sie haben würde, wenn sie sie brauchte – selbst nach dem Tod – und dass sie durch ihn irgendwann wohl wieder mir Darius vereint sein können würde, bescherten ihr Komfort und Wärme, die sonst unmöglich waren. Dass ihre Kontrolle während der Tage um Vollmond schwand und die Pein, die in der Woche davor und danach als treuster aller Begleiter zu ihr hielt, ließ sich kaum verleugnen, aber es schien ihr ein kleiner Preis zu sein.
Vesana wusste nicht, ob Kodlak das verstehen würde, erzählte sie es ihm. Versuchen wollte sie es jedoch auch nicht und so schwieg sie stattdessen. Der Alte tat es ihr gleich und genoss wohl ebenso das letzte Licht, bevor die letzte Ecke der Sonne hinter den Bergen verschwand, immer länger werdende Schatten werfend, die alsbald ihre Füße erreichten und bittere Kälte mit sich brachten. Gänsehaut auf den Armen und im Begriff zu zittern, wandte sie letztlich den Blick von den gepuderten Gipfeln ab und zu dem Herold der Gefährten. Seine weißgrauen Augen ruhten auf ihr, nachdenklich und abwesend. Es dauerte einen Moment, bevor sich der Graue gewahr zu werden schien, dass Vesa ihn anschaute. »Sollen wir zurückgehen?« Sie nickte. »Dann lass mich Dir aufhelfen.«
Schwerfällig und von leisem Stöhnen begleitet, als wären ihm die Glieder eingeschlafen, hievte er sich auf die Füße. »Sicher, dass nicht lieber ich Dir helfen sollte?«, stichelte sie und fing sich einen grimmig erhobenen Zeigefinger ein.
»Vorsicht, junges Fräulein, noch steckt genug Leben in diesen alten Knochen, um Hiebe zu verteilen!« Gleich darauf schmunzelte er und streckte ihr die Hand entgegen.
»Ich werde es mir merken«, bestätigte sie und kam schwankend zum Stehen. Es schien, als hätte sich ihr Kreislauf noch nicht völlig erholt und so brachte für einige Herzschläge lang kraftvoller Schwindel ihr Gleichgewicht aus der Balance.
»Wieder in Ordnung?«, fragte Kodlak, als sie die Augen öffnete und ihn anschaute.
»Ja, gehen wir.« Wenngleich das Hinabsteigen der Stufen im schwindenden Licht und zunehmender Kälte immer schwieriger und anstrengender wurde, lief es letztlich ohne Zwischenfall. »Gestatte Du mir noch eine Frage, bevor wir uns in illustre Gesellschaft begeben«, wandte sich die Kaiserliche an den kräftigen Mann, der sie noch immer stützte.
»Das wäre wohl nur gerecht, bitte.«
»Warum kannst Du die Jagd nicht genießen?«
Der Graue senkte das Kinn und schwieg einen Moment. »Ich schätze«, setzte er letztendlich an, »es sind verschiedene Gründe.« Völlig überrumpelt von der Antwort, obgleich sie nicht einmal wusste, was für eine sie erwartet hatte, lachte Vesana auf. Touché.


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Bahaar
07.11.2014, 03:44
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»Da seid ihr ja«, grüßte sie Vilkas im warmen, schummrigen Inneren Jorrvaskrs. Eine milde Note von Rauch füllte die Luft, der Duft gebratenen Fleisches schwang in ihr mit und lautes Stimmengewirr, das an der Tafel seinen Ursprung nahm, brandete über Vesana und Kodlak hinweg. Das befreundete Zirkelmitglied mit den dunkel umrandeten Augen, gekleidet in eine einfache, braune Tunika, winkte die beiden Neuankömmlinge zu sich und Farkas. An der Seite des Alten leistete die Kaiserliche humpelnd Folge und schaute sich derweil in der großen Halle um.
Es herrschte zwar nicht mehr Betrieb als sonst, aber die Stimmung schien ausgelassener zu sein. Unzweifelhaft mochte das wohl an dem von Tilma unter Hilfe von Vignar über dem Feuer gedrehten Ferkel liegen. Wo sonst der große Eintopfkessel baumelte, drehte sich der knusprig braungebratene Leib des kleinen Schweins. Irritiert zog Vesa eine Augenbraue hoch und schaute zu Kodlak, während er sie zum Tisch führte. »Gibt es etwas zu feiern?«
»Ria hat morgen Geburtstag und aus irgendeinem Grund fanden es die anderen unterhaltsamer rein- anstatt rauszufeiern«, erklärte der Graue. »Unter uns Kriegern ist ein neues Lebensjahr ja durchaus etwas Besonderes.« Sie nickte nur und schob damit direkt zur Seite, dass sie im Grunde genommen keinen der Geburtstage der anderen Gefährten kannte. Zumindest der einfachen Mitglieder und Welpen. Im Zirkel kannte sie sich besser aus, aber das spielte nun keine Rolle. Stattdessen bemühte sie sich um eine möglichst freundliche Miene, auch wenn es ihr reichlich schwer fiel nach dem schwermütigen Gespräch mit dem Herold.
»Schön Dich wieder auf den Beinen zu sehen«, empfing sie Vilkas flüsternd, als sie sich neben ihn in einen Stuhl sinken ließ.
»Danke.« Vesa schenkte ihm ein Lächeln und ließ sich Wasser in einen Becher gießen.
»Hab‘ gehört Du und Farkas wart heute Lastenesel für Eorlund?«
Der Nord lachte auf. »Ja, waren wir. Eorlund hat dieser Tage einiges zu tun, da wird das Eisen schnell knapp.«
»Hm. Ich hoffe er hat noch ein bisschen Stahl und Silber übrig, ich brauche immerhin ein neues Schwert.« Vilkas reichte ihr derweil ein Stück Brot und Käse. »Danke.«
»Für Dich hat er ganz sicher noch was.«
»Ja, werde ich morgen rausfinden. Bis dahin ist getrost noch Zeit.« Obgleich ihr Magen noch immer knurrte und rumorte, wirklich großen Appetit auf die Mahlzeit verspürte sie nicht. Das Schwein mochte köstlich duften, aber alles, was es bewirkte, war die Sehnsucht sich gehen zu lassen zu verstärken. Sie wollte frisches Fleisch, kein zerkochtes, verbranntes oder anderweitig ausgetrocknetes und matt gewordenes. Allein der Gedanke, die Fänge in ein noch schlagendes Herz zu vergraben … Nein, in diesem Moment durfte sie nicht daran denken. Dafür fiel ihr die große Sanduhr am langen Ende der Tafel in der Nähe von Ria auf, die erst vor kurzem umgedreht worden sein musste. Eine kleine Orientierungshilfe, um festzustellen, wann es endlich soweit war und richtig angestoßen werden musste. Reichlich lange würde es noch dauern, wenn sich das Befinden der Jägerin nicht bald verbesserte und das sollte wohl nur passieren können, wenn sie sich wenigstens ein paar Bissen des üppigen Angebots hineinzwang.
»He Vesa, wann übernimmst Du?« Es war Athis, der ihr von einigen Stühlen entfernt zu ihrer Rechten seine Worte hinüber warf.
»Mal schauen. Womöglich morgen.« Die Kaiserliche trank einen Schluck und biss vom mit Käse belegten Brot ab. Erst danach setzte sie fort. »Wird er Dir langsam zu anstrengend?«
»Pah«, entgegnete er bloß. Offenbar entpuppte sich das Blondchen als durchaus zäh. Sie schmunzelte.
Vilkas stupste sie von der Seite an und sie wandte ihm das Gesicht zu, Njadas spitzfindige Bemerkung auf Athis Wortlosigkeit hin nur noch am Rande registrierend. »Er hat’s satt, dass er ihn nicht kleinkriegt«, flüsterte er und lächelte spitz.
»Dachte ich mir schon.« Sie biss vom Brot ab und spülte es mit etwas Wasser hinab. Tilma und Vignar begannen unterdessen damit, das Ferkel zu zerlegen und Scheiben dampfenden Fleisches auf große Platten aus Messing zu schichten. Ein üppiges Festmahl verglichen mit den sonst üblichen Eintöpfen. Aber Vesa sprach es der zweiten Kaiserlichen in den Reihen der Gefährten, die verglichen mit der Jägerin noch nicht allzu lange Mitglied dieser war, keinesfalls ab. Sie hatte sich durchaus verdient gemacht, lernte schnell und bildete so etwas wie das tolerante, umgängliche Zentrum der Nicht-Zirkelmitglieder. Während Njada und Athis ständig miteinander rangelten, viele der ganz Neuen sich noch zierten oder ob ihrer zu ungestümen Art teilweise auch wieder abgestoßen wurden, schien Ria recht vernünftig und vor allem dankbar für ihre Aufnahme bei den Gefährten. Dass sie sich trotz ihrer Abstammung gut mit Vignar verstand, gab dann nur noch die Krönung.
Abgesehen davon freuten sich ohnehin alle darüber, mal etwas anderes auf dem Teller zu haben. Zumindest alle, die nicht gerade Hunger auf Rohkost verspürten. Trotz dessen nahm sich Vesana eine Scheibe vom Schwein – etwas anderes hätte auch sie als eher unhöflich empfunden. »Hm, also die Weststraße nach Falkenring und Markarth ist seit dem Verlust des Wachturms unsicherer geworden?«, nahm sie nach einer Weile des stillen Essens das Thema von Skjors und Aelas Auftrag auf.
»Scheint so, ja. Der Jarl hat einen Teil seiner Männer nach Flusswald geschickt, um das Gebiet dort abzusichern und ihm fehlen dafür jetzt hier Soldaten. Dass sich in dem Turm niemand mehr unterbringen lässt – schon gar nicht im aufkommenden Winter – macht es nur noch schwieriger, die Straße zu sichern«, erwiderte Vilkas daraufhin.
»Drachen sind definitiv ein größeres Problem als Banditen«, murrte Farkas, der an der anderen Seite seines Bruders saß.
»Hm. Das sind also keine Gerüchte?«
»Was auch immer die Leute außerhalb von Weißlauf reden, die Wachen die am Westturm waren und überlebt haben, sind vermutlich eine verlässige Quelle«, meinte Vilkas.
»Macht Sinn«, bestätigte Vesa. Sie hatte sich zum Zeitpunkt, als der Turm zerstört worden war, nicht in Weißlauf sondern auf ihrer Reise nach Solstheim befunden und erst nach ihrer Rückkehr wirklich davon erfahren – mit nicht gerade großem Glauben an die Wahrheit der Geschichte, musste sie einräumen. Vielleicht redeten die Leute auf den Straßen zur Abwechseln aber tatsächlich mal weniger Unsinn. Wenn sogar der Jarl ihnen – oder welchen Informationen auch immer – seinen Glauben schenkte, musste wohl vielleicht doch etwas Wahres an ihnen sein.
»Jedenfalls dürfte auf diesem Wege in Zukunft häufiger Arbeit für uns anfallen. Balgruuf braucht derzeit fähige Leute«, fügte der Nord an ihrer Seite noch an.
»Und die Nervosität des Bürgerkrieges schlägt sich auch auf ihn nieder«, mischte sich Kodlak mit düsteren Worten ein. Farkas und die anderen Beiden nickten lediglich zur Bestätigung. Keine einfachen Zeiten, um Jarl zu sein, das stand fest. »Aber lassen wir diese mürrischen Gedanken, wir trüben nur die Stimmung des Anlasses«, setzte der Herold mit deutlich heiterer Miene fort, wenngleich Vesa glaubte, einen Rest Trübsinn in seinen grauen Augen zu sehen. Ob der sich auf die politischen Entwicklungen oder doch vielmehr das Gespräch, das sie zuvor alleine miteinander hatten, richtete, wusste sie nicht zu sagen.
»Aye, stoßen wir an«, Farkas hob seinen von einer Schaumkrone gezierten Tonkrug. Der Rest der Anwesenden folgte der Aufforderung, als hätten sie sich untereinander gar nicht unterhalten sondern lediglich ihrem Gespräch gelauscht. Das stimmte zwar nicht, aber die meisten Krieger und Söldner ließen sich in der Regel nicht lange lumpen, wenn ein Humpen zum Tost erhoben wurde.
»Auf Ria, auch wenn es noch etwas Zeit ist«, schmunzelte Vilkas und ließ einen deutlichen Blick lange auf der Sanduhr verharren. Der Stimmung tat es keinen Abbruch und so ziemlich jeder nahm einen kräftigen Schluck seines Mets. Vesa, die nur ihren Becher mit Wasser vor sich stehen hatte, hielt sich dabei etwas zurück. Weder wollte sie etwas trinken, noch sah sie sich in der Lage das derbe Gebräu der Nordmänner wirklich zu genießen.
»Eine Frage noch«, wandte sich die Jägerin letztlich an die Zirkelmitglieder zu ihrer Linken. »Hat von uns hier überhaupt schon einmal jemand einen Drachen gesehen?« Sie beschrieb einen Kreis mit der Rechten, um auch den Rest der Gefährten in ihrer Frage mit einzuschließen.
Kurzes Schweigen hielt zwischen den Brüdern und Kodlak Einzug. »Nein, ich glaube nicht«, antwortete schließlich der Herold. »Nicht, dass es jemand gesagt hätte, zumindest.« Es war nicht so, dass Vesana den Nord nicht glauben wollte, wenn sie von Drachen sprachen, aber andererseits sträubten sich ihr die Nackenhaare beim Gedanken an fliegende Echsen. Vielleicht handelte es sich schlicht um die Idee, dass es plötzlich in den Lüften Kreaturen gab, die ihr gefährlich werden mochten, die ihr nicht gefiel und gegen die sich ihr Geist reflexartig wehrte. Oder womöglich weckte der Gedanke an Drachen auch tiefer liegende Ängste. Nicht zuletzt war ein Drache – wenn auch ein besonderer – das Symbol des Kaiserreichs, dessen Kernprovinz sie vor lagen Jahren den Rücken gekehrt hatte und die sie zu vergessen versuchte. Eine sicherlich sehr irrationale Analogie, das wusste sie, aber sie schien sich auch nicht wirklich dagegen wehren zu können.
Kaum merklich schüttelte sie den Kopf und versuchte die Überlegungen wenigstens vorrübergehend abzuschütteln. »Gibt es eigentlich Überreste des Drachens, der den Turm angegriffen hat?«
Abermals schwiegen die Männer zu ihrer Linken und sie biss derweil in ihr Brot und Fleisch. »Es soll nicht mehr viel übrig gewesen sein, nachdem der Drache erlegt war«, erklärte Vilkas.
»Wieso das?«
»Es hat mit einer alten Legende der Nord zu tun«, kam ihm Kodlak zu Hilfe. Für Vesa erledigte sich die Geschichte damit an dieser Stelle von selbst. Sie würde die Männer sicherlich nicht von ihrem Glauben abbringen können und beschloss, es somit auch gar nicht erst zu versuchen. Inzwischen wusste sie es besser, als sich mit dem sturen Nordvolk in derartiger Weise anzulegen.
»Nun gut … Dann lassen wir den Drachen ruhen und verrotten, wo er ist«, brach sie das Thema deutlich ab. Die anderen Zirkelmitglieder mussten ohne Zweifel wissen, dass die Kaiserliche ihren Ausführungen sehr skeptisch gesonnen war, aber auch sie hielten sich zurück. Zum Wohle des Abends, denn eine echte Diskussion würde sicherlich die Stimmung ruinieren, und weil sie es bei Vesa ähnlich schwer hätten, sie umzustimmen, wie diese bei ihnen.
»Gut, wer will noch mehr Met?«, fragte Farkas in die Runde und leerte, während er auf Antwort wartete, seinen Humpen mit in den Nacken gelegtem Kopf. Vilkas hielt seinem Bruder stillschweigend den eigenen Krug hin, als sich der weit kräftigere Nord erhob. »Vesa? Hätten auch Wein, falls das mehr Deinen Geschmack trifft.«
»Danke, aber passt. Ich trink zum Anstoßen dann was.«
»Wie Du meinst.«
Kurz schaute sie dem hochgeschossenen Mann nach, dann lenkte eine melodischere Stimme zu ihrer Rechten ihre Aufmerksamkeit auf sich. Vignar stimmte im ersten Moment nur summend ein Lied an. Brill stieg ein und kurz darauf erhoben die Beiden gemeinsam die tiefen Stimmen. Vesana kannte das Lied nicht, aber trotz der eher düsteren Tonlage entpuppte es sich als munterer im Text – wenn auch typisch für das Nordvolk. Met, Kampf, Ruhm und Ehre, und all das für Ria an diesem Abend. Die Jägerin beobachtete und lauschte nur, aber auch auf sie sprang wenigstens ein Funken der Heiterkeit über und so schmunzelte sie deutlich, klopfte sogar sacht mit auf den Tisch wie die anderen, als die Nord den letzten Ton verklingen ließen. Vielleicht würde die Zeit doch schneller vergehen, als befürchtet.


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Bahaar
21.11.2014, 07:53
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Schwere, feuchte Luft und der Hauch von moosbedeckten, alten Steinen umgab Vesana, als sie erwachte. Halme von Stroh stachen ihr unsanft durch die dünne Wolldecke in die nackte Seite. Widerwillig, knurrend und gähnend drehte sie sich auf den Rücken und schlug zunächst schnell blinzelnd die Augen auf. Schwacher Lichtschein drang an den deckennahen Öffnungen im Steingewölbe der Tiefenschmiede hinein. Es schien nicht, als wäre es gerade erst früher Morgen, zu farblos wirkte das einfallende Licht, vielmehr als dämpfte es das Wetter außerhalb schon lange bevor es überhaupt auf Nirn traf.
Die Kaiserliche fühlte sich kaum erholt, zu kurz war ihre Jagd gewesen und zu lange hatte die Feier gedauert, bevor sie sich hatte von ihr zurückziehen können. Zwar beutereich, aber keinesfalls genug, um für die Versäumnisse der Tage zuvor auch nur annähernd als Ausgleich dienen zu können, war sie gezwungen gewesen im nahen Umfeld der Stadt zu jagen und sich mit Schweinen zu begnügen. Die heiß pochenden Kopfschmerzen plagten sie noch immer, wenngleich sich wenigstens zu Teilen ein Schleier über sie zu legen begann, während Vesa allmählich wacher wurde. Ihre Glieder fühlten sich bleiern an, schwer und ausgelaugt, aber in einer kruden Weise genoss sie es, wissend, dass die Morgenmüdigkeit bald aus ihnen weichen mochte.
Schwerfällig setzte sie sich auf, spürte die Muskelfasern im Bauch, das ziehen in den Seiten, als hätte sie sich am Tag zuvor beim Trainieren überanstrengt. Die kalte Luft, die ihr, nun da der Rücken entblößt war, über die Haut fuhr, linderte jedoch die stumpfe Pein. Aufkommendem Frösteln und Zittern zum Trotz schlug die Jägerin die Wolldecke, die über ihr gelegen hatte, vollends zur Seite und betrachtete für einen Moment ihren angeschlagenen Fuß. Lediglich eine schwache Rötung, kaum mehr als ein milder Sonnenbrand, zeugte von der ehemaligen Verletzung. Es sollte wohl nicht mehr allzu lange dauern, bis ihre menschliche Regenerationskraft auch dieses letzte Bisschen der Verletzung behoben hatte. Dennoch im ersten Moment vorsichtig stand sie schließlich auf und nahm sich ihre langärmlige Tunika und die knöchelhohen Stiefel.
Die Wolldecken in Vorausahnung herbstlicher Temperaturen um die Schultern geschlungen, verließ Vesa die Tiefenschmiede. Heftige Windböen peitschten ihr ohne Warnung die eigenen Haare ins Gesicht, trieben Tränen in die unvorbereiteten Augen und umspielten ihre nackten Waden wie eisige Liebhaber. Nicht das schlimmste Wetter, das sie erlebt hatte, aber dann doch ein recht plötzlicher Wetterumschwung. Typisch für diese Jahreszeit, die ohnehin viel zu lange viel zu warm gewesen war. Widerwillig ließ sie sich vom Westwind hinter das Gildenhaus und somit in den etwas angenehmeren Windschatten treiben, bevor sie schließlich Jorrvaskr betrat und die Decken von den Schultern streifte. »Guten Morgen«, grüßte Farkas vom Tisch. Er bediente sich gerade noch an den Resten des Ferkels vom vergangenen Abend. »Hunger?«
»Nicht so richtig, aber danke.« Dennoch setzte sie sich neben ihn und ließ die Teile ihrer Nachtstatt über der Lehne eines anderen, freien Stuhls hängen.
»Wie geht’s dem Fuß?« Dass der bärige Nord in der Nacht zum Schluss völlig betrunken gewesen war und von seinem weit vernünftiger trinkenden Bruder mühsam in sein Zimmer geschleift werden musste, merkte ihm die Kaiserliche nicht mehr an. Vielleicht hatte er auch schon einen langen Spaziergang an der frischen Luft zum Ausnüchtern hinter sich. Wer wusste das schon so genau?
»Dem Fuß geht’s prima.«
»Also übernimmst Du die Ausbildung ab heute?«
»Wenn das Blondchen denn aufkreuzt, klar.«
»Oh, der wird auftauchen, keine Sorge.« Vesa schmunzelte. Sie hoffte es. Ein bisschen Bewegung würde auch ihr durchaus gut tun.
»Wie geht’s Deinem Kopf?«, hakte die Jägerin derweil nach und griff nach einem Krug mit Wasser.
Der kräftige Nord neben ihr winkte abfällig schnaufend ab. »Bestens. Was sonst?«
Anstatt darauf zu antworten, erhob sie sich mit einem gefüllten Tonbecher in der Hand und hätschelte Farkas mit der freien Linken durch das dichte Kopfhaar. Der Mann zuckte heftig zusammen und fluchte zischend. »Lügner«, spottete Vesa und schenkte ihm ein breites Schmunzeln, als er ihr schließlich das Gesicht zuwandte. Die freie Hand nun auf seiner muskulösen Schulter ruhend, leerte sie ihr Trinkgefäß und reichte es ihm. »Trink mehr Wasser.«
Er nahm ihr den Becher in einer ruckartigen Bewegung ab. »Ja, Mutter!«
Sie feixte. »Ich gehe mich für die Übungen heute umziehen. Wenn unser Blondchen auftaucht, sag ihm er soll auf der Terrasse auf mich warten.«
»Alles klar.«
»Gute Besserung.« Er nickte nur und sie überließ den verkaterten Nord sich selbst. Leichtfüßig kehrte sie auf ihr Zimmer zurück. Leichtes Summen im Bauch, die Vorfreude auf eine neue Aufgabe und vernünftige, sicherlich unterhaltsame Arbeit, trieb sie an. Es übertünchte sogar zu Teilen ihre dumpfen Kopfschmerzen und vertrieb den letzten Rest der Mattheit in ihren Gliedern. Zum ersten Mal seit Wochen – nein, Monaten – völlig gelassen, nahm sie sich eine braune, gefütterte Stoffhose, eine etwas dickere, langärmlige Tunika in hellerem Braun und ihre hohen Wildlederstiefel. Das Umkleiden dauerte nicht lange. Zum Schluss band sich Vesana nur noch ihren Gürtel um die Hüfte und zähmte die nach den langen Wochen auf Reisen inzwischen überwiegend brustlangen, oder etwas längeren, Haare in einen Pferdeschwanz.
So besser gegen das widrige Wetter über Weißlauf gerüstet, verschwand sie noch kurz in der Waffenkammer und schnappte sich zwei hölzerne Übungsschwerter mitsamt ledernen Scheiden. Eines zurrte sie auf dem Rücken fest, das andere nahm sie so in die Hand. Farkas saß noch immer am Tisch und setzte gerade den Tonkrug mit dem Wasser darin direkt an die Lippen und goss sich gar nicht erst in den kleineren Becher ein. Die Kaiserliche unterdrückte ein Lachen und schmunzelte lediglich, ohne ihn anzusprechen. Er bemerkte sie dennoch ob ihrer schwereren Schritte und des Knirschens ihrer vom Waschen vorrübergehend steifer gewordenen Stiefel. »So gefällst Du mir schon besser«, lächelte er ihr zu, wenngleich es noch eher gequält wirkte. »Olen wartet draußen auf Dich. Pünktlich der Kerl, muss man ihm lassen.«
Kurz darauf stand sie auch schon auf der Terrasse und erblickte den blonden Nord am oberen Ende der Treppe zum Übungsplatz. Er lehnte an dem Pfeiler, mit dem Rücken zu Jorrvaskr, und hielt die Arme wohl vor der Brust verschränkt. Als die dicke Holztür des Gildenhauses ins Schloss fiel, fuhr ein kräftiges Zucken durch seinen Leib und er drehte sich um. »Guten Morgen«, grüßte er und wirkte dabei ausgesprochen müde. Die letzten Tage des Übens mussten ihn ziemlich mitgenommen haben, das stand fest, aber die Tatsache, dass er noch immer hier aufkreuzte, sprach für seinen Willen.
»Guten Morgen«, erwiderte sie und kam auf ihn zu. Im Vorbeigehen, nur einen sehr kurzen Blick in seine von Ringen unterstrichenen Augen werfend, presste sie ihm das zweite Übungsschwert gegen den Leib bis er es festhielt und verließ anschließend die erhöht liegende Terrasse. »Ich nehme an, Athis hat inzwischen so einiges an Kraft- und Ausdauerübungen mit Dir durchgezogen?« Mitten auf dem Platz blieb sie stehen und wandte sich ihm zu. Noch unbeholfen band er sich die Holzwaffe an den Gürtel, dann folgte er mit langsamen Schritten.
»Ja, hat er«, entgegnete Olen und hielt in respektvollem Abstand inne. Immerhin diese Praktik, die vor Übungskämpfen abgehalten wurde, schien sich schon bei ihm eingeschliffen zu haben. Allerdings würden sie nicht kämpfen. Nicht, wenn sie es verhindern konnte, zumindest.
»Gut, gut. Geschicklichkeitsübungen?«
Der Nord überlegte kurz, schüttelte dann aber das Haupt, dass ihm der blonde, zurückgebundene Schopf links und rechts über die Schultern strich. »Nein.«
»Dann werden wir heute ein Spiel spielen.« Die Fragezeichen ließen sich deutlich auf seinem müden Gesicht ablesen. Die Augenbrauen hoch- und zusammengezogen schien es, als wollte er direkt nachfragen, was sie meinte, doch verkniff er es sich wohl im letzten Moment und schloss den leicht geöffneten Mund. Wenn es um ungeduldige, vorschnelle Nachfragen ging, konnte Athis durchaus sehr deutliche Lektionen erteilen. »Ich bin sicher, dass Du als Kind oft Fangen gespielt hast, oder nicht?« Olen nickte. »Das werden wir heute auch. Nur etwas anspruchsvoller für Körper und Köpfchen.« Die Hände auf dem Gesäß verschränkend, spielte sie dort mit der Spitze der Schwertscheide und näherte sich dem Nord. »Und ich würde sagen, Du wirst schnell sehen, worum es geht, während wir es spielen.«
Kein Lächeln, keine freundliche Geste. Stattdessen boxte sie ihm unvermittelt aus der Deckung ihrer Körperseite heraus kraftvoll gegen die Schulter. »Du bist dran.« Damit rannte sie auch schon los und vor dem völlig verdutzt dreinblickenden Olen davon. Es dauerte einige Herzschläge, bis er sich fasste, dann hörte sie seine schweren Schritte in einigem Abstand hinter sich.
Schnell umrundete sie das Gildenhaus bis zum Vordereingang, rannte an der Treppe zum Stadtinneren vorbei und kehrte nochmal auf den Platz hinter der Halle zurück. Ein kurzer Blick über die Schulter verriet ihr, dass sie Olen auf dem gewünschten Abstand hielt und spurtete dann mit Blick nach vorn weiter. Die kalte Luft brannte in den Lungen, die ersten dicken Schweißperlen bahnten sich ihren Weg aus ihrer Haut und heiß pochte das Herz in der Brust. Doch anstatt es als unangenehm zu empfinden, genoss sie die Anstrengung, wohl wissend, dass ihr trotz der langanhaltenden, schweren Verletzung noch immer die gesteigerte Ausdauer des Wolfes und des Zeichens der Fürstin innewohnten. Ein Vorteil, den Olen nicht kannte, aber das brauchte er auch nicht.
Die Treppe zur Himmelsschmiede kam in Sicht. Anstatt jedoch abermals nach links und somit in Richtung Haupteingang Jorrvaskrs abzubiegen, hielt Vesana direkt auf die Steinmauer zu, die das Gelände der Gefährten vom Rest der Stadt trennte. Ein beherzter Tritt gegen einen der groben Steine, die Hände schnell auf dem oberen Ende des Walls aufsetzend und sich mit den Fingern festkrallend, schwang sich die Kaiserliche über sie hinweg. Auf dem abschüssigen Gras dahinter kam sie trotz der feuchten Erde sicher auf die Füße und setzte ihren Weg fort. Ein schneller Tritt auf die zweite, niedrige Mauer am unteren Ende des Hanges und kurz darauf fand sie sich auch schon mitten auf dem Platz um den Güldengrünbaum wieder. Einen Moment verschnaufend, die Blicke der wenigen Menschen, die im stürmischen Wetter ihren Wegen nachgingen ignorierend, sah sie sich nach Olen um. Der blonde Schopf strahlte ihr noch von der höheren Mauer entgegen, wo sich der Mann gerade erst auf die Füße hinabließ und direkt ausrutschte.
Vesa verzog der Anblick die Mundwinkel zu einem süffisanten Schmunzeln. Stolpernd überwand ihr Auszubildender derweil die zweite Mauer und trat mit auf den Platz. Auf die Knie gestützt keuchte er sich vor ihr die Seele aus dem Leib, das Gesicht feuerrot vibrierte sein kompletter Leib. Auch sie atmete schwer und spürte selbst, dass sie zu lange derlei Übungen hatte missen müssen. Aber vor ihm durfte – und würde – sie dies nicht offen zeigen. »Das … ist … kein … ge- … rech- … tes … Spiel«, murrte er zwischen seinen Atemzügen.
Völlig ansatzlos trat sie auf ihn zu, hieb ihm anschließend das Schienbein von innen gegen ein Knie und noch in derselben Bewegung zückte sie das Holzschwert, das gleich darauf mit der flachen Seite gegen seine Stirn knallte. Schmerzerfüllt stöhnend fiel er nach hinten um. »In einem richtigen Kampf geht es nicht um Gerechtigkeit«, fuhr sie ihn an und verstaute ihre Waffe zurück auf dem Rücken. »Das einzige, das dort über Deinen Sieg oder Tod bestimmt, ist Dein Können. Deine Gegner werden sich alles zunutze machen, was sie in die Finger kriegen, um Dich zu bezwingen. Das Gelände kann Dein bester Freund oder Dein schlimmster Feind sein. Je sicherer Du es Dir zunutze machen kannst, desto höher stehen Deine Chancen auf den Sieg«, erklärte sie etwas milder, aber noch immer nachdrücklich. »Und je schneller Du das kapierst, desto besser für Dich.«
»Geschick mit dem Schwert hilft auch. Wann üben wir das?«, entgegnete er und setzte sich auf.
Vesana beugte sich näher zu ihm hinab. »Wie willst Du ein Schwert geschickt im Kampf schwingen, wenn Du bei jedem zweiten Schritt über Deine eigenen Füße stolperst?« Eine Augenbraue hochgezogen starrte sie ihn einen Moment lang schweigend an und beobachtete mit großem Genuss, wie die Worte in seine sich langsam weitenden Pupillen einsanken. Für die Dauer eines Blinzelns lächelte sie, dann wurde sie ernst und schlug ihm die geballte Faust gegen die andere Schulter. »Du bist noch immer dran.« Schnell, bevor er sich von der Überraschung erholen konnte, brachte sie sich auf Abstand und spurtete anschließend, wenn auch etwas langsamer als zuvor, tiefer in die Stadt hinein.


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Bahaar
18.12.2014, 07:53
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Das Rennen setzte sich unverändert fort. Zwar gab Vesa Olen immer wieder die Möglichkeit aufzuschließen, aber sie war trotz ihrer geringeren Größe die eindeutig schnellere. Das lag nicht zuletzt an den Wegen, die sie einschlug. Egal ob an einer Treppe vorbei in die schmale Spalte zwischen einer Hauswand und dem Podest, zu dem die Stufen führten, nur um anschließend mit zwei, drei schnellen Schritten im Wechsel gegen den Holzbalken in der Seite des Hauses und den groben Steinen der künstlichen Erhöhung plötzlich auf dieser zu landen. Oder ob sie sich spielend über das steinerne Geländer einer Terrasse schwang und sich behände auf der anderen Seite hinabgleiten ließ. Der blonde Nord ließ sich so spielend abhängen und blieb oft fluchend zurück.
Gelegentlich spürte die Kaiserliche die ehemalige Verletzung im Fuß noch. Besonders dann, wenn sie unglücklich auftrat und den Knöchel etwas verdrehen musste oder heftig auf sehr unebenem Grund landete. Abgesehen davon jedoch schien sich ihr Körper schnell wieder an die Belastung anzupassen. Vielleicht war sie aber auch einfach besser darin geworden, das Meckern und Murren ihres Leibes auszublenden. Womöglich auch ein bisschen von Beidem Es spielte keine Rolle.
Ein schneller Blick über die Schulter verriet ihr, dass ihr Auszubildender etwas aufgeholt hatte. Gerade in der Nähe des einzigen Stadttores, etwas abseits hinter der alten Kriegsjungfer bremste sie binnen weniger Schritte zum Stillstand ab und zückte wie zu unregelmäßigen, vorherigen Anlässen das Übungsschwert. Olen kannte das Spiel bereits, doch war er noch immer zu langsam. Er versuchte, anstatt auszuweichen, weiterhin die eigene Waffe zu ziehen und ihren Hieb zu blocken – ein fataler Fehler, auf den sie ihn erst am Ende des Tages hinweisen würde, sollte er es bis dahin noch immer nicht verstanden haben. So umfasste seine Rechte gerade erst den Griff des Schwertes als ihre stumpfe Holzklinge seinen Oberarm traf und ihm danach hörbar die Luft aus den Lungen trieb. Jaulend wie ein getretener Hund stürzte er auf die nur spärlich mit Gras bewachsene, feuchte Erde nieder.
Seufzend verstaute Vesana ihre Waffe und setzte sich im Anschluss auf einen nahen, aus dem Boden ragenden Stein. Den triefenden Schweiß wischte sie sich wenigstens aus dem Gesicht und stützte das Kinn anschließend über die von der Anstrengung zitternden Finger auf die Beine. So harrte sie aus und beobachtete schwer atmend den sich windenden Nord. Er rang noch immer nach Luft, wobei es ihm bereits leichter fiel. Vielmehr schien es der zweifelsohne kräftigte Schmerz im Arm und in den Rippen zu sein, der ihn besonders plagte. Allerdings würde sich auch das bald geben.
»Verrate mir: Würdest Du lieber wieder mit Athis üben?«
Olen antwortete zunächst nicht und rollte sich stattdessen auf den Bauch. Als bestünden seine Glieder aus Blei stützte er sich auf die Knie hoch, harrte einen Moment mit den Händen gegen den Grund gepresst aus und richtete sich erst danach richtig auf, nur um gleich im Anschluss mit dem Gesäß auf die Fersen hinabzusinken. »Nein«, keuchte er und schüttelte mit geschlossenen Augen den Kopf. Vesa rang es ein Lächeln ab, kein überraschtes, aber ein verstehendes.
»Dann sollten wir die Pause nicht allzu lang werden lassen.«
Das Blondchen nickte heftig und hob gleichzeitig beide Hände zur Beschwichtigung. »Einen … Moment … bitte.«
»Einen kurzen.«
»Gut … genug.« Inzwischen streckte Olen die Beine durch und setzte sich direkt auf die Erde. Aus seinen dunklen Augen heraus musterte er sie. »Vesana, richtig?«, wollte er nach einigen deutlichen Atemzügen wissen.
Zunächst verdutzt fiel ihr erst danach ein, dass sie sich nie selbst vorgestellt hatte – nicht, dass es etwas änderte, aber wenigstens erschien es ihr angebracht, das nachzuholen. »Ja.«
»Sehr … erfreut.«
Ruckartig stand sie auf und warf ihm einen ausdruckslosen Blick zu. »Die Pause scheint lange genug gewesen zu sein. Aufstehen.«
Augenrollend kam der Nord ihrer Aufforderung nach, doch da war sie schon wieder fort. Auch wenn es ihr selbst zunehmend schwerer fiel, die Geschwindigkeit zu halten und ihr gelegentlich die Sicht verschwamm, aufhören wollte sie gewiss nicht. Die in ihren Lungen tanzenden, glühenden Dolche verhinderten zwar immer mehr, festzustellen, ob sie tatsächlich Olen ausbildete oder womöglich doch eher sich selbst züchtigte, aber letztlich machte es keinen Unterschied, kam es doch auf dasselbe hinaus.
Die Menschen, die sich trotz des Windes und der kühler werdenden Luft auf den Straßen aufhielten, sprangen gelegentlich empört zur Seite und riefen ihnen kaum verständliche Flüche nach. An Vesana blitzten sie damit jedoch ab. Weder war es eine Seltenheit, noch störten sie mit ihrer Übung jemanden ernsthaft. Von den Hauptstraßen der Stadt hielten sie sich allemal weitestgehend fern. So blieb ihnen überhaupt erst richtig Raum. Dennoch bog die Jägerin vorrübergehend auf eine etwas längere, gerade Gasse ein und drosselte ihre Schrittfrequenz marginal, dass es dem sie verfolgenden Nord kaum auffallen dürfte, auch wenn er sie plötzlich schneller einzuholen begann. Einholen würde er sie ohnehin auf gerader Linie, sie half ihm nur etwas auf die Sprünge. Zwei weitere Lektionen standen für ihn auf dem Programm der Kaiserlichen.
Es dauerte auch nicht sehr lange, bis sie seine schweren, stampfenden Schritte direkt hinter sich wahrnahm und seinen heißen, feuchten Atem beinahe in ihrem Nacken zu spüren glaubte, während ihr langer Pferdeschwanz wild hin und her schlug als versuchte er ihn wegzufächern. Kurz darauf schlug ihr etwas kräftig gegen die linke Schulter und brachte sie ins Taumeln, provozierte ein Stolpern, das sie nur durch starkes Abbremsen unter Kontrolle bekam. Olen blickte im Rennen zu ihr hinüber, hielt jedoch nicht an und so drehte sich der Spieß das erste Mal um. Obwohl hierin gerade schon die erste Lektion für den Nord bestanden hatte, bezweifelte die Kaiserliche, dass er sie bemerkt hatte.
Ohne noch länger zu verharren nahm Vesa die Verfolgung auf. Zunächst spurtete sie hinter dem Nord her, allein aus Neugierde, welche Wege er einschlug, immerhin kannte er sich hier nicht aus – und genau darin würde seine letzte Lektion vor der Mittagspause bestehen. Anstatt ihm nach einem plötzlichen Haken direkt zu folgen spurtete sie gerade aus weiter. Zwei Häuser später – unmittelbar vor der inneren Stadtmauer, die die tieferliegenden Handelsviertel von den höheren trennte – schoss Olen aus der Gasse zwischen Haus und Wall hervor. Darum wissend, dass aus der Gasse, die der Nord genommen hatte, nur dieser Weg hinausführte, war die Kaiserliche vorbereitet und rechtzeitig ebenfalls dort angelangt. Das Holzschwert im Rennen gezückt hieb sie ihm tief gegen die Beine. Völlig überrumpelt und im Entsetzen schrie der Mann auf. Vom eigenen Schwung getrieben flog er einen Herzschlag lang durch die Luft bevor er dumpf auf dem harten Boden aus Erde und groben Pflastersteinen aufschlug.
Vesana taumelte selbst noch gegen die Stadtmauer, fing sich jedoch schnell. Keuchend lehnte sie sich gegen den feuchten Stein und verstauchte das Schwert in der Scheide. Tiefes, schmerzverzerrtes Stöhnen schwappte über das Pfeifen eisiger Böen zu ihren Ohren hinauf. Olen rollte sich zunächst auf den Rücken, dann auf die Seite, und rieb sich erst die deutlich aufgeschürften Unterarme und umklammerte anschließend die Beine. Gelegentlich wandelte sich sein klägliches Jammern zu langsamem Heulen. Etwas mitleiderregend sah er schon aus, wie er sich dort zu ihren Füßen im Dreck wandte – aber andererseits war er genau deswegen hier. Sollte er unter ihrer Anleitung nur ruhig noch unzählige Male mehr so daliegen. Besser jetzt als später mit der Spitze des Schwertes eines Banditen auf der Brust.
»Steh auf«, wies sie ihn an, als sich ihr Auszubildender allmählich beruhigte. Er spurte nicht sofort. »Steh auf!«, wiederholte sie nachdrücklicher und stieß sich von der inneren Stadtmauer ab. Träge robbte er zu dieser hinüber und nutzte die groben Steine und die Spalten zwischen ihnen, um sich hochzuziehen. Wankend kam er zum Stehen. Keine ernsthaften Verletzungen – wie erwartet, aber dennoch eine erleichternde Gewissheit und so atmete Vesa kurz durch.
»Scheiße … das tat richtig weh«, fluchte er.
»Lerne daraus«, konterte sie. »Und genau dafür gibt es jetzt erst einmal eine Pause.«
Kurz blieben sie voreinander stehen, er starrte sie unverhohlen an und schien in ihrem sicherlich angestrengten, schweißverklebten, aber ansonsten ausdruckslosen Gesicht nach Gefühlsregungen zu suchen. Sie würde ihm den Gefallen nicht schenken und ihm offen zeigen, dass sie sich fühlte als hätte ihr ein wütender Bauer seine Mistgabel durch die Brust gerammt. Ganz zu schweigen von den heiß in den Schläfen pulsierenden Adern, durch die ihr Herz unaufhörlich und in hohem Takt kochendes Blut presste. »Bis wann ist Pause?«, fragte Olen schließlich.
»Geh essen und trinken, ruhe Dich etwas am Feuer aus und komme dann zurück nach Jorrvaskr. Ich werde da sein«, erklärte Vesa. »Und denke über das bisher Geschehene nach. Wenn wir uns nachher wiedersehen, will ich wissen ob – und wenn was – Du daraus gelernt hast.«
»Außer, dass es zukünftig noch schmerzhafter werden könnte?«
Die Kaiserliche kommentierte es nicht, schüttelte nur kaum merklich mit dem Kopf, und ließ den Nord einfach stehen. Seine ironischen Kommentare würde sie ihm schon noch austreiben. Eigentlich hatte sie überlegt, ihm im Zweifel bei den Lehren aus dem heutigen Rennen auf die Sprünge zu helfen, aber vielleicht würde sie das noch einen Tag aufschieben und sehen, ob eine unkommentierte Wiederholung des Ganzen fruchtete. »Vermutlich nicht«, murmelte sie zu sich selbst und erklomm schwerfüßig die Stufen hinauf zur Halle der Gefährten.
Von der Kälte spürte sie zwar in diesen Momenten nichts, aber der Kontrast zum warmen Innern des Gildenhauses fiel dann auch ihr auf. Vilkas saß für sich am langen Tisch, Athis und Brill nebeneinander, aber am anderen Ende, und einige der anderen Mitglieder verteilten sich in die zwielichtigen Randbereiche der Halle – entweder allein oder in Paaren. Niemand schenkte der Kaiserlichen sonderlich Beachtung, als sie eintrat und sich anschließend gegen das dicke Holz der Pforte lehnte, um den pfeifenden, schneidenden Wind von draußen auszusperren. Im Vorbeigehen schnappte sie sich einen Apfel von einem Tablett, warf Athis, der sie zunächst gar nicht bemerkte, einen flüchtigen Blick zu und gesellte sich dann zu Vilkas.
»Wie schlägt er sich?«
»Im Moment frisst er noch reichlich Dreck, aber er ist starrköpfig wie alle Nord«, erwiderte Vesa und bis in die von der Lagerung inzwischen mehlig gewordene Frucht. Es störte sie nicht weiter, süß und verglichen mit den sonstigen Speisen Himmelsrands recht exotisch schmeckend genoss sie es. Lachend reichte ihr das befreundete Zirkelmitglied einen Krug mit Wasser.
»Er kneift also nicht?«, mischte sich unvermittelt der Dunmer vom langen Ende des Tisches in ihr Gespräch ein.
»Noch nicht, nein. Aber ich glaube ihm dämmert, dass ihm noch so manche schmerzhafte Lektion bevorsteht«, erklärte sie. »Einige davon vermutlich doppelt oder dreifach, wenn er sie weiterhin so großzügig übersieht.« Vilkas und Brill lachten leise auf, Athis schnaufte – was bei ihm wohl auch so etwas wie ein Lachen sein mochte. Sicher war sich die Jägerin nicht.
»Er wird’s schon überleben«, meinte Vilkas.
»Das mit Sicherheit.« Der Dunkelelf widmete sich nach ihren Worten dem Mittagessen und redete gelegentlich leise mit Brill. »Es fühlt sich gut an, wieder eine Aufgabe zu haben«, sprach Vesa gedämpft an den Nord an ihrer Seite gewandt.
»Ich kann’s mit einigermaßen vorstellen.« Er lächelte mild. »Freut mich, dass Du endlich richtig zurück bist.«
Sie erwiderte das Lächeln. »Mich auch.« Zwar wussten sie beide, dass nichts wie früher war, auch nie mehr sein würde, aber das zählte gerade nicht.
»Was hast Du heute mit dem Blondchen alles gemacht?«
»Fangen gespielt.«
Vilkas verzog das Gesicht als könne er den Schmerz, den Olen bislang wegen seiner Ausbilderin empfunden haben musste, mitfühlen. »Du bist wirklich nicht zimperlich.«
»Warum auch?«, konterte sie. Der Nord nickte still. »Ist ja nicht so, dass ich ihn zum Spaß ausbilde.«
»Wohl wahr. Er scheint ja auch robust zu sein.«
»Das ist er. Ich will ihm ja auch nichts brechen.«
Ihr Freund lachte leise. »Bist Du Dir da sicher?«
Gespielt nachdenklich legte sie die Linke ans Kinn und stierte kurz zur Decke hinauf. »Hmm … Vielleicht nicht vollkommen, aber ziemlich.« Fettes Grinsen trat auf Vilkas raue Lippen. Sie schmunzelte und bestrich sich endlich eine Scheibe Brot mit Blutwurst.
»Was wirst Du nach der Pause mit ihm anstellen?«
»Ich denke, für die Ausdauer und das Geschick mit den Füßen haben wir heute genug getan«, überlegte sie laut. »Gleichgewichtsübungen würden ihm sicherlich guttun. Aber das kommt etwas darauf an, in welcher Verfassung er sich befindet, wenn er hier aufschlägt.« Vilkas nickte lediglich und schenkte sich aus dem Krug Wasser ein.
»Wie geht’s Farkas?«, schwenkte Vesa auf ein anderes Thema um.
»Gut, denke ich. Zumindest prügelt er hinten kräftig auf eine Übungspuppe ein – ich glaube, das ist ein gutes Zeichen«, erwiderte der Nord und brachte Vesa zum Feixen. Typisch Farkas. Immer in Bewegung.
»Ja, ich glaube auch«, bestätigte sie und biss vom Brot ab. Im Hintergrund trat wieder jemand in die Halle der Gefährten ein. Davon ausgehend, dass es Olen sein musste, schaute sie gar nicht erst auf. Aber er war erstaunlich früh dran. »Wie man richtig trinkt, solltest Du Deinem Bru-«
»Oh, Scheiße«, unterbrach sie Vilkas. Alarmiert schaute sie erst zu ihm, bemerkte aber, dass es nichts mit ihm zu tun hatte und folgte anschließend seinem eingefrorenen Blick zum Haupteingang des Gildenhauses. Zwei Männer in schweren Plattenrüstungen und dem Wappen des Fürsten von Weißlauf auf einem über der Brust hängenden Banner standen dort. Lange, lederumwickelte Schwertgriffe ragten über ihre stählernen Schultern und hinter den von glänzenden Vollhelmen verhüllten Köpfen auf.
»Scheiße«, entfuhr es auch Vesa, als sich ihr Herz in die Kniekehlen verzog und die Eingeweide auf dem Weg unangenehm verwirbelte. Nicht einmal der empfundene Fausthieb in die Magengrube provozierte bei ihr noch eine Regung. »Nicht schon wieder.«
Einer der Gardisten aus der Drachenfeste nahm derweil seinen Helm ab und entblößte das selbst auf diese Entfernt gekerbt wirkende, harte Gesicht. Sie kannte es bereits, ebenso wie die bis auf die Wangen fallenden, graumelierten Haare und das glattrasierte Kinn. »Ich dachte, die Sache wäre erledigt gewesen?«, wunderte sich Vilkas und aus dem Augenwinkel heraus bemerkte Vesana, wie er ihr das Haupt zuwandte. Sie h